Die Kunst der Transkription

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    • Ich bin der Meinung, dass je weiter wir in der Musikgeschichte zurückschreiten, desto weiter waren die Möglichkeiten für die Musiker gespannt. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war es doch oft überhaupt nicht notiert, welches Instrument die Stimme spielen sollte. Hier war vom Komponisten durchaus eine gewisse Bandbreite „miteinkomponiert“. Es wurde hier ja schon erwähnt, dass des öfteren geschaut wurde, was an Instrumentarium zur Verfügung stand.

      Was mir auffällt, ist, dass im 19. Jahrhundert immer zwingender wurde, dass Komponisten genau vorgaben, wer was mit welchem Instrument zu spielen hatte. Es macht auch heute noch Freude und manches mal diebischen Spaß in den Noten anderer Instrumentengruppen zu wildern. :whistling:

      LG
      corda vuota
    • Ich glaube auch. Das einzige Instrument mit differenzierterem Klang als die Orgel ist der Synthesizer! Dass dieser differenzierte Klang nicht immer eingesetzt wird (ich besitze z.B. eine öd gleichförmige Aufnahme mancher Bach'scher Orgelwerke mit Karl Richter), liegt am Interpreten.
      Synthesizer wäre eine bessere Alternative zu Orgel. Aber ein Orchester erreicht differenzierteren Klang (bereits durch die Klangfarben unterschiedlicher Instrumente und das Schlagwerk dabei nicht vergessen) als eine Orgel mit mehreren Registern. (Ich finde auch Richters Cembalospiel öde)
      So ähnlich geht es mir mit op. 95 in der Fassung von Mahler. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das am Original liegt. Vielleicht ist es nur schwieriger, eine gute Interpretation der Bearbeitung hinzulegen.
      Liegt nicht am Original, op. 95 ist echt fetzig. Glaubs mir.
      Eine Transkription von einem Klavier- oder Kammermusikstück zu ein Orchesterstück müsste das verborgene Potential, das im Original noch schlummert (in den Klavierwerken und natürlich vor allem in den Orgelwerken oder in den Kammerstücken) durch entsprechende Instrumentation freisetzen....

      ich nenne (neben Weberns Transkription von Bachs Ricercare a 6 voci aus dem Musikalischen Opfer) z.B. auch

      Leibowitz Transkription - nein, Befreiung!! - von Bachs Passacaglia + Fuge in C moll (BWV 582) von der Orgel zum Orchester. Leider ist seine Wiedergabe dann etwas dröge + schleppend geraten
      „www.youtube.com/watch?v=qUE2bV4cM3E“
      „www.youtube.com/watch?v=TzCF18qp560&feature=related“

      von Orgel gequält + gefesselt halte ich das großartige Stück doch keine viertel Minute aus, dann sogar lieber die D’Albert-Version:
      „www.youtube.com/watch?v=c0_DZx3kHgI“
      "www.youtube.com/watch?v=AP73dNY3Q6Y"

      oder die Reger-Variate für 2 Tastenquäler
      „www.youtube.com/watch?v=YMCFSaqpH48&feature=related“
      „www.youtube.com/watch?v=xIM7NA1Fk7o&feature=related“

      oder die hier (nicht ganz so ausgewogen, aber immer noch klanglich der Orgel überlegen)
      „www.youtube.com/watch?v=6FPl5RxxWcY&feature=related“
      „www.youtube.com/watch?v=q9Us2Li1puA&feature=related“

      und selbst die Stokowski-Version ist mir lieber als Orgel:
      „www.youtube.com/watch?v=Z1T0meYAW6Q&feature=related“
      „www.youtube.com/watch?v=VIinRG5zrgs&feature=related“
      Dagegen Schönberg mit seiner Fassung von Brahms' Klavierquartett: möglicherweise erscheint eine Transkription umso gelungener, je weiter sie sich vom Original "entfernt".
      Da ist durchaus was dran, vor allem wenn’s von Kammer (bzw. Klaviersolo) Richtung Orchester geht... aus Treue zum Stück die Treue brechen ....


