BACH, Johann Sebastian: Johannes-Passion BWV 245

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    • Mauerblümchen schrieb:

      Giovanni di Tolon schrieb:

      dass es für eine französische Aufführung eine außerordentlich gelungene JoPa ist
      Was meinst Du mit "für eine französische Aufführung eine außerordentlich gelungene JoPa"?

      Aufnahmenseitig kamen m. E. die aufregendsten Aufnahmen der letzten Jahre aus Japan, Belgien, den Niederlanden, England und eben Frankreich (Pierlot, Haller).

      Gruß
      MB

      :wink:
      Lieber MB,

      ich weiß nicht, was ich noch klarer fassen soll als in meinem vorhergehenden Post in diesem Faden: Bis vor zehn Jahren haben sich, so denke ich, deutlich weniger Musiker aus dem frankophonen Bereich mit den Bach'schen Passionen beschäftigt als im deutschsprachigen Gefilden. Während es in Deutschland auch weiterhin sehr viele Laienmusiker gibt, die sich an diese Werke herantrauen (in München und dem nächsten Umland alleine gab es mindestens 15 Aufführungen der beiden großen Werke alleine in diesem Jahr), scheint es dort, vermutlich auch durch die Sprachbarriere bedingt, nicht ganz so viele Aufführungen zu geben, vermutlich sind dort Profis in höherem Maße beteiligt.

      So kann man ja auch bei der von Maria empfohlenen Aufführung kaum Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache feststellen (bei den von mir gehörten Passagen am Störendsten für mich im B-Teil der 'Es ist vollbracht'-Arie, wo die Sängerin Lucille Richardot das 'schließt' zu kurz ausspricht). Das ist natürlich eine Marginalie angesichts der Qualität der Aufführung. Aber ich bin sicher, dass es unter den unzähligen deutschen dieses Jahres eben auch sehr viele sehr gute gegeben hat. Ich will sicher keine Diskussion darüber führen, ob nur Deutsche JS Bach gut aufführen können.

      Meine Auffassung ist wie immer: nur weil eine Aufführung medial verfügbar ist, ist sie deswegen nicht gleich besser als andere, die nicht mit x Kameras und/oder Mikrophonen mitgeschnitten worden sind. Das würde nämlich meinen Erfahrungen ziemlich entgegen laufen: das Wichtigste der Interaktion beim Musizieren passiert eh nur im gleichen Raum und lässt sich gar nicht mitschneiden.

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • Auf seine Matthäus Passion bin ich vor einem Jahr gestoßen. Sicherlich ein Dirigent, den man im Auge behalten muss. Von den Solisten habe ich einige Gesichter erkannt, die ich schon in anderen Bach Aufführungen gesehen habe, zb. Immler und Guillon.
      Gib dich nicht der Traurigkeit hin, und plage dich nicht selbst mit deinen eignen Gedanken. Denn ein fröhliches Herz ist des Menschen Leben, und seine Freude verlängert sein Leben.

      Parsifal ohne Knappertsbusch ist möglich, aber sinnlos!
    • Bamberger Aufführung am Karfreitag, 30. März 2018

      Da ich andernorts von Yukon freundlich darum gebeten wurde, ein paar Sätze zur Aufführung der Johannespassion im Joseph-Keilberth-Saal der Konzerthalle Bamberg. Die Gesamtleitung hatte der bald 91jährige Herbert Blomstedt, Ehrendirigent des Orchesters und gerade in den letzten Jahren immer wieder in Bamberg gerne gesehen. Blomstedt artikuliert sich in zurückhaltenden und präzisen Gesten; er bedarf keiner pseudo-jugendlichen Impulsivität, ist aber bemerkenswert konzentriert und körperlich vital genug für die zweistündigen Anforderungen. Er muss sich nicht setzen, benötigt keine Pausen, dankt auch für den am Ende nach einer Minute des Verharrens einsetzenden begeisterten Beifall äußerst freundlich, bescheiden und intensiv den Mitwirkenden zugewandt.

      Ein kleines, überzeugend hippes Ensemble hat sich eingefunden, nicht wesentlich mehr als zwanzig Musiker, darunter etliche Gäste - also eigentlich keine typische Veranstaltung des Orchesters, was aber in der Natur des aufgeführten Werks liegt.

      So sei Hille Perl an der Viola da gamba als wohl bekannteste eingeladene Instrumentalistin genannt. Das Solo der Altistin Elisabeth Kulman im Verein mit Gambe und Barocklaute (Ulrich Wedemeier) in der Arie "Es ist vollbracht" hat mich in seiner völlig ungekünstelten Reinheit und Schlichtheit ganz besonders beeindruckt.

      Der rund zwanzigköpfige Chor kommt vom WDR (Einstudierung: Stefan Parkman und Robert Blank) und lässt keine Wünsche offen, weder in den samtenen Soli der Frauenstimmen noch etwa in den ob ihrer Doppelbödigkeit bewusst eckig und schroff dargebotenen Turba-Chören. Der Eingangschor deutet das düstere Geschehen auf beinahe erschreckende Weise an. Der vorausgehende Orchesterpart im Tutti überrascht, da man mit dieser dem Originalklang hochgradig angenäherten Transparenz und Schärfe vielleicht gar nicht gerechnet hat. Ich war erstaunt, ein markant farbgebendes Kontrafagott zu entdecken, musste mich dann aber nach kurzer Recherche geschlagen geben - das Instrument ist keineswegs ein Gag genau dieser Aufführung.

      Harte Arbeit hat der Engländer Andrew Staples als Evangelist zu verrichten. Er stellt sich seiner Rolle weitgehend souverän; bisweilen könnte die Textverständlichkeit etwas größer sein. Weniger gefallen hat mir diesbezüglich auch die Sopranistin Hana Blazickova, die überdies wirkliche Kohärenz der Gesangslinie vermissen ließ. In der Tiefe oder im Piano verschwand sie bis zu einem gewissen Grad. Sehr passabel erscheint der Bariton Johann Kristinsson, gut, da nobel und klar artikulierend, verkörpert der Bariton Johannes Weisser die Christus-Rolle. Für mich - und das Publikum sieht es am Ende wohl ganz genauso - war aber nicht ein Gastsolist der Gesangsstar des Abends, sondern einer der drei Soliloquenten - diesen Terminus kannte ich nicht ( :versteck1: ) - aus den Reihen des Gastchores, der Bass Arndt Schumacher als Pilatus, eine sehr kraftvolle und präzise Stimme.

      An der Truhenorgel sitzt übrigens der noch relativ junge Christian Schmitt, der viel mit den Bambergern zusammengearbeitet hat und mir auf CD mit Werken von Charles-Marie Widor bekannt ist.

      Fazit: Ich hätte nicht damit gerechnet, dass die Aufführung den Idealen der historischen Praxis so nahe kommen würde, und dies ganz ohne Hast oder Überakzentuierung, sondern in souveränem Fluss, maßvollen Tempi, artikulatorischer Finesse und bemerkenswerter Ausgeglichenheit zwischen zu wahrender Form und durchaus ergreifender Ausdrucksvarianz. Dies ist gewiss ein Verdienst des Hausorchesters und seines Ehrenchefs - aber eben keineswegs ausschließlich, vielleicht nicht einmal primär. Macht ja nichts. :)

      Es grüßt Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Herzlichen Dank für Deinen detaillierten Bericht, den ich mit Freude gelesen habe. Wie ich gerade festgestellt habe, ist eine Aufführung der Johannes-Passion vom 06.04.2017 mit Herbert Blomstedt aus Oslo auf der Seite des norwegischen Rundfunks noch immer verfügbar. Den entsprechenden Link kannst Du in diesem Betrag (a.E.) finden.
    • Giovanni di Tolon schrieb:



      Man kann viel Schönes und Gelungenes in der Aufnahme hören, da stimme ich absolut zu, der Chor singt mit einer atemberaubenden Präsenz, Julian Prégardien ist ein sehr guter Evangelist. Allerdings kann ich die exzeptionelle Stellung dieses Musizierens für mich nicht recht bestätigen.

      Ich habe vorgestern erst selber BWV 245 gesungen und habe unsere Aufführung an vielen Stellen auf ähnlichem Niveau erlebt, an manchen Stellen (z.B. der unterschiedlichen Charakterisierung der Turba-Chöre), so denke ich, war unsere Interpretation überlegen. Auch unseren Sänger der Bassarien (Andreas Burkhart) fand ich deutlich überzeugender. So kann ich nun alles Mögliche behaupten, weil ich keinen entsprechenden Mitschnitt bieten kann. Mir geht es ja auch nicht um meine Aufführung, sondern darum, dass es doch vermutlich sehr viele ähnlich gute Aufführungen der Bach'schen Passionen in den vergangenen Tagen in Deutschland gegeben hat. Ich würde bestätigen, dass es für eine französische Aufführung eine außerordentlich gelungene JoPa ist, die man sich hier ansehen kann.

      Ich hätte auf die Ergänzungen sehr gerne verzichten können, dafür ist die JoPa in meinen Ohren eine klar abgegrenzte, in sich schlüssige Komposition. Abgesehen vom Aspekte der Novität sind diese sehr gut musiziert und natürlich thematisch passend, aber einen Mehrwert bieten sie mir nicht.

      Ich hoffe, Du verzeihst mir diese Meinung ....

      Lieben Ostergruß sendet Dir Benno
      Lieber Benno, was gibt es da zu verzeihen? im Gegenteil, ich freue mich immer, wenn ich nicht monologisieren muss und es eine Diskussion gibt :sofa1: Ich kann bestens nachvollziehen, dass Leute wie Du mit ihren zahlreichen aktiven wie passiven JP Erfahrungen das Ganze anders sehen als ich im frz. Exil, wo man alle Jubeljahre mal eine JP live zu hören bekommt und dann allein schon aus Dankbarkeit begeistert ist..... ;(
      Ausserdem hast Du vollkommen Recht: an das Live-Erlebnis kommt kein Mittschnitt je heran und die Vibration und Stimmung im Saal und in mir selbst beeinflusst mein Urteil erheblich. Ich kenne ja all die dt JPs der letzten Jahre nicht und schon gar nicht die, bei denen Du mitgesungen hast... könnt ihr nicht mal auf Tournee zu uns kommen?????? Wir sind trotz Emmanuelle Haïm eine Bach-Diaspora , was sicher auch an den Sprachproblemen und einem nicht so intensiven inneren Bezug zu dieser Musik liegt. Ich würde nach 15 Jahren in diesem schönen Land mal behaupten, dass Bach nicht unbedingt dem frz. Temperament entspricht.... von daher kann man deinen Satz " dass es für eine frz. Aufführung eine ausserordentlich gelungene Aufführung sei" unterstreichen. Allerdings war ja ein erheblicher der Beteiligten nicht frz. Ursprungs..... :D
      Mein Enthusiasmus ist gewiss u.A. auch dem Mangel an umfassender Kenntnis anderer Interpretationen geschuldet aber ich bleibe trotzdem bei dem Urteil einer herausragenden Interpretation und die Auszeichnung die Pinchon bekommen hat, spricht ja auch dafür. Live war es jedenfalls auch durch die dezente Inszenierung und die eingefügten Stücke ebenso fesselnd und mitreissend wie berührend und verinnerlicht. ich fand gerade den Choral am Anfang als "Stimmungseinführung" in Pinchons Interpretation ideal- aber als Bach-Purist muss man da natürlich nicht mitgehen. Liebe Grüsse aus Frankreich

      andréjo schrieb:


      Weniger gefallen hat mir diesbezüglich auch die Sopranistin Hana Blazickova, die überdies wirkliche Kohärenz der Gesangslinie vermissen ließ. In der Tiefe oder im Piano verschwand sie bis zu einem gewissen Grad.

      Es grüßt Wolfgang
      Das erstaunt mich zu lesen. In der Matthäus-Passion in Versailles vor drei Jahren hat sie mich zu Tränen gerührt mit eher wunderschönen Stimme und das teuflisch schwierige "Aus Liebe will mein Heiland sterben" so was von gut gesungen! :sofa1: Die JP ist aber auch nicht gerade ein dankbares Glanzstück für Soprane- Bach hat die Altistinnen hier eindeutiger besser bedacht!
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Gegen das Stimmtimbre von Hana Blazikova hatte ich keine Einwände, werte Fairy Queen. Ich kann mir schon vorstellen, dass sie Dich zu Tränen gerührt hat. Und ich bin freilich sicher, dass Du in Gesangsfragen kompetenter bist als ich.

      Aber ich habe sie am Freitag schlichtweg akustisch kaum je verstanden und die tieferen Passage auch kaum gehört. ?(
      Vielleicht hatte sie einen schlechten Tag?

      Fairy Queen schrieb:

      Die JP ist aber auch nicht gerade ein dankbares Glanzstück für Soprane- Bach hat die Altistinnen hier eindeutiger besser bedacht!
      Das scheint mir in der Tat so zu sein!

      Schöne Grüße von Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • An Fairy und Andréjo großen Dank für JP-Feedback/Link und - Anregung.

      Andréjo Eindrücke „seiner“ JP unter Blomstedt scheinen denen vom BR-Mitschnitt - 24.03.17 aus Weißwursttown unter Blomstedt zu ähneln. Dennoch mein Feedback höchst subjektiv gefiltert.

      Beide JPs (Blomstedt v. 24.03.17) und Pichon) haben bei mir Favoritenstatus, wie Dijkstra vom 19.06.15 …..

      Einige winzige Extrempunkte daraus:

      Blomstedt gestaltete letztes Jahr die Bachsche JP in derartiger Schärfe, dass Mucke generell zum schier unbarmherzigen Ausdruck sich modelte.
      z.B. Chor Nr. 27b „Lasset uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wes er sein soll.“ kommt unter Blomstedt mit brutaler Aggro rüber, dass die Chose dabei ins Bedrohliche umschlägt.

      Höchst überraschend Nr. 30 (Alt-Arie) vom Pichon-Mitschnitt. Die Altistin vermeidet m.E. konsequent direkte, unmittelbare emotionale Identifikation, so dass „Es ist vollbracht“ im Vergleich zu Blomstedt fahl und beklemmend und der Mittelteil mit „Held aus Juda“ verzweifelt, ohne Triumpf rüberkommt …

      An diese „Ästhetik“ dockt m.E. auch Gestaltung von Nr. 32. CHOR und ARIE Baß an:

      Mein teurer Heiland, laß dich fragen ……..
      … bin ich vom Sterben frei gemacht, kann ich durch deine Pein und Sterben
      das Himmelreich ererben. ist aller Welt Erlösung da ?

      Ausgerechnet der - im Vergleich zu Blomstedt – zurückgenommenen Gestus mit dem Pygmalion unter Pichon Nr. 32 interpretiert, lädt die Arie (Bass/Chor) mit Spannung, so dass beim Reinziehn sich der Eindruck aufdrängt, dass Bachsche JP-Mucke bereits an der Möglichkeit dieser Frage zweifelt. …

      Fairy möge mir nicht zürnen, dass ich bei den Pichon-Strings mich bloß auf JP stürze…
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Lieber Amfortas, wie könnte ich Dir je zürnen????? Du hast schon per se einen "Alte Garde der aufrechten musikpassionierten Weggefährten- Bonus " bei mir :love: und ausserdem , wie gesagt: ich bin ja froh, wenn es hier eine echte Diskussion gibt und ohne unterschiedliche Ansichten gäbe es die nicht.
      Ich finde, du hast die Grundstimmung der Pinchon JP anhand der Alt-Arie sehr gut erkannt. Sie war sehr durchdacht und in einem einheitlichen Ton und der wurde eben genau mit der eingefügten Eingangsnummer: "O Traurigkeit, o Herzeleid" eingeführt. Dieser verhalten und ätherisch schön aus dem Off gesungene Choral ist die Musik gewordene verinnerlichte Verzweiflung, die die ganze Aufführung charakterisiert. Das interne Programm dieser Interpretation hat Pinchon damit gleich zu Beginn geliefert und deshalb fand ich seine Einschübe so gut. Sie haben die Interpretation unterstrichen und intensiviert. Natürlich braucht die JP das nicht, um ihre Qualität zu steigern, aber in meinen Ohren hat es ihr in keinster Weise geschadet- im Gegenteil. Ich muss aber der Genauigkeit wegen noch betonen, dass ich nicht die Aufführung gehört habe die man auf der Webseite der Pariser Philharmonie hören kann, sondern die vom 27.3 in der Oper Lille. Live kommt da wirklich noch ganz Anderes rüber.

      Lieber Andrejo , was Hana Blazikova angeht: abgesehen davon, dass die JP eher eine Zumutung für den Solosopran ist, da die beiden Arien ewig weit auseinanderliegen und die Zweite nicht nur schwierig sondern auch noch undankbar ist, kann ich mir vorstellen, dass ihre Stimme je nach Raumakustik und Tagesform nicht besonders gut trägt. Das ist keine grosse Opernstimme und neben den anderen Solisten kann sie je nach Besetzung schon mal untergehen. Allerdings fand ich sie in der MP wirklich top und einer Sängerin deren Stimmfarbe mir so gut gefällt und die eine der schwierigsten Oratorienarien "Aus Liebe will meine Heiland sterben"so wunderbar singt, verzeihe ich eh Einiges. Bei dieser Arie ist frau sowas von nackt und bloss und muss endlosen Atem und lupenreine Sauberkeit haben-wer das kann, da kann ich nur Chapeau sagen. Und wen es dann auch noch so klangschön ist........ :fee: Aber wie gesagt: das ist drei Jahre her und Stimmen verändern sich. Und in der JP hab ich sie noch nicht gehört. Unsere Ukrainerin hatte auch eine sehr schöne reine und junge Stimme-fast wie ein Knabensopran, was hier sah passend ist. Aber leider hat sie ja wie gesagt im Vergleich zum Alt nur sehr wenig Gelegenheit zu glänzen........
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Hörte jetzt nach.
      nporadio4.nl/concerten/7725-re…e-leeuws-johannes-passion

      Daneben die Aufführung Blomstedts.
      Beide ja nicht idiomatisch im landläufigen Sinne.
      In dem Sinne wie ein Freund sagt, der oft bei Herreweghe mitspielt: immer schön, aber nicht immer gut.

      Reinbert de Leeuw kommt eigentlich aus der "Neuen Musik" und darum fand ich so spannend, wie er mit "Alter Musik" umgehen würde.
      Ja, nicht immer schön. Immer gut? Ebensowenig.

      Piechons erweitete Fassung hörte ich inzwischen auch- und verstehe nicht recht, warum nun gerade eine Bachsche "Johannes- Passion" der Ergänzung bedürfe.
      Alle Aufführungen aber wirken in sich gelungen.

      Im Vergleich scheint de Leeuws Lesart am wenigsten traditionell zu sein.
      Opernhaft angelegt im Prinzip, aber dann wieder Stillstand zulassend.
      Besonders spannend sein Umgang mit den Klangfarben, die Bach wünscht.
      Nicht alles ist auf Konsens angelegt, manches darf sich reiben.

      Dramatisch aber in sich geschlossen, eher opernhaft.
      Was ich zutreffend gelesen finde.
      Zumindest mehr als alles in Schönheit und Glätte und Verbindlichkeit zu ertränken.

      Aber Bach- Hörbilder sind wohl so zahlreich wie Hörer selbst.

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • FairyQueen schrieb:

      Ausserdem hast Du vollkommen Recht: an das Live-Erlebnis kommt kein Mittschnitt je heran und die Vibration und Stimmung im Saal und in mir selbst beeinflusst mein Urteil erheblich. Ich kenne ja all die dt JPs der letzten Jahre nicht und schon gar nicht die, bei denen Du mitgesungen hast... könnt ihr nicht mal auf Tournee zu uns kommen?????? Wir sind trotz Emmanuelle Haïm eine Bach-Diaspora , was sicher auch an den Sprachproblemen und einem nicht so intensiven inneren Bezug zu dieser Musik liegt. Ich würde nach 15 Jahren in diesem schönen Land mal behaupten, dass Bach nicht unbedingt dem frz. Temperament entspricht.... von daher kann man deinen Satz " dass es für eine frz. Aufführung eine ausserordentlich gelungene Aufführung sei" unterstreichen. Allerdings war ja ein erheblicher der Beteiligten nicht frz. Ursprungs..... :D
      Liebe Maria,

      für so außerordentlich halte ich die Aufführungen, an denen ich bisher beteiligt war, im Vergleich zu anderen Aufführungen ambitionierter deutscher Chöre ja gar nicht .... grad die letzte war wirklich sehr gelungen, ein sehr geschlossener Chorklang, sehr reaktionsschnelles Musizieren auch und grade in den Chorälen. Wenig einheitsschnell und einheitslaut, was die Turbae angeht, die Farben der Eckchöre sehr schön gegeneinander gesetzt. Aber es ist natürlich immer noch viel Luft nach oben, schließlich sind es - wie ich - ambitionierte Laien, die sich da tummeln.

      Natürlich würde mein Chor liebend gerne auch mal in Frankreich eine Bach-Passion singen, es gab (lange vor meiner Zeit) auch mal eine MaPa in Versailles, von der die damals beteiligten allerdings wenig Gutes berichten. Aber Du weißt selber, wie umständlich das ist, Auslandskontakte so auszubauen, das daraus dann eine Konzertreise wird. Immerhin gibt es jetzt doch eine größere Menge an Anfragen, dass wir in Luzern im KKL weiter auftreten. Das wäre doch für Dich schon viel näher, nicht wahr? Aber eine Bach Passion steht da erst mal nicht auf der Agenda, weil der Veranstalter sagt, dass er dafür zu wenig Gäste von außerhalb Luzerns bekommt. Ist halt alles vom Geld abhängig ... Oder Du besuchst Deine Tochter einfach mal über Ostern, nächstes Jahr Karfreitag ist die MaPa im Herkulessaal wieder fest eingeplant ... Ich singe dann auch mit, versprochen!

      Lieben Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • Wow. Der Eingangschor in 7:09. Das ist schon - äh - sportiv. Man vergleiche (ich weiß, es ist nicht jedermanns Sache) spaßeshalber einmal die Spielzeiten anderer Aufnahmen. Ich habe einfach wahllos ins Regal gegriffen und herausgezogen: Richter (11:08), Jochum (10:14), Herreweghe (10:07), Dombrecht (09:16), Butt (08:43), Gardiner I (09:13) und Güttler (07:53). Da komme ich ein wenig ins Grübeln.

      Was Egarr hier als Dramatik verkaufen möchte (und was beim ebenfalls flotten Güttler m.E. noch klappt), klingt in meinen Ohren schon ziemlich hyper. Die dem Satz innewohnende Spannung hat hier - so empfinde ich es zumindest - überhaupt keine Zeit, in irgendeiner Weise entfaltet zu werden.

      Immerhin bleibt es im weiteren Verlauf nicht bei der Heilssuche mittels Hochgeschwindigkeit, wenngleich verschiedene Choräle und auch der Schlusschor auf mich schon ziemlich verhetzt und bisweilen eher unabhängig von der Textaussage musiziert wirken. Die Solisten sind durchweg gut, bisweilen jedoch wirkt die ein oder andere Darstellung im Affekt etwas überzogen (Gilchrist), manche grob (Rose). Ingesamt eher nicht mein Ding.



      Johann Sebastian Bach: Johannespassion BWV 245 (Fassung 1724)

      James Gilchrist Evangelist
      Matthew Rose - Jesus
      Ashley Riches - Pilatus
      Elizabeth Watts - Sopran
      Sarah Connolly - Alt
      Andrew Kennedy Tenor
      Christopher Purves - Bass
      Academy of Ancient Music
      Choir of the AAM
      Richard Egarr

      Aufnahme: 01.-05. April 2013, Saint Jude-on-the-Hill, London

      Spielzeit: 104:37

      :wink: Agravain
    • Johann Sebastian Bach: Johannes-Passion BWV 245 (1739/1749er Version)
      bzw. hier
      (AD: 14. - 17. März 2020, Philharmonie, Köln) Gesamtspieldauer: 105:28 Minuten

      James Gilchrist, Tenor (Evangelist) / Hana Blažíková, Sopran / Damien Guillon, Countertenor / Zachary Wilder, Tenor / Christian Immler, Bass (Jesus)

      Bach Collegium Japan
      Masaaki Suzuki

      Im März 2020 plante das Bach Collegium Japan (BCJ) zum Anlass seines 30-jährigen Jubiläums eine Europa-Tournee. Das erste Konzert konnte in Katowice noch planmäßig stattfinden. Die nächste Konzertstation war Köln. In der Zwischenzeit schlug die Corona-Pandemie zu. In Köln angekommen erfuhr das BCJ, dass das Konzert in Köln sowie alle weiteren Konzerte der Europa-Tournee abgesagt wurden.
      Der Intendant der Kölner Philharmonie Louwrens Langevoort machte dem BCJ aber das Angebot, die Johannes-Passion für ein Live-Streaming im Rundfunk ohne Publikum in der Philharmonie zu spielen. Da das BCJ aufgrund der ausgefallenen Konzerte in Köln festsaß entstand die Idee, die Zeit für eine Aufnahme der Johannes-Passion zu nutzen. Die Kölner Philharmonie war einverstanden und stellte für die Aufnahme den großen Saal zur Verfügung. Das war aber auch schwierig, weil das BIS-Aufnahmeteam aus Schweden pandemiebedingt nicht kommen konnte. So wurde improvisiert und das Equipment kam aus München.
      Am letzten Aufnahmetag hätte die Polizei fast die Aufnahmen vorzeitig beendet aber weil erklärt wurde, dass man fast fertig sei und weil glücklicherweise einer der Polizisten die Streamingübertragung hörte drückte man alle Augen zu.

      Die Dramatik und die fast improvisierten Umstände dieser Aufnahme höre ich durchaus, weil das eine sehr expressiv-dramatische Interpretation ist, die auch klanglich sehr gut gelungen ist. Vielleicht bilde ich mir ein, dass das gesamte Ensemble durch diese außergewöhnlichen Umstände zu einer fantastischen Leistung herausgefordert wurde.

      Man entschied sich bei der Aufnahme, die vierte Fassung der Johannes-Passion zu spielen, die am Karfreitag 1749 in Leipzig aufgeführt wurde. Man berücksichtigte auch ein von Bach 1739 begonnenes Partiturmanuskript.
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • es ist schon erstaunlich wie ich doch von dieser Musik geprägt wurde.
      Als am gestrigen Karfreitag im Gottesdienst bei der Schriftlesung aus dem Johannes-Evangelium Kap. 19 verlesen wurden, habe ich vor dem geistigen Ohr die dazugehörigen Stellen aus der Johannespassion "gehört". Das war eine dermaßen intensive und spontane Empfindung, dass darüber regelrecht erschrocken bin.

      frohe Ostern allerseits
      :wink:
    • Scherzo schrieb:

      Als am gestrigen Karfreitag im Gottesdienst bei der Schriftlesung aus dem Johannes-Evangelium Kap. 19 verlesen wurden, habe ich vor dem geistigen Ohr die dazugehörigen Stellen aus der Johannespassion "gehört".
      Mit. Bei uns war's Matthäus, aber der Effekt ist derselbe ...

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Es ist ein Jammer, dass die Dummköpfe so selbstsicher und die Gescheiten so voller Zweifel sind." - Bertrand Russell
    • Ich habe gestern zum ersten Mal eine der schlanken Aufnahmen von dem mir sonst aus älteren Zeiten sehr vertrauten La Petite Bande angehört. Sehr gut, aber nicht vollkommen begeisternd. Danach diesen Faden angelesen und gefunden, dass Lionel das schon bestens beschrieben hat: BACH, Johann Sebastian: Johannes-Passion BWV 245. Der dramatische Aspekt besonders dieser Passion wird nicht recht getroffen. Weiß nicht, ob andere das bei kleiner Besetzung besser machen.
      Gruß, Frank