Strauss: Elektra - Oper Köln, 28.10.2010 (Premiere am 17.10.2010)

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    • Strauss: Elektra - Oper Köln, 28.10.2010 (Premiere am 17.10.2010)

      Mit Monteverdis "Poppea" (Alviano hat bereits von der Premiere am 16.10. im Gerling-Quartier berichtet) und "Elektra" im Opernhaus ist die Oper Köln in ihre erste Interims-Saison gestartet. Noch bleibt das renovierungsbedürftige Opernhaus bedingt bespielbar, den üblichen Repertoirebetrieb gibt es allerdings nicht. So wird auch die Neuproduktion von Strauss' Einakter "en bloc" gespielt.

      Im Zentrum von Matthias Schallers Bühne steht ein Lift, der drei Ebenen bedient. Ganz oben (und für den Zuschauer unsichtbar) residieren die Herrschaften, in der Mitte, auf einem von links nach rechts führenden Gang hält sich überwiegend die Dienerschaft auf, unten ist das Reich Elektras, der Ausgestoßenen. Auch ein paar blutige Leichen liegen hinterm Aufzugsschacht herum, Klytämnestras "Bräuche" werden bei ihrem Auftritt noch einige hinzufügen. Auftritte gibt es per Fahrstuhl von oben, von den beiden Seiten der Galerie sowie zusätzlich aus dem Zuschauerraum bzw. den untersten Eingangstüren zu diesem. Diese Gliederung gibt der Inszenierung eine strenge Struktur bei den Auftritten (einmal allerdings durchbrochen, als Chrysothemis bei ihrem letztem Auftritt von links im Erdgeschoß auf die Bühne kommt - nach Aegisths Tod im Aufzug hat sie keine Zeit, mit dem Lift nach unten zu kommen).

      Der gedemütigten Elektra hat man immerhin ein stylisches Designer-Ecksofa belassen, hinter dem sie bald die mumienähnliche Leiche ihres Vater hervorzieht (was ich anderthalb Stunden lang für ein Meisterwerk der Requisite gehalten habe, entpuppte sich beim Schlußapplaus als Meisterwerk der Maske - und als ein sagenhaft regungsloser Statist!). Ständig ist der tote Vater in Elektras Leben und Denken präsent, wiederholt vollzieht sie Trauerrituale mit Lichtern und Schleier, später mit Orests Mantel. Die anderen Akteure schenken der Leiche Agamemnons keine Beachtung, erst Orest wird ihm eine Blume auf die Brust legen und ihn beweinen.

      Die Kostüme (Tobias Hoheisel) sind eher zeitlos; allein die Mägde sind im ersten Auftritt nach der Entstehungszeit der Oper gekleidet. Bunt und etwas schrill Schleppenträgerin und Vertraute, Klytämnestra mit vornehmer Eleganz. Chrysothemis ganz in weiß, Elektra ganz in schwarz, der Rest irgendwo zwischen grau und schwarz.

      Die Regie von Gabriele Rech ist eher zurückhaltend und streng, was einige Ausbrüche umso stärker wirken läßt: Klytämnestras Menschenopfer, Elektras Werben um Chrysothemis' Mitwirkung am Mord, Orests weinerliche Trauer um den toten Vater, das blutige Abschlachten der Klytämnestra-treuen Dienerschaft, Elektras Wiederholung des Trauerrituals an der Leiche ihrer Mutter, vor allem aber ihr Versuch, Orest zu folgen ("Ich habe ihm das Beil nicht geben können") - sie kann den offen stehenden Aufzug nicht betreten, obwohl sie sich mit aller Macht dazu zwingen will. Rechs Regie bleibt durchaus streng an Textvorlage und Musik; so setzt sich der Aufzug gerne genau zu einem von Strauss' plakativen Motiveinsätzen in Bewegung. Ansonsten überläßt sie vieles den einzelnen Darstellern. Da bleibt auch schonmal einiger Leerlauf nicht aus (auffällig im "Duett" Elektra-Chrysothemis kurz vor Schluß), zumeist geht das Konzept aufgrund der hervorragenden Darsteller allerdings auf.

      Herausragend dabei die Klytämnestra Dalia Schaechters, die es brillant schafft, die verstörte, traumatisierte Frau und das psychopathische Monster gleichzeitig darzustellen und einen Rest mütterlicher Zärtlichkeit noch dazuzugeben. Hofmannsthals Text blendet die Vorgeschichte mit Agamemnons Mord an Klytämnestras erstem Mann und Kind sowie die Opferung Iphigenies aus; in Dalia Schaechters Darstellung konnte man etwas von den Wunden dieser Frau wiederfinden. Die Darstellung antiker Prototypen wie der Agaue in Henzes "Bassariden" oder der Iokaste in Stravinskys "Oedipus Rex" scheint Dalia Schaechter zu liegen; aber nie fand ich sie besser als an diesem Abend. Hinzu kommt, daß sie sich mit der Partie stimmlich nicht überfordert (wie des öfteren in anderen Rollen), ja, sie ihr sogar besonders zu liegen scheint. (Und kein einziger schriller Ton an diesem Abend!) Als einzige Sängerin kann man bei ihr annähernd jedes Wort auch verstehen.

      Letzteres ist bei Catherine Fosters Elektra leider anders: da geht viel verloren, geht entweder im Orchester unter, weil Fosters Stimme in der unteren Mitellage und der tiefen Lage deutlich abfällt, oder wird tatsächlich verschluckt, wo Strauss öfters mal ziemlich viele Silben auf ziemlich kleine Notenwerte setzt (evtl. ein kleines Sprachproblem der ansonsten sehr gutes Deutsch artikulierenden Engländerin?). Sie entschädigt mit einer grandiosen Silberstimme in der Höhe, wo man ihr zu keinem Zeitpunkt Mühe gegen das Orchester anhört (obwohl man ihr so manche Mühe ansieht). Mit einigem Mut zur Häßlichkeit ist sie szenisch - abgesehen vom großartigen "Duell" mit Klytämnestra - den ganzen Abend über das Zentrum der Aufführung (sie ist permanent auf der Bühne). Elektras finaler Todestanz bleibt aus - wer nur aus Rachegedanken besteht, für den bleibt nach erfüllter Rache nur noch endlose Leere übrig: diese Botschaft bring Catherine Foster in der Schlußszene eindrucksvoll an die Bühnenrampe.

      Edith Haller wird als Chrysothemis allen Anforderungen der Rolle jederzeit gerecht - eine strahlend-jugendliche Stimme mit großer Durchschlagskraft, die dennoch immer Leichtigkeit verstrahlt; eine eindrucksvolle Gesangsleistung! Die Textverständlichkeit könnte hie und da besser sein. Wunderbar auch ihre Gestaltung einer nach Sinnlichkeit und Liebe dürstenden jungen Frau, großartig gelungen die Szene zwischen ihr und Elektra, wo jene sich ihr wie eine Liebhaberin nähert, um sie zur Mitwirkung beim Mord zu verführen.

      Als Orest mit großer Stimme Samuel Youn, der aber vielleicht ein bißchen aufpassen muß, daß er sich nicht allzu sehr auf seine Stimmgewalt alleine verläßt. Keine Ausfälle auch in den Nebenrollen, bei denen Dennis Wilgenhof in der Rolle von Orests Gefährten am Ende eindrucksvoll den finsteren Metzger gibt.

      Markus Stenz dirigiert das gut aufgelegte, aber gelegentlich etwas unpräzise Gürzenich-Orchester mit zurückhaltender Verve und gelegentlichen gewaltigen Ausbrüchen; den Strauss-typischen Dauerlärm aus dem Orchestergraben gelingt es ihm einigermaßen zu vermeiden. Wieviel vom Rosenkavalier in der Musik schon steckt kommt dabei deutlich heraus, ihre (relative) Modernität kommt schon etwas weniger zum Vorschein.

      Großer und anhaltender Beifall im mäßig besetzten Haus. Eine - wie ich finde - sehr gelungene Produktion.

      Weitere Vorstellungen noch am 31.10. und 6.11.
      Bernd

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    • Hab' ich doch glatt den Aegisth dieser Aufführung vergessen! Nicht, daß René Kollo der Aufführung sonderliche Akzente gegeben hätte - aber der noch erstaunlich intakte, raumfüllende Tenor und die gelungene Gestaltung der kleinen, aber nicht unwichtigen Rolle sollte nicht unerwähnt bleiben.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Lieber Bernd,

      besten Dank für Deinen Bericht von der Kölner "Elektra". Die "Elektra" hab ich erst letztes Jahr kennengelernt und sie ist gleich zu einer meiner absoluten Lieblingsopern avanciert. Was??? Der Kollo singt noch??? Es freut mich zu hören, dass Edith Haller ihre Sache gut gemacht hat. Ich hab sie im August beim Festspiel-Public-Viewing in Bayreuth in der "Walküre" gesehen und sie war einfach hinreissend als Sieglinde! :yes:

      Beste Grüße, DiO :beatnik:
    • Danke, lieber Bernd für deine Ausführungen.

      Da ich mich mit der Klythämnestra - Rolle und Partie befasse, bin ich naturgemäß über jede Schilderung dankbar, die die Sichtweisen dieser hochkomplexen Figur und folglich, da interagierend, auch der anderen Figuren, sowie die Darstellungskomponenten ausführt.

      René Kollo habe ich heuer in der Münchner Philharmonie unter Thielemann auch als Ägisth gehört. Eine geschickt gewählte Rolle für einen älteren Sänger, gar Tenor, der noch bei Stimme ist. Da der Einsatz sehr kurz ist, kann er sich noch bestens präsentieren, ohne sich die körperlichen Strapazen seines Fachs noch antun zu müssen.

      :wink:
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)
    • René Kollo als Aegisth

      Kollo hat im letzten Jahr in Köln in Peter Eötvös' "Love and Other Demons" eine größere und ziemlich anspruchsvolle Rolle gesungen (die der Komponist wohl für ihn etwas angepaßt hat, daß es nicht mehr so arg hoch ging). Da gab es stellenweise auch weniger schöne Töne und starkes Tremolo zu hören; war aber alles in allem auch ansprechende und rollendeckende Leistung.

      Ulrica schrieb:

      Eine geschickt gewählte Rolle für einen älteren Sänger, gar Tenor, der noch bei Stimme ist. Da der Einsatz sehr kurz ist, kann er sich noch bestens präsentieren, ohne sich die körperlichen Strapazen seines Fachs noch antun zu müssen.
      So ist es. Und da die Stimme auch in der Höhe noch gut anspricht (in der Eötvös-Oper ging es deutlich höher), klang das zwar nach "alter Mann", aber keinesfalls nach "abgesungen".
      Bernd

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