Schreker: "Der ferne Klang" - Staatstheater Nürnberg, 30.04.2011

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Schreker: "Der ferne Klang" - Staatstheater Nürnberg, 30.04.2011

      Franz Schreker war Mitte dreissig, als ihm im Jahr 1912 mit seiner in Frankfurt am Main uraufgeführten Oper „Der ferne Klang“ der Durchbruch als Opernkomponist gelang. Zehn Jahre hatte er sich mit diesem Werk beschäftigt, das deutliche autobiographische Züge aufweist und heute das wohl am häufigsten neuinszenierte Werk des einstigen Erfolgskomponisten ist. Nach Aufführungen der letzten Jahre in Berlin, Zürich ("ferne Klang", Zürich) und Augsburg ("ferne Klang", Augsburg) - die CDs, die die Augsburger Aufführung dokumentieren, sind soeben erschienen - kam das Stück nun in Nürnberg heraus. In der kommenden Saison plant das Theater Bonn, das sich in dieser Spielzeit um „Irrelohe“ von Schreker verdient gemacht hat, eine weitere Neuproduktion des „fernen Klang“.

      In Nürnberg zeichneten Philipp Pointner für die musikalische und Gabriele Rech für die szenische Seite verantwortlich und beiden gelang keine wirklich zufriedenstellende Aufführung der Schreker-Oper.

      Philipp Pointner lässt oft zu laut spielen, das überdeckt nicht nur die Sängerinnen und Sänger, das ist vor allem auch für die Musik von Schreker zu pauschal und undifferenziert, manche Feinheit des Klangbildes bleibt dabei auf der Strecke. Punkten kann Pointner bei den instrumentalen Zwischenspielen, vor allem bei jenem im dritten Akt, wo er keine Rücksichten auf die Bühne nehmen muss, das ist musikalisch der mit am besten gelungene Moment des Abends. Im Detail überzeugt das Spiel des Orchesters insgesamt mehr, als wenn das Kollektiv geschlossen aufspielt. Ansonsten ist Pointner nicht immer erfolgreich um Synchronisation der einzelnen Gruppen bemüht – was allerdings tatsächlich bei den Raumklangvorstellungen des Komponisten mit der unterschiedlichen Positionierung der Klangkörper (Fernchöre, eine Zigeunerkapelle zusätzlich) im 2. Akt schwierig ist.

      Bei den Sängerinnen und Sängern schneidet Astrid Weber mit ihrem tragfähigen Sopran als Grete insgesamt gut ab, einige Unsicherheiten und Schärfen inklusive, mehr Unterstützung durch den Dirigenten in der stärkeren Kontrolle der Dynamik des Orchesters wäre hier für die Sängerin hilfreich gewesen. Darstellerisch lässt Astrid Weber kaum Wünsche offen.

      Mit der Lautstärke hat ihr Bühnenpartner und Tenor Michael Putsch als Fritz keine Probleme, zumindest nicht in der Mittellage. Da wird eindimensional und kräftig abgestrahlt, ohne sich um eine sängerisch überzeugende Ausgestaltung der Partie zu kümmern, um dann bei jedem höheren Ton gnadenlos einzubrechen. Wenn gar nichts mehr geht, fällt auch schon mal ein Spitzenton komplett aus. Da Putsch auch darstellerisch alles andere als versiert ist, gerät diese Besetzung schnell an die Zumutbarkeitsgrenze.

      Besser bei Stimme ist mit klangschönem Bariton Bariton Jochen Kupfer in der Dreifachrolle als Schauspieler, Graf und Rudolf, zuverlässig Guido Jentjens als Vigelius und Baron.

      Richtig glücklich wird man mit Gabriele Rechs unentschiedener Inszenierung nicht. Zu Beginn sieht man angedeutet links und rechts die Häuser der Graumanns und das Wirtshaus, davor ein perspektivisch verzogener Zaun. Hier nehmen Grete und Fritz in einer inszenatorisch belanglosen Szene voneinander Abschied.

      Im zweiten Bild dann nur noch ein angedeuteter Raum mit einem Richtungspfeil im Hintergrund, später reduziert sich das Bühnenbild auf ein leinwandhaft vergrössertes Fenster, das nach hinten fahren kann und immerhin einen schönen filmischen Effekt ermöglicht.

      Hier ist die Personenführung zwar besser, als am Anfang der Oper, allerdings bleiben die Gesten des Chores und der Solisten immer oberflächlich und gewollt. Klar nachvollziehbar ist die Geschichte vom Vater, der um seinen Alkoholismus zu finanzieren, seine Tochter beim Kegelspiel an den Wirt verliert, erfahrbar wird die Gewalt, der man Grete antut, aber richtig packend ist das nicht.

      Im letzten Bild des ersten Aktes führt Rech dann ein Mädchen ein, das die junge Grete darstellt. Überdeutlich zeigt der blutrote Schoss des Kindes, dass Grete als Kind – und wohl vom Vater – missbraucht wurde. Ein solcher Hinweis würde Möglichkeiten für die Regie öffnen, die Gabriele Rech nicht nutzt.

      Vom Ansatz her überzeugend, dass die Regisseurin in allen drei Akten der Oper die doppelt besetzten Rollen zu einer Person zusammenführt, der Grete dann auf den Stationen ihres Lebens immer wieder begegnet. Deutlich aufgewertet z. B. die Rolle der alten Kupplerin aus dem ersten Akt, die auch als Spanierin im zweiten und als Kellnerin im dritten Akt auftauchen wird (Teresa Erbe mit schütterem Mezzosopran).

      Das Bordell „Casa di maschere“ im 2. Akt ist in einem Zirkus angesiedelt. Das bietet einige Möglichkeiten, die Bühne geschickt zu nutzen, so etwa mit Lichterketten oder einer vom Bühnenhimmel heruntergleitenden Kettenkarussellgondel, in der Grete sitzt. Die Damen bemühen sich um eine gewisse Frivolität, die maskierten Herren stehen dem nicht nach. Besonders Bariton Michael Kunze (laut Partitur eigentlich nur mit der Stimme präsent, hier auch darstellerisch gefordert), darf unter seiner am Hintern ausgeschnittenen Hose Netzstrumpfhosen zeigen., aber auch wenn es zumindest im ersten Teil des zweiten Aktes immer Bewegung auf der Bühne gibt, so richtig zu Fesseln vermag das szensiche Arrangement nicht. Die zentrale Begegnung zwischen Fitz und Grete leidet dann wieder unter einer Regie, die mit der Szene nichts anzufangen weiss.

      Gänzlich versagt die Regie dann im dritten Akt. Weit nach vorne gezogen stehen einige Bänke, im zweiten Teil des Schlussaktes wird daraus eine Bahnstation, auf der die Mitwirkenden in unterschiedlicher Konstellation Platz nehmen. Bedeutungsschwer fährt im Hintergrund eine verpackte Harfe herein und wieder heraus, viel mehr passiert nicht und die finale Begegnung zwischen Grete und Fritz gerät zu einer ziemlichen zähen Angelegenheit.

      Gabriele Rech erreicht nicht die Durchdringung des Stoffes, die Peter Mussbach in Berlin gelungen ist. Aber sie bleibt leider auch deutlich hinter den Arbeiten von Jens-Daniel Herzog in Zürich oder der von Renate Ackermann in Augsburg zurück.

      Zum Kennenlernen der Oper mag auch diese Inszenierung taugen, aber es wäre nicht verwunderlich, wenn mancher Besucher das Werk selbst aufgrund einer Erstbegegnung in Nürnberg für langweilig hielte.

      In den Beifall des Premierenpublikums mischten sich wenige „Buhs“ für Philipp Pointner und Gabriele Rech.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Danke für die aufschlußreiche Besprechung!

      Alviano schrieb:

      Philipp Pointner lässt oft zu laut spielen, das überdeckt nicht nur die Sängerinnen und Sänger, das ist vor allem auch für die Musik von Schreker zu pauschal und undifferenziert, manche Feinheit des Klangbildes bleibt dabei auf der Strecke.
      Das - und da traue ich Deinem unbestechlichen Urteil, lieber Alviano - ist für mich ein klares Ausschlußkriterium: Ich hatte nämlich schon mal leise erwogen, einen Ausflug ins Fränkische zu wagen.

      Die Augsburger Vorstellung war da wohl um einiges besser, nicht wahr? Und die gibt's neuderdings immerhin auf CD.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • "Der ferne Klang"

      Ohne Frage war Dirigent Dirk Kaftan in Augsburg dem Nürnberger Kollegen Pointner überlegen. Und selbst wenn die Inszenierung von Renate Ackermann in Augsburg Schwächen aufwies, insgesamt war sie ausgewogener, als die teilweise enttäuschende Präsentation durch Gabriele Rech in Nürnberg. Was beide Städte eint, ist eine blasse Besetzung der männlichen Hauptrolle und eine bessere Sängerin für die Grete Graumann. Zum Kennenlernen taugt auch der Nürnberger Versuch mit Schrekers Erfolgsoper, wer das Stück bereits kennt, wird hier wenig richtig erfreuliches finden. In Bonn wird in der kommenden Saison Klaus Weise den "fernen Klang" inszenieren. Leider steht der Dirigent noch nicht fest - anscheinend wird das Stück nicht von Stefan Blunier dirigiert, was erstmal bedauerlich ist - "Irrelohe" in Bonn war vor allem wegen Blunier auch eine weitere Anreise wert. Es folgt der Werbeblock :D :



      Das Buch von Ulrike Kienzle "Das Trauma hinter dem Traum - Franz Schrekers Oper "Der ferne Klang" und die Wiener Moderne", 1998 bei Argus erschienen, ist z Zt. (leider!) nicht verfügbar, aber es gibt ja auch Bibliotheken.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano schrieb:

      Philipp Pointner lässt oft zu laut spielen, das überdeckt nicht nur die Sängerinnen und Sänger, das ist vor allem auch für die Musik von Schreker zu pauschal und undifferenziert, manche Feinheit des Klangbildes bleibt dabei auf der Strecke. Punkten kann Pointner bei den instrumentalen Zwischenspielen, vor allem bei jenem im dritten Akt, wo er keine Rücksichten auf die Bühne nehmen muss, das ist musikalisch der mit am besten gelungene Moment des Abends. Im Detail überzeugt das Spiel des Orchesters insgesamt mehr, als wenn das Kollektiv geschlossen aufspielt. Ansonsten ist Pointner nicht immer erfolgreich um Synchronisation der einzelnen Gruppen bemüht – was allerdings tatsächlich bei den Raumklangvorstellungen des Komponisten mit der unterschiedlichen Positionierung der Klangkörper (Fernchöre, eine Zigeunerkapelle zusätzlich) im 2. Akt schwierig ist.
      Lieber Alviano,
      mit einem etwas anderen Eindruck ging ich aus der Vorstellung am 16. Mai. Laut war es, doch blieb die in allen Farben des Spektrums schillernde Musik immer gut durchhörbar, für mich als Schreker-Ersthörerin war es ein Genuss. Jetzt frage ich mich, ob Dein Eindruck - auch der mangelnden Synchronisation - vielleicht von Premierenkinderkrankheiten herrührt. Die Akustik spielte vielleicht auch noch eine Rolle, bei mir im Rang waren Orchester/Sänger gut ausgewogen.

      Alviano schrieb:

      Mit der Lautstärke hat ihr Bühnenpartner und Tenor Michael Putsch als Fritz keine Probleme, zumindest nicht in der Mittellage. Da wird eindimensional und kräftig abgestrahlt, ohne sich um eine sängerisch überzeugende Ausgestaltung der Partie zu kümmern
      ob er wohl diese Lautstärke auch ich größeren Partien durchhält? in "meiner" Vorstellung waren auch die hohen Töne dabei

      Alviano schrieb:

      Richtig glücklich wird man mit Gabriele Rechs unentschiedener Inszenierung nicht.
      das ist eine sehr höfliche Formulierung..... Wie Du schreibst:

      Alviano schrieb:

      Zum Kennenlernen der Oper mag auch diese Inszenierung taugen,
      das dachte ich anfangs auch, aber wenn im zweiten Akt so gut wie alles schwarz ist und im dritten Akt die ewig gleiche Bank die Szene lähmt..... :o:
      über lange Strecken habe ich mich nur auf die Musik konzentriert und dafür lohnt sich der Besuch der Aufführung.
      "Im Augenblick sehe ich gerade wie Scarpia / Ruggero Raimondi umgemurxt wird, und überlege ob ich einen Schokoladenkuchen essen soll?" oper337
    • "Der ferne KLang"

      Jetzt frage ich mich, ob Dein Eindruck - auch der mangelnden Synchronisation - vielleicht von Premierenkinderkrankheiten herrührt.


      Schwierigkeiten mit der Synchronisation eventuell. Aber in der Auffächerung des Klanges und der Differenzierung der Dynamik geht da deutlich mehr, als das, was Pointner in Nürnberg zeigt - und wie es Dirk Kaftan im nicht allzuweit entfernten Nürnberg wesentlich besser hinbekommen hat.

      ob er wohl diese Lautstärke auch in größeren Partien durchhält? in "meiner" Vorstellung waren auch die hohen Töne dabei


      Ja, ich glaube, dass er mit dieser Form der Tonproduktion in anderen Stücken besser zurecht kommt, als hier bei diesem Schreker. "Wie wenn der Wind mit Geisterhand über Harfen streicht", " ein brausender Sommersturm", die Passagen aus dem Schlussduett - da bildet Putsch die Spitzentöne korrekt? Das würde mich wundern.

      Für mich war es die Erstbegenung mit einer Inszenierung von Gabriele Rech - das muss ich nicht nochmal haben.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Phonstärke

      bratwurst schrieb:

      Alviano schrieb:

      da bildet Putsch die Spitzentöne korrekt?
      nein, das habe ich nicht gemeint. aber die Töne waren vorhanden - laut...


      "Laut" kann der :D ... Vermutlich macht Putsch bei Wagner einigen Eindruck, wo man mit einer stabilen, kräftigen Mittellage punkten kann und wo es nicht gar so hoch hinaus geht. Putsch hat schon den Tannhäuser gesungen, wie er da über den zweiten Akt kommt, würde mich interessieren - Romerzählung traue ich ihm zu.

      Der Fritz ist eine schwer zu besetzende Partie. Wohlüberlegt war in den 70ern die Besetzung des Fritz bei der Wiederentdeckung des "fernen Klang" in Graz unter der Leitung von Ernst Märzendorfer. Eberhard Büchner, ein Tenor aus der damaligen DDR, verfügte über eine gut ansprechende Höhe und hatte Erfahrung mit Partien bis hin zum Lohengrin, mir liegt sein Timbre nicht so wirklich, aber Büchner verfügt über ein hohes Mass an Musikalität.

      Richtig gut war die Besetzung am kleinen Theater in Hagen mit Thomas Harper, der als Tenorbuffo anfing, aber wirklich über eine enorm sichere und kräftige Höhe verfügte. Das war live beeindruckend, kann sich aber auch auf der in Hagen produzierten CD hören lassen. Harper wagte dann Ausflüge hin zum Radames und war als Tristan vorgesehen, hat die Partie aber meines Wissens nicht gesungen. Stattdessen kamen dann Knusperhexe und vor allem Mime dazu, besonders letzteres kann ich mir sehr gut vorstellen.

      Bei Albrecht auf der CD singt Thomas Moser den Fritz, eine sehr solide Angelegenheit, ich glaube, Wieslav Ochman hat die Rolle auch gesungen, das ist eine zumindest interessante Besetzung. Erstaunlich gut kam Burkhard Fritz in Berlin mit der Partie zurecht, schwächer Mathias Schulz in Augsburg. Bin gespannt, wie die Besetzung für Bonn aussieht.
      Der Kunst ihre Freiheit