Rameau: "Castor et Pollux" - Theater an der Wien, 20.01.2011

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    • Rameau: "Castor et Pollux" - Theater an der Wien, 20.01.2011

      Es hat lange gedauert, bis die Musikwelt den Opernkomponisten Rameau wiederentdeckt hat und trotz dessen grossen, musikalischen Qualitäten haben es seine Werke für das Musiktheater eher etwas schwer. Am bekanntesten dürfte noch das sehr unterhaltsame Ballett Bouffon „Platée“ sein (Ende dieser Woche hat eine Neuproduktion des Stückes in Düsseldorf Premiere, es dirigiert Konrad Junghänel, Regie führt Karoline Gruber, im April folgt dann Amsterdam, hier mit René Jacobs am Pult und Nigel Lowery als Regisseur), aber auch Werke wie „Zoroastre“, „Dardanus“ oder eben „Castor & Pollux“ sind nicht mehr gänzlich unbekannte Stücke geblieben.

      Jean-Philippe Rameau kam spät zur Gattung Oper. Er war 50 Jahre alt, als seine erste Komposition für dieses Genre, „Hippolyte & Aricie“, 1733 uraufgeführt wurde. Zwanzig Jahre später erlebte der nun 70-jährige Rameau die erfolgreiche Premiere der zweiten Fassung seines Werkes „Castor & Pollux“, für diese Version, die sich in der Handlung etwas straffer auf die Hauptgeschichte konzentriert, hat man sich nun auch bei der Neuinszenierung in Wien entschieden.

      Neben dem Brüderpaar Castor und Pollux, sie sind beides Söhne der Leda, aber der Vater des sterblichen Castor ist Tindare, der des unsterblichen Pollux ist kein geringerer als Jupiter selbst, spielen noch die Schwestern Télaire und Phébé eine entscheidende Rolle im Stück. Erstere soll Pollux heiraten, liebt aber Castor, der wiederum von Phébé begehrt wird, die allerdings von diesem nicht beachtet wird. Pollux bemerkt die Zuneigung zwischen Télaire und Castor und verzichtet auf die Hand der ihm zugedachten Braut. Als wäre es nicht schon kompliziert genug, inszeniert Phébé eine Entführung der Télaire, die aber misslingt: Castor, der sich schützend vor nun seine Braut stellt, wird getötet. Pollux, der unsterbliche, steigt in die Unterwelt hinunter und schägt seinem Bruder vor, an seiner Stelle dort zu bleiben, damit Castor zu seiner Geliebten Télaire zurückkehren kann. Für einen Tag nimmt Castor dieses Angebot an, er will Abschied von Télaire nehmen. Als Télaire erfährt, dass Castor nicht bei ihr bleiben kann, versucht sie diesen umzustimmen – allein Jupiter ist so von der Liebe der Brüder zueinander angetan, dass er sie beide als unsterblich mit in den Himmel nimmt.

      Die barockopernerfahrene Regisseurin Mariame Clément hat die Geschichte an einen ungewöhnlichen Ort versetzt: man sieht einen breiten Treppenaufgang, wie es ihn vielleicht in einem englischen Landsitz geben mag. Viel dunkles Holz, ein roter Läufer über der Treppe, Türen, die sich wie von Geisterhand öffnen oder schliessen, dazu eine Ahnengalerie an der Wand der Treppe. In der Mitte der ersten Etage eine grosse Tür, hinter dieser residiert Jupiter.

      Man erlebt eine Familiengeschichte in besseren Kreisen und ein besonderer Clou gelingt der Regisseurin mit der Ausgestaltung der vielen und musikalisch sehr reizvollen Ballettmusiken. Sie benutzt diese Musik dazu, Rückblenden zu zeigen: so gibt es die vier Hauptpersonen nicht nur als Erwachsene, sondern auch als Kinder und Jugendliche, inklusive der (stummen) Mutter Leda.

      Gleich zu Beginn lernt das Publikum die spielenden Kinder Castor und Pollux kennen, Mutter Leda schaut von der Seite aus zu. Schnell wird deutlich, dass der leibliche Sohn von Jupiter, Pollux, der bevorzugte der beiden Brüder ist, wird er doch immer allein zu Vater Jupiter in dessen Zimmer geholt. Der Zuneigung der Kinder zueinander tut das keinen Abbruch.

      Das ist lebendig inszeniert und glaubhaft wird auch das Erwachsenwerden der Personen gezeigt, inklusive der Beziehungen zu den dazugehörigen Mädchen, Télaire und Phébé. Manchmal verschränkt die Regisseurin die Zeitebenen miteinander, was einen besonderen Reiz dieser Inszenierung ausmacht.

      Vorsichtig werden die Charakere umrissen, die zurückhaltende Télaire, die mehr zum hysterischen neigende Phébé, der passivere Castor und der aktivere Pollux, das alles geht sehr schön mit der Musik auf.

      Nach dem Mord an Castor sieht man diesen in einem weissen Zimmer über der Treppe schwebend auf einer Bahre liegend, er ist ebenfalls ganz in weiss gekleidet, Castor befindet sich irgendwie zwischen Tod und Leben, während unten seine nackte Leiche gewaschen und für die Beerdigung vorbereitet wird, kann Castor sich dabei wie in einer Nahtoderfahrung selbst sehen. Auf der Rückwand seines Zimmers zeigt ein Video Kindheitserinnerungen.

      Berührend, wenn sein Bruder Pollux zu ihm kommt und sich beide gegenüberstehend langsam bis auf die Unterhose ausziehen, um dann die Kleidung des jeweils anderen anzuziehen, ohne sich dabei aus dem Blick zu lassen. Ein gut visualisierter Rollenwechsel, nachdem dann Pollux zurückbleibt, während sein Bruder Castor zu den Menschen zurückkehrt.

      Ganz am Ende, wenn Jupiter sich bereits entschlossen hat, beide Brüder zu sich zu holen, ist die Bühne leer - das Haus wirkt wie ausgestorben - tritt ein letztes Mal Télaire herein: sie bleibt übrig, allein mit sich selbst.

      Mariame Clément hat mit ihrer szenischen Lösung eine gute Möglichkeit gefunden, das Stück von Rameau für ein heutiges Publikum erfahrbar zu machen. Sie bedient sich dabei immer wieder fast filmischer Mittel, mit etwas ähnlichem wie Überblendungen z. B., die Atmosphäre erinnert, nicht nur, aber auch, wegen der Treppe, an Hitchcock, der Erzählfluss ist ruhig, doch nie spannungslos, dazu trägt auch der vielbeschäftigte Chor bei, sei es, als Diener/innenschaar, als Totenwäscherinnen oder in einem schönen Bild, wenn der Chor als Ahnen gekleidet aus den Bildern gestiegen ist und mit Pollux Zwiesprache hält.

      Musikalisch liegt der Abend in den Händen von Christophe Rousset und seinem Orchester „Les Talens lyrique“. Es dauert etwas, bis der Funke überspringt, der Beginn wirkt routiniert, aber kühl, das gibt sich dann recht schnell und vor allem die rein instrumentalen Stücke werden von Rousset und seinem Orchester mit Spielfreude und federnder Rhythmik dargeboten.

      Auch der Arnold Schönberg Chor unter der Leitung von Erwin Ortner ist am Anfang noch auf der Suche nach der richtigen Balance, doch auch hier stellt sich schnell ein überzeugender Chorklang ein.

      Alle Sängerinnen und Sängern des Abends tun sich mit ihren Partien schwer. Am besten schneidet da noch die Sopranistin Christiane Karg als Télaire ab, die ihren Sopran vor allem in den lyrischen Passagen sehr schön strömen lassen kann und vor allem auch im Ausdruck überzeugt.

      Für die Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter (Phébé) kommt ihre Partie definitiv zu spät in ihrer Karriere. Von Otter tut sich hörbar schwer mit den kleinen Verzierungen, die Stimme bleibt nicht auf Linie und immer wieder verrutschen Töne.

      Einen angenehm hellen Tenor lässt Maxim Mironov als Castor hören, aber der Sänger kämpft dann doch mit der schwierigen, hohen Lage seiner Partie und der Bariton von Dietrich Henschel als Pollux ist im Grunde genommen zu schwer für Rameau, auch bei ihm gelingen nicht alle Verzierungen optimal.

      Viel freundlicher Beifall für alle Beteiligten für diese Produktion am „Theater an der Wien“.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Liebe Capricciosi!

      Ich war in der nachfolgenden Vorstellung am 22. Jänner und kann Alvianos tolle Rezension, mit der ich in den wesentlichen Punkten übereinstimme, noch ergänzen:

      Im Großen und Ganzen sehr gut hat mir die Inzenierung von Mariame Clément gefallen. Die strenge Symmetrie der Bühne, von der den Zwillingsbrüdern je eine Hälfte zugestanden wird (Castor links, Pollux rechts, in der Mitte das Arbeitszimmer von Papa Jupiter), hilft ihr dabei, die Personenkonstellationen des Stücks bildhaft, wenn auch vielleicht nicht sehr subtil, vor Augen zu führen. Die Idee, die Ballette für Szenen aus der Kindheit der Protagonisten zu verwenden und so das Beziehungsgeflecht näher zu beleuchten, darf getrost als genial bezeichnet werden. Schon während der Ouvertüre wird so die unterschiedliche Stellung von Castor und Pollux ausgearbeitet: Während Pollux vom Papa ins Arbeitszimmer geholt und beschenkt wird, ritzt sich Castor mit einer Schere, um die Aufmerksamkeit der Mutter Leda zu gewinnen. Als Pollux zurückkommt, versucht er das auch, mehrmals, immer wieder - doch vergeblich: er ist unverwundbar.

      Neben dem Kleidertausch habe ich als stärkste Stelle der Inszenierung den Tod von Castor empfunden: Er wird vor der Tür ins Arbeitszimmer erstochen und rollt dann, ganz langsam, die große Mitteltreppe herunter. Danach (im Totenreich) wird die Inszenierung ein bisschen eigenartig, eine Nahtoderfahrung Castors wird in etwas surreale, manchmal fast schon alptraumhafte Bilder umgesetzt (Leichenprozessionen, Waschen des Leichnams, leere und volle Särge...). Unnötig fand ich die Schlussszene zu den Klängen der Ouvertüre, wo Phébé allein zurückbleibt, nachdem alle anderen schon zuvor über die Verlängerung der Mitteltreppe (in den Olymp?) hinaufgestiegen sind. Im Libretto heißt es ja, dass der Hades nur ein Opfer fordere: weil sich Phébé aus unerfüllter Liebe den Tod gegeben hat, können sowohl Castor als auch Pollux weiterleben. Das wäre ein wirkungsvollerer und auch organischeres Ende gewesen. So hängt eben eine alte, aber lebendige, graue Phébé (graues statt rotes Haar, grauer statt grüner Mantel) auf der Bühne herum...

      Während das Orchester keine Wünsche offenließ, war ich mit den Sängern (stimmlich! - in schauspielerischer Hinsicht war alles bestens!) nicht ganz glücklich, ohne dass dadurch aber der positive Gesamteindruck des Abends gestört worden wäre. Maxim Mironov und Christiane Karg als Liebespaar Castor-Télaire ließen schöne, lyrische Stimmen hören und waren eigentlich sehr gut, konnten aber leider nicht mit dem selben Stilbewusstsein für französisches Barock und nicht mit der selben herausragenden Textausdeutung, die gerade in der französischen Oper so wichtig ist, aufwarten wie etwa drei Tage später alle Protagonisten in Lullys "Bellérophon" - schade. Dietrich Henschels Pollux mangelte es entschieden an der nötigen Tiefe - und wiederum an Stil und Ausdruck -, und Anne Sofie von Otters Phébé kam leider wirklich ein bisschen zu spät, was sie mit intensiver Charakterzeichnung aber wieder halbwegs wettmachte. Etwas grob (und nicht ohne Probleme mit der hohen Tessitura) Enea Scalas Mercure; Sophie Marilley, die die kleineren Frauenrollen kumulierte, war eine gute Comprimaria.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Hallo Ihr beiden resp. alle Ramisten, ich habe im Januar Freunde in Wien besucht und ein wenig vom Probenprozess mitbekommen, ich war auch in der Generalprobe. Was Regie und musikalische Leitung betrifft, gehe ich mit Euch ganz d'accord. Mir hat Clements Regie ebenfalls gut gefallen (vielleicht ist das Bühnenbild ein wenig langweilig auf Dauer, aber das ist nur ein Nebenpunkt), Christoph Rousset bringt als Dirigent Rameaus (und Lullys) Spielfreude und Präzision mit - das ist schon eine Freude, finde ich. Aber ich wollte etwas zum Ende bzw. zum Geschehen nach Castors Tod schreiben - offenbar ist es so gemeint: Mariame Clement versteht das herkömmliche Ende der Oper als "falsches Happy-End", das nur fantasiert wird. Dem setzt sie im Nachspiel die "Realität" entgegen, aus der Perspektive einer alten Phebe, die sich darin erinnert, was "wirklich" passiert ist: D.h. Castor ist unwiederbringlich gestorben und der Sarg daher auch nicht leer.... Ob das in der Umsetzung überzeugend gelungen ist, ist natürlich eine andere Frage. Ich kann zumindest nachvollziehen, dass sich einem als Zuschauer die gewollte Bedeutung nicht zwingend erschließt. :wink: