Josef Strauss: Mehr als nur ein Bruder

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    • Josef Strauss: Mehr als nur ein Bruder



      Claus Helmut Drese, Wiener Staatsoperndirektor 1986 bis 1991, hat seine Erinnerungen an Wien in Tagebuchform veröffentlicht („Im Palast der Gefühle“, Piper, München 1993) und dabei auch zum Neujahrskonzert 1989 mit Carlos Kleiber geschrieben. Er erwähnt neben Kleiber nur Johann Strauß Sohn, aber explizit drei Kompositionen: die Plappermäulchen-Polka, den Csardas aus der Ballettmusik der Oper „Ritter Pasman“ und die Moulinet-Polka. Drese unterschlägt die Information, dass zwei davon gar nicht von Johann komponiert wurden.

      Das Neujahrskonzert aus Wien gilt ja vielfach als populärste Klassik-Fernsehsendung der Welt. Wie selbstverständlich werden hier Jahr für Jahr vorwiegend Kompositionen der Strauß-Dynastie aneinandergereiht, und die Moderatoren erklären zwischendurch, für welchen Ball in Wien oder Pawlowsk die Walzer und Polkas komponiert wurden.

      Johann Strauß Sohn überstrahlt als „Walzerkönig“ alles.

      Gelegentlich aber wird bewusst genau dieser Johann Strauß Sohn zitiert – mit einem Satz über seinen Bruder Josef:
      „Er ist der Begabtere, ich bin der Populärere.“


      Wer ist dieser Josef? Was meint der Bruder mit „begabter“?

      Vorneweg: Josef ist 1827 geboren. Ein eigentlich unspektakuläres Leben, ein Mensch, der trotz Anfängen jenseits der Musik (als Ingenieur) auf Familienwunsch hin der Musik im wahrsten Sinn des Wortes wie selbstverständlich sein Leben schenkte, als Kapellmeister, als Komponist und als Arrangeur. Privat eine unspektakuläre Ehe, eine Tochter. Früher Tod mit 43, 1870.

      Landläufig gewohnt ist seine Einbettung zwischen Johann Vater (1804-1849) und den zwei Brüdern Johann Sohn (1825-1899) und Eduard (1835-1916) in unzähligen Konzertprogrammen. Und doch reizt eine andere, ganz nahe Einbettung des Komponisten Josef Strauss als drittes Wiener Genie nach Franz Schubert (1797-1828) und dem Kompagnon und späteren Konkurrenten des Vaters, Joseph Lanner (1801-1843), wie sie etwa Otto Brusatti im Joseph Lanner-Kapitel seines Buches „Alles schon wegkomponiert“ (Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 1997) verbal einzukreisen versucht.

      Oder doch: Die Dynastie, der Bruder, aber Josef diesem explizit gleichgestellt wie sonst kaum – im Beiheft zur DGG Do-CD mit dem Neujahrskonzertmitschnitt der Wiener Philharmoniker 2003 (DGG 474 250-2) vergleicht der Dirigent Nikolaus Harnoncourt die Kompositionen der Brüder Johann und Josef. Harnoncourt hebt bei Josef Harmonik und Orchestrierung besonders hervor.



      Das „Josef Strauss Nachspüren“ (Josef Strauss schrieb sich selbst mit Doppel-s) beginnt hier (einmal mehr) beim an Glanz alles überstrahlenden Bruder, im Johann Strauß Jahr 1975. Damals erschienen in Österreich zwei Bücher, die zu allererst den Walzerkönig würdigten.

      Franz Endler steuerte „Das Walzer-Buch“ bei (Kremayr & Scheriau, Wien) und schenkte Josef in seinem Kapitel über die Dynastie fünf Absätze (bei 240 Seiten Buchumfang). Er zitiert unter anderem einen Brief von Johanns Frau Jetty an Karoline, die Frau von Josef, in dem Josefs im Grunde verinnerlichtes Wesen Johanns weltmännischem Charakter gegenübergestellt wird.

      Marcel Prawy veröffentlichte 1975 „Johann Strauß – Weltgeschichte im Walzertakt“ (Molden, Wien/München/Zürich). Im Kapitel „Familientrust der Unterhaltungsindustrie: Johann und seine Brüder“ werden Josef (biographisch wesentlich ausführlicher als bei Endler) an die 13 Seiten gewidmet. Auch Prawy betont den romantischen, melancholischen Grundton von Josefs Kompositionen.

      Zwei Biografien geben endlich einen ausführlichen Einblick in Lebenslauf und Werk dieses meist „als Bruder mitlaufenden“ Komponisten. „Joseph Strauß – Genie wider Willen“ von Franz Mailer erschien 1977 bei Jugend & Volk (Wien/München), und „Josef Strauss – Delirien und Sphärenklänge“ brachten Otto Brusatti und Isabella Sommer 2003 im Holzhausen Verlag (Wien) heraus (Cover siehe ganz oben).

      Wer war dieser Josef Strauss?

      Wien, die Welt der Tanzkapellen. Vater Johann (1804-1849) ist Geiger in der Kapelle von Joseph Lanner (1801-1843) und heiratet 1825 die Gastwirtstochter Maria Anna Streim (1801-1870), als diese schwanger ist. Er löst sich von Lanner und gründet eine eigene Kapelle, professionalisiert seine Konzerte und lebt schließlich ein Verhältnis mit der Modistin Emilie Trampusch (bei Brusatti/Sommer Trambusch). Der älteste eheliche Sohn Johann wird 1825 geboren, Josef am 20.8.1827, Eduard 1835. Mit Emilie Trampusch hat Johann, der Vater, acht Kinder.

      Sohn Johann entwickelt sich zu einem Konkurrenten des Vaters. Josef hingegen macht eine Ausbildung zum Ingenieur. 1846 wird er Bauzeichner. 1848 steht er auf der Seite der Revolutionäre – im Gegensatz zum Vater und zu seinem älteren Bruder. Er will keinesfalls, wie vom Vater gewünscht, Soldat werden. Nach dem Tod des Vaters übernimmt Johann dessen Kapelle, während Josef stiller Bauzeichner bleibt. Nur nebenbei ist er Pianist und Hobbykomponist von Liedern und Klavierstücken. Außerdem schreibt er das Drama „Rober“. Der Näherin Caroline Pruckmayer (1831-1900) macht nicht nur er, sondern auch sein Bruder Johann den Hof. Josef wird Bauleiter einer Maschinenhalle.

