Der deutsche Humor an und für sich

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    • Der deutsche Humor an und für sich

      ...ist immer anders, regional stark ausdifferenziert und manchmal gar nicht mehr wiederzuerkennen. Wir Deutschsprachigen haben international vielleicht ein wenig aufgeholt, doch ganz gewisse Kinderkrankheiten sind uns schwer aus den Knochen zu therapieren. Kein Kölner würde über einen Sachsen lachen, zumindest nicht, wenn er komisch sein will. Und erst die internationalen Verwicklungen, die entstehen, wenn Österreicher und Schweizer nicht die Konsequenz besitzen, sich einer eigenen Sprache dabei zu bedienen, sich über ihre nördlichen Nachbarn zu belustigen.

      Wir Deutschen und Deutschsprachigen haben viel zu viel damit zu tun, uns darüber zu entsetzen, worüber die Menschen im nächsten Landstrich sich amüsieren können, als daß wir unseren Humor verfeinern und international konkurrenzfähig machen wollten. Und wir besitzen geradezu einen sozialen Limes unter uns, welcher mitten durch die Bevölkerung läuft und bei dem jeder von uns mal auf dieser, mal auf jener Seite in der ersten Reihe zu sitzen und sich auf die Schenkel zu schlagen kommt.

      Wir Deutschen erkennen Humor auch oftmals gar nicht, wenn er uns begegnet. Wir rümpfen lieber erst einmal die Nase als uns zu fragen, ob der andere etwas in vollem Ernst gesagt hat. Wenn wir lachen müssen, sind wir stolz auf uns, daß wir über so einen erlesenen Geschmack und über die Fähigkeit verfügen, Humor feinsinnig zu goutieren. Wenn wir nicht lachen können, lasten wir dies anderen an und halten uns etwas darauf zugute, Humor stumpfsinnig zu guillotinieren.

      Wir Deutsche und Deutschsprachige lachen lieber über jemanden als mit ihm. Der deutsche Witz, wie er in Kneipen oder Fernsehzeitschriften tradiert wird, dürfte in der Weltgeschichte des Humors einen uneinholbaren Tiefpunkt darstellen. Unsere komplette Comedy ist, wie alle unsere Medienformate, geklaut, zumindest importiert. Und meistens eher zum Weinen als zum Lachen. Unser Kabarett hingegen ist ein Unikum, und zwar das aller deutschsprachigen Länder. Eines mit langer Tradition.

      Unsere Schlagfertigkeit hält sich für gewöhnlich in gewissen Grenzen, aber wenn man uns Zeit gibt, etwas ein wenig sorgfältiger auszuarbeiten, dann sind wir zu erstaunlichen Leistungen in der Lage. Und wenn auch nicht jeder von uns in der Lage sein dürfte, einen eigenständigen Zugang zum jeweils humorig Dargebotenen zu entwickeln, so sind wir Deutschen doch erziehbar. Sichtbarstes Beispiel für diese durchaus scharfsinnige kleine Notiz dürfte der Umstand sein, daß man selbst mit Menschen, denen es ansonsten an einfachstem Humorverständnisse gebricht, immer noch zu jeder Tages- und Nachtzeit Loriotsketche nachspielen kann.

      Man sieht, selbst wenn wir zusammen lachen, beäugen wir uns gegenseitig kritisch, und heikle Situationen entschärfen wir in Deutschland und Umgebung nicht mit entwaffnendem Humor, sondern mit Weltkriegen. Wir mühen uns auch redlich, bestimmte Bereiche des öffentlichen Zusammenlebens zu indizieren, über die man als anständiger Mensch nicht lachen darf. Anstand ist geradezu unser alternatives Humorverständnis.

      Oder wie seht Ihr das? Rede ich nur komisch daher? Ist alles gar ganz anders?

      Wer ist in Deutschland lustig und wer nicht? Und wer in Österreich oder der Schweiz?


      Alex :wink:

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Wertester,

      eine tolle Thread-Idee, die du da hast! Ich glaube, das Thema ist nahezu unerschöpflich, voller Facetten und - obwohl Humor doch eigentlich so einfach sein sollte - ziemlich komplex. Zu dieser fortgeschrittenen Stunde kann ich da nicht mehr viel zu sagen, möchte aber schon einmal trocken und humorlos meine Bereitschaft zu einer ernsthaften Diskussion signalisieren! :P

      Graf Wetter vom Strahl schrieb:

      Wir Deutschen und Deutschsprachigen haben viel zu viel damit zu tun, uns darüber zu entsetzen, worüber die Menschen im nächsten Landstrich sich amüsieren können, als daß wir unseren Humor verfeinern und international konkurrenzfähig machen wollten.
      Von wem redest du da? Wir waren schon föderal, als du und deinesgleichen sich Karl dem Großen und seinem Witzleitfaden angebiedert, die Leute in Achims Gegend mit Widukind am Lagerfeuer geprustet haben und wir Friesen zum Lachen in die Keller unserer Torfhütten gegangen sind. Was erwartest du also?

      Graf Wetter vom Strahl schrieb:

      Wir Deutsche und Deutschsprachige lachen lieber über jemanden als mit ihm.
      Sehe ich in der Tat genauso. Egal aus welcher Ecke des Heiligen römischen Reiches: Über sich selbst zu lachen als Grundbedingung guten Humors fiel und fällt allen Mitgliedern dieser putzigen Steißgeburt einer Nation leider sehr schwer. Ich kenne Witze und Lebensweisheiten aus dem jüdischen Leben oder aus der Unterdrückung der Sowjetunion. Da nehmen sich die Menschen so liebevoll selbst auf den Arm, dass man seinen eigenen gleich mit hinhalten möchte. Mit Sicherheit hat das auch mit der Selbst- und Fremdwahrnehmung und -bestimmung über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte zu tun.

      Graf Wetter vom Strahl schrieb:

      Anstand ist geradezu unser alternatives Humorverständnis.
      Ja, der große Bruch im 20. Jahrhundert: Konnte man laut Hannah Arendt keine Gedichte mehr schreiben, war's mit dem Lustigsein erst recht Essig. So langsam löst sich das aber auf, mit deutlicher Zeitverzögerung aber zum z.B. anglophonen Humor. Ich gebe dir zähneknirschend Recht, lieber Graf. So in etwa 90 Prozent an Quatschkram und Lachfutter beziehe ich aus England und den USA. Was wirklich schade ist, denn Humor dieser Güte, der etwas von meinem Land, von den Menschen hier und unseren originären Themen aufgreift, ist wirklich kaum sichtbar und fehlt mir sehr.

      Wie gesagt, nur ein Lebenszeichen in diesem Thread - später mehr
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Meine lieben Zwei!

      Ich kann über mich selber lachen und da entsteht dann Humor, die Wiener sind von Natur aus, seit 60 Jahren nicht mehr so humorbereit, das hat leider mit den 10 Jahren davor zu tun, wo der jüdische Humor und die Schreibart eines Thorberg, eines Altenberg verloren gegangen ist, und natürlich ist bei uns der Humor auch bei der "Tante Jolesch" importiert. Auch Ephraim Kishon war ja ein Ungar, aber Hugo Wiener hat mit seiner Familie Robitschek gezeigt dass der Humor der Monarchie nie ausgestorben war und ist. So ein Glück, woher habe ich denn meinen Humor bestimmt nicht aus Amerika, ich nehme mich gern auf die Schaufel und lache über mich und alles was es gibt und sei es nur ein verdrehter Gassennnamen, denn sowas kommt auch bei uns vor. Bei Opern aber besonders gern.

      Euer Peter aus dem kühlem Wien. :wink: :wink: :wink:
    • Graf Wetter vom Strahl schrieb:


      Und wenn auch nicht jeder von uns in der Lage sein dürfte, einen eigenständigen Zugang zum jeweils humorig Dargebotenen zu entwickeln, so sind wir Deutschen doch erziehbar. Sichtbarstes Beispiel für diese durchaus scharfsinnige kleine Notiz dürfte der Umstand sein, daß man selbst mit Menschen, denen es ansonsten an einfachstem Humorverständnisse gebricht, immer noch zu jeder Tages- und Nachtzeit Loriotsketche nachspielen kann.


      Das stimmt. Selbst die humorlosesten Leute, die ich kenne, verehren Loriot - es ist ja schon fast chic, über ihn in aristokratisch angehauchten Kreisen zu lachen. Allerdings ist dieses Lachen dann doch eher gekünstelt, denn, man lacht ja bei Loriot. Oft ist das genau die Art von Leuten, die Loriot auf die Schippe nimmt - die es aber nicht merken.

      Graf Wetter vom Strahl schrieb:

      Wir mühen uns auch redlich, bestimmte Bereiche des öffentlichen Zusammenlebens zu indizieren, über die man als anständiger Mensch nicht lachen darf. Anstand ist geradezu unser alternatives Humorverständnis.


      Das ist richtig. Parallel dazu entwickelt sich aber eine Art Konterwitzfraktion, besonders in meinem Alter, wo dann die extremst politisch unkorrekten Witze erzählt werden und man einfach unweigerlich drüber lachen muss. Das betrifft dann besonders die von dir angesprochenen Bereiche, die man nicht betreten darf. Im Privaten grinst man drüber, in der Öffentlichkeit bemüht man sich, Entrüstung zu zeigen.

      Graf Wetter vom Strahl schrieb:

      Wer ist in Deutschland lustig und wer nicht?

      Reich-Ranicki ganz sicher nicht. :D
      "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."

      Max Bruch (1838-1920)
    • Der deutsche Humor ist dann großartig, wenn er nicht lustig sein will. Das wurde mich klar, als ich merkte, wie sehr eine mir bekannte Person Loriot lustig fand. Besagte Person saß vor einem Loriot-Sketch und lachte darüber so, wie man über etwas lacht, das lustig ist. Und hielt sich wohl für tiefrgründig, weil sie überall Pointen entdeckte. Das war diese Art Lachen, mit dem man importierte Comedy belacht. Und mit einem solchen Lachen auf Loriot zu reagieren, kann nur aus einer völligen Unverständnis seiner Genialität herrühren.

      Also: Der deutsche Humor ist nicht lustig. Und das ist auch gut so. Witze mit Pointe fand ich schon immer doof...

      Beste Grüße,
      Falstaff
    • Archaeopteryx schrieb:

      Selbst die humorlosesten Leute, die ich kenne, verehren Loriot - es ist ja schon fast chic, über ihn in aristokratisch angehauchten Kreisen zu lachen. Allerdings ist dieses Lachen dann doch eher gekünstelt, denn, man lacht ja bei Loriot. Oft ist das genau die Art von Leuten, die Loriot auf die Schippe nimmt - die es aber nicht merken.

      Falstaff schrieb:

      Besagte Person saß vor einem Loriot-Sketch und lachte darüber so, wie man über etwas lacht, das lustig ist. Und hielt sich wohl für tiefrgründig, weil sie überall Pointen entdeckte. Das war diese Art Lachen, mit dem man importierte Comedy belacht. Und mit einem solchen Lachen auf Loriot zu reagieren, kann nur aus einer völligen Unverständnis seiner Genialität herrühren.
      Man könnte sich allerdings auch einen Loriot-Sketch vorstellen, in dem er Leute auf die Schippe nimmt, die Zensuren über anderer Leute Lachen verteilen.

      Viele Grüße,

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Hm... Also über den deutschen Humor zu schreiben und den österreichischen gewissermaßen darunter zu subsummieren, das hieße ja, über Seneca Tragicus zu schreiben und Sophokles dabei mitzumeinen... :thumbdown:

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Areios schrieb:

      Hm... Also über den deutschen Humor zu schreiben und den österreichischen gewissermaßen darunter zu subsummieren, das hieße ja, über Seneca Tragicus zu schreiben und Sophokles dabei mitzumeinen... :thumbdown:

      Liebe Grüße,
      Areios
      :D


      Wiener Humor und Pesther Humor haben da viel mehr gemeinsam... :yes:

      LG
      Tamás
      :wink:
      "Vor dem Essen, nach dem Essen,

      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato
    • ChKöhn schrieb:

      Man könnte sich allerdings auch einen Loriot-Sketch vorstellen, in dem er Leute auf die Schippe nimmt, die Zensuren über anderer Leute Lachen verteilen.
      Na klar! Der Deutsche neigt zum tiefgründeln. Und das sogar so sehr, dass er selbst in der Lieferung eines von Oma geschenkten Klaviers und der dadurch entstehenden sozialen Verpflichtungen ein metaphysisches Weltgeistwalten zu erkennen meint. Das Lachen zur richtigen Stelle ist eine Art Notbremse. Eine Notbremse, um nicht ins Tiefgründeln zu verfallen. Und zwar ist es die einzige Notbremse, die wir haben. Der deutsche Humor ist "Notbremsenhumor". Einen "Humor an sich" lassen wir als echte deutsche Idealisten natürlich gelten. Wir gestatten aber nicht, über ihn zu lachen. Denn dies würde der Humor-Antinomie zuwiderlaufen, um die wir unsere KrV-Ausgaben eigenhandschriftlich ergänzt haden.

      Falstaff
    • ralphb schrieb:

      Ist der Häufung philosophischer Anspielungen auch Wille und Vorstellung des deutschen Humors a priori oder eher eine Eigenart der rein capriziösen Vernunft?
      Humor ist es vielmehr, bei der einzigen von mir vollzogenen philosophischen Anspielung von einer "Häufung" zu sprechen (wenn ich Deinen letzten Beitrag als auf meinen antwortend interpretieren darf). Ich fühle mich geschmeichelt!


      Falstaff
    • Der "Humor an sich" ist für sich, aber der "Humor" in seinen vielfältigen Gegebenheitsweisen kann nicht für sich sein, sondern nur in uns und in seiner sozialen Komponente zwischen uns. Noch Fragen? Nein? OK, Thread geschlossen! Es ist so schön, endgültige Antworten geben zu können...

      Falstaff
    • Du bist sehr berechenbar, mein lieber Falstaff! ;+)

      Es ist mir egal, was du dazu sagst, ich finde ihn lustig!
      `Humorvoll´ ist ein langweiliges, sinnentleertes, politisch korrektes, sehr deutsches und sehr unlustiges Wort.
      Lustig ist lustig.

      juli
      "Eine Semmel enthält 140 Kalorien, 700 Semmeln pro Jahr ergeben 98000 Kalorien,
      diese benötigt man, um eigenhändig 1 Elefanten 9 Zentimeter weit zu tragen. Aber wozu?"
      (Loriot)
    • Mist, da bin ich in Julis Falle getappt! Bin ich denn im Park von Windsor? Aber: Humor ist, wenn man trotzdem lacht: :mlol: . Und jetzt singen wir alle zusammen den Schlusschor aus der Verdi-Oper, deren Name mir entfallen ist...

      Es wird Zeit für eine historio-soziologisch-semantische Untersuchung des Wortes "lustig", die ich aber wegen mangelnder Fachkenntnisse nicht liefern kann.

      Liebe Juli, lass uns das machen: :prost: . Oder das: :vv: . Je nachdem, was Deinem Geschmack mehr zusagt...

      Falstaff