Puccini: "Madama Butterfly" - Aalto Theater Essen, 21.04.2011

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    • Puccini: "Madama Butterfly" - Aalto Theater Essen, 21.04.2011

      Soviel Zustimmung am Ende einer Vorstellung war bisher selten, wenn der Regisseur der Produktion Tilman Knabe heisst. Aber während es direkt nach der Pause an einer der leisesten Stellen der Partitur Puccinis eine einzelne Missfallensbekundung gab, gingen die wenigen Proteste gegen die Regie im jubelnden Schlussbeifall für Tilman Knabe und sein Team völlig unter. Selbst kritische Theaterbesucher/innen erklärten – so war es beim Verlassen des Saales verschiedentlich zu vernehmen - , trotz einiger Vorbehalte gegen die Inszenierung, dass ihnen die Aufführung sehr gefallen habe und ein weiterer Besuch der Aufführung fest eingeplant werde.

      Nicht etwa, dass Knabe sich selbst plötzlich untreu geworden wäre. Aber bei dieser „Butterfly“ traut sich der Regisseur, neben den von ihm bekannten Zuspitzungen auch Freiräume zu lassen, es ist Platz für berührende Bilder, für Gefühl, ohne dabei ins Sentimentale abzurutschen. Gerade gegen Ende des Stückes erreicht Knabe eine bemerkenswerte Dichte seiner Regiearbeit durch eine Konzentration auf die wenigen Personen, die noch auf der Bühne agieren.

      Wer kennt sie nicht, die Geschichte der minderjährigen “Butterfly“, die von einem Mädchenhändler an einen amerikanischen Soldaten verkauft wird, der dem Mädchen zwar die Ehe verspricht, aber nur an einem schnellen Abenteuer interessiert ist? Jahrelang wartet die junge Japanerin mit ihrem Kind, das aus der Verbindung mit dem Amerikaner hervorgegangen ist, auf ihren vermeintlichen Ehemann, damit er sie „nach Hause“ mitnimmt. Als dieser dann tatsächlich kommt, dann nur, um Butterfly gemeinsam mit seiner richtigen Ehefrau das Kind abzunehmen. Beraubt um die einzige Hoffnung, die die junge Frau hatte, begeht sie Selbstmord.

      Seit 1904 gehört die Oper „Madama Butterfly“ von Giacomo Puccini zu jenen Werken, die das Publikum immer wieder gern auf der Bühne erlebt und vielfältig sind die Umsetzungen, die dieses Stück bislang erfahren hat.

      In Essen ist die Bühne von Alfred Peter (Kostüme: Gabriele Rupprecht) zu Beginn des Stückes offen. Man sieht Menschen in weissen Schutzanzügen, die sofort Assoziationen an Fukushima freisetzen, aber sich bei näherem Hinsehen als Renovierungstruppe erweisen, die eine Art Container, der nach vorne hin mit einer grossen Holzklappe verschliessbar ist, unter der Anleitung von Goro, einer schmierigen Zuhältertype, auf Vordermann bringen. Raumbestimmend ist in der Mitte ein grosses Bett, für reichlich Getränke ist gesorgt. Das Personal ist Bestandteil einer Inszenierung, es gehört quasi zum „all inclusive“ Paket, das Pinkerton bestellt und bezahlt hat.

      Der amerikanische Konsul Sharpless ist längst dem Alkohol verfallen, auch das Kettenrauchen ist seiner Gesundheit nicht förderlich, seine Warnungen wirken halbherzig und inkonsequent, logisch, dass so einer bei dem „was kostet die Welt?“-Marineoffizier Pinkerton nicht ankommt.

      Auch der Auftritt der Butterfly gehört zur Inszenierung des Goro, unschwer sind da Prostituierte zu erkennen, die sich mit Schirmchen und Fächern so herausgeputzt haben, wie sich Touristen wohl japanische Geishas vorstellen könnten, sieht man von den sehr kurzen Röckchen, den hohen Schnürstiefeln und den eindeutigen Gesten der Mädchen ab. Butterfly ist strenger in ihrer Kostümierung, fast klassisch wirkt sie, und so wendet sich Pinkerton auch erstmal einem anderen Mädchen zu, das mit seinen körperlichen Reizen direkter umgeht, als Butterfly das tut. Auch Sharpless ist kein Kostverächter, im Hintergrund gibt er sich einem Blow-Job hin.

      Mit viel Ruhe geht der erste Akt zu Ende, das Drängen des Amerikaners, die zögerliche Zurückhaltung der Japanerin, das alles wird ohne Aufregung in Szene gesetzt. Pinkerton, zwischenzeitlich bis auf ein athletic shirt und seine Boxershorts ausgezogen, zieht die grosse Holzklappe hoch und verdeckt somit den Blick auf das Bett. Er steckt noch schnell dem Goro den vereinbarten Lohn für seine Dienste zu, dann endlich kann sein Liebesabenteuer richtig beginnen.

      Einige Jahre sind vergangen. Im zweiten Akt sieht man, in welch heruntergekommenen Verhältnissen Butterfly mit ihrem Kind und ihrer Freundin Suzuki nun lebt. Sie selbst im rosafarbenen Trainingsanzug mit blond gefärbten Haaren, säuft und raucht, was das Zeug hält, das Kind mit Basemütze, Mickey-Mouse-T-Shirt und Army-Hose, ist ein kleiner Klischee-Amerikaner geworden und Suzuki wirkt mit ihren Jeans und ihrem Shirt halbwegs normal in einer Umgebung, die eine Ansammlung amerikanischer Devotionalien ist. Neben der amerikanischen Flagge gibt es viel Werbung aus dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ zu sehen, Miss Liberty darf genauso wenig fehlen, wie ein „Superman“-Kostüm im Verschlag auf der linken Seite, der als Kinderzimmer fungiert, Fernseher flimmern ununterbrochen und über allem wacht ein Plakat des aktuellen, amerikanischen Präsidenten, das „Hope“ verkündet, zynisch, in einer derart trostlosen Umgebung, wo die Habseligkeiten der Bewohner/innen in Umzugskarton gelagert werden.

      Vermutlich wären Butterfly und ihr Sohn längst auf der Strasse gelandet, wenn sich nicht Suzuki um das Nötigste kümmern würde, immer schwankend zwischen Fürsorge und Verzweiflung. Der reiche Yamadori, der aussieht wie Michael Jackson, wird abgewiesen, Goro entgeht knapp einem Mordversuch durch Butterfly, der versoffene Sharpless leitet die ultimative Katastrophe ein, als er beschliesst, dem Pinkerton vom Kind zu berichten, dessen Vater der amerikanische Soldat ist.

      Im Übergang zum dritten Akt erträumt sich Butterfly eine hollywoodeske Errettung durch ihren Pinkerton: der seilt sich als Double vom oberen Rang des Opernhauses mit einem Schauspielerlächeln ins Parkett ab, Butterfly fliegt ihm entgegen, alles könnte gut werden. Aber schon wenige Minuten später wird die junge Frau auf der Bühne von einem vervielfachten Pinkerton verhöhnt.

      Derweil ist die Behausung der Butterfly sinnbildhaft für ihre Welt aus den Fugen geraten. Zuerst kippt der längliche Kasten im schwarzen Bühnenraum nach rechts, dann stellt er sich komplett auf die schmale Seite. Die Räume sind somit nur kletternd erreichbar und ganz oben wird Butterfly in jenem Kostüm, das sie im ersten Akt trug, ein wenig Ruhe im Schlaf finden.

      Auf der linken Seite der nun schon ziemlich leeren Bühne spielt das Kind, von hinten nähert sich langsam und zielstrebig Kate Pinkerton dem Jungen, während rechts Pinkerton, Sharpless und Suzuki das Schicksal der Butterfly verhandeln.

      Packend das Ende: der Kasten der Wohnstatt fährt langsam nach hinten ins off. Auf gänzlich schwarzer Bühne bleibt Butterfly allein mit dem Kind zurück. Die „schönen, blonden Haare“ des Jungen entpuppen sich als Perücke, Butterfly rammt sich das Messer in die Halsschlagader und verblutet. Während Pinkerton seine Rufe nach der Frau unsichtbar vom Rang herunterbrüllt, nimmt der Junge das Messer und geht langsam in die Richtung der Stimme seines Vaters.

      Musikalisch liegt die Oper bei GMD Stefan Soltesz in besten Händen. Sowohl die kleinteiligen Figuren werden mit grosser Eloquenz formuliert, die dynamischen Höhepunkte der Musik entladen sich mit Wucht, der Aufbau einzelner Szenen erfolgt stets wohlüberlegt, nichts wirkt überhastet, geschickt lässt Soltesz dem Orchester Raum, die Melodien Puccinis gut zur Geltung zu bringen. Dass Soltesz ein umsichtiger Begleiter für die Sängerinnen und Sänger ist, hat er oft unter Beweis gestellt. Auch bei dieser „Butterfly“ kommt neben manch sänger/innenfreundlicher Positionierung durch die Regie auch die Unterstützung durch den Dirigenten den Ausführenden zu Gute.

      Bemerkenswert die Entwicklung der Mezzosopranistin Ieva Prudnikovaite, deren schön timbrierte und ausgeglichene Stimme mittlerweile über eine Partie wie die der Suzuki hinausweist. Die gertenschlanke Sängerin verleiht hier einer kleineren Rolle stimmlich und darstellerisch ein Profil, auf das auch grössere Häuser stolz sein könnten.

      Nicht ganz ungetrübt hingegen die Titelrollenbesetzung mit der Sopranistin Annemarie Kremer, der es bei manchmal unruhiger Stimmführung und unsicher gesetzten Tönen auch an souveräner Durchschlagskraft fehlt. Besser fällt die darstellerische Seite der niederländischen Sängerin aus. Intensiv gestaltet sie glaubwürdig den Weg der Japanerin in den Selbstmord.

      Mikael Babajanyan gibt dem Sharpless mit angenehmem Bariton Kontur, schwach der Tenor Luis Chapa, der sich recht undiszipliniert durch die Partie des Pinkerton schlampt und auch Rainer Maria Röhr als Goro zeigt sich nicht auf der Höhe seiner Möglichkeiten. Die Nebnrollen sind mit Marcel Rosca als Bonzo und Marie-Helen Joel als Kate annehmbar und mit dem Bariton Armen Manukyan als Yamadori völlig unzureichend besetzt.

      Viel Beifall für diese Neuproduktion der „Madama Butterfly“ in Essen, die statt am vorgesehenen Karfreitag wegen der Intervention des Regierungspräsidiums Düsseldorf am Gründonnerstag stattfinden musste.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Lieber Alviano,

      nach dem Kurzbericht gestern in Kulturzeit bei 3Sat (habt ihr euch terminlich abgesprochen?), und nun Deinem Bericht, weiß ich, daß ich recht bald schon wieder mal nach Essen muß. Sollte ich ins Ruhrgebiet umziehen? Denn es steht ja auch der Ring im Juli an... ;)

      Danke für den informativen Bericht, nach Knabe's Lohengrin in Mannheim (den ich mir am Sonntag zum zweiten Mal ansehen werde, schreibst Du da evtl. auch noch ein paar Worte ergänzend zu unseren Berichten?), wird wohl bald dieser Knabe auf dem Programm stehen müssen. Mal sehen, wann ich heute abend Zeit zur Terminplanung und Kartenkauf finde... :)

      Liebe Grüße,

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • "Butterfly" in Essen

      pfuetz schrieb:



      nach dem Kurzbericht gestern in Kulturzeit bei 3Sat


      Lieber Matthias,

      vielen Dank für den Hinweis - ich habe keinerlei Berichte über die Aufführungen gelesen und als weitgehender "Nichtfernseher" auch den von Dir angesprochenen "3Sat"-Beitrag nicht gesehen, eventuell kann ich das nachholen.

      Die "Butterfly" ist insgesamt "unspektakulärer", als der "Lohengrin" in Mannheim, aber sie ist eine sehr runde und überzeugende Produktion geworden, wofür auch der starke Zuspruch des Publikums steht.

      Ein Umzug ins Ruhrgebiet muss doch gar nicht sein. In Mainz hat am 17.09.2011 die Wagner-Oper "Tristan und Isolde" Premiere. Der Name des Regisseurs: Tilman Knabe.

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Liebert Alviano,

      hier der Link zum Kulturzeit-Beitrag:

      3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=25070

      Und, nee, das mit dem Umzug war spaßhaft gemeint, und ja, Tristan in Mainz kommt dann wohl auch auf die Liste...

      Liebe Grüße,

      Matthias
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      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
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    • lieber alviano,
      hast du eine schlüssige erklärung dafür,warum sich der junge am ende die (blonde) prücke vom kopf nahm?

      da könnte man ja hineininterpretieren....ist er doch nicht pinkertons sohn?

      ansonsten fand ich die inszenierung wirklich spannend,keine sekunde langweilig.die geschichte stringent erzählt...diese wunderbare ,eigentlich recht romantische musik,diese grossteils entgegengesetzen texte...es passt einfach hinten u. vorne.

      annemarie kremer als cio-cio-san war sowohl musikalisch,als auch vom schauspiel her,die perfekte besetzung.
      auch mikael babajanyan überzeugt mich sehr...stimmlich und schauspielerisch.
      mit marcel roscas geschrei kann ich wenig anfangen.
      der goro des rainer maria röhr,war so richtig schön fies.

      eine wirklich sehenwerte,an herz gehende auffführung,dank einer starken titelheldin und einer wunderbaren orchesters in den händen des chefs.
      lg yago
    • "Butterfly"

      yago schrieb:

      hast du eine schlüssige erklärung dafür,warum sich der junge am ende die (blonde) prücke vom kopf nahm?


      Das muss man im Zusammenhang mit den gesungenen Texten und mit der szenischen Umsetzung sehen. Im zweiten Akt sagt Butterfly etwa sinngemäss: "Sah man bei Japanern jemals solche blonden Haare?" Und Shaprless siniert wenig später: "Die schönen blonden Haare". Dabei ist das alles ein Fake, nicht anders, als die blondierten Haare der Mutter und dieser ganze Amerikakitsch - ein Inszenierung. Der kleine Sohn der Butterfly ist und bleibt Japaner, auch in seiner Amerikaner-Verkleidung mit der Army-Hose, der Basemütze und dem Mickey-Mouse-T-Shirt.
      Der Kunst ihre Freiheit