Strauß: "Die Fledermaus" - Staatsoper Stuttgart, 30.10.2010

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    • Strauß: "Die Fledermaus" - Staatsoper Stuttgart, 30.10.2010

      Seit über 130 Jahren flattert nun die „Fledermaus“ von Johann Strauß über die Bühnen dieser Welt und sie hat nichts von ihrer Attraktivität für die Spielplangestalter und das Publikum verloren. Ein solch populäres Werk hat schon viele Deutungen erlebt, musikalisch, wie szenisch und dennoch gilt es auch die „Fledermaus“ immer wieder neu zu entdecken.

      In Stuttgart taten das gestern Abend der Dirigent GMD Manfred Honeck, der Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl, Dramaturg Xavier Zuber, die Choreographin Mara Kurotschka, sowie unterstützend beim Bühnenbild Conrad Reinhardt und verantwortlich für die Kostüme Ursula Kudrna.

      Die offene Bühne zeigt zu Beginn einen düsteren Zauberwald, morbide Bäume rahmen die Szene ein, in der Mitte ist von einem Baumriesen nur der Stumpf übriggeblieben, überall auf dem Boden erkennt man Champagnerflaschen, unheimliche Tierstimmen erfüllen den Raum. Man erwartet fast, dass sogleich Menschen und Wesen, halb Mensch, halb Tier die Bühne bevölkern werden, um eine sinnliche Sommernacht zwischen Traum und Wirklichkeit zu feiern.

      Stattdessen zeigt ein Prolog, der mit „Morgengrauen“ überschrieben ist, in der Waldszenerie verteilte dürftigst bekleidete Mädchen mit Domino-Masken und den die Champagnerflaschen in einen Metallbehälter entleerenden Frosch im Gespräch mit dem traurigen Prinzen Orlofsky, der hier, auf dem Souffleurkasten sitzend, eine Mischung aus Zirkusdompteur und strenger Ballettmeisterin ganz alter Schule ist. Mit dem Beginn der Ouvertüre schwingt Orlofsky eine Reitgerte und die Mädchen posieren in erotischen Arrangements, wie man sie auf alten Postkarten sehen kann, auf dem sich nun drehenden Baumstumpf in der Mitte.

      Diese Projektionsfläche für sexuelle Begehrlichkeiten ausserhalb der bürgerlichen Norm, ist zuerst noch von der Fassade der Wohlanständigkeit, die gleichwohl in der „Fledermaus“ schon vom Anfang an sehr brüchig ist, getrennt.

      Zum Stückbeginn öffnet sich die Bühne hinter dem schmalen Waldstreifen und gibt den Blick auf einen gleissend weissen, nach links gekippten Kasten frei, in dem ein Speisezimmer im Hause Eisenstein zu sehen ist: in der Mitte der Tisch, links eine Anrichte, im Hintergrund eine grosse Stehuhr und ein Kachelofen, über der Szene ein fast überdimensionierter Kronleuchter.

      Die Dame des Hauses, Rosalinde, legt sich schon mal empfangsbereit auf den Tisch, Tenor Alfred wird auch sogleich zudringlich, muss aber wegen des eintretenden Stubenmädchens Adele in der Wanduhr verschwinden, als sei man in Ravels „Spanischer Stunde“ gelandet. Den ganzen ersten Akt über wird die Standuhr der bevorzugte Aufenthaltsort für Alfred sein.

      Die Personenführung gibt dem Affen mächtig Zucker, Überzeichnung ist das Gebot der Stunde und das funktioniert nur deshalb relativ gut, weil die Darsteller/innen allesamt mit grossem Engagement bei der Sache sind. Wenn Falke den Eisenstein zum Fest bei Orlofsky einlädt, kommen die Mädchen des Prologes aus ihrem Wald geschlichen, es bleibt keine Frage offen, welcher Art die Vergnügungen sind, die dort, bei Orlofsky, zu erwarten sind.

      Als Zwischenaktmusik zum 2. Akt wird das „Perpetuum mobile“ gespielt und hier treten jetzt in der Waldszenerie neben leichtbekleideten Damen auch Menschen mit Tiermasken auf, der Sommernachtstraum kann beginnen. Zuerst erkennt Ida in der Partnerin, mit der sie sich gerade vergnügt hat, ihre Schwester Adele, dann kommen so langsam die anderen Mitwirkenden an der Feier dazu. Die Szene zeigt jetzt den auf den Kopf gestellten Kasten, des ersten Bildes, allerdings ist die Membran der beiden Welten, die das bürgerliche Zimmer und den Lustwald getrennt haben, durchbrochen worden, die Ebenen mischen sich.

      Dass der Kasten sich um die eigene Achse drehen wird, war zu erwarten und auch, wenn man Vergleichbares schon in Bayreuth („Holländer“) oder in Essen („Tristan“) hat sehen können, der Effekt ist immer wieder beachtlich.

      Sinnbildhaft ist der, der gerade oben ist, im nächsten Moment ganz unten, wer soeben noch aufrecht stand, liegt nun mit dem Rücken am Boden. So bewältigen Rosalinde und Eisenstein im „Uhrenduett“ diese sich drehende Umgebung mit akrobatischer Raffinesse und etwas später zeigen auch die wenigen Damen des Ballettes zur „Blitz und Donner“-Polka, wie es ist, wenn die Welt schwankt und sich dreht, bis hin zu dem Stunt, dass die Tänzerin, die am Tisch Platz genommen hat, die Drehung der Welt komplett, also auch auf dem Kopf (in diesem Fall) sitzend, mitzumachen in der Lage ist.

      Berührend, wenn im „Duidu“ sich alle irgendwie gefunden haben und nur Prinz Orlofsky sich einsam und weinend um sich selbst dreht. Schön, wenn am Ende des Aktes Frank und Eisenstein auf dem sich drehenden Baumstumpf in dem Moment als filmisches „Still“ erfrieren, in dem sie laufenden Schrittes das Fest verlassen wollen.

      Der dritte Akt zeigt das Ergebnis einer aus den Fugen geratenen Welt, das Mobiliar des Zimmers liegt zertrümmert in der Ecke, die Uhr ist ganz aus dem Rahmen gefallen und liegt nun im Wald, der Kronleuchter hängt bedrohlich schief, die Mitwirkenden müssen über das Trümmerfeld klettern.

      Gefängniszelle Nummer 12, jene, in der als falscher Eisenstein der Liebhaber der Ehegattin Rosalinde, Alfred, sitzt, ist, man ahnt es bereits, die Uhr – auch im dritten Akt kann der Tenor diesem Ort nicht entfliehen. Adele zeigt sich beim Vorsingen und Vorspielen ihrer Talente fürs Theater längst nicht so begabt, wie im „richtigen“ Leben, wenn es ums flunkern geht und Eisenstein muss am Ende (nach einem Zeitlupenfaustkampf mit Alfred) feststellen, dass es – auch wenn es alle mit der Treue, der Ehrlichkeit und mit dem solidarischen Umgang mit Freunden, nicht so genau nehmen – einen Sündenbock geben muss: Rosalinde sperrt ihren Gabriel in die Uhr, schliesst ab und wirft den Schlüssel weg.

      Das Stück endet, wie es begonnen hat. Im Epilog „Morgengrauen“ treffen noch einmal Orlofsky und Frosch im Zauberwald aufeinander. War was?

      Philipp Stölzl gelingt ein Abend, der sich nicht so richtig traut, den eigenen Ideen konsequent zu folgen. Er bleibt einem konventionellen Erzählrahmen soweit verhaftet, dass der überwiegende Teil des Publikums seinen Weg mitgehen kann. Leider schreckt Stölzl nicht davor zurück, auch noch den abgedroschensten Witz, der schon viel zu oft in der „Fledermaus“ Verwendung fand, noch einmal zu präsentieren und die alleinige, bezuglose Erwähnung des Namens „Oettinger“ bringt dann auch nur noch wenige, müde Lacher.

      Während der erste Akt noch mit relativem „Drive“ über die Bühne geht, hängt vor allem der Beginn des zweiten Aktes inszenatorisch durch, um dann den zweiten Teil dieses Aktes als kleinen Höhepunkt der Aufführung zu präsentieren. Der dritte Akt könnte straffer ablaufen, setzt aber mit dem ruhigen, kurzen Epilog nochmals einen Kontrapunkt zur eben gehörten Musik.

      Untadelig, wie so oft beim gelernten Bühnenbilder Stölzl, die Bühnenbauten. Dieser sich drehende Raum trägt nicht unerheblich zum gelingen des Abends bei.

      Musikalisch klingt die Musik des Johann Strauß unter den Händen von GMD Honeck frisch, transparent, elegant in den hohen Streichern, in der Dynamik nie extrem, allerdings auch nicht richtig ausbalanciert, da spielt sich vielleicht innerhalb der Aufführungsserie noch das eine oder andere etwas besser ein.

      Stimmstark und wohlklingend der darstellerisch nicht wirklich geforderte Chor der Staatsoper Stuttgart unter seinem Leiter Michael Alber.

      Gesungen wurde insgesamt zufriedenstellend. Allen voran hier Adriane Queiroz, die die Rosalinde in Stuttgart eigentlich erst zu einem späteren Zeitpunkt singen sollte und nun kurzfristig aufgrund einer Erkrankung der Premierenbesetzung Simone Schneider zur Retterin des Abends wurde. Ein interessant timbrierter, leicht dunkler Sopran ist da zu hören, dem man gerne einmal z. B. in einer Verdi-Partie begegnen möchte.

      Darstellerisch ausgezeichnet und sängerisch überzeugend (bei Schwächen in den gesprochenen Passagen) Helene Schneiderman als Orlofsky. Ebenfalls hörenswert der Bariton Miljenko Turk als Dr. Falke.

      Paul Armin Edelmann bleibt etwas blass als Eisenstein, nicht jede Phrase gelingt und die Höhe klingt zumindest im ersten Teil des Abends erzwungen, Oliver Zwarg kann seine sängerischen Talente als Frank nicht so richtig zur Geltung bringen und Anna Palimina ist eine angenehme, nicht zu leichtgewichtige und singdarstellerisch überzeugende Adele.

      Der Alfred, César Gutiérrez, verlegt sich ganz auf die Darstellung einer Tenor-Karrikatur, inklusive von reichlich falschen Tönen und anderer, tenoraler Unarten.

      Als Frosch war der Schauspieler Josef Ostendorf zu erleben – und es ist allein die Stimme, der Klang dieser Stimme, die für eine ganz eigene Atmosphäre sorgt, da schwingt die Melancholie mit, die der Text, die Worte, nicht wirklich bieten.

      Zur Pause gab es wenige, deutliche „Buhs“, auch am Ende waren die noch kurz zu hören, bevor der Jubel des Premierenpublikums diese zudeckte. Sie galten klar dem Regieteam, alle anderen durften sich der ungeteilten Zustimmung der Zuschauer/innen erfreuen.
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    • Tja, das hätte auch interessant werden können! :D

      Wir sind nächste Woche ein paar Tage in Stuttgart, haben uns aber im Vorhineien für Verdis "Luisa Miller" am 9.11. entschieden, da es Fledermäuse ja wie Sand am Meer gibt. Unabhängig davon danke für den erneut sehr anschaulichen Bericht!

      Übrigens, wer oder was um Himmels willen ist "Metanoia" (ich vergaß neulich zu fragen...)
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Quasimodo schrieb:

      Übrigens, wer oder was um Himmels willen ist "Metanoia"


      Einfach beantwortet: eine Oper von Jens Joneleit, die als Auftragswerk der "Deutschen Staatsoper" die Spielzeit im Ausweichquartier "Schillertheater" eröffnet hat. Korrekter Titel ist: "Metanoia - über das Denken hinaus" und verwendet wurden Texte von Friedrich Nietzsche ("Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik"), die René Pollesch frei bearbeitet hat. Die Inszenierung sollte Christoph Schlingensief übernehmen, der dann zwei Tage vor Probenbeginn verstarb. Das Team der Produktion hat dann das Stück gemeinsam zur Uraufführung gebracht - und das Ergebnis ist letztendlich ein Fragment, das vor allem die Abwesenheit eines Regisseurs (oder hier ganz konkret: die Abwesenheit von Chrsitoph Schlingensief) thematisiert. Was die Theatertauglichkeit des Stückes und auch der Musik von Joneleit angeht, bin ich eher skeptisch. Vielleicht schreibe ich noch was dazu.
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