      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • So ein interessantes Thema (zu dem ich jetzt leider nicht viel schreiben werde) und so verdammt viel Schwachsinn auf einem Haufen, nur weil einer die Orgel (was ist das überhaupt?) nicht erträgt. - Ich glaube ich bin echt wütend.


      "Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
      Joris-Karl Huysmans
    • Zum Thema "Goldbergvariationen" habe ich die Einspielung Wilhelm Kempffs hoch gelobt unter Hinweis darauf, dass sich Kempff souverän über Albert Schweitzers Auffassung Bach sei mehr Organist als Klavierist, seine Musik eher architektonisch als sentimantal, hinweggesetzt habe, dadurch eine höchst lyrische Einspielung zustande gebracht hat. Wenn ich voraussetze, dass Schweitzers Auffassung richtig sei, dass zudem Bach weniger in Tönen als vielmehr in "architektonischen Zusammenhängen" musikalisch gedacht hat, dass ferner seine Beziehung zur Instrumentierung eher indiffernet gewesen ist, seine Notentexte deshalb eher, sagen wir mal neutral, d.h. auch wenig sentimental (wobei ich den Begriff sentimental in der Musik keineswegs geringschätze) sind, so könnte man doch daraus schlußfolgern, das gerade diese Herangehensweise an die Musik Werke hervorzurufen vermag, die für eine Transkription ganz besonders geeignet sind. Mir persönlich ist jedenfalls kein anderer Komponist bekannt dessen Werke so häufig Anlaß zu qualitätsvollen Bearbeitungen gegeben haben (qualitätsvoll in dem Sinn, dass die Bearbeitung eben nicht wie eine solche klingt, der "Geist" des Werkes vielmehr unangetastet bleibt).

      Vor diesem Hintergrund könnte ich mir z.B. nicht vorstellen, dass ein Werk Chopins sinnvoll transkripierbar wäre, weil hier die Verzahnung zwischen Komposition bzw. Notentext und Instrument viel zu eng wäre.

      Was meint Ihr dazu?
    • Yukon schrieb:

      ...
      Vor diesem Hintergrund könnte ich mir z.B. nicht vorstellen, dass ein Werk Chopins sinnvoll transkripierbar wäre, weil hier die Verzahnung zwischen Komposition bzw. Notentext und Instrument viel zu eng wäre.

      Was meint Ihr dazu?
      Wie ich oben schon sagte, gibt es Kompositionen, die sich imo schlechterdings nicht transkribieren lassen. Dazu gehört für mich die gesamte romantische Klaviermusik.

      Das hängt - wie ja auch schon gesagt wurde - damit zusammen, dass die romantischen Komponisten eine sehr genaue Vorstellung davon hatten, wie ihre Musik klingen soll und entsprechende Spielanweisungen angegeben haben. Noch extremer wäre Gustav Mahler. Er hat - so entnehme ich der bereits in anderem Zusammenhang erwähnten Biographie von Jens Malte Fischer - seine Anweisungen in einer Art konkretisiert, dass sie sich nicht auf andere Instrumente oder Instrumentengruppen übertragen lassen. Eine Sinfonie von ihm in Klavierfassung stelle ich mir sehr schwierig vor, während es von den Brandenburgischen Konzerten eine Klavierbearbeitung für zwei Klaviere von Max Reger gibt, die gar nicht einmal so schlecht klingt. Es soll sogar eine Transkription des "Requiem" von Mozart für das Klavier geben; Chopin soll diese - ebenso wie eine Ausgabe des WTC von Bach - immer mit sich geschleppt haben. Leider scheint es davon keine Aufnahme zu geben.

      Ob nun Bach bewußt auf eine Instrumentierung verzichtet hat, scheint mir nicht ganz klar zu sein. Vielleicht war das im Barock nicht üblich, weil die Aufführenden wußten, was und wie sie zu spielen hatten. Vielleicht war es ihm auch wirklich egal. Zumindest darf man nicht vergessen, dass die meisten barocken Musiker mehr als ein Instrument beherrschten und es deshalb selbstverständlich war, Kompositionen auf verschiedenen Instrumenten zu spielen, zB zur Übung oder als Vorspiel für eine Bewerbung.

      Diese Vielseitigkeit dürfte erst später abgenommen haben und einem Spezialistentum gewichen sein. Das mag dann auch eine Erklärung dafür sein, warum Komponisten ihre Werke für ihr Instrument komponierten. Ihnen fehlte einfach die praktische Erfahrung, um sich eine solche Komposition auf einem anderen Instrument vorstellen zu können. Dazu mag kommen, dass gerade die romantische Klavierliteratur von Komponisten geschrieben wurde - wie Chopin, Liszt oder Schumann - die diese Stücke auch selber aufführten.
    • Wie ich oben schon sagte, gibt es Kompositionen, die sich imo schlechterdings nicht transkribieren lassen. Dazu gehört für mich die gesamte romantische Klaviermusik.


      Dieser Meinung bin ich aus empirischen Gründen nicht. In einem anderen Thread hatte ich schon mal die folgende CD erwähnt:



      Ob man die Transkription der Waldszenen für Fagott und Klavier wirklich braucht, ist eine andere Frage. Aber in meinen Ohren klingt diese Bearbeitung durchaus legitim.

      Beste Grüße

      Bernd
    • Hallo Zatopek,

      zatopek schrieb:

      Noch extremer wäre Gustav Mahler. ... Eine Sinfonie von ihm in Klavierfassung stelle ich mir sehr schwierig vor


      Schau mal in diese beiden Threads, da findest Du jede Menge Mahler-Bearbeitungen:

      Mahlereien für die Kammer

      Mahler Revisited

      dass eine Klavierfassung nicht alle Aspekte einer Symphonie wiedergeben kann, gebe ich Dir sofort zu.
      Aber das muss ja auch nicht der Anspruch an eine Bearbeitung sein !?

      Schöne Grüße,
      Peter
    • Die wohl unter "Chopiniana" firmierenden Orchesterarrangements (Suite?) sowie die Bearbeitung von Schumanns Carnaval von Glasunov? oder wem auch immer, finde ich jedenfalls grauenvoll, wobei sie mir nur ein paarmal im Radio begegnet sind.

      Von der durchaus faszinierenden (wenn auch kaum überzeugenden) Orchesterfassung, die Weingartner von Beethovens op.106 erstellt hat, gibt es anscheinend bis heute nur dessen eigene, ca. 80 Jahre alte Aufnahme! Da sonst auch die perverseste Bearbeitung Liebhaber zu finden scheint und heute eigentlich alles eingespielt wird, wundert mich das schon ein wenig.

      Kater Murr
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • mathisolde schrieb:

      Jetzt fehlt nur noch ein Beispiel zu Chopin. Da bin ich aber zuversichtlich, wenn es "sogar" Klavierstücke von Debussy in Transkriptionen gibt.


      Kater Murr schrieb:

      Die wohl unter "Chopiniana" firmierenden Orchesterarrangements (Suite?) sowie die Bearbeitung von Schumanns Carnaval von Glasunov? oder wem auch immer, finde ich jedenfalls grauenvoll, wobei sie mir nur ein paarmal im Radio begegnet sind.


      Ravel hat m.W. Schumanns Carnaval vollständig orchestriert, es sind aber wohl nur sieben Stücke überliefert (die ich ziemlich gut gemacht finde). Außerdem gibt es eine als Ballettmusik (Les sylphides) firmierende Orchestrierung mehrerer Chopin-Stücke durch Ravel. Auch Stokowski hat sich an Chopin versucht (mindestens op. 28/4), und eine ziemlich unselige Orchestrierung der Etüde op. 10/3 schwappt doch gelegentlich mal via Werbung o.ä. aus den Lautsprechern.

      Dass romantische Klavierliteratur und der Transkriptionsgedanke sich nicht ausschließen, lässt sich am besten bei Liszt erkennen, der viele seiner Werke in zwei bis vier verschiedenen Besetzungen publiziert hat (z.T. zeitgleich).


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Ok, ok, ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil: romantische Klaviermusik und Gustav Mahlers Sinfonien lassen sich zumindest kammermusikalisch transkribieren :hide: .

      Danke für die Hinweise auf die Bearbeitungen, die ich nun wirklich noch nicht kannte.
    • Was ich wohl meinte, ist "Les Sylphides" auch "Chopiniana" von Glasunov, lt. wikipedia aus folgenden Werken (es mag sein, dass es noch mehr gibt und meist eine Auswahl für das Ballett getroffen wird)

      1. Polonaise in A-Dur (Op. 40, No. 1)
      2. Nocturne in As-Dur (Op. 32, No. 2)
      3. Valse in Ges-Dur (Op. 70, No. 1)
      4. Mazurka in D-Dur (Op. 33, no. 2)
      5. Mazurka in C-Dur (Op. 67, no. 3)
      6. Prélude in A-Dur (Op. 28, no. 7)
      7. Valse in cis-Moll (Op. 64, no. 2)
      8. Grande Valse in Es-Dur (Op. 18, no. 1)

      Un den Schumannschen Carnaval gibt es ebenfalls als Ballett, gemeinsam orchestriert von Glasunow, Rimski-Korsakow, Liadow und Tscherepnin
      lt.: "http://www.schwanensee.info/Schumann/Ballett/1910_01/index.shtml"

      Kitschig instrumentieren und Hupfdohlen auftreten lassen, ich enthalte mich weiterer Kommentare :shake:
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      "Les Sylphides" auch "Chopiniana" von Glasunov


      Stimmt, wie kam ich da auf Ravel? :schaem: Carnaval ist aber tatsächlich sowohl von Glazunov & Co als auch von Ravel instrumentiert worden.


      Kater Murr schrieb:

      Kitschig instrumentieren und Hupfdohlen auftreten lassen, ich enthalte mich weiterer Kommentare :shake:


      Nix Hupfdohlen :D, das waren Michel-Fokine-Choreographien - Vorformen modernen Tanztheaters, gerade auch in der Verwendung nicht ballettspezifischer Musik.


      Für unsere Orgelfans noch der Link zu der von Orgel-Smartie-Superstar Cameron Carpenter verwursteten Chopin-Revolutionsetüde:

      "http://www.youtube.com/watch?v=pQxyQktNFwc"


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Amfortas09 schrieb:

      Gute Beispiele für Transkriptionen sind die der Bachschen Orgelwerke, die in der Regel viel besser klingen als das Original z.B. durch Busoni, Liszt, Koroliov, Schönberg (für Orchester) usw. Ich ziehe mir grundsätzlich keine Orgelmusik rein, weil ich dieses schrecklichen Dröhnen nicht ertrage.


      Amfortas09 schrieb:

      es ist dieser entsetzlich banale und grobe Klang der Orgel, der mir so verhasst ist...


      Amfortas09 schrieb:

      denn z.B. eine gute Orchesterbearbeitung der Orgelwerke ebenso - wie bei anderen Bachwerken z.B. die bereits erwähnte Chaconne - polyphonische Strukturen viel deutlicher erfahrbar machen lassen. Und keiner wird bestreiten, das ein Orchester (und auch ein Flügel) wesentlich differenzierteren Klang erreicht, als der zur öden Gleichförmigkeit tendierende Orgelsound...


      Über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten. Also lass' doch einfach mal Dein Orgelbashing, wir wissen mittlerweile alle, daß Dir Orgel nicht zusagt. Daraus abgeleitete Absoluturteile ("...klingen besser...", "...keiner wird bestreiten...", "...viel deutlicher erfahrbar...") sind für die Diskussion daher nicht wirklich förderlich, denn sachlich kann man sich (ich will's auch gar nicht, da ich es müßig finde) damit schlecht auseinandersetzen, weil: Über Geschmack... &cetera pp

      Amfortas09 schrieb:

      und das Schlagwerk dabei nicht vergessen


      Ja: ich finde auch, daß moderne Bearbeitungungen z.B. von Vivaldis Jahreszeiten oder von Mozart's Vierzigster durch Hinzufügung von Schlagzeug enorm gewinnen. Das macht sowas so populär, daß man's in jedem zweiten Kaufhaus hören kann.... :D

      corda vuota schrieb:

      Ich bin der Meinung, dass je weiter wir in der Musikgeschichte zurückschreiten, desto weiter waren die Möglichkeiten für die Musiker gespannt. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war es doch oft überhaupt nicht notiert, welches Instrument die Stimme spielen sollte. Hier war vom Komponisten durchaus eine gewisse Bandbreite "miteinkomponiert". Es wurde hier ja schon erwähnt, dass des öfteren geschaut wurde, was an Instrumentarium zur Verfügung stand.


      Bis gegen Ende des 17. Jh. stimme ich Dir zu, aber bis Ende des 18 Jhs.????? Das hängt ja auch mit der damaligen Aufführungspraxis zusammen: Die Dinge waren nur für den Tag komponiert und haben vielleicht noch eine zweite oder dritte Aufführung erlebt, anschließend war das Material allenfalls recyclingtauglich und wurde schlechtestenfalls vergessen. Dieses Recycling wurde ja auch nicht zuletzt wegen dieser fehlenden Kanonbildung von den Komponisten betrieben: eigene Werke/Motive für andere Besetzung neu zu editieren oder auch einfach nur einen neuen Text zu unterlegen war einfach nur Arbeitsersparnis (Beispiel Händels "lascia la spina" (Il Trionfo del Tempo e del Disinganno, 1707) - lascia ch'io pinga (Rinaldo, 1710, enthielt ohnehin 15 1:1 übernommene Nummern aus früheren Werken)), da das "Vorbild" schon längst vergessen oder an ganz anderem Ort aufgeführt. Werke/Motive anderer zeitgenösiischer Komponisten (andere wurden eh' nicht gespielt) zu bearbeiten galt als Zeichen der Wertschätzung, und meist war auch da das "Original" dem Publikum nicht wirklich bekannt. (Heute ist da das Urheberrecht davor...) Man darf da nicht der Versuchung verfallen, falsche Projektionen aus der heutigen ubiqitären Verfügbarkeit jeglicher Art Musik in vergangene Zeiten zu machen. Und viele Werke - auch groß besetzte - sind, sofern sie gedruckt wurden, einfach nur in Melodie- und (bezifferter) Bass-Stimme erschienen. Das eigentliche Arrangement (das damalige zugehörige Verb für diese Arbeit lautete "concertare") unterlag den jeweils Aufführenden. Im 18. Jh. hat sich diese Praxis, auch wegen der zunehmend standardisierten Besetzungen, allerdings geändert und spätestens ab Vorklassik sind die Besetzungen durchgängig fixiert. Notabene: in der Barockzeit unterschied man sogar zwischen "Flauto" (Blockflöte) und "Traverso", und das keineswegs wegen dem für (heutige) Uninformierte abweichenden tiefsten Ton, denn die "Voice Flute" in d' war eine absolut gängige Blockflötengröße.


      zatopek schrieb:

      Ich bin kein Fachmann, aber meines Wissens war Bach die Instrumentierung ziemlich egal. Jedenfalls hat er sie nicht oder kaum notiert.


      Wie kommst Du da drauf? Bach hat sehr genaue Angaben zur Instrumentierung gemacht, sowohl was kleine Besetzungen betrifft - z.B. "pour la Luth" (BWV 995), "vors Clavicimbal mit 2 Manualen" (Goldbergvariationen, er schreibt sogar die Instrumentengröße vor!), "a Organo pleno" (aus der h-moll-Messe), "a Violino solo senza basso continuo" (BWV 1001) - als auch bei groß besetzten Werken - Beispiel Johannespassion:
      staatsbibliothek-berlin.de/fil…ilder/johannespassion.jpg
      oder drittes Brandenburger:
      jsbach.net/images/thirdbrandenburg.jpg

      zatopek schrieb:

      Wie ich oben schon sagte, gibt es Kompositionen, die sich imo schlechterdings nicht transkribieren lassen. Dazu gehört für mich die gesamte romantische Klaviermusik.

      Das hängt - wie ja auch schon gesagt wurde - damit zusammen, dass die romantischen Komponisten eine sehr genaue Vorstellung davon hatten, wie ihre Musik klingen soll und entsprechende Spielanweisungen angegeben haben.


      jein... ich kann mir schlecht vorstellen, daß Händel oder Bach keine "genauen Vorstellungen" davon hatten, wie ihre Musik klingen sollte. Für die Werke des 19. und 20. Jhs haben wir nur eine andere Rezeptionsgeschichte und Aufführungstradition (abgesehen von Restrikionen des Urheberrechtes, wo noch nicht rechtefrei) Aber prinzipiell existiert erst mal kein Unterschied zwischen einer Bearbeitung des Italienischen Konzertes von Bach für Violine und einer solchen eines Schumann`schen oder Chopin'schen Klavierwerkes...

      Ob's sinnvoll ist und ob die Welt sowas braucht, ist wieder eine andere Frage.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Ja: ich finde auch, daß moderne Bearbeitungungen z.B. von Vivaldis Jahreszeiten oder von Mozart's Vierzigster durch Hinzufügung von Schlagzeug enorm gewinnen. Das macht sowas so populär, daß man's in jedem zweiten Kaufhaus hören kann.... :D
      ist doch schön, dass darüber Einigkeit herrscht, denn z.B. auch Schönberg verstand es in seiner Transkription von Brahms Klavierquartett für ein Orchester das Schlagwerk dabei sehr geschickt einzusetzen.
      Über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten. Also lass' doch einfach mal Dein Orgelbashing, wir wissen mittlerweile alle, daß Dir Orgel nicht zusagt. Daraus abgeleitete Absoluturteile ("...klingen besser...", "...keiner wird bestreiten...", "...viel deutlicher erfahrbar...") sind für die Diskussion daher nicht wirklich förderlich, denn sachlich kann man sich (ich will's auch gar nicht, da ich es müßig finde) damit schlecht auseinandersetzen, weil: Über Geschmack... &cetera pp
      ...über Geschmack lässt sich sehr trefflich streiten (dir fehlt womöglich dabei die notwendige Lockerheit ;+) ) und Streit über Geschmack ist auch ein Teil von Capriccio.
      Selbstverständlich entscheidest keinesfalls du (inkl. einige andere User hier) in autoritärem Oberlehrer-Ton (vergleichbar manchen Spießern der Urgroßelterngeneration), wie + ob über Orgel als Instrument geschrieben wird oder darüber, ob z.B. ob Pollini ganz schlechten Bach/Beethoven spielt (nebenbei: ich halte Pollini für einen sehr guten Beethovenspieler), über die Musik von R. Strauss oder übers Regietheater usw. Denn Capriccio ist angeblich ein offenes Forum.

      Das sei zum Anlass genommen, um auf weitere – nach meinen Dafürhalten - gelungene Transkriptionen von Bachs Orgelwerken hinzuweisen (bzw. die auch in weniger gelungener Instrumentation eine bessere Alternative zum Original bieten können, weil z.B. in Orgelwiedergaben oft Nebenstimmen so zugeschmiert werden, dass diese dem Hörer nur sehr schwer erfahrbar sind):

      BWV 537 Sicher recht extrem durch die Perspektive Elgars geprägt. Diese Bearbeitung dürfte noch nicht allen Bachjunkies bekannt sein (Mikhail Pletnev and Russian National Orchestra, 27 March, 2009).
      „www.youtube.com/watch?v=x5eF7-U4dpM“

      Bach-Mitropoulos Fantasia-Fuga in G minor BWV 542

      “www.youtube.com/watch?v=hhFpAeF96G0&p=EDBF1E30116CA895&playnext=1&index=2”
      “www.youtube.com/watch?v=C3vY7fRs8CM&p=EDBF1E30116CA895&playnext=1&index=3”

      Liszt erstellte von BWV 542 auch eine Klavierfassung

      Auch Respighi erstellt eine Transkription von Bachs BWV 582
      NBC Symphony Orchestra diretta da Arturo Toscanini. live effettuata il 22.11.1947
      “www.youtube.com/watch?v=NCBtEOEG30U”
      “www.youtube.com/watch?v=KRZlwjhCSfw”

      Und keinesfalls darf der Hinweis auf Schönberg Transkription von z.B. J.S. Bach - Schmücke Dich, O liebe Seele, BWV 654 fehlen. Sie des öfteren im Konzertsaal zu hören. Gielen engagiert sich sehr für diese Transkription.
      „www.youtube.com/watch?v=CKo4tcD6W50“
      romantische Klaviermusik und Gustav Mahlers Sinfonien lassen sich zumindest kammermusikalisch transkribieren
      ja, + nicht nur romantische Klaviermusik; auch Beethovens Klaviersonate op. 14, 1 in Streichquartetttranskription ist ein gelungens Beispiel.

      Von Beethovens Großer Fuge für Streichquartett op. 133 gibt es mehrere Orchesterfassungen u.a. von Furtwängler, Hans Zender und Gielen; kann mich aber mit diesen Transkriptionen nicht recht anfreunden (auch nicht mit der Klavierfassung) ..Da ziehe ich das Streichquartett vor (z.B. Emerson).

      Nicht nur die 4. Sinfonie, auch Mahlers Adagio aus der 10. Sinfonie wurde von Hans Stadlmaier für Streicherensemble transkribiert. Ziel war – nach meinen Dafürhalten - damit eine gewisse Klangaskese zu erwirken bzw. diese zu verstärken, um diese Sinfonie vom spätromantischen Repertoire stärker abzugrenzen. (Ich besitze einen Radiomitschnitt mit dem Ensemble Resonanz vom 01.08.07 (Hitzacker). Die Grenzen dieses Unterfangen (dass ich aber prinzipiell begrüße) werden z.B. beim Hören des bekannten Neuntonklang erreicht.

      Die sehr gelungene + bereits erwähnte Transkription (weil durch das sehr transparente Klangbild eine interessante Perspektive sich auf diese Sinfonie eröffnet) von Bruckner Sinfonie Nr. 7 (für Klarinette, 2 Klaviere, Horn, Harmonium, Streichquartett ) durch den Verein für musikalische Privataufführungen erfolgte in Arbeitsteilung:
      Hanns Eisler (1. + 3. Satz) ,
      Karl Rank (2. Satz) und
      Erwin Stein (4. Satz).

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:


      Selbstverständlich entscheidest keinesfalls du (inkl. einige andere User hier) in autoritärem Oberlehrer-Ton (vergleichbar manchen Spießern der Urgroßelterngeneration), wie + ob über Orgel als Instrument geschrieben wird


      Wenn Du geschrieben hättest "meiner Meinung nach ist die Orgel..." hätte mich das zwar auch genervt, aber ich hätte nicht interveniert.

      Schreibst Du allerdings, dass es eine Tatsache ist, dass die Orgel einen weißichwas Klang hat, etc., wird sich die Allgemeinheit hier hoffentlich keine solchen dummdreisten Urteile aufbinden lassen.

      Wenn ich in drei Wochen mal die Zeit dazu habe, werde ich schreiben und belegen, wie lächerlich ich Schönbergs BWV552-Transkription für Monsterorchester halte, die geschrieben wurde, damit Bach "transparenter" werde... dass ich nicht lache. Aber dazu fehlt mir momentan wahrscheinlich die Lockerheit.
      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • Wenn Du geschrieben hättest "meiner Meinung nach ist die Orgel..." hätte mich das zwar auch genervt,aber ich hätte nicht interveniert.
      nee ich muss nicht immer IMO schreiben, warum ?
      Schreibst Du allerdings, dass es eine Tatsache ist, dass die Orgel einen weißichwas Klang hat, etc., wird sich die Allgemeinheit hier hoffentlich keine solchen dummdreisten Urteile aufbinden lassen.

      Wenn ich in drei Wochen mal die Zeit dazu habe, werde ich schreiben und belegen, wie lächerlich ich Schönbergs BWV552-Transkription für Monsterorchester halte, die geschrieben wurde, damit Bach "transparenter" werde... dass ich nicht lache. Aber dazu fehlt mir momentan wahrscheinlich die Lockerheit.

      kannste doch schreiben und es werden daraus bloß dummdreiste Urteile über ein angebliches Monsterorchester. Dich hindert daran womöglich die Tatsache, dass du das Musikforum verwechselst mit einer virtuellen Psycho-Selbsterfahrungsgruppe, denn anders sind deine überflüssigen Provokationen im Bachorgelthread ja nicht zu erklären ..
      sondern wer? Du? :D
      nein, jeder kann in Capriccio für Orgeleinspielungen werben.
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann