L'homme-armé-Messen

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    • lothar schrieb:

      Karl Jenkins schrieb eine Messe "The Armed Man", in der er das Thema nutzte. Uraufführung meines Wissens im Juli 2000. Der Stil ist eher bombastisch und ganz sicher nicht Avantgarde. Aber wer Vaughan Williams sea-symphonie liebt kann hier auch mal rein hören. Das Thema hat seine Kraft ganz sicher noch nicht verloren. :)
      Das Thema hat sicher noch nicht seine Kraft verloren, aber hier ging es um die Alte Musik. Und auch da habe ich noch eine Handvoll Aufnahmen hier liegen.

      Ich denke, dass es bei den L'Homme armé Messen wie auch den Requiem-Vertonungen oder Lamentationen um so etwas wie "Meisterstücke" ging, Werke, wo Komponisten ihr Können zeigen wollten. Und ich finde es sehr interessant, wie diese Themen heute wieder aufgegriffen werden.

      lg vom eifelplatz, Chris.
    • eifelplatz schrieb:

      Das Thema hat sicher noch nicht seine Kraft verloren, aber hier ging es um die Alte Musik. Und auch da habe ich noch eine Handvoll Aufnahmen hier liegen.

      Hallo Chris,

      ich kenn kein zweites Werk mit dem Thema (L'homme armé) das nach ca. 1700 geschrieben wurde und betrachtete das daher durchaus als sinnvollen Beitrag, auch wenn Jenkins die Schublade "alte Musik bis zum Barock" eindeutig sprengt. Ich hab nicht vorausgesetzt, das dieser Komponist geläufig ist. Ich bin per Zufall auf die Messe gestoßen als Rundfunkbeitrag eines amerikanischen Radiosenders im Internet. Damals wurde eine tägliche Radiosendung als Podcast ins Netz gestellt und war für jedermann zugängig.

      Lothar
    • lothar schrieb:




      Hallo Chris,

      ich kenn kein zweites Werk mit dem Thema (L'homme armé) das nach ca. 1700 geschrieben wurde und betrachtete das daher durchaus als sinnvollen Beitrag, auch wenn Jenkins die Schublade "alte Musik bis zum Barock" eindeutig sprengt. ...

      Lothar
      Doch, gibt es. Vor ein paar Wochen habe ich meine Notizen und Lesezeichen zu diesem Faden gelöscht, darum nur noch der Hinweis auf die englische Wikipedia, die im Beitrag über den L'Homme armé unter dem Stichwort Modern Treatments einige Werke aufführt."http://en.wikipedia.org/wiki/L%27homme_arm%C3%A9

      Interessant ist natürlich die Frage, warum die Tradition der Kompositonen über das l'homme-armé-Motiv abbricht - aber das ist dann ein ganz anderes Thema.


      lg vom eifelplatz, Chris.
    • eifelplatz schrieb:

      Diese Missa L’Homme armé ist vierstimmig, aufgelockert durch Teile mit reduzierten Stimmen. Das Thema des l’homme armé erscheint schon sehr früh im Kyrie und zieht sich durch alle Sätze, oft wird es wie ein Kanon durch alle Stimmen geführt.
      Ich bin insofern ein fauler Mensch, als ich fast nie mit Noten Musik höre. Immerhin habe ich gestern die l'homme-armé-Melodie vor mir gehabt beim Hören, da ich bislang Schwierigkeiten hatte, viel davon mitzukriegen bei meinen 3 l'homme-armé-Messen (Busnois, Regis, Pipelare). Im Kyrie ist es wirklich einfach, das kommt ohne große Pausen, nur im Christe eleison ist l'homme-armé-Pause, von vorne bis hinten. Im Gloria habe ich auch auf die Titelmelodie gelauert und hatte dabei längere Durststrecken. Das hat mich aber etwas demotiviert, da ich dann nicht ausreichend auf die Musik gehört habe, sondern zu sehr auf der Lauer gelegen bin. Und von Kanons habe ich auch nichts bemerkt (bei Regis manchmal - zum Glück sind die l'homme-armé Motive ja nur ganz wenige und z.T. doch prägnant).

      Ich sollte mal auf die Suche nach den Noten gehen ... wo wird ein l'homme-armé-Partikel durch alle Stimmen gejagt? Ist das mit so großen zeitlichen Abständen, dass man den vorigen Einsatz schon wieder vergessen hat?
      :hide:
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    • eifelplatz schrieb:

      Der Autor des Caron-Artikels in der MGG (CD-Rom-Version) gerät bei der Beschreibung der Messe regelrecht ins Schwärmen:

      – Von den vier Messen Carons konnte nur die über L'homme armé untersucht werden; sie ist von
      denen Dufays und Busnois' über dasselbe Thema sehr verschieden. Während Busnois 3st. komp., verwendet Caron nur vier oder zwei St.; seine Duos zeigen Klarheit und kontrapunktische Feinheit. Das Thema L'homme armé bringt Busnois von Anfang bis Ende, Caron dagegen unterbricht es, indem er nur einen Teil für das Kyrie verwendet und den Rest für das Christe zurückstellt. Sein Stil ist viel wandlungsfähiger als der Busnois'; so tritt z.B. im T. das fanfarenartige Motiv re-re-sol drei- statt einmal auf; diese St. wird von Arabesken in den beiden Contra-St. umspielt, während der Superius eine Art Paraphrase über das Thema selbst singt (wie in der Chanson von Morton, die als originale Vorlage diente). Auf den Worten »Domine, fili unigenite« des Gloria entfaltet sich ein Zwiegesang von erlesener Reinheit; Terzen, Sexten, Dezimen verhüllen die strengen, fast kanonischen Imitationen. Die Satzweise des Credo ist gesuchter. – Caron zeigt in den Werken, die wir von ihm kennen, mehr Klarheit, größere Weite der Linienführung, mehr wirklich melodischen Sinn als manche seiner Zeitgenossen. Vielleicht als Rhetoriker weniger gewandt als Busnois, blieb er auch weniger in Formeln befangen; bei ihm finden sich keine »flourettes« und keine satztechnischen Kunststücke. Vielleicht konnte er nicht solche komplizierten Motetten und strengen Kanons konstruieren wie Busnois und Ockeghem,
      [Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Caron. Musik in Geschichte und Gegenwart, S. 12017
      (vgl. MGG Bd. 02, S. 861-862) (c) Bärenreiter-Verlag 1986]
      Gerade postete ich noch, dass Busnois im Christe eleison das l'homme-armé-Thema unterbricht.
      Immerhin das Kyrie habe ich auf IMSLP gefunden. Es ist schon so, wie ich sagte: Der Tenor pausiert das gesamte Christe eleison. Auch in den anderen Stimmen finde ich dort keinen bewaffneten Mann.
      "http://burrito.whatbox.ca:15263/imglnks/usimg/6/68/IMSLP65190-PMLP132712-Busnois__Antoine_-_Kyrie_from_Missa_L_homme_Arme_.pdf
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    • putto schrieb:

      Gerade postete ich noch, dass Busnois im Christe eleison das l'homme-armé-Thema unterbricht.


      Genau. Aber eben nur unterbricht. Und im 2. Kyrie dort mit der Melodie weitermacht, wo aufgehört. Bei Regis scheint das flexibler gehandhabt sein. Leider kenne ich die Regis-Messe nicht, um das zu prüfen.

      LG
      Tamás
      :wink:
      "Vor dem Essen, nach dem Essen,

      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato
    • Das von mir im Zitat Gefettete beschrieb doch die Unterbrechung als Unterschied bei Caron gegenüber Busnois. Das scheint ja nicht so ganz zu stimmen.
      :S
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    • L'homme-armé-Messen: Die "friedlichen" Engländer und Robert Carvor


      Wir schreiben das Jahr 1520. Ganz Westeuropa ist von bewaffneten Männern besetzt. Ganz Westeuropa? Nein! Ein tapferes kleines Volk harrt, passiven Widerstand leistend, auf seiner Insel aus und gibt sich pazifistischen Neigungen hin ...

      Nun gut, spätestens an dieser Stelle wird die Narration unplausibel. Gleichwohl stellt sich die Frage, warum die so überaus beliebte c.f.-Vorlage selbst zu Hoch[-]zeiten den englischen Kanal nicht zu überspringen vermochte und Britannien somit einen auffälligen weissen Fleck auf der armierten musiktopographischen Karte darstellt.

      Nachdem es in den letzten Dekaden des Hundertjährigen Krieges gelungen war, England weitestgehend vom Kontinent zu verdrängen, schien sich die englischen Oberschicht auch auf kulturellem Gebiet einem verstärkten Isolationismus hinzugeben - eine Tendenz, die durch die Rosenkriege noch forciert wurde. Selbst unter der Regentschaft des ziemlich frankophilen Heinrich VII. nahmen englische Komponisten nur zögernd kontinentale Einflüsse auf.

      Möglicherweise hatte der L'homme-armé-Cantus eine politische Konnotation. Ursprünglich mag er sich auf Karl den Kühnen bezogen haben, einem Verbündeten Englands. Zum Zenit des burgundischen Herzogtums war die cantus-firmus-Messe in England allerdings noch unbekannt; diese Form setzte sich kaum vor Beginn des 16. Jahrhunderts durch (das Prinzip der Parodiemesse schliesslich wurde überhaupt nicht adaptiert). Spätestens nach der Teilung Burgunds wurden die L'Homme-armé-Messen offenkundig mit Frankreich assoziiert; ausserhalb des französischsprachigen Raumes sind sie ganz überwiegend bei langjährigen politischen Partnern verbreitet.

      Also kaprizierten sich englische Komponisten, sofern sie überhaupt c.f.-Messen im engeren Sinne verfassten, auf heimische Vorlagen, deren bekannteste das Liebeslied "Western Wynde" ist. Und so verwundert es nicht, dass die einzige L'Homme-armé-Messe von britischen Gestaden aus Schottland stammt, wo man sich sowohl politisch als auch kulturell an Frankreich anzulehnen gedachte, getreu dem Motto, der Feind des Feindes sei ein Freund.

      Der Autor des in den 1520-er Jahren entstandenen Werkes ist Robert Carvor, zu diesem Zeitpunkt sehr wahrscheinlich an der Königlichen Kapelle in Sterling tätig. Es ist im Carvor Choirbook überliefert, wo sich neben schottischen und englischen Werken auch eines von Dufay findet. Mitunter wird vermutet, Carvor hätte einen Teil seiner Ausbildung in Flandern absolviert, wofür es jedoch keine Belege gibt. Zwar neigt der Komponist zu grossen Besetzungen nach englischem Muster (es liegen eine zehnstimmige Messe und eine neunzehnstimmige Motette vor), setzt aber die L'homme-armé bezeichnenderweise nur zu vier Stimmen, so wie es auf die Mehrzahl der in diesem Thread besprochenen Werke zutrifft.

      Obgleich die Musik oft als eine Art französisch-englischer Hybrid charakterisiert wird, überwiegen bei genauerer Betrachtung von Grundstruktur und Satztechnik m.E. die englischen Elemente deutlich - der grosse südliche Nachbar mag nicht beliebt gewesen sein, dem massiven kulturellen Einfluss konnte man sich gleichwohl nicht entziehen.
      Dem Sarum-Usus gemäss bleibt das Kyrie unvertont. Prägend sind Dreiklänge und Melismatik, die vollstimmigen Abschnitte wirken ziemlich dekorativ, die imitatorische Durcharbeitung erfolgt vor allem in den drei- oder zweistimmigen Passagen. Es dürfte wohl kein Zufall sein, dass diese Messe bald nach Josquins Super voces und Tavernes verdichteten Cantus-firmus-Messen Corona spinea und Tibi trinitatis entstand. Deren kontrapunktische Mesiterschaft erreicht sie nicht, will dies vielleicht auch nicht, sondern orientiert sich klanglich an älteren, doch abenteuerlustigen Komponisten der Eton-Choirbook-Generation, vor allem Davy, Lambe und Wylkynson.

      Der Cantus firmus selbst ist nur sporadisch präsent, wechselt zwischen den Stimmen, wird vor allem kanonisch-rhythmisch verarbeitet - auch dies eine englisch wirkende Vorgehensweise. Selbstverständlich findet sich die satztechnisch virtuoseste Passage im Agnus Dei, wo der c.f. im (nach heutiger Sichtweise) 9/4-Takt auf die anderen drei Stimmen trifft, die, jede für sich, völlig anders "getaktet" sind.

      Schon seit langem aus dem Katalog entschwunden ist die einzige Einspielung des Werks, entstanden im Rahmen einer dreiteiligen Gesamtaufnahme. Dies ist umso bedauerlicher, als dass die - natürlich schottische - Formation Capella Nova eine nicht nur in technischer HInsicht überzeugende Interpretation liefert (unter der Leitung von Tavener, der dankenswerterweise Alan heisst...)
    • Hier das Cover:



      Robert Carver
      Mass for six voices
      Mass "L'Homme armé" for four voices
      Cappella Nova
      D: Alan Tavener

      Nur gebraucht erhältlich.


      jd :wink1:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • lothar schrieb:

      Karl Jenkins schrieb eine Messe "The Armed Man", in der er das Thema nutzte. Uraufführung meines Wissens im Juli 2000. Der Stil ist eher bombastisch und ganz sicher nicht Avantgarde.
      Ich habe dieses Stück einmal live erlebt, am 05.06. 2015 in der St. Kasimir-Kirche in Vilnius/Litauen. Es war ganz GROßartig! Bombastisch vielleicht, aber lehnt sich anfangs doch auch sehr Alter Musik an.
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Josquin Dufay schrieb:

      Matthaeus Pipelare

      [...]
      Die vier Stimmen sind eher in den tieferen Lagen angesiedelt; vor allem der Baß geht sehr weit herunter (bis zum tiefen D). Pipelare verwendet die damals üblichen Verarbeitungstechniken, läßt den Cantus firmus durch die einzelnen Stimmen wandern oder wendet das Parodieverfahren an. Dabei entsteht ein sehr lichtes Klanggeflecht, welches besonders durch seine "tiefe" Strenge auffällt.
      Auffällig ist die ausgiebige Verwendung von Sequenzen und das etwas ausufernde Agnus Dei. Was wird parodiert? (Ich habe kein Booklet sondern den Huelgas-Würfel). Die bewaffneten Männer sind recht oft gut zu hören, und gestern konnte ich ganz gut sowohl auf sie achten als auch auf die übrigen Stimmen.
      :thumbup:
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    • Tschabrendeki schrieb:

      vom Huelgas-Ensemble; die bringt verschiedene Teile der sechs Messen:
      "http://www.amazon.com/Dissection-DUn-Homme-Arme-Burgundian/dp/B00000270F/ref=sr_1_3?ie=UTF8&s=music&qid=1298706305&sr=8-3"

      (hab kein Bild bei euren Werbepartnern gefunden)
      Hier das Cover:

      Link
      (P) 1991 Sony "Vivarte" SK 45860

      Dummerweise eine Einspielung, die nie wieder neu aufgelegt wurde... ;(
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