Stockhausen - das Feindbild des Spießers (?)

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    • Hier was ähnliches - es stammt von Satie, der mittlerweile dem "kleinen" Klassikforum vorsteht:
      . In den 80ern hatte Stockhausen am Konservatorium Winterthur eine Studienwoche zu seinen Werken. Oft gab es auch Diskussions- und Frage-Stunden. Das sah dann so aus, dass Stockhausen in weissem Gewand in der Mitte der Bühne sass, flankiert von seinen beiden (!) Frauen.
      Mit anwesend war auch der Komponist Hans Wüthrich, den man als das exakte Gegenteil von Stockhausen bezeichnen könnte. Ein durch und durch erdiger Kerl. Wüthrich fragt Stockhausen: "Woher haben Sie eigentlich Ihre Inspirationen?" Stockhausen: "Mir wird alles direkt vom Planeten Sirius eingegeben!" Nach einem kurzen Moment Stille kann Wüthrich sich nicht mehr beherrschen und muss aus vollem Hals lachen: "Haha...vom Sirius...ha....ha..." Stockhausen, der da gar keinen Humor kennt, läuft vor Zorn rot an, steht auf und brüllt:"Also, eins sage ich Ihnen jetzt, Herr Wüthrich, wenn Sie eines Tages am Sirius vorbeikommen und ich bin da, dann sage ich: raus, Herr Wüthrich, raus!!!"
      Eigentlich hätte alles schallend gelacht, aber die Situation war so erdrückend, dass nur minutenlanges Schweigen herrschte. Ist das nun eine traurige oder eine listige Geschichte?

      Euer Dschuang-tse
      Quelle: You-Know-Who.at... ;+)
      zwischen nichtton und weißem rauschen
    • Edwin schrieb:

      Was sich ja dann auch in der autobiographischen Mehrtagsoper "Licht" niederschlägt. Wer sich selbst für einen Gott hält, hat als Sohn natürlich einen Engel...
      Den Satz verstehe ich nicht. Bezieht der sich auf die Oper "Licht" (deren Inhalt ich nicht kenne) oder ganz real auf seinen Sohn Markus?

      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Es bezieht sich darauf, daß Stockhausen seinen Sohn Markus in "Licht" als trompetenden Engel auftreten läßt - der Ego-Kult mit "heiliger Familie" ist so unaussprechlich widerlich, daß sich dagegen Strauss' "Intermezzo" wie eine trocken objektive Bilanz des eigenen Lebens ausnimmt.
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Edwin schrieb:

      Es bezieht sich darauf, daß Stockhausen seinen Sohn Markus in "Licht" als trompetenden Engel auftreten läßt - der Ego-Kult mit "heiliger Familie" ist so unaussprechlich widerlich, daß sich dagegen Strauss' "Intermezzo" wie eine trocken objektive Bilanz des eigenen Lebens ausnimmt.
      Danke, lieber Edwin. Ist denn der Sohn nun eher unfreiwilliges Objekt im väterlichen Kult oder führt er diesen auch weiter? Ich kenne Markus Stockhausen eigentlich als passablen Jazzmusiker, der in vielen Zusammenhängen im europäischen Jazz vertreten war. Bei wikipedia erfahre ich nun, dass er ein Zentrum für Intuitive Musik gegründet hat und Yoga für Musiker lehrt. Ich persönlich habe mit so einem Kram zwar meine Probleme, weiß aber nicht, ob das mit dem Sirius-Unfug gleichzusetzen ist?

