Wagner: Lohengrin - Nationaltheater Mannheim, 25. April 2011 (Premiere: 3. April 2011) - Knabe

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Wagner: Lohengrin - Nationaltheater Mannheim, 25. April 2011 (Premiere: 3. April 2011) - Knabe

      Zuerst, wie immer, die Akteure...

      Musikalische Leitung: Alois Seidlmeier
      Inszenierung: Tilman Knabe
      Bühne: Johann Jörg
      Kostüme: Kathi Maurer
      Dramaturgie: Anselm Dalferth
      Chor: Tilman Michael

      Heinrich: Pavel Shmulevich
      Lohengrin: István Kovácsházi
      Elsa: Cornelia Ptassek
      Telramund: Karsten Mewes
      Ortrud: Judith Németh
      Heerrufer: Nikola Diskić
      Edle: Radu Cojocariu, David Lee, Benedikt Nawrath, Johannes Wimmer
      Edelknaben: Sibylle Vogel, Susanne Nederkorn, Gudrun Hermanns, Malaika Ledig

      Kurz vorweg: Ich weiß von Gurnemanz und Le_Merle_Bleu, daß sie auch schon vor mir in dieser Inszenierung waren, und es geht das Gerücht, daß auch Alviano diese Inszenierung schon sah, und ich hoffe, daß die zwei (oder drei, falls Alviano ebenfalls in dieser Inszenierung war) mich hier wieder ergänzen und korrigieren werden, mein Gedächtnis ist nicht so gut, wie z.B. das von Alviano... :(

      Außerdem listet die Internetwebseite des Nationaltheaters für alle Rollen auch andere Besetzungen, daher bezieht sich das, was ich hier schreibe, auf die oben genannten. Und das Nationaltheater bietet auch noch unverschämt teure sog. "festliche Opernabende" an, hier bei dieser Inszenierung wird dann z.B. Waltraud Meier die Ortrud singen, dafür kosten dann die Karten das Dreifache. Und schließlich geht es mir primär um die Inszenierung...

      Und noch eins vorweg: Ich war noch nie im Nationaltheater in Mannheim, ich war überrascht. Es versprüht den Charme einer englischen Schulsporthalle aus den frühen 1970-ern, und kommt architektonisch auch diesem Ideal sehr nahe. Außerdem scheint es keine Kellerräume zu haben, was dazu führt, daß auch das Parkett sich schon im ersten Stock befindet. Die große Eingangshalle (ebenerdig) liegt damit unter den Bühnen des Schauspiels und der Oper (die Bühnen sind in dem Gebäude mittig, die Zuschauerräume schliessen sich nach außen an), was zur Folge hat, daß Bühnentechnik, wenn überhaupt, nur nach oben oder von oben kommen kann (in dieser Inszenierung haben wir ein statisches Bühnenbild, das nur ab und an durch ein, zwei Gegenstände (Bett oder ein zweites Rednerpult z.B. verändert wird, oder durch zusätzliche Vorhänge abgegrenzt wird). Andererseits sitzt man auf den einfachen Klappstühlen (gepolstert) hervorragend! Und auch die Akustik scheint nicht unter der unspektakulären Architektur zu leiden, ganz im Gegenteil. Nach meiner Wahrnehmung ist der Zuschauerraum breiter als tief, was einen sehr guten Blick von allen Plätzen auf das Geschehen auf der Bühne erlaubt, da auch die Bühne eher breit als tief ist.

