Mahler: Sinfonie Nr. 3 d-Moll

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    • Nach dem Wieder-Hören mit Tennstedt läßt mich doch die Frage nicht los:
      Was soll diese ewige Gebrochenheit - für Adorno ja schon ein Qualitätsmerkmal...
      Da tönt das Posthorn, man assoziiert Eichendorff, die gute alte Postkutschenzeit ("Was mir die Tiere erzählen"???), am Ende braust doch wieder die brutale Eisenbahn einher...
      Das ist großartig, aber empfinden wir das nur heute so? war das die Zeit? Was ist denn da "gebrochen", was vorher - angeblich - heil war?
      Muss man das als skeptischen Kommentar zur Industrialisierung verstehen oder was?
      Schon der "Blumenwalzer " geht ja spätestens gegen Ende so dermaßen in menschlicher Sentimentalität unter - und ich meine das nicht wertend, sondern als Beschreibung der weniger an den Blumen als an allen möglichen inneren Reaktionen interessiert scheinenden Musik....
      Kurz, es wundert mich jetzt, daß sich alle möglichen Fragen am Finale festmachen und kaum eine an diesen wehmütigen Idyllen...

      Gruss
      herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      Was soll diese ewige Gebrochenheit - für Adorno ja schon ein Qualitätsmerkmal...
      Da tönt das Posthorn, man assoziiert Eichendorff, die gute alte Postkutschenzeit ("Was mir die Tiere erzählen"???), am Ende braust doch wieder die brutale Eisenbahn einher...
      Das ist großartig, aber empfinden wir das nur heute so? war das die Zeit? Was ist denn da "gebrochen", was vorher - angeblich - heil war?
      Muss man das als skeptischen Kommentar zur Industrialisierung verstehen oder was?
      Lieber philmus, Du sprichst damit Fragen an, die auch mich beschäftigen. Da es hierbei nicht nur um die Dritte geht, sondern um Mahlers Werk generell, habe ich sie in einem neuen Faden aufgegriffen: Mahler und die "Gebrochenheit" - gibt es alternative Sichtweisen?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • [Kopiert aus "Eben gehört".
      27.09.11
      :wink:
      Gurnemanz]






      Mein durch kurzes Reinhören gefasstes Urteil muss ich revidieren. Das ist eine ganz wunderbare, eingenständige Aufnahme.

      Nott geht es nicht allzu schnell an und wählt eine eher düstere Sichtweise was vor allem den ersten Satz zwar weniger mittreißend macht, aber dafür ist der Spannungsbogen von Anfang bis Ende aufrecht. Geradezu fies klingen die Bläser in der Einleitung und auch in ihren späteren Einwürfen. Auch im 3. Satz sind das keine niedlichen Tiere, die man hört. Die Posthorn-Episoden sind nicht süßlich schön, sondern sehr sprechend und wirken auf mich eher konfliktbeladen als romantisch-träumerisch. Mihoko Fujimura singt den 4. Satz tadellos. Das Finale strömt schließlich völlig druck- aber keinesweg spannungslos dahin. Ein ewiges Ströhmen, dass fast wie ein Abschied von der Welt klingt und schließlich in einer gewaltigen Klimax endet. Die dynamische Entwicklung ist beeindruckend.

      Überhaupt ist die Aufnahme klanglich wieder sehr gut gelungen, wenngleich ich meine, dass die 2. und die 9. Symphonie noch besser klingen (was event. auch an den unterschiedlichen Tonmeistern liegen wird), von Liveaufnahme merkt man nix. Das Schlagwerk und wunderbar auseinanderdividierbar und alle Instrumente sind perfekt im Raum verortbar. Alleine die Basspizzicatos im 6. Satz!!!


      Sicher keine bunt, leidenschaftliche Aufnahme wie bei Bernstein oder Nagano, aber eine sehr interessante und hörenswerte Interpretation, die sicher öfter in den Player kommen wird.
      Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...


    • Entgegen der hie herrschenden Begeisterung für die Nottsche Einspielung der dritten Symphonie Mahlers empfand und empfinde ich sie als eher zur Mittelklasse denn zum Höhenkamm der Interpretationen gehörig. Darum hier ein Auszug aus einem Text, den ich für eine andere Baustelle verfasst habe, und der an dieser Stelle durchaus dazu gedacht ist, sich an ihm zu reiben:

      Nun hat sich einer der gegenwärtig interessantesten Mahler-Dirigenten daran gemacht, seine Deutung dieses in vieler Hinsicht problematischen Kolosses vozulegen. Jonathan Notts Einspielungen der zweiten und besonders der neunten Sinfonie Mahlers mit den Bamberger Symphonikern haben in letzter Zeit Furore gemacht, und so ist die Erwartungshaltung hoch. Konnte er sich mit diesen Einspielungen durchaus mit den in Legion vorliegenden Mahler-Deutungen messen, so haben doch auch bei der Dritten viele namhaften Kollegen Exzeptionelles vorgelegt, denen gegenüber es sich zu positionieren galt. Von Adrian Boult, über Horenstein, Bernstein, Rögner, Abbado bis hin zu Michael Tilson Thomas und Semyon Bychkov: Mahlers Dritte ist einer der Messlatten in jeder Diskographie, auch in jener Jonathan Notts – eine Messlatte, die in diesem Fall zu hoch lag. Jonathan Notts Einspielung mit den Bamberger Symphonikern, die hier von der Bayerischen Staatsphilharmonie unterstützt werden, ist keine Offenbarung. Tatsächlich ist sie über weite Strecken solide, aber eben auch durchschnittlich, bisweilen sogar uninteressant, ja langweilig.

      Jonathan Notts Deutung der dritten Sinfonie Mahlers ist solide, aber nicht exzeptionell. An die fantastischen Einspielungen der Zweiten und der Neunten reicht sie mit Abstand nicht heran. Die Stärken der Aufnahme liegen in den Vokalsätzen und im melodiösen Adagio. Insgesamt eine leider eher blasse Interpretation.

      Das Hauptproblem der Aufnahme ist die «Erste Abteilung», also der mit 872 Takten gigantische Kopfsatz des Werkes, denn Nott und dem Orchester gelingt es im Ganzen nicht, die Innenspannung des Satzes herzustellen. Nach der forschen Hornfanfare des Anfangs beginnt Nott bereits zu bremsen, sodass die Musik nicht in ihren Fluss findet. Die ganze Exposition wirkt so, als würde das Werk stillstehen. Pausen – und derer gibt es reichlich – werden nicht spannungsvoll überbrückt bzw. mitmusiziert, wodurch immer wieder eigentümliche Leerräume entstehen, die so wirken, als hätte das Orchester komplett aufgehört zu musizieren und wäre in die Kantine gegangen. Abschiedssinfonie bei Mahler also?
      Nun, später, wenn Mahler einen Marsch gegen den nächsten setzt, wenn das Organisch-Mäandernde des Satzes einsetzt, dann gewinnt die Darstellung an Esprit. Letzterer fehlt aber auch oft in der Datailarbeit. Phrasen werden nicht auf einen Punkt hin musiziert, vieles klingt erstaunlich fade. Auch die Binnensätze zeichnen sich durch eine gewisse Einfallslosigkeit in der Gestaltung des Details aus. Da kann man das hervortretende Trompetenmotiv am Ende des zweiten Satzes kaum hören, und die Flügelhorn-Episoden des dritten Satzes dürften einiges mehr an süßem Sentiment haben.
      Das ist alles nicht wirklich mangelhaft musiziert, aber eben nur lauwarm und nicht mit der für eine amibitionerte Mahler-Aufnahme notwendigen Leidenschaft. Recht schön gelingen die beiden Vokalsätze, wobei besonders Mihoko Fujimuras heller und leicht geführter Alt gefällt. Auch den besten Altistinnen macht «Zarathustras Nachtwandlerlied» bisweilen Schwierigkeiten: oft wird gedrückt und mit zu großem Ton oder zu viel Vibrato Audruck geheischt: Fujimura hingegen schwebt förmlich durch den Satz, was dessen Mystizismus hervorragend bekommt. Leider neigt sie dazu, zischende Schlusslaute wegzulassen, sodass der Text bisweilen sinnentleert klingt (immer wieder: «Oh Men….» statt «Oh Mensch»).
      Gut gelingt auch das «Bimmbammbaumeln» des Chorsatzes, der gestalterisch bei den Knaben des Bamberger Domchors und den Damen der Bamberger Symphoniker in guten Händen ist. Das (oft kritisierte) große Schluss-Adagio dann ist wohl der am überzeugendesten gestaltete der reinen Orchestersätze.

      :wink: Agravain

      Ich habe das schon oft bemerkt; die Leute von Profession wissen oft das Beste nicht.
      Georg Christoph Lichtenberg

      Sei nicht wie der Frosch im Brunnen. Der Frosch kennt nichts Größeres als den Brunnen, in dem er sitzt. So sind alle Frömmler; ihnen gelten nur ihre eigenen Glaubenssätze.
      Shrî Ramakrishna
    • Der Beurteilung von Agravain über diese Aufnahme kann ich in keinster Weise zustimmen.
      Es ist bedauerlich, daß er sie "langweilig" findet. Das sei ihm gegönnt, aber es trifft objektiv gesehen nicht zu.
      Diese Aufnahme ist alles andere als "langweilig", sondern das genaue Gegenteil davon. Langweilig ist z.B. die Aufnahme von James Levine, weil sie zu kalt und empfindungslos ist und einfach zu technisch wirkt.
      Ich weiß auch nicht, welche Messlatte hier zu hoch gelegen haben soll. Nott kann sich an allen vorhandenen Aufnahmen messen. Und er erreicht sogar die Horenstein-Aufnahme von 1970. Ein größeres Lob für eine Dritte Mahler kann es nicht geben.
      Ich wäre froh und dankbar, wenn ich diese Dritte live gehört hätte. Das Publikum in Bamberg kann sich glücklich schätzen. Nott gelingt die Verbindung aus großarchitektonisch-wuchtiger Dramatik und empfindungsreicher Beseeltheit, wie sie besonders stark im Finalsatz hervortritt. Gerade dieser gelingt Nott ungewöhnlich überzeugend. Ein großer Spannungsbogen liegt über dem Ganzen.
      Es fehlt weder an Detailarbeit noch an Leidenschaft, was Agravain hier kritisiert.

      Aber irgendwie gehen bei Mahler die Meinungen über einzelne Darbietungen immer weit auseinander. Seis drum.


      inland_empire


    • Erstaunlich, wie zögerlich die Wiener Philharmoniker sich Mahlers Symphonie Nr. 3 was Aufnahmen betrifft annäherten. Leonard Bernsteins Fernsehaufnahme (DGG DVD) entstand im April 1972, Claudio Abbado (der somit die erste (!) Schallplattenaufnahme des Orchesters mit diesem Werk vorlegte) spielte es von 19. bis 25.9.1980 im Wiener Musikverein ein (ebenfalls DGG), Lorin Maazel im Rahmen der Gesamteinspielung aller Mahler-Symphonien von 24. bis 30.4.1985 (SONY). Ein Livemitschnitt vom 26.4.1987 aus dem Wiener Musikverein mit Zubin Mehta ist auch auf CD gepresst worden. Und dann kommt schon Pierre Boulez (DGG, live, 25.2.2001).

      Gestern gehört - Abbado. (Seine Berliner und Luzerner Aufnahmen haben diese hier an Legendenstatus allerdings wohl bereits übertroffen.)

      Bei Abbado mit dabei waren 1980 der Wiener Staatsopernchor und die Wiener Sängerknaben, als Violinsolist ist der im Juli 1992 nach einem Bergunfall allzu früh verstorbene Konzertmeister Gerhart Hetzel genannt, als Posthornsolist Adolf Holler. Das Nietzsche-Solo „O Mensch“ des vierten Satzes sang Jessye Norman. Duktus, Tempdramaturgie, die fein abgestuften dynamischen Proportionen, liebevoll modelliert, im großen Bogen wie im Detail – hier wird die Wiener Musiziertradition total ausgekostet. Zu weich? Wahrscheinlich. Aber so schön! (Ein andermal wieder brutaler, und doch, ich mag´s halt so auch...)

      Hervorzuheben (aufnahmetechnisch): das tolle, breite, schön aufgefächerte Klangbild.

      Ganz individuelle Assoziationen, wenn man so wie der Schreiber am Tag davor "Siegfried" gehört hat:
      Das Urtümliche im ersten Satz - Fafner!
      "O Mensch" mit Jessye Norman - Urmutter Erda!

      Und (off topic, aber so hab ich´s bei Mahlers Dritter diesmal empfunden): Wie ganz muss Gustav Mahler jedes Mal in Wagners Klangwelten "zu Hause" gewesen sein, wenn er den "Ring" dirigiert hat....
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • [IMG:http://www.klausst.de/KrefelderZeitung.jpg]

      Werbeanzeige in der "Krefelder Zeitung" am 8.6.1902





      Vor 110 Jahren stand Krefeld im Interesse der
      Musikliebhaber. Im Juni 1902 richtete die Stadt die 38. Tonkünstler-Versammlung
      aus. Vom 6. bis 10. Juni, unter der Leitung des Musikdirektors der Stadt
      Krefeld, Theodor Müller-Reuters, stellten sich die Künstler des deutschen
      Musikschaffens dem Publikum. Die verschiedenen Konzerte fanden in der
      Königsburg und in der Stadthalle statt. Zur Tonkünstler-Versammlung wurde ein
      gut ausgestattetes Programmheft herausgegeben mit Erläuterungen der zur
      Aufführung gelangenden Kompositionen und mit Abbildungen der Komponisten zu
      einem Preis von 50 Pfennig, wovon noch heute ein Exemplar in der Akte „38.
      Tonkünstlerversammlung 1902“ im Stadtarchiv Krefeld vorhanden ist. Die
      Eintrittspreise wurden bei allen Abendkonzerten auf ein, zweieinhalb und vier
      Mark festgesetzt.






      Mit großem Interesse wurde die Ankunft der
      teilnehmenden Musiker registriert: Engelbert Humperdinck, Jean Louis Nicode,
      Max Schillings, Waldemar Edler von Baußern, Hans Pfitzner, Hans Sommer, Otto
      Neitzel, Otto Taubmann, Ernst Heinrich Seyffardt, Leo blech, Richard Strauss
      und Gustav Mahler.






      Großer Höhepunkt des Musikfestes sollte die
      Uraufführung der Dritten Symphonie werden. Nachdem am 3. Juni 1902 eine Probe
      mit dem Gürzenich-Orchester und der Städtischen Kapelle Krefeld in Köln
      stattfand, sind Gustav Mahler und seine Frau Alma am 7. Juni in Krefeld
      eingetroffen und untergebracht wurden sie im Haus eines reichen Krefelder
      Seidenfabrikanten. Konzertbeginn war am 9. Juni um 20 Uhr in der Krefelder
      Stadthalle. Als Solistin wurde Frau Louise Geller-Wolter aus Berlin
      verpflichtet. Der Chor des Singvereins, verstärkt durch den
      Lehrergesangsverein, konnte mit 114 Sopran-, 111 Alt-, 76 Tenor- und 90
      Bass-Stimmen erscheinen. Die Dritte Symphonie wurde bei der Aufführung in zwei
      Abteilungen unterteilt: Die I. Abteilung umfasste den langen fast 45minütigen
      1. Satz und die II. Abteilung umfasste die Sätze 2 bis 6.






      Eine erwartungsvoll-gespannte Zuhörerschaft und eine
      überregionale Presse nahm Mahler’s Dritte zur Kenntnis.



      „Der Montag brachte das größte Ereignis des Festes,
      die Aufführung der dritten Symphonie von Gustav Mahler unter des Componisten
      Leitung, die erste vollständige Aufführung überhaupt. Schon seit langem war
      dieser Tag in der ganzen musikalischen Welt mit größter Spannung erwartet,
      Ueberschwang auf der einen, Spottsucht auf der anderen Seite hatten sie nur
      noch vergrößert. Die einen prophezeiten einen bedeutsamen Tag erster Ordnung in
      der Musikgeschichte, die anderen sagten einen Heiterkeitserfolg heraus. Wohl meist
      mit Misstrauen betrachtet, ist Mahler gekommen, als einen Sieger und
      Triumphator hat man ihn nach seinem Werke bejubelt. Ein endgültiges Urteil wird
      man für heute von mir nicht verlangen, dafür ist das Werk zu neuartig,
      verblüffend, erhebend und auch wieder bizarr zugleich. Zwei Stunden dauert
      diese „Symphonie“ und in zwei Abteilungen und sechs Sätzen entwickelte sie sich
      vor uns. Der erste Satz dauerte fast eine Stunde, die drei letzten gehen ohne
      Pause ineinander über. Allein den Dimensionen nach schon ein Riesenwerk, aber
      auch dem Inhalte nach. (...) Die Aufführung des kolossal anspruchvollen Werkes
      war einfach glänzend. Stand doch der Componist selbst, der geborene Herrscher
      über alle, die da spielen und singen als Leiter da oben und stand ihm doch ein
      virtuoses Orchester zu Gebote. Frau Geller-Wolter sang das Altsolo mit großer
      Innigkeit, detonirte aber leider etwas, der Frauenchor war entzückend und die
      Knaben sangen mit wahrer Lust und Liebe. Den Jubel zu schildern, der nach der
      Symphonie ausbrach, und Mahler immer wieder hervorrief, wohl ein Dutzend mal,
      ist nicht möglich. Das war kein bloßes Feiern mehr, das war eine Huldigung.“

      („Zeitschrift für Musik“, 18. Juni 1902).






      In der Krefelder Presse findet die Uraufführung der
      3. Symphonie von Gustav Mahler großes
      Interesse und der Berichterstattung wird breiter Raum zugestanden:






      „Das gestrige Abend-Konzert brachte in Mahler’s
      dritter Sinfonie die cause celébre des Festes. Bruchstücke des Werkes, die
      gegen Ende der 90er Jahre in Berlin zur Aufführung kamen, begegneten
      entschiedenem Widerspruch, das Verständnis der allerneuesten Offenbarungen der
      Modernsten – als solche müssen wir die Sinfonien Mahler’s bezeichnen, ist der
      Stadt der Intelligenz noch nicht aufgegangen. Ob die gestrige Aufführung dem Werke
      die Wege geebnet hat? Wenn wir nach den großartigen, alles Maß übersteigenden
      Beifallsbezeugungen urtheilen dürfen, nach der lebhaft interessirten
      Theilnahme, welche alle Sätze des Riesenwerkes begleitete, und die umso
      schwerer ins Gewicht fällt, als die Aufführung mehr als denn zwei Stunden in
      Anspruch nahm und die Hörer von der auf sie seit Tagen einstürmenden Musik
      ermattet waren: dann allerdings müssen wir die Frage bejahen. Vielleicht dürfen
      wir auch schließen, dass die vom Komponisten eingeschlagenen Wege, so
      eigenartig und neu sie auch sind, im fühlen der Hörer Berührungspunkte fanden
      und gleichgestimmte Saiten vibriren ließen, dass die musikalische Sprache
      verständlich und die Darstellung eine wahre Widerspiegelung dessen ist, was ein
      selbstständiger Genius erschaute. (...) Das Werk deutet unstreitig auf ein ganz
      hervorragendes Talent, auf eine reiche Inspiration und eine ganz wunderbare
      Beherrschung des Orchesters. Die überreiche Fülle der Bilder und Gedanken
      erschwert allerdings das Verständnis; populair dürfte die dritte Sinfonie kaum
      jemals werden, umso weniger, als die Aufführung einen sehr komplizirten Apparat
      und große Kosten erfordert, die nur unter sehr günstigen Verhältnissen zur
      Verfügung stehen. Wir sehen dem ferneren Schicksale des Werkes mit Spannung
      entgegen.“



      („Niederrheinische Volkszeitung“, 10.6.1902)





      Der „Generalanzeiger Krefeld“ schreibt hingegen:


      „In dem gestrigen 4. Concerte der diesjährigen
      Tonkünstler-Versammlung erwartete man den Höhepunkt der Aufführungen. Dies
      trifft zweifelsohne im Hinblick auf die Instrumentaldarbietungen zu; ob aber
      die Mahler’sche Symphonie dem „Lisztschen „Christus“ überlegen ist, möchten wir
      nicht behaupten. Hier hat man es allerdings mit einem gigantischem Werke eines
      modernen Kunstheroen zu thun, der eigenartige Bahnen wandelt, dessen Ziel
      höchstes Streben nach künstlerische Vollendung ist. Mahler ist in seinen
      Schöpfungen nicht zu Unrecht mit Goethe zu vergleichen. Seine Beherrschung der
      technischen Künste und der eigenen musikalischen Ausdrucksweise sprechen
      manchmal den gewöhnlichen „Gesetzen“ der Schönheit und des Styls geradezu Hohn.
      Mahler’s dritte Symphonie verräth eine philosphische Denkart, in welcher
      Dichter und Musiker eng miteinander verwachsen sind. Der Hörer wird von einer
      solchen Tonsprache ohne Wollen erfasst und in eine höhere Gefühlswelt geleitet.
      (...) Die gestrige Aufführung unter Leitung des Componisten, bei welcher die
      vorgeschriebene Besetzung genau befolgt war, glich einem Triumphzuge von
      imponirender Gestalt. (...) Gustav Mahlers 3. Symphonie ist ein bedeutsames
      Kunstwerk im vollsten Sinne des Wortes. Daß diese Meinung eine ungetheilte war,
      erwies sich in dem geradezu stürmischen Applaus, der beim gottbegnadeten
      Künstler in überreichem Maße geboten wurde. An diese Aufführung werden alle
      Musikkenner und Musikfreunde noch lange mit entzücken zurückdenken.“



      („Generalanzeiger für Krefeld und Umgegend“,
      10.6.1902)






      Zum Abschluß kommt noch die „Krefelder Zeitung“ zu
      Wort:



      „Ein musikalisches Ereignis! Ob der gestrige Tag eine
      neue Phase in der Entwickelung der deutschen Musik eingeleitet hat, wie
      begeisterte Kunstbeflissene unter dem Eindruck des Gehörten meinen, wird die
      Zukunft lehren. Eins ist gewiß: der gestrige Tag in Krefeld wird in der
      Geschichte der modernen Musik eine bleibende Bedeutung haben. Für Gustav Mahler
      ist er, wie er selbst zugesteht, der schönste seines Lebens gewesen. Er war für sein Schaffen entscheidend, er
      brachte nach bitterem Kampfe den glorreichen Sieg. Menschliche Teilnahme muß
      man ihm dem Erfolg umso lieber gönnen, als er endlich, endlich eine deutliche,
      von einem Parkett bedeutenden Musikern
      und einem dem Neuen Verständnis entgegenbringenden Publikum gegebene Antwort
      darstellt auf all die Angriffe aus dem Hinterhalt und die Gehässigkeiten in der
      Presse, die Mahlers tondichterischem Schaffen auf Schritt und Tritt begegnet
      waren. Bisher hat er bei Aufführungen seiner Werke nur Fußgetrampel und Gezisch
      kennen lernen. Seine Feinde waren jedes Mal eifrig bei der Arbeit gewesen.
      (...) Die nie erlahmenden Angriffe hatten ansteckend gewirkt und auch den
      Fernstehenden überzeugt, dass Mahler und Kunst zwei ganz verschiedene Dinge
      seien. Als der Komponist vor etwa acht
      Tagen die erste Probe in Köln zum gestrigen Konzert abhielt, begegnete ihm bei
      den Musikern eine Stimmung, die als Niederschlag der Wiener Gewitterwolken
      jedem Leser der musikalischen Fachpresse verständlich ist. Es gab passiven
      Widerstand, Obstruktionslust. Wie hat sich, als das Orchester seinen Meister
      kennen lernte, das Blatt gewandt! Da ist unter den 114 Mitgliedern des
      Orchesters kein einziges, das nicht aus einem Saulus zum Paulus geworden wäre,
      und unter den vielen Kunstfreunden, die den Proben beigewohnt haben, sind recht
      viele, die ebenfalls den Weg nach Damaskus gegangen sind. Ihr Glaube an den
      Meister übertrug sich gestern auf das ganze, den großen Saal der Stadthalle
      füllende Publikum – einzelne Ausnahmen betätigen die Regel – und es gab einen
      Erfolg, wie er auf der musikalischen Wahlstatt zu den großen Seltenheiten
      gehört. War das ein Jubeln, ein Tücherschwenken, ein Beifallgedröhn, als der
      letzte Akkord verklungen war! Wohl eine Viertelstunde lang blieb die
      begeisterte Menge im Saal, und immer wieder musste der Gefeierte auf dem
      Dirigentenpult, von dem er aus mit einer technischen Meisterschaft, über die
      man allein ein Feuilleton schreiben könnte, seine Mannen geleitet hat,
      erscheinen, um neue Huldigungen in Empfang zu nehmen.“ (...)



      („Krefelder Zeitung“, 10.6.1902)





      Am 10. Juni 1902 fand die 38. Tonkünstlerversammlung
      mit einer Abschlussfeier auf Blumenthal ihr Ende. Nach den musikalischen
      Festtagen gab es eine Vorfreude auf den Höhepunkt des Jahres. „Kaisertage“
      standen in Krefeld bevor: Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Victoria
      besuchten die Seidenstadt am 20. Juni 1902 im erneuten Festschmuck.






      Quellen:


      Günter
      Schwabe: Die Uraufführung von Gustav Mahlers Dritter Symphonie anlässlich der
      Tonkünstlerversammlung in Krefeld 1902,
      in: Die Heimat 53, Krefeld 1982


      Krefelder
      Zeitung, Nr. 286, 8.6.1902 und Nr. 289,
      10.6.1902


      Generalanzeiger
      für Krefeld und Umgegend, Nr. 237,
      10.6.1902


      Niederrheinische
      Volkszeitung, Nr. 363, 10.6.1902


      Zeitschrift
      für Musik, Leipzig, Nr. 26, 18.6.1902


      Akte „38. Tonkünstlerversammlung 1902 Krefeld“ im
      Stadtarchiv Krefeld
    • Hier ein weiterer persönlicher Höreindruck:



      Eher mühsam lässt sich der Mahler Zyklus aus den 80ern mit Lorin Maazel und den Wiener Philharmonikern durchhören (CD Box Sony SX14X87874). Maazel geht die Musik schwerfälliger an als andere Dirigenten, vieles wirkt behäbig. Diese Symphonie wurde von 24. bis 30.4.1985 im Großen Wiener Musikvereinssaal aufgenommen. Das Behäbige passt ja an sich gut zu Dinosauriern die man vor allem in den ersten Minuten des Werks imaginieren mag, aber bei Maazel fehlt die Innenspannung der Musik, sie wird mehr durchexerziert als gelebt. Man spürt Maazels Identifikation mit der Musik nicht. Der gewaltige erste Satz bleibt ein äußerliches Spektakel. Toll wie gehabt ist das breite akustische und (zumal für den aus Wien stammenden und dieses liebend) das unvergleichliche, irisierend schöne Klangbild der Wiener Philharmoniker. Die „Naturbeschreibungen“ der Folgesätze vermögen eher an Richard Strauss´ Tondichtungen zu gemahnen, die Psychologie bleibt vielfach ausgespart. Allerdings gelingt Maazel und dem Orchester wieder im zweiten Satz (wie auch in den Symphonien 1 und 2) ein besonders verklärter Blick auf Wien, so was gibt´s nur da in dieser Besetzung und an diesem Ort. Das Posthornsolo im dritten Satz spielt der verlässliche Trompeter Josef Pomberger. Im Nietzsche Solo vermittelt Agnes Baltsa (mit leicht akzentuierten Vokalen) wirkliche persönliche Anteilnahme und Betroffenheit, das geht zu Herzen. Der kurze Wunderhorn-Engelsatz bringt auch die Wiener Sängerknaben und den Damenchor des Wiener Staatsopernchors zum klangschönen Einsatz. Das große Finale kostet die totale Verklärung „in den Himmel hinein“ von Anfang an breit aus, am Ende etwas knalligere Akzente setzend als etwa bei Abbados Wiener Aufnahme von 1980 oder auch bei Bernsteins entdeckerfreudiger Fernsehaufzeichnung aus dem Jahr 1972, die der Schreiber dieser Zeilen beide, noch nicht die Boulez Aufnahme aus dem Jahr 2001 aus Wien von CD kennend, Maazels Einspielung weiterhin vorzieht.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Einige von Maazels Mahler-Einspielungen habe ich gehört. Die CDs habe ich alle verschenkt. Da ist keinkeine Lebendigkeit, sondern gut gemachte Konvention. Das ist Geschmackssache, das weiß ich.

      Die hier mehrfach erwähnte Einspielung von Kent Nagano mit dem Deutschen Symphoinieorchester Berlin und Dagmar Peckova ist inzwischen auch in einer günstigeren Ausgabe - mit einem anderen Cover, das nicht ganz so hässlich ist wie das rote - erhältlich.



      Eine Einspielung, in der alles enthalten ist: Lebenskraft, Fülle, Transparenz, Farbigkeit. Für mich ist es die schönste Einspielung dieser Symphonie.

      Bychlov wurde schon erwähnt. Ich habe das Konzert vor ein paar Jahren im Fernsehen geschaut und aufgenommen. Umwerfend.

      Ein wundervolles Zeugnis von John Barbirollis Engagement für Mahler ist seine mehrfach gelobte Einspielung mit dem Hallé Orchestra und Kerstin Meyer als Solistin:





      In einmer Rzension lese ich: "Barbirolli gelingt es, diesem sechsteiligen Schöpfungsmythos Mahlers durch großen Ernst, unbeirrbare Geradlinigkeit und Deutlichkeit eine würdevolle Strenge und zwingende Logik zu verleihen und uns so die Tiefendimensionen eines solchen Schöpfungsaktes gewahr werden zu lassen."

      Eine beeindruckende Einspielung.

      Freundliche Grüße, Ansgar
    • Bei Mahlers Dritter habe ich keine Götter neben Bernstein, die digitale Einspielung ist mir noch lieber als seine erste zu CBS-Zeiten:



      (Die Komplett-Box ist sogar günstiger als die einzelne Sinfonie)

      Ich habe die Aufnahme längere Zeit nicht mehr gehört. Ich erinnere mich aber gut daran, wie toll das Archaische der Einleitung zum Kopfsatz herauskam. Mit einem fantastischen John Alessi an der ersten Posaune des New York Philharmonic. Und der letzte Satz ist einfach unglaublich in seinem Zeitgefühl ... ich denke stets, langsamer geht es nicht, und doch ...

      Trotz Horenstein, Barbirolli, Gielen (!!), Nagano, Bychkov: Bernstein/DG ist mir die liebste.

      Sehr gut fand ich Haitinks Erstaufnahme des Werkes, sozusagen eine neutrale, aber nicht kühle Lesart zum Kennenlernen. Mácal hat mich ebenfalls sehr beeindruckt. Gielen ist die "something else" Einspielung.



      En Hörvergleich zu diesem Werk würde mich sehr reizen, aber das braucht viiiiiiel Zeit ... ;(
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Die erste Lieferung

      Hallo,
      Mahlers dritte Sinfonie war Mitte der 70iger Jahre die Sinfonie, die bei mir am meisten gespielt wurde und zwar abwechselnd die DoppelLP mit dem CSO unter James Levine oder 2 Livemitschnitte, einer mit Abbado bei den Wiener Festwochen, der war so lang, dass meine 26cm Spulen mit ca. 95 Minuten Musik nicht mitmachten, und einer mit Gary Bertini, dort hatte ich wohlweislich auf 9,5 cm/s umgestellt.

      In den letzten Jahren habe ich Sinfonie, angeregt durch manche Diskussion erneut gehört und gehört und habe inzwischen 20 Einspielungen in meiner Sammlung. Darunter immerhin 4 Aufnahmen, die man historisch nennen darf.
      Denen fühle ich mal auf den Zahn. Weitere Aufnahmen, vor allem jüngere, folgen in späteren Beiträgen.

      Zunächst habe ich 2-mal Horenstein, 1960 Live und Juli 1970 in Stereo, wobei die frühe Aufnahme zwar schlechtere Tonqualität hat, aber deutlich flexibler im Tempo ist, was den Sätzen 1, 2, 3, 4 und 5 sehr gut :D bekommt.
      Vor allem hat er in der ersten Aufnahme Helen Watts zur Verfügung, die Norma Proctor bei weitem übertrifft und den 5. Satz rettet, während der in der Stereo Aufnahme, gelinde gesagt, in die Hose geht.

      Eine weitere Aufführung steuert Mitropoulos 1960 mit dem Kölner Rundfunk Sinfonie Orchester bei, eine Aufnahme, die 2 Tage vor seinem Herztod entstanden ist, er starb bei einer Probe desselben Werkes in Mailand und deren Erscheinen in guter Monoqualität manchen Kritiker jubeln lies. (Mitropoulos war schon in Köln schwer krank, es war nach heutiger Vorstellung einfach Wahnsinn, dass er auftrat)
      Diese Aufnahme ist gut, aber wie Atilla Csampai sie abfeiert, ist doch arg übertrieben. Denn das Orchester kommt nicht mit, und ich habe den Eindruck, das die enorm diffizilen Binnensätze nicht genug geprobt wurden.

      Diese Aufnahmen genießen legendären Ruhm und werden wie Kleinode behandelt. Hört man sie unvoreingenommen, sind sie im Vergleich mit heutigen Aufnahmen (siehe spätere Beiträge) eher „kalter Kaffee.“ Zu viele Spielfehler, die Orchester waren den Mahlersound nicht gewohnt, spielten also nicht sicher genug, die späte Horensteinaufnahme ist in den Sätzen 2,3 und 4 einfach nur langweilig und im 5. fast gruselig, so eiert der Chor herum.

      Alle Aufnahmen haben natürlich einen wunderbaren letzten Satz, der über viele Unzulänglichkeiten hinwegsehen hilft.

      Die Aufführungen müssen damals einen enormen Eindruck hinterlassen haben und entsprechend hoch werden sie gehandelt unter Fans. Da traut man sich vor Ehrfurcht nicht zu einem relativierenden Urteil, der Zorn und Shitstorm der Fans wird einen postwendend vernichten.

      Barbirollis Aufnahmen gehören mit in diesen Kreis. Um Sir John habe ich immer einen Bogen gemacht, seinen Mahler habe ich nie richtig gemocht (5, 6, 7 und 9 habe ich). Daher kann ich zur 3. auch nix sagen.

      Von allen „historischen Aufnahmen“ ist mir die Liebste inzwischen die von 1959 mit Berthold Goldschmidt. "http://3.bp.blogspot.com/-ylr3DPIHnxY/TxwASJrFJlI/AAAAAAAAAR0/yFbm_aJR9TA/s1600/goldschmidt-01.jpg"

      GUSTAV MAHLER Symphony No. 3 in D minor Helen Watts, contralto BBC Women's Chorus, Highgate School Boys' Choir, Philharmonia Orchestra

      BERTHOLD GOLDSCHMIDT, Conductor Recorded 26-28 January 1959

      Goldschmidt trifft immer das (für mich) richtige Tempo, er ist nie weinerlich, überpathetisch und seine Aufnahme strahlt eine große Kenntnis aus. Die Behandlung der Streicher im Anfang des 6. Satzes finde ich einzigartig. Gleiches gilt für den recht flotten 3. Satz, der „ohne Hast“ daherkommt aber eben auch ohne „Verschnarchen.“ Gelungen ist auch der für damalige Verhältnisse langsam genommene 2. Satz (Tempo di Menuetto) in 10:42, was ziemlich genau Bernsteins DGG Aufnahme (siehe später) entspricht.

      Leider habe die Aufnahme mit Hermann Scherchen nicht. Doch kommt Zeit, kommt Rat.

      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Doc Stänker schrieb:

      Da traut man sich vor Ehrfurcht nicht zu einem relativierenden Urteil, der Zorn und Shitstorm der Fans wird einen postwendend vernichten.

      Lieber Doc Stänker,

      da gebe ich Dir vollkommen Recht! Die Aufnahmen mit Horenstein und Barbirolli (die mit Mitropoulos kenne ich noch nicht) gingen auch nie so an mich ran wie Bernstein oder Gielen. Aber man traut sich vor lauter Legendenweihrauch kaum, mal was Kritisches dazu zu schreiben ...

      Gruß
      MB
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Doc Stänker schrieb:

      Die Aufführungen müssen damals einen enormen Eindruck hinterlassen haben und entsprechend hoch werden sie gehandelt unter Fans. Da traut man sich vor Ehrfurcht nicht zu einem relativierenden Urteil, der Zorn und Shitstorm der Fans wird einen postwendend vernichten.

      Mauerblümchen schrieb:

      Die Aufnahmen mit Horenstein und Barbirolli (die mit Mitropoulos kenne ich noch nicht) gingen auch nie so an mich ran wie Bernstein oder Gielen. Aber man traut sich vor lauter Legendenweihrauch kaum, mal was Kritisches dazu zu schreiben ...
      Traut Euch ruhig. Entweder habt Ihr Recht (wie z.B. bei Horensteins komplett missglückter Aufnahme von Mahler 7, deren Legendenstatus auch mir vollkommen schleierhaft ist) oder Ihr habt Unrecht. Dann werden Euch die Barbirolli- und Horenstein-Afficionados schon in interessante Diskussionen verwickeln :D

      Zu Sir John Barbirolli als Dirigent der Mahler-Sinfonien Nr. 1-7 und 9 (die 8. mochte er nicht und ließ sie deswegen aus) kann man vielleicht anmerken, dass Herbert von Karajan ihm insoweit das Feld der Berliner Philharmoniker komplett überließ. Erst nach Barbirollis Tod begann HvK damit, selbst bei den Berliner Philharmonikern Mahler-Sinfonien zu dirigieren. Ich weiß nicht, ob es viele andere Fälle gibt, in welchen Karajan einen anderen Dirigenten für eine bestimmte Werkreihe als berufener als sich selbst erachtet hat.
      Für Rapper ist das Wort "ficken" dasselbe wie für Schlümpfe das Wort "schlumpfen". Es ersetzt einfach alle anderen Tu-Wörter. "Alter, hab' ich voll gefickt, ey" kann auch heißen: "Die Überweisung ist gestern bei uns rausgegangen."
      (Dieter Nuhr)
    • 2. Lieferung

      Hallo,
      nicht das gleich zu Beginn ein Missverständnis aufkommt: Das soll keine enzyklopädische Betrachtung der 3. Mahlers werden, ich sortiere hier nur schriftlich meine gesammelten Aufnahmen und stelle meine Auffassung zur Diskussion. Das Unterfangen, alle Aufnahmen zu sortieren und zu bewerten ist zwecklos, es dürfte inzwischen mehr als 100 geben.

      Im ersten Teil habe ich 4 historisch zu nennende Aufnahmen erwähnt 2*Horenstein, Mitropoulos und Goldschmidt. Historisch deswegen, weil es auch Pioniertaten waren. Von den großen Mahlerpropheten nach dessen Tod (Walter, Klemperer, Fried, Mengelberg) gibt es keine Einspielung der 3., Klemp hat sie sogar nie angerührt. Daher waren die genannten + Barbirolli und Scherchen, deren Aufnahmen ich nicht kenne, wohl die ersten. (Schuricht, Van Beinum etc. haben auch Spuren hinterlassen)

      Bereits in den 60igern setzte dann eine neue Dirigentengeneration Mahler aufs Programm, so man die Riesensinfonien etatmäßig bezahlen konnte und die 3. dürfte auch deswegen zunächst wenig ausgeführt worden sein, weil sie so teuer ist.
      Bernstein war der erste mit nem komplettem Zyklus, Haitink folgte, dann Kubelik. Dann kam Solti, alle hatten die 3. im Gepäck, mehr oder weniger gelungen.

      Bei mir stehen aus der Zeit bis Mitte der 80iger folgende Aufnahmen:
      Aus der Abteilung „nüchterne Einspielungen“, Haitink und Neumann.
      Haitinks 1. Mahlerzyklus ist in Deutschland irgendwie im Lennie Hype untergegangen. Dabei kann man ihn immer wieder hören, das macht einfach Spaß, dem zu zu hören, Gleiches gilt für Neumann mit der tschechischen Philharmonie. Neumann wird zudem von der besten Bläsergruppe, die ich bei Mahler erlebt habe, unterstützt und er hat Christa Ludwig!
      Beide Aufnahmen sind "alterslos" und da sie auch vorzüglich klingen und beste Orchester vorweisen können, immer eine Empfehlung wert.
      Überhaupt sind die vorgestellten Aufnahmen orchestral denen der 1. Lieferung bei weitem überlegen, sieht man mal von Goldschmidt mit dem Philharmonia Orchestra London ab.

      Aus der Abteilung: Bestes Orchester der Welt und ich beweise es euch mal.
      Levine und Solti jeweils mit Chicago. Levine ist klar der bessere, denn er versteht es, die Polyphonie viel transparenter hörbar zu machen. Dass er für den letzten Satz 28 Minuten braucht, geschenkt. Solti lässt in vielen Datails nur seinem Virtuosentum freien Lauf. Das mag in der 5. oder 6. gehen, aber nicht hier. (Meine Meinung!)
      Aber bei den Chicagoern der Zeit geht man einfach nur auf die Knie! Das ist wie "Beckenbauer, Netzer, Müller."

      Abteilung. Emphase hoch Drei, wir können Lennie noch toppen:
      Tennstedt Live in Minnesota am Beginn seiner Karriere und Bertini in Köln. Da strömen die Emotionen nur vor sich hin, wer in Gefühlen baden will, wird da gut
      bedient. Seltsamerweise habe ich die Bernstein Aufnahme aus New York nie haben wollen, ich kannte 1 und 7 und fand die beiden vernachlässigbar. Und Klaus Tennstedt machte zwar als Person nicht so viel her wie Bernstein, aber wenn es um die Umsetzung neurotischer Gemütszustände in Musik ging, stand er ihm in nix nach. Das mag man mögen, ich habe es gespeichert.
      Bertini ist da viel zarter in der Interpretation, so etwas für Leute mit Vorurteilen gegenüber Waldorfschülern und vor allem Waldorflehrer. Hurwitz mag es, wahrscheinlich war er auch Waldorfschüler oder "Quiche Eater". (Real men don't write PASCAL: it was easy to separate the real men from the boys (somtime called "Real Men" and "Quiche Eaters" in the literature))

      Ich fühle mich mit Aufnahmen aus der Zeit, mehr habe ich nicht, mehr will ich aktuell nicht, gut bedient und mag auf die Beiträge Levines, Neumanns und Haitinks nicht verzichten wollen. Die anderen höre ich von Zeit zu Zeit.

      Die 3. Lieferung betrifft dann den Übergang in die aktuellen Aufnahmen (Gielen, Bernstein 2) der 4. Teil behandelt meine aktuellen Aufnahmen (Metzmacher, Dausgaard, Nagano, Salonen, Chailly und Jansons) und der letzte wird von „alten Meistern" (Abbado in Lucerne, Haitink) handeln.


      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Doc Stänker schrieb:

      Daher waren die genannten + Barbirolli und Scherchen, deren Aufnahmen ich nicht kenne, wohl die ersten. (Schuricht, Van Beinum etc. haben auch Spuren hinterlassen)


      Ebenfalls eine sehr frühe Einspielung - sie stammt vom 27. April 1952 - ist diese:



      Es handelt sich hierbei um die früheste kommerzielle Studioaufnahme der 3. (die frühe Aufnahme von Scherchen - ich meine es gäbe noch eine spätere zweitere Aufnahme- stammt zwar vom 31. Oktober 1950, ist aber eben ein Radiomitschmitt). Adler hat übrigens auch die erste Studioaufnahme von Mahlers 6. geleitet. Charles Adler, der 1933 Deutschland wohlweislich verlassen hatte, war ein Schüler Gustav Mahlers und hat etwa als Chordirigent bei der Uraufführung von dessen 8. Symphonie mitgewirkt. So gesehen, dürfte seine Lesart als die eines »Eingeweihten« gelten - aber was heißt das schon?
      Adler wählt bei der Dritten teilweise sehr langsame Tempi, insbesondere in den Ecksätzen. Beim Kopfsatz hat Adler die längsten mir bekannten Spielzeiten: 37'42. :faint: Und beim Schlusssatz ist er mit 26'00 auch ziemlich an der Obergrenze (hier noch die Spielzeiten der vier Mittelsätze: 9'07; 17:53; 9'04; 4'48).
      Ich hab diese Interpretation, die ich bisher nur einmal ganz und zwei- oder dreimal auszugsweise gehört habe (und auch das liegt nun etwas länger zurück), als insgesamt eher spannungsarm in Erinnerung (was nicht allein den langsamen Temi geschuldet ist). Um irgendwie gsättigte Informationen zu geben, müsste ich die Aufnahme mal wieder hören.

      Scherchen ist das schroffe Gegenstück zu Adler: sehr forsch im Zugriff, spannungsgeladen und vorwärtstreibend. Bei Scherchen dauert der Kopfsatz 30'19 und das Finale 19'50 ... :faint: Auch in den Mittelsätzen ist Schrechen recht fix unterwegs: 8'25; 15'26; 8;01 - und beim BimBam-Satz bleibt er deutlich unter 4 Minuten: 3'50. Mir gefällt Scherchens zügige Lesart ziemlich gut - aber ich springe ohnehin bei Mahrels Dritter schnell auf zügige Gangarten und dramatische Gestaltung an (desgegen mach ich ja auch die Neuhold-Interpreration so sehr). Allerdings finde ich Hildegard Rössel-Marjdan hier nicht sonderlich affizierend ... Auch hier müsste ich aber meine erinnerten Eindrücke mal wieder überprüfen und hörsättigen.

      Bis das passiert, kann es allerdings noch etwas dauern, da ich mich derzeit verstärkt in Jazzkellern herumtreibe ...

      Adieu,
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Zwischendurch!

      Ich höre in Vorbereitung auf die weiteren Lieferungen Sir Simon Rattle, mal nicht in Berlin sondern in Göteburg mit Mahler 3 von 2009.
      Und da gibt es einen Schnipsel Ton von der Probe, wo der Meister auf einmal von "Old Teacher Berthold Goldschmidt" redet.

      Aha! Dann wolln wir mal vergleichen!
      Drastisch formuliert, bis auf die hochziehende Oboe im 5. Satz ist nix gleich gestaltet! Schade eigentlich, denn Goldschmidts Ansatz mit heutiger Tontechnik, das hätte was!
      Dennoch finde ich beide Aufnahme vorzüglich!

      Allerdings bringt Goldschmidt die im Werk komponierten Märsche viel besser raus. Teilweise arg zackig!
      Das geht schnell los im 1. Satz und wird ganz deutlich so (Keine Partitur vorhanden) um die 22- 23 Minuten (bei Goldschmidt sind es 24 Minuten), wo das Orchester eine wilde parforce Jagd beginnt und dann im Kontrabasss "versickert". Gleich darauf schlägt die kleine Trommel (Paradiddel??) und nach einigen Sekunden setzt das Hauptthema des 1. Satzes ein.
      Diese Stelle wird bei vielen Interpreten so gespielt, dass die Trommel bündig in den verklingenden Bass hineingeht, teilweise recht leise ist und dann wird man vom Eingangsthema überrascht.
      Nicht so bei Goldschmidt: Es kommt in die letzten Basstöne sehr akzentuiert millitärisch die Trommel und der Übergang ins Hauptthema ist nicht überraschend.
      Rattle ist "transzendenter", er ist nicht so brutal konkret wie Goldschmidt, der das Disparate in der Partitur quasi einem direkt vorlegt.
      Dies mal zwischendurch.
      Man könnte übrigens auch die Mahler 3 Aufnahmen einteilen in die, die im 5. Satz die Glissandi der Oboe zulassen (Goldschmidt/Gielen Fraktion) und die, die es ignorieren. (Bernstein, Horenstein, Haitink et al)
      Höre gerade Salonen, er gehört eindeutig zu den "Goldschmidts".
      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Doc Stänker schrieb:

      Man könnte übrigens auch die Mahler 3 Aufnahmen einteilen in die, die im 5. Satz die Glissandi der Oboe zulassen (Goldschmidt/Gielen Fraktion)


      Dazu gehört auch Abbado:
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Auf Umwegen zur 3.

      Nach dem 2. Weltkrieg dauerte es ein bisschen, bis Mahlers Musik wieder entdeckt wurde.
      Walter in den USA war zwar ständig bemüht, aber sein Repertoire umfasste bei weiten nicht alle Sinfonien. Gleiches galt für Klemp, der 1939 ob einer Aufführung der 2., die er in New York durchgesetzt hatte, bei verschiedenen Veranstaltern verbrannt war, denn es wurde nicht genug Geld eingenommen, auch wenn die Kritiken hervorragend waren.
      In Europa waren es dann vor allem Van Beinum, Scherchen, Rosbaud und der zurück gekehrte Klemperer, die ab 1950 immer wieder Mahler auf Programm setzten. Hinzu kam Mitropoulos, der immer, wenn er in Europa war, Mahler aufführen konnte.
      Im U.k. begann Ende der 50iger Horenstein verstärkt Mahler aufzuführen, später Barbirolli.
      All diese Bemühungen wurden aber fast in die Vergessenheit weg gespült durch vier Zyklen, die binnen weniger Jahre fertig wurden und die „Mahlers Erlösung durch die Stereo Schallplatte (Kurt Blaukopf)“ einleiteten: Bernstein CBS, Kubelik DGG und Haitink Philips. Und danach kam noch flott hinterher Solti DECCA!
      Und die EMI hatte NIX!
      Klemperer wollte nicht alle 9ne machen und war zu ALT! Horenstein war nicht bei der EMI und ab Mitte der 60iger auch schon über den Zenit!. So wurde Barbirolli überredet, die eine oder andere Sinfonie einzuspielen. Doch der war auch nicht so einfach zu überreden. Bei der EMI gibt es jedenfalls nicht alle Sinfonien, schon gar nicht mit demselben Orchester, das Halle Orchester aus Manchester galt damals ohnehin als international zweitklassig.
      Die 4 Zyklen bestimmten die 60iger und frühen 70iger. Bessere Aufnahmen gab es nicht, auch wenn es noch den Geheimtipp Abravanel gab (Das war der, mit dessen Frau Klemperer 1940 durchgebrannt war).
      Seit den 80iger kamen dann aus Deutschland und den USA zwei meiner Meinung nach paradigmatische neuen Zyklen heraus:

      Gielen, der seit den 60igern immer wieder Mahler aufs Programm gesetzt hatte und der einer sehr präzisen Sachlichkeit bei Mahler nachhing. Bei späteren Wiederholungen einer Aufnahme (4 und 9) fällt auf, dass die einmal gewählte Strenge inzwischen einer Genauigkeit bei weicheren Tempi gewichen ist. (Gielen und Boulez sind sich sehr ähnlich! Ich nehme Gielen, weil er aus der Tradition Scherchen, Rosbaud kommt)

      Dagegen Bernstein, der älter geworden, Mahlers Musik genauer spielt, die ursprünglich fast naive Einspielung aus New York erheblich reflektierter, doch durchglüht von Emotionen darbietet (9. aber auch 2.)

      Einen Höhepunkt bei Gielen und Bernstein bilden jeweils die 3.. Bernstein ist hier sehr flexibel und mit bestem Orchesterklang. Ich könnte die Aufnahme fast als ideal bezeichnen, mich stört nur eine zu große Heiterkeit im 1. Satz.
      Gielen beginnt schwerfällig, doch zieht er einen in seine Aufnahme rein, wobei seine Stärken ab Mitte des 1. Satzes losgehen. Gielen ist pingeliger, man hört zwar mehr als bei Lennie, doch die Emphase, die Bernstein vermittelt, muss bei Gielen im Kopf nachgebildet werden.

      Ich mag beide Aufnahmen.
      Gruß aus Kiel

      PS: Es ist eine Besonderheit des kalten Krieges, dass Aufnahmen aus der UDSSR mit Mahler Sinfonien (Svetlanov, Kondrashin) für die Mahler Rezeption bis in die 90iger hinein so gut wie keine Rolle spielen. Jansons Mahler Aufnahmen dürften ohne Einfluss aus Russland und Amsterdam nicht denkbar sein.
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Am Sonntag 9.9.2012 wird mit Gustav Mahlers 3. Symphonie das heurige Linzer Brucknerfest eröffnet, als Klangwolkenkonzert.
      Es dirigiert Dennis Russell Davies, es spielt das Bruckner Orchester Linz, das Altsolo singt Petra Lang.
      Die Liveübertragung im Radiosender Ö1 (Livestream im Netz verfügbar) startet um 19:30 Uhr, das Konzert beginnt um 20:00 Uhr.

      Link zur Klangwolke:
      "http://www.klangwolke.at/index.php?option=com_content&view=article&id=111&Itemid=26"

      Link zur Ö1 Vorschau:
      "http://oe1.orf.at/programm/312526"
      Herzliche Grüße
      AlexanderK