Der Nominierungsthread zu Verfolgt, emigriert, ermordet...

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    • Wladyslaw Szpilman (1911 - 2000), polnischer Pianist, Komponist und Schriftsteller



      Geboren in Sosnowiec (Oberschlesien) als ältestes von vier Kindern einer jüdischen Familie, kam der Absolvent der Warschauer Chopin-Musikschule Anfang der 30er Jahre nach Berlin, wo er an der Akademie der Künste bei Artur Schnabel Klavier und bei Franz Schreker Komposition studierte. Nach der "Machtergreifung" zog er es vor, sein Studium in Warschau bei dem anerkannten Chopin-Experten Aleksander Michalowski fortzusetzen. Ab 1935 spielte er als fest angestellter Pianist im Polnischen Rundfunk. Dort war er auch in dem Moment mit Chopins cis-moll-Nocturne zu hören, als deutsche Truppen Warschau stürmten - die Sendung brach ab, als das Studio von einer Bombe getroffen wurde. Mit genau demselben Stück, auch von Szpilman gespielt, wurde der Sendebetrieb nach Kriegsende wieder eröffnet. In der dazwischen liegenden Zeit erlebte Szpilman Unsagbares. Seine Familie und er waren mit 445.000 anderen Juden im Warschauer Ghetto interniert. Während seine Geschwister und Eltern nach Treblinka gebracht und dort getötet wurden, sorgte ein polnischer Kollaborateur im letzten Moment für seinen Verbleib im Ghetto. Nachdem er Zeuge grauenvoller Ereignisse geworden war und wiederholt unter Lebensgefahr sein Versteck gewechselt hatte, konnte er im August 1944 unter abenteuerlichen Umständen aus dem Ghetto fliehen. Irgendwie schaffte er es, im Gewirr des vom Krieg schwer zerstörten Warschau regelrecht vor sich hin vegetierend, bis zur Befreiung durch die Sowjetarmee im Untergrund zu überleben. In den letzten Monaten erhielt er Unterstützung ausgerechnet durch einen deutschen Wehrmachtsoffizier. Gleich nach dem Krieg verarbeitete er seine Erlebnisse in einer Autobiografie, die jedoch - wohl auch aus politischen Gründen - lange Zeit nicht veröffentlicht wurde. In der Nachkriegszeit war Szpilman nicht nur einer der namhaftesten polnischen Konzertpianisten, sondern auch ein sehr erfolgreicher Komponist von Klaviermusik, symphonischen und konzertanten Werken, aber auch unterhaltsamer Schlagermelodien. Er war Gründer des Schlagerfestivals in Sopot. Der Regisseur Roman Polanski, einst selbst Bewohner des Warschauer Ghettos, las die 1999 nunmehr in England erschienene Autobiografie und verfilmte schließlich 2001 Szpilmans Erlebnisse von 1939 bis 1945 ("Der Pianist"). Den großen Erfolg dieses Films hat der 2000 im Alter von 88 Jahren verstorbene Szpilman nicht mehr erlebt.
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Piatigorsky, Gregor (1903 - 1976). Cellist.




      Der große Cellist Gregor Piatigorsky musste in seinem Leben gleich zweimal vor autoritären Regimen fliehen. Er wurde 1903 als Sohn einer jüdischen Familie in Jekaterinoslaw (heute Dnipropetrowsk, Ukraine) geboren und erhielt schon früh Cellounterricht, mit 8 konnte er als Stipendiat ein Studium am Moskauer Konservatorium beginnen. Als die sowjetischen Behörden ihm keinen Studienaufenthalt im Ausland erlauben wollen, flieht er 1921 unter abenteuerlichen Bedingungen über Polen nach Berlin. 1924 bis 1929 spielte Piatigorsky unter Furtwängler bei den Berliner Philharmonikern, um dann eine Karriere als Solist aufzunehmen. 1937 heiratete er Jacqueline de Rothschild, Tochter des berühmten Bankiers. Die Familie zog nach Frankreich und musste von dort nach der Besetzung durch Nazi-Deutschland fliehen. Sie lassen sich in den USA nieder, Piatigorsky erwirbt 1942 die amerikanische Staatsbürgerschaft.
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Gerhardt, Elena (1883 - 1961), Sängerin (Mezzosopran)



      Elena Gerhardt wurde am 11.11.1883 in Connewitz in der Nähe von Leipzig geboren. Bereits mit 16 Jahren kam sie an das Leipziger Konservatorium. Zusammen mit ihrem Entdecker und Förderer, dem Dirigenten Arthur Nikisch, gab sie 1903 in Leipzig ihren ersten Liederabend. Sie sang auch am Opernhaus, widmete sich im Folgenden jedoch in erster Linie dem Liedgesang und trug damit wesentlich dazu bei, das Kunstlied im Bewusstein des Publikums zu verankern. Sie war auch eine der wenigen Sängerinnen, die Schuberts Winterreise, welche damals eher männlichen Sängern vorbehalten war, als gesamten Zyklus im Repertoire hatte. Mit ihren Konzerten hatte sie auch international große Erfolge, vor allem in England, Spanien, Russland und den USA. Ihre Liedinterpretationen wurden besonders wegen ihrer feinen Nuancierungsfähigkeit bewundert.
      1932 heiratete sie Fritz Kohl, der Direktor beim Mitteldeutschen Rundfunk war, diese Stellung nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten jedoch verlor. Er wurde inhaftiert und kam erst 1935 wieder frei. Das Ehepaar emigrierte nach London, wo Elena wieder Konzerte gab und auch als Pädagogin tätig war; einer ihrer Schüler war der Tenor Peter Pears. Bis zum Alter von 70 Jahren stand sie auf dem Konzertpodium; 1953 erschien ihre Autobiographie mit dem Titel Recital. Elena Gerhardt starb am 11.1.1961 in London.
    • Tal, Josef (1910 – 2008 ) Komponist



      Der Komponist Josef Tal, der Sohn eines Rabbiners wurde am 18.09.1910 in Pinne geboren, hat ein umfangreiches Werkverzeichnis hinterlassen, in dem kaum ein Genre fehlt: Solostücke, Kammermusik, Chorwerke, Lieder, Opern und elektronische Musik gehören dazu, vor allem mit letzterer hat sich Tal auch als Dozent an der Universität in Jerusalem beschäftigt. Nach Studien in Berlin, u. a. bei Paul Hindemith, emigrierte Tal schon mit Mitte 20 nach Palästina, wo er schnell einer der angesehensten Komponisten des Landes wurde. Er unterrichtete an der Musikakademie in Jerusalem, wurde später auch der Leiter dieses Instituts und interessierte sich schon Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts mit der elektronischen Musik, namentlich mit dem Trautonium, einer Art Vorläufer des Synthesizer. Aber auch orientalische Musik interessierte Tal, immer wieder liess er entsprechende Klangmuster in seine Werke einfliessen. Tal, der vielfach für seine Arbeit ausgezeichnet wurde und auch Schriftstellerisch tätig war, starb fast 100-jährig am 25.08.2008 in Jerusalem.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Spoliansky, Mischa (1898 – 1985) Pianist und Komponist



      Am 28.12.1898 wurde Mischa Spoliansky in Bialystock geboren. Über Polen und Österreich kam die Familie nach dem frühen Tod der Mutter nach Dresden. Der musikalisch begabte Spoliansky erhielt Unterricht am Klavier, er lernte, wie sein Bruder, Cello und Geige und trat schon als Kind öffentlich auf. Auch der Vater von Mischa Spoliansky starb früh und Spoliansky lebte bis Kriegsbeginn 1914 bei Verwandten in Königsberg, floh dann aber zu seinem Bruder nach Berlin. Dort schlug sich Spoliansky als Kaffeehauspianist durch und setzte seine musikalischen Studien am „Stern´schen Konservatorium“ (später eingegliedert in die „Hochschule der Künste“) fort. Schon bald entdeckte Spoliansky das literarische Kabarett für sich und komponierte u. a. Musik auf Texte von Ringelnatz, Tucholsky oder Klabund. Bekannt wurde Spoliansky vor allem als Komponist von Filmmusiken oder Revuen, die zu ihrer Zeit sehr populär waren. Aber er begleitete auch Richard Tauber am Flügel, der 1927 zwölf Lieder aus der „Winterreise“ von Schubert für den Rundfunk aufnahm. 1933 emigrierte Spoliansky nach London und auch in seiner neuen Heimat wurde er schnell mit seinen Schlagern und Filmmusiken berühmt. Dort, in London, starb Spoliansky am 28.06.1985.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Schmidt, Joseph (1904-1942) Sänger (Tenor)

      Joseph Schmidt wurde am 4. März 1904 in Dawideny (heute Davideni in Rumänien) in der damals österreichischen Bukowina als Sohn deutschsprachiger orthodoxer Juden geboren. Schon als Kind trat er als Kantor in der Synagoge von Czernowitz auf, wohin die Familie übersiedelt war.



      Ab 1924 studierte Joseph Schmidt an der Königlichen Musikschule Berlin Gesang, sein Lehrer war Hermann Weißenborn. Seine geringe Körpergröße von 1,58m verhinderte eine Karriere als Opernsänger, nur einmal, 1939 in Brüssel, durfte er eine Rolle auch auf der Bühne verkörpern, nämlich den Rodolfo in Puccinis "La Bohéme", mit dem er auch erfolgreich auf Gastspielreise ging. Dabei sollte es jedoch bleiben. Umso häufiger erscholl Joseph Schmidts Stimme in Platten- , Rundfunk- und Filmstudios, zwischen 1929-1933 wurden in Berlin 38 Rundfunkopern mit ihm eingespielt.
      Nach dem Sieg des Nationalsozialismus in Deutschland wurde Joseph Schmidt der Zugang zum Funkhaus verwehrt. Er erlebte noch die umjubelte Premiere seines Films "Ein Lied geht um die Welt", bevor er seine Wahlheimat verlassen musste. Die Stationen seiner jahrelangen Flucht waren zunächst Wien, Palästina, New York, wo er am 7. März 1937 bei einem Konzert in der Carnegie Hall enthusiastisch gefeiert wurde, und dann wieder Wien. Nach dem Anschluss 1938 musste er auch aus Österreich flüchten, reiste nach Belgien und schließlich nach Frankreich, wo er 1940 als deutscher Jude in ein Internierungslager kam. 1942 konnte Joseph Schmidt entkommen und sich in die vermeintlich sichere Schweiz durchschlagen. Als Folge der Strapazen brach er in Zürich zusammen und wurde als illegaler Flüchtling in das Internierungslager Girenbad gebracht, bis ein positiver Bescheid seines Antrags auf Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis vorlag. Den sollte Joseph Schmidt nicht mehr erleben: Am 16. November 1942 starb er in Girenbad an Herzversagen, nachdem man dem schwer Erkrankten im Kantonsspital Zürich eine adäquate Behandlung verweigert hatte.
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)
    • Culp, Julia (1880 - 1970), Sängerin (Mezzosopran)



      Julia Culp wurde am 06.10.1880 in Groningen geboren. Sie stammte aus einer sehr musikalischen jüdischen Familie, begann mit 7 Jahren Violine zu spielen und hatte mit 11 Jahren ihren ersten öffentlichen Auftritt. 1896 kam sie an das Konservatorium von Amsterdam, wo sie bei Cornélie van Zanten Gesang studierte. Anschließend vollendete sie ihre Gesangsausbildung bei Etelka Gerster in Berlin und gab 1901 ihr erstes Konzert. Bald darauf trat sie in vielen Konzertsälen Europas und Amerikas auf und galt als eine der größten Interpretinnen von Kunstliedern.
      1905 heiratete sie Erich Mertens, einen persönlichen Attaché Kaiser Wilhelms II.; die Ehe wurde jedoch 1918 geschieden. Ein Jahr später schloss sie eine neue Ehe mit dem Wiener Industriellen Baron Wilhelm von Ginzkey und gab seitdem nur noch selten Konzerte. 1934 starb ihr Mann und sie sah angesichts des Aufstiegs der Nationalsozialisten in eine ungewisse Zukunft. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich floh sie 1938 zusammen mit ihrer Schwester in die Niederlande. Während der deutschen Besetzung der Niederlande mussten die beiden Schwestern sich versteckt halten; nach dem Ende des Krieges lebte Julia wieder in Amsterdam.
      Auf der Opernbühne ist sie nie aufgetreten; die große dramatische Geste war ihr fremd. Ihre Liedaufnahmen zeigen jedoch eine meisterhafte Atemkontrolle und Legatokunst, gepaart mit einer feinen Nuancierung und subtilen Behandlung von Wort und Ton. Julia Culp starb am 13.10.1970 in Amsterdam.
    • Hartmann, Karl Amadeus (1905-1963). Komponist



      Karl Amadeus Hartmann wurde am 2. August 1905 in München geboren. Er studierte Posaune und Klavier und nahm an der Kompositionsklasse von Joseph Haas teil an der Akademie für Tonkunst in München, jedoch brach er das Kompositionsstudium wegen der konservativen Haltung von Haas gegenüber der musikalischen Moderne bereits 1929 vorzeitig ab. Von Haus aus humanistischer und linksorientierter Hartmann gründete 1928 eine Konzertreihe, die von der Künstlervereinigung „die Juryfreien“ organisiert wurde. Dort führte er seine musikalischen Experimente durch. Ab 1931 nahm er Privatunterricht bei Hermann Scherchen, der Hartmanns Handwerk und Musiksprache unverkennbar beeinflusste.

      Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten war der Wendepunkt im Lebenslauf des jungen Komponisten Hartmann. Der nun als „entartet“ eingestufte Hartmann kam einem Aufführungsverbot seiner Werke zuvor, indem er selbst das Spielen seiner Werke in Deutschland untersagte. Hartmann blieb in Deutschland, wenn auch ohne Hoffnung auf eine Karriere als Komponist. In dieser Zeit entstanden Concerto funèbre (1939), ein viersätziges Violinkonzert, und die Oper Simplicius Simplicissimus. Die beiden Werke wiesen auffällig Parallelen zu Hartmanns eigener Zeit auf. In den Kriegsjahren entstanden Werke wie Sinfonia tragica, Sinfoniae dramaticae, Klagegesang. Schon die Titel sprechen für sich.

      In der veränderten politischen Situation nach Kriegsende erschienen Hartmann seine bis dahin entstandenen Arbeiten als zu konkret und zu eindeutig auf die Zustände während des Nationalsozialismus ausgerichtet. Er zog deshalb fast alle bisherigen sinfonischen Arbeiten zurück und begann sie umzuarbeiten. Sein Hauptinteresse galt nun der Gattung der Sinfonie.

      Als politisch unverdächtiger und zugleich angesehener Komponist wurde Karl Amadeus Hartmann nach dem zweiten Weltkrieg mit der Programmgestaltung der musica viva-Konzerte in München beauftragt. Er entwickelte diese Konzertreihe zu einem der wichtigsten und offensten Foren für zeitgenössische Musik der Nachkriegszeit.

      Karl Amadeus Hartmann starb am 5. Dezember 1963 in München.

      (Quelle: Martin Demmler, Komponisten des 20. Jahrhunderts, 1999, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart)
      Auch Rom wurde nicht an einem Tag niedergebrannt - Douglas Adams
    • Guttmann, Wilhelm (1886 – 1941). Sänger



      Der Bass-Bariton Wilhelm Guttmann wurde am 01. Januar 1886 in Berlin geboren. Nach seiner Ausbildung u. a. bei Tilly Wolff-Erlenmeyer begann er seine Karriere kurz vor dem 1. Weltkrieg als Konzertsänger. Von 1922 bis 1925 war er an der Berliner Volksoper (?), 1925 bis 1934 an der Städtischen Oper Berlin engagiert. Guttmann gastierte u. a. an der Staatsoper Berlin, der Krolloper Berlin sowie in Hamburg, Zagreb und Belgrad. Er wirkte 1928 an der Städtischen Oper Berlin in den Uraufführungen der Opern „Die Mondnacht“ von Julius Bittner und am 29. Oktober 1932 in „Der Schmied von Gent“ von Franz Schreker mit. Wilhelm Guttmann betätigte sich ab 1926 als Dozent an der Staatlichen Akademie für Kirchen- und Schulmusik in Berlin. Er wurde darüber hinaus durch seine Tätigkeit als Oratoriensänger insbesondere Bach und Händel bekannt. Wilhelm Guttmann musste 1934 seine Karriere aufgeben und sang von 1933 bis 1939 lediglich in Aufführungen für den „Jüdischen Kulturbund“ in Berlin. Während eines Verhörs im Februar 1941 durch die Gestapo erlitt er einen Herzinfarkt und verstarb.
    • Koussevitzky, Moshe (1893 – 1966). Sänger



