Wo ist die Durchführung?

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    • Wo ist die Durchführung?

      Bei Sinfonien ist es in der Regel klar. Bei Solokonzerten habe ich regelmäßig Probleme. Gehen wir von einem Sonatensatz in Dur aus, zur Zeit von Haydn und Mozart:

      Exposition:
      Beginnt mit der Tonika, wechselt in die Dominante, endet in der Dominante
      Durchführung:
      Macht oft auf der Dominanten weiter, wechselt aber schnell in andere Tonarten, endet häufig (wenn auch erst ganz am Ende) in der Tonika.
      Reprise:
      Alles in der Tonika.

      Bei Solokonzerten muss man in dieses Grundschema die Verteilung auf Tutti- und Solo-Stellen einbringen, und da finde ich kein einheitliches Bild. Typisch wäre:

      Exposition:
      Tutti - Tonika
      Solo - Tonika -> Dominante
      Tutti - Dominante

      Durchführung:
      Solo - Dominante, dann modulierend
      Tutti - endet auf der Tonika

      Reprise:
      Solo - Tonika
      Tutti - Tonika
      Kadenz - Tonika
      Tutti - Tonika ("Coda")

      Das Problem ist, dass manchmal die Tutti-Stelle am Ende der Exposition schon der Durchführung zugeordnet wird. Ich versuche mir das so zu erklären: Wenn diese Tutti-Stelle nur den Charakter eines Nachspiels hat, gehört sie noch zur Exposition. Wenn dort aber schon moduliert oder variiert wird, gehört sie in die Durchführung.

      Beispiel: Haydn, Hornkonzert "Nr. 1" D-Dur Hob. VIId:3 (Gliederung gemäß Rudolf Kloiber, Handbuch des Instrumentalkonzerts, Band 1)

      1. Satz: www.youtube.com/watch?v=daENsk0aM-U
      In der Exposition setzt das Orchester bei 1:46 mit dem Hauptthema in A-Dur ein. Ich betrachte das als "Nachspiel", zumal dieser (wenn auch recht lange) Abschnitt mit einer Art "Epilog" (ab 2:11) endet.
      Die Durchführung beginnt bei 2:19, die Reprise bei 3:33.
      Insgesamt ist der Aufbau so wie oben skizziert.

      3. Satz: www.youtube.com/watch?v=PWq11Z4MOyo
      Hier ist es anders: Die Durchführung beginnt bei 1:12 mit dem Orchester, d.h. die Exposition hat mit dem Soloinstrument geendet. Der Beginn der Reprise bei 2:20 ist klar.

      Zwischenfrage: Seht ihr das bei diesen beiden Sätzen auch so? Ich kann nämlich Kloibers Gliederungen nicht immer nachvollziehen.



      Meine wirklichen Probleme beginnen bei einem Konzert, das bei Kloiber nicht besprochen wird:

      Haydn, Hornkonzert "Nr. 2" D-Dur Hob. VIId:4

      Dieses wird recht selten gespielt, eine gute Aufnahme wäre diese:



      Auf Youtube habe ich den ersten Satz nicht gefunden, daher nur so viel: Wie im 1. Satz des ersten Konzerts endet die Exposition mit einem "Tutti-Nachspiel", d.h. die Durchführung beginnt mit dem Soloinstrument. Nur leider finde ich den Beginn der Reprise nicht.

      Ein noch größeres Problem habe ich mit dem 3. Satz, und dazu gibt es eine Youtube-Aufnahme, wenn auch nur mäßig gut gespielt:
      www.youtube.com/watch?v=-2qBQH-2BJg

      Im Gegensatz zum 3. Satz des ersten Konzerts meine ich, dass die Tutti-Stelle ab 1:26 (Hauptthema in A-Dur) noch zur Exposition gehört, zumal man die Stelle ab 1:45 als "Epilog" deuten kann.
      Die Durchführung würde dann bei 1:52 mit einer Variante des Hauptthemas, gespielt vom Soloinstrument, beginnen, immer noch in A-Dur (Dominante).
      Das sind aber gerade mal 6 Takte, und dann setzt schon bei 2:01 das Hauptthema in D-Dur ein. Kann das schon die Reprise sein? Hat die Durchführung schon früher angefangen?
      Die Reprise wäre dann recht lang, das Soloinstrument spielt noch einige ausgedehnte Passagen.
      Ab 3:08 wird dann vom Orchester die Kadenz vorbereitet, also muss die Reprise vorher irgendwann angefangen haben, aber wo?
      Nach der Kadenz geht's bei 4:13 weiter, Kloiber bezeichnet die entsprechenden Stellen in anderen Konzerten als "Coda".

      Die Frage lautet also: Kann man in diesem Satz wirklich von einer nur 6-taktigen Durchführung sprechen? Oder passt das Schema Expositon-Durchführung-Reprise generell nicht bei solchen Konzerten? Wie würdet ihr den 3. Satz gliedern?


      Thomas
    • Hallo,

      ich muss mir das Hornkonzert ein anderes Mal anhören, hab gerade wenig Zeit, aber generell:

      Die Konzertform des (späten) 18. Jahrhunderts leitet sich zunächst aus dem barocken Ritornellkonzert ab, wobei im Laufe der Zeit immer mehr Elemente des Sonatensatzes mit einfließen, bis letztendlich die Musiktheorie im frühen 19. Jahrhundert dem Solokonzert nur noch Sonatenform zuweist und die Tutti/Solo-Gliederung völlig außer Acht lässt.

      In den "reifen" Werken der Wiener Klassik besteht ein Solokonzert üblicherweise aus:

      1. Exposition

      1.1. Tutti-Exposition: Besteht aus mehreren Ritornellgliedern, die später verselbstständigt werden können. Grober Verlauf: Thema 1 - Modulation in die Dominante bzw. Durparallele - Rückleitung zur Tonika - (Thema 2, fehlt oft oder "Ersatz" für eigentliches Seitenthema) - Überleitung - Schlussgruppe (bestehend aus mehreren kadenzierenden Ritornellgliedern, forte und piano alternierend) - Vorbereitung des Einsatzes des Solisten

      1.2. Solo-Exposition: Beginnt oft mit frei fantasierendem Abschnitt des Solisten (neues Material). Tutti-Ritornellglied leitet über zu virtuosem Figurenwerk des Solisten, welches in die neue Tonart moduliert -> Seitenthema (neu), meist vom Solisten ohne Orchester vorgetragen. Dann weitere Steigerung der Virtuosität durch den Solisten, welches in einen Triller mündet, dieser wiederum in das zweite Tutti, das die Soloexposition beschließt und zur Durchführung überleitet.

      2. Durchführung oder "Fantasie"

      Die Durchführung ist oft keine Durchführung im Sinne motivisch-thematischer Arbeit, sondern kennzeichnet sich vor allem durch modulierende Sequenzen und wiederum virtuoses Figurenwerk des Solisten. Der eigentliche Beginn der Durchführung findet meistens mit dem erneuten Eintritt des Solisten statt.

      3. Reprise

      Beginnt mit dem 3. Tutti, welches allerdings meist sehr kurz ist (Anfang oft identisch mit dem ersten), woraufhin allerdings ein früher Einsatz des Solisten folgt (siehe z. B. Beethoven Op. 19, Mozart KV503 etc.). Die Reprise ist oft eine Synthese von Tutti- und Soloexposition. Sie moduliert natürlich nicht und mündet in das 4. Tutti, welches durch die Solokadenz in zwei Ritornellhälften aufgeteilt wird. Die letzte Ritornellhälfte entspricht meist dem Schluss der Orchesterexposition. Bei Beethoven (ab dem 3. Konzert) und selten Mozart (z. B. KV491) gibt es eine "solistische Coda", d.h. der Solist hört nach der Solokadenz nicht auf zu spielen, sondern im wird danach noch ein obligater Solopart zugewiesen.

      Ich hoffe, das konnte helfen.
    • ralphb schrieb:


      ich muss mir das Hornkonzert ein anderes Mal anhören

      Das wäre klasse, da sich deine - sehr hilfreiche - Gliederung (wie du schreibst) auf die "reifen" Werke bezieht. Dennoch finde ich vieles davon auch bei Haydn wieder:


      1. Exposition

      1.1. Tutti-Exposition: Besteht aus mehreren Ritornellgliedern, die später verselbstständigt werden können. Grober Verlauf: Thema 1 - Modulation in die Dominante bzw. Durparallele - Rückleitung zur Tonika - (Thema 2, fehlt oft oder "Ersatz" für eigentliches Seitenthema) - Überleitung - Schlussgruppe (bestehend aus mehreren kadenzierenden Ritornellgliedern, forte und piano alternierend) - Vorbereitung des Einsatzes des Solisten

      Die Modulation in die Dominante finde ich zwar bei den beiden genannten Hornkonzerten nicht, dafür aber bei anderen Konzerten (Cellokonzerte Nr. 2 und 4, Flötenkonzert, diverse Klavierkonzerte).


      1.2. Solo-Exposition: Beginnt oft mit frei fantasierendem Abschnitt des Solisten (neues Material). Tutti-Ritornellglied leitet über zu virtuosem Figurenwerk des Solisten, welches in die neue Tonart moduliert -> Seitenthema (neu), meist vom Solisten ohne Orchester vorgetragen. Dann weitere Steigerung der Virtuosität durch den Solisten, welches in einen Triller mündet, dieser wiederum in das zweite Tutti, das die Soloexposition beschließt und zur Durchführung überleitet.

      Bei Haydn beginnt die Solo-Exposition in der Regel mit dem Hauptthema. Das Orchester beschränkt sich auf wenige Einwürfe. "Virtuoses Figurenwerk" gibt es auch, und natürlich das Seitenthema in der Dominante. Und dann eben der Knackpunkt: Zweites Tutti, das die Soloexposition beendet. Das wäre für mich auch der Nomalfall. Kloiber ordnet das hin und wieder der Durchführung zu. In dem genannten Hornkonzert Hob. VIId:3 zwar nicht im ersten, aber im dritten Satz. Übrigens auch im ersten Satz des bekannten Cellokonzertes Hob. VIIb:2.
      Die Herkunft von der Ritornellform wird mir jetzt so langsam klar. Besagtes Orchester-Tutti nach der der Solo-Exposition entspricht eben dem Ritornell und kann von der Logik her eigentlich nicht "Durchführung" sein. Wie gesagt, Kloiber sieht das tw. anders. Manchmal meine ich auch, dass es passt, z.B. im 3. Satz des Hornkonzertes Hob. VIId:3, siehe mein erster Beitrag.


      2. Durchführung oder "Fantasie"

      Die Durchführung ist oft keine Durchführung im Sinne motivisch-thematischer Arbeit, sondern kennzeichnet sich vor allem durch modulierende Sequenzen und wiederum virtuoses Figurenwerk des Solisten. Der eigentliche Beginn der Durchführung findet meistens mit dem erneuten Eintritt des Solisten statt.

      Kann ich in der Regel nachvollziehen, Ausnahmen s.o.


      3. Reprise

      Beginnt mit dem 3. Tutti, welches allerdings meist sehr kurz ist, oft identisch mit dem ersten beginnt, woraufhin allerdings ein früher Einsatz des Solisten folgt (siehe z. B. Beethoven Op. 19, Mozart KV503 etc.). Die Reprise ist oft eine Synthese von Tutti- und Soloexposition. Sie moduliert natürlich nicht und mündet in das 4. Tutti, welches durch die Solokadenz in zwei Ritornellhälften aufgeteilt wird. Die letzte Ritornellhälfte entspricht meist dem Schluss der Orchesterexposition. Bei Beethoven (ab dem 3. Konzert) und selten Mozart (z. B. KV491) gibt es eine "solistische Coda", d.h. der Solist hört nach der Solokadenz nicht auf zu spielen, sondern im wird danach noch ein obligater Solopart zugewiesen.

      "Beginnt mit dem 3. Tutti": Bei Haydn offensichlich seltener, jedenfalls laut Kloiber, und in den Fällen kann ich es auch nachvollziehen. D.h. im oben erwähnten Hornkonzert Hob. VIId:3 beginnt sowohl im ersten als auch im dritten Satz die Reprise mit dem Hauptthema, gespielt vom Soloinstrument. In dem anderen Konzert (Hob. VIId:3) habe ich leider Probleme, den Beginn der Reprise zu finden, sowohl im ersten als auch im dritten Satz.
      Die Aufteilung des letzten Tutti durch die Solokadenz in zwei Ritornellhälften kann ich wiederum nachvollizehen. Auch die (teilweise) Übereinstimmung mit dem Schluss der Orchesterexposition.

      Ich werde mir als nächstes das Konzert für 2 Hörner aus der genannten CD vornehmen. Es ist zwar nicht von Haydn, stammt aber aus der Zeit. Außerdem scheint es davon einige Youtube-Aufnahmen zu geben...


      Thomas
    • Ecclitico schrieb:


      Ich werde mir als nächstes das Konzert für 2 Hörner aus der genannten CD vornehmen. Es ist zwar nicht von Haydn, stammt aber aus der Zeit. Außerdem scheint es davon einige Youtube-Aufnahmen zu geben...

      Nun also zu besagtem Vergleichskonzert:

      Konzert für 2 Hörner und Orchester Es-Dur (unter Haydn vermarktet, stammt aber vermutlich von Antonio Rosetti)

      Es ist im Aufbau ziemlich nah an dem von Ralph oben skizzierten Schema dran.

      Youtube-Beispiel, erster Satz:
      www.youtube.com/watch?v=he20bNR6zCk
      (phasenweise ziemlich schwach, kein Vergleich zu der o.g. Aufnahme)

      In den einzelnen Abschnitten gibt es dennoch die eine oder andere Unklarheit...

      Vorab: Ist das 4/4-Takt, und von 0:02 bis 0:11 sind es 5 Takte? Ohne Noten kann ich 2/4- und 4/4-Takt kaum auseinanderhalten...

      Tutti-Exposition (0:02 bis 1:58)
      Sie dauert ca. 2 Minuten, das ist deutlich länger als bei Haydn.
      Ab 0:27 bis 1:01 kommt ein charakteristischer Abschnitt in B-Dur, der am Ende der Solo-Exposition noch mal erscheint (4:11 bis 4:43). Er macht auf mich aber nicht den Eindruck eines 2. Themas.
      Wie ein "2. Thema" klingt der Abschnitt ab 1:10, das ist aber schon wieder in Es-Dur, außerdem erscheint diese Passage im ganzen weiteren Satz nicht mehr, oder ich bin taub?
      Das Ende (1:30 bis 1:58) würde ich als "Epilog" bezeichnen, genau so endet auch der Satz (ab 8:00). Der Anfang dieser Passage erscheint auch ab 4:03 (Solo-Exposition) und ab 5:22 (Durchführung), jeweils in B-Dur.

      Solo-Exposition (1:59 bis 4:54)
      Beginnt mit dem Hauptthema in Es-Dur, klar.
      Probleme habe ich mit dem Abschnitt von 2:29 bis 3:04. Da höre ich F-Dur, ab 2:38 Ges-Dur, ab 2:54 wieder F-Dur. Kann das sein?
      Das "tictac"-Motiv ab 3:05 in B-Dur könnte man als 2. Thema deuten, jedenfalls erscheint es auch in der Reprise in Es-Dur.
      Den Tutti-Abschnitt von 4:03 bis 4:54 würde ich noch zur Solo-Exposition zählen. Bei 4:51 erscheint eine Variante des Hauptthemas im Tutti, die Durchführung würde ich gefühlsmäßig aber erst mit dessen Wiederholung durch die Hörner beginnen lassen:

      Durchführung (4:55 bis 6:07)
      Beginnt mit der genannten Variante des Hauptthemas, gespielt von den Hörnern.
      Endet mit einer Tutti-Passage in Es-Dur (6:00 bis 6:07).

      Reprise (ab 6:08)
      Beginnt mit dem Hauptthema, wobei die ersten beiden Takte vom Orchester gespielt werden und dann die Hörner übernehmen. Natürlich alles in Es-Dur.
      "tictac"-Motiv ab 6:55, Epilog (Tutti) ab 8:00.

      Fazit:
      Klarer strukturiert als bei Haydn, an manchen Stellen habe ich aber mit den Tonarten Probleme.
      Ein sehr schönes Konzert, bei dem Live wohl einiges schief gehen kann...


      Thomas