Franco Zeffirelli - Die Opernarbeiten auf DVD

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    • Franco Zeffirelli - Die Opernarbeiten auf DVD

      Franco Zeffirelli, geb. 1923 in Florenz, ist als Regisseur ebenso populär wie vielgeschmäht. Seine prunkhaft monumentalen Inszenierungen, bei denen mitunter Hunderte von Statisten die üppig dekorierte Szenerie bevölkern, werden von Liebhabern opulent-kulinarischen Operngenusses begeistert gefeiert, während Anhänger modernen Regietheaters verächtlich über Kitsch im Breitwandformat spotten. Zeffirelli stellt selten Fragen an ein Stück, sucht nicht nach neuen Perspektiven, stilisierende oder abstrahierende Bühnenbilder wird man bei ihm nicht finden. In einer Art naivem Realismus will er die Zuschauer in die Welt der jeweiligen Oper hineinziehen, indem er die im Libretto skizzierten Schausplätze so detailgenau und aufwändig wie möglich nachbauen lässt und der Schaulust des Betrachters breiten Raum gibt. Zumeist ist Zeffirelli auch sein eigener Bühnenbildner, er konnte sich nach eigenem Bekunden lange nicht zwischen den Berufen des Bühnenbildners und Regisseurs entscheiden, und so machte er eben beides.

      Die Freundschaft mit Maria Callas in den 50er Jahren half ihm am Beginn seiner internationalen Karriere. Natürlich stellten für einen talentierten Regisseur dieses Kalibers die Met, die Scala und die Arena von Verona die idealen Wirkungsstätten dar. Hier wurde er mit offenen Armen aufgenommen, hier durfte er unbekümmert um finanzielle Einschränkungen seine kostspieligen Inszenierungsideen verwirklichen und konnte seine größten Publikumserfolge verbuchen.

      Neben dem üppigem Bühnendekor und dem Geschick im Dirigieren von Statistenscharen arbeitete Zeffirelli aber auch intensiv mit den Sängern, seien es Weltstars wie Placido Domingo oder Nebenrollen. Eine ausgefeilte und durchdachte Personenregie kann man ihm nicht absprechen, statisches Rampensingen hat er (im Gegensatz zu vielen seiner italienischen Kollegen) nie geduldet.

      Wie sein bewunderter Lehrmeister Luchino Visconti hat auch Zeffirelli zahlreiche Kinofilme gedreht, wobei er gerade im filmkünstlerischen Bereich hinter dem großen Vorbild hoffnungslos zurückblieb. Immerhin gelangen ihm in der hybriden Gattung des Opernfilms mit „La Boheme“ (1965) und „La Traviata“ (1982) zwei maßstabsetzende Inszenierungen.

      Auffällig ist, wie schmal sein Repertoire blieb.Über das italienische Fach ging er nur ganz selten hinaus, vielleicht mit Ausnahme der „Carmen“, und auch bei Verdi und Puccini beschränkte er sich auf die populärsten Werke. Seine Lieblingsopern „Traviata“, „Boheme“ und „Otello“ dürfte Zeffirelli im Lauf seines Lebens wohl je ein dutzendmal inszeniert haben. Bei dieser Unlust auf Neues und dem unverdrossenen Wiederaufzäumen immer derselben Bühnen-Schlachtrösser ist es kein Wunder, dass irgendwann jegliche künstlerische Inspiration versiegte und bloße Routine übrigblieb.

      Hier einige wichtige Zeffirelli-Inszenierungen auf DVD:

      Puccini, La Boheme (1965)
      Dir: Herbert von Karajan, Orchester der Mailänder Scala, mit Mirella Freni, Gianni Raimondi, Adriana Martino

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      Die im Filmstudio gedrehte Adaption der gefeierten Bühneninszenierung an der Scala ist in jeder Hinsicht ein großer Wurf und wurde für Jahrzehnte stilbildend. (Noch die jüngste Boheme-Verfilmung mit Netrebko und Villazon folgt ästhetisch getreulich Zeffirellis Spuren.) Ein echter Klassiker, erstaunlich wenig gealtert, mit vielen unvergesslichen Momenten. Vor allem das fahle, fröstelnd machende Schnee-Bild ist an Intensität unübertroffen. Zeffirelli zeigt sich hier einmal als Meister der leisen Töne. Die junge Mirella Freni als Mimi führte er zu einer bewegenden Leistung. Eine DVD, die man kennen muss, zumal auch Bild und Ton in hervorragend restaurierter Qualität vorliegen.


      Bizet, Carmen (1978)
      Dir.: Carlos Kleiber, Orchester der Wiener Staatsoper, mit Jelena Obraztsova, Placido Domingo, Jurij Mazurok

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      „500 Mitwirkende und acht Pferde“ - so der offizielle Werbespruch für diese Produktion, und genauso sieht's denn auch aus. Der berühmt-berüchtigte Zeffirelli-Touch ist hier schon zu voller Blüte gelangt: der Regisseur füllt die Riesenbühne der Wiener Staatsoper bis zum letzten Winkel mit farbenfroh kostümiertem Volk, Stierkämpfern, Zigeunern, Soldaten, Flamenco-Tänzern und ja, auch einigen Pferden. Bunt, knallig, und kein einziges Spanien-Klischee auslassend. Einzig das fulminante Dirigat von Carlos Kleiber, der auffällig oft im Bild ist, reißt die Aufführung aus dem Folkloresumpf und macht die Aufzeichnung zum historischen Denkmal für diesen unvergessenen Dirigenten, der sonst eher kamerascheu war.


      Puccini, La Boheme (1982)
      Dir.: James Levine, Orchester der Metropolitan Opera New York, mit Teresa Stratas, José Carreras, Renata Scotto

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      Die Met-Inszenierung erreicht nicht ganz die konzentrierte Eindringlichkeit der Filmversion von 1965, gehört aber dennoch zu Zeffirellis besten Arbeiten. Die „Boheme“ liegt ihm einfach, und nur das Café Momus-Bild gibt Gelegenheit zu Regie-Exzessen - hier lässt er die Volksmenge auf zwei Etagen toben. Mit Teresa Stratas und José Carreras (nicht zu vergessen Renata Scotto als Musetta) stand eine absolute Traumbesetzung zur Verfügung, aus der Zeffirelli darstellerisch das Letzte herausholt. Auch der nicht leicht zu inszenierende erste Akt in der Dachkammer der Bohemiens gelingt prächtig. Sehr empfehlenswert.


      Verdi, La Traviata (1982)
      Dir.: James Levine, Orchester der Metropolitan Opera New York, mit Teresa Stratas, Placido Domingo, Cornell MacNeil

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      Die zweite Zusammenarbeit innerhalb eines Jahres mit der Met, James Levine und Teresa Stratas wurde Zeffirellis Meisterstück und ein Höhepunkt des Genres Opernfilm überhaupt. Hier passt wirklich einmal alles zusammen. Die luxuriös-stilvolle Ausstattung wird nicht zum Selbstzweck, vielmehr vermittelt Zeffirelli durch raffinierte Kamerafahrten und wirkungsvolle Regieeinfälle eine beklemmende Atmosphäre von Melancholie, Dekadenz, Todesnähe. Näher als mit dieser „Traviata“ ist er seinem großen Vorbild Visconti nie gekommen. Und die Stratas ist eine phänomenale Violetta. Eine Sternstunde für alle Beteiligten.


      Puccini, Tosca (1985)
      Dir.: Giuseppe Sinopoli, Orchester der Metropolitan Opera New York, mit Hildegard Behrens, Placido Domingo, Cornell MacNeil

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      Wie bereits die „Boheme“ und die „Traviata“ wurde auch diese “Tosca“ vom New Yorker Publikum heiß geliebt und stand fast 25 Jahre in wechselnder Besetzung unverändert auf dem Spielplan der Met. Die Aufzeichnung zeigt beispielhaft die Problematik von Zeffirellis Inszenierungsstil: Der fast fotografische Realismus, mit der er etwa die Kirche Sant'Andrea della Valle auf der Bühne nachbauen lässt oder die subtile, Kerzenlicht suggerierende Beleuchtung im zweiten Akt sind von unleugbarer Faszination. Aber dann lässt er am Ende des ersten Aktes nicht enden wollende Scharen von interessant gewandeten Prozessionsteilnehmern in der Kirche auflaufen, so dass der arme Cornell MacNeil als Scarpia mit seiner großen „Te Deum“-Arie im allgemeinen Trubel völlig untergeht.
      Domingo als Cavaradossi ist sehr gut, an Hildegard Behrens und MacNeil scheiden sich die Geister. Die Personenregie wirkt seltsam uninspiriert, begnügt sich allzu oft mit konventionellster Operngestik.


      Verdi, Otello (1986)
      Dir: Lorin Maazel, Orchester der Mailänder Scala, mit Placido Domingo, Katia Nicchiarelli, Justino Diaz

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      Von vornherein als Kinofilm geplant und auch so ausgewertet, zielt diese Produktion sichtlich auf ein breites Publikum über den Kreis der Opernliebhaber hinaus. Das Budget reichte für einige Außenaufnahmen mit einem alten Küstenfort als imposanter Hauptkulisse. Ein „Otello“ als saftiger Action-Reißer, soweit das eben geht, wenn die Protagonisten immerfort singen müssen. Zeffirellis Einfall, bei einigen Arien den gesungenen Inhalt in eingefügten Rückblenden zu visualisieren, wirkt eher unbeholfen. An psychologischen Differenzierungen war offenbar niemandem gelegen. Placido Domingo stürmt energisch durch die Szenerie, darf unter seiner Mohren-Schminke wild mit den Augen rollen und üppiges Brusthaar zur Schau stellen. Justino Diaz als Jago ist ein eindrucksvoller Schurke, Katia Nicchiarelli bleibt sanft und blass. Um eine Laufzeit von zwei Stunden nicht zu überschreiten, wurden zahlreiche Kürzungen vorgenommen, andererseits zwei von Verdi verworfene Ballettszenen („Ballàbili“) wieder eingefügt. Insgesamt ein fragwürdiges Unternehmen, aber langweilig ist das Ganze nicht.


      Puccini, Turandot (1988)
      Dir.: James Levine, Orchester der Metropolitan Opera New York, mit Eva Marton, Placido Domingo, Leona Mitchell

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      Der absolute Gipfel- und/oder Tiefpunkt ist erreicht. The Greatest Show on Earth. Puccinis „Tosca“ als beinahe nebensächlicher Anlass für ein groteskes Phantasie-China-Spektakel mit bombastischen Kulissen, kuriosen Kostümen und den gewohnten Statistenheeren. Das wurde dann auch der amerikanischen Kritik zu viel. Die „New York Times“ brachte es in ihrer Premierenkritik süffisant auf den Punkt: „Irgendwo auf der Bühne wurde auch noch Oper gespielt. Aber das störte nicht weiter. All der darüber ausgegossene Glitter und Pomp sorgte dafür, dass die Musik einem unterhaltsamen Abend nicht weiter im Wege stand“. Zeffirellis totales Überwältigungs-theater frisst sich gleichsam selber auf.
    • Sehr interessanter Thread! Nur kurz, weil ich leider keine Zeit mehr habe. Mir sagt die "Traviata" auch am meisten zu. Ich würde sie aber gar nicht so sehr als realistisch ansprechen, sie hat etwas Makarthaftes, fast einen surrealen Beigeschmack. Bei der "Bohème" sind die Sänger in jeder Hinsicht traumhaft, aber das Bühnenbild hält aus meiner Sicht nicht das gleiche Qualitätsniveau.

      Liebe Grüße
      Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Lieber Local Hero!

      Das Problem an der Turandot ist weniger die Zeffirelli Inszenierung, da habe ich schon Chineserische Inszenierungen in Wien erlebt. Das Ärgste ist für mich der Kalaf von Placido Domingo, er stemmt wie er nur kann, und vor "Nessun dorma" ist der Rufer, dass keiner in der Nacht schlafen soll, ein bedeutend besserer Tenor und man würde sich wünschen, er würde auch gleich die bekannte Arie für Placido singen. Eva Marton ist auch eine in die Jahre gekommene Turandot, schließlich hat sie in Wien, 1983 - nicht in einer Zeffirelli Inszenierung, mit Carreras noch bedeutend besser gesungen, aber wie sagte schon Maria Callas "Turandot mordet die Prinzen und Turandot mordet die Soprane" [sie selbst sang diese Partie nur neunmal auf der Bühne]. Ich kenne nur eine einzige Prinzessin Turandot die es Jahrzehnte ausgehalten hat, diese Partie, perfekt, zu singen, das ist Birgit Nilsson.

      Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :wink: :wink:
    • oper337 schrieb:

      Das Problem an der Turandot ist weniger die Zeffirelli Inszenierung, da habe ich schon Chineserische Inszenierungen in Wien erlebt. Das Ärgste ist für mich der Kalaf von Placido Domingo, er stemmt wie er nur kann, und vor "Nessun dorma" ist der Rufer, dass keiner in der Nacht schlafen soll, ein bedeutend besserer Tenor und man würde sich wünschen, er würde auch gleich die bekannte Arie für Placido singen.
      Lieber Peter,

      meine Hauptenttäuschung an dieser "Turandot" war schon auch Placido Domingo, da ist es mir wie Dir gegangen. Allerdings ist diese Inszenierung, ich habe sie haargenau vor ein paar Jahren als Met-Übertragung im Kino gesehen, sogar für meinen Geschmack (ich mag es schon gerne prunkvoll) zu sehr überladen und lenkt schon fast vom Operngeschehen und vom Gesang ab.


      Liebe Grüße

      Kristin :wink: :wink: :wink:
      Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon der in München wohnt (Eugen Roth)
    • Wenn man die beiden "Bohèmes" vergleicht, dann hat Karajan sicher musikalisch die Nase vorne, aber als Gesamtkunstwerk vermag die New Yorker Version (Levine) mehr zu überzeugen. Zeffirelli gelingt hier eine nahtlose Verschmelzung von Verismo und ästhetisiertem Gefühlsausdruck, wofür er natürlich mit der Stratas und Carreras damals ideale Vertreter der Hauptfiguren zur Verfügung hatte (die selbstverständlöich auch sehr gut und vor allem im Sinn der Inszenierung hundertprozentig rollendeckend singen und jeglichesd Startum hintanstellen). Die von Beginn an schon als Todkranke gezeichnete Mimi ist eine sehr beklemmende und eindrucksvolle Interpretation, die auch demonstriert, wie Zeffirelli zwischen zarten Tönen und derbem Spaß doch ein weites Spektrum an Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Vom Bühnenbild her ist New York eindeutig überlegen. Die geschlossene Ensembleleistung - selbst die schon deutlich über ihren stimmlichen Höhepunkt hinaus gelangte Renata Scotto bleibt dank ihrer Ausdruckskunst ein Erlebnis - rundet das ab. Bei Karajan ist das vokal-akustische Erlebnis deutlich wichtiger als das optische.
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      Homo sum, ergo inscius.