      Der Tenor Moshe Koussevitzky wurde am 09. Juni 1893 in Smorgon in der Nähe von Wilna (Vilnius) geboren. Bevor er 1927 Kantor an der Synagoge in Warschau wurde, war er ab 1924 Kantor an der Synagoge in Wilna. Ab 1930 absolvierte Koussevitzky zahlreiche Gastauftritte u. a. in Paris, Wien, Budapest. 1938 sang er in der Carnegie Hall in New York, ging jedoch 1939 nach Polen zurück. Nach dem Überfall und der Besetzung Polens wurde er verhaftet und nach Treblinka deportiert, wo er von polnischen Widerstandskämpfern befreit wurde und nach Russland floh. Danach gab er während des 2. Weltkriegs viele Konzerte. Nach dem Krieg emigrierte er zuerst nach England, bevor er 1947 in die USA ging, wo er seine Sängerkarriere sehr erfolgreich fortsetzte. 1952 wurde er Synagogenkantor an der Beth El-Synagoge in New York. Moshe Koussevitzky gilt als einer der bedeutendsten Kantoren und Nachfolger von Gershon Sirota. 1966 ist er in New York gestorben. Sein Grab befindet sich in Jerusalem.
    • Sirota, Gershon-Itskhok (1873 oder 1877 – 1943). Sänger



      Der Tenor Gershon Sirota galt als der „jüdische Caruso“, obwohl er sich der Opernbühne verweigerte. Er war Kantor in Odessa und Wilna bevor er Oberkantor in Warschau wurde. Sirota hatte als Sänger zahlreiche weltweite überaus erfolgreiche Gastauftritte, u. a. am russischen Zarenhof und in der Carnegie Hall in New York. Er war einer der ersten Kantoren, der Aufnahmen von seinem Gesang machen ließ. Die Möglichkeiten der Emigration nutzte Sirota nicht, er blieb bei seiner Familie in Warschau. Im Zuge des Warschauer-Ghettoaufstands vom Frühjahr 1943 ist Gershon Sirota ums Leben gekommen.
    • Horenstein, Jascha (1898 – 1973). Dirigent



      Jascha Horenstein wurde am 6. Mai 1898 in Kiew geboren. Die Familie übersiedelte 1905 nach Königsberg, 1911 nach Wien. Nach seiner Ausbildung u. a. bei Adolf Busch (Geige), Joseph Marx und Franz Schreker debütierte Horenstein als Dirigent 1922 in Wien. Einer seiner Förderer wurde Wilhelm Furtwängler, der ihm in den 1920er Jahren Gastdirigate mit den Berliner Philharmonikern zugestand. 1929 wurde „der Dämon unter den Routinierten“ (Th. W. Adorno) Musikdirektor an der Oper in Düsseldorf. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ging er zuerst nach Paris, dann nach Australien. 1941 emigrierte er in die USA, wo er eine Lehrtätigkeit annahm. Sein unnachgiebiger, kompromissloser Charakter verbunden mit seinen Präzisionsvorstellungen bei der musikalischen Interpretation machte ihn bei sehr vielen Orchestern höchst unbeliebt, so dass er meist zweitklassige Orchester leiten musste. Horenstein hatte ein sehr breites Repertoire, zeichnete sich aber besonders durch seine Bruckner- und Mahler-Interpretationen aus. Jascha Horenstein starb am 2. April 1973 in London. Auf dem Sterbebett soll er gesagt haben, „was ich am Sterben am meisten bedauere, ist, dass ich nie wieder ‚Das Lied von der Erde’ hören kann.“
    • Hilde Güden - Koloratur -und lyrischer Sopran, 1917 - 1988.

      Hilde Güden, geboren am 15.9.1917 als Hulda Geiringer in Wien.



      Geschützt durch Clemens Krauss konnte, die gebürtige Jüdin, noch außer in Zürich, auch an der Wiener Staatsoper singen.

      Jedoch 1942 wurde für sie die politsche Lage in Österreich, der damaligen Ostmark, und Deutschland, doch zu prekär und sie verließ Deutschland in Richtung Rom und Florenz. Sie fühlte sich durch Clemens Krauss auch nicht mehr geschützt.

      Hilde Güden kam 1946 nach Wien zurück um bis 1973 Mitglied der WStO zu bleiben.

      Diese charmante Sängerin konnte sich durch Flucht retten, zwar auch in ein faschistisches Land, wo Mussolini zwar regierte, der aber eine Faible für Opern hatte.

      1946 -1973 war sie auch Mitglied der MET in New York.

      Hilde Güden verstarb, von ihrer Familie in Stich gelassen und schwer erkrankt, am 17.9.1988 in Klosterneuburg bei Wien.
    • Cerini, Hermann (1886 – 1944). Dirigent, Pianist, Organist



      Hermann Cerini wurde am 26. Januar 1886 als Hermann Steifmann in Zagórów (Polen) als Sohn des Tenors und Kantors Selmar Steifmann bzw. Cerini geboren. Nach seiner Ausbildung in Breslau machte er zunächst eine kaufmännische Ausbildung. Seit 1907 war er als Theaterkapellmeister tätig. Seine Stationen waren Hamburg, Paderborn, Lüdenscheidt, Essen, Luzern, Danzig und Kattowitz. Nach einer künstlerischen Pause zwischen 1920 und 1925 mit Wohnsitz Leipzig ging er wieder nach Hamburg, um als Kapellmeister für den Rundfunk zu arbeiten. Nach einer weiteren unsteten Lebensphase war Cerini wieder als Kapellmeister, Liedbegleiter (z. B. für Ilse Pola und Wilhelm Guttmann) und Organist in Hamburg tätig, so von 1933 bis 1939 als Kapellmeister des ersten jüdischen Orchesters in Hamburg sowie als Kapellmeister für den Jüdischen Kulturbund Hamburgs. Seit Sommer 1938 versuchte Cerini mit seiner Frau und den beiden Söhnen auszuwandern, jedoch erhielt seine zum jüdischen Glauben konvertierte Frau keine Erlaubnis. Nach der Verhaftung im Sommer 1939 wegen „Rassenschande“ folgte ein Martyrium: Untersuchungshaft, Schutzhaft, Zuchthaus, wieder Schutzhaft, Deportation nach Theresienstadt, Deportation nach Auschwitz, Ermordung. - Seine Frau und Kinder überlebten.
    • Nadolovitch, Jean (1875 – 1966). Sänger, Gesangspädagoge, Arzt



      Der Tenor Jean Nadolovitch wurde am 06. September 1875 in Zvoristéa (Rumänien) als Josef Nadelsohn geboren. Nach einem internationalen Studium der Medizin arbeitete er zunächst als Arzt in verschiedenen deutschen Kliniken und in Wien. Parallel ließ er seine Stimme von bekannten Stimmlehrern u. a. Joseph Gänsbacher schulen. 1904 erfolgte sein Debüt an der Grazer Bühne in der Rolle des Faust in Gounods gleichnamiger Oper. Es folgten Auftritte an den Bühnen der Städte: Wien, Klagenfurt und Belgrad, bevor er 1905 an die neu gegründete Komische Oper Berlin (hier: alte Komische Oper) als erster lyrischer Tenor engagiert wurde. In der Eröffnungsvorstellung der Komischen Oper sang er die Titelrolle in Offenbachs Oper „Les Contes d’Hoffmann“ bzw. „Hoffmanns Erzählungen“. Ab 1911 gab er europaweit Gastspiele, so z. B. in Prag, London und Wien. Danach praktizierte er wieder als Arzt und gründete 1911 sein Institut für Stimmphysiologie. Daneben war er als Stummfilmschauspieler tätig (u. a. 1922/1923 in „Paganini“ von Heinz Goldberg). 1935 schlossen die Nationalsozialisten sein Institut. Während des 2. Weltkriegs wurde er nach Theresienstadt deportiert. Jean Nadolovitch überlebte das Konzentrationslager und betätigte sich nach dem Krieg wieder als Pädagoge. Er starb am 22. September 1966 in Berlin.
    • Rothauser, Therese (1865 – 1943). Sängerin, Gesangspädagogin



      Die Altistin (andere Quellen geben 'Mezzosopranistin' an) Therese Rothauser wurde am 10. Juni 1865 in Budapest geboren. Nach ihrer Gesangsausbildung bei Emmerich Bellovicz und Gustav Schmidt begann sie als Konzert- und Oratoriensängerin. 1887 engagierte sie die Oper Leipzig; sie debütierte in der Oper „Die Loreley“ von Max Bruch. 25 Jahre, von 1889 bis 1914, war sie Ensemblemitglied der Berliner Hofoper. Gastauftritte hatte sie u. a. an den Opern: Dresden, Leipzig, Weimar und Budapest. Besonders geschätzt waren ihren Darbietungen in Opern Mozarts als Dorabella, Donna Elvira (!) und Cherubino, aber auch als Carmen oder Amneris („ Aida“). Bei folgenden Uraufführungen - alle in Berlin - wirkte sie mit: Weingartners „Genesius“, Kienzls „Don Quixote“, Lebornes „Mudarra“, d’Alberts „Kain“ und Nevins „Poia“, dazu in der Uraufführung von Webers „Die drei Pintos“ in Leipzig (Neu-Bearbeitung des Fragments durch G. Mahler). Nach ihrer Gesangskarriere arbeitete sie als Gesangspädagogin. Im Alter von 78 Jahren wurde Therese Rothauser am 21. August 1942 nach Theresienstadt deportiert. Als man sie abholte, ließ sie die Gestapo-Schergen warten, um sich noch von ihrem Flügel zu verabschieden, unter dem Bild Kaiser Wilhelm II. sang sie "Teure Heimat, lebe wohl". Im April 1943 ist sie in Theresienstadt umgekommen (andere Quellen geben Auschwitz 1942 an).


      Nur intern: "Teure Heimat, lebe wohl": Vermutlich sang Therese Rothauser das deutsche Volkslied, nicht eine übersetzte Passage aus "Nabucco".
    • Fall, Richard (1882 – 1945). Komponist, Dirigent



      Richard Fall entstammte einer Musikerfamilie, der Vater ist der Operettenkomponist Moritz Fall und wurde am 03. April 1882 in Gewitsch/Jevíčko (Mähren/Tschechien) geboren. Seine Brüder sind die Komponisten Richard und Leo (gest. 16.09.1929) Fall. Nach der Ausbildung war er ab ca. 1908 Operettenkapellmeister, zunächst in Berlin, dann in Wien. 1916 wurde er erster Kapellmeister am Apollotheater in Wien. Er komponierte 13 Operetten, Singspiele und Revuen, darunter: „Die Dame von Welt“ (1917), „Großstadtmärchen“ (1920) und „Hallo! Herr Grünbaum“ (1927). Von 1930 bis 1932 war er Filmkomponist in Hollywood („Liliom“, „East Lynne“, „Merely Mary Ann“), kehrte danach in gleicher Tätigkeit nach Deutschland zurück („Sehnsucht 202“, „Une jeune fille et un million“). Größeren Bekanntheitsgrad erhielt er durch seine Schlager: „Was machst Du mit dem Knie, lieber Hans“ (1925) und „Wo sind Deine Haare, August“ (1926). 1938 emigrierte er über Frankreich in die USA. Warum er 1943 nach Frankreich zurückkehrte ist unbekannt. Am 17. Nov. 1943 wurde er in Nizza verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo er vermutlich Anfang 1945 ermordet wurde.


      Nur intern: Vielleicht ging er nach Europa zurück, weil er versuchte seinen Bruder zu retten?
    • Fall, Siegfried (1877 – 1943). Komponist, Pianist



      Siegfried Fall entstammte einer Musikerfamilie, der Vater ist der Operettenkomponist Moritz Fall und wurde am 10. November 1877 in Olmütz/Olomouc (Mähren/Tschechien) geboren. Seine Brüder sind die Komponisten Richard und Leo (gest. 16.09.1929) Fall. Nach seiner musikalischen Ausbildung beim Vater, Heinrich von Herzogenberg und Max Bruch arbeitete er als freischaffender nicht allzu erfolgreicher Komponist. Für sein Klaviertrio op. 4 erhielt den Mendelssohn-Preis. Verlegt wurden darüber hinaus lediglich zwei Liederzyklen und die Streichquartette op. 9. Eine Zeit lang war er Korrepetitor an der Berliner Staatsoper. Über sein Ableben gibt es unterschiedlichen Versionen: Eine Version sieht die Deportation nach Theresienstadt im Januar 1943 und die Ermordung am 10. April 1943. Die andere Version gibt die Emigration nach Frankreich mit anschließender missglückter Flucht in die Schweiz an, der sich die Verhaftung und Ermordung im Konzentrationslager anschloss.
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      Kurt Huber (1893 - 1943) Psychologe, Musikwissenschaftler, Volksliedforscher und Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose.

      Der gebürtige Schweizer war seit 1926 außerordentlicher Professor an der Münchner Universität. Die Berufung auf einen ordentlichen Lehrstuhl wurde seit 1933 durch die nationalsozialistische Hochschulpolitik verhindert, da „Hubers Bindungen zum Katholizismus und sogar eine ausgesprochen parteifeindliche Haltung [...] eindeutig erwiesen“ seien. Nach einer Beurteilung vom 18. Januar 1940 durch das NSDAP-Gauamt München galt Huber dann zwar weiterhin als „bedenklich“, aber nicht ablehnenswert. Daraufhin stellte Huber, der inzwischen eine Familie gegründet hatte, am 15. Februar 1940 einen Antrag auf die Mitgliedschaft in der NSDAP und wurde am 1. April 1940 als Parteimitglied registriert. Nach seiner Verhaftung Ende Februar 1943 wurde er aus der Partei ausgestoßen. Sein ganz besonderes Interesse galt der Volksliedforschung. Dabei vertrat er die These von der Gleichwertigkeit aller Menschen, wie sie Gottfried Herder in den »Stimmen der Völker« entwickelt hatte, stand damit also im Gegensatz zur nationalsozialistischen Rassenlehre. Kurt Huber gewann zunehmend Anerkennung in der wissenschaftlichen Welt. So erfolgte im Jahr 1937 ein Ruf nach Berlin, wo er das Volksmusikarchiv aufbaute. Die Lesungserlaubnis indessen wurde ihm verwehrt, da er sich weigerte, für den NS-Studentenbund Kampflieder zu komponieren. Daraufhin kehrte er nach München zurück. Im Dezember 1942 suchten Hans Scholl und Alexander Schmorell den Kontakt zu Professor Kurt Huber. Gemeinsam verfassten sie im Januar 1943 das fünfte Flugblatt „Aufruf an alle Deutschen!“ der „Weißen Rose“, einer Münchener Widerstandsgruppe, die im Sommer 1942 gegründet worden war. Das sechste Flugblatt wurde von Kurt Huber allein verfasst, aber von Hans Scholl und Alexander Schmorell redigiert. Die Verbreitung dieses Flugblattes wurde der Gruppe zum Verhängnis, denn sie wurden entdeckt. Es folgten Verhaftungen und Hinrichtungen. Kurt Huber wurde am 13. Juli 1943 im Gefängnis München-Stadelheim enthauptet.
    • Lasker-Wallfisch, Anita (*1925). Cellistin.
      ***

      Anita Lasker-Wallfisch wurde am 17. Juli 1925 in Breslau (Wroclaw) geboren. Ihr Vater war der jüdische Rechtsanwalt Alfons Lasker. Sie wuchs in einer musikbegeisterten Familie auf und erhielt früh Cellounterricht. Auch ihre beiden Schwestern musizierten. In Berlin erhielt Anita Privatunterricht bei Leo Rostal. Im November 1938 kehrte Anita nach Breslau zurück. Die Versuche der Familie, auszuwandern, schlugen fehl, einzig der ältesten Schwester Marianne gelang die Flucht nach England. 1942 wurden die Eltern deportiert. Nach einem misslungenen Fluchtversuch kam Anita im Dezember 1943 nach Auschwitz, ihre Schwester Renate folgte kurze Zeit später.
      In Auschwitz-Birkenau hatte die Geigerin Alma Rosé ein Frauenorchester aufgebaut, das dringend nach ausgebildeten Musikerinnen suchte, denn viele Mitglieder des Orchesters beherrschten die Instrumente nur mangelhaft, waren aber aufgenommen worden, um ihr Leben zu retten. Anita wurde zur Cellistin des Orchsters.
      Im November 1944 wurden Anita und Renate mit anderen Mitgliedern des Frauen-Orchesters nach Bergen-Belsen gebracht, wo sie am 15. April 1945 die Befreiung durch die alliierten Truppen erlebten. Die nächsten Monate mussten die Schwestern in einem Camps für Displaced Persons verbringen. 1945 sagte Anita Lasker-Wallfisch als Zeugin im Bergen-Belsen-Prozess aus. Erst 1946 konnten sie und ihre Schwester nach England ausreisen. England wurde Anita bald zur neuen Heimat, sie wurde 1949 eine der Gründerinnen des English Chamber Orchestra und heiratete den aus Breslau stammenden Pianisten Hans Peter Wallfisch.
      1996 erschien ihr Buch "Inherit the Truth" ("Ihr sollt die Wahrheit erben"), in dem sie von den schrecklichen Jahren 1939-1945 erzählt. Obwohl sie sich geschworen hatte, nie mehr nach Deutschland zurückzukehren, ist Anita Lasker-Wallfisch als Zeitzeugin mit Lesungen und Gesprächen seit den 1990er Jahre in vielen deutschen Schulen aufgetreten.
      Link (in Englisch): hmd.org.uk/files/1152102415-2.pdf
      One word is sufficient. But if one cannot find it?
      Virginia Woolf, Jacob's Room