Dvořák: "Rusalka" - Komische Oper Berlin, 20.02.2011

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    • Dvořák: "Rusalka" - Komische Oper Berlin, 20.02.2011

      Nach den Neuproduktionen der Dvorak-Oper „Rusalka“ von Stefan Herheim für die Städte Brüssel, Graz und Dresden und von Martin Kusej für München gibt es nun auch in Berlin eine neue „Rusalka“ zu erleben: die „Komische Oper“ zeigt das 1901 uraufgeführte Werk in einer Inszenierung von Barrie Kosky, die musikalische Leitung liegt in den Händen des Chefdirigenten des Hauses, Patrick Lange.

      Bühnenbildner Klaus Grünberg (die Kostüme stammen von Klaus Bruns) hat für diese Inszenierung einen immer offenen Einheitsbühnenraum geschaffen, der die Proszeniumsumrandung der „Komischen Oper“ auf der Bühne fortsetzt, im Hintergrund eine Tür, sie ist (fast) die einzige Möglichkeit, den Raum zu betreten oder zu verlassen, selbst die Proszeniumslogen sind komplett abgedeckt, rechts gibt es eine steinerne Bank und unter dieser Bank befindet es noch eine Öffnung in eine Art Traumwelt.

      Dieser ganze weisse Raum ist stark nach vorne gezogen und verkürzt die Bühne erheblich. Wir befinden uns also in einem Theater, wobei diese Ortsbeschreibung nicht zu wörtlich genommen werden sollte. Die Kostüme zitieren die Uraufführungszeit und das strenge schwarz, das vorherrscht, passt vielleicht tatsächlich gut zu einem Schauspiel von Tschechow (wie es der Regisseur im Programmheft andeutet).

      Da stürzen sie auch schon herein, drei Schwestern, die mit Fischen und einer Angel hantieren, die mitunter nicht sehr liebevoll miteinander umgehen, sexuelle Gewalt schwingt da mit, und auch der dazukommende ältere Mann (ein Onkel, der Vater?) wird von den drei Mädchen recht eindeutig bedrängt, wobei die drei Mädchen sich über den Alten dann auch noch lustig machen.

      Unter der Bank und zwischen den Beinen des alten Mannes hindurch wird eine junge Frau sichtbar, die über den Boden kriecht. Ab der Hüfte steckt die Frau in einem Fischschwanz, Rusalka wird also tatsächlich als Nixe gezeigt, die eine Verwandlung durchmachen wird.

      Für die ist Jezibaba zuständig, aber auf den Ruf nach dieser Hexe erscheint in der Tür erst mal der schwachsinnige Sohn der Jezibaba, der seiner Mutter assistieren wird. Jezibaba selbst hat bei ihrem Auftritt einen schwarzen Kater auf dem Arm und irgendwie ahnt man schon, dass dieses Tier den ersten Akt nicht überleben wird. Es wird viel mit Messern und Beilen hantiert und auf einem Tisch wird Jezibaba mit einem Messer das Knochengerüst, also die Gräten, aus Rusalka herausziehen und den Fischschwanz wegschneiden. Eigentlich verliert Rusalka hier ihre Identität und die Sprache büsst sie ein, nachdem der Kater geschlachtet und Rusalka dessen Blut mittels eines Trichters eingeflösst wird.

      Rusalka lernt langsam gehen, eine für sie ungewohnte Bewegungsform.

      Weit weg, vom Rang des Zuschauerraumes aus, singt der alte Wassermann seine Klagen. Aus dem Off tönt die Stimme des Jägers herein und hinter der Bühne hört man Schüsse. Herein kommt im Frack und mit blutigen Händen der Prinz. Der ist von Rusalka zunächst so fasziniert, dass er ihr Handicap nicht wahrnimmt. Ganz der Jäger packt er seine Neueroberung in ein weisses Kleid.

      Makaber die Szene in der Küche, da werden Fische entgrätet, Aalen wird der Kopf abgeschlagen, Hummer werden ins heisse Wasser geschmissen. Rusalka scheint körperlich unter diesen Tätigkeiten zu leiden, die von einem einarmigen Koch und seiner Küchenhilfe ausgeübt werden, die beide recht martialisch lange Messer an der Kochkleidung tragen.

      Auch im zweiten Akt bleibt alles auf die Hauptpersonen konzentriert. Kein Ballett tritt auf, der Chor singt aus dem Wandelgängen der Ränge herunter, für die Zuschauer/innen unsichtbar.

      Die fremde Fürstin, glänzender Schmuck, asiatisches Kleid, stark geschminkt, dazu Netzstrümpfe und Strumpfhalter, ist sicher ein ganz anderes Kaliber, als das stumme Mädchen Rusalka, die in ihrem Festkleid zwar schön, aber bieder wirkt. Anrührend, wie der Prinz mit Rusalka zu tanzen versucht, aber diese sich schwer tut, wo sie doch gerade erst das Laufen gelernt hat. Voller Verzweiflung bietet sich Rusalka dem Prinzen an, als sie merkt, dass sie den Mann an die fremde Fürstin verlieren wird, drängt sie ihn zwischen ihre Beine, aber der Prinz fühlt sich von der emotionalen Kälte der Rusalka abgestossen.

      Der dritte Akt gerät zum Totentanz. Die Personen der Handlung treten ganz in schwarze Kleider gehüllt auf (auch die Männer), einige tragen beeindruckende Totenkopfmasken oder Skelettteile an den Kleidern.

      Unter der Bank kriechen Nixen mit Totenkopfmasken heraus, die Fischschwänze sind nur noch als Gräten erkennbar. Ruslka, mit breit gespreizten Beinen, gebiert diese albtraumhaften Figuren.

      Auch Rusalka wird im dritten Akt ein weiteres Mal entgrätet, ein weiteres Mal verändert sie ihre Identität. Sie benötigt nicht das Fleischerbeil, dass ihr Jezibaba zustecken wollte, um den Prinzen zu töten, das tut sie mit einem Kuss.

      Es sind oft die kleinen Gesten, die diesen Abend bestimmen, z. B., wenn Rusalka ganz wörtlich die Menschen in ihrer Umgebung zu begreifen versucht, die Hände flirren dabei wie kleine Tiere, oder wenn Rusalka mit einer der Todesfiguren am Ende Hand in Hand steht und mit den Armen schlenkert. Auch das Bild der Rusalka, wie sie zuerst vom Wassermann an der Angel geführt wird und Rusalka sich ganz am Ende selbst an die Angel des toten Prinzen begibt, gehört in diese Kategorie von durchaus beeindruckenden Bildern.

      Kosky inszeniert ein düsteres Drama, das immer ganz leicht uneindeutig bleibt. Ist es eine Familie, die man da sieht? Oder doch auch eine Geschichte vom Erwachsenwerden einer jungen Frau, eine Geschichte über Männerfantasien? Oder vielleicht von allem etwas?

      Auf jeden Fall gelingt Kosky eine sehenswerte Inszenierung, die nur manchmal spüren lässt, dass die Beschränkung der Bühne auch ihre Tücken hat.

      Patrick Lange dirigiert diesen Dvorak mit grossem Engagement, er lässt sich mitunter Zeit für die Entwicklung der Musik, bleibt genau im Detail, er setzt präzise Akzente bei den Tutti-Stellen, ausgewogen ist die Behandlung der Tempi. Dem Orchester scheint der Wechsel am Chefpult des Hauses gut getan zu haben, viele Passagen werden klangschön präsentiert, einzelne Nervositäten fallen nicht ins Gewicht.

      Wie wird man der Leistung der Titelrolleninterpretin Ina Kringelborn gerecht? Die Sängerin ist den ganzen Abend über mit nie nachlassender, darstellerischer Intensität auf der Bühne, da sitzt jeder Blick und jede Handbewegung. Aber gesanglich ist vor allem der erste und dritte Akt nicht ideal, die Stimme ist spröde, manchmal ungenau, in der Höhe nicht immer klangschön und nicht hinreichend durchschlagskräftig.

      Für den Prinzen setzt Timothy Richards seinen kompakten, etwas eindimensionalen Tenor ein, Agnes Zwierko als Jezibaba zeigt einen harten, voluminösen Alt bei fast gänzlicher Wortunverständlichkeit (deutsche Einrichtung des Textes von Bettina Bartz und Werner Hintze), Ursula Hesse von den Steinen führt ihren Mezzosopran als fremde Fürstin an Grenzen und Dimitry Ivashchenko gibt dem Wassermann warme, auch ausladende und runde Basstöne mit.

      Viel Applaus für diese Neuproduktion in Berlin, in die sich nur ganz am Ende noch ein oder zwei hilflose Buhrufe gegen Barrie Kosky mischten, die allerdings vom zustimmenden Beifall überdeckt wurden.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Wiederaufnahme am 05.11.2011

      Nachdem ich bisher nur die Generalprobe gesehen hatte, war ich von der zweiten Aufführung nach Wiederaufnahme am 05.11.2011 sehr angetan: Eine richtig runde Sache, szenisch wie musikalisch, wenngleich nicht durchgängig bei den Sängern. Am meisten beeindruckt mich das Orchester unter Patrick Lange: Klangschön, mächtig in den großen Ausbrüchen, aber auch fein differenzierend in der Sängerbegleitung. Trotz des großen Apparates klingt es immer transparent, und kein Sänger muss fürchten, von den Orchesterwogen erschlagen zu werden: Toll!!!

      Was die Szene betrifft, stimme ich den Beobachtungen von Alviano durchgängig zu: Hier wird mit einfachen aber teilweise faszinierenden Mitteln (Beleuchtung!) eine traurige Liebesgeschichte, ein düsteres Märchen erzählt, mit viel Raum für eigene Assoziationen und Gedanken; die Personenführung ist durchgängig schlüssig und intensiv.

      Leichter als Alviano tu ich mich mit der Beurteilung von Ina Kringelborn als Rusalka: Schon vor der Pause spricht der runder und leuchtender gewordene Sopran in allen Lagen gut an, wenngleich sie im Mondlied noch sehr "gradlinig" singt, nicht so viel riskiert. Großartig gelingt ihr dann - gemeinsam mit dem Orchester unter Lange und dem Frauenchor auis dem Off - der gesamte dritte Akt - ein faszinierender Totentanz und ein wirklich anrührender "Liebestod" - das wirkt lange nach.

      Der zweite sängerische Höhepunkt dauert kaum eine Minute und tönt im ersten Akt aus dem Rang: Matthias Siddharta Otto (aus dem Opernstudio) singt die kurzen Phrasen des Jägers mit perfekter Artikulation und extra schöner Stimme - man hält den Atem an. Ein Tenor, von dem zumindest im lyrischen Bereich oder im Liedbereich noch viel zu erwarten sein dürfte! Die anderen halten nicht ganz mit, abgesehen von Jens Larsen, der dem Wassermann weniger balsamischen Wohllaut mitgibt, aber dafür die düsteren, bedrohlichen Seiten der Rolle stärker akzentuiert und intensive Wirkung erzielt. Jeffrey Dowd (Prinz) erreicht vor allem im dritten Akt seine Partnerin in puncto Klangschönheit und Präzision im Ausdruck nicht.

      Allerdings beeinträchtigen diese sängerischen Schwächen die Wirkung des Abends nur unwesentlich, weil der große Bogen stimmt - und das ist, nochmal betont, vor allem das Verdienst von Patrick Lange und dem Orchester!