      Als allerdings Johann im Jahr 1853 schwer erkrankt, springt der jüngere Bruder sofort als Kapellmeister und Komponist ein, als wäre das selbstverständlich. Er beginnt, nebenbei Musik- und Geigenunterricht zu nehmen. 1855 wird Johann nach Pawlowsk (nahe St. Petersburg) engagiert. Ab diesem Zeitpunkt gehört Josefs Leben endgültig der Strauß-Kapelle. Er führt Liszts „Mazeppa“ auf, komponiert den Walzer „Perlen der Liebe“ und stellt dem Wiener Publikum Musik von Wagner, Verdi und Offenbach vor. Josef feiert 1857 Hochzeit mit Caroline, Tochter Karoline wird am 27.3.1858 geboren. Johann zeigt sich nervös und kränklich und „benutzt“ Josef schamlos. Josef springt nun auch in Pawlowsk ein, und der jüngste Bruder Eduard mischt ebenfalls bereits mit. Auch als Komponist ist Josef immer intensiver im Einsatz. Das erste eigene Gastspiel 1864 in Breslau gerät allerdings eher zu einem Misserfolg. Der anstrengenden Tätigkeit zollt Josef im Jahr darauf Tribut, als er, völlig erschöpft, einen Ohnmachtsanfall erleidet. In diesem Jahr 1865 unternimmt Josef mit Caroline eine Wanderung auf den Traunstein bei Gmunden, es ist der erste Urlaub seit 1854. Im Jahr 1866 leiten alle drei Sträuße in Wien Konzerte, es kommt zu einem Kompositionswettstreit der als Kapellmeister zusammenarbeitenden Brüder. Johann neigt bereits zur Operette. Im Jahr 1867 entstehen sowohl Johanns Walzer „An der schönen blauen Donau“ als auch Josefs „Delirien“ Walzer. Im August 1867 erleidet Josef wieder einen Zusammenbruch. Er unternimmt eine Badereise nach Fusch und kehrt von dort neu euphorisiert zurück. Im Sommer 1869 sind sowohl Johann als auch Josef in Pawlowsk im Einsatz. Sie komponieren zusammen die „Pizzicato Polka“. Immer wieder gibt es allerdings Familienkonflikte.

      1870 stirbt zunächst die Mutter. Josef ist in Warschau engagiert, er hat dort viele Probleme und erleidet einen weiteren Zusammenbruch, diesmal am Dirigentenpult. Davon erholt er sich nicht mehr, er stirbt am 22.7.1870 mit nur 43 Jahren in Wien, wahrscheinlich an einem Hirntumor.

      Aus einigen Werken von Josef wurden nach seinem Tod Operetten zusammengestellt, die sich aber nicht durchgesetzt haben. Bruder Eduard hat das gesamte Notenarchiv der Brüder, von Josef vor allem auch viele Orchesterbearbeitungen, im Jahr 1907 vernichtet.

      Anmerkungen zu den Biografien

      Mailer fächert das Leben von Josef auf und macht die Musik für Notenkundige mit Notenbeispielen (Themen der wichtigsten Werke) lebendig. Brusatti und Sommer gehen mehr ins Detail, hinterfragen das „Genie wider Willen“ (Mailer) persönlicher und psychologischer, vergleichen den Erfolg der Kapelle mit der Eventkultur von heute und spüren in Zwischenkapiteln auch verbal der Musik Josefs nach (diese Kapitel hat sicher Brusatti geschrieben): den „Delirien“ wie der „Libelle“, dem musikalischen Umfeld, den Tempi der Werke, der „Moulinet“-Polka, den „Dorfschwalben aus Österreich“, dem „Dynamiden“-Walzer, dem Groß-Walzer allgemein zur Hochblüte des Schaffens der Brüder, den „Sphärenklängen“ und dem Walzer „Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust“.

      Kompositorisch werden die Werke von Josef Strauss vielfach innovativer als die des älteren Bruders angesehen. Die symphonische Anlage von Groß-Walzer und Polka mazur wirkt oft schwerblütiger, melancholischer, tiefgründiger. Richard Wagners Einfluss ist zu hören. Einige Themen haben andere Komponisten inspiriert. Aus dem ersten Thema des „Flattergeister“ Walzers wird später das Wienerlied „Wann i amal stirb“, das „Dynamiden“ Hauptthema dürfte Richard Strauss („Rosenkavalier“) sehr gut im Ohr gehabt haben.

      CD Edition

      Marco Polo brachte zwischen 1994 und 2002 eine 26 CDs umfassende Josef Strauss Edition mit dem Strauss-Sinfonieorchester Budapest und der Staatsphilharmonie Košice unter verschiedenen Dirigenten in den Handel.



      Persönlicher Zugang des Schreibers:

      Für den Wiener Philharmoniker Fan und Neujahrskonzert-Sammler, dem die Doppel CD „Historische Neujahrskonzerte“ mit Clemens Krauss sowie die CDs mit den Neujahrskonzerten 1979, 1980, 1983 und dann 1987 bis 2010 (teilweise nicht das vollständige Konzert enthaltend) sowie die DVDs mit Carlos Kleiber (1989 und 1992) zur Verfügung stehen, hat sich die Musik des Josef Strauss in diesem ganz besonders satten Klangbild der Wiener Philharmoniker im Lauf der Jahre behutsam, dafür aber umso intensiver erschlossen, gerne Otto Brusattis „kompositorischer Verwandtschaftslinie“ Schubert-Lanner-Josef Strauss folgend. Und es kristallisierte sich, genauso gerne, auch einem im Jahr 2000 bei Doblinger (Wien) erschienenen Klavieralbum „Die schönsten Walzer für Klavier von Josef Strauß“ mit Arrangements von Günther von Noé folgend, eine Zusammenstellung von Lieblingsstücken in bevorzugten Aufnahmen heraus.

      283 Opuszahlen weist das Werk von Josef Strauss auf, 45 Werke daraus sind auf den Neujahrskonzert CDs bis 2010 auffindbar, dazu die von Johann und Josef zusammen komponierte Pizzicato-Polka von 1869 (Krauss, Boskovsky 1979, Karajan 1987, Kleiber 1989, Muti 1993 und Maazel 2005) und die von allen drei Brüdern im Jahr 1868 komponierte Schützen-Quadrille (Mehta 1995). Auf der Doppel CD mit Aufnahmen von Clemens Krauss finden sich immerhin neun Josef Strauss Werke (von insgesamt 28). Zubin Mehtas Doppel CD zum Konzert 2007 weist sechs Werke von ihm auf, bei Riccardo Muti (1997) zählt man fünf. Im leider schlampig redigierten Begleitheft und auf der Rückseite der CD Veröffentlichung des Konzerts 1998 wird nicht nur behauptet, die Wiener Sängerknaben seien das allererste Mal in einem Neujahrskonzert dabei (sie waren schon zehn Jahre zuvor unter Abbado im Einsatz), auch wird – noch peinlicher! – Josef die „Neue Melodien Quadrille“ op. 254 des Bruders Johann zugeordnet. (Josefs op. 254 ist der Walzer „Ernst und Humor“.) Franz Mailer schreibt im Begleitheft zum Konzert 1994: „Josef war der Poet unter den Strauß-Brüdern.“ Und Philharmoniker-Vorstand Dr. Clemens Hellsberg verweist 2005 darauf, dass 1975 und 1999 die einzigen beiden Konzerte waren, in denen kein Werk von Josef erklang. Bis 2005 kam erst ein Sechstel der 283 Kompositionen des Josef Strauss in Neujahrskonzerten der Wiener Philharmoniker zur Aufführung.



