Beethoven: Variationen op. 120: 33 Veränderungen (C-Dur) über einen Walzer von Anton Diabelli (1819-23)

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    • Beethoven: Variationen op. 120: 33 Veränderungen (C-Dur) über einen Walzer von Anton Diabelli (1819-23)

      Diabelli bat 1819 alle bedeutenden Komponisten Wiens für ihn eine Variation zu dem übersendeten Walzer zu einem von ihm geplanten Sammelwerk beizutragen. Beethoven lehnte es entrüstet ab für diesen "Schusterfleck" eine Variation zu schreiben. Das Thema ist auch meiner Meinung nach weder sonderlich schön noch besonders originell. Aber gerade das muss Beethoven dann doch gereizt haben zu zeigen was man aus einem solchen banalen und wenig reizvollen Thema alles machen kann. Es hat ihn so sehr beschäftigt, dass am Ende 33 Variationen mit einer Spieldauer von gut 50 Minuten daraus wurden. Wie sehr ihn das beschäftigte hat er selbst auch mit dem ihm eigenen Humor in den Variationen kund getan, denn die Variation Nr. 22 ist keine echte Variation sondern ein Zitat aus Don Giovanni ("Hab kein Ruh bei Tag und Nacht").

      Die Variationen sind äusserst kunstvoll und mit hohem intellektuellen Aufwand konstruiert. Die meisten Variationen nehmen sich einzelne Aspekt des Themas vor um damit die Variation zu gestalten. Das Werk ist von hoher kompositorischer Komplexität sowohl was die einzelnen Variationen als auch die Konzeption des Ablaufs betrifft. Die grossen Schwierigkeiten bei der Realisierung sowohl spieltechnisch, als auch was die gedankliche Bewältigung des der grossdimensionierten Anlage betrifft verhinderten seine Aufführung bis zum 25.11.1856 als Hans von Bülow sie in Berlin präsentierte.

      Bereits 1819 beschäftigte sich Beethoven sehr intensiv mit den Variationen, sodass im Laufe des Jahres die Variationen bis Variation 22 praktisch fertig waren und auch ihr Verlauf im wesentlichen fest lag (lediglich die Variationen 1, 2 und 15 wurden später eingefügt). Dann verdrängte die Komposition der Missa die Arbeit an den Variationen. Erst Mitte 1822 finden sich dann wieder Skizzen zu den Variationen.

      Die Variationen halten sich an die alte Regel der Tonarteneinheit, lediglich Variation 9 und die Variatione 29 - 31 stehen in der Mollvariante der Tonika und die daran anschliessende Fuge ist in der Tonikaparallele der Mollvariante Es-Dur.

      Das Werk klingt sehr modern teilweise abstrakt und scheut auch musikalische Härten nicht.

      Eine genaue Beschreibung des Werkes wäre sehr umfangreich,wir wollen uns hier auf ein paar Aspekte beschränken.



      Die folgenden Erläuterungen beruhen auf dem Reclam-Buch von Jürgen Uhde "Beethovens Kalviermusik I "

      Das Thema ist ein völlig symmetrisches zweiteiliges Lied mit dem Aufbau:
      1. Teil:
      4 Takte / Wiederholg der 4 Takte auf and. Stufe / 4taktiger Entwicklungsteil / 4 Takte Schluss
      Wiederholung des 1. Teils
      2. Teil mit ähnlichem Aufbau (Takt 25-28 entsprechen Takt 9-12)
      Wiederholung des 2. Teils

      Die Struktur des Themas ist überall in den Variationen klar erkennbar, sie ist das Zentrum, das die Variationen wie Planeten mal näher mal mit weitem Abstand umkreisen.

      Die Taktverhältnisse von Thema zu Variation sind dabei:
      Var. 1-13 1:1
      Var. 14.16.17,23,30 1 4/4tel Takt = 2 3/4tel takte
      andere Verhältnisse sind z.B.
      Var. 21: erst 1:2 dann ab Entwicklungsteil 1:1
      Var. 29 8 Takte entsprechen 2 Takten, danach 2:1
      Var. 33 2:1 ab Takt 5 dann 1:1
      dann gibt es Verkürzungen
      Var. 25 der 1. Teil ist 1 Takt zu kurz
      Var. 30 es wird nicht alles wiederholt sondern nur Entwicklung und Schlussbogen

      Jede Variation ist aus bestimmten Motiven des Themas ableitbar

      Die 5 Grundelemente sind:
      - Auftakt mit Vorschlag
      - Akkord- und Ton-Wiederholung
      - Staccati, pausenstruktur und punktierte Rhythmen
      - Melodiebögen und sequenzierung
      - Achtelschleifen und Gänge

      Var. 1 ist ein Marsch der auf Auftakt, Akkordwiederholung und Pausenstruktur beruht
      Var. 9 eine grandiose Entfaltung des Auftakts in Moll
      Var. 13 demonstriert die in Pausen verborgene Energie, daneben sind Tonwiederholung und punkt. Rhythmus wichtig
      Var. 14 schreitet in 4-8stimm. Akkorden wie ein Trauermarsch
      Var. 20 hier scheint sich Beethoven mit Anton Webern zu berühren
      mit Var. 25 beginnt ein Tanz der sich bis. Var. 28 zu dehenden Wirbeln und bacchant. Stampfen steigert
      Var. 28 hat die Wirkung wie manche Stellen Bartoks
      Var. 32 ist eine Fuge, die thematisch am deutlichsten auf die Melodie des Walzers zurückgeht und ist kaum eine Variation

      Hans von Bülow sieht ind Var. 31 einen Anklang an Bach in Var. 32 an Händel und in 33 an Mozart.

      Uhde sieht den Grunaufbau wie folgt:

      Var. 1 - 10 Gruppe des Auftsiegs, Temposteigerung die im Presto der Var. 10 gipfelt
      Var. 11 - 20 ist die Gruppe der Kontraste sie beginnt und endet mit ruhigen Tempi, den festen Kern bilden die 2 Märsche Var. 16/17
      Var. 21 - 28 ist die Scherzogruppe deren anfangs spielerischer Humor sich bis zum wilden Taumel steigert, in der Mitte quasi als Trio steht die Fughetta (Var. 24)
      Var. 29 - 33 Var. 28 und 29 sieht er als Präludium zur Abschlussgruppe 31-33
      So würden nach Uhde die Konturen einer Art 4sätziger Variationssinfonie entsehen.

      Als allgemeingültig sieht er aber seine Gliederung nicht an, da das Werk einen grossen Interpretationsspielraum lässt in dem auch andere Gliederungen möglich sind.

      Wichtig sind für mich seine Hinweise auf moderne Komponisten, die meinen Eindruck eines hochmodernen Werkes, dass weit über seine Zeit hinausreicht bestätigt.

      Gewidmet sind die Variationen Antonie Brentano, erschienen am 16.Juni 1823 bei Cappi und Diabelli
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
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      Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Erzherzog ()

    • Ich möchte damit meine Erläuterungen abschliessen.

      Man kann erkennen, dass ich in jeder Hinsicht musik. Laie bin und mich stark an Uhde angeleht habe. Ich möchte deshalb alle (insbesondere Musiktheoretiker und Musiker) animieren zur Vertiefung der Erläuterungen und zur Diskussion über das Werk beizutragen.
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
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    • .... erstmal Glückwunsch für die schöne Übersicht. Für den Ersthörer ist diese sehr hilfreich um sich das Werk erstmal beim Kennenlernen zu gliedern und danach geht die Hörabenteuerreise in die Details los ... Die Diabelli-Variationen gehören neben den Goldberg-Variationen zu meinen Lieblingsklaviervariationswerken (was für ein Scrabble-Wort). Demnächst werde ich im Radiothread 2 Hinweise über 2 Livewiedergaben posten (eine mit Till Fellner), die bald gesendet werden.

      Meine Favoriten sind momentan:

      Ekaterina Dershavina 10.06.07 Corvey (Radio)

      Piotr Anderszewski 2000 Luzerne (TV-Mitschnitt)

      Michael Korstick 13.01.06 Bremen (Radio)[/font]
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      Meine Favoriten sind momentan:

      (...)

      Michael Korstick 13.01.06 Bremen (Radio)


      Ich weiß nicht, wie Korstick damals in Bremen gespielt hat. Seine Studioaufnahme der Diabelli-Variationen finde ich fürchterlich. Es war meine erste (und bisher einzige) Begegnung mit Korstick. Nach allem, was ich über ihn gehört hatte, hatte ich einen fulminanten Rhythmiker erwartet - den diese Stücke m.E. auch brauchen; gerade der rhythmische Variantenreichtum ist für mich das Aufregende an dem Zyklus. Beim Hören der Korstickaufnahme war ich entsetzt. Einige der Variationen hat er rhythmisch dermaßen verhudelt, dass sie mir keinen Sinn mehr machten. Bei anderen verwischt er durch fortgesetzten Pedalmissbrauch die Konturen. Gelegentlich hatte ich gar den Eindruck, dass er einigen Passagen technisch kaum gewachsen war.
      Die den Hörer bevormundende Entscheidung, die einzelnen Variationen nicht in Tracks zu unterteilen, sondern den gesamten Zyklus als einen Track auf der CD zu präsentieren, ärgerte mich zudem.

      Grüße,
      Micha
    • Ich kenne die Korstick-Aufnahme nicht (bisher nur Barenboim und Gulda), aber der Rhythmus ist ja schon ein sehr wesentliches Element bei Beethoven.
      Da wäre es schon sehr interessant die Aufnahme mal zu hören um Michas Aussage zu beurteilen, hat jemand davon eine Aufnahme?
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    • Servus Euer Gnaden,

      ich habe die Korstick-Aufnahme- zugegebenermaßen allerdings eine Ewigkeit nicht mehr gehört, müsste also erst meine Eindrücke wieder auffrischen. Das die Tracks nicht einzeln anspielbar sind, ist schon ärgerlich, auch wenn Korstick damit eine Absicht verfolgt- jetzt frage mich aber bitte nicht welche :)

      Herzliche Grüße, :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Hallo Micha und Christian,

      sprecht Ihr zufällig von dieser CD?



      Auf meinem Exemplar sind die Variationen auf 34 einzeln anspielbare Tracks aufgeteilt. Ich habe es soeben nochmal selbst nachgeprüft. Gibt es vielleicht von derselben Aufnahme verschiedene Auflagen, die unterschiedlich gemastert sind?

      Viele Grüße
      Frank
    • Hallo Frank,

      Frank Pronath schrieb:

      Auf meinem Exemplar sind die Variationen auf 34 einzeln anspielbare Tracks aufgeteilt. Ich habe es soeben nochmal selbst nachgeprüft. Gibt es vielleicht von derselben Aufnahme verschiedene Auflagen, die unterschiedlich gemastert sind?


      Ja, ich glaube, die Ausgabe mit nur einem Track für die Diabellis ist die erste.

      :wink:
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Es ist zwar sehr schön, dass hier sehr viele rein schauen (Beethoven also noch viele interessiert), aber warum schauen fast alle immer nur bei dem "üblichen" rein (in dem Fall hier die Kenner natürlich bei op. 120, das ist ja das wirklich anspruchsvolle).

      Leute schaut doch auch mal bei den kleineren Werken rein (und hört sie euch auch mal an und Pianisten spielt sia auch mal), da kann man viele Perlen entdecken. WoO 65 und auch op 121a sind geniale und wunderschöne Werke die zu hören richtig Spass macht und die auch intellektuell sehr anspruchsvoll sind).
      Mein Anliegen ist es, auch den anderen Beethoven, den Otto-Normalverbraucher nicht kennt aber der auch von vielen Musikkennern ignoriert wird (siehe Konzertrepertoire), näher zu bringen. Da gibt es wirklich unglaubliches zu entdecken.
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
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    • Wulf schrieb:

      Diese ungeduldigen Neutöner :shake: :D


      Früher hätte es das nicht gegeben- da hätte man sich als Neutöner brav hinten angestellt- und sich den Premiumuser in kniefälliger Devotion genähert unter dreimaliger Anrufung des heiligen A. S. aus W. .... :D :D :D

      Herzliche Grüße, :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Hi Micha,

      WoO 30 3 Equale für 4 Posaunen ???
      was ist daran so interessant?
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
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      Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)
    • Hallo.

      Diese hier:



      kennen ja die meisten, aber kennt jemand diese:



      und mag vielleicht ein paar Worte darüber verlieren?


      "Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
      Joris-Karl Huysmans
    • Maldoror schrieb:

      Hallo.

      Diese hier:



      kennen ja die meisten, aber kennt jemand diese:



      und mag vielleicht ein paar Worte darüber verlieren?


      Es handelt sich um dieselbe Einspielung. Ich hatte zwischenzeitlich beide CDs im Besitz. Die klanglichen Unterschiede sind marginal, ich habe letztlich die ältere Ausgabe verscherbelt, weil ich da noch ein wenig Geld für bekommen habe.

      Die Aufnahme ist sehr hörenswert, allerdings allein klanglich gewöhnungsbedürftig. Ähnlich wie Guldas WTK staubtrocken, sehr direkt aufgenommen. Oft sehr schnelle Tempi, etwas perkussiv (u.a. wegen des Klangs) und insgesamt eher "cool".
      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)
    • :wink:

      Nur einen klenen Ausschnitt in der Beilage zur letzten Diapason, in der die Aufnahme mit dem Diapason d'or ausgezeichnet wurde. Ich kann das Werk mit anderen Aufnahmen nicht vergleichen, aber es ist auf jeden Fall Staiers gewohnt hohes Niveau.

      Gruß, Frank