WAGNER-Gesang heute – Wer ragt aus dem Mittelmaß heraus?

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    • WAGNER-Gesang heute – Wer ragt aus dem Mittelmaß heraus?

      In diesem Fred wurde bereits der Frage nachgegangen, welche spezifischen Anforderungen Wagner-Rollen eigentlich stellen und wie eine gute Wagner-Stimme beschaffen sein sollte. Dabei wurde auch exemplarisch auf einige Größen des Wagner-Gesangs der Vergangenheit und die Charakteristika ihrer Stimmen hingewiesen.

      Hier soll es hingegen darum gehen, welche gegenwärtig aktiven Sänger Euch (live oder auf Tonkonserven) in Wagner-Rollen besonders überzeugt haben und warum.

      - Welche Sängerinnen und Sänger würdet Ihr Euch wünschen, wenn Ihr im Opernhaus Eures Vertrauens einmal die Besetzungen für z.B. Meistersinger, Tristan, Parsifal oder den Ring auswählen dürftet?

      - Welche jungen Nachwuchstalente haben das Zeug, in ein paar Jahren in Bayreuth oder anderswo für Furore zu sorgen?

      - Und wen möchtet Ihr lieber nie wieder in Wagner-Rollen hören?


      Ich selbst habe in Sachen Wagner-Gesang bisher live nichts Beeindruckenderes erlebt als Nina Stemme als Sieglinde im Kölner Ring. :juhu:

      In der gleichen Produktion gefiel mir auch Irene Theorin als Brünnhilde sehr, sehr gut, und Johannes Martin Kränzle überzeugte als Alberich ebenso wie im vorigen Jahr als Beckmesser.

      Für meine Begriffe ziemlich gut besetzt ist der Valencia-Ring unter Mehta, vor allem was den Wotan Juha Uusitalos angeht, aber auch im Hinblick auf Jennifer Wilsons Brünnhilde oder Petra Maria Schnitzers Sieglinde.

      Bei der letzten Frage fallen mir als Erstes Klaus Florian Vogt (leider der nächste Hamburger Parsifal) und Albert Bonnema ein. :wacko:


      Liebe Gesangsexperten und Wagner-Maniacs: Laßt uns hier - allem Gerede über die Krise der Gesangskunst im Allgemeinen und des Wagner-Gesangs im Besonderen zum Trotz - einen Austausch dazu beginnen, welche Sängerinnen und Sänger sich den Werken Wagners als am Würdigsten erweisen. Ist wirklich eine "Sängerdämmerung" angebrochen oder ist Licht am Horizont?

      Neben fachlich-qualifizierten Bewertungen sind natürlich auch rein subjektive, laienhafte Geschmacksurteile (wie meine) gefragt und erwünscht ;+)

      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Lieber General um Wagner für mich sângerisch halbwegs geniessbar zu gestalten, würde ich erstmal das Orchester verpflichten, bzw den Dirigenten verdonnern, sich gefälligst den Sängern anzupassen und nicht umgekehrt. Das ist die Grundvoraussetzung. Wenn das Orchester einen Ego-Trip hinlegt, macht auch der beste Sänger schlapp.
      Ich verlange als conditio sine qua non ausdrucksvollen Schöngesang und keinen nivellierten Brüllzwang.

      Wenn ich besetzen kônnte wie ich wollte, würden Tenöre wie Ben Heppner singen, Bässe wie Bryn Terfel und Michail Petrenko oder René Pape. Bei den Frauenstimmen würde ich Rollen wie Elsa, Elisabeth, Eva, Isolde nciht nur im Hinblick auf ihre Widerstandskraft und Durchhaltepower sondern auch nach Stimmschönheit auswählen. Junge Liebhaberinnen mit abgesungenen verhärteten Matronenstimmen - nein danke! Das geht aber nur, wenn sich das Orchester zurücknimmt.
      Die sollen sich mal ein Beispiel an Furtwänglers Dirigat der Vier letzten Lieder von Strauss mit Kirsten Flagstad nehmen. Was da an Pianonuancen zugunsten des Gesangs möglich war, ist ein Traum!

      Da ich aber ausser dem Tristan sowieso keine Wagner-Opern hören mag, besetze ich mal nur den Tristan nach meinem Gusto:

      Tristan: Ben Heppner
      Isolde: Patricia Petibon oder Veronique Gens ( mit meinem Dirigenten geht das!)
      Brangäne: Susan Graham
      Marke: Bryn Terfel
      Kurwenal: ?
      Inszenierung: David Mc Vicar

      Leitung: John Elliot Gardiner mit einem Orchester seiner Wahl.
      Der bringt die notwendige Musik-Erfahrung dazu mit- ob er Lust hat, sich auf dieses Repertoire einzulassen und eine Entrümplunsaktion vorzunehmen, ist noch die andere Frage.....
      Ich nehme sonst auch gerne Minkowski oder im Notfall Pappano oder de Billy..... Emmanuelle Haïm wâre allerdings auch nicht schlecht..... :rolleyes:

      :fee:

      P.S. Deine neue Signatur habe ich vor Ewigkeiten mal als Klospruch auf der Insel Föhr gelesen. Damals musste mann mir das übersetzen..... 8|
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • RE: WAGNER-Gesang heute – Wer ragt aus dem Mittelmaß heraus?

      Général Lavine schrieb:


      ...
      - Und wen möchtet Ihr lieber nie wieder in Wagner-Rollen hören?
      ...
      Bei der letzten Frage fallen mir als Erstes Klaus Florian Vogt (leider der nächste Hamburger Parsifal) und Albert Bonnema ein. :wacko:
      ...
      Neben fachlich-qualifizierten Bewertungen sind natürlich auch rein subjektive, laienhafte Geschmacksurteile (wie meine) gefragt und erwünscht ;+)
      ...
      Ganz subjektiv und laienhaft geschrieben: Ich beteilige mich am allseits beliebten Bashing von Klaus Florian ("Kindertrompete") Vogt nicht. Ich bin ehrlich gesagt ganz froh, dass es einen Wagner-Sänger gibt, der seine Partien ohne Total-Verausgabung über die Bühne bringt. Die gewiss kritikwürdige enge Stimme und der Mangel an Ausdruck werden immer wieder mit Recht angesprochen, aber die Aufnahmen/DVDs, die ich mit ihm habe - also Lohengrin und Meistersinger - weiß ich zu schätzen, weil seine Stimme eben auch sehr sicher und vergleichsweise unangestrengt rüberkommt. Aber ich bin auch weniger ein Freund der eher schon baritonal gefärbten Helden-Tenöre; mein liebster Wagner-Held ist denn auch René Kollo.
      Insofern ist es zumindest für mich eine gute Nachricht, dass Vogt in Hamburg den Parsifal singt (solange nicht Simone Young dirigiert).

      Und eine Sängerin, die mich jedes Mal besonders berühren kann, ist Waltraud Meier - aller stimmlichen Defizite (mangelnde Höhe) zum Trotz. Ihr Ausdruck überzeugt mich stets.

      Schönes Thema, insgesamt, da lässt sich noch vieles anfügen.

      :wink:
    • Für mich ist Johan Botha zur Zeit in vielen Wagner-Partien unerreicht! Sein Siegmund - gemeinsam mit Nina Stemme - im Wiener Ring war schon ein ganz außergewöhnliches Erlebnis! Seine "Wälse-Rufe" klingen noch immer nach - derart unangestrengt wirkend habe ich diese noch niemals gehört.

      Bei Uusitalo kann ich mich zurückhalten - zumindest in Wien war er zwar in lyrischeren Passagen sehr gut, aber sonst...

      Ein beeindruckender Siegfried und Parsifal ist auch Stephen Gould, der in Wien immer zu überzeugen weiß.

      Der Beckmesser von Adrian Eröd war ein Highlight der Meistersinger-Serie unter Thielemann, auch in Bayreuth konnte man sich von seinen Qualitäten überzeugen.

      Noch immer - besonders Kraft ihrer Persönlichkeit - im Topsegment befindet sich Waltraud Meier.

      Ein junger Bass, der erfolgreich schon u.a. den Hunding gesungen hat, ist der Este Ain Anger. Ich denke, dass er in ein paar Jahren in die Fußstapfen von Matti Salminen treten kann.
      Nunc est bibendum !!!
    • Ekkehard schrieb:

      dass Vogt in Hamburg den Parsifal singt (solange nicht Simone Young dirigiert).

      Lieber Ekkehard, sie wird dirigieren. Wie schon 2006. Schon damals bekam sie desaströse Kritiken, allerdings auch wegen einer äußerst schwachen Orchesterleistung bei der Premiere.

      FairyQueen schrieb:

      Isolde: Patricia Petibon oder Veronique Gens ( mit meinem Dirigenten geht das!)
      Brangäne: Susan Graham
      Marke: Bryn Terfel


      Ma plus digne Reine, die Isolde mit PP oder VG zu besetzen ist natürlich ein gewagtes, aber sehr spannendes Experiment. Würde ich gerne hören! Bryn Terfel war vor einigen Jahren große Klasse z.B. als Hans Sachs, aber wie hierschon ausgeführt, scheint er momentan doch eher ausgebrannt zu sein, was sehr betrüblich ist.

      Was haltet Ihr denn von dem Tenor Christian Franz? Am Sonntag werde ich ihn hier in Hamburg als Siegfried in der Götterdämmerung hören. Vor ein paar Jahren erlebte ich ihn schon als Siegfried im Kölner Ring. Damals fand ich ihn ganz passabel, begeistern konnte er mich aber nicht, da es seinem Tenor doch etwas an Strahlkraft und auch an Beweglichkeit fehlte. Mit Deborah Polaski (Brünnhilde) und John Tomlinson (Hagen) werden zwei Wagner-Promis auf der Bühne stehen, die altersbedingt wohl nicht mehr zum Kreis der Zukunftshoffnungen zu zählen sind. Nach den Premierenkritiken zu urteilen, haben sich beide immer noch sehr achtbar geschlagen. Es dirigiert natürlich wieder Frau Young.

      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Patricia Petibon als Isolde? Der Gedanke der Wagner - Parodie drängt sich da schon irgendwie auf….. :D Aber dafür habe ich durchaus etwas übrig. Es ist allerdings leider wirklich zuweilen so, dass Dirigenten vergessen, dass auch die kräftigste Stimme irgendwo Grenzen hat...

      Ansonsten fallen mir hierzu doch einige ein:


      "Zwischenfach" - Sängerin Petra Lang als geniale Ortrud, einer Partie, an der sich viele, egal, ob Sopran oder Mezzo, schon ordentlich verhoben haben.

      Jennifer Wilson, die Brünhilde aus dem Valencia - Ring, die dort m. E. eine grandiose Leistung abgeliefert hat. Sie hat alle Brünhilden gesungen und m. E. hörte man an dieser auch wirklich schönen Stimme keinerlei Ermüdung.

      Franz - Josef Kapellmann als langjähriger Alberich mit einem Riesen - Bassbariton. Eine Idealbesetzung für diese Rolle.

      Den hier schon genannten Johann Botha habe ich noch nicht in einer Wagner - Rolle gehört, aber ich kann ihn mir als Siegmund und auch als Siegfried stimmlich gut vorstellen.

      ich weiß nicht, ob sie in der Richtung noch aktiv ist, aber Mezzosopranistin Jane Henschel, Ensemblemitglied der BSO, würde ich stimmlich hier einreihen. Gehört habe ich sie allerdings nicht mit Wagner, sondern zuletzt als Klythämnestra.

      Des Weiteren habe ich letztes Jahr im Rahmen eines Gesangskurses von Siegfried Jerusalem einige hoffnungsvolle Aspiranten, vornehmlich aus den USA, kennengelernt.


      :wink:
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)
    • Ulrica schrieb:

      Patricia Petibon als Isolde? Der Gedanke der Wagner - Parodie drängt sich da schon irgendwie auf….. :D Aber dafür habe ich durchaus etwas übrig.


