Mahler: Sinfonie Nr. 6 a-Moll - ... und verwundert fragt man: Wozu der Lärm?

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    • Mahlers 6. mit Harold Farberman und dem LSO . Entstanden 1980 im Rahmen einer Reihe von Mahler-Aufnahmen des Dirigenten für Vox - 1,2,4,5,6 sind aufgenommen worden, ob noch mehr geplant war , weiß ich nicht . Später gab es noch eine 10. in der Carpenter-Version . Ich kenne nur noch die 2. & 4. Sinfonie , die aber keinen Eindruck hinterließen . Aber die Sechste hat es mir angetan , nicht nur , weil ich irgendwo las , daß Farberman die Satzfolge Adagio/Scherzo bevorzugte , und die Erstausgabe auch so erschien. Auf der 1999er CD ist man wieder bei Scherzo/Adagio , aber das korregiere ich durch Player-Progammierung . Farberman begann als Percussionist bei den Bostonern, und dem ist vielleicht geschuldet , daß er gleich alle 3 Schläge bietet - und wie ! Ich liebe es . Er hat Tempi gewählt , die für mich stimmig sind , und das London Symphony Orchester spielt vorzüglich . Wie immer seine anderen Mahler-Aufnahmen auch ausfielen , diese 6. Sinfonie mit Harold Farberman mußte mal im Forum Erwähnung finden ,da sie für mich eine hörenswerte Ergänzung der üblichen Verdächtigen ist .

      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Jung sterben , aber so spät wie möglich ( F. Jourdain )
    • Der Faberman....sehr gern höre ich dessen Aufnahmen der Sinfonien Michael Haydns, ebenfalls bei VOX erschienen.
      Manchmal dichtet Fabermann Paukenstimmen hinzu, was den Werken ja keinen Abbruch tut, ganz im Gegenteil.
      Die Blickrichtung auf das Percussive macht einfach Spaß!

      Bei seinem Mahler geht es mir wie Dir: die 6 "funktioniert", die 4 überhaupt nicht.
      Langer Atem war seine Sache nicht, dafür rhythmische Freude sehr.
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Gielen, SWR-Orchester Baden-Baden und Freiburg - Salzburg, 21.8.2013

      Zu Gielens Studioaufnahme schrieb MB u.a.:

      Mauerblümchen schrieb:

      Erst Scherzo, dann Andante. 24:54/14:31/14:46/30:40 – 84:51

      [...]

      „Ich wollte endlich einmal alles hören“ sagte Schönberg zu seiner Bearbeitung von Brahms‘ erstem Klavierquartett für großes Orchester. Genau so kommt mir auch diese Aufnahme vor: Gielen bietet eine akribisch ausgearbeitete Wiedergabe der Partitur. Die Tempi der ersten beiden Sätze sind recht bedächtig, dafür bekommt man viele Details und sonst ungehörte Klangbalancen zu Ohren. Gut investierte Zeit! Bei der Diskussion über Mahler-Interpretation in den Foren dieser Welt und anderswo wurde manchmal Bernstein gegen Gielen ausgespielt, der übertrieben Mitleidende auf der einen Seite, der kühle Analytiker auf der anderen. Kühl ist Gielen keinesfalls, man höre etwa das Alma-Thema im Kopfsatz oder die Tutti-Stellen im Andante, aber seine Wiedergabe wirkt akribischer. Er lässt nicht zuerst seine eigenen Emotionen spielen, sondern zunächst mal alle Noten hören. Im ersten Satz hat mir etwas Glut gefehlt, aber ich höre ihn gerne auch mal so. Der zweite und der dritte Satz sind ausgezeichnet. Im Finale vermisse ich anfangs den fatalistischen Zug nach vorne, das hat mir zu wenig Energie, wie im Kopfsatz gibt Gielen erst in der Reprise Gas. Insgesamt ist mir das zu kontrolliert und darum nicht ganz mein Ding.
      Ich möchte auf einen Mitschnitt von 2013 hinweisen, der seit kurzem bei Youtube eingestellt ist: youtube.com/watch?v=MpV5-FkLe-4

      21.8.13, ein gutes Jahr, bevor Gielen seine Dirigentenlaufbahn beendete: Hier dirigiert er "sein" altes Orchester im Salzburger Großen Festspielhaus. Die Einladung zu den Salzburger Festspielen verstand sich als ein Protest gegen die bevorstehende Fusionierung des Orchesters mit dem Stuttgarter Klangkörper.

      Das ist in mancherlei Hinsicht eine der radikalsten Interpretationen Gielens, die ich kenne. Hatte schon die Studioaufnahme in drei der Sätze bemerkenswert langsame Tempi angeschlagen, so wird dies hier noch weit überboten: 27:45 für den Kopfsatz, 16:02 für das Scherzo und 34:27 für das Finale (dazu 15:30 für das Andante, das hier an zweiter Stelle steht - schließlich hat sich auch Gielen zu dieser Satzfolge bekannt). Obwohl man Tempodispositionen, wie sie MB beschrieben hat, wiedererkennt: kontrolliert wie in der Studioaufnahme klingt das hier nicht mehr. Fast jedes Detail - die Tempi lassen das zu - wird nicht nur mit größtmöglicher Prägnanz (nicht immer Genauigkeit) herausgemeißelt, sondern auch mit Ausdruck aufgeladen. Es geht sehr laut und gelegentlich auch geräuschhaft zu, unterstützt von einer sehr direkten Aufnahmetechnik. Alles andere als eine "Referenzaufnahme", aber eine Interpretation, die versucht, die Glut zu bewahren.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Ich möchte auf einen Mitschnitt von 2013 hinweisen, der seit kurzem bei Youtube eingestellt ist: youtube.com/watch?v=MpV5-FkLe-4

      21.8.13, ein gutes Jahr, bevor Gielen seine Dirigentenlaufbahn beendete: Hier dirigiert er "sein" altes Orchester im Salzburger Großen Festspielhaus. Die Einladung zu den Salzburger Festspielen verstand sich als ein Protest gegen die bevorstehende Fusionierung des Orchesters mit dem Stuttgarter Klangkörper.

      Das ist in mancherlei Hinsicht eine der radikalsten Interpretationen Gielens, die ich kenne. Hatte schon die Studioaufnahme in drei der Sätze bemerkenswert langsame Tempi angeschlagen, so wird dies hier noch weit überboten: 27:45 für den Kopfsatz, 16:02 für das Scherzo und 34:27 für das Finale (dazu 15:30 für das Andante, das hier an zweiter Stelle steht - schließlich hat sich auch Gielen zu dieser Satzfolge bekannt). Obwohl man Tempodispositionen, wie sie MB beschrieben hat, wiedererkennt: kontrolliert wie in der Studioaufnahme klingt das hier nicht mehr. Fast jedes Detail - die Tempi lassen das zu - wird nicht nur mit größtmöglicher Prägnanz (nicht immer Genauigkeit) herausgemeißelt, sondern auch mit Ausdruck aufgeladen. Es geht sehr laut und gelegentlich auch geräuschhaft zu, unterstützt von einer sehr direkten Aufnahmetechnik. Alles andere als eine "Referenzaufnahme", aber eine Interpretation, die versucht, die Glut zu bewahren.

      :wink:
      Danke für den Link. Nachdem mir Mauerblümchen die Sinfonie im Vorstellungsthread empfohlen hatte, hatte ich spontan in eine Einspielung des hr-Sinfonieorchesters unter Andrés Orozco-Estrada hereingehört, die mir teilweise zu süßlich war. Da hat mir die Einspielung das Interesse an der Sinfonie gerettet. :verbeugung1:
    • Zwielicht schrieb:

      21.8.13, ein gutes Jahr, bevor Gielen seine Dirigentenlaufbahn beendete: Hier dirigiert er "sein" altes Orchester im Salzburger Großen Festspielhaus.
      Diese Einspielung gibt es jetzt auch als CD, sinnigerweise als Doppelpack: die alte Studioaufnahme von 1971 und die neuere Liveaufnahme von 2013:



      Ich dachte eigentlich, daß ich die 1971er-Aufnahme hätte, aber das ist merkwürdigerweise nicht der Fall.

      Abgesehen von diversen Rundfunkmitschnitten (über die Amfortas09 natürlich bestens Bescheid weiß) gibt es m. W. (mindestens) vier CD-Einspielungen. Die Spielzeiten unterscheiden sich teilweise derart gravierend, daß eine Auflistung sinnvoll sein dürfte (stets mit dem Scherzo an 2. Stelle, so jedenfalls laut JPC, die Aufnahmen von 1984 und 1999 liegen mir vor):

      Sinfonieorchester des Südwestfunks (Hans-Rosbaud-Studio Baden-Baden 1971): I. 21:07, II. 12:06, III. 13:16, IV. 27:36
      Radio-Symphonie-Orchester Berlin (Berliner Philharmonie live 1984): I. 23:04, II. 13:24, III. 13:03, IV. 29:30
      SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (Festspielhaus Baden-Baden 1999): I. 24:51, II. 14:29, III. 14:46, IV. 30:40
      SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (Großes Festspielhaus Salzburg live 2013): I. 27:56, II. 15:37, III. 16:09, IV. 37:10

      :wink:

      PS: Korrektur: Bei Amazon ist auf der Rückseite erkennbar, daß Gielen das Andante an die 2. Stelle gesetzt hat:

      I. 27:45, II. 15:31, III. 16:09, IV. 34:40 (ohne Applaus)
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      stets mit dem Scherzo an 2. Stelle

      Gurnemanz schrieb:

      SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (Großes Festspielhaus Salzburg live 2013): I. 27:56, II. 15:37, III. 16:09, IV. 37:10
      Bei der Salzburger Aufführung hat sich Gielen aber doch, wie oben schon geschrieben, für die Reihenfolge Andante-Scherzo entschieden. (PS: Ah, hast Du ja schon oben korrigiert.)

      Von der 1971er-Einspielung wusste ich gar nichts. Die bekannteste dürfte wohl die von 1999 sein, die auch in der Sammelbox mit allen Sinfonien vertreten war.

      Ohne die 71er-Aufnahme zu kennen: Die Idee, diese womöglich eher straighte Interpretation mit dem radikalen, zum Zerfall neigenden 2013er-Mitschnitt zu koppeln, könnte sehr erhellend sein.

      :wink:
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    • Zwielicht schrieb:

      Bei der Salzburger Aufführung hat sich Gielen aber doch, wie oben schon geschrieben, für die Reihenfolge Andante-Scherzo entschieden.
      Stimmt, habe meinen Irrtum inzwischen schon bemerkt und oben korrigiert. Und die Doppel-CD gleich bestellt. Auf dem Amazon-Cover steht übrigens auch, daß es sich bei der 1971er-Aufnahme um die "erste autorisierte Veröffentlichung" handelt. Auch hier ein Irrtum meinerseits, ich besitze tatsächlich eine alte Intercord-Aufnahme mit Gielen, aber nicht die 6., sondern die 7.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Die "alten" Intercord-Aufnahmen (bei Mahler 4, 7, 9 und das adagio der 10.) sind von Mitte/Ende der 1980er, als Gielen als Chef des SWF-Orchesters begonnen hatte. Der 1971er Mitschnitt war als Bootleg unter falschen Zuschreibungen (u.a. Haenchen) wohl nur mal vorübergehend im Handel.

      musicweb-international.com/cla…ler_gielen_SWR19080CD.htm
      pizzicato.lu/mahler-6-mit-giel…-die-fruhe-und-die-spate/
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Gurnemanz schrieb:

      Sinfonieorchester des Südwestfunks (Hans-Rosbaud-Studio Baden-Baden 1971): I. 21:07, II. 12:06, III. 13:16, IV. 27:36
      Radio-Symphonie-Orchester Berlin (Berliner Philharmonie live 1984): I. 23:04, II. 13:24, III. 13:03, IV. 29:30
      SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (Festspielhaus Baden-Baden 1999): I. 24:51, II. 14:29, III. 14:46, IV. 30:40
      SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (Großes Festspielhaus Salzburg live 2013): I. 27:56, II. 15:37, III. 16:09, IV. 37:10
      Von Mahler-6-Rundfunkmitschnitten unter Gielen (der "Unerbittliche" :thumbup: ) kommen mir seine früheren (1971) und (1984, leider kurzer Aussetzer in III) am fetzigsten, aber bei Mahler-9- und 10-Mucke die späteren vom 26.09.10 und 15.05.09 (beides aus HSV-Town).
      Auch bei Mahler 7 ist mir seine Wiedergabe vom 25.06.10 aus Straßburg am geilsten.

      Bei den späteren Mahler-Mitschnitten kommen Instrumentenquäler unter Gielen oft langsamer rüber. Details werden damit auch deutlicher erfahrbarer, aber dabei fein genug gesponnen. Das funzt besonders supi bei Mahler 4, 7,, 9 und 10 :top: .

      In Gielens späteren Mahler 6- Wiedergaben bleiben meine Lauscherchen dagegen bisher im Distanz-Modus kleben :( , weil Chose dabei mir zu oft dabei in Klobige umschlägt, vor allem im Finale.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Ins Klobige umschlagend? Wenn Du diese Aufnahme meinst, die ich gerade ganz gehört habe, muß ich heftig widersprechen: Das ist von Anfang bis Ende ganz hervorragend ausdifferenziert, ein klares Klangbild - und die vielen solistischen Stellen: traumhaft schön!



      Weniger angetan dagegen bin ich von der 1984er-Aufnahme, bei der ich mich tatsächlich leise-verwundert fragte, als ich das vorhin hörte, wozu der Lärm? Aber vielleicht war ich vorhin einfach weniger empfänglich?



      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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    • von den späteren Gielen-Mahler6-Mitschnitten hatte ich die vom 28.10.05 und 21.08.13 auf Schirm. .. ist etwas länger her, dass ich mir beides reingezogen..
      ... vor allem Finale kam rüber, als ob Mucken-Zusammenhang in die Tonne getrieben würde .. Mucke wurde meinen Lauscherchen zunehmend stummer...
      ... und was dabei total strange ist, dass ausgerechnet durch die Art der Betonung, Ausdifferenzierung von Details dabei Mahlers Mucke an Differenziertheit verliert, etwa, wenn quasi jedes Detail mit besonderer Geltung rüberkommt, dabei Besonderheiten in Gleichförmigkeit geplättet würden.. ...
      .. möglicherweise gibt das jetzt im Thread aber Ansporn, sich die Chose noch mal reinzuziehn und der erste Eindruck davon mutiert ..
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      von den späteren Gielen-Mahler6-Mitschnitten hatte ich die vom 28.10.05 und 21.08.13 auf Schirm.
      Beim Mitschnitt vom 21.08.2013 dürfte es sich um den handeln, den Zwielicht oben (# 264) besprochen hat und der jetzt auf CD herausgekommen ist. Wie gesagt, ich habe die 3-CD-Box heute bestellt und bin nun gespannt drauf, auch auf die alte Aufnahme von 1971.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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    • Gurnemanz schrieb:

      Beim Mitschnitt vom 21.08.2013 dürfte es sich um den handeln, den Zwielicht oben (# 264) besprochen hat und der jetzt auf CD herausgekommen ist. Wie gesagt, ich habe die 3-CD-Box heute bestellt und bin nun gespannt drauf, auch auf die alte Aufnahme von 1971.
      ich drücke dir natürlich feste Daumen, dass späteste Mahler-6-Gielen-Wiedergabe dir super-fetzig rüberkommt... ich will meinen bisherigen Eindruck davon auch gar nicht in Stein reinhämmern, also auch bei Gelegenheit versuchen mal diese Mahler-Chose nachzuchecken.. .
      .. war mal mit Michael Gielen totalst schief gewickelt. Sehr lange kam mir seine Moses-und-Aron-Studio-Konserve bloß kacke rüber und zog mir davon viel lieber geile Live-Mitschnitte rein. Bis Funke von Gielen-M&A-Aufnahme ganz unerwartet/plötzlich mega-rübersprang und diese zum Champions-League-Favoriten sich mir mauserte und seitdem festen Platz im Stammkader einnimmt..
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      .. war mal mit Michael Gielen totalst schief gewickelt.
      So so, Du warst schon mal schief gewickelt. :D Zum Dirigenten allgemein hast Du ja mal das hier eröffnet: Michael Gielen. Da ließe sich bestimmt das eine oder andere vertiefen...

      ;)
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Witzig: Exakt während der Lektüre des vorhergehenden Beitrags (danke für den Hinweis!) klingelt der Postbote und überreicht mir dann ein Päcklein aus Georgsmarienhütte. Der Inhalt ist leicht zu erraten. :D

      Algabal schrieb:

      Der Rezensent ist von beiden Interpretationen Gielens nicht recht begeistert ...
      Tja, man kann das so zusammenfassen: Der Rezensent vermißt in beiden Aufnahmen "einen Spannungsaufbau über größere Zeiträume"; das wirkt auf ihn "insgesamt steif und porös". Und er meint: "Gielens entscheidende Schwäche liegt im Metrischen, in der Erfassung der großen Zusammenhänge des musikalischen Verlaufs und der Relation der einzelnen Takte, Phrasen, Perioden zueinander."

      Werde selbst überprüfen, ob ich das ähnlich empfinde.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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    • In den letzten Tagen gehört, persönliche Eindrücke



      Am 14 und 15.11.1987 debütierte Simon Rattle am Pult der Berliner Philharmoniker mit Gustav Mahlers Symphonie Nr. 6 a-Moll, und am 20.6.2018 rundete er mit diesem Werk seine Chefdirigentenzeit ebendort nach 16 Jahren ab. Die Mitschnitte dieser beiden Konzerteckpunkte wurden von den Berliner Philharmonikern im Oktober 2018 in ihrer eigenen CD Edition veröffentlicht.

      Berliner Philharmonie, 15.11.1987, Gustav Mahlers „Tragische“: Der schöne offene Raumklang der zu hören ist präsentiert das Orchester klangsatt-vollblütig und Mahlers Sechste in den Sätzen 1, 3 und 4 (das Andante moderato steht hier an zweiter Stelle) verbissen kämpferisch und leidenschaftlich (Alma-Thema im 1. Satz!). Da kommt Emotion rüber, eine sehr lebendige Mahler Sechste entwickelt sich da. Die Jury des Deutschen Schallplattenpreises 2018/19 begründet ihre Nominierung der Neuaufnahme, indem sie der älteren „jugendliche Ruppigkeit und Überakzentuierung“ konzediert. Ich finde genau das tut dem Konzertdokument gut, macht diese Mahler Sechste mitreißend lebendig.

      Rattles Abschiedskonzert vom 20.6.2018 hat wie ich es höre im tollen offenen Raumklang hingegen viel mehr Repräsentatives. Da ist alles abgeklärter, auch kulinarischer. Grandiose Orchesterkultur! Und Rattle hat die großen Proportionen genauso wie die Details im Blick. Eine Offenbarung für mich ist das auch hier wieder als 2. Satz gebotene Andante moderato, klanglich ungemein fein differenziert und wunderschön modelliert, traumhaft schön, vergleichbar für mich in seinem Zeitstillstand der musikalisch himmlischen Schönheit dem langsamen Satz in Leonard Bernsteins Aufnahme von Robert Schumanns 2. Symphonie mit den Wiener Philharmonikern.



      Die mit Spannung erwartete Aufnahme der Symphonie Nr. 6 a-Moll von Gustav Mahler mit Teodor Currentzis und seiner MusicAeterna entstand von 3. bis 9.7.2016 im Dom Zvukozapiki in Moskau und wurde auch im Oktober 2018 bei Sony veröffentlicht. Ich habe sie so gehört:

      Brutal stampfend marschiert die Musik in den 1. Satz hinein. Extrem insistierend. Jedes Detail wird grell verdeutlicht. Diese Welt beginnt in oder nach einer Katastrophe. Das Tor, das von A-Dur zu a-Moll schmerzt, öffnet sich zur plastischen Zeichnung keines Liebesbekenntnisses Mahlers für Alma, sondern zum total resignierten Weltschmerz. Alles ist extrem angespannt, gefestigt, kontrolliert bis in winzigste Details. Eine abgerufene perfekte Einstudierung wird geboten. Kein Flow, alles ist bewusst gesteuert. Die Expositionswiederholung wirkt wie eine Kopie des bisher Gehörten. Die stets durchhörbare Totalkontrolle hemmt auch die unmittelbare Wirkung des dramatischen Teils der Durchführung. Stark aber dann doch der traumhaft abgehobene Herdenglockenabschnitt, klanglich wie atmosphärisch – da „funktioniert“ die permanente Vollanspannung ganz eigen irisierend. Die Rückkehr ins Dramatische kommt präzise und maschinell. Der Krieg passiert nicht, aber er wird minutiös geschildert und beleuchtet.

      Hier steht das Scherzo an zweiter Stelle. Und es stampft weiter so. Das Hämische, Sarkastische erscheint brillant herausgearbeitet, bis in winzigste Details durchdacht und modelliert. Alles, genauestens ausgeleuchtet, wird der Hörerschaft vorgeschrieben.

      Beim Andante moderato Satz, hier also dem dritten, folgen wir einem Maler mit seinem Pinsel – seine künstlerische Tätigkeit wurde mitgefilmt, wir sind exakt in seiner Spur. Auch hier ist jedes Detail vollkommen durchdacht und präzise ausgeführt. Das sensationell disponierte Orchester entfaltet dabei eine grandiose Schattierungsvielfalt. Aber sich hineinfallen lassen können in diese Musik – das schaffe ich nicht mit dieser Interpretation.

      Mit dem gewaltigen Finale dieser Symphonie, dem halbstündigen Koloss mit seinen Hammerschlägen und dem endgültigen Niederschlag des Helden am Ende, entscheidet sich vollends das Konzept des perfekt Durchdachten als sich totlaufendes Kontinuum. Statt immer wieder dramatisch aufzuladen, läuft eine menschliche Hochleistungsmaschine erschöpfend auf Hochtouren. Punktgenaue Gestaltung mit berechneten und exakt kalkulierten Effekten bestimmt das vordergründig spektakuläre Geschehen durchgehend. Die Interpretation lässt mich kalt, hat für mich nichts Aufwühlendes, bei allem plakativem Lärm. Die Detailblicke ins Universum, Deja-vus aus der Durchführung des 1. Satzes, kommen nahezu als Zitate, so sehr auch sie wieder zum Verweilen einladen. Sie sind als Teil des interpretatorischen Konzepts durchschaut. Mit Fortdauer verfestigt sich für mich der Eindruck: Currentzis will hier offenbar das festlich-plakative Finale der 7. Symphonie Mahlers antizipieren. Im Booklet konstatiert er diesem Satz eine Katharsis, dem Ende gewinnt er „eine schützende Dunkelheit, die Zuflucht bietet“ ab. Das hat meine ich fast etwas originell Glenngouldhaftes.

      Diese Mahler Sechste bleibt mir noch fremd. Gleichzeitig meine ich aber (und das ist für mich ein ganz anders angesetztes Qualitätskriterium), dass so eine Symphonieaufnahme nahezu unheimlich die kalte, funktionelle Welt der Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts widerspiegelt. Gefühle können und sollen erzeugt und abgerufen werden. Ihre natürliche Entfaltung hat hingegen keinen messbaren und gewinnmaximierenden Wert, sie interessiert daher nicht, sie ist praktisch nutzlos, daher wird sie nicht geboten. Alles bleibt strengstens kontrolliert.

      Die höchste Bewunderung gilt meiner Meinung nach gleichwohl durchgehend der phantastischen Orchesterleistung, die Wünsche des sehr subjektiven und wohl auch vehement überzeugenden Dirigenten so präzise und klangvoluminös wie feinstschattiert umzusetzen.

      Noch einige Aufnahmen warten bei mir entdeckt zu werden - was Mahler überhaupt und diese "Tragische" betrifft, Abbado Berlin, Sinopoli, Gielen (zunächst mal aus der Box) - aber nicht gleich. Mehr als dreimal innerhalb von zehn Tagen kann ich im Moment dieses in seiner Vielschichtigkeit immer wieder unfassbar geniale symphonische Werk nicht hören.

      Außer vielleicht ab jetzt den Andante moderato Satz, Berlin, 20.6.2018, den immer wieder...
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK