Capriccio - eine Laune der Musikgeschichte

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    • Capriccio - eine Laune der Musikgeschichte

      Servus,

      was sich hinter dem Begriff Capriccio verbirgt, dürfte allseits bekannt sein, wie sich dieser Begriff musikgeschichtlich entwickelt hat, wahrscheinlich weniger. Genau das soll dieser Faden beleuchten.

      In der Mitte des 16. Jahrhunderts tauchte das Capriccio erstmals als Bezeichnung eines Musikstückes auf, und zwar - wie unschwer zu vermuten - in Italien, genauer: im nördlichen Teil Italiens. Jacquet de Berchem gilt heute als Erstverwender in seinem 1561 gedruckten Il primo, secondo e terzo libro del capriccio. Es handelt sich dabei um eine madrigalistische Vertonung von Ludovico Ariostos Orlando furioso, bzw. Teilen daraus. Weshalb Berchem diesen Begriff benutzte, liegt heute leider im Dunkeln, weil er seinem Werk kein erklärendes Vorwort mit auf den Weg gab.

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      Jacquet de Berchem: La Favola di Orlando, Madrigale aus Il primo, secondo e terzo libro del capriccio
      sowie Ariosto-Vertonungen von Reggio, Alberti, di Lasso, Tromboncino und Cambio

      Ensemble Daedalus,
      Roberto Festa


      Nur wenige Jahre später, 1564, folgten die Capricci in musica von Vincenzo Ruffo, das ganz im Gegensatz zu Berchems Oeuvre ein rein instrumentales ist. Und in der Folge erschienen viele weitere Drucke, die Stücke dieses Namens enthielten, so u.a. von Balbi, Bassano, Trabaci, Mayone, Vecchi u.v.a. Bis weit in's 17. Jahrhundert hinein hielt der Boom der Capriccios ungemindert an.

      In eine feste Form oder Umschreibung, anhand derer man ein Stück sicher als Capriccio identifizieren kann, gab und gibt es allerdings nicht. Es sind Madrigale oder Instrumentalstücke darunter, die von gleichartigen, aber nicht Capriccio heißenden Stücken stilistisch nicht zu unterscheiden sind. Aber es gibt auch völlig abgedrehte Sachen, wie beispielsweise das Capriccio stravagante von Carlo Farina, in dem allerlei Tierlaute und andere Geräusche imitiert werden. Solche imitatorische Elemente sind recht häufig anzutreffen in den Capriccios des 17.Jahrhunderts anzutreffen, gattungsbildend ist das aber keineswegs.

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      Carlo Farina: Capriccio stravagante
      Antonio Vivaldi: Violinkonzerte

      Giuliano Carmignola, Violine,
      Sonatori de la Gioiosa Marca


      Jede Menge Capriccios hinterließ Girolamo Frescobali, der einer der einflussreichsten Tastengötter des 17. Jahrhunderts war. So verwundert es wenig, dass seine Capriccios typischerweise Cembalo- oder Orgelstücke sind. Er liebte offenbar das Programmatische, denn vieler seiner Capriccios basieren auf Imitationen, volkstümlichen Melodien oder anderen Inspirationsquellen. Als Beispiele seien hier ein paar Stücke angeführt: Capriccio sopra la cucho, Capriccio cromatico, Capriccio pastorale, Capriccio sopra la battaglia etc.


      Beginnend im ausgehenden 18. und verstärkt im 19. Jahrhundert wandelte sich dann die Bedeutung des Begriffes Capriccio ein wenig von einem Stück mit einem besonderen Einfall hin zu einem Übungsstück, vor allem in der Sololiteratur. Zeitweise wurde Capriccio gar synonym mit Etüde gebraucht. Das Virtuose stand immer mehr im Vordergrund, bestes Beispiel sind die 24 Capriccios von Niccolo Paganini.

      In der Orchester- bzw. Ensembleliteratur des 19. Jahrhunderts dagegen blieb die ursprüngliche Bedeutung weitestgehend erhalten. Beliebt waren beispielsweise Capriccios mit folkloristischen Bezügen wie das Capriccio italien von Tschaikowskij, Berlioz' Reverie et Caprice, Rachmaninoffs Caprice bohemien oder Saint-Saens' Caprice sur des airs danois et russes.

      Und auch im 20. Jahrhundert gibt es jede Menge capriccöse Werke bis hin zu ganzen Opern (R.Strauss).



      So, einmal im Schweinsgalopp durch 450 Jahre Musikgeschichte. :D
      Wer sich berufen fühlt zu erweitern, zu ergänzen oder zu berichtigen, ist herzlich dazu eingeladen. :wink:

      herzliche Grüße,
      Thomas
      Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen.
      Helmut Qualtinger
    • Liebe Capricciosi!

      Warum dieser Thread, der doch das namensgebende Genre unseres Forums beleuchtet, so sehr im Dornröschenschlaf daliegt, dass ich mich gar nicht mehr an ihn erinnern konnte, weiß ich nicht. Zeit zum Wachküssen!

      Ich habe unlängst die Capricci von Jan Dismas Zelenka angehört. Warum er sie so betitelt hat, weiß allerdings wohl auch nur er selber, denn mich bedünkt, es handle sich dabei im Wesentlichen um Orchestersuiten (bzw. Ouverturen, durchaus vergleichbar denjenigen von Bach und Fux). Sicherlich sind die Hornpartien sehr virtuos, aber ob das der Grund war? Vielleicht ist der Gattungsbegriff so frei und dehnbar, dass sogar vergleichsweise Normales und Unkapriziöses darin Platz finden kann. Oder hat jemand von euch eine gute Erklärung?



      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.