      (Frau Dr. Silvia Kargl vom Historischen Archiv der Wiener Philharmoniker hat auf die Mailanfrage nach den Aufnahmedaten der Doppel CD „Historische Neujahrskonzerte“ mit Clemens Krauss (Preiser) dankenswerterweise folgende Konzertaufführungen (vorwiegend Neujahrskonzerte) mitgeteilt. Möglicherweise sind dies auch die Aufnahmejahre.
      Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust: 1948, 1951, Die Libelle: 1943, 1945, 1949, 1951, 1954, Jokey-Polka: 1943, 1948, Pizzicato-Polka: 1939, 1941, 1942, 1943, 1945, 1948, 1951, 1952, 1953, Dorfschwalben aus Österreich: August 1942 Salzburger Festspiele, Moulinet-Polka: 1941, 1950, Auf Ferienreisen: 1954, Sphärenklänge: 1943, 1948, 1954, Plappermäulchen: 1953, 1954.)

      Es blieb Nikolaus Harnoncourt vorbehalten, was 2020 (150. Todestag) bzw. 2027 (200. Geburtstag) auch im Neujahrskonzert illusorisch bleiben wird: Ein Konzert ohne die Johanns und ohne Eduard, nur mit Josef Strauss (dafür wie hier mit Schubert/Webern und Schubert oder/und ev. auch mit Lanner). Das Eröffnungskonzert der Salzburger Festspiele mit den Wiener Philharmonikern im Großen Festspielhaus (auf DVD veröffentlicht) brachte am 26.7.2009 in einem Block hintereinander die Polka mazur „Frauenherz“ op. 166, den Walzer „Delirien“ op. 212 und die Polka schnell „Pêle-mêle“ op. 161 – fast wie eine dreisätzige Wiener Symphonie aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Die großen Walzer von Josef Strauss in den Neujahrskonzerten der Wiener Philharmoniker - Persönliche Hörerfahrungen, bevorzugte Aufnahmen

      Die großen Walzer der Strauß-Dynastie bestehen meist aus einer symphonischen Einleitung, einer Kette von meist fünf Walzerfolgen in je zwei Abschnitten und einer Coda, die einzelne Walzerthemen noch einmal vorüberziehen lässt, beginnen und enden also quasi als „symphonische Dichtungen“. Bei den schwerblütigeren Walzereinleitungen hebt sich das Genie des Josef Strauss besonders deutlich von dem der anderen Komponisten in der Familie großsymphonisch-empfindsam ab. Die „symphonische Verklärung“ der Musik in den Neujahrskonzerten erfährt nun sehr wohl von den Dirigenten deutlich geprägte, ganz unterschiedliche Nuancen. Nicht nur, wenn bei Wiederholungen einzelner Teile oft bewusst verhaltener angesetzt wird.

      Der Walzer Dorfschwalben aus Österreich op. 164 mit seinen so markant „harmonisch klaren“ Motiven entstand 1864 nach einer Novellensammlung von Dr. August Silberstein. Bei der Wahl zwischen Clemens Krauss, Carlos Kleiber (1992), Nikolaus Harnoncourt (2001) und Georges Prêtre (2008) „gewinnen“ beim Schreiber dieser Zeilen Carlos Kleiber und Nikolaus Harnoncourt. Beide überzeugen auf ihre Art mit einer Unbedingtheit sondergleichen. Bei Kleiber fasziniert die sensationelle Virtuosität, bei der aber die Leichtigkeit der Musik gleichwohl voll zum Tragen kommt. Harnoncourt hingegen macht deutlich, dass es sich um Tanzmusik aus dem 19. Jahrhundert handelt. Wenn man nicht „umzudenken“ bereit ist, mag man sich mit Harnoncourt schwer tun. Wer allerdings von der „Verklärung“ sich zu lösen bereit ist, wird gerade bei Harnoncourt ganz faszinierend „erdige“ Facetten der Musik entdecken. Das Orchester zeigt enorme Flexibilität, sich „punktgenau vollendet“ auf die jeweiligen Wünsche einzustellen.



      Der Walzer Dynamiden op. 173 (1865) hieß zunächst Geheime Anziehungskräfte (für die Industriellengesellschaft). Das symphonische Vorspiel allein entfaltet schon die Wirkung einer großen romantischen Symphonischen Dichtung. Der Schreiber zieht Riccardo Mutis Aufnahme (1997) der von Zubin Mehta (2007) ganz knapp vor. Muti hat ein besonderes Feingefühl für den Schmelz der Musik, haarscharf, aber stets „genau richtig“ an der Grenze zum Kitsch, im besten Sinn „wienerisch musikalisch“. „Schöner“, „abgerundeter“, „himmlischer“ ist diese Musik wohl nicht „empfindbar“.

      Harmonisch und klanglich besonders reizvoll ist auch der Walzer Transactionen op. 184 komponiert, ebenfalls aus dem Jahr 1865. Erstaunlich, dass er bei den Neujahrskonzert CD Aufnahmen von Clemens Krauss bis Georges Prêtre nur mit Riccardo Muti (1993) zu finden ist, dort allerdings „optimal“, die Schwerblütigkeit wie die Größe und doch auch eine „selbstverständliche“ Leichtigkeit ausschwingen lassend. Woher hat Muti bloß diesen herrlichen, tief empfundenen und zumindest für den Wiener „ganz bis ins Herz“ mitempfindbaren wehmütigen Wiener Schmelz?



      Der für den Medizinerball 1867 entstandene Walzer Delirien op. 212 entwirft ein ganz besonders inspiriertes einleitendes Stimmungsbild einer „Fieberphantasie“, aus dessen „Fluten“ sich der eigentliche Walzer herausschält. Leider gibt es ausgerechnet diesen Walzer nicht mit Carlos Kleiber. Er stand (auf CD nachhörbar) 1987 (Karajan), 2003 (Harnoncourt) und 2007 (Mehta) auf dem Neujahrskonzert-Programm. Bei Herbert von Karajan, der in seinem einzigen Neujahrskonzert auch die „Sphärenklänge“ schon vor der Pause als besonders gewichtigen Josef Strauss Konzertschwerpunkt ausbreitet, atmet die Musik die Selbstverständlichkeit der Wiener Philharmonischen Musiziertradition auf höchstem Niveau, und der „Wiener Dialekt“ wird auch nicht verleugnet. Karajan (wie auch Mehta) wiederholt den ersten Walzer nicht, wodurch er schneller in das „Karussell“ der Fortsetzung gleitet. Bewusster, akzentuierter, differenzierter geht erneut Harnoncourt ins Werk. Indem er die Details genauer hervorhebt, „zwingt“ er den Hörer, der Musik in ihrer Komplexität wirklich genau zu folgen, sie nicht nur „unbewusst“ hören zu dürfen. Harnoncourt will, dass man zuhört, nicht nur genießt. Er hat diesen Walzer übrigens auch beim Eröffnungskonzert der Salzburger Festspiele 2009 in seinem Josef Strauss Block dirigiert.

      Der Medizinerball 1868 brachte den nächsten unglaublichen kompositorischen Höhepunkt von Josef – den Walzer Sphärenklänge op. 235, mit einer dem Titel ungemein sensibel gerecht werdenden Einleitung und einmal mehr einer besonders inspirierten Walzerfolge. Den Himmel zaubern sie alle, Krauss, Karajan (1987), Muti (2004) und Barenboim (2009), im Himmel selbst ist man aber auf jeden Fall mit Carlos Kleiber (1992), so sphärisch zart gleitet man nur mit ihm in die vollendete Seligkeit. Hat man als sie liebender Wiener Musikfreund diese Aufnahme im Ohr, diese „sternstundige“ Mischung aus virtuoser Unbedingtheit und vollendet walzerselig schwelgender Leichtigkeit, hören sich die anderen Aufnahmen fast wie blasse Abbilder an – himmlisch schöne blasse Abbilder, versteht sich. Franz Welser-Möst dirigierte diesen Walzer übrigens beim Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker 2010.

      Für die Künstlervereinigung „Hesperus“ komponierte Josef Strauss 1869 den Walzer Aquarellen op. 258, aus den Konzerten mit Claudio Abbado (1991) und Seiji Ozawa (2002) verfügbar. Abbado scheut sich nicht, die „Justament“-Effekte dieses Werks wirklich voll auszukosten. Als wäre es italienisch inspirierte Belcanto-Musik, strömen dann die Melodien dahin.

      Mein Lebenslauf ist Lieb´ und Lust op. 263, von der Anlage her „offener“, effektvoller, auch vordergründiger als andere Walzer von Josef, ebenfalls aus dem Jahr 1869, dem Anlass eines Studentenballs gemäß zwei Studentenlieder zitierend, liegt mit Clemens Krauss und Zubin Mehta (1995) vor. Mehtas dem Fluss der Musik wunderbar gerecht werdender Stereoaufnahme wird vom Schreiber die Krauss-Aufnahme erstens deswegen vorgezogen, weil auch eine historische Version in seiner „Hitliste“ dabei sein soll und zweitens, weil Krauss das Orchester so herrlich unverschämt „weinselig ordinär“, so urwienerisch musikantisch, aufspielen lässt. Die haben´s im Blut – den Wein und die Musi´.

      Vielfach versteckte Kostbarkeiten bleiben (auch) die anderen Josef Strauss Walzer, mehr erdrückt von der als eingebettet in die ganze Strauß Dynastie, zum Neujahr (und in den Konzerten davor am 30. und 31.12.) in den Interpretationsminuten so ernst genommen wie alles andere und doch wert, auch exponiert wahrgenommen zu werden: Marien-Klänge op. 214 (Muti 2000), Lustschwärmer op. 91 (Maazel 2005), Flattergeister op. 62 (Mehta 2007).
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Josef Strauss und die Polka mazur in den Neujahrskonzerten - Persönliche Hörerfahrungen und bevorzugte Aufnahmen

      Vor allem in der „Polka mazur“ kommt das „wehmütige Talent“ des Josef Strauss unvergleichlich zur Geltung. Jede ist meiner Meinung nach eine Entdeckung wert. Das ist wirklich inspirierte, kleine und doch ganz große Musik!

      Sympathie, die Polka mazur op. 73 (1859), hat gleich so ein wehmütig-sehnsüchtiges Thema, sie wurde 1990 von Zubin Mehta dirigiert.

      Die Schwebende, Polka mazur op. 110 (1861), landete 1998 im Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker so wie man nur in Wien landen kann, ebenfalls unter Mehtas Leitung.

      Die sehnsüchtig Brennende Liebe, Polka mazur op. 129 (1862), fand 1988 in Claudio Abbado die kongeniale musikalische Erfüllung.

      Seiji Ozawa dirigierte 2002 Die Schwätzerin, Polka mazur op. 144 aus dem Jahr 1863. Fünf Jahre später wird die hier noch ziemlich dezidiert dozierende Dame ihr „Plappermäulchen“ in der Polka schnell op. 245 gar nicht mehr halten wollen.

      Das einzige Werk von Josef im Neujahrskonzert 2010 mit Georges Prêtre war die wieder so ganz besonders sehnsüchtige Polka mazur Frauenherz op. 166 (1864), ein fein charmant komponiertes Werk (vgl. dazu Johann Strauß, Polka mazur „Lob der Frauen“ op. 315). Prêtres Interpretation verblasst überraschend fast zur Beliebigkeit gegenüber Riccardo Mutis sensibler, inspirierter, ungemein feinfühliger Aufnahme (1997). Nikolaus Harnoncourt spürt der Seele dieser Musik übrigens auch im auf DVD verfügbaren Eröffnungskonzert der Salzburger Festspiele 2009 besonders beherzt nach.

      Ein Kleinod für sich ist die Polka mazur Stiefmütterchen op. 183 (1865), die Riccardo Muti (von dem man sich, je mehr Josef Strauss man mit ihm hört, eine Josef Strauss CD wünscht oder gleich selbst zusammenstellt), in sein Neujahrskonzert 2004 aufnahm.

      Die nobel-dezente Polka mazur Thalia op. 195 (1866) wurde 1995 von Zubin Mehta dirigiert.