      Im Programmheft gibt es eine Einführung (es gibt leider keinen Einführungsvortrag zum Lohengrin in Mannheim), ein Interview mit Tilman Knabe, geführt von Anselm Dalferth, in dem das Grundprinzip dieser Inszenierung hergeleitet wird: Es geht hier nicht vorrangig um Liebe (die reine Liebe), sondern um Kriegspolitik. Die Ausgangssituation des Stücks ist ein führungsloses Land, entscheidungsunfähig. Heinrich kommt nach Brabant, um Truppen für den Angriffskrieg gegen Ungarn zu bekommen, was aber ohne Regierung schwer geht. Zur Problemlösung taugt Elsa nur insoweit (sie darf als Frau in der damaligen Zeit nicht regieren), als sie einen Ehemann braucht. Und erst hier kommt dann die Liebe ins Spiel, wird in der ganzen Inszenierung aber als Machtfrage, und nicht als "reine Liebe" dargestellt und vorgeführt. Das klappt die ganze Inszenierung über hervorragend!

      Zum Vorspiel nun sehen wir den Heerrufer (in Karl-Theodor zu Guttenberg"verkleidung", hervorragend dargestellt, wie im Übrigen alle Beteiligten wundervoll, abwechslungsreich und sehr überzeugend agieren, hier traut man sich auch mal, mit dem Rücken zum Publikum die Angesprochenen anzusingen!), zusammen mit Elsa (als Julija Timoschenko "verkleidet") und einigen Gefolgsleuten als auch mit König Heinrich (wenn ich mich nicht getäuscht habe!) Lohengrin aus einer Gefangenschaft befreien, oder besser, freikaufen (wobei sich Lohengrin durch die Handlanger als auch KTzG blutig schlagen lassen muß, weil er sich weigert, einen entsprechenden "Arbeitsvertrag" zu unterzeichnen!). Weil diese "Befreiung" oder besser (aber das wird erst imLaufe des Abends deutlicher!) "Anstellung" eben nicht auf Anhieb klappt, ziehen Elsa als auch der Heerrufer immer mal wieder ihr Handy aus der Tasche und telefonieren mit ihrem jeweiligen Stab. Bevor der Vorhang sich hebt, tragen die Handlanger dann Lohengrin von der Bühne. Damit ist, zugegebenermaßen erst im Nachhinein bzw. Laufe des Abends, der Inszenierung, deutlich sichtbar, worum es hier geht: Machtpolitik, mit schmutzigsten Mitteln, und vollkommen konträren Interessenlagen. So knutscht Elsa mit dem Heerführer, als wohl mit dem König noch während des Vorspiels, also während "der kaufmännischen Befreiung" Lohengrins, ungeniert rum.

      Der Vorhang hebt sich, man sieht in ein Parlament, nach hinten ansteigend. Rednerpult vorne an der Rampe zum Publikum, auch die Parlamentarier schauen Richtung Publikum. Auf der linken Seite eine Trümmerwand (wir erinnern uns: Krieg!), rechts ein mit Jalousien verschlossener gläserner Schauraum (später für Götzendienste et.al. genutzt).

      Die Presseentourage tritt auf, gefolgt von König Heinrich, wir kommen uns vor, wie bei der Hochezit von Willem und Kate, äh, nein, Lady Di und Prinz Charles... KTzG, äh, nein, der Heerrufer begrüßt Heinrich mit Handschlag, läßt ihm Mantel und Handschuhe abnehmen, schickt die Presse fort (das passiert immer wieder den Abend über, immer sehr passend!), und "spricht" zum Parlament die einleitenden Worte "Hört! Grafen, Edle, Freie von Brabant!"... Ihr kennt die Worte... ;) Rechts vorne in der ersten Reihe sitzen Friedrich und Ortrud. Bei Sätzen wie "als Kampfes Preis gewann ich Frieden auf neun Jahr' - ihn nützt ich zu des Reiches Wehr:" kommen dann immer wieder zustimmende aber auch ablehnende Rufe aus dem Parlament. Diese Reden werden am Rednerpult geführt. Nach der Klage Friedrichs tritt dann auch Elsa so auf, wie der König: Mit Presseentourage, das Volk huldvoll grüßend, die Presse wird von KTzG weggeschickt, das Absperrband gespannt, und erst dann kommt Elsa vor's Parlament, und setzt sich in die erste Reihe links. Auch Elsa hält dann ihre Verteidigungsrede vom Pult aus, wieder mit zustimmendem Klatschen aus Ihren Reihen (links auf der Bühne, also aus der Ordnung des Parlamentes politisch rechts, konservativ, werterhaltend, rein, treu (aber, die Realität sieht ja, wie wir schon im "Vorspann sahen", anders, verlogen, machtpolitisch aus).

      Der Ritter wird gerufen, der Schwan erscheint auf dem Balkon (vier Sitzplätze neben mir, durch den Eingang zum Balkon), aber Lohengrin selbst tritt dann von hinten ins Parlament ein, also ganz am anderen Ende des Theaters, ein spannender Moment, wenn sich alle zu den ersten Worten Lohengrins "Nun sei bedankt, mein lieber Schwan" ruckartig wieder der Bühne zudrehen, weil man erst dachte, Lohengrin (der als Double ebenfalls auf dem Balkon unter dem Schwan hervorkam!) würde nun auch vom Balkon aus singen.

      Ebenso wird hier die Verlogenheit der "Spontanverliebung" Lohengrins und Elsas ("Elsa, ich liebe Dich") ausgespielt, Elsa mimt gute Laune zum bösen Spiel.

      Der Kampf (ausgeführt als Redeschlacht mit Blitzlichtgewitter) zwischen Friedrich und Lohengrin wird eingeleitet durch Getränkedoping (KTzG tut Verschiedenes in die Wassergläser der Kämpfer/Diskutanten), dann mit entsprechender medialer Vorbereitung (Stirnpudern fürs Fernsehen, sowohl der Presseentourage) und endet mit Notfallärzten auf der Bühne, die dann Friedrich davontragen.

      Zum Abschluß des ersten Aufzugs ziehen alle aus dem Parlament aus, freudetrunken, mit Sekt et.al. in der Hand.

      Der zweite Aufzug beginnt, wie der erste aufhörte, nur betrunkener... Die Parlamentarier ziehen aus dem Parlament aus, total besoffen. Friedrich und Ortrud im Parlament, Ortrud mit einer Mappe, in der sie Schriftstücke hat, die eine Verschwörung belegen sollen, und mit denen sie Friedrich überzeugen kann, Lohengrin wegen Betrugs zu verklagen. Elsa tritt mit einem weiteren Liebhaber auf (links oben, auf dem Gerüst an der zerstörten Mauer), aber, als sie Ortruds Ruf hört, lassen sie schnell voneinander, ziehen sich wieder an, und Elsa kommt zu Ortrud herab, der Liebhaber verschwindet. Dieser erste Teil des zweiten Aufzugs, sonst meist tröge und schwer zu ertragen, ist hier spritzig, witzig und kurzweilig.

      Die Parlamentatrier ziehen wieder ein, mit Plastiktüten in der Hand, aus denen sie später Kriegsuniformen ziehen werden, noch besoffener. Ansonsten wieder gleiches Vorgehen: Heinrich, Heerrufer, et.al. als Redner im Parlament, und hier wieder mit einem Text, der im Programmheft auch als maßgeblich für diese Inszenierung genannt wird: "Nun hört, dem Lande will er uns entführen! - Gen einen Feind, der uns noch nie bedroht? - Solch kühn Beginnen sollt ihm nicht gebühren! - Wer wehret ihm, wenn er die Fahrt gebot?" Also: Auch hier geht es um einen Krieg, den das Volk nicht will. Der Einzug ins Münster, bei dem Ortrud weiter Zweifel in Elsa pflanzt, und Friedrich mit echten Argumenten Lohengrin anklagt, während der nur Allgemeinplätze ("Ja selbst dem König darf ich wehren" bzw. später "Euch Helden soll der Glauben nicht gereuen, werd euch mein Nam' und Art auch nie genannt!") zur "Verteidigung" von sich gibt, ist wieder zwingend in Szene gesetzt, und entlarvt ganz nebenbei Glauben als Götzentum.

      Der dritte Aufzug beginnt dann auch wieder vor dem Vorhang, mit einem Himmelbett, wobei der Himmel des Himmelbettes ein Schwan mit seinen ausgebreiteten Flügeln ist, in dem sich Elsa und Lohengrin später bekriegen, nachdem der ganze Presserummel durchs Schlafzimmer zog. Zuvor, während des Vorspiels haben aber noch KTzG und Elsa Sex, das muß man gesehen haben, wie hier wirklich tongenau zum Vorspiel Macht, Liebe und Gewalt der Musik in Bilder umgesetzt werden. Ja, diese Hochzeit ist politisch, und öffentlich, von Liebe keine Spur. Bei "Das süße Lied verhallt, wir sind allein..." sind sie nicht allein, Elsa hat ihre "Kammerzofen" dabei, die ihr permanent irgendwelche Verträge, Anordnungen, etc. zur Unterschrift vorlegen. Lohengrin will Sex mit Ihr, sie versucht sich drauf einzulassen, wird aber durch Handyklingeln und Unterschriftsnotwendigkeitern immer wieder abgehalten, und als dann seine Worte "Mein süßes Weib" von ihr mit "Einsam, wenn niemand wacht, nie sei der Welt er zu Gehör gebracht" konterkariert wird, so empfindet man sein anschliessendes "Atmest Du nicht mit mir die süßem Düfte" als ein ganz billiges Flucht- und Ablenkungsmanöver. Die weitere Diskussion und Wahnvorstellung ("der Schwan - dort kommt er auf der Wasserflut geschwommen") sind grandios ausagiert, und man fragt sich immer, wer hier wen wie warum manipulieren will. Friedrich kommt, wird erschossen, und wird in den "Schaukasten" getragen. Die restlichen Vorträge dann wieder vom Rednerpult, mit dem Parlament im Hintergrund, die sich mit Hilfe der Uniformen aus ihren Plastiktüten in eine Herrschar verwandeln. Zur Gralserzählung kommt eine obligate Werberückwand hinter das Rednerpult, und nach der Gralserzählung kommt Gottfried als Gadaffi in Uniform über dem Schaukasten hervor, und befiehlt Krieg. Diese letzte Szene ist mir zu heftig, paßt in meinen Augen und für mein Empfinden nicht ganz in das gesamte Bild, und den wirklich guten durchgängigen Handlungsstrang.

      Musikalisch gut, mit einigen kleinen, aber wenigen Ungenauigkeiten. Für mich trat aber das Musikalische in den Hintergrund, die Inszenierung ist durchgängig kurzweilig, intelligent, und immer wieder überraschend.

      So, nun freue ich mich auf Ergänzungen von Gurnemanz, Le_Merle_Bleu (und ggfls. Alviano) und Diskussion...

      Ich denke, ich werde mir das Ganze nochmal ansehen!

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Danke für den Bericht :wink: für den ich zu faul war :whistling:

      Kleine Korrektur zum Ende: Der Putschist, der am Ende die Macht an sich reist und alle Mitverschwörer beseitigt, ist nicht Gottfried (denn den hat in dieser Inszenierung Elsa tatsächlich um die Ecke gebracht, wie in einer Rückblende zu sehen ist), sondern der Außenminister bzw. Heerrufer, der als einziger der Bande, in der jeder gegen jeden intrigiert, überlebt. Diese Rückblende war übrigens einer der überraschendsten Momente des Abends, wie hier die Zweifel Elsas im Brautgemach mit diesem Rückblick auf den Mord zu einer Wahnsinnsszene umgedeutet werden, die auch zu einer Lady Macbeth passen könnte. Überraschend auch, wie gut die Musik zu dieser Umdeutung passt.

      Dieser Lohengrin ist ein wirklich spannender Polit-Thriller geworden, da kann ich nur zustimmen. Eine ausgezeichnet gedachte und gemachte Personenregie, vom ganzen Ensemble mit viel Überzeugungskraft umgesetzt, ein vom Anfang bis Ende stringent durchgezogenes Konzept - das ist schon packendes Theater. Ob das ganze so furchtbar tiefsinnig ist, steht auf einem anderen Blatt. Spaß macht dieser Lohengrin aber allemal, vor allem vermutlich denjenigen, denen der Erlöser-Plot des Stücks immer schon ein wenig unheimlich war. Hätte Herr zu Guttenberg doch diesen Lohengrin vor der Planung seiner Karriere sehen können - dann hätte er gelernt, dass es viel geschickter ist, zunächst einen Lohengrin-Strohmann ins Rampenlicht zu stellen, den man dann auch wieder abservieren kann, statt selbst zu früh im Zentrum der Aufmerksamkeit zu erscheinen. ;+)

      Was aus dem Orchestergraben kam, passte zu der handfesten Action auf der Bühne - Dan Ettinger (der bei meinem Besuch dirigierte) mag es zupackend und zügig, scheint aber nicht unbedingt der Mann für subtile Zwischentöne zu sein. Aber wie gesagt: Es passt.

      Insgesamt jedenfalls eine Produktion, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

      Michel :wink:
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Danke für die Korrektur, das war mir so nicht aufgefallen, daß da Elsa ihren Bruder umbringt (in der Wahnsinns-szene im Brautgemach, als Rückblende). Jetzt, wo Du es erwähnst, kann ich mich aber wieder zum Teil dran erinnern, ja, so kann es sein! Und: Ja, daß "Gadaffi" der Heerrufer war (oder sagen wir: Der Heerrufer im Gadaffi-Kostüm) ist, das merkte ich schon, hatte es aber vergessen, zu erwähnen. Und hatte es halt wegen der Unaufmerksamkeit zwischendrin dann falsch gedeutet...

      Matthias

      P.S.: Und: schön fand ich, daß die Trompeten wirklich live von den unterschiedlichen Ecken der Bühne gespielt wurden, und auch der Zuschauerraum in einigen Szenen mit einbezogen wird! So wird das Ganze noch "handgreiflicher" und verständlicher. Es gibt noch drei Termine: 14.5., 22.5. (mit Frau Meier, sehr teuer) und 17.7.
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Meine Lieben!

      Ich bin, wie schon bemerkt, kein Wagnerianer - aber passt dann noch die Musik, zu diesem gänzlich anderen Stück, wäre es nicht gescheiter gewesen eine andere Musik dazu komponieren zu lassen?

      Liebe Grüße sendet Euch Euer Peter aus Wien. :wink: :wink:
    • Lieber Peter,

      wenn ich es nicht live gesehen und gehört hätte, hätte ich es in der Art, wie es dargestellt und interpretiert wird, eher in Deiner wundervollen Opern-Parodie-Sammlung gesehen... :)

      Zu Deiner Frage: Ja, es paßt! Sogar sehr gut! Und das ist das absolut Verblüffende an der Inszenierung. Weil es paßt (das liegt aber auch mit an den hervorragend agierenden Sängern!), eröffnet es einen neuen Blick auf das Werk. Ob das dann eine "richtige Deutung" ist, ist eine andere Frage. Es ist aber auf jeden Fall eine sehr gut funktionierende Deutung, und es macht einen Heidenspaß, das mitzuerleben! Neben Hans Neuenfels' Tannhäuser im Aalto in Essen vor 3 Jahren ist das mit Abstand die witzigste (nicht in der Schenkelklopf-kategorie!) Wagner-Inszenierung, die ich bisher gesehen habe. Und man lacht während der Vorstellung öfter mal von ganzem Herzen, und nicht gequält!

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Ergänzung: Die Sex-Szene beim Vorspiel zum dritten Aufzug ist ein Paradebeispiel dafür. Erst sanft, dann ruppig, und dann der Orgasmus. Und das sozusagen als "Vorspiel" zum "Hochzeitsmarsch". Wenn man dann noch sieht, wie sich Guttenberg den Schwanz abwischt (säubert) nach dem Akt, und das im Rythmus der Musik, das muß man sehen, um es glauben zu können... ;) Aber eben auch die "Vorträge" von König Heinrich, oder auch Telramund und Lohengrin, aber auch Elsa. Das paßt. Und zeigt erschreckend deutlich, wie viel "Berechnung" und "Böses" oder "Durchtriebenes" auch in solcher Heilslehre (oder soll ich schreiben "Heilsleere"?) stecken kann.

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Lieber Matthias!

      Es wird schon stimmen was Du schreibst, ich denke mir den Lohengrin etwas anders, aber warum nicht so, ein wenig frivol [oder ein wenig mehr frivol].

      Denn ich liebe ja doch vier Wagner Opern [Holländer - Tannhäuser - Lohengrün [auch Lohengelb ist aber net vom Richardl als Ganzer] - Meistersinger und wenn ich den Karfreitagszauber höre, denn liebe ich auch Parsifal], bin also wagnerisch noch zu retten????? [mein Richardl!].
      P.S.: Meine Opernparodien stammen aus meinem Herzen, welches fast jede wirklich liebt. :klatsch: :klatsch:
      Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :wink: :wink:
    • "Brauchbar"... ;)

      Sehr textverständlich, Lohengrin mit etwas Problemen manchmal mit der deutschen Aussprache, dennoch gut verständlich.

      Wenig lyrisches, aber, das ist der Inszenierung geschuldet, es kam also Einiges sehr viel deftiger und derber. Das lies dann auch gelegentliche Probleme in den Höhen "überhören". Oder positiv gesagt: Gelegentlich wird mit "Nachdruck" gesungen, daher will ich nicht immer beurteilen, ob es Absicht oder Unvermögen war.

      Oder kurz gesagt: Wegen der rein musikalischen Leistung ist dies kein absoluter Höhepunkt (oder lohnt deswegen nicht), es ist aber "gehobener Durchschnitt", also auch nichts, wo man sich ärgert.

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Ulrica schrieb:

      Aber, wie war den der Gesang so ganz nebenbei?.....
      In der "B-Premiere" am 6.4., die ich ebenso wie Michel erlebt habe, fand ich sängerisch am überzeugendsten Heike Wessels (Ortrud) und Thomas Jesatko (Telramund), die laut Programmzettel ihr Rollendebüt gaben. Auch die Übrigen lohnten den Besuch, einen Ausfall gab es da nicht.

      Dank an Matthias für Deinen detaillierten Bericht! Deine Begeisterung für die kreative Inszenierung teile ich. Auch für mich war es ein Poiltkrimi, nicht nur spannend, sondern auch recht beklemmend: eine pessimistische politische Vision der Gegenwart, als Drohung einer unausweichlichen Militarisierung der Gesellschaft. Vor allem beeindruckend, daß Tilman Knabe seine eigenwillige Neuerzählung in ihren Bewegungsabläufen stark an Wagners Musik orientierte, z. B. im Vorspiel zum 3. Akt.

      Lohengrin als Spielball rivalisierender Politiker, die auch vor Mord nicht zurückschrecken (einschließlich Elsa), von wegen Gralsmythologien, alles nur Ideologie, nur Manipulation in einer mehr und mehr verrohenden Welt, das zieht Knabe konsequent durch, für orthodoxe Wagnerianer sicher provokativ.

      So überzeugend ich das fand - denn ich wünsche mir gerade bei einer Oper wie dem Lohengrin, dessen Handlung ich für veraltet und teilweise albern halte, eine neue Erzählung -, eine kleine Einschränkung: Warum der Titelheld sich so willig und letzlich überzeugt in seine Rolle fand, das leuchtete mir hier nicht ganz ein, das war nicht recht nachvollziehbar. Da hätte sich die Regie vielleicht noch etwas einfallen lassen sollen.

      Die Konzeption insgesamt allerdings fand ich stark! Und musikalisch war's auch toll - sosehr, daß diese Oper, die ich in einem Wagner-Ranking eher weiter hinten plaziert hätte, in meiner persönlichen Wertschätzung wieder gestiegen ist.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      So überzeugend ich das fand - denn ich wünsche mir gerade bei einer Oper wie dem Lohengrin, dessen Handlung ich für veraltet und teilweise albern halte, eine neue Erzählung -, eine kleine Einschränkung: Warum der Titelheld sich so willig und letzlich überzeugt in seine Rolle fand, das leuchtete mir hier nicht ganz ein, das war nicht recht nachvollziehbar. Da hätte sich die Regie vielleicht noch etwas einfallen lassen sollen.

      Die Konzeption insgesamt allerdings fand ich stark! Und musikalisch war's auch toll - sosehr, daß diese Oper, die ich in einem Wagner-Ranking eher weiter hinten plaziert hätte, in meiner persönlichen Wertschätzung wieder gestiegen ist.

      :wink:


      Zur "Rolle" und "Nicht-Auflehnung" Lohengrins: Wir wissen nicht, was in dem Vertrag steht, den er im Vorspiel bei seiner "Befreiung" aus seinen "Fesseln" unter Zwang unterschrieben hat.

      Und ich summe z.Z. immer noch viel Lohengrin vor mich hin, ja, ausgelöst durch die spannende Inszenierung...

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • pfuetz schrieb:

      Wir wissen nicht, was in dem Vertrag steht, den er im Vorspiel bei seiner "Befreiung" aus seinen "Fesseln" unter Zwang unterschrieben hat.
      Das nicht, aber gerade weil die Unterschrift erzwungen war, müßte das sich später in irgendeiner Art von Gebrochenheit zeigen, was ich vermisse. Aber das ist, wie geschrieben, nur eine kleine Einschränkung. Mir ist es so lieber als konventionell, als "werkgetreu". :D

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • So, komme eben von der unverschämt teuren "FOA" Version (Festlicher Opern Abend), und die Unterschiede waren:

      Musikalische Leitung: Dan Ettinger
      König Heinrich: Runi Brattaberg
      Friedrich Telramund: Thomas Jesatko
      Ortrud: Waltraud Meier
      Heerrufer des Königs: Thomas Berau

      Mein erster Eindruck. Das "Festliche" Publikum liebt Staubi-Inszenierungen... :) Es gab nach jedem Aufzug Buhrufe, und dann während der Sex-Szene beim Vorspiel des dritten Aufzugs so lange Buhrufe, daß ich dachte, es wird gleich abgebrochen werden. Was sind das bloß für spiessige Bürger... :)

      Zweiter Eindruck: Thomas Berau singt besser, spielt aber schlechter als Nikola Diskic. Waltraud Meier singt besser als Judith Nemeth, aber sie hat inzwischen Probleme mit den hohen Tönen, das klingt zum Teil schon wie Schreien, schade. Zwischen Runi Brattaberg und Pavel Shmulevich ist mir jetzt nichts als Unterschied aufgefallen, Runi Brattaberg's Stimme gefällt mir aber nicht, habe aber keine Erinnerung mehr an Pavel Shmulevich. Thomas Jesatko sang besser als Karsten Mewes, aber auch hier ist mir nichts besonderes an Unterschieden aufgefallen. Das Orchester spielte heute einheitlicher, auch, wenn das Blech immer noch nicht immer zusammen oder auf den Punkt da war. Also: Musikalisch besser, spielerisch etwas schlechter, Publikum intolerant, verknöchert, verbiestert.

      Mal sehen, ob ich am 17.7. noch mal Zeit finde, ich würde das gerne noch ein drittes Mal sehen...

      Gurnemanz: Nein, ich fand nicht, daß man eine Art Gebrochenheit zeigen muß, Lohengrin wird immer mal wieder mit seinem unterschriebenen Vertrag konfrontiert, und ja, er kommt als "Verlierer" rüber, als derjenige, der tun muß, was man ihm sagt, und sich nun nicht dagegen auflehnen kann. Er bekommt ja andauernd Hinweise, bzw. Anweisungen vom Heerrufer (Guttenberg), kann also gar nicht ausbrechen, und muß dauernd gute Miene zum bösen Spiel machen.

      Le_Merle_Bleu: Ja, klar, die Ermordung habe ich heute auch als solche wahrgenommen, aber, das ist nicht offensichtlich genug gemacht im zweiten Aufzug. Zwar ist klar, daß da das "Double" der Elsa in dem Glaskasten jemanden ermordert, daß das aber ihr Bruder sein soll, ist nicht so offensichtlich. Wenn man das aber weiß, dann ist auch klar, wer im dritten Aufzug als Leiche da von Friedrich und Ortrud reingetragen wird...

      Und dann ist auch klar, warum zum Schluß der Heerrufer die Macht übernimmt. Er hat von Anfang an alle Fäden in der Hand, und führt diese Fäden so geschickt, daß eben alle an ihren Intrigen scheitern müssen, und nur er übrig bleiben kann.

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Danke, lieber Matthias, für Deinen aufschlußreichen Bericht: Ich selbst pflege die Mannheimer "Festlichen Opernabende", bei der "Stars" geholt und der Inszenierung aufgedrückt werden, stets zu umgehen und fühle mich jetzt darin wieder bestätigt.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Lieber Gurnemanz,

      für Frau Meier und einen Sekt danach das Dreifache zahlen zu müssen, finde ich auch unverschämt! Es scheint aber die Kasse zu füllen (war besser gefüllt, wenn wohl auch nicht ganz ausverkauft, als bei meinem ersten Besuch!), und gewisse Kundenbedürfnisse zu befriedigen...

      Ich wollte die Inszenierung halt gerne noch ein zweites Mal sehen, und derzeit sieht es so aus, dass ich eben am 17.7. nicht kann, daher blieb mir nichts anderes übrig...

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Gurnemanz schrieb:

      pfuetz schrieb:

      Wir wissen nicht, was in dem Vertrag steht, den er im Vorspiel bei seiner "Befreiung" aus seinen "Fesseln" unter Zwang unterschrieben hat.
      Das nicht, aber gerade weil die Unterschrift erzwungen war, müßte das sich später in irgendeiner Art von Gebrochenheit zeigen, was ich vermisse. Aber das ist, wie geschrieben, nur eine kleine Einschränkung. Mir ist es so lieber als konventionell, als "werkgetreu". :D

      :wink:


      Heute, auf der Fahrt nach Stuttgart, kam mir die Erklärung! Sie steckt im dritten Aufzug und der Text dazu lautet, gesungen von Lohengrin:

      "mich zwang dein Blick zu dienen deiner Huld."

      sowie

      "dich sah mein Aug', mein Herz begriff dich da."

      Elsa taucht ja auch im Vorspiel zum ersten Aufzug auf, genau darauf bezieht sich dann der Text im dritten Aufzug.

      Also: Lohengrin erkennt die Durchtriebenheit Elsas, und spielt mit, weil er sich auch Vorteile erhofft. Also: Nichts mit gebrochen, selbst Machtmensch will er werden!

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Ich habe heute Abend noch die letzte Aufführung des Mannheimer Lohengrin in dieser Spielzeit erwischt und kann mich dem bisherigen Fazit nur anschliessen. Die Inszenierung ist stringent, und keine Minute langweilig. Besonders gut gelungen, fand ich die Darstellung der Elsa als handelnde Politikerin. In anderen Inszenierungen, die ich gesehen habe (JD Herzog, Herheim), erschien Elsa eher in einer 'passiven Opferrolle', die alles doch irgendwie über sich ergehen lässt, während sie bei Knabe durchweg eine sehr agierende und die Handlung vorantreibende Rolle hat. Also insofern fast schon eine Götterdämmerung-Brünnhilde...