ZU-Studie: Verdrängen, Verdecken und Verschweigen - Wie die Klassik mit dem Publikumsschwund umgeht

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • ZU-Studie: Verdrängen, Verdecken und Verschweigen - Wie die Klassik mit dem Publikumsschwund umgeht

      Friedrichshafen. Intendanten, Operndirektoren und Kulturpolitiker bleiben weiterhin eine Antwort auf die krisenhaften Folgen der demographischen Entwicklung im Kulturbereich schuldig. Vielmehr reagierten sie vorwiegend mit Verdrängen, Verdecken und Verschweigen auf den absehbar zunehmenden Publikumsschwund in Theatern und Opernhäusern. Diese Einschätzung ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie der Junior-Professoren Martin Tröndle und Markus Rhomberg von der Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen.

      „Zukunftssorgen macht man sich anscheinend im Klassikbetrieb nicht“, stellen Tröndle und Rhomberg fest. Dabei droht der Branche ein dramatischer Niedergang. So zeigt eine Reihe von Studien, dass das Durchschnittsalter des Konzert-Publikums zwischen 55 und 60 Jahren liegt. Das Durchschnittsalter des Klassik-Publikums ist in den vergangenen 20 Jahren dreimal so schnell angestiegen (um rund 11 Jahre) wie das Durchschnittsalter der Bevölkerung (rund 3,4 Jahre). Tröndle: „Prognosen für die Zukunft verheißen nichts Gutes: Demnach wird das Klassik-Publikum in den nächsten 30 Jahren um mehr als ein Drittel zurückgehen – es stirbt schlichtweg aus.“

      In einer Inhaltsanalyse der Berichterstattung von überregionalen und regionalen Zeitungen sowie Radiobeiträgen über die Zukunft des Konzerts entdeckten der Musikwissenschaftler Tröndle und der Politik- und Kommunikationswissenschaftler Rhomberg drei Verhaltenskategorien, wie der Klassikbetrieb auf die demografischen Entwicklungen reagiert: Viele versuchen diese Entwicklungen zu verdrängen, zu verdecken und zu verschweigen. Andere reagieren darauf, indem sie mehr Ressourcen fordern, um ihr Überleben zu sichern. Und nur ganz wenige beschäftigen sich mit Innovationen und Reformen, um eine nachhaltige Entwicklung des Konzertbetriebs zu fördern.

      Die nach wie vor weit verbreitete Zuversicht wird von den Klassikverantwortlichen jedoch nicht belegt, sie stützen sich vielmehr allein auf persönliche Erfahrungen oder ältere Erhebungen, haben die beiden Autoren der Studie festgestellt. Die Klassikverantwortlichen zweifeln den prognostischen Wert demografischer Daten an, vergleichen diesen unter anderem mit der Aussagekraft von „Wetterberichten“. „Es zeigen sich zwei Realitäten: Jene vieler Intendanten, die eine Krise verdrängen - und jene der Wissenschaft“, schlussfolgern die Studienautoren.

      Dieser offensichtliche Kontrast der wissenschaftlichen Studien und den Selbstaussagen vieler Intendanten eröffnen zwei mögliche Interpretation, berichten Tröndle und Rhomberg: „Die erste geht von der Prämisse aus, dass die in den Medien gefundenen Aussagen tatsächlich die Meinung der Akteure abbildet. Das bedeutete, man will den gesellschaftlichen Wandel und das damit einhergehende Krisenszenario für die Klassik nicht sehen.“ Es ergibt sich das Bild eines relativ geschlossenen Betriebs, geprägt durch ein elitäres Kulturverständnis, das sich an einer glanzvollen historischen Vergangenheit orientiert. Verstärkt könnte diese Haltung gegebenenfalls auch dadurch werden, dass ein Großteil der Intendanten selbst das Rentenalter erreicht haben wird, noch bevor der Publikumsschwund voll durchschlägt. „Diese Haltung könnte man als ‚Verdrängungsstrategie’ beschreiben“, erklären Tröndle und Rhomberg. Eine zweite Interpretation geht davon aus, dass den Intendanten das Problem durchaus bewusst ist, sie die Problematik aber nicht öffentlich diskutieren wollen, sie also verdecken. „Denn zum einen könnte solch eine Diskussion die Spargelüste mancher Kämmerer und Finanzminister wecken, zum anderen sinkt die Attraktivität eines Hauses, wenn potentielle Geldgeber wissen, dass dessen Publikum in den kommenden Jahren stark dezimiert wird“, erklären die Studienautoren.

      In der Debatte in den Medien wird aber auch mit möglichen Lösungsansätzen argumentiert: „Dabei finden sich sowohl Elemente, die sich mit der ‚popkulturellen Sozialisation’ der Jugendlichen beschäftigen, als auch Elemente, die sich mit heutigen Erscheinungen wie der Medialisierung gesamter Lebensbereiche befassen“, schildern die Wissenschaftler. Viele Jüngere erlebten eine völlig andere musikalische Sozialisation. Es sei eben nicht die klassische Musik als solche, die die Jugend abschrecke, sondern das Ritual des Konzerts.

      Um die Kulturpolitik zur Reform zu ermutigen, hilft laut Rhomberg und Tröndle ein Blick in die Geschichte in des Konzertwesens: Nahezu alle Innovationen im Klassikbetrieb (wie auch seine Entstehung selbst) wurden durch private Akteure realisiert. Verfolgt man allein die Entwicklungen im 20. Jahrhundert lassen sich hier die Alte Musik und die historische Aufführungspraxis, die Neue Musik, die Vielzahl der entstandenen Festivals, die Tonaufzeichnungs- und Abspielgeräte, die in den letzten Jahren entstandenen professionelle Ensembles etc. nennen. Tröndle und Rhomberg fordern: „Dramaturgisch inspirierten Festivalmachern, hochspezialisierten Ensembles, klugen Konzertveranstalter und findigen Musikvermittlern sollte daher eine Chance gegeben werden, in einen positiven Wettbewerb um kluge Ideen und sinnliche Konzepte mit den etablierten Häusern einzutreten“. Denn: „Das Problem der Klassik ist nicht das Publikum und ebenso keines zu geringer Budgets, sondern eines der Mittelverteilung und der fehlenden Innovationsfähigkeit des Betriebs.“

      Eine ausführliche Darstellung der Studie findet sich in:

      Rhomberg, Markus/Tröndle, Martin (2010): Who cares? Themen, Akteure und Motivationen: Eine Diskursanalyse der Medienrezeption des Bandes „Das Konzert“. - In: Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hg.): Jahrbuch für Kulturpolitik 2010, Band 10. Essen: Klartext, 167-176.
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Schon wieder eine neue Tröndle-Studie? Oder ist das immer noch die, die wir hier schon breitgetreten haben:

      Stirbt das Klassik-Publikum aus?

      Oh, ich sehe gerade: Es handelt sich um eine "Diskursanalyse" der Medienrezeption des von Tröndle herausgegebenen Bandes Das Konzert. Diese Rezeption scheint - zumindest nach den Maßstäben Tröndles - nicht donnerhallmäßig genug ausgefallen zu sein. Oder in seinen Worten: Verdrängen, Verdecken und Verschweigen.


      Der Mann ist hartnäckig. Seine aktuelle Pressemitteilung hat es jetzt immerhin schon in den Informationsdienst Wissenschaft, den Konstanzer Südkurier, in das Bodenseeorgan see-online und in das Capriccio-Forum geschafft.

      Aber schön, dass die Privatinitiative alles wieder richten wird, wie sie es in der Weltgeschichte noch immer getan hat. Besonders wenn Herr Tröndle von der privaten Zeppelin University an diesen Privatinitiativen beteiligt ist.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Peter Brixius schrieb:

      Viele Jüngere erlebten eine völlig andere musikalische Sozialisation. Es sei eben nicht die klassische Musik als solche, die die Jugend abschrecke, sondern das Ritual des Konzerts.


      Einer der zentralen Thesen begegnet man ja häufiger,auch in der KStA-Diskussion gehörte sie zu den zentralen Thesen. Ich kann sie eigentlich kaum nachvollziehen. Das beginnt mit der Kleidung. Heute wird doch niemand vom Kunsttempel abgewiesen, wenn er normale Alltagskleidung trägt. Die Regeln weichen auch kaum von denen ab, die man ungeschriebener Maßen in einem Cinedom befolgt, außer dass man in einem Konzert keine Lebensmittel zu sich nimmt. Die eigentliche Barriere ist doch nicht ein Ritual, sondern die Länge der Musikstücke.

      Dass ein Künstler, um die Hochleistung zu bringen, die man von ihm erwartet, eine hohe Konzentration braucht, kennt man aus allen anderen Bereichen auch, in denen das Publikum zum Schweigen kommt, wenn es gilt. Wie gesagt, bei der klassischen Musik gilt es eben länger, das braucht sicherlich Übung.

      Aber der überwiegende Teil der Beschäftigung mit Musik ist ja nicht mit der Anwesenheit in Oper und Konzert verbunden, sondern mit Konserven unterschiedlicher Art - und dafür entfallen sicherlich die Rituale des Konzertsaals.

      Wie Bernd schon schrieb, am Fragwürdigen der ursprünglichen Veröffentlichung hat sich leider nichts geändert, beklagt wird offensichtlich nur, dass sie zu wenig von den Verantwortlichen zur Kenntnis genommen wurde.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Peter Brixius schrieb:

      "...positiven Wettbewerb..."
      Eine Kurz-Suche bei goole legt nahe, dass der Begriff "positiver Wettbewerb" in keiner Einzelwissenschaft etabliert ist. Was soll man sich darunter vorstellen? Sollen negative Affekte aufgefangen werden, die beim Einbringen eines marktwirtschaftlichen Begriffs in den Bereich der sogenannten Hochkultur zu erwarten sind, indem man das Adjektiv "positiv" davorsetzt?

      Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Peter Brixius schrieb:

      "...positiven Wettbewerb..."
      Eine Kurz-Suche bei goole legt nahe, dass der Begriff "positiver Wettbewerb" in keiner Einzelwissenschaft etabliert ist. Was soll man sich darunter vorstellen? Sollen negative Affekte aufgefangen werden, die beim Einbringen eines marktwirtschaftlichen Begriffs in den Bereich der sogenannten Hochkultur zu erwarten sind, indem man das Adjektiv "positiv" davorsetzt?

      Falstaff


      Mir war dieser Ausdruck als Fachterminus auch nicht bekannt, lieber Falstaff. Aus einem Gegensatzpaar "positiver/negativer" Wettbewerb könnte man auf die Folgen eines Wettbewerbs schließen, der (für wen?) positive oder negative Folgen hat. Mir ist es allerdings unklar, worum es bei dem Wettbewerb gehen soll. Etwa um das Konzept "Wie bringe ich Jugendliche am besten zur Klassik?" Da sind für mich aber noch ganz andere Faktoren ausschlaggebend -wie die Vermittlung der Klassik durch die Familie, in der der Jugendliche aufwächst.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Ich muss zugeben, dass mir persönlich der Rückgang der Besucherzahlen bei Konzerten mit klassischer Musik völlig gleichgültig ist. Ich besuche inzwischen auch kaum noch solche Konzerte. Schon deshalb, weil mir das dämliche Gequatsche und Gehabe der Leute dort auf die Nerven geht. Wer klassische Musik hören will, hat dazu heute via CD, Radio und Internet reichliche und großartige Möglichkeiten, bessere als je zuvor in der Geschichte.

      Die Kunstreligion des 19. Jahrhunderts mit ihren großen Konzertsälen ist eben inzwischen von der Sportreligion samt noch größeren Stadien abgelöst worden. Was ist daran so schlimm? Solange eine hervorragende Studioaufnahme nach der anderen erscheint, sehe ich da kein Problem. Dieses ständige Gejammer über die Marginalisierung des Bildungsbürgertums kann ich jedenfalls nicht nachvollziehen. Von der" Elite" zur belächelten Randgruppe - na und? Wir sollten einfach das Beste daraus machen. Und genau das tun wir schließlich auch.

      Gruß, Carola
    • Liebe Carola,

      wie aber sollen die CDs, DVDs, et.al. ins Internet kommen, bzw. wo sollen sie vorher herkommen? Es braucht Konzerte, Opernaufführungen, damit der Betrieb leben kann, denn nur von Studioaufnahmen lassen sich zumindest wohl OpernDVDs nicht finanzieren...

      Also: Darmstadt tut was: Studenten müssen keinen Eintritt ins Staatstheater zahlen ("http://www.staatstheater-darmstadt.de/preise-und-abonnements/preise-und-ermaessigungen/1798-ermaessigungen"), und außerdem werden von Jugendlichen geschriebene Opern gesponsort: Kompositionsklasse für Kinder und Jugendliche an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt: Der Prinz von Jemen, Eine Oper für Jung und Alt, Staatstheater Darmstadt, Götz, Wycik, Uraufführung, Premiere, 9. April 2011

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Carola schrieb:

      Ich muss zugeben, dass mir persönlich der Rückgang der Besucherzahlen bei Konzerten mit klassischer Musik völlig gleichgültig ist. Ich besuche inzwischen auch kaum noch solche Konzerte. Schon deshalb, weil mir das dämliche Gequatsche und Gehabe der Leute dort auf die Nerven geht. Wer klassische Musik hören will, hat dazu heute via CD, Radio und Internet reichliche und großartige Möglichkeiten, bessere als je zuvor in der Geschichte.

      Die Kunstreligion des 19. Jahrhunderts mit ihren großen Konzertsälen ist eben inzwischen von der Sportreligion samt noch größeren Stadien abgelöst worden. Was ist daran so schlimm? Solange eine hervorragende Studioaufnahme nach der anderen erscheint, sehe ich da kein Problem.


      Ich gehöre ja eher zu der Spezies, die Konzert- und Opernbesuche dem Abhören von Tonträgern vorzieht und für ersteres einen bestimmt fünfmal höheren Betrag ausgibt als für letzteres. Aber davon mal abgesehen: Künstler, die allein von ihren Einnahmen aus Tonträgerverkäufen leben können, dürften eine winzige Minderheit sein. Viele müssen ja sogar noch drauflegen, damit sie eine Aufnahme veröffentlichen dürfen. Bei großen Aufnahmeprojekten - insbesondere Opern, aber auch großen Orchester-Chor-Werken usw. - gibt es bekanntlich seit einiger Zeit keine "richtigen" Studioaufnahmen mehr: es handelt sich immer um Nebenprodukte oder Mitschnitte von Aufführungen. Finanziert wird das alles entweder über die Subventionen, von denen die Mitglieder der beteiligten Klangkörper bezahlt werden und/oder über die Einnahmen aus den Konzerten. Die öffentlichen Subventionen werden aber nicht geleistet, damit die Künstler im Studio Tonträgeraufnahmen produzieren, sondern damit eine Grundversorgung mit Livemusik in einer Stadt oder einer Region stattfindet. Ohne Konzert- und Opernbetrieb wird es auch keine Klangkörper mehr geben, die im Studio oder sonstwo irgendwas einspielen können. Allenfalls die Rundfunkanstalten spielen noch eine vermittelnde Rolle zwischen Konzert- und Opernbetrieb auf der einen und technisch reproduzierter Musik auf der anderen Seite (wobei aber der Anteil von Konzertmitschnitten in den Rundfunkprogrammen in den letzten Jahren erheblich gestiegen sein dürfte).

      Selbst bei Solisten und kleinen Ensembles wird das nicht viel anders sein (es sei denn, die betroffenen Musiker haben gut dotierte Posten an einer Hochschule). Womit verdient denn wohl, um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen, das Quatuor Danel seine Brötchen? Bestimmt zum geringeren Teil mit seinen hervorragenden Aufnahmen der Streichquartette von Mieczyslaw Weinberg und zum größeren Teil durch seine emsigen Konzerttourneen - für die sich zum Glück immer noch genug zahlende Besucher finden.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Womit verdient denn wohl, um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen, das Quatuor Danel seine Brötchen? Bestimmt zum geringeren Teil mit seinen hervorragenden Aufnahmen der Streichquartette von Mieczyslaw Weinberg und zum größeren Teil durch seine emsigen Konzerttourneen - für die sich zum Glück immer noch genug zahlende Besucher finden.



      Ganz richtig.
      Mit den CD-Aufnahmen verdient man gar nichts.
      Da wird man, wenn überhaupt, einmal bezahlt für die Mitwirkung bei der Aufnahme.
      Jedenfalls als normaler( und dazu zähle ich auch das hervorragende Quatuor Danel ) Interpret.

      Im großen und ganzen kommt man aus CD-Produktionen, was den Aufwand betrifft, plus minus null heraus, wenn man Glück hat.

      So gut wie jeder Interpret erhofft sich natürlich durch diese Aufnahmen mehr Auftrittsmöglichkeiten und größeren Bekanntheitsgrad.

      Ich spreche jetzt nicht von Brendel oder Barenboim als Beispiel, sondern halt von "normalen" Interpreten.
    • Wenn ich das mir hier in Berlin ansehe, da sind Veranstaltungen, die Eventcharakter und moderate Preise haben (z.B. Young Euro Classic, Open Air Veranstaltungen der Staatsoper auf dem Bebelplatz, Lange Nacht der Opern und Theater etc) immer knackevoll. Und da sind nach meiner Beobachtung sehr viele junge Leute, jedenfalls deutlich mehr als in den normalen Spielplanvorstellungen.
      Ich denke also, es liegt zu einem wesentlichen Teil schlicht a) an der Vermarktung (die bei Festivals etc. aggressiver ist) und b) auch am Preis.
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Ich bin zugegebener Massen auch mehr der CD (MP3) Hörer und gehe weniger ins Konzert (was unter anderem auch daran liegt, dass bei Konzertankündigungen nichts über das Programm gesagt wird und ich möchte vorher wissen was ich hören werde.).

      Ich denke, dass die Preise auch ein Grund sind.

      Aber einen so grossen Svhwund kann ich nicht feststellen, ich war zuletzt in einem Streichquartett-Konzert (Haydn, Beethoven) in einem Saal mit ca 300 Plätzen und der war fast ausverkauft (unter 35 eta 15%)
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
      ----------------------------
      Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)
    • Erzherzog schrieb:

      Aber einen so grossen Svhwund kann ich nicht feststellen, ich war zuletzt in einem Streichquartett-Konzert (Haydn, Beethoven) in einem Saal mit ca 300 Plätzen und der war fast ausverkauft (unter 35 eta 15%)

      Den großen Schwund kann ich aus meiner Erfahrung heraus auch nicht feststellen. Symphonie-, Kammer-, oder Kirchenkonzerte sind hier eigentlich immer recht gut besucht, vor allem die Abonnementsreihe der Symphoniekonzerte ist immer ausverkauft, ohne Abonnement bekommt man, wenn man Glück hat, noch einen Platz auf der Zusatztribüne. Mir ist aber natürlich klar, dass auch eine ausverkaufte Halle nicht annähernd die Kosten dieses Luxus´ deckt.
      Nur bei Opernaufführungen (Preis ist der gleiche) ist es meist deutlich leerer.
      Was ich aus meiner Erfahrung nicht bestätigen kann, ist der Anteil an jungen Zuhörern. Bei den Symphonie- und Kammerkonzerten hier beträgt der Anteil der Unter-35-jährigen normalerweise geschätzt vielleicht 5-10&, einen Schätzwert von 15% finde ich da schon sehr hoch. Umgekehrt würde ich den Anteil der Über 70-jährigen auf sicher 70% schätzen (bei Kammerkonzerten und Opern ein Bisschen höher, bei Symphoniekonzerten ein Bisschen niedriger, da sitzen auch noch ein paar aktive Lehrer zwischen den Pensionären :P ).
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Eine ergänzende Beobachtung von mir. Heute sind Jugendliche viel offener und aufgeschlossener der klassischen Musik gegenüber, als es noch zu meiner Schulzeit (70-er Jahre) der Fall war. Das mag zum Einen damit zusammenhängen, daß Vieles beliebiger geworden ist, und damit die klassische Musik eben nicht mehr als Feindbild "spießig" taugt, zum Anderen aber auch evtl. damit, daß viele Elemente der klassischen Musik sich eben auch in der "Jugendkultur" wiederfinden. Sei es bei Kinomusiken, sei es bei den Musiken zu Computerspielen. Was der "jungen Generation" aber fehlt, ist der "Trigger", mal in Oper oder Konzert zu gehen (also den Arsch hochzukriegen), denn das Angebot im Internet ist da so groß, daß die "Notwendigkeit", es auch mal wirklich Live zu erleben, nicht gesehen wird. Hebre nannte es oben so: Bei OpenAir und günstigen Preisen läuft der Laden (deswegen macht Katharina Wagner es ja auch in Bayreuth! Klappt ja auch da!). In Kulturzeit (3Sat) habe ich mal vor Monaten (kann auch etwas über ein Jahr her sein) Berichte gesehen, wie es mit der Akzeptanz z.B. der digital Musik Hall der Berliner Philharmoniker aussieht. Diejenigen, die noch nie in der Philharmonie waren, schauen wohl mal die MusicHall, und weil sie nicht wissen, wie es Live vor Ort klingt und sich auch anfühlt, wissen sie nicht, was sie vermissen. Wer aber einmal da war, kommt auch wieder. Ebenso ist es mit der Computerspielmusik. Über die kann man einen Bezug zur klassischen Musik bekommen, man muß es aber aktiv tun, sonst "fällt es nicht auf". Kurz also der Appell: Jeder, der Jugendliche um sich rum hat, sollte die Chance nutzen, mit denen mal ins Konzert oder die Oper zu gehen, der Funke springt über! Heute erstaunlicherweise viel leichter als noch in den 70-ern, denn da galt es als spießig. Das ist heute nicht mehr der Fall!

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Es gibt einen weiteren mittelbar demographischen Effekt, der zu Verzerrungen führen könnte. Zum einen kommt es nicht nur auf die Relation des Durchschnittsalters der Konzertbesucher zu dem der Bevölkerung an, sondern auch darauf, dass heute (wie vielleicht schon vor 20 Jahren, aber nicht wie vor 40 Jahren) zunehmend mehr Menschen einen langen, aktiven Ruhestand mit ziemlich viel Geld und Freizeit verbringen können.
      Eine Tante von mir hat unlängst ihren 75. Geburtstag begangen und wenn ich deren Lebensweise mit der meiner verstorbenen Großmütter, als diese in den 1980ern in diesem Alter waren, vergleiche, ist das schlagend. Der Unterschied im "gefühlten" Alter, in der Art der Aktivitäten und des Lebensstils usw., entspricht nicht 3 oder 4 Jahren, sondern eher 15 Jahren. Sicher gilt das nicht für alle, aber weitgehend für das "typische" (vergleichsweise gebildet, wohlhabend) Konzertpublikum. Das ist für diese Leute ja erst mal sehr begrüßenswert und wir sollten froh sein, dass sie so lange aktiv sein und in Konzerte gehen können.

      Des weiteren ist die Dominanz der 60-70jährigen wenig verwunderlich, weil m.E. genau diese Generation in den 1950ern und 1960ern einen vorher nie dagewesenen sozialen Aufstieg in die oder innerhalb der Mittelschicht erleben konnte, der damals wenigstens bei einem Teil der Aufsteiger eben nicht nur wirtschaftlich, sondern auch soziokulturell geprägt war. Damals hat sich das Spektrum der Konzertbesucher sowohl erheblich verbreitert als auch ist die Schicht gewachsen, der traditionell Konzertbesucher angehören. Freilich ist gleichzeitig (oder wenige Jahre später) die Verbindlichkeit des Interesses an Klassik und Oper für die Mittelschicht gesunken. Man kann auch "dazugehören", ohne ein Abo zu haben usw. Die relative Stärke dieser gegenläufigen Entwicklungen ist schwer abzuschätzen (das wurde wohl in dem anderen thread auch schon angesprochen).

      Ein weiterer schwer abschätzbarer Faktor ist die Tendenz von Menschen in "reiferem" Alter, also sagen wir zwischen 35 und 50 noch ein Interesse an klassischer Musik zu entwickeln. So ähnlich wie bei der Demographie i.e.S. die Frauen nicht unbedingt so viel weniger Kinder bekommen, sondern eben etliche Jahre später, führt die Vernachlässigung dieser Verschiebung zur Verzerrung. Überzeichnet: Konzerte könnten immer voll sein, aber es würden immer die über 50jährigen dominieren, weil der Nachwuchs erst in fortgeschrittenem Alter zur Klassik "konvertiert".

      Wie auch immer, die ziemlich flachen Kernthesen Tröndles, es läge a) am "Ritual" und b) an den verknöcherten Strukturen des öffentlichen Kulturbetriebs, halte ich beide für falsch. Wie schon gesagt wurde, sind selbst die Heiligtümer der Staatsopern so entritualisiert wie es nur geht. Kein Schlips, kein Frack usw. Stillsitzen und Klappe halten, mehr ist eigentlich nicht verlangt. (Und das sollte für freiwillig besuchte Veranstaltungen für Menschen jenseits des Grundschulalters kein Problem sein. Wenn es das doch ist, ist das ein allgemeineres Problem.)
      Den zweiten Punkt kann ich natürlich nur als Laie kommentieren. Es ist wohl keine Unterstellung, wenn hier (ähnlich wie bei Einrichtungen wie der "Zeppelin University") auf Staatsknete gespitzt wird, die man natürlich lieber "privaten Inititiativen" überlassen sollte. Wenn das nicht nötig wäre, müsste man die Strukturen ja nicht kritisieren, sondern könnte einfach eine Veranstaltungsgesellschaft aufmachen und würde ja sofort viele Investoren finden und aufgrund der inhärenten Überlegenheit die verknöcherten öffentlichen Strukturen niederkonkurrieren....
      Wie bei a) scheint es mir aber der Fall zu sein, dass es schon viele und unterschiedliche "gelockerte" Formen gibt, auch ausgehend von den aktuellen öffentlichen Kultureinrichtungen.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Wahrscheinlich habe ich zu dem Thema eine verschobene (hoffentlich nicht verschrobene :D ) Sichtweise, weil ich mich mehr mit selber Singen als mit Konzertbesuchen beschäftige und wegen ersterem zu letzterem meistens keine Zeit mehr habe.

      Aber, es ist wahr, es wird vieles schlechter besucht als es das verdient hätte, die grauen Häupter überwiegen und wer die Auslastung eines Opernhauses mit der eines Fußballstadions vergleicht, findet sehr schnell heraus, wo die Welt gehäufter hingeht.

      Aber ist das so dramatisch neu? Ganz sicher nicht, aber was ist vielleicht anders?

      Ich meine nicht, dass geringe Besucherzahlen oder auch Desinteresse überwiegend der vermeintlichen Einfallslosigkeit der Veranstalter anzulasten sind. Es werden doch inzwischen einige Events mit der Klassik angeboten, die den heutigen Geschmack ansprechen und durchaus genutzt werden. (Kinderkonzerte, Open - Airs, kleine Veranstaltungen zum Innehalten beim Vorübergehen u. a.) und wer selbst was macht, findet doch zumindest Interessenten aus dem sozialen Umfeld. Die uncoole Kunstreligion ist doch nicht mehr so sehr das Thema.

      Die Eintrittspreise hindern m. E. auch nicht, denn für das Fußballstadion legt man ja auch ordentliche Summen hin.

      Schwerwiegender bzw. zentral überhaupt sind für mich hier die überwiegenden Sozialisationsverläufe und auch das (Arbeits- )Umfeld, in dem man sich sonst so bewegt/bewegen muss. Das Argument der langen und konzentriert zu hörenden Darbietungen geht für mich hier eher in die richtige Richtung. Diese Bestandteile sind kaum zu verändern.

      Es hat speziell hier im deutschsprachigen Raum m. E. kaum funktioniert, der früheren, oft vergraulenden Musikpädagogik eine attraktive und nachhaltig wirkende musische Erziehung in den Institutionen entgegenzustellen sowie dem Ganzen auch die erforderliche Wertigkeit zu verleihen und daher macht man eben derzeit so gut wie nichts, was keinen Deut besser ist.

      Und da so viel und bequeme Unterhaltungselektronik günstig zu ergattern ist, machen sich die Kids außer den paar Ausnahmen mit einer Schülerband auch immer seltener die Mühe, selbst was zu kreieren. Wie soll es auch ermutigen, wenn den perfekt gestylten und - was ich wirklich anklage - manipulativ getunten Konserven nur die schwierige Realität eigenen Amateurgeschrammels beim Erlernen eines Instruments oder etwa bei der immer mehr schwindenden Hausmusik, entgegensteht?

      Auch für Erwachsene ist das manchmal mühsam. Wer den ganzen Tag kopflastig im Büro hockt, dürstet nach Ausagieren und weniger nach erneutem Stillsitzen. Eigenes Singen und Spielen käme dem hervorragend entgegen, aber eine Stunde lang einem zarten, wenn auch noch so hochwertigen Streichquartett zuhören (ich glaube, für die Spielenden ist das eh oft eine undankbare Sache)?

      Ich finde die Idee einiger Orchester, Kinderevents mit der Möglichkeit, die Instrumente auch durch Betätigen kennenzulernen, ganz klasse, denn ungewöhnliche Mechanik fasziniert so gut wie jedes Kind und bringt die Materie sinnlich erfahrbar näher. Trotzdem bleiben solche Eindrücke Ergänzungen. Wenn nicht regelmäßig in der Schule und zuhause mit Musik gelebt und gearbeitet wird, verblasst dies auch wieder.

      Wenn klassische Musik ein lebensbegleitender Dauereindruck von Kindheit an ist und dabei mit positiven Attributen assoziiert wird, dann würden sich mehr Menschen mit Interesse finden.

      :wink: :wink:
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)
    • Ulrica schrieb:


      Schwerwiegender bzw. zentral überhaupt sind für mich hier die überwiegenden Sozialisationsverläufe und auch das (Arbeits- )Umfeld, in dem man sich sonst so bewegt/bewegen muss. Das Argument der langen und konzentriert zu hörenden Darbietungen geht für mich hier eher in die richtige Richtung. Diese Bestandteile sind kaum zu verändern.

      Es hat speziell hier im deutschsprachigen Raum m. E. kaum funktioniert, der früheren, oft vergraulenden Musikpädagogik eine attraktive und nachhaltig wirkende musische Erziehung in den Institutionen entgegenzustellen sowie dem Ganzen auch die erforderliche Wertigkeit zu verleihen und daher macht man eben derzeit so gut wie nichts, was keinen Deut besser ist.


      Das ist sicher beklagenswert und eine Schande, dass man es nicht geschafft hat, das zu verbessern.
      Aber ist das "früher" (1950er bis 1970er) anders gewesen? Da wurden doch sicher auch viele vergrault?
      Ich halte das aber für den alles entscheidenden Punkt. Daher kann "Classic Club" mit Bar-HIntergrundmusik oder Crossover auf Dauer kein Ausweg sein. Allenfalls kann man damit neues Publikum einwerben. Aber eine Brucknersinfonie dauert nunmal ne knappe Stunde, ebenso ein typischer Opernakt und man kann diese Werke nicht andere präsentieren, wenn man sie angemessen präsentieren möchte.
      Deswegen ist der Verweis auf das "erstarrte Ritual" des klassischen Konzerts so töricht. Gewiß mag es hier zu quasireligiösen Übertreibungen gekommen sein und man kann es als soziales Ausschlusskriterium nutzen (wie vieles andere auch). Aber im Grunde ist die Ruhe und Konzentration über die gesamte Dauer schlicht und einfach die angemessenste Form diese Werke zu rezipieren, die zum ergreifendsten ästhetischen Erlebnis führt. Das bürgerliche Konzert hat sich nicht zuletzt gerade so ausgeprägt, weil die dort präsentierten Werke diese Form mehr oder minder erzwingen. Sie ist in letzter Analyse sachgerecht, kein zufällig oder hauptsächlich von sozialen Zwängen und Interessen getriebenes Konstrukt.


      Auch für Erwachsene ist das manchmal mühsam. Wer den ganzen Tag kopflastig im Büro hockt, dürstet nach Ausagieren und weniger nach erneutem Stillsitzen.


      Nun waren aber die Konzertbesucher der ersten Hälfte des 20. Jhds. typischerweise ebenfalls "Kopfarbeiter", sicher sogar noch deutlicher dominierend, oder?
      Der Unterschied zu früher dürfte doch eher im geänderten Freizeitangebot zu suchen sein als in der geänderten Arbeitswelt...


      Eigenes Singen und Spielen käme dem hervorragend entgegen, aber eine Stunde lang einem zarten, wenn auch noch so hochwertigen Streichquartett zuhören (ich glaube, für die Spielenden ist das eh oft eine undankbare Sache)?


      Inwiefern undankbar? Die Laien und Profis, mit denen ich bisher darüber gesprochen habe, waren alle der Meinung, dass Kammermusikspielen eine sehr dankbare Sache ist, selbst wenn man gar kein Publikum bespielt. (Und wenn "zart" das erste Attbribut für ein Streichquartett ist, hast Du anscheinend noch nicht viele gehört... :D)
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Ulrica schrieb:


      Schwerwiegender bzw. zentral überhaupt sind für mich hier die überwiegenden Sozialisationsverläufe und auch das (Arbeits- )Umfeld, in dem man sich sonst so bewegt/bewegen muss. Das Argument der langen und konzentriert zu hörenden Darbietungen geht für mich hier eher in die richtige Richtung. Diese Bestandteile sind kaum zu verändern.

      Es hat speziell hier im deutschsprachigen Raum m. E. kaum funktioniert, der früheren, oft vergraulenden Musikpädagogik eine attraktive und nachhaltig wirkende musische Erziehung in den Institutionen entgegenzustellen sowie dem Ganzen auch die erforderliche Wertigkeit zu verleihen und daher macht man eben derzeit so gut wie nichts, was keinen Deut besser ist.


      Das ist sicher beklagenswert und eine Schande, dass man es nicht geschafft hat, das zu verbessern.
      Aber ist das "früher" (1950er bis 1970er) anders gewesen? Da wurden doch sicher auch viele vergrault?


      In meinem Musikunterricht, speziell hier die 70ger, gab es einige kluge Ansätze. Popmusik wurdez. B. ebenfalls analysiert, der Kompositionsaufbau erklärt und dabei die Erkenntnis gewonnen, dass hier die klassischen Grundlehren ebenfalls angewandt werden. Oder es wurde die Aufgabe gestellt, den Rhythmus von Ravels Bolero mitzuklopfen auf dem Tamburin (ich bin paarmal rausgeflogen, aber ich kann den heute noch :D ) oder nach den entsprechenden Regeln einen Blues zu setzen. Aber die Wertigkeit eines Faches für die Zensurenzählerei hatte Musik eben auch nicht. Aber mich hat das immer sehr entspannt und es blieb mehr hängen als in den hardcore - Fächern Mathe und Co.

      Mit der "Kunstreligion" oder, wie Du sagst, erstarrten Ritualen meine ich eben nicht, dass man sich eine Stunde konzentrieren muss, sondern eher unnötige Begleitumstände, die eben zur Zeit der Nachkriegswertegeneration und davor als irgendwie unumgänglich für die angeblich wahren Klassikfreunde hingestellt wurden wie z. B. das Aufbrezeln, pseudogescheit in der Pause daherlabern (das ich allerdings übriggeblieben), beflissen gucken und sich weihevoll ergötzen.

      Ich kannte einige Gleichaltrige damals, die sich sehr gerne mal den mächtigen Sound eines Bach - Orgelkonzerts live reingezogen hätten und dazu sogar in die Kirche gegangen wären, aber vermutlich wären die mit ihren langen Haaren, Hippieklamotten und linken Stickern gar nicht reingelassen worden.

      Kater Murr schrieb:



      Auch für Erwachsene ist das manchmal mühsam. Wer den ganzen Tag kopflastig im Büro hockt, dürstet nach Ausagieren und weniger nach erneutem Stillsitzen.


      Nun waren aber die Konzertbesucher der ersten Hälfte des 20. Jhds. typischerweise ebenfalls "Kopfarbeiter", sicher sogar noch deutlicher dominierend, oder?
      Der Unterschied zu früher dürfte doch eher im geänderten Freizeitangebot zu suchen sein als in der geänderten Arbeitswelt...


      Wohl beides. Was heute geboten wird, besticht vor allem durch unübersichtliche Masse und Sich - Berieseln - Lassen (oder gleich Extremsport). Vor den ganzen Technisierungen der Freizeitwelt war es noch mehr erforderlich, etwas selber zu tun, sodass der körperliche Ausgleich auch für die Konzertgeher irgendwoanders noch einzuholen war.


      Eigenes Singen und Spielen käme dem hervorragend entgegen, aber eine Stunde lang einem zarten, wenn auch noch so hochwertigen Streichquartett zuhören (ich glaube, für die Spielenden ist das eh oft eine undankbare Sache)?


      Inwiefern undankbar? Die Laien und Profis, mit denen ich bisher darüber gesprochen habe, waren alle der Meinung, dass Kammermusikspielen eine sehr dankbare Sache ist, selbst wenn man gar kein Publikum bespielt. (Und wenn "zart" das erste Attbribut für ein Streichquartett ist, hast Du anscheinend noch nicht viele gehört... :D)[/quote]

      Ich habe in der Tat nicht allzuviele gehört, nicht weil ich sie ablehne, sondern weil mir dazu meist die kontemplative Muse fehlt. Vielleicht denke ich hier auch zu sehr aus der Mentalität der Sänger, die unbedingt ein Publikum brauchen, heraus, wenn ich mir die Aufgabe, ein Streichkonzert zu geben, undankbar vorstelle. Ich fühle mich für ein Konzert, in dem ich singe, erst richtig wohl, wenn die Bude rappelvoll ist. Das hat eine ganz andere Energie als leere Stühle.

      Ich bewundere das Können dieser Instrumentalisten, gerade auch wenn man Michaels "Scenes" z. B. hört, jedoch meine ich, dass es sich um eine im Vergleich zur Oper, Chorwerken oder Synphonien um sehr ruhige, ja eben zarte Musik handelt.

      :wink: :wink:
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)
    • Ulrica schrieb:

      Ich bewundere das Können dieser Instrumentalisten, gerade auch wenn man Michaels "Scenes" z. B. hört, jedoch meine ich, dass es sich um eine im Vergleich zur Oper, Chorwerken oder Synphonien um sehr ruhige, ja eben zarte Musik handelt.


      Oh, oh, hier bahnt sich ein "Kammermusikfans-hauen-Opernfuzzis-Thread" an. :D

      Ich beginne gleich schon mal und verweise auf beispielsweise Beethovens Große Fuge, Schuberts d-moll-Quartett, Bartóks drittes und Schostakowitschs achtes Quartett, die es an Dramatik, Intensität und auch Gewalttätigkeit locker mit neunzig Prozent aller Opern aufnehmen können. ;+)

      Hm, hier geht's ja um's Publikum. Was wohl viele bestätigen können: die Besucher von Kammermusikaufführungen sind in der Regel das konzentrierteste Konzertpublikum, selbst wenn vorne die Fetzen fliegen. Außerdem im Durchschnitt eher jünger als in Sinfoniekonzerten.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Wobei der Punkt noch eher war, dass Kammermusik eben sehr gut ohne Zuhörer auskommen kann und (wie auch Solowerke) durchaus von Menschen nur zur eigenen Gemüths-Ergötzung musiziert wird. Oder für die paar Leutchen, die eben im Wohnzimmer dabei sitzen. Diese Musik ist weitgehend unabhängig vom Publikum. (Wenngleich es inzwischen natürlich viele Werke gibt, die derartige professionelle Fertigkeiten voraussetzen, dass ihr Überleben ganz unabhängig von einem professionellen Musikbetrieb auch fragwürdig scheint.)
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)