      Am berühmtesten ist wohl Die Libelle, Polka mazur op. 204 (1866), und einmal mehr schwirrt die Kleiber-Sternstunde vom 1.1.1989 mit filigranem Flügelschlag allen anderen davon – Krauss, Maazel (1983), Muti (2000), Ozawa (2002) und Prêtre (2008). So feingliedrig und doch so wienerisch bestimmt…

      Auch Arm in Arm (Polka mazur op. 215) kann man wehmütig werden, dieses Werk stand bei Zubin Mehta 1995 auf dem Programm.

      1998 dirigierte Mehta die charmante Polka mazur In der Heimath op. 231 (1867).

      Die Polka mazur Die tanzende Muse op. 266 (1869) atmet bei Claudio Abbado (1991) schwebende Leichtigkeit, während sie, unmittelbar danach in Lorin Maazels eineinhalb Minuten länger dauernder Aufnahme von 1996 gehört, seltsam behäbig und schwerfällig daherkommt.

      Hier muss unbedingt auch Die Naßwalderin, Ländler im Tempo der Polka mazur op. 267 (1869), aufgenommen werden, die Lorin Maazel (für zwei Violinen statt zwei Zithern von Michael Rot arrangiert) 1996 dirigierte.

      Leider haben Kleiber und Muti nicht die wehmütig nach Hause blickende Polka mazur Aus der Ferne op. 270 (1869) in ihre Neujahrskonzerte aufgenommen. Lorin Maazel hat diese Polka 1983 und 1994 dirigiert, sonst keiner bei den dem Schreiber vorliegenden Aufnahmen – schade! Die erste Aufnahme wirkt routiniert-selbstverständlich, die zweite dauert länger und kommt schwerfälliger daher. Da heißt es wohl warten auf eine Neujahrskonzert-Sternstunde oder bei alten Schallplatten stöbern…

      Die charmant-stilvolle Polka mazur Die Emancipirte op. 282 (das vorletzte Werk des Komponisten, 1870) erklang zu Neujahr 1979 (Boskovsky, spielt souverän „drüber weg“), 1990 (Mehta, nimmt die Musik akzentuierter, bewusster) und 2005 (Maazel, schwerfälliger, wie anderswo auch).

      Die CDs findet man vielfach bei jpc und bei amazon (Älteres dort im Second Hand Bereich), nicht alles ist aber als mp3 Einzelangebot verfügbar. das Meiste immerhin als Hörprobe.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Weitere Josef Strauss Klassiker aus den Neujahrskonzerten - Persönliche Hörerfahrungen und bevozugte Aufnahmen

      Sie ist so unverschämt herrlich schlicht, die Moulinet Polka francaise op. 57 (1858) – zur Auswahl stehen Krauss, Boskovsky (1979), Kleiber (1989) und Mehta (2007). Carlos Kleibers wienerisch vollendete Aufnahme möchte man nicht mehr missen, hat man sie einmal im Ohr.



      Aus dem Plappermäulchen (Polka schnell op. 245, 1868), vorliegend auch mit Krauss, Mehta (1998) und Ozawa (2002), macht Kleiber (1989) ein augenzwinkerndes Wiener Virtuosenschmankerl genialer hochkonzentrierter Spielfreude.

      Die Harlekin-Polka op. 48 (1858) hat Nikolaus Harnoncourt in seinem ersten Neujahrskonzert 2001 von oberflächlichem Schalk befreit und den Ernst dahinter hörbar gemacht. Man stellt sich diese Polka mit Kleiber vor, im „Plappermäulchen“-Rausch…

      Die originelle Polka schnell Pêle-mêle op. 161 (1864) nimmt selbst ein Nikolaus Harnoncourt (2003) mit virtuosem Schwung, ohne sie sofort zu hinterfragen. (Im Kontext des Salzburger Festspieleröffnungskonzerts 2009 verführt sie dann zum „fiebernden Übermut“ einer Reise durch Wiener „Zwischenwelten“.)

      Die Polka schnell Ohne Sorgen! op. 271 (1869) ist einer der Top Hits der Neujahrskonzerte. Zur Auswahl stehen Karajan (1987), Maazel (1994), Harnoncourt (2001) und Jansons (2006). Harnoncourts Aufnahme hat einen energischen Zug, dem man sich kaum entziehen kann.



      Die Jokey-Polka (andere Schreibweise Jockey-Polka), ein Galopp op. 278 aus Josefs Todesjahr 1870, liegt mit Krauss, Kleiber (1989, 1992 dann nur auf DVD) und Maazel (1996) vor. Kleibers Aufnahme von 1989 ist ein wienerisch furioses Gustostückerl vom Feinsten.

      Dann gibt es (als Neujahrskonzert Top Hits auch noch zu nennen, aber wer achtet schon darauf, dass all diese Titel von Josef sind, sie werden beim oberflächlichen Zuhören mit den anderen Werken in einen Topf geworfen) noch die Polka francaise Feuerfest! op. 269 (1869, Kleiber auf DVD 1992 - den Ausschnitt findet man übrigens bei youtube!), die Polka schnell Auf Ferienreisen op. 133 (1863), die Polka schnell Eingesendet! op. 240 (1868), die Sport-Polka (Polka schnell op. 170, komponiert 1864, bei Prêtre 2008 etwas überhitzt), und die Polka schnell Vorwärts! op. 127 (1862), alle mindestens aus zwei verschiedenen Neujahrskonzerten auf CD verfügbar. Die Polka schnell Im Fluge op. 230 (1867) hat Claudio Abbado 1988 im Neujahrskonzert dirigiert, Daniel Barenboim 2009 im Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker in Schönbrunn.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Lieber Alexander!

      Ich bin auch ein großer Fan von Josef Strauss' Musik, die für mich immer die Höhepunkte der Wiener Neujahrskonzerte darstellt. Dieses Changieren zwischen sinfonischer Dichtung und (Pseudo-)Tanzmusik finde ich äußerst reizvoll. Mein persönlicher Lieblingswalzer ist mit Abstand "Delirien". Auch die "Libelle" ist sicherlich zu Recht eines von Josefs bekanntesten Stücken. Es ist nur schade, dass Josef auf CD so schlecht erschlossen ist: entweder man kauft gleich die ganze Marco Polo-Edition, oder man braucht sämtliche Neujahrskonzertaufnahmen, um eine respektable Zahl von Werken kennenzulernen... Ein Mittelding wäre einmal nicht übel!