      Es ist die (erfolgreiche) idee, die Gluck bei seiner Wiener Alceste hatte - da gab er die Hauptrolle einer Buffa.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Liebe Ulrica, das war nciht als Parodie gemeint, auch wenn es wahrscheinlich so aussieht.
      Ich würde meine einzige Wagner Oper ganz ernsthaft zu gerne mal als Experiment in Richtung HIP hören. Einfach mal ausprobieren, ob das gehtund wie das dann klingt und welche Qualitâten diese Musik in entrümpelter bzw entdonnerter Form als "Belcanto" entwickeln. Hier wurde ja nach persönlcihen Idealen gefragt udn nciht nach Realpolitik der Opernbühnen.
      Grosse lyrische Stimmen wie Veronique Gens, kônnen, wenn sie entsprechend auf Händen getragen werden, das durchaus mal probieren. Wie rollendeckend Petibon als irische Prinzessin Isolde wâre muss ich wohl nicht noch betonen. Ich kann sie ja mal fragen, was sie davon hält...... :D

      Zur Realpolitik:

      Waltraut Meier beeindruckt mich auch ausserordentlich! Sowohl als Kundry als auch Isolde ist die Frau überwältigend präsent. :juhu: :juhu: :juhu:

      Dass Gluck Rollenbesetzungen gegen den Strich gebürstet hat, macht ihn mir noch sympathischer.

      Ob wohl heutzutage eine Ljuba Welitsch noch schwere dramatische Rollen singen dürfte? Diese Dame hat mir jedenfalls die Salomé allein aus Bewunderung für ihre Gesangsleistung hörbar gemacht!!! :juhu: :juhu: :juhu:

      :fee:

      P.S. Die anwesenden Männer mögen sich so oder so vor kalten Füssen und Nordwind hüten! :stumm:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • FairyQueen schrieb:

      Ob wohl heutzutage eine Ljuba Welitsch noch schwere dramatische Rollen singen dürfte? Diese Dame hat mir jedenfalls die Salomé allein aus Bewunderung für ihre Gesangsleistung hörbar gemacht!!! :juhu: :juhu: :juhu:
      Liebe Fairy,

      da kann ich Dir nur vollkommen beipflichten, es ging mir ganz genauso. Vor ein paar Tagen habe ich mir ihre Salome wieder mal angehört, der reinste Thriller. Das bringt einen diese Oper wirklich näher.

      Was Wagner angeht, kann ich nur für Wolfgang Brendel's Hans Sachs schwärmen. Abgesehen von dem unsäglichen Schluß-Prolog hat er mir die Meistersinger nahegebracht. Ob er heute noch so gut ist, keine Ahnung, ist ja schon einige Jahre her. Ich habe übrigens noch Meistersinger mit James Morris als Schuster-Poet (da war er besser wie als Fiesco in dem Met-Domingo-Boccanegra) und Ben Heppner als zwar nicht so sehr gut aussehenden aber traumhaft singenden Walther von Stolzing.

      Liebe Grüße

      Kristin - keine übergroße Wagner-Anhängerin :wink: :wink: :wink:
      Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon der in München wohnt (Eugen Roth)
    • FairyQueen schrieb:

      Ob wohl heutzutage eine Ljuba Welitsch noch schwere dramatische Rollen singen dürfte?

      Na klar - darf nicht heute jede/r eh alles singen, solange es für den Moment tragbar ist? Egal, was dabei mit der Stimme längerfristig geschieht? Finde Ljuba Welitsch insofern ein instruktives Beispiel, weil sie ja mit Mitte Vierzig bereits 'abgesungen' war. Und in jüngerer Zeit geschah Ähnliches mit Cheryl Studer, die ja auch Salome, Chrysothemis und - um ans Thema des Threads zumindest locker anzuknüpfen - Elsa und Elisabeth gesungen hat...
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      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi
    • Ein Name: Rene Pape!

      Den als König Marke im "Tristan" zu sehen und zu hören, war eine der Sternstunden meiner bisherigen Opern-Beschäftigung. Der hat sogar die langweilig-uninspirierte Inszenierung von Harry Kupfer an der Staatsoper Berlin vergessen gemacht. Und obendrein noch (zu Recht) mehr Applaus bekommen als die Hauptdarsteller.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Michael Volle ist ein grandioser Beckmesser, den man auch auf DVD in dieser Rolle erleben kann. Und einen wunderbaren Wolfram hat er hier in München auch gegeben. A propos Wolfram: Christian Gerhaher war hier ähnlich introvertiert wie Volle und doch ganz anders, sein Lied an den Abendstern im Sommer in München habe ich so als echtes Lied noch nie gehört. Das war phänomenal.

      Jonas Kaufmann
      und Anja Harteros im Münchner Lohengrin gehören zu den beeindruckendsten Sängerleistungen, an die ich mich erinnern kann.

      In Paris bei der Walküre war ich sehr angetan von Ricarda Merbeth als Sieglinde und Günther Groissböck als Hunding.

      Und Kwangchul Youn hat mir als Gurnemanz sehr gut gefallen.


      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Nach seinem m.E. sensationellen Bayreuth-Debut als Hans Sachs dieses Jahr ist der Brite James Rutherford für mich allererste Hoffnung im Bereich des Wagnerschen Heldenbaritons (die Rolle wird er im Rahmen einer Neuinszenierung auch in Hamburg singen). Bryn Terfel scheint mir stimmlich leider schon auf dem absteigenden Ast und René Pape hat gerade die Mailänder Wotan-Premiere abgesagt, so dass diese Facherweiterung momentan zweifelhaft erscheint.

      Christian Franz hat seine beste Zeit wohl leider hinter sich. Seine Stimme geht für mich immer mehr in Richtung Charaktertenor, die Spitzentöne werden mit Schepper-Vibrato kaum erreicht, dazu spricht und falsettiert er dort, wo er eigentlich singen müsste. Deborah Polaski und John Tomlinson sind vom schauspielerischen Total-Einsatz her immer noch sehenswert, hörenswert sind sie nur noch sehr bedingt. Und dazu dann noch die Kaugummi-Tempi der Generalmusikdirektorin... :wacko:
      "Er war verrückt auf Blondinen. Wäre Helga auch noch adlig gewesen, der gute Teddy wäre völlig durchgedreht."

      Michael Gielen über Theodor W. Adorno, der versucht hatte, Gielen seine Frau auszuspannen.
    • Ich glaube, dass es gar nicht so schlecht um den Wagner-Gesang bestellt ist. Allein in München waren in den letzten Jahren viele erstklassige Sänger im Wagnerfach zu hören.

      Anja Harteros hält als Elsa und Elisabeth jeden Vergleich aus, auch mit Elisabeth Grümmer. Auch Anja Kampes Senta war sehr gut (vor allem als Live-Ereignis wegen ihrer Bühnenpräsenz). Als Sieglinde dürften Adrienne Pieczoncka (auch als Elsa) und Eva-Maria Westbroek derzeit neben Anja Kampe erste Wahl sein. Als Isolde Waltraud Meier und Nina Stemme. Und als Brünnhilde Jennifer Wilson und Nina Stemme.

      Als Kundry und Ortrud ist wohl Waltraud Meier immer noch unerreicht. Daniela Sindram ist ein wunderbare Brangäne. Mihoko Fujimura hab ich als sehr gute Fricka in Erinnerung. Als Kundry ist sie vielleicht etwas zu lyrisch, obwohl gesangstechnisch aller erste Sahne.

      Bei den Tenören wurden schon zurecht Johan Botha und Ben Heppner (der aber leider seine beste Zeit wohl hinter sich hat) genannt. Auch Peter Seiffert ist immer noch ein Ereignis, vor allem als Tannhäuser, ebenso wie Jonas Kaufmann (ein wunderbarer Lohengrin - auch Parsifal und Stolzing müssten ihm liegen). Und als Erik ist Klaus-Florian Vogt eine Bank, wenn auch Geschmackssache (auch Stolzing und Lohengrin finde ich hörenswert). Robert Dean Smith ist ein erstklassiger Stolzing und Lohengrin. Dann fallen mir ein: Gerhard Siegel und Wolfgang Albinger Sperrhacke (Mime). Sehr gut ist mir der Erik von Kurt Streit in Erinnerung (inzwischen singt er auch Loge). Nikolai Schukoff als Erik und Parsifal ist hörens- und sehenwert (weil ein sehr guter Darsteller).

      Bei den Baritonen fällt mir spontan Christian Gerhaher ein, desses Wolfram mit das Beste war, was ich jemals live gehört habe. Michael Volle wurde schon genannt (Amfortas, Wolfram, Kurwenal, und vielleicht bald Sachs), ein ganz besonderer Sänger. Wolfgang Koch (Sachs, Telramund, Alberich - alles erstlkassig), Eike Wilm Schulte (Beckmesser und überraschender Weise auch als sehr, sehr guter Telramund), Bryn Terfel (Holländer, Wotan, Sachs), Juha Uusitalo und Terje Stensvold (Holländer und Wotan), Martin Gantner (Wolfram und Beckmesser), Adrian Eröd (Beckmesser), Jewgeni Nikitin hat auch Potential.

      Bei den Bässen ist Rene Pape unerreicht. Was er als Marke oder Gurnemanz singt, ist einfach unglaublich, nahe an der Perfektion. Ebenfalls sehr, sehr gut mit viel Potential Georg Zeppenfeld und Kwangchul Youn. Hans-Peter König und Christof Fischsesser sind ebenfalls sehr hörenswert. Und auch Günter Groissböck dräng vermehrt ins Wagnerfach. Ain Anger wurder auch schon genannt.
    • Noch ein paar Namen:

      - Tomasz Konieczny (Alberich, Amfortas und Wotan)

      - Angela Denoke (Kundry, Sieglinde, bald wohl Senta)

      - James Rutherford (wurde schon genannt - am Radio klang das sehr vielversprechend).

      - Simon Keenlyside
      (Wolfram), auch wenn es ihn derzeit eher zu Verdi zieht.

      - Michaela Schuster (Fircka, Ortrud, Sieglinde)

      - Sophie Koch (Brangäne)

      - Franz-Josef Selig (Marke, Daland)

      - Peter Rose (Daland)
    • Ulisse schrieb:

      Michael Volle wurde schon genannt (Amfortas, Wolfram, Kurwenal, und vielleicht bald Sachs).
      Gibt es dazu konkrete Planungen oder wenigstens Gerüchte? Ich frage mich schon länger, ob und wann Volle den Sachs singen wird.


      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Er hat es schon mehrfach angekündigt in Interviews. Er hat auch gesagt, dass er es nicht unter Kent Nagano machen will (deswegen auch nicht in München, aber Kent Nagano wird die neuen Meistersinger, die für 2013 kolportiert werden, wohl eh nicht mehr dirigieren - aber das Verhältnis zu Klaus Bachler ist auch nicht das beste). In Salzburg soll es 2013 auch neue Meistersinger geben. Da Michael Volle lange in Zürich war und wohl gut mit Alexander Pereira kann, wäre das denkbar. Nicht genaues weiß ich aber auch nicht. Ich denke aber, dass er den Sachs in den kommenden zwei, drei Jahren angehen wird.
    • Ich wusste nicht, dass Gerhaher sich auch im Wagner-Fach tummelt- ihn und Anja Harteros und Jonas Kaufmann würde ich mir auch anhören- allerdings nur mit sangerfreundlichen Dirigenten/Orchester ohne Kaugummi-Tempi! :o:
      Gerhaher ist für mich der stimmschönste Bariton den ich neben Gerard Souzay je gehört habe. Auch live zum Dahinschmelzen und keinesfalls nur ein Lied-Studiosänger (wie z.B. leider Ian Bostridge).

      Lieber Recordatorio, du wirfst eine Grundsatzfrage auf, die ich sehr ambivalent beantworten werde. Aus Sicht des Sängers hast Du 100%ig Recht. Aus Sicht des Publikums sage ich total egoistisch: lieber ein Sänger der 15 oder 20 Jahre beglückende Sternstunden schenkt als einer , der 30 oder 40 Jahre Mittelmass liefert.
      Wenn ich an Callas denke....... oder Ljuba Welitsch... oder Dessay.....oder Villazon..... Die, die sich ganz geben, erreichen (jedenfalls mich) auch ganz. Die Ausnahmen, die eine unverwüstliche Gesundheit haben und trotzdem mit Sternstunden beglücken, sind rar, aber es gibt sie gottseidank ja auch. Z.B. Domingo oder Raimondi oder Te Kanawa oder Gruberova (wobei die mich nciht sonderlich beglückt...)
      Kannst mich jetzt ruhig erwürgen :hide: , aber so sehe ich das aus reiner Hörersicht wirklich.
      Wenn ich allerdings 40 Jahre von meiner Stimme leben müsste, würde sich das anders darstellen.

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)