Rameau: "Platée" - Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, 28.01.2011

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    • Rameau: "Platée" - Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, 28.01.2011

      Dass sich die „Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg“ dem Opernschaffen des französischen Barockkomponisten Jean-Philippe Rameau in Form eines Zyklus von dessen Werken angenommen hat, verdient mehr als nur eine lobende Erwähnung. Dass dieses Vorhaben vor allem auf der musikalischen Seite so fulminant gelingt, soll hier gleich zu Beginn dieses Beitrages Erwähnung finden.

      Nachdem die „Neue Düsseldorfer Hofmusik“ unter der Leitung des Dirigenten Konrad Junghänel in der vergangenen Spielzeit mit „Les Paladins“ den Reigen der Rameau-Opern eröffnet hat (die Aufführung liegt zwischenzeitlich auch auf CDs vor), folgte nun das vielleicht bekannteste Werk des französischen Meisters, das Ballet-Bouffon „Platée“ in der Version von 1749 (die eigentliche Uraufführung fand vier Jahre zuvor statt).

      Den Klang, die Atmosphäre, die Junghänel mit dem Orchester erzeugt, braucht sich hinter den bekannten Namen aus Frankreich nicht zu verstecken. Junghänel dirigiert punktgenau, präzise, gradlinig, mutig in der rhythmischen Ausformung, perfekt bei den dynamischen Abstufungen, die manchmal innerhalb von wenigen Sekunden vollzogen werden, es macht Staunen, wie abwechslungsreich Junghänel einzelne Passagen ausgestaltet und wie farbreich diese Musik unter seinem Dirigat wirkt. Konnrad Junghänel erweist sich dabei als immer aufmerksamer Koordinator, als ein Dirigent, der jede Phase mit nie nachlassender Intensität begleitet, der befeuert und alles von seinem Orchester einfordert.

      Das Orchester folgt seinem Dirigenten mit hoher Aufmerksamkeit, schöne Holzbläserfarben, schöner Klang der hohen Streicher ohne jeden Nachhall, engagiertes Begleiten der Continuo-Gruppe bei den Rezitativen, das Zuhören macht hier richtig Spass. Kleinere Nervositäten am Premierenabend können den insgesamt positiven Eindruck nicht beeinträchtigen.

      „Platée“ erzählt die böse, satirische Geschichte einer Sumpfnymphe, die in ein Intrigenspiel der besseren Kreise, sprich: der Götterwelt, gerät. Jupiter, kein Verächter schöner Frauen, hat einmal wieder Krach mit seiner Gattin Juno und Götterbote Merkur denkt sich die Geschichte aus, die für Platea so vernichtend endet. Die Nymphe ist nämlich von der Natur nicht gerade mit Schönheit bedacht worden, hält sich aber dennoch für so unwiderstehlich, dass sie glaubt, dass sich Jupiter ernstlich für sie interessieren könnte. Alle machen sich über Platea lustig, die nicht merkt, dass die vorgespielte Heirat mit Jupiter nur ein Scherz auf ihre Kosten ist. Als die eifersüchtige Juno dazu kommt und der vermeintlichen Braut den Schleier vom Gesicht reisst, stutzt Juno zuerst, um dann in schallendes Gelächter auszubrechen. Versöhnt zieht sie mit Gott Jupiter davon, zurück bleibt die dem Spott der Leute ausgesetzten Platea.

      Die Regisseurin Karoline Gruber hat schon oft frühe Werke der Opernliteratur erfolgreich inszeniert und das gelingt ihr mit dieser „Platée“ in Düsseldorf/Duisburg auch. Ein grosses Verdienst dieser Regiearbeit ist es, dass Karoline Gruber die alte Form des Stückes in stimmige, zeitgemässe Bilder überträgt und auch dem Tanz, der ein so wesentliches Element in Rameaus Oper ist, mit Unterstützung der Choreografin Beate Vollack breiten Raum einräumt. Organisch werden die Tanzszenen in die Inszenierung integriert und auch die Sängerinnen und Sänger erweisen sich in der Körperbeherrschung als bewegliche Tänzerinnen und Tänzer.

      Zu Beginn sieht man eine Art kleine Bühne in der Mitte der Szene, begrenzt wird der Bühnenraum von einem bemalten Vorhang, auf dem ein Schloss, man denke an Versailles oder den Louvre, mit geschlossenen Fensterläden zu sehen ist. Im zweiten Teil ist der Prospekt etwas höher gewandert - der Himmel mit einem Wolkenwagen wird dann zu sehen sein.

      Auf der Szene Menschen von heute, die bald erkennen lassen, dass sie psychische und physische Auffälligkeiten haben. Sie sind allesamt beschädigt, haben ihre Ticks, wirken fremd, aber nicht unsympathisch. Unter ihnen befinden sich Platée und ihre Freundin Clarine, die zumindest unauffälliger sind, als die Menschen, die sie umgeben.

      Wir sind in Düsseldorf, einer Stadt, die auch viele Werbeagenturen beheimatet und so zeigt sich das Vorspiel der Oper „Platée“ als Firmenfest, wo ein neues Produkt vorgestellt wird. Es handelt sich – ein grosses Plakat kündigt es an – um „Jupiter“, den perfekten Mix aus Wodka und Champagner, der in einer extravaganten Verpackung geliefert wird und - so verspricht es die Werbung - den Konsumenten des Getränkes in einen Gott verwandelt.

      Der für das Fest engagierte Unterhaltungskünstler ist leider schon reichlich betrunken, sodass das Firmenfest etwas aus dem Ruder läuft. Statt dem geplanten Programm gibt es nun die Geschichte von Jupiter, Juno und Platée.

      Raumbestimmend wird ein riesiger, rosa Damenschuh, der von hinten hereingefahren wird und Schuhe bilden (nicht unähnlich der „Meistersinger“-Inszenierung von Katharina Wagner in Bayreuth) ein wesentliches Requisit der Inszenierung. Platée tritt im ersten Teil des Abends barfuss auf, nicht nur das grenzt sie aus. Da ist ein hageres, androgynes Wesen mit weissblonden, kurzen Haaren in einer Federnbluse und einem einfachen Rock zu sehen, das sich nach grosser Garderobe sehnt. Und es ist nur eines von vielen gelungenen Inszenierungsdetails, wie Platée quasi als Schablone in eine Frauenfigur des Werbeplakates aus dem Vorspiel schlüpft. Ihre Freundin Clarine passt zu ihr: ein spätes Mädchen ist das, mit dicker, schwarzer Brille, Wollpullover und einem Rock von der gleichen Qualität, wie derjenige von Platée. Da haben sich zwei gefunden, die sich ähnlich sind – und die letztendlich auch gleich verloren in einer Welt wirken, die von anderen gestaltet wird.

      Die teilweise irrwitzigen Kostüme zeigen die Götter als glitzernde Glamourgestalten einer gegenwärtigen Unterhaltungswelt, in den Fenstern des Schloses im Hintergrund erkennt man so zum Beispiel Jupiter bei der Morgendusche, der dann sein goldenes Kostüm samt Strahlenkrone anzieht, um Platée im doppelten Wortsinn zu blenden und auch wenn Platée nicht unschuldig daran ist, wie ihr mitgespielt wird, man hat doch Mitleid mit diesem Wesen, dass ein auffälliges Tattoo vom Oberarm bis zur Wange trägt, wie es da mit den einwärts gedrehten, nackten Füssen vor einem Chor aus Voyeuren steht, die sich an der Geschichte der Platée delektieren und wie Platée jedes Geschenk – und sei es auch (das Wort passt auch hier) noch so offensichtlich ein Blender – dankbar annimmt.

      Karoline Gruber erzählt diese Geschichte flott und mit nie versiegenden Einfällen, kräftig unterstützt von der Kostümbildnerin Mechthild Seipel, der im Falle der Folie – also der personifizierten Verrücktheit – ein umwerfendes Kostüm gelungen ist. La Folie tritt in einem Outfit auf, mit dem sie in jedem Domina-Studio problemlos reüssieren könnte. Lack und Leder bestimmen die extravaganten Stiefel und die überbreit ausgestellten Breeches (die sich so auf wunderbare Weise zu einer Herzform weiten), darüber ein knapp sitzender Frack, weisses Hemd, weisse Fliege und Blume im Knopfloch, stark geschminkt, strenge Frisur und goldene Zigarettenspitze. La Folie wird so zur Spielmacherin, zur – trotz allem – vielleicht „normalsten“ Figur, die ihre Sympathie für Platée erkennen lässt.

      Dass es auch noch Vagina-Symbolik und einen ganz aparten, männlichen Amor in weiblicher Verkleidung mit einem Pfeil in Form des männlichen Geschlechtsteiles gibt runden eine Inszenierung ab, die nie in den reinen Klamauk abrutscht.

      Und das ist vor allem das Verdienst des am Premierenabend frenetisch gefeierten Tenors Anders J. Dahlin in der Titelpartie. Die Gesamtleistung des Sängers ist fulminant. Er setzt nicht auf Schöngesang, aber immer auf stimmige Gestaltung, verbunden mit einer enormen Ausdrucksbreite im körperlichen, Freude, Trauer, Neugier, eine Kopfhaltung, ein Blick, das ist schon aussergewöhnlich gut, was da zu sehen ist.

      Am Ende des Stückes bleibt Platée allein zurück, Folie kommt ein letztes Mal zu ihr, nachdenklich wirkt die Verrücktheit und bringt einen roten Luftballon in Herzform mit. Diese Szene ist die vielleicht intimste und berührenste des ganzen Abends. Dass sich dann Platée, wieder allein, erschiesst, war erahnbar.

      Karoline Gruber versucht auch zu zeigen, wie wir mit Menschen umgehen, die für die Mehrheitsgesellschaft fremd sind und fremd bleiben werden. So lässt sie die Menschen des Anfangs mit ihren Beschädigungen gegen Ende erneut auftreten und eigentlich bleibt Platée auch immer als Mann erkennbar, nicht nur in der Singstimme. Ein böses Spiel? Schon....

      Darstellerisch sind alle Sängerinnen und Sänger tadellos und bemühen sich mit Erfolg um ihre teilweise ungewöhnlichen Aufgaben. Neben Dahlin überzeugt vor allem der Tenor Thomas Michael Allen als Thespis und Mercure, aber auch Sylvia Hamvasi als Folie zeigt sich ihrer Aufgabe recht gut gewachsen.

      Grosser Beifall im Düsseldorfer Opernhaus nicht nur für die Solist/innen, auch für den erstaunlich sicher agierenden Chor (Einstudierung: Gerhard Michalski), das Ballett und natürlich für die „Neue Düsseldorfer Hofmusik“ unter Leitung von Konrad Junghänel.

      Als Karoline Gruber mit dem Regieteam (erwähnt werden muss noch Bühnenbildner Roy Spahn) die Bühne betritt, bleiben Missfallensbekundungen aus, aber der Applaus kühlt merklich ab – das Publikum in Düsseldorf tat sich doch merklich schwer, mit der durchaus kühnen Sicht der österreichischen Regisseurin auf die Oper „Platée“ von Jean-Philippe Rameau.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Heute habe ich die hier besprochene Opernproduktion besucht. Sie war meine erste Begegnung mit der französischen Barockoper und ihern eigenwilligen Formen. In den letzten Tagen habe ich zur Vorbereitung mehrmals die großartige Aufnahme mit Marc Minkowski und Les Musiciens du Louvre. Da ich weiß, dass dieses Ensemble im Bereich der französischen Barockoper zur Referenz gezählt wird, war ich angenehm überrascht, dass sich die "Neue Düsseldorfer Hofmusik" dem ersten Hören nach durchaus ebenbürtig wirkte.

      Die Wiederholung der Ouverture am Ende des Prologs wurde gestrichen. Ich kann nicht einschätzen wie stark dieser Eingriff die strengen Formmodelle tangiert und wäre sehr froh wenn dies jemand erläutern könnte. Weitere Striche sind mir nicht aufgefallen.

      Ich habe vor allem zwei Probleme mit dieser Oper:
      - die äußerst albern erscheinende Handlung
      - die an lautmalerischen Stellen bisweilen äußerst plump daherkommende Musik.

      Bei der Handlung kann dies nur Eindruck, kein Urteil sein, da ich mit der Ästhetik des Barock in Sachen Oper kaum vertraut bin. Das Programmheft deutet jedoch, dass Platée wohl vornehmlich zur seichten Abendunterhaltung gedacht war. Ich reagiere derzeit etwas allergisch auf Opern mit großartiger Musik aber seichter Handlung bzw. seichtem Text. Wie sieht es in dieser Hinsicht mit den anderen Opern Rameaus aus?

      Zu den lautmalerischen Stellen: Die einfache Nachahmung von naturgeräuschen finde ich meist wenig ansprechend. Den Quak-Chor in Platée dand ich etwas zu viel des guten. Hier fand ich die Grenze zum Albernen überschritten.

      Als ich mir bei imslp.org die Partitur zu Platée anschaute, meinte ich zuerst, einen Klavierauszug vor mir zu haben. Die Instrumentalstimmen sind weitgehend in zwei Systemen notiert: Melodiestimme und Basslinie, nebst Instrumentenbezeichnungen. Bei den seltenen komplizierteren Sätzen treten zusätzliche Systeme hinzu. Ich konnte dem natürlich nichts über die philologische Zuverlässigkeit dieser Ausgabe entnehmen. Aber sollte es sich hier um mehr oder weniger authentischen Rameau handeln, dann muss sicher aus den Noten eine Aufführungsversion erstellt werden.

      Die Inszenierung fand ich gelungen, vor allem die Kostüme fand ich bemerkenswert. Die Idee mit dem Werbeplakat hätte man meiner Meinung nach streichen können. Oder zumindest durch etwas subtileres ersetzen sollen. Das sind Ideen, wie sie das Brainstorming einer gymasialen Theater-AG hervorbringen kann. Die Konzeption und die Gedanken dahinter finde ich viel zu offensichtlich, um tiefgründig wirken zu können.

      Beste Grüße,
      Falstaff