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • "Plappermäulchen" sehe ich ein wenig als eine bessere Version der "Tritsch-tratsch-Polka": ein äußerst mitreißendes brillantes Stück.
      Wenn Kleiber eines der Josef-Strauss-Stücke dirigiert hat, ist es meistens mein Favorit. Leider meine besonderen Lieblinge "Dynamiden" und "Aquarellen" nicht. Bei letzerem Walzer gefällt mir Abbado auch sehr gut. "Dynamiden" habe ich wohl zum ersten Mal richtig in der vorübergehend bei Brilliant veröffentlichten Auswahl, die Anton Paulik dirigiert hat (ursprgl. Vanguard-Aufnahmen), gehört. Ein großartiges Werk und anders als der Großteil der Paulik-Auswahl, sogar in Stereo eingespielt.

      Kater Murr
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Faszinierend finde ich den Lebenslauf. Josef Strauss wollte, mitten in einer totalen Musikerfamilie lebend, Ingenieur werden und hat sich dann der Notwendigkeit gefügt, einzuspringen. Er hat das quasi von heute auf morgen gekonnt, ist vom Hobby zum Berufsmusiker umgestiegen, als Dirigent (und, dies wohl noch widerwilliger als das andere, Stehgeiger), Komponist (trotz des Haltens an die Formschemata der Walzer und Polkas sofort individuell inspiriert) und als Arrangeur (etwa Wagner- und Liszt-Werke für die Kapelle). Er soll ja ein eher introvertierter Typ gewesen sein, trotzdem hat er in der Maschinerie der "Firma Strauß" funktioniert, Woche für Woche, mit Novitäten und selbstverständlicher Aufführungsroutine. dabei hat er sich verzehrt, ist früh gestorben. Die "Funktion" der Strauß-Brüder ("Partymusik") erfüllen heutzutage wohl DJs.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Im Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2011 unter Franz Welser-Möst wurde Josef Strauss wieder einmal aufs „Pflichtprogramm“ zweier Stücke reduziert (Bruder Johann bekam drei Erstaufführungen!): Immerhin die wehmütige Polka mazur „Aus der Ferne“, die zuletzt zweimal unter Maazels Leitung erklang und endlich die nötige frischere bald zu erwartende CD-Aufnahme für den Sammler bedeutet, sowie das festliche Finale vor den Zugaben mit dem großen Walzer „Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust“, zuletzt 1995 unter Mehta zu hören gewesen. Ich bin gespannt auf die CD und den Hörvergleich mit den früheren Aufnahmen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Am 1.1.2012 mit Mariss Jansons also für den speziellen Josef Strauss Fan erfreulich mehr Josef als 2006, wo es nur zwei Beiträge gab.
      "Vaterländischer Marsch" und "Pizzicato Polka", Zusammenarbeiten mit Bruder Johann.
      "Jokey Polka", Polka schnell, op. 278 - war lange nicht mehr zu hören, mit Kleiber auf youtube verfügbar.
      "Künstler-Gruß", Polka française, op. 274 - für mich neu, auf keiner der CDs seit 1979 enthalten.
      "Feuerfest", Polka française, op. 269 - ein Klassiker, mit Kleiber auf DVD und bei youtube.
      "Brennende Liebe", Polka Mazur, op. 129 - zuletzt 1988 (Claudio Abbado) - bin gespannt auf den Hörvergleich, sobald die CD da ist.
      Und einer der genialsten Walzer überhaupt, "Delirien", Walzer, op. 212 - ich freue mich ungemein auf die CD und hier auf den Hörvergleich mit Karajan (1987), Harnoncourt (2003) und Mehta (2007).
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Lieber Alexander!

      Bei Josef Strauss geht es mir wie Dir, Ich liebe ihn bedeutend mehr als Johann oder Eduard. Jedes Neujahrskonzert sollte bedeutend mehr Werke von ihm bringen. "Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust" z.B. ist einer meiner Lieblingskompositionen.

      und beim Radetzkymarsch hast Du unbedingt Recht, der ist einfach zu lange schon am Programm.

      Liebe grüße sendet Dir Peter aus Wien. :wink:
    • oper337 schrieb:


      Bei Josef Strauss geht es mir wie Dir, Ich liebe ihn bedeutend mehr als Johann oder Eduard. Jedes Neujahrskonzert sollte bedeutend mehr Werke von ihm bringen.


      Dieser Meinung schließe ich mich unbedingt an! Das heurige Neujahrskonzert hat mir daher besonders gut gefallen - so viel Josef, und dazu noch zwei meiner Lieblingsstücke von ihm, die "Delirien" (mein Alltime-Favorit bei den Walzern) und die "Brennende Liebe".

      Grad ist mir übrigens beim Josef-Strauss-Hören aufgefallen, dass die Introduktion zu den "Sphärenklängen" gegen Ende fast ein bisschen die Salome-Schlussszene vom anderen Strauss vorwegzunehmen scheint... 8o ;+)

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • oper337 schrieb:

      Bei Josef Strauss geht es mir wie Dir, Ich liebe ihn bedeutend mehr als Johann oder Eduard.
      Da sind wir wieder einmal einer Meinung. Man muß nur in einem Punkt ein wenig vorsichtig sein: Er hat ja, wie Johann, zwar nicht ganz so viel aber immer noch sehr viel komponiert. Zwangsläufig gibt es da auch viele schwächere Werke, und die sind bei Josef dann wirklich sehr, sehr schwach, während es Johann immer wieder schafft, sich mit seinem Routine-Charme vor dem Schlimmsten zu retten.
      Aber die absolut erstklassigen und die sehr guten Werke von Josef übertreffen alles, was es in diesem Genre gibt. Kein anderer legt ein derartiges harmonisches Raffinement an den Tag, und zwar nicht nur in den Einleitungen, sondern auch in den Walzerketten selbst. Man höre sich nur das Paradebeispiel, die "Delirien" an - für mich überhaupt der schönste Walzer (neben dem Kaiserwalzer von Johann). Die Einleitung wagnert, und die Walzerkette ist von einer chromatisch infiltrierten Geschmeidigkeit, die einzigartig ist. Die "Sphärenklänge", ebenbürtig neben den "Delirien" stehend, gehen dann schon ganz in die Richtung der Richard-Strauss-Walzer, und ich bin sicher, daß der "Rosenkavalier" ohne Josef Strauss anders geklungen hätte.
      Ich halte Josef Strauss jedenfalls für einen der am sträflichsten unterschätzten Komponisten, und ich fände es gerecht, einmal ein Neujahrskonzert, ein einziges nur, mit Josef Strauss im Zentrum zu begehen. Nicht nur von wegen ausgleichender Gerechtigkeit, sondern weil das wirklich ein fabelhafter Komponist war.
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Lieber Edwin!

      Ein Neujahrskonzert fast nur mit Josef Strauss und, mit dem auch sehr unterschätzten, Carl Michael Ziehrer, das wäre nach meinem Geschmack.

      Carl Michael Ziehrer hat zwar diesmals die "Wiener Bürger" drin gehabt, aber ansonsten?!

      Außerdem denke ich könnte das Konzert Internationaler werden - Émile Waldteufel wäre z. B wert auch in Wien gebracht zu werden. Da gibt es zwar die "Schlittschuhläufer" u.a, aber ansonsten ist er fast ganz vergessen, zumindest in Wien.

      Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :wink: :wink:
    • Edwin schrieb:

      und ich bin sicher, daß der "Rosenkavalier" ohne Josef Strauss anders geklungen hätte.



      Da bin ich vollkommen bei Dir, nur: heißt das, daß Deine Abneigung gegen respektive die laue Wertschätzung für den "Rosenkavalier" sich ein bisserl aufgeweicht hat??

      Was Josef Strauss betrifft, so bekenne auch ich, daß mich ab und zu die Versuchung packt, ihn noch mehr zu mögen als den Jean - aber im Grunde sind mir beide gleich lieb und unentbehrlich.

      :wink: Waldi
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • Waldi schrieb:

      heißt das, daß Deine Abneigung gegen respektive die laue Wertschätzung für den "Rosenkavalier" sich ein bisserl aufgeweicht hat??

      Furchtbar, nicht wahr? Ich werd von Tag zu Tag konservativer...
      (Ich halte den "Rosenkavalier" immer noch für wesentlich zu lang, aber als ich ihn mir neulich wieder einmal durchspielte, um ihn grauenhaft zu finden, entdeckte ich ein paar Schönheiten, die mir nicht aus dem Kopf wollen.)
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Im Musikhimmel ist mehr Freude über einen reuigen Sünder denn über hundert Gerechte! Du entdeckst Schönheiten im "Rosenkavalier", Du verherrlichst Operettenklänge...und wann findest Du außer dem Timbre noch Vorzüge bei einer gewissen Sängerin der Anna Bolena?? Oder muß ich Dich einmal mit einer ungarischen Flasche in die richtige Bekehrstimmung versetzen?

      :wink: Waldi (der in den letzten Jahren etwas weniger konservativ geworden ist, oder bin ich einfach altersmilde?)
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.


    • Einmal mehr ganz persönliche Höreindrücke (von der CD-Aufnahme)...

      Das Neujahrskonzert 2013 mit Franz Welser-Möst und den Wiener Philharmonikern (nachhörbar auf 2 CDs Sony 88765413552) war ein besonderes Konzert für den Freund der Musik speziell von Josef Strauss, nicht nur wegen der Anwesenheit der Urenkelin des Komponisten im Großen Wiener Musikvereinssaal am 1.1.2013. Wahrscheinlich erstmals waren in einem Neujahrskonzert mehr Werke von Josef als von seinem Bruder Johann zu hören (nämlich insgesamt sieben), und alle drei Konzertteile (erster Teil, zweiter Teil und Zugaben) begannen mit Josef Strauss. Fünf der sieben Werke wurden erstmals im Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker gespielt. Meiner Meinung nach hat Welser-Möst viel Feingefühl für die Balancehaltung der Musik dieses speziellen Konzerts, symphonisch hochkonzentriert in bester Wiener Klangkultur, gleichzeitig durchaus leicht und transparent durchhörbar. Das bewährt sich auch und gerade bei den Werken von Josef Strauss.

      Das Konzert begann mit der Polka schnell „Die Soubrette“ op. 109 aus dem Jahr 1861 – die erste der vier Novitäten. Wer mag, kann sich bei dieser Musik wirklich eine Soubrette in stimmlicher Aktion vorstellen.

      Die „Theater-Quadrille“ op. 231 aus dem Jahr 1867 (zweite Novität) fasst Melodien aus den aktuellsten damaligen Musiktheaterproduktionen an Wiener Bühnen zusammen – aus Verdis „Maskenball“, Peter Ludwig Hertels „Flick und Flock“, Meyerbeers „Dinorah“ und „Die Afrikanerin“, Adolf Müller Seniors „Die Eselshaut“, Julius Hopps „Donauweibchen und der Ritter vom Kahlenberg“, Offenbachs „Blaubart“ sowie Suppés „Leichte Cavallerie“ und „Die alte Schachtel“.

      Die Polka française „Die Spinnerin“ op. 192 (1866, Novität 3) lässt natürlich die Spinnradbewegungen in der Musik mitlaufen.

      Den zweiten Teil eröffnete der große „Sphärenklänge“ Walzer, der mit Welser-Möst und den Wiener Philharmonikern bereits aus dem Sommernachtskonzert 2010 auf CD und DVD vorliegt. Wieder findet der Dirigent eine schöne Balance aus Wiener Klangkultur, konzentrierter Walzerseligkeit und so typischer Leichtigkeit, die im Idealfall die Neujahrskonzerte durchzieht. Und doch kann ich der Verlockung nicht widerstehen, diese Interpretation mit Carlos Kleibers Neujahrskonzertaufnahme von 1992 zu vergleichen und einmal mehr zu staunen, wie noch unglaublich feiner schattiert Kleiber diese Musik zu gestalten vermochte. Man hört es an vielen Details dieses Walzers.

      Der „Hesperusbahnen“ Walzer op. 279 (1870, Novität 4) war wohl, folgt man Sommer/Brusatti, die letzte Wiener Uraufführung eines Werks dieses Komponisten zu Lebzeiten. Er reiht sich nicht nur mit seiner wieder ganz eigenen Einleitung und seinem auffallend farbig instrumentierten ersten Walzer kongenial ein in die großen symphonischen Konzertwalzer des Josef Strauss.

      Die fünfte Novität gibt es mit der Polka schnell „Galoppin“ op. 237 (1868).

      Und die erste Zugabe des Neujahrskonzerts 2013, das berühmte „Plappermäulchen“, muss sich bei mir wieder den Vergleich mit Kleiber (diesmal 1989) gefallen lassen. Welser-Möst wahrt eigentlich wirklich sensibel die Balance zwischen forciertem Schmiss und Wiener Leichtigkeit, während Kleiber noch forcierter, nahezu unter Hochspannung, und trotzdem auch voll ganz gelöster Heiterkeit musizieren lässt – ein irrer, genialer Spagat.

      Meiner Meinung nach halten „Sphärenklänge“ und „Plappermäulchen“ von 2013 alles in allem ganz gut mit den bisher besten Aufnahmen aus den Neujahrskonzerten mit, und die fünf Neuzugänge finden ihren würdigen Platz in der Diskografie dieses Ereignisses. Man darf gespannt sein, ob es vor 2020 (150. Todestag) oder 2027 (200. Geburtstag, beide Jahre ja übrigens auch „Beethoven-Jahre“) noch einmal so viele Josef Strauss Werke in einem Neujahrskonzert geben wird.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hier ein weiterer persönlicher Höreindruck:

      Der Delirien-Walzer op. 212 von Josef Strauss – was für eine (symphonische) Einleitung, was für ein erster Walzer! Benebelt ausufernde Fantasien, in den Himmel verklärt, wo ein Engerlvogerl singt, die Fieberfantasie verdichtet sich – und fließt dann aber zurück in geregelte Bahnen. Der erste Walzer bleibt in diesem Fluss, der „richtige“ Walzer schält sich heraus und kulminiert im zweiten Teil als Lebenslust im Wiener Prater. Ab dem zweiten Walzer der Walzerkette pendelt sich das Geschehen „konventionell“ als typische Walzerkette ein. Im zweiten Teil des dritten Walzers wird es schwelgerisch-sehnsüchtig, im zweiten Teil des vierten Walzers irgendwie traumverloren. In der Coda fließt das Geschehen wieder zusammen, es kanalisiert sich, bis zum konzertant auftrumpfenden Schluss.



      In der Decca Box mit den frühen Aufnahmen Herbert von Karajans mit den Wiener Philharmonikern (9 CDs 478 0155), bestechend durch akustisch toll aufgefächerten Analog-Raumklang des Wiener Sofiensaals, ist dieser Walzer, umgeben von Werken des Bruders Johann, auch enthalten. Aufgenommen wurde er am 7. und 8.4.1959. Als einziger Komponist ist Josef im Beiheft klein geschrieben. (Nicht so wichtig wohl.) Das Klangbild macht die an sich durchaus wienerisch empfundene Interpretation internationaler, allzu viel Zuckersüße bleibt ausgespart. Man merkt schon in jeder Nuance, dass hier ein Wiener Orchester spielt, unter der Leitung eines österreichischen Dirigenten. Der erste Walzer wird nicht unmittelbar wiederholt, nur wie ja auch vorgeschrieben nach dem zweiten Teil dieses Walzers noch einmal gespielt. Dadurch bleibt die Musik im Fluss. (Bei Harnoncourt, wo die Wiederholung gespielt wird, tritt ein retardierendes Moment ein.) Karajan wiederholt auch beide Teile des zweiten Walzers nicht, und dazu den ersten Teil des vierten Walzers.



      Beim Neujahrskonzert 1987 (CD DGG 419 616-2, das war die Erstauflage) wiederholt Karajan die beiden Teile des zweiten Walzers sehr wohl, wodurch die Spielzeit auf 9:11 Minuten (gegenüber 8:22 Minuten 1959) erweitert wird. (Den Rest übernimmt er, was Weglassungen betrifft, von 1959.) Der direkte Hörvergleich offenbart 1987 einen vollblütigen, noch wienerisch weicheren Sound. Karajan lässt musikantischer spielen, so richtig mit Wiener G´fühl. Beim ersten Teil des fünften Walzers hält sich Karajan hier auffallend zurück, da tritt auch ein retardierendes Moment in die Walzerfolge.

      1960 wurde quasi die mondäne Weltstadt Wien präsentiert, 1987 landete man herzhaft gerne und gelöst beim Heurigen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • ich möchte nicht viel schreiben,aber da hier von Willi Boskovskys Einspielungen nicht viel zu lesen ist, werfe ich mal diese Edition in den Raum. Sie wurde auch in allen möglichen Variationen einzeln immer wieder aufgelegt.




      Das Weiteren möchte ich an die Aufnahmen erinnern, die Robert Stolz in den frühen 70-er Jahren eingespielt hat. Er bekam übrigens den Dirigentenstab von Johann Strauss überreicht als junger Mann.







      Die Serie wurde übrigens mit dem "Grand Prix Du Disque" ausgezeichnet damals....

      VG,Maurice
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)


    • Als Josef Strauss Freund freue ich mich (ähnlich wie schon 2013) beim Neujahrskonzert 2014, Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker (2 CDs Sony), über die Gleichberechtigung mit Bruder Johann (jeweils sieben Werke) und über vier Erstaufführungen in den Neujahrskonzerten. Der Walzer „Friedenspalmen“ op. 207 entstand 1866 nach der Schlacht von Königgrätz und dem Prager Friedensvertrag zwischen Österreich und Preußen. Wieder einmal erstaunt die symphonische Einleitung – wie sich aus melancholischer Friedensruhe die „militärische Festlegung“ emanzipiert. Die „Bouquet-Polka“, Polka schnell op. 188, wurde 1864 nebst anderen Werken zur Eröffnung der „Blumensäle“ (Parkring 12 in Wien) uraufgeführt. Auch die charmant-neckische Polka mazur „Neckerei“ op. 262 gelangte 1869 dort zur ersten Aufführung. Schon für den Fasching 1861 komponierte Josef Strauss die Polka schnell „Schabernack“ op. 98. Die erste Zugabe des Neujahrskonzerts, die nach einem Pferdesportbegriff benannte Polka schnell „Carrière“ op. 200, 1866 uraufgeführt, erklang allerdings bereits im Neujahrskonzert 1997 unter Riccardo Mutis Leitung – es handelt sich also entgegen der Angabe im CD Beiheft um keine Erstaufführung in den Neujahrskonzerten. Ein wohlbekannter Klassiker des Neujahrskonzerts ist die viel gespielte Polka schnell „Ohne Sorgen!“ op. 217. Der Walzer „Geheime Anziehungskräfte (Dynamiden)“ op. 173, bekannt nicht zuletzt deswegen, weil Richard Strauss sich durch ihn zu einem „Rosenkavalier“ Walzer inspirieren ließ, war unter anderem auch 1997 unter Mutis Leitung zu hören gewesen. Ich konnte dem Hörvergleich nicht widerstehen. Mutis Aufnahme finde ich wunderschön in jeder Beziehung – Philharmonische Klangschönheit sondergleichen, „melancholische Leichtigkeit“, fließend nuanciert. In Barenboims grundsätzlich wie ich es höre besonders feinfühlig erspürtem Neujahrskonzert 2014 wirkt die Musik dieses Walzers auf einmal, direkt nach Muti gehört, ungleich gewichtiger, schicksalhafter, dramatischer – Wiener Verklärung hier, symphonisches Musikdrama da.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK