Richard Strauss: Salome - 10.04.2011, Komische Oper Berlin

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    • Richard Strauss: Salome - 10.04.2011, Komische Oper Berlin

      Seit gestern gibts an der Komischen Oper Berlin eine neue "Salome" - der Versuch, eine Repertoirelücke in Berlin zu füllen: Die DOB hat das Stück derzeit gar nicht im Angebot; an der Staatsoper lief vor dem Umzug noch Kupfers betagte Version. Dass der Versuch nicht recht überzeugt, hat vorrangig zwei Gründe: Die insgesamt allzu einfältige Inszenierung von Thilo Reinhardt und die Besetzung der Titelrolle.



      Thilo Reinhardt kommt aus der Götz-Friedrich-Schule, und das ist zu merken: Seine Inszenierung ist gut gemacht, handwerklich solide, mit einigen hübschen Ideen in den Nebenrollen, aber inhaltlich ausgesprochen mager. Im wesentlichen wird die Geschichte gradlinig erzählt, und das ist bei diesem Psycho-Thriller sicher ein gangbarer Weg. Kommen eigene Einfälle ins Spiel, wirds kritisch: Wenn Salome, so eine Art "Paris Hilton spielt Terroristin" dem Hauptmann Narraboth (hier ein blöder Spanner) die Kehle mit einem gezielten Säbelhieb durchschneidet, wirkt das unauthentisch und gesucht. Gravierender, dass sie sich bei Jochanaans Abgang wie eine Furie auf ihn stürzt, um sich sexuell an ihm abzuarbeiten: Wozu brauchts dann noch den Tanz und den abgeschlagenen Kopf am Ende: Zuviel Boulevard und zu wenig Geheimnis.



      Tanzen muss sie deshalb auch gar nicht; statt Salome tanzt die Drehbühne, auf die der Regisseur all das auskippt, was er für verdorben und dekadent hält: Kopulation am Kreuz, Kinder mit Kalaschnikoffs, ein Wasserpfeife schmauchender Osama bin Laden, fette Straßenkreuzer, kollektiv-ritueller Suizid und immer wieder Schusswaffen aller Art. Nur schießen tun sie nicht; stattdessen fallen polternd Plastikbuchstaben vom Bühnenhimmel: "Krawoum"! Lustig immerhin, wie der Regisseur hier mit den Ängsten des Publikums spielt...



      Salome ist Morenike Fadayomi, und sie ist sehr beschäftigt damit, die Rolle stimmlich-musikalisch zu bewältigen. Das gelingt wenigstens achtbar, wobei Dirigent Alexander Vedernikov durch oft dezent zurückgenommenes Orchesterspiel erfolgreich sekundiert. Mag sein, dass hier an Strauss' Bonmot von der "Elfenmusik" gedacht wurde; eher wahrscheinlich ist, dass der Drive mit Rücksicht auf die Stimmen zurückgenommen wurde, denn in den rein orchestralen Passagen geht es dann doch ordentlich zur Sache; eine runde Orchesterleistung insgesamt.



      Über den Strapazen der stimmlichen Bewältigung geht der Darstellerin allerdings mehr oder minder jedes Gestaltungsvermögen, stimmlich wie musikalisch, verloren. Alles klingt irgendwie gleich, und eine Schauspielerin von Gnaden ist Morenike Fadayomi offenbar sowieso nicht. Somit fehlt der Aufführung irgendwie das Zentrum.



      Immerhin gibts drumherum auch Vorzügliches zu sehen, vor allem der groteske Ehezwist im Herrscherhaus Judäa, den Christiane Oertel (Herodias) und - er vor allem - Andreas Conrad als Herodes hinlegen. Zwei tolle Sängerdarsteller: Musikalisch brilliant, vorbildlich textverständlich und ausdrucksstark im Spiel siedeln sie ihre Streitereien irgendwo zwischen Strindberg, Denver-Clan und den Simpsons an und lösen wenigstens hier den im Programmheft zu lesenden Anspruch der Inszenierung ein, sich vorrangig um die grotesken, operettigen Seiten des Stücks zu kümmern. Wenn Herodes-Conrad sich windet, um sein leichtfertig gegebenes Versprechen nicht erfüllen zu müssen und dabei verschämt-verdruckst gesteht: "Kann sein, ich habe dich zu lieb gehabt", wird dieser Herodes fast noch zum Sympathieträger. Vielleicht nicht das, was Wilde und Strauss sich vorgestellt haben, aber es macht richtig Spaß. Wegen dieser Szenen lohnt sich ein Besuch der Aufführung doch.

      Alles in allem kein großer Wurf, eher eine halbe Sache und ein Schatten auf der bis dahin so gut gelaufenenSaison der Komischen Oper. Schade!