Berlioz: Les Troyens - Deutsche Oper Berlin, 6.3.2011

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    • Berlioz: Les Troyens - Deutsche Oper Berlin, 6.3.2011

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      Vor ein paar Jahren – zu Berlioz’ 100. Geburtstag – hatte man ja mal gehofft, das Hauptwerk der französischen Oper des 19. Jahrhunderts in Zukunft etwas häufiger auf den Bühnen erleben zu können. Aber Pustekuchen – nur alle paar Jahre gibt’s eine Neuinszenierung. In Berlin war vor etwa zehn Jahren eine Produktion mit Michael Gielen und Peter Mussbach an der Staatsoper geplant, die aber den Finanzquerelen geopfert wurde. So fiel es jetzt der Deutschen Oper zu, in Berlin nach 80 Jahren Pause mal wieder Les troyens auf den Spielplan zu setzen – anscheinend auf Betreiben von Chefdirigent Runnicles, der das Werk schon ein paarmal dirigiert hatte. Am 5. Dezember 2010 war Premiere gewesen, am vergangenen Sonntag wurde die Produktion wiederaufgenommen, mit veränderter Besetzung in den weiblichen Hauptrollen:

      Musikalische Leitung: Donald Runnicles
      Inszenierung: David Pountney
      Bühne: Johan Engels
      Kostüme: Marie-Jeanne Lecca
      Choreographie: Renato Zanella

      Énée: Ian Storey
      Cassandre: Anna Caterina Antonacci
      Didon: Daniela Barcellona
      Anna: Liane Keegan
      Chorèbe: Markus Brück
      Narbal / Hektors Geist: Reinhard Hagen
      Iopas / Hylas: Gregory Warren
      Ascagne: Jana Kurucová


      Ein großes Ärgernis vornweg: Bis zum Ende des dritten Akts wähnte ich mich in einer ungekürzten Aufführung. Aber dann: Nach der Chasse Royale im vierten Akt erklang plötzlich völlig unzusammenhängend der Chanson des heimwehkranken Hylas vom Anfang des fünften Akts, anschließend das (um den Tanz der Sklaven gekürzte) Ballett des vierten Akts. Erst dann Einzug der Dido und ihres Gefolges. Der fünfte Akt begann direkt mit der Szene der reisewilligen Trojaner, wodurch ein direkter Bezug zu den Italie!-Rufen am Ende des vierten Akts hergestellt wurde. Die weitgehend mit grottenschlechtem Tanz ausgefüllte erste halbe Stunde des vierten Akts erschien so aber völlig zusammenhanglos und machte das Publikum sicht- und hörbar ratlos. Vor allem war die gesamte Szene mit Anna und Narbal gestrichen worden, was die Figur des Ministers im Kontext des Dramas fast vollständig amputierte. Was für ein Blödsinn!

      Ich beginne mit dem erfreulichsten Teil: Dirigent Donald Runnicles merkte man die Vertrautheit mit dem Stück an – da saß alles, das Orchester spielte hochkonzentriert. Die Höhepunkte waren durchweg effektvoll herausgearbeitet, man spürte die Pranke des Theaterdirigenten. Bloß knallig war es aber nie, sondern sehr differenziert in der Dynamik, mit tollen Klangmischungen und Soli (die Andromache-Szene gelang orchestral großartig). Vielleicht wäre manchmal ein noch lichterer Orchesterklang möglich gewesen.

      Der mehrfach prämierte Chor der Deutschen Oper verpatzte gleich seinen ersten Einsatz, auch war anfangs der Klang nicht ganz homogen – ich hörte deutlich einzelne Leitwölfe/-wölfinnen der Stimmlagen heraus. Das legte sich aber rasch, insgesamt eine vorzügliche Leistung.

      Bei den Sängern ist an erster Stelle Anna Caterina Antonacci in der Rolle der Kassandra zu nennen, die sie auch schon in der Pariser Gardiner-Produktion gesungen hatte. Stimmlich souverän, machte sie die psychische Ausnahmesituation der Figur hier in Berlin noch deutlicher als vor acht Jahren. Da fiel auch ein schwerer Texthänger am Ende des ersten Akts kaum ins Gewicht. Daniella Barcellona (Dido) habe ich zum erstenmal gehört: eine volle, in der Höhe etwas scharfe und wenig modulationsfähige, aber sicher geführte Mezzo-Stimme. Nicht ideal für die Partie, aber absolut rollendeckend. Ian Storey als Aeneas blieb in den ersten drei Akten eher unauffällig, lief nach der zweiten Pause aber mit diversen Tenor-Unarten leider zu voller Form auf: im eigentlich recht intimen Liebesduett Nuit d’ivresse schmetterte er mit allen Kräften, stellte die hohen Töne aus und zwang damit auch seine Partnerin zum Forcieren. Beide schafften es fast, das von Runnicles auch hier sensibel geführte Orchester zu übertönen – eine selten gehörte Leistung. Storey übertraf sich später dann noch selbst, als er seine große Soloszene im fünften Akt im Dauerfortissimo durchbrüllte, was vom Publikum erwartungsgemäß heftig akklamiert wurde. Bei den mittleren und kleinen Partien könnte man Stadttheaterniveau konstatieren, mal besser (der szenisch schwer phlegmatische Markus Brück als Chorèbe), mal durchschnittlich (Liane Keegan als ebenfalls eher unbewegliche Anna), mal mies (Gregory Warren in der unseligen Doppelrolle Iopas/Hylas). Darsteller und Sänger von Hektors Geist agierten getrennt, Reinhard Hagen sang im zweiten Akt aus dem weit entfernten Off, wodurch die geniale Szene wieder mal richtig verschenkt wurde (da ist die dämliche Mikrophonverstärkung bei Gardiner ja noch besser).


      Was ist Regisseur David Pountney und seinem Team zur Oper eingefallen? Zwei bemerkenswerte Szenen: Beim Liebesduett im vierten Akt schweben die beiden Sänger als Gestirn vor sternenübersätem Hintergrund über der Bühne, während unten ein jüngeres Paardouble Softsex praktiziert – eine immerhin bedenkenswerte Trennung von himmlischer und irdischer Liebe. Das Ende des fünften Akts inszeniert Pountney im gleichen Bühnenbild wie der Massenselbstmord im zweiten Akt: Dido wird sozusagen von Kassandra im Totenreich empfangen und es ist nur folgerichtig, dass Kassandra (und nicht die leibliche Schwester Anna) die Worte Ma sœur! singt – eine schöne und berührende Illustration der Analogie zwischen den beiden Frauenfiguren.

      Ansonsten wirkt die leergeräumte Szene, wenn überhaupt, durch grelle, plakativ gegeneinandergesetzte Farben und einige Ausstattungseffekte (das überdimensionale trojanische Pferd, Trockennebel bei Geistererscheinungen usw.). Beim Chor gab es einige Ansätze zu einer Choreographie, die aber schnell verläpperten. Die Sänger waren den größten Teil der Zeit sich selbst überlassen.

      Das größte Ärgernis aber stellten die vom ehemaligen Wiener Ballettchef Renato Zanella choreographierten Tanszenen dar: läppisch im ersten, bemüht humoristisch im dritten Akt. Im vierten Akt waren sowohl die Chasse Royale wie das unmittelbar anschließende Ballett den Tänzern überlassen: eine derartig konventionelle, einfallslose, langatmige, schlecht getanzte und jeden Bezug zum Stück ignorierende Choreographie habe ich noch selten gesehen.

      Wie gesagt: Nach den ersten drei Akten glaubte ich noch, einer musikalisch guten und szenisch nicht allzu schlimmen Interpretation der Trojaner beizuwohnen. Dann aber machte sich bei mir Enttäuschung breit. Das Publikum schien zufrieden zu sein, als (weil?) der Abend zu Ende war.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • :mlol: :mlol: ja, das Ballett: Ich tanze meinen Namen und meine Mitgliedsnummer bei der Krankenkasse. Ich gehe trotzdem in eine weitere Vorstellung, weil ich nach Petra Lang auch Caterina Antonacci hören möchte.
      Ian Storey ist leider ein Wermutstropfen. Ich hatte gehofft, nach soviel Brüllerei ist er eventuell indisponiert in den folgenden Vorstellungen.
      calisto
    • calisto schrieb:

      :mlol: :mlol: ja, das Ballett: Ich tanze meinen Namen und meine Mitgliedsnummer bei der Krankenkasse.


      Immerhin gab es einige spontane Buhrufe. Waren wahrscheinlich die Privatversicherten.


      Ich gehe trotzdem in eine weitere Vorstellung, weil ich nach Petra Lang auch Caterina Antonacci hören möchte.


      Aber nicht gleich in der ersten Pause weggehen. :D

      Antonacci ist gar nicht mal meine Lieblingssängerin, aber für die Rolle der Kassandra ist sie nicht nur stimmlich prädestiniert - sie hat auch eine beachtliche Bühnenpräsenz. Was man von Daniella Barcellona leider nicht sagen kann.


      Ian Storey ist leider ein Wermutstropfen. Ich hatte gehofft, nach soviel Brüllerei ist er eventuell indisponiert in den folgenden Vorstellungen.


      Das funktioniert bei Storey wahrscheinlich wie der Muskelaufbau: Durch ständiges Training wird die Stimme noch stärker... :pinch:


      Viele Grüße

      Bernd
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