Bellini: "I Puritani" - Aalto Essen, 29.01.2011

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    • Bellini: "I Puritani" - Aalto Essen, 29.01.2011

      I Puritani 29.1.2011 Aalto Essen


      In Essen wurde nicht gekleckst sondern geklotzt .
      Das imposante Bühnenbild (Dieter Richter) zeigt mächtige Arkaden ,die die gesamte Bühne im Halbrund einnehmen. Zahlreiche assoziationsreiche Accessoires verdoppeln sozusagen die Figuren,deren Geschichte erzählt werden soll.Das Bühnenbild in Miniatur wird geschickt in die Szene einbezogen.

      Stefan Herheim zeichnet für die Regie verantwortlich. Er verlgt die Handlung des englischen Familiendramas in die Zeit der französischen Bourgeoise um 1835.Renate Schmitzer entwirft ihm bombastische Roben,die Lichtregie von Hartmut Litzinger unterstreicht das ganze.Für die Choreographie sorgt Jeremie Leslie-Spinks und für den gutgestimmten Chor
      zeichnet,wie immer, Alexander Eberle verantwortlich.


      Das Genie Arturo schreibt an einem neuen Stück über die Macht der Liebe.Seine Braut Elvira erwartet ihn sehnsüchtig,doch ehe die beiden vereint sein können,verhilft Arturo,der zum Tode verurteilten Königin zur Flucht,von seinem Rivalen Riccardo gestellt,muss er nun selbst flüchten.
      Elvira verfällt dem Wahnsinn.
      Am Ende finden Beide doch noch zusammen,aber nicht bevor das gesamte Bühnenbild in sich zusammenbricht.


      Dafür fällt der den Hintergrund bildende Vorhang zu Boden,die ganze Bühne kippt nach hinten und übrig bleiben die Miniatur des Bühnenbildes auf dem Soufflierkasten und das Klavier des Genies,das nur knapp nicht mit in den Abgrund rutscht.


      Als Arturo lässt sich Shalva Mukeria vor Beginn entschuldigen und bittet um Nachsicht,da er von einem Magenproblem geplagt sei.Er beginnt auch vorsichtig,dieersten beiden hohen Töne kratzt er nur an,gewinnt aber zusehends an Sicherheit und übersteht gut den Abend.

      Zur Pause liess sich dann auch noch Petya Ivanova wg. eines wieder akut gewordenen grippalen Infekts entschuldigen und bittet um Nachsicht,wenn sie die grosse Arie im 2. Akt nicht ganz aussingen kann.Zum Schluss des ersten Aktes nahm sie sich schon hörbar zurück,die Bravourarie sang sie aber dennoch,sich zwischendurch schonend durch.

      Heiko Trisinger als Riccardo und Almas Svilpa als Giorgio zeigten keinerlei Probleme,weder in Spiel noch in Gesang.


      Der musikalische Leiter Volker Perplies dirigierte umsichtig und mit Rücksicht auf den/die angeschlagene/n Sänger/in.


      Am Ende belohnte das Publikum alle Mitwirkenden mit langanhaltenden Applaus und Bravis.


      Vielleicht zeigt auch,dass die Gelder knapper werden,dass die Premiere im Nov. 2002 von Elena Mosuc und Mario Zeffiri gesungen wurden.

      Dennoch war diese letzte Vorstellung der Wieder-Wieder-Aufnahme eine grossartige Leistung für das Essener Aalto.
      lg yago :wink:
    • Am vergangenen Wochenende hatte ich Gelegenheit, im Aalto-Theater Essen die letzte Aufführung der Puritaner-Inszenierung von Stefan Herheim mitzuerleben. Herheim verlegt den Spielort in das Paris der Aufführungszeit, wo sich Opernliebhaber in einer "Kunstkathedrale" (zit. des Regisseurs) versammeln, um Bellinis neuestes Opus mitzuerleben. Der Komponist sitzt denn auch gleich zu den ersten Takten in der Bühnenmitte und wir erleben, wie er (nach der Eingangsfanfare hält das Orchester inne) das Hauptthema der Ouvertüre am Klavier "erfindet" (das dann vom weiterspielenden Orchester aufgenommen wird). Die Rollen der Oper rekrutieren sich dann nach und nach aus dem (Bühnen-) Publikum; für die Elvira stehen einige Ballettratten im weißen Tutu zur Auswahl, die auch im weiteren als "Aufdoppelungen" der weiblichen Hauptperson fungieren. Ebenso gibt es eine Aufdoppelung der Königin (schwarzes Ballettkostüm) und diverse weitere Bellinis. Beim Auftritt Arturos schlüpft der Komponist dann selber in die Rolle des Helden. In dieser Konstellation vom "Stück im Stück" und einer ständigen "Uneigentlichkeit" schafft es Herheim, Pepolis schwaches, ab dem zweiten Akt geradezu blödsinniges Libretto bloßzustellen, ohne das Stück als ganzes zu veralbern. Manche Szenen sind durchaus anrührend - wenn auch mit einem Augenzwinkern - dargestellt: besonders gelungen die einzig starke Stelle des Librettos, als Arturo in dem Moment die Rettung der Königin beschließt, als Elvira der Hochzeit entgegenjubelt ("Son vergin vezzosa"). Anderes endet im Klamauk: ganz großartig das Duett Giorgio-Riccardo, das als Gespräch unter Männern bei einem Glas Rotwein beginnt und mit einem albernen Chor-Ballett mit als Degen entfremdeten Regenschirmen endet - sehr komisch! Dazwischen Einfälle, Anspielungen und Assoziationen ohne Ende, vermutlich weit mehr, als man in einer Aufführung mitkriegen kann. Höchst unterhaltsam, manchmal rätselhaft, jedoch nicht oberflächlich. Den Mitwirkenden verlangt Herheim einiges ab: der Tenor muß Klavier spielen, die Sopranistin muß Spitze tanzen und der Chor macht die Abstammung seiner Bezeichnung vom griechischen Wort für "Tanz" deutlich :) Sicher eine Produktion, die einer sorgfältigen Einstudierung bedarf, die über 10 Jahre nach der Premiere nicht mehr selbstverständlich ist, hier aber von Spielleiterin Carolin Steffen-Maaß offenbar bestens geleistet wurde.

      Wenig erfreulich das grobe, undifferenzierte, vor allem aber ständig überlaute Spiel der Essener Philharmoniker unter Volker Perplies, das oft genug sogar den guten und um Pianokultur bemühten Chor übertönte - sehr ärgerlich!

      Gesungen wurde auf sehr ansprechendem Niveau. Shalva Mukerias Tenor würde ich zwar nicht als besonders schöne Stimme bezeichnen, eher farbarm, leicht nasal im Klang und vor allem in der Mittellage schon mal etwas eng; aber neben flüssigem Legato und schöner Dynamik in der Stimme hat der Georgier erfreulicherweise keinerlei Mühe mit der Tessitura, die cis/des'' kommen ohne Anstrengung mit angenehmer Beimischung von Kopfstimme. Im Laufe des Abends verfestigt sich die Stimme auch etwas, und so gibt es im Finale auch ein paar schön strahlende Spitzentöne (das berüchtigte apokryphe f'' schenkt er sich glücklicherweise). Petya Ivanova hat eine eher kleine Stimme, die in der Mittellage schon mal unterzugehen droht (sie ließ sich allerdings nach der Pause wegen Infektes mit Hinweis genau darauf als indisponiert ansagen); aber auch sie hat keine großen technischen Probleme mit der heiklen Partie, auch die Töne im dreigestrichenen Bereich (IIRC geht es bis zum d''') sitzen sicher und klangschön. In der Arie gelingen die großen Bögen vielleicht nicht ganz perfekt (aber welche Sängerin ist da schon perfekt?). In der Wiederholung von "Vien diletto" variiert sie die Melodie ("auszieren" kann man angesichts des vertrackten Originals ja wohl nicht sagen), und das gelingt ausgesprochen schön! (Wußte gar nicht, daß solche Praktiken auch schon bei den Romantikern angekommen sind - aber das war klasse! HIP, HIP, hurra!). Schade, daß die Sänger beider Hauptrollen ein ums andere Mal vom Orchester übertönt wurden. Heiko Trinsinger wurde gleich zu Beginn als indisponiert angesagt; seinem Magen-/Darminfekt fiel leider Riccardos Auftrittsarie zum Opfer. Nach etwas rauhem Beginn dann aber trotzdem eine schöne Leistung, vor allem im Duett mit dem ebenfalls sehr hörenswerten Almas Svilpa als Giorgio.

      Großer und ausdauernder Beifall vom Publikum der ausverkauften Vorstellung.

      (Und mein Dank an Zwielicht, der vor einiger Zeit auf diese Wiederaufnahme hingewiesen hat!)
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur