Alice Sara Ott - Beseelte Transparenz im Vollgriff

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    • Alice Sara Ott - Beseelte Transparenz im Vollgriff

      ALICE SARA OTT – BESEELTE TRANSPARENZ IM VOLLGRIFF

      Versuch einer Standortbestimmung, eventuell bald mögliche Einordnung in die „großen Pianisten unserer Zeit“ und Versuch einer Beschreibung der Charakteristik ihres Klavierspiels

      Am 17.10.2010 erhielt sie zusammen mit Olga Scheps den „Echo Klassik“ als Nachwuchskünstlerin des Jahres. Am 7.11.2010 sprang sie kurzfristig für Lang Lang ein und spielte in der Londoner Barbican Hall mit dem London Symphony Orchestra unter der Leitung von Daniel Harding das Erste Klavierkonzert von Franz Liszt. Am selben Tag Porträt in „Titel Thesen Temperamente“ (ARD). Am 13.11.2010 Porträt in „Capriccio“ (BR). Am 13.11.2010 in Magdeburg und am Tag darauf in Leipzig (live übertragen in MDR Figaro) stand Tschaikowskys Erstes Klavierkonzert auf dem Programm, zusammen mit Krzysztof Urbanski und dem MDR Rundfunkorchester. Dazu auch Kurzporträt im MDR Fernsehen. Am 15.11.2010 Porträt in „Kulturzeit“ (3sat). Am 26.11.2011 debütierte Alice Sara Ott beim Lucerne Festival in der Lukaskirche mit einem Solo Recital. Am 5.12.2010 gibt es in der Münchner Philharmonie im Gasteig Griegs Klavierkonzert a-moll mit der Tschechischen Philharmonie Prag unter Ariel Zuckermann (Bericht folgt). Im Dezember folgen noch zwei Konzerte in den Niederlanden, Anfang 2011 geht die Künstlerin auf Japan-Tournee.

      Sie ist also schon „ganz drin“ im Geschäft. Von der „Deutschen Grammophon“ (DGG) beworbene CDs, Konzerte rund um die Welt, Fernsehauftritte. Der Aufbruch einer Künstlerin mitten in eine Pianistenkarriere, aber auch mitten in einer vieles brutal demaskierenden „Götterdämmerungs“-Zeit vielfach erwünschter Beliebigkeit.

      Hat sie das Zeug zu einer großen Karriere? Gehört sie dann in den wohl nie mehr geschriebenen aktuellen Folgeband von Joachim Kaisers „Großen Pianisten unserer Zeit“?

      (Ich glaube hier passt der Text trotzdem besser hin als einen eigenen Thread dafür zu öffnen.)

      Alice Sara Ott, im August 1988 in München geboren, japanische Mutter, deutscher Vater, schon in früher Kindheit Preise bei Klavierwettbewerben, Studium bei Karl Heinz Kämmerling am Mozarteum Salzburg, mit 15 Jahren die erste CD, mit 20 Jahren Vertrag mit „der“ Klassik Company schlechthin, „Kollegin“ also von Lang Lang, Hélène Grimaud, Yuja Wang, Rafal Blechacz und Yundi Li. Professionelle Homepage. Bis Ende 2010 drei CDs bei der DGG. Auftritt in einem Club für die „ZDF Aspekte“, Auftritt bei „3 nach 9“, Interview für das BR Szenemagazin „U21“, Promotion für die Chopin Walzer CD mit Klavier auf der ehemaligen Lenin-Werft in Danzig, Fotosessions als Model für die Vermarktung der CDs, Konzertplakate mit ihr als „Star“ (trotz auch anderer Mitwirkender), Autogrammkarten bei ebay, Clips mit Liszt, Chopin und Ausschnitten aus Beethovens „Waldstein“ und „Appassionata“ Sonaten bei youtube. Möglichkeit zur facebook Freundschaft.

      Aufmerksam geworden auf sie bin ich nicht durch die Werbung der Plattenfirma, sondern durch einen Konzertmitschnitt vom 6.8.2010 vom Festival La Roque D'Anthéron, gesendet in BR-Klassik am 25.8.2010. Frédéric Chopins Valses brillantes op. 34 Nr. 1-3 und Valses op. 64 Nr. 1 und 2, dann Franz Liszt, 6 Grandes Études de Paganini, als Zugabe Johannes Brahms, Walzer gis-Moll op. 39/3. Interpretatorisch ungleich mehr beseelte Musik als auf sich aufmerksam machen wollende Selbstpräsentation, das ließ aufhorchen. Auffallende Tendenz, die Virtuosität nie zum Selbstzweck auszukosten, sich nicht mit ihrer Hilfe vordergründig den Erfolg zu sichern und Bewunderung zu heischen, sondern die Begabung zur wie selbstverständlich erscheinenden technischen Bewältigung auch schwerster Klaviermusik einzusetzen, um die Poesie der Musik auch im Virtuosen zu entfalten.

      Mein Eindruck: Beseelte Transparenz im Vollgriff.

      Die erste CD – Franz Liszt ((RAM/BR ram 50402, erschienen im Mai 2004)
      Das Cover spielt mit dem japanischen Wunderkind-Image und somit schielend auf den japanischen Markt. Fotos einer 14jährigen Pianistin, japanische Schriftzeichen über den europäischen.
      Jede der 6 Grandes Etudes de Paganini (1832) hat ihre Seele, das macht diese Aufnahme deutlich. Alice Sara Ott spielt hier überraschend „alterslos“. Ihr Klavierspiel wirkt reif, ohne diese Reife mit vordergründiger Überlegenheit auszuspielen. Man hört die Substanz der Musik, nicht die Leistung der Interpretin. Diese Musik, so gespielt, ist weit weg von brillantem Selbstzweck. Die Nr. 3 „La Campanella“ („Das Glückchen“) gehört zu Liszts bekanntesten Werken. Emil Gilels hat diese Etüde im Februar 1954 in Paris elegant, delikat und virtuos gespielt, zu hören in der „Klavier Kaiser“ Box. Das ist bester Konzertprunk, Alice Sara Ott wirkt hier natürlich (noch) viel zurückhaltender. Besonders berühmt ist auch die Nr. 6, Variationen über Paganinis Caprice in a-Moll, über die auch Brahms, Lutoslawski, Rachmaninow, Boris Blacher, Andrew Lloyd Webber und viele andere Komponisten Variationen geschrieben haben. Wer so ein Werk aufnimmt, „kann“ es natürlich spielen. Insofern staunt man nicht in erster Linie über die Fingerfertigkeit der Pianistin, sondern vielmehr über ihr auch hier beseeltes Spiel.
      Die 6 Consolations („Tröstungen“) hat Liszt 1850 vollendet. Der leichte, unbeschwerte Blick einer 15jährigen auf diese Stücke (berühmt vor allem Nr. 3, ein Nocturne, Nr. 4, der Stern, auch Nr. 5, die „himmlische Liebe“) nimmt für sich ein. Die Consolations sind sicher auch weiser, grüblerischer, pathetischer vorstellbar als in dieser wie ich finde schön transparenten, liebevoll „jungen“ Interpretation.
      Selbst bei der berühmten Ungarischen Rhapsodie Nr. 2 ist Alice Sara Ott die Seele der Musik hörbar wichtiger als der Effekt. Zumindest ich höre es so, ich höre es nicht kalkuliert, nicht als äußerlich aufoktroyiertes Interpretationsprinzip.
      Diese CD erschließt sich mir als die Talentprobe einer echten Musikerin, keines auf Jungstar gedrillten Wunderkindes.



      Im November 2007 lag der Zeitschrift Fono Forum eine CD der Reihe „Edition Klavier-Festival-Ruhr“ bei, diesmal mit Alice Sara Ott und Werken von Beethoven, Liszt und Schumann. Enthalten in der Box "Edition Klavier Festival Ruhr - Portraits III". Das ist quasi die "inoffizielle" zweite CD, da zuerst Zeitschriftenbeilage, dann Teil einer Box. Besprechung wird nachgeliefert.



      Die dritte CD – Franz Liszt, Etudes d´execution transcendante (DGG 477 8362, erschienen im Mai 2009, vor Weihnachten 2010 im verbilligten Preissegment ab 7,95 € verfügbar)
      Der optische Einstieg bei der DGG (Digipack Hülle und Beiheft zur CD) verkauft eine hübsche junge Frau, und trotz der aufgeklebten Werbezitate, die die musikalische Substanz herausstreichen, suggeriert die Aufmachung, der Inhalt der CD sei irgendwie egal, man solle die CD wegen des Covers erwerben. Der Versuch der Firma, auf jeden Fall Publikum jenseits des musikalischen Zielpublikums anzusprechen.
      Der musikalische Einstieg bei der DGG also (um den geht es dann doch) mit einem richtigen Prüfstein, den nicht viele im Repertoire haben, ein von Liszt in letzter Fassung 1852 veröffentlichter virtuos gewaltiger Zyklus, der alles abfordert an Technik und Musikalität. Lazar Bermans Aufnahme ist berühmt. Mit Boris Berezovsky gibt es eine DVD vom Festival La Roque D'Anthéron aus dem Jahr 2002, ein grandioser zwölfteiliger Kraftakt, man kann (auch auf youtube) dem Pianisten bei seinen aberwitzig wilden Sprüngen auf die Finger schauen, toll aufgebaute Spannungsbögen, voll „wissender Impulsivität“. Hört man diese kraftvoll-virtuosen Aufnahmen mit Berman oder Berezovsky, liest man in den Noten mit, so erwartet man „voll angreifende“, technisch atemberaubende Bravourakte. Den meisten sind Namen vorangestellt: Nr. 1 Preludio, Nr. 3 Paysage (Landschaft), Nr. 4 Mazeppa, Nr. 5 Feux follets (Irrlichter), Nr. 6 Vision, Nr. 7 Eroica, Nr. 8 Wilde Jagd, Nr. 9 Ricordanza (Erinnerung), Nr. 11 Harmonies du soir (Abendklänge) und Nr. 12 Chasse-neige (Schneetreiben).
      Alice Sara Otts Aufnahme entstand im Juni 2008 in der Friedrich-Ebert-Halle in Hamburg-Harburg. Wie schon bei der ersten CD, die ja ebenfalls Liszt gehörte, zeigt sich die Künstlerin nicht als Fortissimo-Auftrumpferin, sie achtet vielmehr auf Transparenz, Poesie und Leichtigkeit, auf die Seele der Musik, ausgehend von stupender, glasklarer Technik. Es geht nicht darum, wie toll Alice Sara Ott diese Musik spielt (deren virtuoser Grundton ja ohnedies nicht verleugnet werden kann und will), sondern wie substanziell gut diese Musik eigentlich komponiert ist. Ob Landschaft, Mazeppa-Ritt, Irrlichter oder Vision, ob Erinnerung oder Schneetreiben – die Anschlags-Transparenz gibt jedem Stückcharakter eine signifikante, irisierend „leichte“ Durchhörbarkeit bei aller vollgriffiger Massivität zwischendurch.



      Die vierte CD – Frédéric Chopin, Complete Waltzes (DGG 477 8095, erschienen Januar 2010)
      Die Vermarktungsstrategie, das gut verkaufbare Äußere herauszustreichen, wird bei Cover und Beiheft beibehalten. Ein Foto zeigt Alice Sara Ott am Klavier am Gelände der ehemaligern Lenin-Werft in Danzig. Politisches Statement oder Promotionstrategie?
      17 Walzer hat Chopin komponiert, dazu kommen zwei weitere passende Werke in Es-Dur, KK IVa 14 stammt aber wahrscheinlich nicht von Chopin, wie die Henle Notenausgabe aufschlüsselt. Alice Sara Ott hat alle 19 Stücke im August 2009 im Teldex Studio in Berlin eingespielt. Sie betont, jeder Walzer habe einen eigenen Charakter.
      Zunächst höre ich mir die Chopin Walzer aber mit Artur Rubinstein an (CD Box The Chopin Collection, RCA Victor GD 60822), eingespielt am 25.6.1963. Rubinstein spielt im Gegensatz zu Alice Sara Ott nur 14 Walzer, von denen ohne Opuszahl nur KK IVa 15. Charmant, musikantisch, weltmännisch, souverän, selbstverständlich – das ist ein Standard, den Rubinstein im besten Sinn offenbar jederzeit abrufbar hingelegt hat. Aus der Schlichtheit einiger Vorlagen holt Rubinstein ein „wissendes Geheimnis“. Diese Chopin Walzer Rubinsteins wirken (auch im allerbesten Sinn) wie beiläufig-souveräne Salonmusik. Selbstverständliches Repertoire der ganz Großen.
      Alice Sara Ott empfindet jeden einzelnen Walzer musikalisch individueller. Die Abschnitte innerhalb der Stücke werden im Charakter deutlicher differenziert. Alice Sara Ott versucht, die Seele der Musik, die Empfindsamkeit, zum Klingen zu bringen. Einige Walzer erhalten dadurch einen gewichtigeren Grundton als bei Rubinstein. Op. 34/2 und KK IVb 11 etwa wirken dunkler, unheimlicher, wie durch einen Schleier. Op. 42 und KK IVa 15 kommen hingegen als spritzige „Gustostückerl“ daher. Alice Sara Ott spielt die Walzer bewusster, aber doch auch schwerelos. Wunderbar behutsam gelingt der Künstlerin etwa KK IVb 10 Es-Dur.
      Wie bei den „Consolations“ von Liszt mag man auch hier den unschuldig-naiven Blick der Jugend durchhören, bei aller Charakterstück-Differenzierung.



      Die fünfte CD – Klavierkonzerte von Tschaikowsky und Liszt (DGG 477 8779, erschienen im September 2010)
      Die erste CD der Künstlerin mit Klavierkonzerten, die dritte, die auf das hübsche Aussehen am Cover und im Beiheft großen Wert legt, bringt noch dazu zwei absolute Top-Hits des Repertoires, wohl „die“ virtuosen Klavierkonzerte schlechthin. Im November 2009 in der Münchner Philharmonie im Gasteig zusammen mit den Münchner Philharmonikern unter Thomas Hengelbrock aufgenommen (Tschaikowsky live, Liszt ohne Publikum), zeigt sich Alice Sara Ott auch bei Tschaikowskys Konzert b-moll op. 23 und bei Liszts Konzert Es-Dur als Erzählerin und Sängerin am Klavier, die das Virtuose der Seele der Musik unterordnet. Ihr transparentes technisches Können ermöglicht sensible Farbschattierungen. Vor allem die lyrischeren Passagen kommen in beiden Werken sehr schön zur Geltung. (Ihr Tschaikowsky Konzert wirkte in der MDR Liveübertragung am 14.10.2010 aber dann doch etwas konzertant-mutiger. Anders mutig dort ihre Zugaben-Entscheidung: Beethovens „Für Elise“…)



      Noch startet Alice Sara Ott durch, man darf auf Bach, Mozart, mehr Beethoven, auf Schubert, Schumann, mehr Chopin, auf Brahms warten, auf Raritäten, auf Werke aus dem 20. Jahrhundert, auf viel mehr. Vielleicht improvisiert sie auch? Transparente technische Möglichkeiten, Fähigkeit zum beseelten Eintauchen in die Poesie der Musik – wer weiß was sie für die und die Musikwelt für sie bereithält.

      Mein vorläufiger Eindruck: beseelte Transparenz im Vollgriff.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • AlexanderK schrieb:

      Im November 2009 in der Münchner Philharmonie im Gasteig zusammen mit den Münchner Philharmonikern unter Thomas Hengelbrock aufgenommen (


      Hallo Alexander,

      bei einem der Konzerte waren wir wohl. Die Erinnerung verblasst natürlich mit der Zeit, aber es hat uns sehr gut gefallen. Ich bin eigentlich nicht so ein Fan des Tschaikowskischen Klavierkonzerts, aber da war es mitreißend gespielt. Danke für den Hinweis auf die Aufnahme, werde ich bei Gelegenheit mal reinhören.

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Lieber Alexander,

      herzlichen Dank für die schöne Eröffnung! Von Alice Sara Ott kenne ich bisher nur eine Aufnahme, die von Dir beschriebene Aufnahme bei der DG. Du hast sie treffend charakterisiert - finde ich.

      :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Ich schleiche ja immer wieder einmal um diese CD herum:



      Schlüssig bin ich mir immer noch nicht. Aufnahmen der Waldstein-Sonate habe ich eigentlich genügend, deswegen habe ich mich noch nicht überwinden können, diese CD zu kaufen. Kennt jemand die Aufahme genauer?

      :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Lieber Christian!

      Als Sammler habe ich diese CD natürlich sofort gekauft. Alice Sara Ott spielt wie immer transparent. Sie nimmt die Werke eher luftig-leicht. Mir ist dieser Beethoven-Ansatz zu wenig dramatisch, zu wenig kämpferisch. Bei den Liszt Etüden und Chopin Walzern, selbst bei den Konzerten von Tschaikowsky und Liszt empfinde ich ihren transparenten Ansatz (als Alternative zu anderen Einspielungen) sehr reizvoll, auf dieser CD finde ich am überzeugendsten ""Die Wut über den verlorenen Groschen". Sie hat mit der DGG einen Vertrag über fünf CD Produktionen. Eine fehlt also noch, bin gespannt, was folgen wird...

      Hier kann man sich ein Bild vom Ansatz der Pianistin machen: "http://www.youtube.com/watch?v=Vmw0Kdxx3oQ"
      Und hier der langsame Satz aus op.2/3 - transparent und schon sehr poetisch (wie ich finde), aber "es" funkt bei vielen anderen in der Flut der Beethoven Interpretationen vielleicht doch noch mehr:
      "http://www.youtube.com/watch?v=1465Vlerp5o"
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Das Klassikforum auf WDR 3 wurde heute von der Eröffnung des Klavierfestivals Ruhr gesendet, und Alice Sara Ott spielte live den ersten Satz aus Beethovens Klaviersonate C-Dur, op. 2 Nr. 3. Was soll ich sagen? Es war einfach erbärmlich schlecht. Unklare, verwaschene Artikulation, hölzerner Klang, technisch schlampig, musikalisch ohne erkennbaren Gestaltungswillen. Ich habe die ersten paar Takte nicht mitbekommen und wusste deshalb nicht, wer da spielt. Mein Tipp war ein Preisträgerkonzert von Jugend Musiziert, Altersgruppe höchstens bis 14. Im Radio kommen ihre wahren Stärken offenbar nicht gut rüber...

      Viele Grüße,

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Heute spielt sie in Duisburg:

      Wolfgang Amadeus Mozart
      Neun Variationen in D-Dur über ein Menuett von Jean-Pierre Duport KV 573
      Franz Schubert
      Sonate Nr. 17 in D-Dur op. 53 D 850 »Gasteiner«
      Modest Mussorgsky
      »Bilder einer Ausstellung«

      Vielleicht Repertoire für die nächste CD, die fünfte und letzte des Exklusivvertrags mit der DG?
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Soeben hat Alice Sara Ott in einem Gespräch in BR-Klassik bekanntgegeben, dass für Januar 2013 eine CD mit Schubert und Mussorgsky geplant ist. Sie ist bereits aufgenommen.
      Aktuell spielt sie in Konzerten mit den Münchner Philharmonikern unter der Leitung von Lorin Maazel Ravels Konzert G-Dur.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK


    • Ein persönlicher Höreindruck:

      Ein Konzert im Mariinski Theater in St. Petersburg, Mitschnitt für eine CD. Der Prüfstein, Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung". Alice Sara Ott geht auf der Promenade selbstbewusst, offen, neugierig in die Bilderausstellung. Ihre Qualität spielt sie von Anfang an aus – Transparenz und Differenzierung, klare Sicht und Durchhörbarkeit. Das wird aber sofort auch zum Hemmschuh größerer Wirkung. Die Dämonie beim Gnom wirkt kalkuliert, und ob Schloss, Küchlein, Diskussion, Katakomben, Hexenhütte, alles wird mit gleichförmiger Transparenz eingeebnet. Selbstverständliches technisches Vermögen vermag dabei nicht als herausragende Brillanz zu punkten. Das seelische Eintauchen in die Welt der Bilder scheint ausgespart bleiben zu wollen. Eine Distanz wird gewahrt. Magie, Zauber, Größe, Überwältigung fehlen. Zu klar, zu überblickt zieht der Zyklus vorbei. Wo ist die Spannung, die große Livemitschnitte ausstrahlen? Wo spürt man, dass die Künstlerin darum kämpft, hier alles zu geben? Ihr inneres Gleichgewicht mag bewundernswert sein, eine Souveränität, auch in besonderen Situationen schwerste Klaviermusik wie auf Abruf völlig im Lot spielen zu können, als wäre da nichts dabei, aber es überträgt sich nicht auf die Musik, auf die Wirkung jenem Hörer gegenüber, der diese Musik schon irgendwann als „besonders“ erlebt hat. (Ich durfte das Werk als elfjähriger Internatsschüler kennenlernen, unser sehr guter Musikprofessor hat uns 1974 hintereinander Mussorgskys Klavierfassung, Rimsky-Korsakows Orchesterfassung sowie die Versionen von Emerson, Lake & Palmer und Tomita vorgestellt.) Es wirkt alles fast geradezu provokant beiläufig.

      Auch akustisch wird nichts von einer allfälligen Aura eines möglicherweise historisch werden wollenden Livemitschnitts (Juli 2012, St. Petersburg Mariinski Theater, Konzertsaal, CD DGG 479 0088) vermittelt. Saalmikrophonierung bedeutet etwas mehr Hall als in vielen Studioproduktionen, aber niemand traut sich dort zu husten oder zu räuspern. Am Ende hebt Applaus an, eher fremd nach diesem „Alleingang ohne knisternde Konzertatmosphäre“. Das Beiheft trägt genauso nichts zu einer Aura des besonderen Konzertereignisses bei. Kein Foto mit der Künstlerin vor dem Theater, oder auch vor einer anderen St. Petersburger Sehenswürdigkeit, oder am Klavier im Saal. Ein Presse-Werbetext mit Aussagen von ihr, wonach sie das Werk seit der Kindheit kennt und sich vor Publikum wohlfühlt, dazu ein paar Modelfotos, die auch ohne CD auskommen oder zu jeder anderen Programmfolge (nicht) passen würden. Hier wird einmal mehr vom Marketing auf den optischen Reiz hin gearbeitet und dabei suggeriert, eigentlich ist völlig egal, was wann wo musikalisch gespielt wird.

      Franz Schuberts so großartig hintergründige Sonate D-Dur D 850 bestätigt die Linie. Glasklare Transparenz, selbstverständliche Geläufigkeit, dabei durchaus ein Schuss sympathische jugendliche Naivität, ein gewisser „unschuldiger“ Blick aufs Werk, eine reizvolle Unbekümmertheit, aber wenig Geheimnis, kaum Aura. Die rhythmischen und harmonischen Wunder und Schocks der Musik werden nicht als solche erkennbar, zumal unter der Zentnerlast anderer, mehr sagender Aufnahmen dieses Werks (gemein, hier an Brendel zu denken, aber ich kann nicht anders). Auch hier Stille aus dem Publikum, nachher Applaus, vielleicht dieselbe Tonspur wie beim Applaus zuvor. (Wieso denke ich überhaupt so was?)

      Persönliche Bilanz: Alice Sara Otts Liszt CDs versprachen Transparenz als echte Bereicherung, die Chopin Walzer sind ein Schatz der Diskografie, die Konzerte von Liszt und Tschaikowsky stellen immerhin eine musikalisch reizvolle Alternative dar, der Beethoven aber offenbarte schon eine Begrenztheit, die nun mit Mussorgsky und Schubert leider bestätigt zu werden droht. Salopp formuliert – so lange Alice Sara Ott optisch punkten kann, wird es weiter laufen. Das musikalisch Exemplarische hängt derzeit bei ihr gelinde gesagt etwas durch.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • AlexanderK schrieb:

      Hier wird einmal mehr vom Marketing auf den optischen Reiz hin gearbeitet und dabei suggeriert, eigentlich ist völlig egal, was wann wo musikalisch gespielt wird.


      Genau das suggeriert ja schon das Cover, auf dem man erstmal nicht erfährt, was da gespielt wird, sondern nur wer da spielt. pictures - na klasse! Das soll wohl die Grimaud- oder Wang-Linie kopieren, ohne auch nur annähernd irgendwas von deren (egal wie man dazu steht) Konzepthaftgkeit zu haben. Enthalten sind die "Bilder einer Ausstellung" + einer Klaviersonate von Schubert. Warum steht das nicht auf dem Cover? Weil die Scheibe nicht als Veröffentlichung einer neuen Interpretation von Mussorgskys Bildern (oder Schuberts D. 850) beworben wird, sondern als das neue "Album" von Fräulein Ott - und als solches soll es auch gekauft werden. Was sie spielt ist sekundär für die Zielgruppe (resp. es soll eine Zielgruppe ansprechen, für die das sekundär ist). Von der verwirklichten Struktur her gehört das, was die DG da macht, schlicht in das Kommunikationssystem »Pop«.

      Du bist offenbar mit der falschen Erwartungshaltung an dieses "Album" herangegangen, lieber Alexander. ;+)

      Adieu,
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Ich habe sie gestern zum ersten Mail im Radio gehört, ich habe ein Konzert mitgeschnitten, bei dem sie Liszt und Rachmaninov gespielt hat. Das Programm im einzelnen:

      M. Mussorgskij/N. Rimskij-Korsakov: Eine Nacht auf dem kahlen Berge, Fantasie

      Sergej Rachmaninow: Rhapsodie a-Moll über ein Thema von Paganini op.

      43 Franz Liszt: Totentanz, Paraphrase über ,,Dies irae

      Sergej Rachmaninow: Sinfonische Tänze op. 45

      Alice Sara Ott, Klavier

      NDR Sinfonieorchester, Dirigent: Alan Buribayev



      Aufzeichnung vom 11.10.2009 in der Laeiszhalle Hamburg


      Ich muss sagen, mir hat ihr Spiel sehr gut gefallen, zupackend, virtuos, allerdings auch mit Eleganz und Raffinesse. Allenfalls hätte ich zu kritisieren, dass m. E. das Orchester und das Klavierspiel nicht immer ganz zusammen waren, das mag aber auch am (noch recht jungen) Dirigenten gelegen haben; alles in allem jedoch ein wirklich tolles Konzert.
      „Orchester haben keinen eigenen Klang,den macht der Dirigent"
      Herbert von Karajan


      „nicht zehn Prozent meiner Musikleute verstehen so viel von Musik wie diese beiden Buben“.
      Karajan nach einem Gespräch mit den Beatles George Harrison und Ringo Starr.
    • Ich muss zugeben, dass mir Alice Sara Ott bisher durchgerutscht ist. Aufmerksam auf sie wurde ich erst heute durch eine auf arte am 9. Februar 2014 ausgestrahlte Fernsehsendung, die ich aufgezeichnet und mir heute abend angeschaut habe. Es handelt sich um eine Sendung des französischen Fernsehens aus der Reihe "Les Salons de Musique", welche am 12. September 2013 im Stadtbad Oderberger (Berlin) vor kleinem Publikum aufgezeichnet wurde. Also tatsächlich in einem (ehemaligen?) öffentlichen Hallenbad, was eine ganz eigenartige Atmosphäre ergibt. Alice Sara Ott moderiert die Sendung und spielt als Solistin Mozarts Variationen über ein Menuett von Jean-Pierre Duport KV 573 sowie Chopins Scherzo Nr. 2 b-moll op. 31. Bei diesen beiden Programmpunkten kann ich Christian Köhn (siehe Posting #7) nicht ganz unrecht geben. Es gibt Verspieler, Verwischer, interpretatorische Schlampigkeiten - mit einem pianistischen Wunder wie der (im Posting #12 kurz erwähnten) gleichaltrigen Yuja Wang kann man Alice Sara Ott nicht einmal ansatzweise vergleichen.

      Was mir hingegen bei dieser Sendung gefällt, ist Alice Sara Ott als Musikvermittlerin. Sie moderiert die Sendung (in englischer Sprache) sehr unterhaltsam und im aufschlussreichen Gespräch mit ihren beiden männlichen Mitstreitern, die jeweils einen Soloauftritt haben und im Übrigen mit Alice Sara Ott als Kammermusikpartnerin musizieren: dem israelischen Virtuosen auf der Mandoline Avi Avital sowie dem enfant terrible unter den jungen Pianisten Francesco Tristano.

      Was Frau Ott mit Avi Avital hier an Kammermusik für Mandoline und Klavier aufführt, begeistert mich sehr. Ich wäre noch nicht einmal auf die Idee gekommen, dass es vier Originalwerke (nicht Bearbeitungen - Originalwerke!!) von Beethoven für Mandoline und Klavier gibt. Die beiden führen von diesen vier Kompositionen die Variationen D-Dur WoO 44 Nr. 1 des jungen Beethoven auf sowie eine Bearbeitung der "Rumänischen Volkstänze" von Béla Bartók. Respekt - und der Name Avi Avital wird ab sofort ganz dick auf meine Merkliste kommen. Frau Ott begleitet ihn aber wirklich ebenfalls sehr gut. Und ich finde es super, dass sie sich in einer von ihr verantworteten Sendung für solch ein Randrepertoire stark macht.

      Bei "La Valse" von Ravel (Fassung für zwei Klaviere) mit Francesco Tristano setzen beide sich ein lustiges Hütchen auf (kein Scherz: das tun sie wirklich) - und spielen für meinen Geschmack eher mittelmäßig. Wenn ich mir mal überlege, was ein Boris Berezovsky vor drei Jahren live in Hamburg mit der Fassung für Klavier solo für einen Sturm entfachte, dann ist das vom Duo Ott/Tristano Dargebotene wahrlich nur ein laues Lüftchen.

      Frau Ott hat mich schon ein wenig neugierig gemacht, und ich werde mich informiert halten, was von ihr an Kammermusikveröffentlichungen erscheinen wird. Bei den großen Solowerken des Klaviers dürfte sie allerdings wohl doch allerhöchsten Ansprüchen eher nicht genügen. Darin stimme ich Christian zu.
    • music lover schrieb:

      Wolltest Du eine Bemerkung zu meinem Posting machen, Wulf?
      Ja, hat sich aber erledigt. Es ist spät, ich überlas deinen ersten Abschnitt und dachte, Du würdest nur aufgrund des mittelmäßigen Ravels der Ott die Qualitäten absprechen, was insofern ohnehin seltsam anmuten würde, als dass es sich ja nicht um ein großes Solo-Klavierwerk handelt. Aber wie gesagt, selektive Wahrnehmung.
      Nein, nicht mal das - denn ich kenne das Spiel der Ott nicht und will mich gar nicht zu ihrem Advokaten machen. Wenn sie Schlampigkeiten im Spiel aufweist, schade drum, eigtl. angesichts der Berühmtheit eher unverzeihlich.

      Anders liegt der Fall bei Olga S. - die kann auch Katzengejammer en blanc et noir produzieren, so lange ich sie dabei betracht..... :rolleyes: :stumm:
      "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)
    • Scheps, Ott, Buniatishvili, Wang, de la Salle ... die sind alle einzeln schöner als Richter und Gilels zusammen.

      Da muss noch was anderes gewesen sein ... :S

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.