Mozart, Entführung aus dem Serail, Komische Oper Berlin, Wiederaufnahme 16.03.2011, Bieito

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    • Mozart, Entführung aus dem Serail, Komische Oper Berlin, Wiederaufnahme 16.03.2011, Bieito

      Ich war eben in Berlin in der KOB, um mir endlich mal eine ältere Bieito Inszenierung anzusehen. Es war die 40. Aufführung seiner Interpretation von Mozart's Entführung seit der Premiere am 20. Juni 2004.

      Ich kann nichts dazu sagen, inwieweit dies noch mit seiner ursprünglichen Version übereinstimmt, wenn ich mir aber die Bewertung "ab 18" ansehe, und das mit dem vergleiche, was ich auf der Bühne sah, so denke ich, daß der Skandal früher größer war, als das, was wir inzwischen gewohnt sind... Ich würde "ab 16" draus machen, frage mich aber immer noch, ob es ggfls. inzwischen entschärft wurde.

      Zu Bieito Inszenierungen ist prinzipiell anzumerken, daß sie je nach Opernhaus eine ganz spezifische Anmutung haben. In Freiburg (La vida breve, Aus Deutschland) sind viele "Baumeister"-Bühnenbilder zu erleben, in Berlin erleben wir extrem offene und freizügige Sänger, sowohl in der Armida, als auch hier in der Entführung.

      Zum Bühnenbild: Wir befinden uns in einem Bordell, oder besser gesagt, auf der Reeperbahn, denn wir sehen jede Menge Prostituierte in ihren Glaskästen sitzen. So sind die Proszeniumslogen rechts und links neben der Bühne zu solchen umfunktioniert, und auch auf der Bühne finden wir drei Glascontainer, sowie einen Glasturm, in denen unterschiedliche Einrichtungen zu finden sind: Ein Container hat eine Dusche, einer hat einen Gynäkologenstuhl, und einer hat eine Couch mit Couchtisch davor. In dem Glasturm finden wir die obligate Tanzstange. Und dann steht noch eine offene Couchlandschaft auf der Drehbühne, die sich je nach Aktion oder Lokation dreht. Über den Glaskästen rechts und links gibt es Textlaufbänder, die Texte aus dem Libretto zitieren, und als Anpreisung der Prostituierten dient. Über diesen beiden Glaskästen, also in den Logen darüber finden sich je 2 Monitore, die einen Werbefilm für ein starkes alkoholisches Getränk, einen Nagellack sowie eine Zigarettenmarke in einer Endlosschleife zeigen, alle vier vollkommen synchron, der Stil der Werbung erschien mir Antonioni-esk, ich dachte an "La Famiglia" als Zitat-Quelle... Über dem Glasturm war auch noch ein Textlaufband, das als Anpreisung den Sex mit 18-jährigen als Thema hat.

      Das Libretto wurde bearbeitet, und hatte so Texte, die dem Sprachgebrauch von heute zuzuordnen sind.

      Bevor ich weiter auf die Inszenierung eingehe, erstmal die Auflistung der Akteure:

      Musikalische Leitung: Patrick Lange
      Inszenierung: Calixto Bieito
      Bühnenbild: Alfons Flores
      Kostüme: Anna Eiermann
      Video-Film: Rebecca Ringst
      Chöre: André Kellinghaus
      Dramaturgie: Antje Kaiser, Pablo Ley
      Spielleitung: Werner Sauer
      Licht: Franck Evin

      Gesungen haben:

      Bassa Selim: Guntbert Warns
      Konstanze: Brigitte Geller
      Blonde: Julia Giebel
      Belmonte: Finnur Bjarnason
      Pedrillo: Thomas Ebenstein
      Osmin: Jens Larsen

      Am Trapez: Yutah Lorenz
      Video-Darstellerin: Jeannette Höldtke

      Eine weitere Anmerkung: Die KOB hat eine neue Bestuhlung, diese zeichnet sich dadurch aus, daß man in der Lehne des Sitzes vor einem die Texteinblendung finden kann, in Originalsprache oder englischer Übersetzung. Man kann es aber auch ganz ausschalten. In den Sitzen, die keine weitere Reihe vor sich haben, findet sich das Ganze dann in der Balustrade vor einem, so daß also auch dort eine individuelle Librettoverfolgung möglich ist.

      Die Einstimmung in den Ablauf der Oper beginnt mit einer Akrobatikdarstellung an einem von der Bühnendecke herabgelassenen Trapez, sowie einer Diskoglitzerkugel, die im Zuschauerraum mit buntem Licht bestrahlt wird, und so den Zuschauerraum mit Glitzereffekten bestrahlt. Die Trapeznummer sowie die Beleuchtung der Diskokugel endet dann mit dem Ende der Overtüre.

      Diese Inszenierung (und ich kann sie mit keiner anderen Entführungsinszenierung vergleichen, weil ich mich an keine andere mehr erinnern kann, ich habe wohl mal eine vor Jahrzehnten in Wiesbaden gesehen, das war's dann aber auch) lebt davon, daß konsequent das Bordell-Milieu umgesetzt wird, und zwar in heutiger Zeit. Zum Ablauf der Handlung muß ich, glaube ich, nichts Spezielles erwähnen, die Handlung setze ich also mal als bekannt voraus. Diese Umsetzung ins heutige Bordellmilieu gelingt ganz ausgezeichnet, und macht die Oper extrem aktuell. Was wohl 2004 die "ab 18" Bewertung hervorrief, war die Gewalt, die den Prostituierten gegen Ende zugefügt wird, mit Messern wird die Blonde zum Schluß erst "geritzt", dann erstochen, und zum Schluß wird ihr noch die Brustwarze abgeschnitten. Zuvor wurden noch alle anderen Prostituierten des Bordellbetriebs erschossen.

      Bieito hat, wie fast immer, ein negatives Bild von der Erlösbarkeit aus der Qual des Hier und Jetzt. So ist, obwohl überlebend, Konstanze keine Gewinnerin, und erschießt sich daher konsequenterweise selbst zum letzten Ton der Oper.

      Ich weiß nun nicht, warum mir diese sowie die andere KOB Bieito Inszenierung, die ich bisher sah, bisher als "konsequenteste" Umsetzung eines Regiekonzeptes vorkommen, liegt es an der KOB, oder liegt es daran, daß beides frühere Inszenierungen von ihm waren, als all die anderen, die ich bisher gesehen habe, auf jeden Fall finde ich, daß es sich lohnt, diese Inszenierung anzusehen, und sicherlich sogar mehr, als seine Parsifal Inszenierung, die ich mir am Sonntag dann nochmals (dann zum dritten Mal) ansehen werde. Leider komme ich leichter nach Stuttgart, als nach Berlin, und "leider" ist mir Wagner näher als Mozart, dennoch: von der inszenatorischen Leistung gefallen mir Armida und Entführung neben der Freiburger La Vida breve am Besten.
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Martern aller Arten

      (...)mit Messern wird die Blonde zum Schluß erst "geritzt", dann erstochen, und zum Schluß wird ihr noch die Brustwarze abgeschnitten


      Die geschilderte Szene hat mit Blonde nichts zu tun. Während der sog. "Martern"-Arie, foltert Osmin eine Prostituierte, um Konstanze zu zeigen, was ihr bevorstehen könnte. Die Ermordung der Prostituierten steht am Ende der Folterungen. Die Situation, wo der lebenden Frau die Brustwarzen abgeschnitten werden, gehört zum brutalsten, was in dieser Inszenierung zu sehen ist. Wie auch immer man zu dieser "Entführung" stehen mag: sie ist in ihrer Bildsprache von einer unglaublichen Direktheit und Konsequenz und verlangt von den Sängerinnen und Sängern ein hohes Mass an körperlichem Einsatz. Das gilt für den Darsteller des Osimn (ich habe Jens Larsen und Andreas Hörl gesehen und gehört), der gleich zu Beginn splitterfasernackt über die Bühne hüpft und sein "Wer ein Liebchen hat gefunden" unter der Dusche singen wird genauso, wie den Belmonte, der in travestitischer Verkleidung auf Stilettos über die Bühne stöckelt oder die umwerfende Brigitte Gellert als Konstanze. Guntbert Warns, der einen sehr ambivalenten Charakter als Bassa Selim zu spielen hat (und der Schauspieler ist wirklich einiges an Publikumsreaktionen gewohnt) musste sich schon als "Schwein" aus dem Zuschauerraum heraus beschimpfen lassen, was für ihn, nach eigener Aussage, dann doch eine neue Erfahrung war. Diese "Entführung", die bei der Premiere heftige Reaktionen provoziert hat, ein Sponsor wollte sich sofort aus der Förderung solcher Produktionen herausziehen, ist längst ein Kultstück geworden und sicher eine der besten Inszenierungen, die Bieito überhaupt gemacht hat.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano, Du hast natürlich Recht.

      Ich sollte solche Beiträge nicht des Nachts verfassen, wenn auf dem Flur vor meinem Hostelzimmer eine Bande Jugendlicher soviel Lärm macht, daß ich nicht schlafen kann... ;) Andererseits gab es Dir ja die Möglichkeit, noch Dinge zu ergänzen, was mich sehr freut, denn die KOB führt diese Entführung unter "Repertoire" und nicht unter "Wiederaufnahme", so daß man sie sich sicherlich noch immer wieder wird ansehen können, und sie lohnt sich auf jeden Fall! Und daher gehört eine Besprechung auf jeden Fall hierher ins Forum!

      Apropos Jugendliche: Im Publikum waren mindestens zwei Schulklassen, die sich dann wohl mit der Inszenierung auseinander setzen werden, beim Rausgehen hörte ich einige der Schüler sagen, daß sie es als nicht so schlimm oder brutal empfunden haben, wie sie es sich im Vorfeld vorgestellt hatten. Und neben mir im Rang, erste Reihe, saß eine Frau, die sagte, daß sie normalerweise im Parkett ganz vorne sitze, diesmal aber absichtlich wegen des "angekündigten spritzenden Blutes" lieber Abstand nehmen wollte... Dieser Inszenierung geht also immer noch ein recht martialischer Ruf voraus.

      Um dazu zurückzukehren. Eine weitere heftige Szene ist eine brutale Vergewaltigung einer Prostituierten (oder war es sogar Konstanze? Ich hätte gerne Dein wunderbares Gedächtnis, lieber Alviano!), aber auch diese ergibt sich logisch aus dem Ablauf der Handlung!

      Unter: "http://www.komische-oper-berlin.de/spielplan/die-entfuhrung-aus-dem-serail/" gibt es mehr dazu zu lesen, u.A. ein Interview mit Bieito zu dieser Inszenierung. Und Bilder dazu gibt es auch, unter: "http://www.komische-oper-berlin.de/spielplan/die-entfuhrung-aus-dem-serail/bilder/" Einen Video-Trailer gibt es auch unter: "http://www.komische-oper-berlin.de/spielplan/die-entfuhrung-aus-dem-serail/trailer/"

      Also: Hingehen, es ist eine wirklich beeindruckende Inszenierung!

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
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      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • pfuetz schrieb:

      Zum Ablauf der Handlung muß ich, glaube ich, nichts Spezielles erwähnen, die Handlung setze ich also mal als bekannt voraus. Diese Umsetzung ins heutige Bordellmilieu gelingt ganz ausgezeichnet, und macht die Oper extrem aktuell. Was wohl 2004 die "ab 18" Bewertung hervorrief, war die Gewalt, die den Prostituierten gegen Ende zugefügt wird, mit Messern wird die Blonde zum Schluß erst "geritzt", dann erstochen, und zum Schluß wird ihr noch die Brustwarze abgeschnitten. Zuvor wurden noch alle anderen Prostituierten des Bordellbetriebs erschossen.

      Die Handlung der "Entführung aus dem Serail" kenne ich in der Tat, aber wenn du etwas Spezielles zu deren Ablauf in dieser Inszenierung erwähnen könntest, fände ich das sehr interessant. Die "Entführung" von Stephanie/Mozart hat ja ein dezidiert humanistisches, ein positiv versöhnendes Ende. An diese verbindende Kraft der Humanität scheint Bieto nicht zu glauben, offenbar wendet er diesen Dramenschluss in das Gegenteil um. Nun bin ich eigentlich davon überzeugt, dass ein Regiesseur ebenso seine Interpretation des vorgegebenen Textes darzustellen hat, wie ein Musiker seine Interpretation des Notentextes, nicht einen Kommentar auf einer Metaebene. Aber das ist eine Grundsatzüberlegung, die ich jetzt gar nicht diskutieren will.
      Was mich aber interessiert ist, wie Bieto diesen umgedeuteten Schluss plausibel aus der Handlung heraus entwickelt. Die Ansiedlung der Handlung im modernen Bordellmilieu und die Gewalt gegen Prostituierte kann ich mir vorstellen, dass ist ja nun eigentlich nur eine drastische Darstellung dessen, was Stephanie und Mozart implizieren. Aber wer bringt warum Blondchen um, nachdem der Bassa ausdrücklich bestätigt hat, auch sie solle in ihr Vaterland zurückkehren? Das kann ja nur ganz am Ende geschehen, Blondchen ist am Schlussvaudeville ja noch beteiligt. Sie bedankt sich mit den Anderen für ihre Freilassung und wird dann von den Bedienten eben des Mannes, der sie gerade frei gelassen hat, blutig dahin gemetzelt? Wie lässt sich das aus dem Text plausibel entwickeln?
      Ebenso verständnislos stehe ich vor dem Selbstmord Konstanzes. Sie kämpft das gesamte Stück hindurch mit großer Kraft und Stärke dafür, mit ihrem wahren Geliebten wieder vereint zu sein. Sie ist sogar bereit, für ihn zu sterben: "Belmont! Du stirbst meinetwegen, ich nur zog dich ins Verderben und ich soll nicht mit dir sterben? Wonne ist mir dies Gebot!". Dann aber wendet sich das Schicksal (das ist noch keine Interpretation, sondern bloß der Handlungsverlauf, sie und ihr Geliebter werden frei gelassen, sie bekommt, wofür sie die ganze Zeit gekämpft hat. "Nie werd ich im Genuss der Liebe vergessen, was der Dank gebeut, mein Herz, der Liebe nur geweiht, hegt auch dem Dank geweihte Triebe. Wer so viel Huld vergessen kann, den seh man mit Verachtung an!". Und dann erschießt sie sich? Am Ziel ihrer Wünsche angekommen, blickt sie in ihre glückliche Zukunft und begeht Selbstmord? Wie lässt sich das plausibel aus dem Text entwickeln?
      Das soll, wohlgemerkt, keine Kritik an Bietos Inszenierung sein, die ich nur durch Berichte kenne. Aber es scheint mir da in deiner Argumentation doch, wenn man den Text kennt, ein gewisser Widerspruch zu liegen!
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Dazu kurz Bieito selbst, aus "http://www.komische-oper-berlin.de/spielplan/spielplan-2010-11/2011-03-24/die-entfuhrung-aus-dem-serail/interview/":


      Auch die anderen Figuren sind deformiert vom Leben in Bassas Bordell. Sie zeigen, dass im berühmten Quartett von Belmonte, Konstanze, Pedrillo und Blonde die Frage aufkommt: Was ist mit der Liebe, was ist mit uns geschehen? Wie konnte das passieren? Wer bist du? Diese Situation wächst weit über die konkrete Situation im Bordell, das die vier verlassen wollen, hinaus.

      Calixto Bieito: Ja, so passiert das in unser aller Leben. Deshalb suche ich, gemeinsam mit den Sängern, so sehr danach, im Quartett Verwirrung und Bestürzung deutlich zu machen. Zwischen den Liebenden entsteht da plötzlich eine große Leere. Und darin taucht die erschreckende Erkenntnis auf, dass sie keine Zukunft haben. Mit dieser Idee bauen wir den gesamten dritten Akt. Es ist eine interessante Arbeit: das Desolate der Figuren und ihrer Situation darstellerisch und aus der Musik heraus zu erfassen.
      Es wäre gut, wenn die Geschichte am Ende ganz offenbliebe.

      Verliert nicht Belmonte am meisten seine Identität? Frisch in die Situation im Bordell dazugekommen, durchlebt er in Kürze ein enormes Spektrum von Verwirrungen und stößt auf den Zynismus, dem die anderen mittlerweile erlegen sind.

      Calixto Bieito: Belmonte verliert seine Identität schon sehr früh, weil er sich als Transvestit verkleiden muss, um überhaupt ins Bordell hineinzukommen. Aber er kommt auch mit einer großen Naivität und Ursprünglichkeit herein, die Schaden erleiden. Am Ende fragt man sich doch, wie er mit Konstanze nach Hause fahren und der gute Sohn seiner Mutter sein sollte. Das ist unmöglich.


      Hilft das?

      Matthias
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    • Laß es mich noch so ergänzen: Der Schuß, mit dem sie sich selbst ermordet, kommt überraschend und erschreckend, im Nachinein aber folgerichtig.
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
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    • Danke, Pfuetz, für diese Zitate von Bieto, die in der Tat ganz gut zeigen, welche Grundannahmen er seiner Interpretation des Stückes zu Grunde legt. Ich finde sie nicht uninteressant, sie regen ohne Zweifel zum Nach- und Hinterfragen an. So ganz nachvollziehen kann ich Bietos Argumentation allerdings nicht.

      pfuetz schrieb:

      Und darin taucht die erschreckende Erkenntnis auf, dass sie keine Zukunft haben. Mit dieser Idee bauen wir den gesamten dritten Akt. Es ist eine interessante Arbeit: das Desolate der Figuren und ihrer Situation darstellerisch und aus der Musik heraus zu erfassen.

      Das Quartett am Ende des zweiten Aktes sieht Bieto also als Wendepunkt, an dem klar wird, dass die Liebe der beiden Paare keine Zukunft hat. In diesem Quartett zweifeln Belmonte und Pedrillo plötzlich an der Treue ihrer Freundinnen, sie stellen ihren Fluchtplan in Frage, meintewegen auch ihre Beziehungen. Aber was passiert dann? Auf ganz unterschiedliche Weise können Konstanze und Blondchen diese Zweifel zerstreuen, man redet miteinander, man setzt sich auseinander und kommt zu dem Schluss: "Es lebe die Liebe nur sie sei uns teuer, nichts fache das Feuer der Eifersucht an!". Immer wieder wird das wiederholt, in rauschhaftem Tempo und thriumphalem D-Dur, ein unerhörter Sieg der Liebe und des Vertrauens über Eifersucht und Zweifel! Die "erschreckende Erkenntnis, dass sie keine Zukunft haben" wird verdrängt vom Vertrauen in die Kraft der Liebe. Dieses Gefühl dominiert dann auch im dritten Akt. "Ich baue ganz auf deine Stärke, vertrau, o Liebe deiner Macht. Denn ach, was wurden nicht für Werke, schon oft durch dich zu Stand gebracht. Was aller Welt unmöglich scheint, wird durch die Liebe doch vereint". Das sagt/singt Belmonte im dritten Akt, das sagt der Text. Was sagt Bieto: "Zwischen den Liebenden entsteht da plötzlich eine große Leere. Und darin taucht die erschreckende Erkenntnis auf, dass sie keine Zukunft haben. Mit dieser Idee bauen wir den gesamten dritten Akt". Verzeihung, aber ich habe den Eindruck, da nimmt jemand den Text nur in so weit zur Kenntnis, wie er in die eigene Auslegung passt!

      pfuetz schrieb:

      Belmonte verliert seine Identität schon sehr früh, weil er sich als Transvestit verkleiden muss, um überhaupt ins Bordell hineinzukommen.

      Wenn man den als Grundannahme nimmt, dass Belmonte "sich als Travestit verkleiden muss, um überhaupt ins Bordell hineinzukommen", liegt der Gedanke nahe, dass er sich seiner eigenen Identität schon von Anfang an nicht sicher ist. Aber diese Grundannahme ist ja nicht aus dem Text heraus entwickelt, sondern von außen an ihn heran getragen! :shake:

      pfuetz schrieb:

      Am Ende fragt man sich doch, wie er mit Konstanze nach Hause fahren und der gute Sohn seiner Mutter sein sollte. Das ist unmöglich.

      Warum? Das ist erteinmal eine bloße Behauptung, kein Argument. Ich behaupte das Gegenteil, das ist sehr gut möglich, er ist immerhin am Ziel seiner Wünsche angekommen!

      Und all das beantwortet immer noch nicht die Frage, warum der Bassa Blondchen erst sich "vom Halse schaffen" (so sagt er es zum grummelnden Osmin) will, und sie dann auf butale Weise ermorden lässt. Und warum Konstanze sich, als sie erreicht hat, wofür sie mit ungeheurer Stärke gekämpft hat, mitten in ihren glückseligen Zukukunftsplänen erschießt. Und wie sich das logisch aus dem Text entwickeln lässt...

      Ich finde diese Diskussion sehr interessant, weil sie auch die Interpretation des vielschichtigen Librettos von Stephanie und Mozart (der an diesem Text offenbar so viel mitgearbeitet hat wie an keinem anderen seiner Operntexte) berührt. Wenn sie sich, was ich doch hoffe, noch weiter entspinnt, kann man sie bei Gelegenheit ja vielleicht auch in den entsprechenden Thread zur Oper verschieben, oder?
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Immer wieder wird das wiederholt, in rauschhaftem Tempo und thriumphalem
      D-Dur, ein unerhörter Sieg der Liebe und des Vertrauens über Eifersucht
      und Zweifel! Die "erschreckende Erkenntnis, dass sie keine Zukunft
      haben" wird verdrängt vom Vertrauen in die Kraft der Liebe.
      Das höre ich aber anders. Erstmal heißt es im Text "Es lebe die Liebe, nur sie sei uns teuer!" Wohlgemerkt, "sei", Konjunktiv. Hier ist es also nötig sich auf etwas einzuschwören, was a priori erstmal nicht (bzw. nach der Nachfrage der Männer nicht mehr) gegeben ist. Und dann weiter "Nichts fache das Feuer der Eifersucht an!" Wieder Konjunktiv mit Wortwiederholung auf "Nichts". Und dann ein subito piano auf "Nichts! Nichts! Nichts! Nichts!" Also ein "Bitte nicht jetzt auseinanderbrechen, wir brauchen einander doch." Wie oft wird eigentlich das Wort "Liebe" wiederholt? Viermal oder so? Und wie oft das Wort Eifersucht ("der Eifersucht an, der Eifersucht an, der Eifersucht an!")? Mindestens doppelt so oft!
    • Alviano schrieb:

      oder die umwerfende Brigitte Gellert als Konstanze.


      Cherubino schrieb:

      Aber wer bringt warum Blondchen um, nachdem der Bassa ausdrücklich bestätigt hat, auch sie solle in ihr Vaterland zurückkehren? Das kann ja nur ganz am Ende geschehen, Blondchen ist am Schlussvaudeville ja noch beteiligt. Sie bedankt sich mit den Anderen für ihre Freilassung und wird dann von den Bedienten eben des Mannes, der sie gerade frei gelassen hat, blutig dahin gemetzelt?


      Cherubino schrieb:

      Und all das beantwortet immer noch nicht die Frage, warum der Bassa Blondchen erst sich "vom Halse schaffen" (so sagt er es zum grummelnden Osmin) will, und sie dann auf butale Weise ermorden lässt.


      Guten Tag, bin ganz neu hier und beeindruckt von dem Ernst und Kenntnisreichtum, mit dem hier diskutiert wird.



      In der Tendenz stimme ich zu, dass es sich bei dieser Produktion um eine besonders intensiv und sorgfältig gearbeitete handelt. Das szenische (wo sprechen Opernsänger besser Dialoge?) und musikalische Niveau ist hoch, wohl auch deshalb, weil fünf der sechs Protagonisten schon der Premieren- bzw. "B-Premieren"-besetzung 2004 angehörten, so auch Brigitte Geller (ohne "t" am Ende), die in der Tat "umwerfende" Konstanze, sicher eine der besten Rollenvertreterinnen derzeit überhaupt (und es gibt viele gute!). Das hat sie übrigens auch in anderen Produktionen (zB als Einspringerin in der Staatsoper 2009) unter Beweis gestellt.



      Erstaunt bin ich, dass offenbar doch einige Teile der Inszenierung undeutlich bleiben und falsche Wahrnehmungen entstehen: Weder wird Blonde erstochen/erschossen noch gar Konstanze vergewaltigt. Letzteres würde zum Kern der Inszenierung auch überhaupt nicht passen, denn Bassa Selim will von dieser Frau ja etwas ganz anderes. Die während der Marternarie gefolterte Prostituierte ist namenlos, und Blonde erschiesst ihrerseits Osmin - das greift das musikalisch abrupte Ende seiner Tirade im Vaudeville szenisch auf.



      Die Bordellszenerie ist letztlich nur der Rahmen, um den hier behandelten Grundkonflikt ("Als ob man Liebe anbefehlen könnte" - Liebe und Machtausübung schließen sich aus) nach Art einer Versuchsanordnung exzessiv durchzuspielen. Schön wärs, mal "Cosi fan tutte" von Bieito zu sehen...



      Insgesamt jedenfalls ein besonders intensives Mozart-Erlebnis, auch dank der dramatisch-zupackenden musikalischen Einstudierung unter Patrick Lange. Die sehr dominate Szene braucht eine vollmundige musikalische Replik.
    • Konrad Nachtigall schrieb:

      Immer wieder wird das wiederholt, in rauschhaftem Tempo und thriumphalem
      D-Dur, ein unerhörter Sieg der Liebe und des Vertrauens über Eifersucht
      und Zweifel! Die "erschreckende Erkenntnis, dass sie keine Zukunft
      haben" wird verdrängt vom Vertrauen in die Kraft der Liebe.
      Das höre ich aber anders. Erstmal heißt es im Text "Es lebe die Liebe, nur sie sei uns teuer!" Wohlgemerkt, "sei", Konjunktiv. Hier ist es also nötig sich auf etwas einzuschwören, was a priori erstmal nicht (bzw. nach der Nachfrage der Männer nicht mehr) gegeben ist. Und dann weiter "Nichts fache das Feuer der Eifersucht an!" Wieder Konjunktiv mit Wortwiederholung auf "Nichts". Und dann ein subito piano auf "Nichts! Nichts! Nichts! Nichts!" Also ein "Bitte nicht jetzt auseinanderbrechen, wir brauchen einander doch." Wie oft wird eigentlich das Wort "Liebe" wiederholt? Viermal oder so? Und wie oft das Wort Eifersucht ("der Eifersucht an, der Eifersucht an, der Eifersucht an!")? Mindestens doppelt so oft!

      Ich gebe dir völlig Recht, Konrad Nachtigall, und widerspreche dir doch auch. Ich finde, beide Interpretationen sind zulässig. Der Konjunktiv im Text ist sicher ein starkes Argument dafür, der Sicherheit nicht zu trauen, Mozarts Vertonung (D-Dur, volles Orchester mit Blech und Pauken, überwiegend homophone Führung der vier Gesangsstimmen, schnelles Tempo, Vierertakt mit klaren Betonungen auf dem Schlag etc.) kann man sich auch so klicheehaft finden, dass man sie als hohles Geklingel versteht, dem nicht zu trauen ist. Ich kenne eine solche Interpretation dieser Stelle und kann sie nachvollziehen.
      Ich finde aber, sie ist nicht die einzig mögliche Interpretation. Man kann Mozarts Vertonung auch durchaus affirmativ hören, nicht den Wortsinn konterkarierend, man kann den Konjunktiv auch als entschlossenen Blick in die Zukunft (so soll sie sein, unsere gemeinsame Zukunft) lesen, nicht als ängstliches Verharren. Beide Interpretationen lassen sich meiner Meinung nach aus dem Text begründen.
      Im dritten Akt aber, der ja am Abend des selben Tages spielt, ist von den etwaigen Zweifeln, so man sie denn in das Finale des zweiten Aktes hineinlesen möchte, plötzlich nichts mehr übrig geblieben...
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • pedrillo schrieb:

      Erstaunt bin ich, dass offenbar doch einige Teile der Inszenierung undeutlich bleiben und falsche Wahrnehmungen entstehen: Weder wird Blonde erstochen/erschossen noch gar Konstanze vergewaltigt. Letzteres würde zum Kern der Inszenierung auch überhaupt nicht passen, denn Bassa Selim will von dieser Frau ja etwas ganz anderes. Die während der Marternarie gefolterte Prostituierte ist namenlos, und Blonde erschiesst ihrerseits Osmin - das greift das musikalisch abrupte Ende seiner Tirade im Vaudeville szenisch auf.

      Das hört sich aber schon ganz, ganz anders an! Ich habe, wie gesagt, diese Produktion nie gesehen, aber das, was ich jetzt lese, kann ich schon eher mit dem Libretto, das ich durchaus kenne, überein bringen. Es scheint mir eine Radikalisierung des Textes zu sein: Damit das moderne Publikum bei einem Serail nicht an pikant-erotische Orientphantasien denkt, radikalisiert man es zu einem ordell voller sexueller Ausbeutung und Misshandlung, damit das moderne Publikum Blondchens derbe Sprache ("Doch seh er nur das Tier dort an, ob man sowas ertragen kann!") nicht pittoresk belächelt, lässt man sie das Opfer ihres Spotts eben erschießen, sie ist gerade davon gekommen, jetzt rächt sie sich an ihrem Peiniger... etc. pp.

      Das ist aber etwas ganz anderes als ein brutaler Mord am befreiten Blondchen (erst geritzt, dann Brustwarze herausgeschnitten und was dergleichen Leckeres oben zu lesen war) oder ein Selbstmord der glückstrunkenen Konstanze...
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    • Daß nicht Blondchen geritzt und ermordet wird, sondern eine "normale Prostituierte" haben wir ja schon geklärt, das war meinem schlechten Gedächtnis geschuldet, nochmals "sorry" dafür...

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Cherubino schrieb:

      Ich gebe dir völlig Recht, Konrad Nachtigall, und widerspreche dir doch auch. Ich finde, beide Interpretationen sind zulässig. Der Konjunktiv im Text ist sicher ein starkes Argument dafür, der Sicherheit nicht zu trauen, Mozarts Vertonung (D-Dur, volles Orchester mit Blech und Pauken, überwiegend homophone Führung der vier Gesangsstimmen, schnelles Tempo, Vierertakt mit klaren Betonungen auf dem Schlag etc.) kann man sich auch so klicheehaft finden, dass man sie als hohles Geklingel versteht, dem nicht zu trauen ist. Ich kenne eine solche Interpretation dieser Stelle und kann sie nachvollziehen.
      Ich finde aber, sie ist nicht die einzig mögliche Interpretation. Man kann Mozarts Vertonung auch durchaus affirmativ hören, nicht den Wortsinn konterkarierend, man kann den Konjunktiv auch als entschlossenen Blick in die Zukunft (so soll sie sein, unsere gemeinsame Zukunft) lesen, nicht als ängstliches Verharren. Beide Interpretationen lassen sich meiner Meinung nach aus dem Text begründen.


      Genau so sehe ich das auch! Sicherlich ist die skeptische Lesart, der sich Bieito angeschlossen hat, nicht die einzige Möglichkeit, das Stück zu lesen. Mozart, der große Realist, stellt ja "nur" die Fragen, und dass Regisseure und Dirigenten aufgerufen sind, Antworten zu suchen, macht die Auseinandersetzung mit den Opern Mozarts immer wieder spannend...



      ....und zwar selten so spannend wie hier, da die düstere Lesart sich über weite Strecken als schlüssig erweist. Als Beispiel nur die atemberaubende Intensität, mit der hier die beiden Arien Konstanzes inszeniert, gesungen und gespielt werden. Ein kurzer Moment der Annäherung Konstanze/Bassa Selim lässt aufscheinen, was auch möglich wäre. Seine völlig inadäquate Reaktion ("Denkst Du meinem Begehren nach" - hier greift auch Bieito auf Stephanies originalen Dialogtext zurück) löst eine Spirale gegenseitiger Gewalt bis zum Exzess der Marternarie aus. Das ist schlüssig aus der Musik heraus entwickelt und packend, wenngleich sicher auch nicht die "einzig wahre" Interpretation.



      Alles in allem kann ich nur immer wieder empfehlen (so noch nicht geschehen), sich selbst ein BIld zu machen; das geht in dieser Spielzeit noch zweimal (2. /8. April)
    • Ich finde diesen Ansatz ausserordentlich interessant und zeitgemäss. Gibt es die Inszenierung schon auf Konserve?

      Könnt ihr die Sänger eigentlich auch empfehlen?
      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • FairyQueen schrieb:

      Könnt ihr die Sänger eigentlich auch empfehlen?


      Mein Eindruck: Ein eingespieltes, gut aufeinander abgestimmtes, hochengagiertes Ensemble - und das ist bei Mozart oft schon mindestens die halbe Miete. Im einzelnen: Konstanze und Osmin überragend, beide Tenöre stilkundig, engagiert und präzise, so dass der Umstand, dass sie beide keine eigentlich "schöne" Stimme haben, nicht ins Gewicht fällt; nur Blonde fällt etwas ab, weil auch schauspielerisch oberflächlicher. Der vitale, kraftvolle und sehr kontrastreiche Mozart-Sound, den Patrick Lange und das Orchester entfesseln, passt, wie schon gesagt, sehr gut zur Inszenierung. Insgesamt allemal auch ein hörenswertes Erlebnis!
    • Aufführung am 10.5.13

      Ich habe die Produktion jetzt auch gesehen und muss sagen: sie löst wirklich einmal ein, was ich mir von Bieito-Inszenierungen immer erhofft hatte, was diese (immerhin sieben verschiedene habe ich inzwischen erlebt) aber bisher immer nur teilweise, wenn überhaupt eingelöst haben: atemberaubende Präsenz unter fast völliger Suspendierung von Opernkonvention. Erst im dritten Akt flacht der Bogen etwas ab.

      Obwohl, wenn ich das richtig sehe, mit Ausnahme des Bassa-Darstellers Guntbernt Warns andere Darsteller agieren als bei der Premiere, entsteht nie der Eindruck einer abgespielten Produktion. Besonders hervorzuheben, darstellerisch und sängerisch, sind die Konstanze Claudia Boyle und der Osmin Jens Larsen. Der Gesang ist teilweise auf die Szene abgestimmt (bei den Koloraturen der Konstanze kommt es hier nicht auf Makellosigkeit an, beim Lied Pedrillos im dritten Akt nicht auf sanften Orientzauber). Ingesamt ordentliche sängerische und großartige szenische Leistungen.

      Ganz wunderbar das Dirigat von Kristiina Poska. Farbenreich und differenziert boten sie und das Orchester die von mir sehr geliebte Musik dar, so dass ich mehr als einmal auch einen längeren Blick in den Orchestergraben riskierte.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Jens Larsen

      Zwielicht schrieb:


      Obwohl, wenn ich das richtig sehe, mit Ausnahme des Bassa-Darstellers Guntbernt Warns andere Darsteller agieren als bei der Premiere(...) und der Osmin Jens Larsen.


      Jens Larsen hat auch die Premiere gesungen und sich immer positiv zur Inszenierung geäussert. Seine Rolle wurde in späteren Aufführungen teilweise von Andreas Hörl übernommen.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Ich war auch in der Aufführung am 10.05. und habe sie im großen und ganzen genauso erlebt. Gilt vor allem für das Orchester. Kristiina Poska, Gewinnerin des deutschen Dirigentenpreises 2013, hat mich schon in der Neuproduktion von "Hänsel und Gretel" sowie einigen Repertoireaufführungen stark beeindruckt; die Zauberflöte geriet ihr viel aufregender und lebendiger als dem neuen GMD Nanasi. Man wird noch viel von ihr hören - hoffentlich noch lange in der Komischen Oper Berlin!

      Verglichen mit der Serie vor zwei Jahren ergeben sich aber doch ein paar Akzentverschiebungen, wel das halbe Ensemble ausgetauscht wurde. So bedient Claudia Boyle (musikalisch insgesamt großartig) doch wieder eher das Opfer-Klischee, was der Auseinandersetzung mit dem Bassa Selim von Guntbert Warns ein bisschen Schärfe nimmt. Temperament und Furor spart sie sich fast ausschließlich für die Marternarie auf - die gelingt dann auch fulminant! Belmonte (Adrian Strooper) bleibt insgesamt etwas blass; Pedrillo (Tansel Akzeybek) ist ihm stimmlich überlegen, und Blonde (Julia Giebel, seit 2011 dabei) trägt darstellerisch ein bisschen dick auf.

      Den Spannungsabfall zum Ende hin habe ich auch wahrgenommen; liegt meines Erachtens auch an der Inszenierung, die nach mehr als zwei Akten von größter Präzision und Konsequenz zum Ende hin doch nicht ganz aufgeht; aber auch musikalisch meinte ich vor allem im Duett Konstanze/Belmonte eine gewisse Mattigkeit bei allen Beteiligten wahrzunehmen; wäre nach fast zwei Stunden derart intensiven und präzisen Theaters auch kein Wunder.

      Trotz dieser Einschränkung: Es ist, finde ich, noch immer eine der gelungensten Mozart-Inszenierungen, die ich überhaupt kenne. Sie ist im Mai noch zweimal zu sehen (20., 23.). In der nächsten Spielzeit steht sie nicht im Programm; ob sie überhaupt nochmal wiederaufgenommen wird, ist derzeit wohl ungewiss.