      LG
      C.
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    • Lieber Carsten,
      Markus, der ein fabelhafter Musiker ist, ist natürlich ein Kind der Stockommune. Seine Abnabelung ist nicht vollständig erfolgt, er dürfte aber das esoterische Brimborium seines vaters nicht nachvollziehen. "Intuitive Musik" und Yoga sind ja nichts Schlechtes, nicht einmal etwas Seltsames. Ich gebe aber zu, über Markus Stockhausen so wenig zu wissen, daß ich nicht beurteilen kann, ob und inwieweit er sich mit den Ideen seines Vaters identifiziert.
      :wink:
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    • Edwin schrieb:

      Es bezieht sich darauf, daß Stockhausen seinen Sohn Markus in "Licht" als trompetenden Engel auftreten läßt - der Ego-Kult mit "heiliger Familie" ist so unaussprechlich widerlich, daß sich dagegen Strauss' "Intermezzo" wie eine trocken objektive Bilanz des eigenen Lebens ausnimmt.
      :wink:

      Dazu hätte ich auch eine Verständnisfrage (ich kenne "Licht" noch nicht sehr gut). Es gibt doch auch Aufführungen, in denen die Michael-Figur nicht von Markus Stockhausen verkörpert wird, oder? Ich würde es nämlich eher als Koinzidenz sehen, daß Stockhausen hier den eigenen Sohn trompeten läßt, da er ihm musikalisch vertraut. Welchen Hinweis gibt es, daß die Analogie der Familie Stockhausen (Karlheinz-Markus) auf die Relation Gott-Michael in dieser Form wirklich von Stockhausen intendiert war?

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Es bezieht sich darauf, daß Stockhausen seinen Sohn Markus in "Licht" als trompetenden Engel auftreten läßt - der Ego-Kult mit "heiliger Familie" ist so unaussprechlich widerlich, daß sich dagegen Strauss' "Intermezzo" wie eine trocken objektive Bilanz des eigenen Lebens ausnimmt
      wäre doch eher was für den Eben-Gelacht-Thread :thumbsup:
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Vielen Dank, liebe Chris, für den Hinweis auf die Webseite von Herbert Henck, die noch jede Menge anderer hochinteressanter Texte enthält. Die Aufzeichnungen von den Darmstädter Ferienkursen 1974, an denen er als Assistent seines Lehrers Aloys Kontarsky (nicht Stockhausens) teilnahm, sind in ihrer ungefilterten, direkten Art überaus spannend zu lesen! Außer Stockhausen kommen auch Wolfgang Rihm (mit dem Henck in den Seminaren meist kichernd in der letzten Reihe sitzt), Claude Vivier, Mauricio Kagel und viele andere vor.
    • Symbol schrieb:

      Welchen Hinweis gibt es, daß die Analogie der Familie Stockhausen (Karlheinz-Markus) auf die Relation Gott-Michael in dieser Form wirklich von Stockhausen intendiert war?


      "Hinweis" und "Beweis" gibt es keinen - zumindest keinen mir bekannten. Wenn allerdings andere Figuren gemeint wären als die "heilige Familie" Stockhausen, würde es mich sehr wundern. Zumindest kenne ich niemanden, der etwas Anderes annähme.
      :wink:
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    • Einige Informationen zum Inhalt von "Licht " kann man schon der Wikipedia entnehmen, so zum Donnerstag Demnach verarbeitet Stockhausen hier Episoden aus der eigenen Biographie.
      Eine größere Rolle bei der Komposition Licht spielten sicher auch Suzanne Stephens und Kathinka Pasveer, heute Vorsitzende der Stockhausen-Stiftung, die viele Solopartien in Stockhausens Werken spielte.

      lg vom eifelplatz, Chris.
    • Edwin schrieb:

      Zitat von »Symbol«
      Welchen Hinweis gibt es, daß die Analogie der Familie Stockhausen (Karlheinz-Markus) auf die Relation Gott-Michael in dieser Form wirklich von Stockhausen intendiert war?


      "Hinweis" und "Beweis" gibt es keinen - zumindest keinen mir bekannten. Wenn allerdings andere Figuren gemeint wären als die "heilige Familie" Stockhausen, würde es mich sehr wundern.


      Neben Markus Stockhausen und Kathinka Pasveer sind auch noch weiteren Clanmitgliedern Rollen auf den Leib geschrieben, so auch Tochter Majella (Piano u.a.) und Sohn Simon Stockhausen (Sax), angeblich mit vielen Insider-Jokes. Ich frage mich deswegen doch auch, wie ernst das alles ist? Völlig ernst war sicher das Sendungsbewußtsein - musikalisch, wie "spirituell" - gemeint, aber auch die Licht-Story im einzelnen, quasi wörtlich, - und der Sirius-Mythos? Oder eher als auch übertragen lesbarers Spiel, wie es etwa auch machen Richtungen des Buddismus nicht fremd ist? Bzw., diese beiden Möglichkeiten bewußt in der Schwebe haltend?
      Wie auch immer, tief in sehr merkwürdiger Esoterik mit autoritären Zügen steckend, zumindest zeitweilig verbunden mit einer sehr dubiosen Hippie-Eso-Sekte und selbst stark sektenhafte Züge tragend, war und ist das alles schon und mir insofern ganz ähnlich suspekt wie Edwin. Wie weit gläubig oder als Weihespiel die Kinder das fortsetzen, ist wohl ebenfalls nicht genau zu sagen. Mir scheint, sie jedenfalls halten das bewußt in der Schwebe. Jedenfalls sind alle drei gute Musiker zwischen Jazz und Neuer Musik.

      Neben solchen Stockhausen-Auftritten, wie Edwin und Satie sie beschrieben haben, sind mir übrigens auch ganz andere bekannt, in denen Stockhausen bereitwillig und geduldig völlig unkundigen, mehr oder weniger verirrten Hörern Auskünfte erteilte oder ernsthafte und weitgehend verständliche Erklärungen und Diskussionbeiträge unter Kollegen oder gegenüber Musikwissenschaftlern, die er schätzte, gab. Deswegen hatte ich hier bewußt die wirklich brauchbaren Gespräche mit Frisius genannt, aber nicht auf die eigenen "Texte zur Musik" verwiesen, die schon eine Art 'eingeweites Schauen' des Schülers gegenüber dem raunenden Guru verlangen, was mir nicht so liegt. :D

      Eine weitere Facette ist, dass sich einige frühere Mitarbeiter sehr scharf kritisch über Stockhausen ausgelassen haben, besonders Cornelius Cardew, dessen Mitarbeit bei "Carré" und anderem schon sehr weit ging, so dass sich die Frage der Mitautorschaft stellte, die sich dann ebenso auch bei Stücken mit starkem Improvisationsanteil stellte. Solche Ausbeutungsvorwürfe wurden noch verstärkt und verbalradikal politisiert, in dem Maße, wie sich das musikalische Hippie-Millieu einerseits in die Esoterik-Richtungen, andererseits in die linksradikalen, meist Improvisationsrichtungen aufspaltete. Cardew sprach schließlich von Stockhausen als einem der letzten "Vertreter des musikalischen Imperialismus", dessen "Verkommenheit" in Esoterik den "Fäulnißprozeß" "spätbürgerlicher" Kultur repräsentiere und die Fluxus-Künstler gingen zu Störungen und Belagerungen von Stockhausen-Aufführungen über, z.B. mit Slogans wie 1964 von Henry Flynt: "Stockhausen - pariarchaler 'Theoretiker' weisser Überlegenheit: Fahr zur Hölle!"

      :wink: Matthias
    • ...auch in Ligetis Autobiographie (?) kommt Kalle S. (letztlich zumindest - ist einige Jährchen her, seit ich sie mir mal ausgeliehen hatte) nicht sonderlich sympathisch daher... ...Uns-György war mal bei Stockhausens zu Gast, und als ein heftiges Gewitter anhob, bat Kalle Ligeti wie einen Schuljungen ans Fenster, um ihm ungefragt "das Wetter zu erklären"...

      hab übr. mal im Umfeld des "Düsseldorfer Obertonchor.s" einige Monate mitgesungen (dessen Leiter (ich meine bis hier und heute?) Christian Bollmann dürfte zum erweiterten Kreis der Stockhausen-Gemeinde zumindest gehört haben) - menschlich und musikalisch nicht uninteressante, aber doch auch sehr ambivalente Erfahrungen... ...hatte mich gar zur Mitwirkung an einem Konzert in der D.dorfer "Lambertus-Kirche" breitschlagen lassen - heute noch (dabei wird.s bald 20 Jahre her sein!!) schäm ich mich immer wieder ein bißchen, wenn ich mal wieder an St.Lambertus vorbeilaufe...

      In den beiden Pausen der von mir besuchten "St.Francois"-Aufführung (seinerzeit im Rahmen der 1.Ruhrtriennale) ist mir der Meister selbst jeweils im Foyer vermutlich entgegengekommen: Er machte einen unglücklichen Eindruck auf mich - wirkte jedenfalls keineswegs wie jemand, der tief dankbar dafür ist, gerade große Musik erleben zu dürfen...

      alfred edison mstislav :P
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • Ich möchte diesen Thread gerne "nach oben holen", um auf ein paar alte Fernsehsendungen zu Stockhausen zu verweisen, die man nunmehr auf youtube ansehen kann.

      Da hätten wir zum einen eine Dokumentation von 1973 ("Trans und so weiter") über den Meister und sein Umfeld:

      "http://www.youtube.com/watch?v=WxKTjAWQH9s"

      Das ist schon ein historisches Dokument, mit Mary Bauermeister als (Noch-)Ehefrau und Simon als kleinem Knirps...

      Dann wäre da noch eine Fernsehproduktion (geschätzt aus den 1980er Jahren - Nachtrag: im Nachspann steht "c 1991") einer Szene aus "Donnerstag aus Licht", nämlich "Examen":

      "http://www.youtube.com/watch?v=W6dLUamzy08"

      In dieses Werk habe ich erst flüchtig reingehört, aber der erste Eindruck ist zwiespältig. Natürlich gelingen dem großen Komponisten Stockhausen auch hier musikalisch bemerkenswerte Momente, aber das "Gesamtpaket" inklusive Szene wirkt dann eher, als habe Helge Schneider Regie bei "Star Trek" geführt. Ich habe kein Problem mit Stockhausens Versuch, ein großes spirituelles Werk zu schaffen (im Gegenteil), nur wirkt gerade die szenische Komponente dieses Teils aus dem "Donnerstag" in etwa so spirituell auf mich wie eine Liebesszene in der "Lindenstraße" Erotik vermittelt...

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Vielleicht noch einmal ganz kurz zur Eingangsfrage, ob Stockhausen denn nun ein "Spießer-Feindbild" war/ist oder nicht.

      Eine Besonderheit von Stockhausen ist m. E., daß er sich recht konsequent zwischen alle Stühle gesetzt hat. In den 1950er und 1960er Jahren hatte er mit Sicherheit etwas "Bürgerschreck-haftes". Kurios finde ich, daß er ab 1968, als er mit dieser Attitüde eigentlich zum Helden der Studentenbewegung etc. hätte werden können, mit seiner zunehmenden Hinwendung zum Spirituellen wiederum Verweigerung betrieb und somit letztlich so eine Art "eigene Marke" jenseits üblicher Kategorien wurde. Für die Alternativen der 1970er und 1980er Jahre war er wahrscheinlich viel zu unpolitisch, um interessant zu sein (Stockhausen lehnte politische Kunst aufgrund seiner Erfahrungen in der Nazi-Zeit strikt ab), während er für die bürgerlicheren Kreise der damaligen Zeit ein Schreckgespenst blieb. Eine wahrlich interessante Künstlerpersönlichkeit...

      LG :wink:
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