Donizetti - ANNA BOLENA; Wiener Staatsoper 2.4.2011 (Premiere)

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    • Donizetti - ANNA BOLENA; Wiener Staatsoper 2.4.2011 (Premiere)

      Wenn man bedenkt, dass Gaetano Donizetti nach der Uraufführung seiner „Linda di Chamounix“ am Kärntnertortheater in Wien zum Hofkapellmeister ernannt worden ist, dann ist man doch ein wenig verwundert, wie wenig von diesem Komponisten auf den Spielplänen der wiener Opernhäuser zu finden ist. Die gestrige Premiere von „Anna Bolena“ war überhaupt die erstmalige Aufführung dieser Oper im Haus am Ring. In den späten 70er Jahren gab es eine Produktion in Graz (mit Emma Renzi und Bianca Maria Casoni), die ich nicht in bester Erinnerung habe, Katia Ricciarelli sang die Anna Bolena in Bregenz und vor einigen Jahren haben die Amici del Belcanto, eine Gruppe von überaus engagierten Opernfreunden, eine konzertante Aufführung dieser Oper veranstaltet.

      Felice Romani, einer der wesentlichen Librettisten der Belcanto-Ära, schuf das Libretto sehr frei nach dem historischen Leben von Heinrich VIII. und seinen Ehefrauen Anne Boleyn und Jane Seymour. Die Uraufführung erfolgte 1830 in Mailand, zwei Jahre später kam es in Graz zur österreichischen Erstaufführung.

      Für die szenische Umsetzung der jüngsten Premiere der Wiener Staatsoper zeichnen Eric Génovèse (Regie), Jacques Gabel und Claire Sternberg (Bühne) sowie Luisa Spinatelli (Kostüme) verantwortlich. Wunderschön sind vor allem die historisierenden Kostüme, die einer Produktion des legendären Franco Zeffirelli entstammen könnten, das Bühnenbild besteht zumeist aus Vorhängen und Projektionen, Requisiten finden kaum Verwendung, aber wenigstens die Bühnentechnik und Beleuchtung können gelegentlich ihre Möglichkeiten zeigen. Und die Personenführung ? Viel mehr als Händeringen, Kniefälle und geordnete Auftritte und Abgänge ist dem Regisseur nicht eingefallen. Das hat zwar den Vorteil der Repertoiretauglichkeit, bleibt aber Theater von vorgestern, das nur dann einigermaßen wirkt, wenn starke Persönlichkeiten auf der Bühne stehen

      Mit dem Engagement von zwei der prominentesten Sängerinnen unserer Zeit hat die Direktion den sängerischen Erfolg vorprogrammiert. Die Titelrolle der Anna Bolena liegt als Rollendebut in den Händen – eigentlich in der Stimme - von Anna Netrebko, die das Premierenpublikum nach Ende der Vorstellung mit Ovationen überschüttete. Ich bin wahrlich kein Fan dieser Sängerin, aber so stimmschön wie gestern Abend habe ich sie bisher in keiner Rolle erlebt. Die Partie kommt ihr von der Lage her entgegen, verlangt eine breite Mitte, aber auch die Koloraturausbrüche der Wahnsinnigen trifft Netrebko sicher. In dieser Rolle kann sie zeigen, dass sie eine auch eine sehr gute Belcantistin ist. Ihre Gegenspielerin Giovanna Seymour gibt Elina Garanca, deren Weltkarriere von der Staatsoper ausgegangen ist. Ich gebe zu, dass ich mit ihr in der letzten Zeit nicht wirklich zu recht komme. Sie singt perfekt, jede Note sitzt, und dennoch – irgendetwas fehlt mir. Zu kalt, zu maschinenhaft wirkt sie auf mich (in der Fernsehübertragung des Konzertes zum letzten Jahreswechsel kam für mich sehr subjektiv auch noch ein gewisses Maß an Beiläufigkeit dazu). Das sind natürlich durchaus persönlich gefärbte Eindrücke, denn objektiv bot auch sie stimmlich eine ausgezeichnete Leistung. Dass Netrebko und Garanca stimmlich perfekt harmonieren, steigert das akustische Vergnügen noch. Ist die Rolle des Smeton eine (zu) kleine große Rolle oder eine bedeutende Nebenrolle ? Trefflich könnte man darüber lange diskutieren. Wenn Elisabeth Kulman diesen in seine Königin verliebten Pagen singt, ist die Rolle jedenfalls zu klein. Einmal mehr kann sie ihre Vielfältigkeit zeigen und unter Beweis stellen, dass sie auch im italienischen Fach zu Hause ist. Mit Recht galt ihr der erste Szenenapplaus des Abends. Ildebrando D´Arcangelo sieht als Enrico VIII rollengerecht fies aus, singt den arienlosen König auch mit viel stimmlichen Engagement, ihm fehlt für meine Begriffe aber doch einige Schwärze in der Stimme. Es ist nur am Rande erwähnenswert, dass er in der Generalprobe krankheitsbedingt fehlte und wohl nur im Hinblick auf die TV-Aufzeichnung (Übertragung in ORF und ARTE am Dienstag um 20.15) sang. Francesco Meli, Lord Riccardo Percy, verfügt über eine an Mozart, Rossini und Donizetti geschulte Stimme. Nach anfänglicher Nervosität kann er sich frei singen und in Belcantobögen schwelgen. Dan Paul Dumitrescu ist ein mehr als achtbarer Lord Rochefort, als Sir Hervey komplettiert Peter Jelosits die Solisten.

      Gefordert ist in dieser Oper auch der Chor. Und die Damen und Herren des Staatsopernchores, mangels Aufführungen in Wien oder Salzburg in diesem Fach nicht wirklich zu Hause, stellen ihr Können und ihre Flexibilität unter Beweis. Auch das Orchester hat wenig Erfahrung mit Belcantoopern, für die in Wien die Tradition fehlt. Unter der Leitung von Evelino Pidò, der erstmals eine Premiere in der Staatsoper dirigiert, spielen sie dennoch mit hörbarem Engagement und überaus Sängerfreundlich.

      Eine insgesamt überzeugende Premiere.



      Michael
    • Danke, Michael, für die Rezension!

      Ich bin ebenfalls alles andere als ein Netrebkofreund; dass sie stimmschön singt, ist das eine, aber konnte sie die hoheitsvolle und vielschichtige Figur der Anna Bolena auch überzeugend stimmschauspielerisch darstellen? War sie genug tragedia? Das fehlt mir nämlich immer bei ihr, alles klingt kühl, glatt, unemotional. Wäre schön, wenn es gestern anders gewesen sein mag!
      Grüße
      Archie
      "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."

      Max Bruch (1838-1920)
    • Archaeopteryx schrieb:

      Danke, Michael, für die Rezension!

      Ich bin ebenfalls alles andere als ein Netrebkofreund; dass sie stimmschön singt, ist das eine, aber konnte sie die hoheitsvolle und vielschichtige Figur der Anna Bolena auch überzeugend stimmschauspielerisch darstellen? War sie genug tragedia? Das fehlt mir nämlich immer bei ihr, alles klingt kühl, glatt, unemotional. Wäre schön, wenn es gestern anders gewesen sein mag!
      Grüße
      Archie

      Hallo Archie,

      in dieser Nicht-Regie konnte eigentlich niemand die Hintergründe einer Person zeigen. Aber was mich an A.N. gestern überascht hat war, dass sie eben diesmal nicht glatt und kühl war (das trifft auf zunehmend auf Garanca zu) sondern dass sie Stimme abseits von Virtuosität zeigte.

      Grüße

      Michael
    • Lieber Michael!

      Bei AN wundert es mich nicht, dass ihre Stimme wärmer geworden ist - das zeigte schon ihre Micaela in der "Carmen" und ich werde, wenn es meine Zeit an der UNI erlaubt auch hingehen, schon wegen natura, auf die Übertragung in arte oder ORF 2 am 5.4.2011, um 20,15 Ur, feue ich mich aber schon ganz besonders.

      Danke für Deinen Bericht.

      Liebe Grüße sendet Dir Peter aus dem 6. in Wien. :wink: :wink:
    • Da ich mir inzwischen meinen Rundfunkmitschnitt angehört habe, freue ich mich noch mehr auf die TV-Übertragung am Dienstag, zumal ich Anna Netrebkos warme Stimme sehr mag. Gerade die Anna Bolena ist für sie maßgeschneidert, da hier ihre Mittellage besonders gut zur Geltung kommt. Alle anderen Protagonisten sind auch nicht zu verachten. :klatsch: :klatsch:

      :wink: Ramona
    • Habe mir das eben tatsächlich komplett im TV angesehen - zum Glück habe ich durchgehalten!

      Denn: Netrebko in der Schlußszene hat mich dann doch etwas versöhnlich gestimmt, weil sie hier nicht nur ihr Stimmmaterial ausstellt, sondern ihr - bei allen Problemen, die sie mit den virtuosen Stellen der Partie hat - endlich der dramatische Impetus gelingt, um in der Rolle zu überzeugen. Am Ende des ersten Aktes gab es schon einmal so einen (kurzen!) Moment ("Giudici! ad Anna!", das kann man sich ja auch nicht entgehen lassen). Es kommt ihr sicher entgegen, daß die Partie in Punkto Virtuosität nicht so mörderisch ist wie andere Donizetti-Partien und relativ tief liegt - ihre satte Mittellage ist wirklich eine Wucht!

      Bezüglich Garanca möchte ich Brunello zustimmen - das ist alles gelungen, aber schlußendlich nur bedingt packend! Elisabeth Kulman hat wohl - aufs ganze gesehen - am ehesten den Draht zu der Musik gefunden. Der Tenor hat sich redlich bemüht - mehr war's mE nicht. Vielleicht hätte man doch mehr als nur das zweite Finale ernsthaft proben sollen X( Die Ensembles waren z.T. ziemlich peinlich auseinander. Pidòs Dirigat auch nur in der Schlußszene wirklich zwingend, der Rest ziemlich lieblos und wenig klangschön runtermusiziert.

      Aber vielleicht ist mein mäßiger Eindruck von der musikalischen Realisation ja auch nur Folge davon, daß ich mir das komplett angesehen habe! Ich dachte ja, ich hätte schon so einigen Mist auf der Bühne gesehen, aber diese Inszenierung war auf einem Niveau, daß ich mir kaum habe vorstellen können! Daß dem Regisseur nichts eingefallen sei, wäre der glatte Euphemismus! Aus Heinrich VIII. als Psychopath hätte man doch immerhin ein klein bißchen was machen können, wenn man schon einen so übel aussehenden (wenn auch furchtbar eintönig grölenden) Protagonisten dafür hat! Aber einen Einfall hatte er: Annas im Libretto erwähnte Tochter (die spätere Elizabeth I.) läßt er doch tatsächlich als Kind auftreten! Wow! Muß reichen für 3 Stunden. Was die Kostüme angeht, kann ich Brunello nicht zustimmen - ein Wunder, daß eine Netrebko sich in so was unvorteilhaftes 'reinstopfen läßt!

      OK - ich hör' schon auf und gelobe (mit gekreuzten Fingern), nie wieder auf die Schnelle Fernsehübertragungen zu kommentieren! Aber das war - für ein Haus wie die Wiener Staatsoper - unterm Strich doch schockierend schlecht!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • "Habe mir das eben tatsächlich komplett im TV angesehen - zum Glück habe ich durchgehalten!"

      Ich auch ;+) Allerdings habe ich auch erst am Ende des ersten Aktes reingeschaltet. Eigentlich habe ich ja nichts gegen traditionelle Inszenierungen (auch nichts gegen moderne, wenn sie Sinn machen, ich bin da nicht so festgelegt :D ), aber hier habe ich mich doch über weite Strecken rechtschaffen gelangweilt. Kann aber auch gut sein, dass ich mich stärker berührt gefühlt hätte, wenn ich die Auffürung live und in der Atmosphäre der WSO erlebt hätte.

      "Es kommt ihr sicher entgegen, daß die Partie in Punkto Virtuosität nicht so mörderisch ist wie andere Donizetti-Partien und relativ tief liegt - ihre satte Mittellage ist wirklich eine Wucht!"

      Da bin ich mir gar nicht so sicher, zumindest was die Mittellage (und Tiefe) angeht. Sicher, der Klang ist wunderschön, aber ich hatte mitunter den Eindruck, dass sie sich in der tieferen Lage doch ziemlich anstrengen musste und manchmal war die Stimme für meinen Geschmack nicht fokussiert genug. Das fiel besonders im Vergleich mit Elina Garanca auf (die ja aber auch Mezzo ist, daher ist der Vergleich vielleicht nicht ganz fair . Wohlgemerkt - das ist Kritik auf sehr hohem Niveau. Die Anna Bolena scheint für eine Sopranpartie wirklich sehr tief zu liegen (da würde mich mal ein Blick in die Noten interessieren) und Frau Netrebko sagt im letzten "Opernglas" auch, wenn ich mich recht entsinne, dass dies eine Herausforderung für sie ist.

      Beste Grüße

      Vitellia
      "Die Verpflegungslage ist für den Kulturmenschen eigentlich das Wichtigste" (T. Fontane)



      But that's the beauty of grand opera. You can do anything as long as you sing it (Anna Russell)
    • Tja, ich stelle mich wieder einmal gegen die Mehrheit. denn ich fand die Regie ganz ausgezeichnet. Génovèse und sein Team verstehen nicht nur die Musik, sondern auch Kultur und Geschichte. Vordergründiges wird vermieden, Hintergründiges sehr subtil vermittelt - etwa der Umstand, daß sowohl Anna wie Giovanna als auch Percy und Smeton einerseits berührende Charaktere darstellen, andererseits aber alle in irgendeiner Form schuldig werden, menschliche Schwächen aufdecken (sehr beeindruckend etwa, wie die Garanca kämpft, sich von der animalischen Anziehungskraft des brutalen Königs zu befreien, andererseits aber nicht umhin kann, ihn doch beinahe kätzchenhaft wieder an sich zu locken, oder die Einbindung der kindlichen Elisabeth, deren optische Präsentation klarmacht, daß sie die Zukunft jenseits der primitiven Grausamkeit des Königs darstellt - daß Elisabeth auch eine sehr problematische Herrschernatur war, bleibt in diesem Zusammenhang natürlich ausgeklammert). Der Regisseur setzt - was meines Erachtens für den Romantiker Donizetti sehr paßt - nicht auf hektische Dramatik, sondern interpretiert in lyrisch-dramatische Richtung, arbeitet mit sehr bildhaften Einstellungen mit vielen statuarischen Elementen, aber keineswegs statisch. Ich hatte nie den Eindruck von Stehtheater oder bloß leeren Gesten, fand aber viel Pathos in positivem Sinn. Vielleicht ist die Ader dafür bei uns schon etwas verlorengegangen. Das optisch hervorragend ausgefeilte Konzept ist voller interner Spannungen, setzt Licht und Schatten sowie eine manieristisch gebrochene, sehr eigenartige und passende Farbigkeit gekonnt und raffiniert ein, lädt teilweise symbolisch auf und hält die Bewegung stets der Musik eingepaßt. Natürlich bedarf das schauspielerisch hervorragender Protagonisten. Ob das im Alltagsrepertoire mit bescheideneren Talenten gleicherweise funktioniert, darf wohl bezweifelt werden - aber das ist das Schicksal vieler exzeptioneller Inszenierungen. Für mich besonders anziehend waren hineinverwobene Bezüge zu Formen des 15. und 16.Jahrhunderts, nicht nur im Kostüm, ohne daß hier sklavisch kopiert wurde, aber auch zu Elementen der Ästhetik der Donizetti-Zeit (etwa Annas Erscheinung im Schlußbild). Faszinierend, wie die Chordamen mit ihren Faltengewändern so etwas wie Schreingruppen aus einem spätgotisch-renaissancistischen Altar suggerierten. Aus meiner Sicht ist das der erste wirkliche Erfolg der neuen Direktion.

      Die Netrebko und die Garanca sind in ihren Rollen einfach Glücksfälle, ebenso wie d'Arcangelo. Es tut mir ja leid für den braven königlichen Einspringer, aber Ildebrando d'Arcangelo vermittelt die virile Kraft ebenso unvergleichlich wie die absolute Gewissenlosigkeit und den verletzten Egoismus. Und er singt herrlich schwarz. Garanca als eher intellektueller Typ, in dem nur manchmal die Erotik hochkocht, bildet die ideale Gegenspielerin zu der mehr emotionalen Netrebko, die wirklich superb ist. Elisabeth Kulman gefiel mir in der Schlußszene am besten. Da war sie voll in ihrem Element, während sie als schwärmender Page zwar eindrucksvoll, aber nicht optimal erschien. Interessant war für mich die erste Begegnung mit Francesco Merli. Keine außerordentliche Stimme, auch sind noch Unebenheiten zu glätten, doch wird er in die Rolle sicher noch besser hineinwachsen. Was ihn zu einem unbedingten Pluspunkt der Aufführung machte, waren seine berührende Gestaltungskraft, seine kluge Interpretation. Man kann sich zwar vorstellen, was ein Villazon in einstiger Bestform aus der Rolle gemacht hätte, aber das wäre vielleicht sogar zuviel gewesen. Percy ist ein bißchen der Don-Ottavio-Typ, einfach kein Konkurrent für die brutale Verführungskraft des hemmungslosen Königs. Das Tragische der Figur vermittelte Merli sehr stimmig. Jelosits und Dimitrescu verkörperten achtbare Ensemblequalität (die aber an der Staatsoper auch schon eine Spur besser war). Sehr angetan war ich von der Leistung des Chors.
      Der Dirigent Evelino Pidò erschien mir als gerades Gegenteil eines Pultstars. Er kommt mir vor wie der Modellfall eines Kapellmeisters, der sein Handwerk gründlich versteht und auf das Vermögen der Sänger Rücksicht nimmt.

      Ein wirklich gelungener Opernabend!

      Hier sitze ich vor dem Computer, ich kann nicht anders!

      Liebe Grüße
      Waldi
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • Ich stelle mich in diesem Sinne (wie so oft) auch gegen die Mehrheit und finde als nur diplomierter Tastenschoner i.R. mit einer gewissen Opernbesucherfahrung, die Aufführung der Bolena in Wien als sehr gelungen, auch wenn ich sie nur auf der Glotze sehen konnte, wenn auch in HD.
      Maestro Meyer hat sein gutes Gespür bewiesen, würde ich sagen: es war so vieles stimmig: die zwei Damen, der Bösewicht, deren agieren, der Dirigent, die Regie und Inszenierung.
      Eigenartig, daß diese Oper im Haus am Ring noch nie gegeben wurde, (laut ORF Programmführer), obwohl das Werk so unbekannt ja nicht ist. Ich drücke dem Maestro Meyer weiterhin die Daumen, auf daß er solche Künstlerkombinationen weiterhin finde.
      LCS Robert
    • Ich kann nur hoffen, lieber Waldi, dass wir die Mehrheit sind ! Deinen Ausführungen ist eigentlich nichts hinzu zu fügen. Ich gehe mit fast allem von Dir Geschriebenen konform. D´Arcangelos Bell - canto ging mir allerdings auf die Nerven. Wotans Abschied gehört nun mal in ein anderes Werk.

      Das Duett Netrebko / Garanca im zweiten Akt geriet zum Paradebeispiel für beseelten Belcantogesang. Und Netrebkos sängerische und darstellerische Gestaltung der großen Schlussszene müsste endlich auch die allerletzten Kritiker verstummen lassen. Sie beweist einmal mehr, dass sie eine optimale Ausbildung genossen hat und - allen Unkenrufen zum Trotz - zurecht in die allererste Reihe gehört : Optimale Registerverblendung, famose Bewältigung des Passagio, perfektes Legato, korrekter Vokalausgleich, solide Mittellage, aus der heraus bruchlose Höhe und Tiefe entwickelt werden - Chapeau ! Garanca steht ihr nicht nach.

      Beide Damen bescherten uns den seltenen Genuss ergreifender Gesangswonne.

      Hier sitze ich und kann nicht anders.....



      Ciao. Gioachino :juhu:
      miniminiDIFIDI
    • Leider habe ich diese Oper noch nie gesehen oder gehört, hoffe aber, an einen Mitschnitt der Wiener Aufführung zu kommen. Die Meinungen der kompetenten Kritiker gehen ja nun sehr arg auseinander, eine weitere sehr interessante Live-Kritik gibt es von Severina im Klassikforum, sie war u.A. auch in der Generalprobe. Ich war und bin schon im Vorfeld überzeugt, dass diese Rolle für die Netrebko weitaus günstiger ist als die Lucia es war (wobei sie sie auch zumindest ordentlich gemeistert hat, wenn auch nicht auf dem Weltklasseniveau einer Natalie Dessay). Die Netrebko ist einfach kein soprano lirico leggero und auch keine fragile dem Wahnsinn nahe oder Selbigem bereits verfallene Opernfigur. Eine sinnliche und ehrgeizige Anna Bolena passt allein schon vom Rollenportrât 1000mal besser zu ihr. Für mich ist der Belcanto nach wie vor nicht das ideale Repertoire für sie , ich sehe sie vielmehr bei Puccini und in grossen lyrischen Rollen, aber die Anna Bolena(zumindest von den Arien, die ich in Noten gesehen habe) ist stimmlich nicht mit Lucia oder Amina oder Giulietta zu vergleichen sondern viel eher mit der Lucrezia Borgia oder der Sopranrolle in Rossinis Tell. Beweglichkeit wird verlangt aber nicht übertrieben, die Sängerin muss auch einige Spinto-Qualitäten haben und die satte warme Mittellage steht im Vordergrund. All das hat die Netrebko m.E. wirklich in meist ziemlich angenehmer Weise zur Verfügung. Garanca hat mir zwar noch nie missfallen aber ebenso wenig je ge-fallen, ich gehöre zu der Fraktion derer, die diese Sängerin total kalt lâsst. Sie ist vielleicht perfekt aber für mich dabei leider unbeseelt.
      Ich fand daher auch Kasarova plus Eva Mei als Romeo und Giulietta bei Bellini wesentlich besser als Netrebko/Garanca. Aber das ist sicher Geschmackssache. Auf eine Inszenirung, die so kontrovers diskutiert wird, wâre ich schon arg gespannt!
      Bei historisierenden Belcanto-Opern stört mich Ausstattungtheater eigentlich eher selten und da ich ausserdem ein ausgesprochenens Faible fûr schône Kostüme und die passenden Rollenportrâts in eben diesen Kostümen habe, mache ich mir Hoffnung, dass es für mich nicht ganz so grâsslich ist wie Quasimodo beschreibt. :rolleyes:

      :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Da Du weder die Oper noch die gestrige Aufführung kennst, liebe Fairy, bleibt Dir momentan nichts als Spekulation. Unser Streifenpeter sorgt ja offenbar für Abhilfe, damit Du hier wirklich mitreden kannst. Tatsächlich ist bei Donizetti in diesem Werk die Nähe zu Verdi größer als bei anderen mir bekannten. Die Anna Bolena scheint der Netrebko quasi auf den Leib, besser : in den Kehlkopf, geschrieben. In dem bereits erwähnten Interview im " Opernglas " bezeichnet sie übrigens Wagner ( !!! ) als ihren Lieblingskomponisten. Unter Berücksichtigung dessen Faibles für die italienischen Belcantisten,d. h. deren Behandlung der Singstimme, könnte ich mir eine belcantesk angelegte Elsa oder Sieglinde Netrebkos sehr gut vorstellen.

      Den immensen Anforderungen in Donizettis Anna Bolena bleibt sie jedenfalls nichts schuldig. Eine bravouröse Leistung, die ich allen Mitwirkenden ( mit den oben genannten Einschränkungen bei D´Arcangelo ) ohne Zögern zubilligen möchte !



      Ciao. Gioachino :wink:
      miniminiDIFIDI
    • Lieber Giacchino!

      Ich finde es sehr gut, dass AN einen Fachwechsel gemacht hat, sie singt ja in der nächsten Saison in Wien die Gräfin im Figaro und ich kann sie mir als Eva und Elsa gut vorstellen.

      Nur denke ich sie soll in einem Fach bleiben, der lyrischen Sopranistin mit Koloratur, da wäre ihre jetzt so warm klingende Stimme gut aufgehoben, auch finde ich die italienische Oper für sie besser, natürlich auch die Lias in Pique Dame oder die Tatjana im Eugen Onegin.

      Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :wink: :wink:
    • Hmmm.... Ich fand ja auch, dass Frau Netrebko sehr gut gesungen hat, mir gefielen aber im Gegensatz zu anderen ihre hohen Töne besser als ihre Mittellage (die immer noch sehr gut war, da gibt es gar nichts.) Wie ich schon sagte, hatte ich den Eindruck, dass sie da ziemlich arbeiten musste, was den Verdacht nahe legt, dass ihre Stimme vielleicht doch höher gelagert ist, als dass diese Partie für sie wirklich ideal wäre. (Dass ihr Timbre für die Rolle absolut passend ist und ich sie auch rollengerecht besetzt finde, bleibt davon unberührt). Und unter diesem Aspekt bin ich skeptisch, was die dramatischeren Partien angeht. Ich sehe sie auch am ehesten in den Rollen, die eine üppigere lyrische Stimme verlangen. Elsa wäre also u. U. im Rahmen der Möglichkeiten, aber eine Sieglinde? Da fehlt es mir in den tieferen Lagen doch noch etwas an Substanz.

      Andererseits kennt nur Anna Netrebko die Stimme von Anna Netrebko wirklich gut und ich schätze sie auch so ein, dass sie als Künstlerin klug genug ist zu wissen, was sie sich und ihrer Stimme zumuten kann.

      Beste Grüße

      Vitellia
      "Die Verpflegungslage ist für den Kulturmenschen eigentlich das Wichtigste" (T. Fontane)



      But that's the beauty of grand opera. You can do anything as long as you sing it (Anna Russell)
    • Obwohl ich gestern gar niicht mehr damit rechnete, hatte ich doch noch Gelegenheit, zumindest ziemlich am Ende in einen Teil hineinzuschauen. Außer dass ich weiß, dass es die Oper von Donizetti gibt, kannte ich sie bisher nicht. Nur der historische Stoff mir ist ganz gut bekannt, was hilfreich war,um dem verlauf noch folgen zu können.

      Nun, sogar meine paar gesehenen Fragmente deuten auf ein gelungenes Werk hin, das auch Facetten der historischen Persönlichkeiten gut erfasst, wie die wahnhaft - monströse Entwicklung Heinrich VIII., die Formen des Überlebenskampfes (und das Scheitern dessen) der beiden Frauen, deren Intelligenz ausschließlich vom bloßen Davonkommen mit dem Leben (damit einigermaßen erfolgreich Jane Seymour) absorbiert wurde und des Lebens der anderen Protagonisten unter einer Diktatur, die über das auch damals gängige Herrschftsverständnis hinausging.

      Ob diese Elemente in der Oper durchgängig berücksichtigt sind, kann ich nicht beurteilen, aber in meinem Ausschnitt habe ich dieses durchaus vorgefunden, kombiniert mit der Kunst italienischer Oper, in der ich in der Tat auch starke Parallelen zu Verdis Stil ausmachen konnte.

      Sensationell ist für mich wirklich die Wandlung von Anna Netrebko. Der Hype ist verschwunden bzw. auf ein Normalmaß gestutzt und zutage tritt eine vorzügliche ernsthafte und gereifte Künstlerin, die hier in der Gesamtheit eine maßstabsetzende Leistung des lyrischen Sopranfachs geboten hat, die mir wirklich unter die Haut gegangen ist. Selbst minimale Kanten oder kleinste Durchhänger unterstrichen eher die Authenzität dieses differenzierten Portraits der Anne Boleyn. das ist Oper live und dies berührt. Ich meine, Geschmacksurteile fallen immer unterschiedlich aus, aber wer AN jetzt noch ihre künstlerischen Fähigkeiten abspricht, tut ihr Unrecht.

      Elena Garanca konnte ich mit einer mörderisch schwierigen Arie auch noch genießen. Ich fand es sehr wohl stimmig für die Darstellung der Jane Seymour, dass die Emotionalität verhalten rüberkam. Wenn die historischen Dastellungen stimmen, dann handelte es sich um einen völlig anderen Charakter als Anne Boleyn. Beide Sängerinnen wiesen auch von Optischen her erstaunliche Ähnlichkeiten mit ihren Figuren auf.

      Jane als Temperamentsbolzen, der Anne gewesen ist, wäre kaum glaubwürdig, denn sie, die kaum mehr Handlungsspielräume hatte, wählte durchaus eine kluge Überlebenstaktik, indem sie sich sich einfach aus seinen Anbgelegenheiten heraushielt, heraushalten musste und nur noch mit äußerster Vorsicht mit der Umgebung kommunizieren konnte. Eine dumme Frau war sie keineswegs. Sie war die einzige, die eines "natürlichen " Todes starb.

      Stimmig finde ich auch die Konstellation, dass sich die beiden Frauen nicht persönlich als Rivalinnen um die Gunst eines Mannes betrachtet haben dürften, den sie dürften beide erkannt haben, dass der Posten der Queen ein Todeskommando war, aber gleichzeitig auch erkennen mussten, dass das Schmieden eines Bündnisses gegen ihn keine Aussicht auf Erfolg haben konnte.

      All dies, auch wenn vielleicht Spekulatives dabei ist, ließ sich sogar aus einer kleinen Passage heraushören. >Es lohnt sich, auch wenn ich Gioachinos Bell - Canto - Vergleich im genannten Fall zustimmen muss (darüber bin ich echt gestolpert)

      :wink: :wink:
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)
    • Na, zumindest bei den Sängern scheinen wir ja nicht gar so unterschiedlicher Auffassung zu sein! Interessant fand ich Gioachinos Einwurf:

      gioachino schrieb:

      Tatsächlich ist bei Donizetti in diesem Werk die Nähe zu Verdi größer als bei anderen mir bekannten.
      Ist das so? Oder wurden hier nicht musikalische Anforderungen des mittleren Verdi dem Werk des älteren Komponisten übergestülpt? Vor allem bei Francesco Meli habe ich diesen Eindruck - der ist viel zu sehr Spinto, singt mit zu viel Kraft, als daß er der Partie des Percy wirklich gerecht würde. Ich erkenne aber gerne an, daß er sich der Herausforderung der virtuosen Stellen nicht entzieht und über die Koloraturen nicht hinwegsingt. D'Arcangelo tut das zwar auch nicht, kriegt es aber weniger gut hin, und er singt vor allem alles in einem Einheitsforte (Bell-Canto trifft es recht gut), ein differenziertes Rollenprotrait kommt nicht zustande. Da sah es bei den Damen besser aus; aber auch hier hatte ich den Eindruck, in einer Verdi-Oper zu sein, auch noch im Duett Anna-Seymour. Für mich traf Kulman den Donizetti-Ton noch am besten. Und das Dirigat, dabei bleibe ich, war viel zu undifferenziert und eintönig, die Ensembles - für mich die Königsdisziplin in der romantischen italienischen Oper - wurden von Dirigent und Sängern z.T. wie Füllwerk behandelt, gar nicht richtig ernst genommen - das fand ich wirklich schwach! Da gibt es z.B. dieses Quintett für 4 Männerstimmen und den Sopran - da ist Donizetti mE schon fast auf dem Niveau von "Chi mi frena" aus Lucia, das wurde doch ziemlich vergeigt!

      Die Inszenierung kann man offenbar auch anders sehen. Mir jedenfalls war da nicht etwa zuviel Pathos drin, Waldi, sondern, wenn schon, viel zu wenig! Operngesten statt echter Leidenschaften, oder anders ausgedrückt: das Pathos war ein hohles. Und alles schwarz-weiß gezeichnet, wie in einer Opernparodie! Der König finster und böse, die Königin traurig und verzweifelt, die Favoritin von Zweifeln zerrissen. Keine Spur davon, daß das doch alles vielschichtige Charaktere sind (das Libretto verschweigt es nicht, und Donizetti hat das, so meine ich, sehr differenziert auskomponiert!). Und wenn dann doch mal auf der Bühne wirklich was passiert, wird der Gedanke nicht fortgeführt. Elizabeth als Kind taucht doch nur als Tränendrüseneffekt in der Wahnsinnsszene auf. Und wenn am Ende der Page blutbeschmiert die Bühne betritt, sein Geständnis wurde offenbar mit der Folter erzwungen, wirkt das in dieser Inszenierung wie ein Fremdkörper - was soll das jetzt auf einmal?

      Ich finde nicht, Fairy, daß man bei Belcanto-Opern mit Ausstattungstheater zufrieden sein kann; nur Ausstattungstheater zu machen ist doch schlicht eine Mißachtung dieser Stücke, die sie keineswegs verdienen - und wo die Macher doch dieser Meinung sind, sollten sie halt eine konzertante Aufführung machen! Anna Netrebko gelingt es aber in der Schlußszene, über die szenischen Mängel der Aufführung hinwegzusingen und auch gegen sie zu überzeugen: das war grandios!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Ich habe auch die gestrige Aufführung IN der Oper erlebt, kann also über die TV-Übertragung nicht mitreden.

      Mein Eindruck, dass die Stimme von A.N. wärmer geworden ist, bestätigte sich auch beim zweiten Hören (diesmal auf einem anderen Platz). Da die Anna Bolena nicht über die halsbrecherischen Koloraturen etwa der Lucia verfügt, liegt ihr diese Partie auch zweifellos besser (und Micaela oder Manon waren für mich ohnehin Fehlbesetzungen auf hohem Niveau). Ich glaube wirklich, dass sie sich in Richtung einer guten Belcanto-Sängerin entwickelt, wenn auch nicht mit der (stimmlichen) Dramatik einer Callas oder Gencer und auch nicht in Richtung einer Sutherland oder Gruberova. ich denke, dass sie ihren Weg irgendwo zwischen diesen Extremen finden wird.

      Ich glaube aber auch, dass ein dynamischerer Dirigent, als es Herr Pido ist (lediglich in der lezten Szene konnte er auch etwas wie Akzente setzen), A.N. mehr gefordert hätte und sie daher auch (noch) mehr stimmliches Format hätte zeigen können.

      Michael

      PS: Eine Elsa Netrebko kann ich mir vorstellen, eine Sieginde aber nicht.