Franz Liszt: Klaviersonate h-moll - Die große Klavierreise ins Ich

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    • 25 weitere Male Liszts h-Moll Sonate (5) - persönliche Höreindrücke

      Jura Margulis (8/1994) – Gewollt im Horowitz-Fahrwasser
      CD Ars Musici AM 1379-2
      Aufnahme: Live im Konzerthaus Karlsruhe, 28.8.1994
      Spieldauer: 28:27 Minuten



      Wie sein Vater Vitaly Margulis (1928-2011) ist der 1968 in Leningrad geborene Jura Margulis, der bei Leon Fleisher studiert hat, als Pianist und Musikpädagoge tätig. Der CD Titel „Jura Margulis live on the Horowitz Steinway“ genauso wie die Werkauswahl (neben der Sonate von Liszt Schuberts Impromptus D 935 Nr. 3 B-Dur op. 142, Rachmaninows Preludes D-Dur op. 23/4 und g-Moll op. 23/5, Scriabins 5. Sonate op. 53 und Moszkowskis Étincelles sowie ein „fast logischer“ hidden track) und erst recht die akustisch möglichen Assoziationen was Klavierklang und Anschlagskultur betrifft (hat man Aufnahmen von Horowitz selbst im Ohr) provozieren den Gedankengang, hier wolle jemand mit Hilfe von keckem name dropping ganz speziell auf sich aufmerksam machen. Was der Virtuose Margulis vom Virtuosen Horowitz hörbar bewusst abkupfert, ist dessen charmantes Pointieren, bis zu den allerletzten Tönen der Étincelles. Der Sonate gibt der Pianist aber dann doch einen ganz eigenen, mit Horowitz nur ansatzweise vergleichbaren Charakter, ausgehend von einem von ihm bearbeiteten Text „Musikalische Symbolik in der Sonate h-Moll von Franz Liszt“ von Prof. Dr. Tibor Szász im Begleitheft, der das sonst vielfach der Faust Figur zugeschriebene Motiv Luzifermotiv nennt, das Mephistomotiv Satansmotiv und den Ursprung des dritten wichtigen Motivs des Werks, des Grandioso/Kreuzmotivs, im Gregorianischen Choral, im Crux Fidelis verortet, als Symbol für Christus und das Kreuz. Religiöse, mystische Assoziationen genauso wie abenteuerlich hochdramatische sind dann beim Anhören durchgehend möglich. Margulis bleibt dabei auch im virtuosesten Spiel stets kontrolliert, es sind bewusste Entscheidungen, die er trifft, sie wirken nicht impulsiv und spontan, das wird von Phrase zu Phrase immer deutlicher. So ergibt sich eine in sich geschlossene weitere, zwischen Dramatik und Mystik abgerundete „Abenteuer-Interpretation“ mit vielen Möglichkeiten zu außermusikalischen Assoziationen.

      Josef Bulva (4/2017) – Originelle Pointierungen
      Live im Herkulessaal der Residenz (München), 3.4.2017
      Spieldauer nicht mitgestoppt

      Starker Einstieg mit Bohuslav Martinůs großer Klaviersonate H 350, Beethovens „Waldstein“ Sonate zwischen abgespulter Routine (1. Satz) und doch auch ausgekosteter Musikantik, und nach der Pause vor dem eher beiläufig wirkenden Benefizpublikum dann die Liszt Sonate: Der 1943 in Brünn geborene Pianist, der wegen eines Unfalls der linken Hand 13 Jahre pausieren musste, ehe er mit einer Alterskarriere neu durchstartete, spielte sie im nicht ganz ausverkauften Benefizkonzert zu Gunsten des Hilfsvereins Nymphenburg e.V. am Steinway Flügel stoisch ruhig wie die anderen Werke auch. Wer die kürzlich erst veröffentlichte Aufnahme Bulvas aus dem Jahr 1984 im Ohr hatte, war gespannt darauf, ob sich der unkonventionell-originelle Interpretationsansatz des Pianisten seither verändert hat. Bulva enttäuschte die neugierige Erwartungshaltung keineswegs, er verblüffte auch im Herkulessaal an diesem 3.4.2017 mit einer impulsiven und originell pointierten Herangehensweise, trotz Frack sympathisch hemdsärmelig, frech eigenwillig-subjektiv, zwischendurch auf einmal ganz große poetische Bögen spannend als wäre das nichts, dann wieder voll eruptiver Kraft, und immer wieder plötzlich seltsam zurückhaltend – eine immens spannende Konzertinterpretation voller Überraschungen, die das Werk auch für den, der es schon x-mal gehört hat, wieder ganz neu mitlebbar machte. Keine Zugabe.

      Jenny Lin (1/1996) – Das ist ja Musik!
      CD Sunrise Records 8543
      Aufnahme: Salle de Musique, La Chaux-de-Fonds, Schweiz, 15. und 16.1.1996
      Spieldauer: 29:05 Minuten

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      (Aus amazon.com)

      Mit ihrer Debüt CD überrascht die 1973 in Taiwan geborene Pianistin (sie hat unter anderem in Wien bei Noel Flores studiert), neben der Liszt Sonate auf der CD auch Schumanns Fantasie C-Dur op. 17 spielend, am Steinway D Flügel vor allem mit eindringlichem poetischem Feingefühl bei gleichzeitigem großem Überblick. Liszts Sonate h-Moll zieht hier wie aus einem Guss vorüber, mit fein abgerundeten umfassenden wie Detailbögen. Jenny Lin behält den Überblick stets, sie passt aber auch auf, kein Detail zu verwischen. Dabei kommt sie nie ins Buchstabieren oder gar ins äußerliche Auftrumpfen um seiner selbst willen. Das liegt vor allem an der poetisch besonders intensiven Aura der Aufnahme. Jenny Lin verdeutlicht wie nur wenige, dass Liszt hier vor allem auch lyrisch ganz starke Musik komponiert hat.

      Maria Razumovskaya (8/2014) – Mit angezogener Bremse
      CD Malachile Cu20301
      Aufnahme: Wyastone Hall, United Kingdom, 7. und 8.8.2014
      Spieldauer: 34:06 Minuten



      Auf der Debüt CD der in London ausgebildeten Pianistin, die auch wissenschaftlich tätig ist (Dissertation über Heinrich Neuhaus), finden sich von Liszt auch die Variationen über Bachs „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ und die Petrarca Sonette 47, 104 und 123. Den kurzen Einführungstext zur CD hat Maria Razumovskaya auch selbst verfasst. Ihre h-Moll Sonate kommt ungewohnt gewichtig, fast ins Pathetische hinein gedehnt, sehr bewusst, sehr überlegt. Die Zurückhaltung in den Tempi ist Gestaltungsprinzip, nicht technischer Mängel geschuldet, das merkt man an einigen Passagen, in denen die Pianistin sehr wohl gehörig anzieht und loslegt. Wenn man das Werk durch viele andere Aufnahmen beeinflusst schneller im Ohr hat, tendiert man aber vielfach dazu, innerlich zu denken „Warum bremst sie schon wieder ab?“ Das poetische, lyrische, auch spirituelle Moment muss schon sehr, sehr intensiv ausstrahlen, um einer Langatmigkeit eines solchen Ansatzes vorzubeugen. Maria Razumovskaya modelliert diesbezüglich durchaus eigenständig originell und es gelingen ihr auch starke Momente, die sich aber im Gesamtkonzept des bewussten Anhaltens immer wieder episodisch auflösen.

      Ludmilla Berlinskaya und Arthur Ancelle (5+6/2016) – Feuerwerk zu zweit
      CD Melodiya MEL CD 10 02463
      Aufnahme: Konservatorium Moskau, Großer Saal, 31.5. bis 2.6.2016
      Spieldauer: 29:25 Minuten



      Die 1960 in Moskau geborene Pianistin, die unter anderem eine Zeitlang Umblätterin für Svjatoslav Richter war und mit Richter zusammen auch aufgetreten ist und ihr dritter, aus Frankreich stammender Ehemann brennen mit ihrer CD, auf der sich neben der Sonate h-Moll in der 1914 erstellten Fassung für zwei Klaviere von Camille Saint-Saëns auch der Danse Macabre von Saint-Saëns (original sowie eine Fassung von Liszt/Horowitz/Ancelle) und Liszts Dante-Sonate, ebenfalls von Ancelle für zwei Klaviere bearbeitet, finden, ein pianistisches Feuerwerk zu zweit ab. Am Cover ist stolz ein „World Premiere Recording“ vermerkt, das trifft aber nicht auf die Sonate h-Moll zu, die die Brüder Paratore bereits zweimal (Studio und live) veröffentlicht haben. Der Sound ist ungewöhnlich – Liszts Sonate auf vier Hände und zwei Klaviere verteilt erhält eine eigene klavieristische Fülligkeit. Die zupackend feurige Interpretation ist geradlinig kontrolliert, der große Bogen wird nie auseinanderfallend gespannt. Die beiden sind genauestens und brillant aufeinander abgestimmt. Dass sie „auf Feuerwerk gepolt“ sind, merkt man bei allen virtuos ansetzenden Passagen, die pianistisch fulminant loslegen. Wie bei den Paratore Brüdern wird beim letzten zweimaligen Abstieg nicht Saint-Saëns´ D, sondern Liszts Dis gespielt.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • 2016 erschien bei Henle eine neue revidierte Notenausgabe.



      Hier nun 20 weitere persönliche Höreindrücke (1 von 4)

      Julius Katchen (2/1962) – Ein Monument
      2 CDs Melodiya audite 21.419
      Aufnahme: Studio Lankowitz, Berlin, 19.2.1962
      Spieldauer: 27:25 Minuten



      Am 19.2.1962 nahm der 1926 in New Jersey geborene, seit 1946 in Paris lebende Pianist Julius Katchen, der 1969 allzu früh an Leukämie starb, für RIAS Berlin Brahms´ op. 118/2+5, Beethovens 32 Variationen über ein eigenes Thema c-Moll WoO 80 und die „Wut über den verlorenen Groschen“ op. 129, aus Schumanns Waldszenen die Nr. 7, Chopins Ballade As-Dur op. 47 und Liszts h-Moll Sonate auf. Katchen ist einer jener irrwitzig virtuosen Pianisten mit atemberaubend guter Technik. Winzige Unsauberkeiten trüben den Gesamteindruck kein bisschen. Katchen spielt zudem auch erzählerisch und poetisch exorbitant stark, persönlichkeitsstark und überzeugend. Alles wirkt hier unmittelbar, überwältigend und gleichzeitig „ganz leicht“. Die Sonate ersteht als gewaltiges, singuläres Monument der Klaviermusikgeschichte, dramatisch und spirituell gleichermaßen staunenswert. Da war einer bereit, im Studio „alles rauszulassen“, da bleibt einem die Spucke weg.

      Johann Sebastian Paetsch (8/2014) – Solocelloabenteuer
      CD Doron music DRC 3074
      Aufnahme: Studio RSI Lugano, Schweiz, 6. und 7.8.2014
      Spieldauer: 36:51 Minuten



      Es gibt bereits Orchester-, Orgel- und sogar eine Aufnahme mit Violine der Klaviersonate h-Moll von Franz Liszt, und 2013 veröffentlichte der 1964 in Colorado Springs (USA) geborene Cellist Johann Sebastian Paetsch beim Friedrich Hofmeister Musikverlag eine selbstarrangierte Notenausgabe für Solocello (FH 2487), dessen Aufnahme er im August 2014 zusammen mit drei Bach-Bearbeitungen selbst vornahm und im Oktober 2016 auf CD herausbrachte. Im Begleittext formuliert der Künstler selbstbewusst: „Dieses Stück … könnte wunderbar in das Repertoire eines jeden Cellisten des höchsten Levels aufgenommen werden.“ Paetsch spielt die Sonate nicht wild herunter, er liefert stattdessen eine sehr saubere, bis in kleinste Details seiner Notenvorgabe geradezu schulmäßig gerecht werdende Interpretation ab. Um in dem technisch sicher auch für Cellisten höllisch schweren „Monolog“ die ihm wichtig erscheinenden Begleitfiguren auch wirklich alle unterzubringen, muss Paetsch manche Passagen langsamer ansetzen als es Pianisten vermögen. Dadurch wird seine Aufnahme etwas länger als die durchschnittliche Klavieraufnahmedauer. Gegenüber den Orchester- und Orgelaufnahmen kommt die Cellofassung der Aura des Originals am nächsten, zwischen Virtuosität, Dämonie und melodischem Ausdruck. Gerade das Cello vermag Kantilenen auszusingen, die man so nicht mit dem Klavier zu spannen vermag. Und schon mit den beiden Abstiegen zu Beginn schafft Paetsch eine neue Aura des Geheimnisvollen, spannend Unheimlichen. Die vielen Intervallsprünge, Pizzicatopassagen (Fugato!), Flageoletteinsätze, chromatischen Läufe etc. summieren sich zu einer hochvirtuosen, staunenswerten Tour de force.

      Géza Anda (7/1955) – Wohlüberlegt und hochmusikalisch
      2 CDs audite 23.408
      Aufnahme: WDR Köln, Saal 2, 22.7.1955
      Spieldauer: 27:47 Minuten



      Géza Anda (geboren 1921 in Budapest, gestorben 1976 in Zürich), legendär nicht nur dank der Erstaufnahme aller Mozart Klavierkonzerte in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Canerata Academica des Mozarteums Salzburg (incl. „Filmmusik Elvira Madigan“), spielte die Sonate nach seiner Columbia Aufnahme von 1954 am 22.7.1955 zusammen mit den Beethoven Sonaten 7 und 28 noch einmal für den WDR ein. Hier verneigt man sich einmal mehr in Ehrfurcht vor einem der ganz Großen der Interpretationsgeschichte. Andas Aufnahme hört sich gleichzeitig hochvirtuos, wohlüberlegt und hochmusikalisch an. Pianistisch geradlinig und in sich geschlossen behält Anda stets den großen Überblick und nimmt sich gleichwohl Zeit für poetisch sehr eigenständige Nuancen, womit er erstaunliche, so ganz neue Abtönungen zu gestalten versteht. Das ergibt eine der spannendsten, persönlichkeitsstärksten Aufnahmen, gespickt mit einem ungeheuren Farbenreichtum.

      Katie Mahan (11/2009) – Funktionieren im neuen Jahrtausend
      CD Eigenproduktion/Talavaya o. Nr.
      Aufnahme: 20.11.2009, Wells Music, Denver, Colorado
      Spieldauer: 30:02 Minuten



      Die amerikanische Pianistin, die bei Pascal Rogé studiert hat, zeigt sich am CD Cover im Winter. Weiträumiger Klang bereits beim die CD eröffnenden Chopin Nocturne op. 48/1 - eine überlegene, lapidare Kühle schimmert hier durch. Nach Chopins Sonate op. 35 folgt die Liszt Sonate – im Virtuosen stromlinienförmig, im Lyrischen und Geheimnisvollen durchaus mit individuellem Gefühl, das aufhorchen lässt. Eine Interpretation ganz im 21. Jahrhundert, sie hat etwas Funktionelles, Abgerufenes und doch steckt in dieser hingeworfenen Selbstverständlichkeit einmal mehr das Außergewöhnliche, das Besondere des Werks wie der Persönlichkeit der Interpretation. Der CD Titel lautet „Liebestod“, und jener von Wagner/Liszt rundet den musikalischen Bogen dieser Produktion ab.

      Alexis Weissenberg (4/1967) – Wucht und Verlorenheit
      4 CDs EMI 7243 5 85837 2 4
      Aufnahme: Paris, Salle Wagram, 3. bis 7. und 24.4.1967
      Spieldauer: 31:54 Minuten



      Weissenbergs zweite Aufnahme der Sonate entstand zusammen mit Liszts Petrarca Sonett Werken 123 und 104. Sie erstrahlt hier in wuchtiger Größe. Mit der bewussten Zurücknahme aller Rezitativ- und „Gretchen“-Passagen macht der Pianist dazu eine Aura der Einsamkeit und Verlorenheit sondergleichen spürbar, wie man sie so sonst nicht hört. Weissenberg ist auch ein Meister der Schattierungen und Abtönungen. Das Ungestüme, Wilde der ersten Aufnahme ist der Wucht und der Kontemplation gewichen.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • 20 weitere persönliche Höreindrücke (2 von 4)

      Kevin Fitz-Gerald (12/2007) – Der Salonvirtuose
      CD Ivory Classics 79002
      Aufnahme: The Banff Centre, Kanada, 18.12.2007
      Spieldauer: 26:24 Minuten



      Der kanadische Pianist spielt am Steinway neben der Sonate auch die Dante-Sonate, sechs Chopin-Liedtranskriptionen Liszts und als Zirkus-Finale Variationen über Mendelssohns Hochzeitsmarsch (Liszt/Horowitz/Fitz-Gerald). Das überlegen-souveräne Spiel Fitz-Geralds erinnert an Cherkassky und Hamelin. Bei allen Werken offenbart sich ein brillant aufspielender Salonvirtuose, vollgriffig pianistisch unterwegs, einer, der einfach saugut Klavier spielen kann und die Sonate geradlinig, kräftig und gleichzeitig locker hinlegt. Das ist ein sehr diesseitiger Ansatz – selbstverständliche Virtuosität dominiert gegenüber einer Deutung, die vielleicht Außermusikalisches, ein Mysterium oder die Faust-Gestalten assoziierbar machen könnte.

      Alice Sara Ott (5/2017) – Tastatur im Hades
      Live im Prinzregententheater (München), 12.5.2017
      Spieldauer nicht mitgestoppt

      Einleitende Worte der Künstlerin, bitte eintauchen in ein Wunderland und nach der Pause mit in den Hades. Nach einer Auswahl aus den Lyrischen Stücken und der Ballade g-Moll op. 24 von Grieg, von Alice Sara Ott in „Märchenstundenbeleuchtung“ (Lichtkegel nur aufs Klavier) und zur aktuellen Grieg CD passender Optik (Pagenkopf und gelbes Kleid) geboten, kontrastiert sich die optische Inszenierung mit der Liszt Sonate nach der Pause: jetzt schwarzes Kleid und Beleuchtung nur mehr auf die Tastatur im ansonsten völlig abgedunkelten Saal. Wer Liszts Sonate bereits oft gehört hat (zumal meist von Tonträgern) freut sich und ist auf jeden Fall gespannt auf eine weitere Konzertaufführung. Das Werk ist ja technisch höllisch schwer und verlangt pianistisch wie vom musikalischen Feingefühl her den Interpretinnen und Interpreten wirklich alles ab. Durchschummeln kann man sich da nicht. Wird der zweimal absteigende Beginn der Eintritt in eine dämonische Welt oder in ein pianistisches Feuerwerk? Wenn die ersten virtuoseren Passagen loslegen, wird meist spürbar, wie die Interpreten „drauf“ sind, wohin sie wollen, aber keineswegs immer. Wird die Sonate in sich geschlossen aufbereitet oder bewusst „zerlegt“? Der Einstieg kommt eher pianistisch als dämonisch, die ersten heftigen Oktavläufe nimmt Alice Sara Ott nicht in vollem Tempo, aber mit bewusstem Gestus in Richtung Effekt, auch das Pedal des Steinway Flügels als Wirkungsverstärker einsetzend. Bald kristallisiert sich heraus: Die pianistischen Effekte die sich herausholen lassen kostet sie technisch virtuos äußerst eindrucksvoll aus, das macht enorme Wirkung, vielleicht hier mehr äußerlich als unheimlich, weil es durch die optische Aufbereitung in diesem Sinne auch extrem unterstützt wird. Alice Sara Ott gelingen aber in den rezitativischen und poetischen Passagen des Werks durchaus durchgehend herzergreifende stimmige Momente, die sehr wohl von jener Kunst zeugen, die über ein routiniertes und auf Äußerlichkeiten angewiesenes Mittelmaß hinausweisen. Ihr kräftig transparentes Spiel bietet die Basis für ihre Möglichkeiten, die Facetten des vielschichtigen Werks auszuloten. Eine insgesamt mehr pianistisch als dämonisch wirklich beeindruckende Leistung. Die eindrucksvolle halbe Stunde packt das Publikum natürlich total. Sicher sind viele gekommen, die die Sonate nicht so verinnerlicht haben wie der Schreiber dieser Zeilen. Sie verharren nach dem stillen Ausklang, in dessen letzten Takten vor den verklärenden Schlussakkorden Alice Sara Ott noch einmal etwas Effekt mit herausgehobenen Einzeltönen demonstriert, in absoluter Stille, und die Sekunden werden zu Ewigkeiten. Niemand traut sich, den Moment zu durchbrechen. Erst als das Licht dann doch sanft aufgedimmt wird, setzt der Applaus ein, der sich rasch zu einer Standing Ovation wandelt. Zugabe: Griegs „Halle des Bergkönigs“.

      Dag Achatz (6/1979) – Bösendorferhonig
      CD BIS BIS-CD-144
      Aufnahme: 12./13.6.1979, Nacka Aula, Nacka, Schweden
      Spieldauer: 29:33 Minuten



      Dag Achatz, 1942 in Stockholm geboren, baut (in der Session wurde auch Schumanns Fantasie op. 17 aufgenommen) auf den weichen Klavierklang des Bösendorfer 275 Flügels. Der Klaviersound ist dickflüssiger als man es gewohnt ist, und Achatz spielt die Sonate vom Grundansatz her auch abgerundet, in sich geschlossen, sehr bewusst immer im Fluss. Ein pianistisch-stringenter Bogen wird gespannt, im Agogischen und Lyrischen durch Abtönungen die Kontraste hervorhebend, ohne sich zu schroff draufzusetzen.

      Hüseyin Sermet (10/2000) – Eintauchen, wieder auftauchen
      CD naïve V 4873
      Aufnahme: Oktober 2000, Théàtre des quatre saisons, Gradignon, Fankreich
      Spieldauer: 30:03 Minuten



      Bald nach dem Beginn der ganz intensiven Beschäftigung mit Liszts h-Moll Sonate ergab sich für mich die Möglichkeit, das Werk in München im Konzert nun ganz neu live zu erleben. Der 1955 in Istanbul geborene Hüseyin Sermet bot am 30.1.2011 im Cuvilliés-Theater eine den Schreiber dieser Zeilen ungemein beeindruckende Konzertleistung. Sermets Aufnahme aus dem Jahr 2000, auf einem Kawai Konzertflügel eingespielt, bestätigt den Ausnahmerang des interpretatorischen Ansatzes dieses Pianisten. Schon der Beginn lässt aufhorchen: Ruhig, aber voller Spannung, die Abstiege in Pedalnebel gehüllt. Daraus ersteht das Werk – impulsiv, eruptiv, eintauchen und wieder auftauchen, herrlich subjektiv, erzählerisch total spannend, originell und kurzweilig. Sermet holt Ausdrucksintensität vielfach gerade dort heraus, wo andere routiniert drüber hinwegspielen. Der Ansatz ist als Konzept durchhörbar, aber das Konzept funktioniert von der ersten bis zur letzten Sekunde, in der die Musik im Nichts versinkt, bereit für späte, teilweise spröde Liszt Klavierstücke, entstanden 1880 bis 1886, Sermets folgerichtig ausgewählte weitere Stücke der CD. Ein starkes Ausrufezeichen der wahrlich mittlerweile fast unüberschaubaren Interpretationsgeschichte dieser Sonate.

      Ruben Meliksetian (1/2004) – Archaisch und mystisch
      CD Kulturfonds Baden o. Nr.
      Aufnahme: 4. und 5.1.2004, Velte-Saal, Staatliche Hochschule für Musik Karlsruhe
      Spieldauer: 35:58 Minuten

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      Der in Jerewan (Armenien) geborene Pianist, der in Karlsruhe studiert hat und dort auch seit 2002 unterrichtet, koppelt auf seiner CD Liszts Sonate mit den Funérailles, dem Csárdás macabre und dem Mephisto-Walzer Nr. 1. Im Booklet findet sich eine umfangreiche Werkeinführung von Dr. Ulrich Michels, in der die religiösen und mystischen Komponenten des Werks besonders hervorgehoben werden. Die Spielzeit deutet es an: Meliksetian nimmt sich sehr viel Zeit für die rezitativischen und lyrischen Passagen des Werks. Gesamteindruck: eher weicher Anschlag, im Virtuosen und Dramatischen durchaus beeindruckend flott dabei, bei den „Mephisto“-Einsätzen das Schicksalhafte des Anklopfens extrem hervorhebend, wenn man sich darauf einzulassen bereit ist eine starke mystische Dimension im Rezitativischen und Lyrischen einbringend – mit Mut zur bewussten Zeitlupe (mystisch oder buchstabierend – wer die Aufnahme hört, entscheidet für sich selbst, wie er es annehmen möchte, Ungeduld ist hier sicher hinderlich). Insgesamt archaisch mit Tendenz zum Pathos.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • 20 weitere persönliche Höreindrücke (3 von 4):

      Sergey Kuznetsov (8/2002) – Meisterschaft und Eiskristalle
      CD Classical Records CR-005
      Aufnahme: August 2002, Großer Saal Konservatorium Moskau
      Spieldauer: 29:34 Minuten



      Der 1978 in Russland geborene Pianist, er studierte in Moskau und in Wien (bei Oleg Maisenberg), koppelt auf seiner Debüt-CD die Sonate mit den sieben Fantasien op. 116 von Johannes Brahms und der 3. Klaviersonate von Skrjabin. Kuznetsov ist einer der Pianisten, bei denen die technische Meisterschaft völlig außer Frage steht, so etwas ist einfach selbstverständlich. Alles sich zum Virtuosen Eignende wird zielstrebig pianistisch hingelegt, mit fast kaltschnäuziger Kühle und Souveränität. Wenn es dann aber ins Rezitativische und Lyrische geht, zaubert der Pianist ganz eigene Welten herbei, bei mir stellen sich beim Hören irisierende Eiskristall-Assoziationen ein. Die Gesamtkonzeption der Aufnahme (das schließt auch die anderen Werke ein) wirkt in sich sehr rund und ausgewogen.

      Jacek Kortus (10-11/2007) – Bravourstück zum Vorzeigen
      CD Polskie Nagrania PNCD 1201
      Aufnahme: 30.10. und 2.11.2007, Witold Lutoslawski Konzert Studio, Poln. Radio, Warschau
      Spieldauer: 32:29 Minuten

      Bei amazon.com mit Coverabbildung: B005QJVSZG

      Einer mehr, der mit seiner Debüt CD (der 1988 in Polen geborene Pianist koppelt Liszts Sonate mit Chopins b-Moll Sonate op. 35) zielstrebig-kontrolliert zeigt, was er kann, virtuos wie poetisch. Die zweieinhalb Minuten längere Spielzeit gegenüber dem „Horowitz 76 Standard“ (genau 30 Minuten) ergibt sich, weil Kortus alle rezitativischen und lyrischen Abschnitte bewusst langsamer angeht als viele andere. Dies als mystische Intensivierung gegenüber der vielfach atemberaubenden Dramatik der anderen Abschnitte mitzuempfinden liegt auch einmal mehr im subjektiven Empfinden der Hörerschaft. Mir erscheint es mehr konzeptuell kalkuliert als so tief empfunden, dass man „hin und weg“ sein könnte. Oder auch: Kann ein junger Mensch schon alle Weisheit eines solchen Werks durchleuchten lassen, kann man das von ihm verlangen? Insofern: „Meisterklassen-Mainstream“, das Bravourstück zum Vorzeigen. Tiefere Dimensionen kommen sicher mit den Jahren, die Voraussetzungen sind ja gegeben.

      Melvyn Tan (11/2015) – Beethoven- und Czernyschule
      CD Onyx 4156
      Aufnahme: Potton Hall, Westleton, Suffolk, UK, 19. bis 21.11.2015
      Spieldauer: 28:49 Minuten



      CD Titel: Master & Pupil – der 1956 in Singapur geborene Melvyn Tan spannt einen Bogen von Ludwig van Beethoven (Bagatellen op. 126 und Sonate op. 109) über Carl Czerny (selten gespielt: Variationen über ein Thema von Rode op. 33 und Marcia funebre sulla morte di Luigi van Beethoven op. 146) zu Franz Liszt (Sonate h-Moll). Die Interpretation aller Werke der CD setzt auf einen freundlich wirkenden, sanften, weichen Klavieranschlag, auf fließendes, allfällige Brüche meist glättendes Spiel, dabei durchaus kräftig zupackend in virtuosen Abschnitten. Melvyn Tan ist alles in allem ein auf seine Art weise wirkender Harmonisierer, ein Ausgleicher am Klavier. Für einen Klavierspieler der sich manchmal frech blattspielend auch an solchen Himalayas versucht ergibt so ein an sich im Vergleich zu vielen anderen Aufnahmen unspektakulärer Ansatz eine Einspielung des Werks, die man spieltechnisch und musikalisch vollkommen nachvollziehen kann: Mit ganz viel Übung lässt sich selbst so ein Riesenberg bewältigen, hat man einmal das technische Rüstzeug beisammen und ist man bereit, sich auf diesen Kosmos ganz einzulassen.

      John Browning (9/1984) – Ein weiser Schalk
      CD Delos Records D/CD 3022
      Aufnahme: 9/1984, Lenfell Hall, Fairleigh Dickinson, U.-F.-M.-Campus, New Jersey, USA
      Spieldauer: 31:41 Minuten



      John Browning, 1933 in Denver (Colorado) geboren, 2003 verstorben, wird im Booklet zu Liszt zitiert: „In seiner Musik ist ein fortwährender Kampf zwischen Beatrice und dem Teufel.“ Von Anfang an setzt Browning in seiner Aufnahme (er koppelt sie mit den Petrarca Sonetten 47, 104 und 123 sowie mit der Dante-Sonate) am Steinway Konzertflügel auf individuelle, subjektive Akzente und lässt damit gleich aufhorchen. Alles wirkt dabei durchdacht und entfaltet doch eine starke spirituelle Aura. Es ist eine sehr persönliche Interpretation, teilweise originell gegen den Strich (ähnlich Josef Bulva, der die Sonate auch 1984 aufnahm), so manche Vorschrift nicht so genau nehmend bzw. sie bewusst „anders“ umsetzend als man es gewohnt ist. Vielfach schwingt etwas subtil Schalkhaftes mit, ein sehr weiser Schalk ist das.

      Ronald Smith (7/1997) – Die Lässigkeit der Altersweisheit
      CD Appian Publications & Recordings APR 5557
      Aufnahme: 29. und 30.7.1997, St. George´s, Brandon Hill, Bristol
      Spieldauer: 30:00 Minuten



      Nichts mehr beweisen müssen und es doch noch einmal allen zeigen – Ronald Smith, 1922 in London geboren, im Zuge seiner pianistischen Karriere vor allem auch mit Alkan Aufnahmen Aufsehen erregt habend, 2004 verstorben, nahm mit 75 Jahren an einem Steinway D Flügel seine Liszt CD auf, mit Hits und Virtuosen-Prunkstücken (außer der Sonate die Ungarischen Rhapsodien 2, 6 und 13, Les jeux d'eaux à la Villa d'Este, den Liebestraum Nr. 3 und den Grand galop chromatique), wie im Booklet hervorgehoben wird eine Studioaufnahme ohne Schnitte. In der kurzen Werkeinführung im Booklet verweist Smith auf Faust und den Teufel und nennt die Fuge „satanisch“. Gesamteindruck: So spielt einer, der niemandem mehr etwas beweisen muss, souverän fließend und weise vertieft, ohne spektakulär auftrumpfen zu müssen. Diese herrlich lässige Herangehensweise hat mich an Rudolf Serkins späte Mozart-Klavierkonzertaufnahmen mit Claudio Abbado erinnert, die haben auch so etwas hemdsärmelig Selbstverständliches und Altersverschmitztes. Die Sonate ersteht wirklich wie aus einem Guss, die kleinen und großen Bögen erscheinen schlüssig gespannt. Faust-Stoff oder einfach nur ein komplexes, tolles Klavierwerk des 19. Jahrhunderts, von einem souveränen Altmeister gespielt? Man kann es sich hier aussuchen, alles ist möglich.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • 20 weitere persönliche Höreindrücke (4 von 4)

      Jean-Frédéric Neuburger (11/2007) – Perfektion und Gefühl auf Abruf
      2 CDs Mirare MIR 060
      Aufnahme: Live 17.11.2007, Suntory Hall, Tokio
      Spieldauer: 31:00 Minuten



      Ein Konzertabend mit dem CD Player. Mitten hinein in die Suntory Hall, ins Debütkonzert des 1986 in Paris geborenen Pianisten und Komponisten an diesem legendären Konzertort. Während der Musik keine Störgeräusche, entweder ist das Publikum so extrem angespannt „und traut sich nicht einmal zu atmen“, oder alles Störende wurde rausgefiltert. Johann Sebastian Bach, Englische Suite Nr. 2 BWV 807 – glasklar und kühl gespielt. In der Sarabande plötzlich eine ganz starke Intensität. Yuja Wang kann das auch so, eher kühl wirken, daraus unvermittelt starke Momente herbeizaubern. Chopins Ballade Nr. 2 op. 38 – kalkuliert poetisch, und als es entsprechend losgeht, lässt Neuberger erstmals den Supervirtuosen durchblitzen. Stark das Absterben der Musik am Ende, der Kontrast nach dem pianistischen Feuer. Chopins Nocturne op. 15/1 – weiter glasklar und kühl, im Mittelteil wieder kurz Supervirtuose, erneut mit kalkulierten poetischen Momenten. Ravels La Valse – beeindruckend stringent, am Ende den Supervirtuosen vollends herauskehrend. Angekommen bei der Liszt Sonate. (An genau diesem Tag spielte sie übrigens auch Denis Matsuev in der Carnegie Hall in New York, auch dieser Livemitschnitt liegt auf CD vor.) Der Ansatz weiter: glasklar kühl, dabei im Virtuosen vielfach forsch forcierend, quasi ab durch die Mitte, alles aus dem Weg räumen. Technisch atemberaubend gut, das Gefühl kalkuliert, im Ruhigen total die Ruhe bewahrend, eine eindrucksvolle Liveleistung, sensationell kontrolliert und konzentriert. Erinnert an Hamelin – einer, der quasi über der Sonate steht, der stets den Überblick bewahrt und es sich aussuchen kann, wie er jede Passage anlegt. Liszts h-Moll Sonate live im 21. Jahrhundert: Perfektion und Gefühl auf Abruf, wie selbstverständlich. Die Zugaben fächern das glasklar Kühle weiter auf: Ravels Menuet antique, Strawinskis Etude op. 7/4, Neuburgers eigene Bagatelle (dieser Pianist hat auch eine bemerkenswerte inspiratorisch-poetische Ader) und Bach/Feinbergs Largo aus der Triosonate Nr. 5 BWV 529, noch einmal das „Sarabanden-Geheimnis“ glasklar in Erinnerung rufend.

      Maximianno Cobra (2009) – Im Schneckentempo buchstabiert
      CD Tempus Collection 8 04721 12354 9
      Aufnahme: Quintessence Studios, 2009
      Spieldauer: 46:32 Minuten



      Das ist eine der kuriosesten Aufnahmen überhaupt. Ist das eine Frechheit oder eine völlig abgehobene Spinnerei? Oder eine autistische Aussage? Der 1969 in Rio de Janeiro geborene Pianist, Dirigent und Komponist buchstabiert die Sonate (vieles deutet darauf hin, dass er auf einem E-Piano spielt) im Schneckentempo herunter, fast durchgehend streng metronomisch, wie eine Zahnradbahn, langsam maschinell, auch im Rezitativischen und Lyrischen. Als Klavier-Blattspieler kann man vieles nachvollziehen – etwa die technisch höllisch schweren Passagen einmal derart langsam zu hören. Warum müssen aber auch die lyrischen Stellen durchbuchstabiert werden? Beim Grandioso plagt sich eine alte Dampflok auf einen Berg. Manchmal gibt es grimmige, impulsiv wirkende Einschläge, immerhin. Doch die Schneckentempo-Buchstabier-Gleichförmigkeit bleibt das eiserne Prinzip. Wenn man so lange durchhält, erlebt man immerhin mit, wie die Lok auf einmal beim Prestissimo überraschend warmgelaufen lostuckert. Die daran anschließende Weltersteinspielung von Cobras Sonate No. 7 „Initiatiques“ in memoriam Frère Franz Liszt, etwas mehr als 12 Minuten kurz, verwirrt noch mehr, zeigt sich der Pianist doch hier pianistisch unerwartet exzentrischer und in der Mischung aus inspirierter düsterer Brüchigkeit (wie sie sich ja auch vielfach beim späten Liszt findet) und exaltierten Ausbrüchen durchaus gewillt, aus sich herauszugehen.

      Félix Ardanaz (9/2010) – Pianistische Klarheit
      CD Orpheus OR 3906-1828
      Aufnahme: Live 16. und 17.9.2010, Ort nicht genannt
      Spieldauer: 29:35 Minuten

      Die CD wurde in München gekauft, im Netz finden sich Stream-Angebote: amazon B00LGX7VPW

      21 Jahre jung war der aus Spanien stammende Pianist und Dirigent zum Zeitpunkt der Liveaufnahmen der Sonate, der Mazeppa Etüde und des Mephisto-Walzers Nr. 1 von Liszt. Es ist eine pianistische Interpretation, kräftig (auch im Klangbild), selbstbewusst zielgerichtet, von großer Klarheit geprägt, nichts wird verwischt, vernebelt. Erzählerisch wie lyrisch hat Ardanaz auch durchaus etwas zu sagen, man spürt Herzblut und Seele dahinter. Applaus hört man erst nach dem dritten Stück der CD, dem Mephisto-Walzer Nr. 1.

      Emil Gryesten (6/2015) – Gretchen als Engel
      CD Danacord DACOCD 772
      Aufnahme: 17. und 18.6.2015, Musikken Hus, Aalborg, Dänemark
      Spieldauer: 30:54 Minuten



      Gryesten ist auf den ersten akustischen Blick ein weiterer zielstrebiger Interpret mit pianistischem, weniger dämonischem Ansatz und mit dem Blick für den großen Bogen. Markant ist allerdings der vielfach weiche Anschlag am Steinway D Flügel, der 1985 geborene dänische Pianist stellt damit bewusst das Lyrische, das Eintauchen in die Seele der Musik in den Vordergrund. Faustisch (in seiner Werkeinführung im Booklet geht Gryesten auch auf die Faust-Assoziation zur Sonate ein) und spirituell betrachtet: Gretchens Anmut und Glaube stehen im Zentrum der Interpretation. Diese halbe Stunde Liszt Sonate ist auch getragen von einer ganz eigenen Schwerelosigkeit – wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen. Das innere Assoziationsbild festigt sich: Faust sieht Gretchen hier als Engel. Die weiteren Werke dieser Liszt CD: Aus Années de pèlerinage - Première annèe - Suisse: Chapelle de Guillaume Tell, Vallée d´Obermann und Les cloches de Genéve: Nocturne; dazu noch Isoldes Liebestod und La Campanella.

      Anthony Hewitt (1/2006) – Der Sorgfältige
      CD Divine Art Ltd. dda 25064
      Aufnahme: 23. und 24.1.2006, Potton Hall, Suffolk
      Spieldauer: 31:10 Minuten



      „Protégé“ ist die CD betitelt – wie Klaus Sticken koppelt der 1971 im Lake District (England) geborene Anthony Hewitt Liszts Sonate mit der dieser eng verwandten des Liszt-Schülers Julius Reubke. Der Einführungstext des Pianisten im Booklet fächert die Querbezüge zwischen den beiden Werken auch genau auf. Hewitt zeichnet interpretatorisch klare Linien und Bögen, pianistisch stringent, wieder eine wenig exaltierte Einspielung, die vielmehr einer großen, einheitlichen Linie folgt. Sehr sorgfältig ist alles modelliert, vielfach mit wenig Pedal, dadurch bisweilen etwas trocken daherkommend. Umso mehr vertieft sich Hewitt ins Erzählerische und Lyrische, er bemüht sich hier um eine eindringliche Einfühlsamkeit und läuft dadurch Gefahr, hin und wieder ins Buchstabieren zu geraten. Einmal mehr kann man aber grundsätzlich nur den Einsatz bewundern, mit dem alle die Pianistinnen und Pianisten versuchen, der h-Moll Sonate ganz persönliche Facetten abzutrotzen. Hört man gleich danach die Reubke Sonate, erscheint das Liszt Vorbild darin mehr als deutlich.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Danke für die Fortsetzung Deiner Betrachtungen zu den Aufnahmen der h-moll Sonate . Und Du hast noch viel vor Dir :) ! Bei Sermet bin ich völlig Deiner Meinung ; die Sonate im Konzert(2011)war noch ein wenig ausgespielter als auf CD . Bitte weitermachen !
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Jung sterben , aber so spät wie möglich ( F. Jourdain )
    • Lieber Alexander

      Mit grösstem Respekt ziehe ich meinen Tschäppu (berner Dialekt für "Hut") angesichts Deiner hervorragenden und bewundernswert akribischen Dokumentation der Aufnahmen des Liszt'schen Solitärs! Grosse Klasse! (Mein Favorit ist übrigens - bei allen technischen Unvollkommenheiten - der unvergessliche György Sebök)

      Gruss aus Bern von Walter
    • Liszt's h-moll Sonate ist eines meiner pianistischen Lieblingsstücke. Wenn ich einmal etwas Zeit habe, werde ich alle Kommentare hier lesen. Heute nur kurz.

      Das Konzert von Alice Sara Ott habe ich in Stuttgart gehört und wenn ich auch - was Klavierspiel angeht - kein großer Fachmann bin, kann ich Deine Eindrücke - lieber Alexander - weitestgehend bestätigen. Das Konzert - mein erstes mit dieser Pianistin - und vor allem die Wiedergabe der Sonate hat mich beeindruckt.

      In meinem Regal stehen einige der klassischen Aufnahmen - Horowitz, Gilels, Argerich, Arrau, aber über die wurde sicher schon berichtet. Ich werde es nachlesen.
      Gruß
      lutgra
    • Hallo Alexander,

      nur eine kurze, schnelle Rückmeldung zu Deiner Rezension der Neuburger-Aufnahme (die ich mir aufgrund Deiner Zeilen erst zulegte und nun bereits mehrere Male gehört habe).

      Du schreibst "glasklar kühl, dabei im Virtuosen vielfach forsch forcierend, quasi ab durch die Mitte, alles aus dem Weg räumen. Technisch atemberaubend gut, das Gefühl kalkuliert, im Ruhigen total die Ruhe bewahrend, eine eindrucksvolle Liveleistung, sensationell kontrolliert und konzentriert."

      Ja, ich unterschreibe jedes Wort. Eine ganz große Interpretation meiner Meinung nach. :verbeugung1: Neben all dem technischen Können aber auch sehr durchdacht und vor allem emotional packend dargeboten Es passiert mir nicht mehr oft, dass ich beim Hören einer Aufnahme am Ende mit einer Gänsehaut dasitze. Hier war ich so begeistert, dass ich die Sonate gleich im Anschluss noch einmal hören musste.

      LG, Cosima :wink:
    • AlexanderK schrieb:

      Richter stürzt sich dann ins Live-Abenteuer, mit vollem Risiko, das in der Zeit der noch nicht so extrem hochgezüchteten breiten Spitzenklasse wirklich noch echtes Risiko bedeutete, also die Gefahr, auch mal deutlich danebenzugreifen, zumal in Richters atemberaubendem Höllentempo der raschen Passagen eine fast unvermeidbare Folge. Eine ungeheure Kraft und Energie strahlt diese Aufnahme aus, echte überzeitliche Größe und poetische Innigkeit sondergleichen (Andante sostenuto!). Fazit (nun doch): Es gibt ganz viele sehr gute Aufnahmen der Sonate, aber nur ganz wenige Jahrhundertpianisten.
      Ich habe mir neulich die Praga Aufnahme mit Richter zugelegt (Carnegie Hall 1965). Zum Glück habe ich dafür nicht viel Geld ausgegeben. Großartig finde ich an dieser Aufnahme kaum etwas. Sie klingt meistens ziemlich brutal und an den leiseren Stellen reichlich unsensibel. Einzig die Fugatopassage nach dem langsamen Teil lässt etwas pianistisches Genie aufblitzen. Ansonsten kann diese Aufnahme mit vielen der bereits genannten Spitzenaufnahmen nicht mithalten. Richter spielt die schnellen Passagen zu schnell und die langsamen zu langsam, und diese Gegensätze lassen die Faktur der Sonate unorganisch erscheinen. Und die Brutalität mit er er die Akkorde in die Tastatur einhämmert wirkt nervtötend. Hinzu kommt die grittenschlechte Aufnahmetechnik, bei der es immerfort im Hintergrund rauscht. Wahrlich kein Vergnügen.


      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • DISKOTHEK
      Franz Liszt: Sonate h-Moll S.178 für Klavier
      Erste Ausstrahlung:
      Montag, 16. Oktober 2017, 20:00 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
      Wiederholung:
      Samstag, 21. Oktober 2017, 14:00 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
      Eine Aufzeichnung von den Klavierwochen in Ernen, Wallis, vom 10.7.2017.
      Gäste von Benjamin Herzog sind die Musikjournalisten Wolfgang Rathert und Moritz Weber.
      srf.ch/sendungen/diskothek/fra…h-moll-s-178-fuer-klavier
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Erneut ein Radiohinweis:

      hr 2 Kultur
      Mo. 30.10.17, 20:04 Uhr
      Klavierabend mit Melvyn Tan aus London

      Beethoven: Bagatellen op. 126
      Beethoven: Klaviersonate E-Dur op. 109
      Czerny: Variationen über die Arie La Ricordanza von Pierre Rode op. 33
      Czerny: Marcia funebre sulla morte di Luigi van Beethoven op.146
      Liszt: Klaviersonate h-Moll

      (Aufnahme vom 13. Oktober 2016 aus der Wigmore Hall)

      hr2.de/musik/konzertsaal/konze…n,id-konzertsaal-350.html
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Lieber Alexander,
      ich habe jetzt nicht den gesamten thread durchgelesen, daher meine Frage:
      Kennst Du diese Aufnahme oder die Pianistin?
      "https://www.youtube.com/watch?v=npS-y-vE6vc"

      Ich kannte die französische Pianistin
      Fabienne Jacquinot
      bis vor einer Stunde überhaupt nicht.
      Und das, welches ich mir bisher angehört habe, finde ich außerordentlich.
      Und natürlich läuft mir dann auch die h-moll Sonate über den Weg, welche ich gerade höre.
      Toller Anschlag, sehr lyrisch und farbenreich.
      Sie "bewältigt" diese Sonate nicht nur sondern steht meilenweit darüber.
      Was Ihr Möglichkeiten gibt, welche m.E. nicht viele haben.
      Ich bin gespannt auf Deine Meinung.
    • Michael Schlechtriem schrieb:

      Fabienne Jacquinot
      Die hatte ich im letzten Monat auch gerade mal wiedergehört (Soeben gehört # 2807) und bei der Gelegenheit Alexander auf ihre h-moll Sonate hingewiesen . Die ist gut, die Frau . Auf Forgotten Records gibt es 2 CDs von ihr : Schumann:Davidsbündlertänze / Liszt :Annees-Italie-Auszüge , sowie auf der zweiten Klavier/Orchester : Saint-Saens No.5, D'Indy und Debussy (Fantaisie) , alle mit Fistoulari . Und in Japan gibt es noch eine relativ teure Doppel-CD. Und die youtube Sachen .
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Jung sterben , aber so spät wie möglich ( F. Jourdain )
    • 25mal persönliche Eindrücke zu Liszt h-Moll Sonate, auf ein Neues... (1)

      Boris Giltburg (5/2006) – Sicherheit und große Gefühle
      DVD VAI Video Artists International 4393
      Aufnahme: Live, Lincoln Theatre, Miami Beach, Florida, 11.5.2006
      Spieldauer: 29:27 Minuten



      Sechs Jahre vor seiner CD-Einspielung entstand schon eine Konzert-Fernseh-Liveaufnahme die auch die Sonate h-Moll enthält mit dem 1984 in Moskau geborenen Boris Giltburg. Der Fernseh-Mitschnitt fängt das Konzert mit ein paar Standkameras rund ums Klavier optisch angenehm unaufdringlich ein. Zwischen den Stücken wird allerdings jeweils ab- und dann wieder aufgeblendet. Durchs ganze Konzert zieht sich Giltburgs für einen 22jährigen beachtliches Konzept: Sicherheit und Souveränität als selbstverständliche Voraussetzung, sich einem Konzertpublikum und den Kameras zu stellen, wohlüberlegte, genau kalkulierte pianistische Entscheidungen, kühl-rationaler Ansatz im Virtuosen und daraus erwachsend die ganz großen Gefühle. Giltburg beherzigt dies bei Johann Sebastian Bachs Chromatischer Fantasie und Fuge genauso wie bei Franz Schuberts „Wanderer“ Fantasie, bei Alexander Scriabins 2. Sonate, bei der Liszt-Sonate und bei den beiden Zugaben, „Liebesleid“ (Kreisler/Rachmaninow) und Prelude Nr. 1 (Gershwin).

      Peter Katin (4/1983) – Natürlich, wie selbstverständlich
      CD Minerva ATH CD9
      Aufnahme: Live, April 1983, University of Western Ontario, Kanada
      Spieldauer: 31:21 Minuten



      Der aus London stammende Peter Katin (1930-2015) lässt gleich mit den die Sonate eröffnenden beiden Abstiegen aufhorchen. Das Rubato, das er einsetzt, wirkt völlig natürlich, wie selbstverständlich. Was in der Folge die Virtuosität betrifft, so ist Katin einer der auch und gerade live atemberaubend tollen, unglaublich loslegen könnenden Pianisten. Zugleich spannt er die Sonate als in sich geschlossenen großen Bogen und achtet er auf die vielen kleineren Bögen des Werks, ohne sie mit mutwilligen Rückungen überbetonen zu müssen. Das ist die ganz große Qualität dieser Liveaufnahme: Die natürliche, selbstverständliche, beseelt verinnerlichte Kraft der Poesie. Diese kommt auch bei den anderen Werken dieses Mitschnitts zum Tragen, Variationen und Fuge über ein Thema von Händel op. 24 von Johannes Brahms und Liszts Sonetto 123 del Petrarca (großartig: vergeistigt und ganz klar).

      Rafael Orozco (5/1972) – Dämonisch und zauberisch
      2 CDs Philips 442 617-2
      Aufnahme: Mai 1972, United Kingdom
      Spieldauer: 28:01 Minuten

      [Blockierte Grafik: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/21PET0YWHPL.jpg]

      Rafael Orozco ist unter anderem neben Arnaldo Cohen einer der Pianisten, der die Sonate im Laufe seines Lebens zweimal im Studio aufgenommen hat. Der 1946 in Córdoba (Spanien) geborene Künstler starb allzu früh mit 50 Jahren 1996 in Rom an Aids. Die beiden Einspielungen entstanden 1972 und 1990, die erste zusammen mit Chopins 2. Sonate b-Moll op. 35. Den Chopin höre ich pianistisch grimmig zielgerichtet, geradlinig, geradezu lapidar hingelegt. Den ruhigen Mittelteil des Trauermarschs lässt Oroczo dann aber glasklar leuchten, da tut sich eine eigene Welt auf. Da war etwas, etwas Besonderes, etwas Außergewöhnliches. Kann man den Höreindruck zur Chopin-Sonate als „Vorurteil“ in die Liszt-Sonate weitertragen? Orozco sagt gleich mit den beiden Abstiegen des Werkbeginns deutlich „Nein!“ So wie er die Phrasen abschwingt, könnte es der Versuch sein, in eine Unterwelt einzutreten. In der Folge spielt Orozco im Virtuosen grimmig zielgerichtet (also doch irgendwie wie bei Chopin), aber das hat durchaus etwas Dämonisches, Unheimliches, und zugleich etwas Zauberisches. Zuallererst aber: lieber nicht links und rechts schauen, mitten durch. Wo es geboten ist, wo der Halt des Virtuosen ausbleibt, ist Vorsicht geboten, aber es tun sich, hat man offene Ohren und die Seele dafür, da auch Traumwelten auf, die staunen machen (etwa im Andante sostenuto). Durch die Hölle geht es hier also, und in der gibt es offenbar idyllische Traumwelten der Geborgenheit. Gegen Ende meldet sich ja der Teufel noch einmal. Niemand spielt dessen Verschwinden im Irrlicht, im Nebel so „plastisch“ wie Orozco, ins Pedalverschwimmen gleitend. Alles geht letztendlich gut aus. Das größte Rätsel stellt sich aber nun vor dem Hören der zweiten Einspielung: Was kann ein Pianist nach so einer Aufnahme noch „nachlegen“?

      Josef Bulva (1973?, P. 1974) – Immer schon ein Schelm (?)
      CD Teldec 2292-46118-2
      Aufnahme: P. 1974
      Spieldauer: 28:58 Minuten

      [Blockierte Grafik: https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/512zJt7u0JL._SL500_.jpg]

      In einem Gespräch mit dem Wiesbadener Tagblatt vor einem Klavierabend im Schloss Johannisberg im Rahmen des Rheingau Musik Festivals am 19.7.2017 mit dem auch im April 2017 in München gespielten Programm sagt Bulva: „Aber diese Sonate verpflichtet uns zur Ernsthaftigkeit!“ Bulvas Aufnahme von 1984 bereits gehört und den Künstler mit der Sonate eben im April 2017 in München live erlebt habend stellt sich allerdings die Frage: Hat er in der 1974 erstveröffentlichten Aufnahme (CD 1990) auch schon so originell gegen den Strich gespielt? Hat er. Bulva spielt am Steinway Flügel trocken und lapidar, aber auch bewusst plakativ und dann doch immer wieder wie ein Schalk dort, wo er besonders auftrumpfen könnte, extra zurückgenommen. Er zeigt der Erwartungshaltung keck die Zunge. Virtuosität und Poesie sind hier mit einem originellen Witz gekoppelt. Macht sich Bulva über die Sonate lustig? Will er (das bietet sich als Frage erneut an) Eduard Hanslicks Benennung der Sonate als „Genialitätsdampfmühle“ unterstreichen?

      Marc-André Hamelin (6/2017) – Weitere Abschnitte der Ewigkeit
      Radio Ö1, 25.7.2017
      Aufnahme: Live im Angelika-Kauffmann-Saal, Schubertiade Schwarzenberg, 25.6.2017
      Spieldauer 29:55 Minuten

      Bei der Schubertiade Schwarzenberg 2017 versuchte sich der kanadische Pianist Marc-André Hamelin zum wiederholten Mal mit zugelassener Radioaufzeichnung an der Sonate (Ö1 25.7.2017, BR-Klassik 3.8.2017, Radio 4 Niederlande 4.8.2017). Ihr vorangestellt waren in dieser Matinee Johannes Brahms´ Drei Intermezzi op. 117 (gleich Hamelins Fähigkeit zur souveränen Gestaltungskraft eindrucksvoll demonstrierend; Hamelin steuert beeindruckend „wissend“ durch die Musik), Franz Schuberts Drei Klavierstücke D 946 (die bei Brahms zu hörenden Qualitäten auch und gerade in Schuberts „unendlichen Weiten“ der Mittelteile bestätigend) und Franz Liszts Nuages gris (trotz Hamelins „Zielsicherheit“ irgendwie verloren wirkende „Graue Wolken“ also als Intro zur Sonate). Die Souveränität, mit der Hamelin trotz hin und wieder erkennbarer kleiner Unsauberkeiten vom ersten Ton an durch den Sonatenkosmos steuert, weitere Abschnitte einer exorbitanten, klavieristisch grandios vielfältigen Ewigkeit aufbauend, ist erneut beeindruckend. Das Poetische kommt diesmal auch stark verinnerlicht zur Geltung. Hamelins Abtönungsmöglichkeiten im grundsätzlich extrem persönlichkeitsstarken Ansatz zaubern eindringliche Ausdrucksintensität und durchaus neu zu hörende sensible Nuancen in die Interpretation, und wie er große pathetische und virtuose Bögen aufzubauen versteht, ist einmal mehr mitreißend für sich.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • 25mal persönlich, auf ein Neues... (2)

      Paul Badura-Skoda (3/1965) – Faust rast vor Wut
      CD Gramola 99147
      Aufnahme: Live in der Carnegie Hall in New York, 29.3.1965
      Spieldauer: 27:21 Minuten



      Ein Presse-Verriss eines erfolgreichen Carnegie Hall Konzerts des 1927 in Wien geborenen Pianisten animierte den Konzertveranstalter und den Künstler, sofort ein zweites Konzert ebendort anzusetzen, in welchem Badura-Skoda dann auch die Liszt-Sonate spielte – wieder, wie er im Begleitheft schreibt, mit großem Publikumserfolg, aber diesmal ganz ohne Presseresonanz. Badura-Skoda, der auch eine genaue Analyse der Sonate mit Notenbeispielen vorlegt, wie viele andere auf den möglichen Faust-Zusammenhang, aber auch kollegial auf Alfred Brendels Werkbesprechung verweisend, verschweigt keineswegs, die Sonate durchaus mit einer gewissen Wut gespielt zu haben. Mag sein das Lesen der Einführungstexte beeinflusst das Hörerlebnis stark – die Wut des Pianisten macht den Livemitschnitt auf jeden Fall besonders spannend, wächst der Pianist doch damit emotional über sich hinaus, dabei aber nie die Kontrolle am Steinway D Flügel verlierend, den großen Bogen wie kleinere Zusammenhänge immer im Blick behaltend, nie am Zerfallen. Das ergibt eine vehement spannende, von der prickelnden Liveatmosphäre geprägte Aufnahme, die akustisch-technisch nicht einwandfrei abläuft, aber als Dokument nichtsdestotrotz besticht. Selbst im Lyrischen verbirgt Badura-Skoda einen gewissen Trotz nicht. Und dann rast dieser Faust wieder wütend weiter. Ein starkes Postulat, musikalisch verblüffend virtuos und doch nobel-kontrolliert formuliert als beinharter Subtext: Ihr Kritiker, Ihr könnt mich mal…

      Joseph-Maurice Weder (5/2017) – Versenkung im Monument
      CD Dabringhaus und Grimm MDG 904 2042-6
      Aufnahme: 10. bis 12.5.2017, Konzerthaus der Abtei Marienmünster
      Spieldauer: 33:19 Minuten



      Der 1988 geborene Schweizer Pianist koppelt Liszts h-Moll Sonate auf seiner CD mit Robert Schumanns Kinderszenen op. 15. Die Liszt-Sonate spielt er auf einem Steinway D Flügel von 1901 sehr sauber, nichts wird hier verwischt, über nichts drübergespielt – aber es ist keine buchstabierte Interpretation, Weder taucht zumal in den lyrischen und rezitativischen Passagen gleichwohl bewusst langsam und vertieft in die musikalische Welt die sich hier öffnen kann ein, das erscheint (mir) als kristallklare mystische Versenkung. Genauso wird mit dieser Aufnahme aber auch (einmal mehr) die monumentale Größe des Werks, dessen gewaltige Dimension, ganz deutlich herausgestellt.

      Yury Boukoff (P. 1973?) – Grimmige Faustgesänge
      CD Bourg Records BGC 19
      Aufnahme: o. J.; 1973?
      Spieldauer: 28:13 Minuten

      [Blockierte Grafik: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/81SMn-R0ZNL._SL1371_.jpg]

      An die Sonate Liszts Funérailles und den Mephisto-Walzer anzuschließen heißt, die Idee des Faust-Stoffes als Hintergrund der Sonate zu unterstreichen. Der 1923 in Sofia geborene Pianist (er starb 2006 in seiner langjährigen Wahlheimat Frankreich) zieht seine Interpretation aller drei Werke grimmig und episch durch, man kann sich hier wieder einmal gut die Faust-Charaktere, also Faust, Gretchen und Mephisto, dazu vorstellen. Das Virtuosentum wird als selbstverständlich mitgenommen. Die bei allem grimmigen Durchzug ganzheitlich und auch in Details schön abgerundete Aufnahme besticht besonders dort, wo Gesangliches möglich ist, mit empfindsamer Auslotung des Ausdrucks.

      Mathieu Papadiamandis (9/1999) – Pianistisches Eintauchen
      CD EMI 7243 5 74233 2 8
      Aufnahme: September 1999, Musica Numeris Studio, Sion, Schweiz
      Spieldauer: 29:54 Minuten



      Mathieu Papadiamandis hat in Paris studiert und veröffentlichte seine Debüt-CD mit Liszt-Werken (neben der Sonate Nuages gris, Vallée d´Obermann, Isoldes Liebestod und Präludium Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen) Anfang 2001. Im Booklet schreibt er zur Sonate von „…einer echten symphonischen Dichtung für Klavier“. Seine Aufnahme wirkt auf mich frisch, unverbraucht, pianistisch makellos, er taucht so richtig ein in diese fordernde klavieristische Welt, geradlinig, einen in sich geschlossenen Bogen zwischen auftrumpfender Virtuosität und poetischer Ruhe spannend. Ich würde diese Aufnahme zu den „pianistischen“ einordnen, nicht etwa zu den eher dämonischen oder mehr analytischen. Wenn man schon sehr viele Aufnahmen dieser Sonate gehört hat, stellt sich allerdings bei solchen Angeboten das Gefühl nach ein paar Minuten ein, die Interpretation „erkannt“ zu haben und zu ahnen bzw. sogar zu wissen, wie es weiter gehen wird. Das „Konzept“ wird durchgezogen, und nur für den, der das Werk eben x-mal gehört hat, läuft der Rest ziemlich überraschungslos weiter, da sich der Akzentansatz nicht mehr ändert. Die Sonate selbst, ihre ungeheure Herausforderung und Dimension, ihre pianistische Kraft und Tiefe, und auch die einmal mehr bewundernswerte Interpretation, eine tolle Talentprobe eines aufstrebenden Künstlers, können absolut nichts dafür.

      Vladimir Feltsman (1988) – Weltaufgang Andante sostenuto
      CD CBS MK 44925
      Aufnahme: 1988, Richardson Auditorium, Alexander Hall, Princeton Univ., New Jersey
      Spieldauer: 30:52 Minuten

      [Blockierte Grafik: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/410gzsIAfWL.jpg]

      Der 1952 in Moskau geborene Pianist emigrierte 1987 in die USA. 1988 nahm er neben der h-Moll Sonate auch Liszts drei Petrarca Sonette und die Franz von Assisi-Vogelpredigt auf. Der Anfang der Sonate scheint auf eine pianistische, den großen Bogen spannende, in sich geschlossene, im Klavieranschlag besonders klare Interpretation hinauszulaufen. Im Ganzen wie im Detail wirkt das Spiel besonders fein abgerundet. Virtuos ist alles da, ohne effektheißerisch auftrumpfen zu müssen, und fürs Poetische nimmt sich Feltsman ausgeglichene Ruhe. Wer die Sonate schon sehr oft gehört hat erwartet nun das Durchziehen dieser Linie, insofern mag man dazu neigen, nicht mehr so genau hinzuhören, es eher nebenher durchlaufen zu lassen, beim Hören mit den Gedanken abzuschweifen. Wie über glasklarem Wasser perlend spielt Feltsman die Sonate. Und dann aber – der Andante sostenuto Abschnitt (und auch der am Ende): da öffnet sich eine Welt, hier „erfüllt sich“ die Poesie der Interpretation, hier gelingt es Feltsman, spirituelle Dimensionen zu öffnen, eine ganz starke Aura zu entfalten. Wenige Aufnahmen fangen diese Andante sostenuto Abschnitte derart beseelt ein.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • 25mal persönlich, auf ein Neues... (3)

      Intermezzo (7+10/2017) – Die Diskothek in SRF 2 Kultur

      Am 16.10.2017 (wiederholt und vom Schreiber gehört am 21.10.2017) widmete sich die SRF 2 Kultur Diskothek der h-Moll Sonate. Aufgezeichnet wurde diese Sendung am 10.7.2017 bei den Klavierwochen in Ernen (Wallis). Gäste von Benjamin Herzog waren die Musikjournalisten Wolfgang Rathert und Moritz Weber. Miteinander verglichen wurden durchwegs neuere Aufnahmen: mit Marc-André Hamelin (Hyperion 2011), Angela Hewitt (Hyperion 2015), Khatia Buniatishvili (Sony 2011), Dénes Várjon (ECM 2012) und Pierre-Laurent Aimard (DGG 2011), dem Prinzip der Sendereihe folgend die Interpreten nicht nennend jeweils mit gleichen Hörpassagen und mit jeder Runde die darin allgemein weniger gut kritisierten Aufnahmen entfernend. Nach der ersten Runde fielen Hewitt (als zu blass klassifiziert) und Várjon (zu unsauber) heraus, nach der zweiten Hamelin (er buchstabiert zu viel), und am Ende hatte Buniatishvili (dramatisch aufgeladen, virtuos, aber auf Dauer ermüdend und teilweise übertrieben) gegen Aimard (genaue, transparente, klangschöne Textbeachtung) das Nachsehen.

      Paul Badura-Skoda (10/1971) – Texttreue, Empfindsamkeit, Leidenschaft
      CD Gramola 99147
      Aufnahme: Mozart-Saal, Konzerthaus, Wien, Oktober 1971
      Spieldauer: 28:02 Minuten



      Badura-Skoda selbst nennt seine Studioaufnahme der Sonate, sechs Jahre nach der „zornigen“ New Yorker Liveaufnahme entstanden, kontrollierter und verinnerlichter. Am Bösendorfer 275 Flügel (mit seinem dunkleren Klang gegenüber Steinway Klavieren) beachtet Badura-Skoda den Notentext sehr genau, und das verbindet er mit gut durchhörbarer kontrollierter Leidenschaft. Was die Poesie betrifft, so wird die empfindsame Lyrik spürbar, die die sehr runde, in sich geschlossene, gleichwohl auch virtuos staunenswerte, das Werk sehr ernst nehmende Aufnahme stark mitprägt.

      Melvyn Tan (10/2016) – Vom Kaminfeuer in den Wintersturm
      Radio hr2 Kultur, 30.10.2017
      Aufnahme: Live, Wigmore Hall (London), 13.10.2016
      Spieldauer 27:05 Minuten

      Der aus Singapur stammende, in London lebende Melvyn Tan beging seinen 60. Geburtstag mit der Konzertpräsentation seiner im Monat davor erschienenen „Master & Pupil“ CD – mit genau den Werken der CD: Ludwig van Beethovens Bagatellen op. 126 und dessen Klaviersonate E-Dur op. 109, Carl Czernys Variationen über die Arie La Ricordanza von Pierre Rode op. 33 und dessen Marcia funebre sulla morte di Luigi van Beethoven op.146 sowie Franz Liszts Klaviersonate h-Moll. Tans Klavierspiel wirkt hier bis zur Liszt-Sonate wie bei der CD-Einspielung heimelig musikantisch, mit seinem weich fließendem Anschlag, das Heimelige auch befördernd durch den vollen, warmen Klavierklang der Radioaufnahme. Wenn es flott sein soll oder muss ist Tan allemal auf Zack, und ruhig wirkt´s eben nicht übertrieben pathetisch oder distanziert zurückgenommen, sondern entspannt und kontrolliert. Da muss jemand nichts ganz unbedingt beweisen. Tan will offenbar einfach interessante Klaviermusik folgerichtig in der Lehrer-Schüler-Kette in sich stimmig nach der CD auch vor Publikum vorstellen. Und dann steigt er in die Sonate ein, aber wie. Er explodiert geradezu, spielt auf einmal auf Teufel komm raus, nimmt Risiko (ohne dabei das Gefühl zu vermitteln, er gehe an seine Grenzen), gibt sich exaltierter, baut eine durchgehend emotionsgeladene Spannung auf, spielt das Virtuose genauso aus wie er das Erzählerische und Poetische bis in Verästelungen musikantisch und musikalisch vielschichtig auslotet. Ein aufregender und gleichwohl souveräner Parforceritt ist das, unglaublich nach der Beschaulichkeit der Interpretationen der Werke davor. Vom heimeligen Kaminfeuer in einen unberechenbaren Wintersturm – so kann man seinen 60. Geburtstag auch feiern. Zugabe: Liszts Konzertetüde Nr. 3 Un sospiro, der pianistisch herrlich ausschwingende Seufzer. Wieder am Kaminfeuer? Oder noch draußen im Sturm?

      Jeanne-Marie Darré (1965?) – Ein sehr persönlicher Zugang
      2 CDs Vanguard Classics ATM-CD-1213
      Aufnahme: 1964 oder 1965, Wien
      Spieldauer: 33:49 Minuten



      Das vorliegende Produkt enthält zwei CDs, eine mit Liszt-Aufnahmen von Jeanne-Marie Darré, eine mit Liszt-Aufnahmen von Alfred Brendel, doch sind die Labels vertauscht. Auch bei den Angaben zu den Aufnahmen muss man genau aufpassen. Jeanne-Marie Darrés Aufnahme der Liszt-Sonate und anderer Liszt-Werke entstand wohl 1964 oder 1965, laut Vanguard Classics genauso wie Brendels Aufnahmen (diese wohl 1967) in Wien. Die französische Pianistin (1905-1999) bietet die Sonate mit einem sehr persönlichen Ansatz, der aufhorchen lässt. Vor allem nimmt sie sich Zeit, ohne diese auch nur eine Sekunde zu verschenken. Im Virtuosen wirkt ihr Spiel gelegentlich, als würde sie Grenzen ausloten wollen. Sie setzt manchmal Figurenblöcke voneinander ab und schafft dadurch ungewohnte „Gedankenstriche“. Auch wirkt die Aufnahme insofern wie aus einem Guss und ohne Schnitte eingespielt, als so manche winzige Unsauberkeit nicht korrigiert wurde. Gerade das allerdings macht es besonders sympathisch. Hier spielt ein Mensch, der alles gibt und nichts verschleiert. Warum das alles so stimmig wird, erklärt sich aber noch vielmehr aus allen rezitativischen und poetischen Abschnitten der Sonate. Jeanne-Marie Darré schafft es, diese Passagen (aus dem Geschehen sich schälend) vollkommen abgehoben, wie aus einer anderen Welt zu interpretieren. Kurz vor dem Fugatoabschnitt etwa gibt es eine Passage mit ruhig absteigenden Tonfolgen. Bei vielen tut sich da wenig, bei Aufnahmen wie dieser wird die Spannung fast magisch aufrechterhalten. Eine ganz eigen „natürliche“ Spannung hat etwa auch die Passage rund um den Höhepunkt genau knapp davor in der Mitte des Werks, die Steigerung wie der Abfall danach. Es ist das Unerklärliche, Unbeschreibbare, was Jeanne-Marie Darrés Aufnahme so besonders macht, die Aura einer sehr persönlichen Sichtweise, die es gleichwohl vermag, das Werk vom Interpreten zu lösen in eine ganz eigene Welt.

      Andrew von Oeyen (9/2009) – Pianist unter Pianisten
      CD Pons Musica PonsM 0414
      Aufnahme: 4. bis 6.9.2009, Beethovensaal, Hannover
      Spieldauer: 29:43 Minuten



      Der 1979 geborene US-amerikanische Pianist, der die Sonate auf seiner CD mit weiteren bekannteren Liszt-Stücken koppelt (darunter Waldesrauschen, Rigoletto-Paraphrase und Liebestraum Nr. 3), legt die Sonate pianistisch brillant und stringent hin, geradlinig und in sich abgerundet. Im Rezitativischen und Poetischen zeigt er sich gleichwohl erzählerisch ambitioniert, das überzeugt durchaus. Eine der vielen Aufnahmen, die das Selbstverständliche des extrem hohen Niveaus des Spitzenklavierspiels Anfang des 21. Jahrhunderts unterstreichen, indem sie nicht einmal herausragen, sondern sich vor allem was die Brillanz betrifft in einen mittlerweile schwindelerregenden Mainstream des Virtuosen einreihen.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • 25mal persönlich, auf ein Neues... (4)

      Bernard d´Ascoli (2/1982) – Unglaublicher Hochgeschwindigkeitszug
      2 CDs EMI 7243 5 68963 2 1
      Aufnahme: Februar 1982
      Spieldauer: 29:28 Minuten



      Hört man sich d´Ascolis Aufnahme der h-Moll Sonate an, ohne sich mit der Biografie des Pianisten befasst zu haben, entfaltet sich einfach eine weitere dieser hochvirtuosen Durchzugsaufnahmen, die das Werk geradlinig, in den schnellen Abschnitten verblüffend perfekt und gut durchhörbar, in den erzählerischen hingegen durchaus rhetorisch eindringlich zurückgenommen einfangen. Ein Hochgeschwindigkeitszug, der öfter Station macht. Die Interpretation hat etwas beeindruckend stringent Stählernes. Am Ende ist der Zug gut angekommen. Freilich: Der aus der Provence stammende 1958 geborene französische Pianist ist, wie man eruieren kann, seit dem 3. Lebensjahr blind. Umso erstaunlicher also diese Durchlauf-Perfektion der Griffsicherheit, dazu dieses konsequente Durchhalten des Konzepts.

      Peter Chukhnóv (11/2017) – Niedergewalzter Achttausender
      Live im Steinway Haus (Rubinstein Saal) in München, 17.11.2017
      Spieldauer nicht mitgestoppt

      Das ganze Konzert, das neben der Liszt Sonate auch die Brahms Fantasien op. 116, Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ und Balakirevs „Islamey“ aufbot, also einige Monumentalprüfsteine virtuoser Klavierkunst, lief so ab: Stupend virtuos, auch beim sonst vielfach Zurückgehaltenen etwas ungestüm, mit festem, selbstbewusstem Schritt durch alles durch, nicht nur bei der Sonate sich einem virtuosen, eiligen Rausch hingebend, der keine Weile duldet, nahezu alles niederwalzt was sich ihm in den Weg stellt. Auch Leslie Howard war bei seiner CD-Aufnahme verblüffend rasch unterwegs, nur rutscht bei Howard vieles durch, während hier alles vehement gewichtig blieb. Kleine Unsauberkeiten passierten nie im Exponierten, immer nur im mittleren Bereich, zwischendurch. Eine schwindelerregend eilig durchgezogene, enorm präsente Interpretation!

      Cécile Ousset (10/1984) – Mehr als ein Superlativ mehr
      CD EMI 7243 5 85057 2
      Aufnahme: Oktober 1984, Studio No. 1, Abbey Road, London
      Spieldauer: 29:20 Minuten



      Man muss nach über 200 gehörten Aufnahmen der Sonate vorsichtig sein mit Superlativen, und doch: Die 1936 in Tarbes (Frankreich) geborene Pianistin, die das Werk mit Liszts sechs Paganini-Etüden zusammen aufgenommen hat, schafft schon mit den ersten Tönen des zweimaligen Abstiegs eine besondere Aura. Wie sie die Musik abtönt – da spürt man, hier wird sich etwas ereignen, das wird keine Aufnahme wie viele andere, bei denen man sich nach und nach in die Interpretation begibt, ein (oder kein) Konzept zu erkennen meint, Vorurteile und/oder Klischees bestätigt oder widerlegt hört etc., nein, da wird man wieder einmal völlig neu gefesselt vom Werk wie von der Interpretation. Cécile Ousset tönt besonders feinfühlig ab, und dann legt sie los wie von der Tarantel gestochen, dabei aber seltsam leicht, unbeschwert, durchaus mit Nachdruck, aber nicht verbissen, technisch atemberaubend rasch und souverän, und dann bei den rezitativischen und poetischen Passagen weiter ungewöhnlich suggestiv-intensiv, also zwischen stürmischer Energie und musikalisch extrem erstaunlicher Aura changierend, wie es nur ganz selten zu hören ist. Eine weitere dieser „Nicht von dieser Welt“ Aufnahmen also. Nach über 200 ein Superlativ mehr? Mag sein es wird inflationär. Diesmal aber wirklich ein Superlativ mit speziellem Nachdruck. Auf ganz andere Art mindestens so sensationell wie Alexei Grynyuks Aufnahme.

      Rafael Orozco (3/1990) – Empfindsame Unbedingtheit
      CD Auvidis-Valois V 4643
      Aufnahme: März 1990, Kimpton Parish Church, Herts
      Spieldauer: 29:46 Minuten



      Die Aufnahme des 1946 in Córdoba (Spanien) geborenen Pianisten, der 1996 nur 50jährig an Aids starb, auf einem Steinway Flügel zusammen mit den drei Sonetten nach Petrarca und der Dante-Sonate eingespielt, war eine der ersten der Sonate, die ich kennengelernt habe. Ich konnte sie im September 1995 mit jener von Igor Ardašev (aus dem Jahr 1991) vergleichen. Damals habe ich einen spannend-virtuosen Höreindruck notiert. Orozcos Interpretation erschien mir expressiv, aber nie künstlich überdreht. Über 200 gehörte Aufnahmen später bestätigt sich dieser erste Eindruck sehr positiv. Orozco spielt dramatisch, pianistisch, faustisch, und vor allem spielt er empfindsam. Er entfaltet (vergleichbar etwa mit Fazil Says Aufnahme) ein spannendes großes Klavierabenteuer und legt dabei eine Leidenschaft ins Werk, voll (mich) im tiefsten Inneren berührender musikalischer Unbedingtheit.

      Kyoko Tabe (4/1995) – Hat die Ruhe weg im Klavierkosmos
      CD Denon CO-78960
      Aufnahme: 5. bis 7.4.1995, Iwai Civic Concert Hall
      Spieldauer: 33:08 Minuten

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      Im Lyrischen und Rezitativischen spielt die 1967 in Hokkaido (Japan) geborene Pianistin völlig entspannt, mit unerschütterlicher innerer Ruhe. Derart innerlich ausgeglichen erreichen all diese Passagen, angefangen vom zweimaligen Abstieg des Beginns bis zum zurückgenommenen Finale, eine fast meditative Poesie. Indem Kyoko Tabe im Vollgriffigen und Virtuosen aber durchaus handfest zupackt, entfaltet sie insgesamt ein klavieristisch prachtvolles Gemälde. Da lässt es sich herrlich eintauchen in Liszts Klavierkosmos. Die Pianistin protzt nicht, sie fächert die Vielgestaltigkeit der Musik in sich sehr abgerundet auf. Die Interpretation kann faustisch gehört werden, aber auch rein klavieristisch, als fulminant verblüffendes Ausnahmewerk der Klavierliteratur. Der schöne offene Stereoklang trägt das Seine zur trotz der bewusst sich Zeit lassenden lyrischen Teile niemals langatmig werdenden Aufnahme bei, zu der Kyoko Tabe die 3 Sonetti di Petrarca und die Rigoletto-Paraphrase ergänzt.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK