Renaissancemusik von der iberischen Halbinsel - wenn Notenköpfe aus Partituren rieseln

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    • Renaissancemusik von der iberischen Halbinsel - wenn Notenköpfe aus Partituren rieseln

      Wie Fugatos Thread letzte Woche zeigte, hat die Renaissancemusik hier jede Menge Liebhaber, oder solche die es werden wollen ;+)

      Ich möchte mit dem folgenden Thread in die gleiche Kerbe schlagen, wenn auch- geographisch - in eine etwas andere Richtung:

      Gegenstand dieses Threads soll die Musik dieser Zeit von der iberischen Halbinsel sein. Warum ausgerechnet die iberische Halbinsel? Die Archive der Kathedralen in Spanien und Portugal bergen eine Fülle von Schätzen, die allerdings erst zum Teil geborgen worden sind, weil der Zugang zu den Archiven oft mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist - und die Bedingungen für die Erhaltung der Handschriften zum Teil katastrophal sind. In Toledo beispielsweise grub Michael Noone im Archiv der Kathedrale bisher unbekannte Kompositionen von Cristobal de Morales aus, die er auf folgender CD veröffentlichte:



      Laut Noone befinden sich alleine in Toleodo rund vierzigtausend Seiten von Musik, von denen der größte Teil unbekannt sei. In einer dieser Handschriften entdeckte Noone dann die unbekannten Kompositionen von Morales. Die Situation in Toledo dürfte exemplarisch sein - für eine Reihe weiterer Archive. Einen Überblick, wenn auch "nur" über die mehrstimmigen Messvertonungen, bietet eine Edition, welche die spanische Musikwissenschaftlerin Christina Urchueguía im Jahr 2005 veröffentlicht hat:

      "Mehrstimmige Messen in Quellen aus Spanien, Portugal und Lateinamerika ca. 1490-1630
      Drucke, Handschriften und verlorene Quellen"

      Erschienen ist die Edition bei Henle, der Band hat einen Umfang von 932 Seiten, also eine richtige Fundgrube.

      Worum es in diesem Thread gehen soll: wie sind Eure Erfahrungen mit Musik der Renaissance aus dieser Region? Welche Kompositionen kennt Ihr?

      :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Caesar73 schrieb:

      ...und die Bedingungen für die Erhaltung der Handschriften zum Teil katastrophal sind....


      Da kann man nur hoffen, das es wenigstens Sicherheitskopien gibt, bevor die unbekannten Perlen Alter Musik durch unsachgemäße Lagerung zerstört werden.
      Wäre ja nicht das erste mal, dass so etwas passiert wäre. 8|
      "Eine Semmel enthält 140 Kalorien, 700 Semmeln pro Jahr ergeben 98000 Kalorien,
      diese benötigt man, um eigenhändig 1 Elefanten 9 Zentimeter weit zu tragen. Aber wozu?"
      (Loriot)
    • Bei mir gibt es zur Zeit oft Musik aus den berühmten Codices der Iberischen Halbinsel:
      Codex Calixtinus - der Reisführer zum Jakobsweg nach Santiago de Compostella, Cantigas de Santa Maria, Martim Codax, Codex Las Huelgas, Libre Vermell.
      Im Zusammenhang mit den Cantigas, die in vielen Überlieferungen in ganz Europa verbreitet waren, sind auch die frühen Minnesänger zu nennen, wie z.B. Alfons X. von Kastilien.

      Aus den "http://bibliodyssey.blogspot.com/2005/10/cantigas-de-santa-maria.html" Cantigas stammen auch viele "http://commons.wikimedia.org/wiki/Cantigas_de_Santa_Maria?uselang=de" Abbildungen von Musikern, die unser Bild von den frühen Instrumenten geprägt haben.

      Interessant wird es für mich dann wieder um 1500, wenn die franco-flämische und die spanische Musiktradition aufeinandertreffen.

      lg vom eifelplatz, Chris.
    • Liebe Chris,

      ist das eigentlich schon Renaissance-Musik? Ich bin irgendwie daran gewöhnt, die Epoche der Renaissance von ca. 1400 - 1600 anzusetzen. Das ist bei mir vor allem geprägt vom neuen Handbuch der Musikgeschichte, die dem 15./16. Jahrhundert einen separaten Doppelband widmen. Ludwig Finscher begründet in der Einleitung diese Abgrenzung, das müßte ich wohl noch mal lesen.

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Nein, die Musik aus den alten Codices nicht; Ich habe damit nur mal den Beitrag angefangen um auch zu zeigen, dass in Spanien und Portugal eine sehr alte, sogar schriftliche Tradition und Überlieferung existiert.
      Für mich fängt auch die Renaissance irgendwann zwischen 1400 und 1500 an, ich finde immer, so genau kann man das nicht festlegen in diesen Übergangszeiten. Das Handbuch der Musikgeschichte ist für Mittelalter und Renaissance schon sehr gut.

      lg vom eifelplatz, Chris.
    • Gut, dann muß ich meine Schubladen also nicht umsortieren ;+)

      Schöne Musik ist das allemal.

      Zum eigentlichen Thema. Ich habe vor einiger Zeit sehr gerne die Musik von Tomás Luís de Victoria gehört, vor allem diese beiden Aufnahmen:





      Letztere ist als Einzel-CD wohl nicht mehr verfügbar, aber in diesem Päckchen enthalten:



      Ich muß die unbedingt mal wieder hören. Ihr macht mir gerade Lust auf Renaissance-Musik....

      Viele Grüße,
      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Interessant im Zusammenhang mit diesem Thema sind aus dieser Box



      die CD's 3 bis 7 mit Liedern und Instrumentalwerken überwiegend aus dem 16. Jahrhundert. Ein herausragender Instrumentalkomponist dieser Zeit war Antonio de Cabezón (1510-1566), Werke von ihm finden sich auf CD 6.

      Viele Grüße,
      Fugato



    • Heute Morgen höre ich mal wieder diese 2-CD-Box - und ärgere mich mal wieder ein wenig darüber.
      Aufgrund des Titels hatte ich ganz andere Erwartungen: da ich mich sehr für die Hofkapellen um 1500 interessiere, dachte ich beim Titel Music for the Spanish Kings natürlich, Musik vom Spanischen Hof hören zu können. AuF CD 1 gibt es aber v.a. Musik von Hof in Neapel, weil die Habsburger in Spanien verwandtschaftliche Beziehungen dorthin hatten, auf CD 2 dann Musik von Antonio de Cabezon (1510 - 1566).

      Musiziert wird von Montserrat Figuera, Jordi Savall und Hesperion XX wieder einmal wunderbar. Bei den CDs scheint es sich nach 1984, 1986 nun um die 3. Auflage 2001 zu handeln. Ich muss gestehen, dass ich bei den vielen Auflagen und immer wieder neuen Zusammenstellungen manchmal den Überblick verliere.




      In dieser Box befinden sich 5 CDs, wovon Cd 1 und CD 2 spanischer Musik gewidmet sind, CD2 entspricht dabei dem dünnen Booklet zufolge der o.a. CD 2, Musik von Cabezon, CD 2 dieser Box enthält Canciones y danzas de Espana 1547 - 1616.


      lg vom eifelplatz, Chris.
    • eifelplatz schrieb:

      AuF CD 1 gibt es aber v.a. Musik von Hof in Neapel, weil die Habsburger in Spanien verwandtschaftliche Beziehungen dorthin hatten, auf CD 2 dann Musik von Antonio de Cabezon (1510 - 1566).
      Diese beiden CD's sind auch in der Box enthalten, die ich habe (CD 5 und 6).

      eifelplatz schrieb:

      Ich muss gestehen, dass ich bei den vielen Auflagen und immer wieder neuen Zusammenstellungen manchmal den Überblick verliere.
      Geht mir genauso - die Box mit den acht CD's gab es früher etwas teurer auch schon mit diesem Cover:



      Viele Grüße,
      Fugato



    • Und noch eine schöne und interessante 2 CD-Box von Jordi Savall und Hesperion XX:
      Weltliche Musik aus dem christlichen und jüdischen Spanien aus der Zeit von 1450 - 1550.
      CD 1 steht unter dem Titel Court Music and Songs, CD 2 hat den Titel Sephardic Romances.

      Was wäre Alte Musik aus Spanien ohne Savall? Er hat sicher einen unglaublich großen Anteil daran, dass diese Musik überhaupt bekannt wurde.


      lg vom eifelplatz, Chris.
    • Die Aufnahmen der Gabrieli Consort and Players sind auch alle fabelhaft, und versuchen ein möglicht detailliertes Bild darüber zu geben, wie die geistliche Musik (samt liturgischem Kontext) damals im 16. Jh. aussah:

      Morales: Missa Mille regretz


      Morales: Requiem


      Victoria: Requiem (1605)


      Vesper für den Duque von Lerma

      Alle, besonders aber letztgezeigte seien warmstens empfohlen! Die CDs von McCreesh haben zwar meistens einen großen Hall - damit aber auch eine Kirchenatmosphere. Sie sind alle ganz laut zu hören! Dann öffnet sich die Schönheit dieser Einspielungen. Perfektes Musizieren und überirdisch schöne Musik!

      LG
      Tamás
      :wink:
      "Vor dem Essen, nach dem Essen,

      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato
    • Tschabrendeki schrieb:

      Die Aufnahmen der Gabrieli Consort and Players sind auch alle fabelhaft, und versuchen ein möglicht detailliertes Bild darüber zu geben, wie die geistliche Musik (samt liturgischem Kontext) damals im 16. Jh. aussah
      Ich finde dieses Konzept sehr gut, denn die Messen wurden damals ja nicht so aufgeführt, wie man es heute meist hört. Die einzelnen Sätze hatten ihren Platz in der Liturgie, und dazu erklang auch noch andere Musik (z. B. Instrumentalstücke).

      Die CD mit der Missa Mille regretz von Morales habe ich mir gleich mal vorgemerkt...

      Viele Grüße,
      Fugato

    • eifelplatz schrieb:

      AuF CD 1 gibt es aber v.a. Musik von Hof in Neapel, weil die Habsburger in Spanien verwandtschaftliche Beziehungen dorthin hatten, auf CD 2 dann Musik von Antonio de Cabezon (1510 - 1566).
      Auf diese DoppelCD bin ich auch hereingefallen. CD 1 habe ich nämlich schon seit Jahren in meinem Regal stehen.
      Sehr liebe ich eine Aufnahme mit Hesperion XX, La capella reial de catalunya, ebenfalls Jordi Savall: Alfonso X el Sabio, Cantigas de Santa Maria. Diese Aufnahme scheint es auf dem Markt nicht mehr zu geben. Jedenfalls habe ich kein Bildchen gefunden.

      Eine weite Aufnahmen, die ich sehr gerne höre:



      und diese aus Avila mitgebrachte:



      calisto
    • eifelplatz schrieb:

      Von dieser CD hatte ich immer den Eindruck, dass sie in allen Sammlungen Alter Musik vertreten sei
      Das kann gut sein - ich habe sie auch :D

      Überhaupt scheint mir Victoria der bekannteste Komponist von der iberischen Halbinsel aus dieser Zeit zu sein, es gibt zumindest etliche Aufnahmen von seinen Werken. Ich habe unter anderem noch diese CD



      mit zwei Messen von Victoria.

      Viele Grüße,
      Fugato

    • eifelplatz schrieb:


      Was wäre Alte Musik aus Spanien ohne Savall? Er hat sicher einen unglaublich großen Anteil daran, dass diese Musik überhaupt bekannt wurde.


      Auf jeden Fall! Man sollte aber nicht vergessen, dass er da auf eine bereits lange Tradition aufbauen kann, zumindest in Katalonien: Entgegen dem etwas düsteren Bild, das Christian von den Archiven der Iberischen Halbinsel zeichnet, gab es dort seit dem frühen 20. Jahrhundert eine Art Renaissance der Alten Musik, verbunden mit Archivstudien, Publikationen und Aufführungen (wahrscheinlich in Katalonien auch politisch motiviert, indem die eigenständige katalanische Kultur des Mittelalters betont wurde, nicht nur in der Musik, sondern auch etwa in der Architektur). Viele der bekannten spanischen Komponisten des 20. Jh., wie de Falla oder Rodrigo, edierten und arrangierten alte Musik und ließen sich auch in ihren eigenen Kompositionen davon inspirieren. An der Kathedrale Santa Maria del Mar in Barcelona wurde ab 1948 der mittelalterliche "Cant de la Sibil·la" wiederentdeckt und institutionalisiert; eine wichtige Rolle spielte in den 40er und 50er Jahren zweifellos José María Lamaña mit seinem HIP-Ensemble "Ars Musicae de Barcelona", von dessen Mittelalter- und Renaissance-Interpretationen es in folgender empfehlenswerter Box anderthalb CDs voll gibt (übrigens mit dem jungen Jordí Savall an der Gambe):



      Das ist der Background, vor dem wohl dann Jordí Savall zu denken ist, wobei ich seine enormen Leistungen in keiner Weise schmälern will, sondern nur zu bedenken gebe, dass er nicht aus dem luftleeren Raum erschienen ist. Aus anderen europäischen Ländern ist mir ein so frühes und so intensives Engagement für Alte Musik jedenfalls bis dato nicht bekannt.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • calisto schrieb:

      Sehr liebe ich eine Aufnahme mit Hesperion XX, La capella reial de catalunya, ebenfalls Jordi Savall: Alfonso X el Sabio, Cantigas de Santa Maria.
      Die Cantigas de Santa Maria waren schon im Mittelalter unglaublich verbreitet und sind es auch heute wieder: von den 'http://brassy.perso.neuf.fr/PartMed/Cantigas/CSMIDI.html'425 cantigas/ gibt es ca. 400 Einträge in der 'http://www.medieval.org/emfaq/cds/search.cgi?q=cantigas+santa+maria&all=y'Discographie/ von medievel.org.

      Für die mittelalterliche Überlieferung müßte man aber schon einen eigenen Thread aufmachen.

      lg vom eifelplatz, Chris.