Max Reger - schwere Kost oder einfach nur unverstanden?

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Max Reger - schwere Kost oder einfach nur unverstanden?

      Sofern mich nicht alles täuscht, haben wir noch keinen Thread zu Max Reger ;+)

      Verdient hätte er es. Außerdem fände ich es schade, wenn die Beiträge von Peter und Bernd aus "Eben gehört" so mir nichts dir nichts im Nirwana verschwinden. Ich habe Eure Beiträge also noch einmal hierher kopiert. Ihr beschreibt ja in Euren Postings beide Euer zwiespältiges Verhältnis zu diesem Komponisten. Wahrscheinlich ist es so, dass es noch anderen Capricci so geht - und da stellt sich die Frage, warum dem so ist. Anregungen, Ideen?

      Für die Moderation:

      Caesar73



      Ich versuche es immer mal mit Reger, diesmal



      Max Reger: Konzert für Klavier und Orchester f-moll op. 114

      Nicht zuletzt Dank Hamelin spannend, aber der große Durchbruch in Sachen Reger ist es noch nicht bei mir.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Ich versuche es immer mal mit Reger


      Ich auch. Allerdings konnte ich den Klavierkonzert-Brocken bislang nie richtig verdauen; was uns Reger mit diesem Schinken sagen wollte, hat sich mir noch nicht erschlossen (wobei ich nicht ausschließen mag, dass das an meinen Ohren und Gehirnwindungen liegt).

      ...aber der große Durchbruch in Sachen Reger ist es noch nicht bei mir.


      Peter, hast du dich mal etwas näher mit dem Klarinettenquintett beschäftigt? Das ist für mich richtig große Musik, die mich problemlos erreicht.

      Beste Grüße

      Bernd
    • arundo donax schrieb:


      Peter, hast du dich mal etwas näher mit dem Klarinettenquintett beschäftigt? Das ist für mich richtig große Musik, die mich problemlos erreicht.


      Lieber Bernd,

      das Klarinettenquintett



      lege ich mir gerne ein, in kleiner Besetzung finde ich Reger auch bekömmlich (außer bei den Streichquartetten, da geht mir im zweiten Drittel zunehmend de Luft aus). Es gibt auch eine Anzahl von Orchesterwerken, die ich mag (die Mozart- und die Hillervariationen etwa). Aber vieles bleibt mir ziemlich zäh. Irgendwer meinte, dass Regers Zeit noch kommen werde. Diese Prophezeiung liegt inzwischen schon einige Zeit zurück, dass sie sich erfüllt, ist nicht zu sehen.Naja, ich gebe mich noch nicht auf ;+)

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Es gibt auch eine Anzahl von Orchesterwerken, die ich mag (die Mozart- und die Hillervariationen etwa).


      Dito - beziehungsweise die Mozart-Variationen finde ich, obwohl sie mich rein emotional nicht bis ins Letzte treffen, schon verflixt grossartig.

      Aber vieles bleibt mir ziemlich zäh.


      Nochmals dito! Meiner ganzen Konstitution nach sollten mir Regers "nachbrahmsische Schwülstigkeiten" (zitiert nach Aron Copland) eigentlich insgesamt sehr entgegenkommen. Im Falle seltener Einzelwerke verhält sich das auch so. Aber über breite Strecken bleibt mir Reger ein Buch mit sieben Siegeln.

      Beste Grüße

      Bernd
    • Peter Brixius schrieb:

      Ich versuche es immer mal mit Reger, diesmal


      Eine weitere, relativ neue Aufnahme des Klavierkonzerts hat Michael Korstick vorgelegt:



      Peter Brixius schrieb:


      Nicht zuletzt Dank Hamelin spannend, aber der große Durchbruch in Sachen Reger ist es noch nicht bei mir.


      Wie sind Eure Erfahrungen mit diesem Komponisten?

      Meine erste Begegnung mit Reger, war eine mit Kompositionen Regers für Orgel, Choralvorspiele für Orgel, wenn ich mich recht erinnere. Dann kamen irgendwann die unvermeidlichen Mozartvariationen, die ich vor Jahren einmal live mit den Bamberger Symphonikern in Bamberg hören durfte. Und da erlebte ich einen Reger, der alles andere als schwere Kost war; transparent und geradezu spielerisch leicht dargeboten. Ferner ist da noch der Reger, der phantastische Chormusik komponiert hat. Oder auch der Kammermusiker Reger. Reger macht es einem offenkundig nicht leicht. Warum ist das so?

      :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Caesar73 schrieb:

      Ferner ist da noch der Reger, der phantastische Chormusik komponiert hat.


      So ist es. Ich habe oft Reger gesungen, sowohl in Chören als auch als Solist. Ich kann verstehen, dass manch einem die schon genannte "Schwülstigkeit", die viele seiner Kompositionen als Grundstimmung durchaus durchziehen mag (so vielleicht in: "Der geigende Eremit"), abgehen kann, mich indes spricht das durchaus an, weil ich sie nicht als aufgesetzt, sondern als durchaus authentisch erlebe.
      Mein Favorit ist seine Vertonung des Hebbelschen Gedichtes "Requiem" (op. 144 b):



      Aber auch sein Liedschaffen finde ich hörens- und singenswert und im Allgemeinen zu wenig in der Öffentlichkeit bekannt:



      Die Werke für Chor gehören durchaus zu Repertoire vieler Chöre, und die Innerlichkeit seines Morgengesangs oder des korresopondierenden Abendlieds gehen mich auch heute noch - nach vielen, vielen Aufführungen - an:



      :wink: Agravain
    • Bei mir läuft nun - nachdem ich Hamelin/Volkov heute Morgen als erstes wieder aufgelegt habe - nun das Klavierkonzert in folgender Aufnahme



      Insgesamt nimmt Gielen Reger langsamer (19:32 - 11:36 - 10:24 gegenüber 17:55 - 10:18 - 9:03), was der struktuellen Klarheit mE dient, denn je komplexer der Klang ist, umso mehr Zeit braucht man da durchzuhören. Im Booklet der Gielen-Einspielung finde ich folgende bemerkenswerte Darstellung von Alexander Berrsche, damals Musikkritiker der Müchneer Zeitung

      Es gibt Meisterwerke, die den ganzen Ausdrucksreichtum ihres Schöpfers zusammenfassen scheinen und uns in engem Raum durch alle Welten des Genius führen. Das Künstlerische dieser Werke wird durch das Persönliche gesteigert. Sie wirken wie ideale Selbstportraits. Aus der großen B-dur-Sonate und den Diabelli-Variationen spricht der ganze Beethoven, aus den Davidsbündlern der ganze Schumann. Und wie wir im Brahmsschen Doppelkonzert alle Quellen dieser edlen Musik strömen fühlen, so treffen in Max Regers Klavierkonzert alle die scheinbaren Gegensätze aufeinander, deren Gesamtheit das unvergleichbare Charakterbild dieses großen Meisters ausmacht: das Stürmische, Wilde, fast Niederschmetternde des Griffs, die intimste Zartheit des Ausdrucks und Mystik des Klanges und die bald derb fröhliche, bald anmutige Spielfreude.


      Wenn man den Einfluss Brahms erwähnt, so ist der in diesem Konzert sicher vor allem durch das d-moll-Klavierkonzert gegeben, an das nicht nur der Anfang mit dem Paukenwirbel und dem an Brahms erinnernden Rhythmus. Wie bei Brahms ist das Werk für den Solisten dankbar, auch wenn der Part im musikalischen Geflecht eingebunden ist. Mir macht die eigene Stimme des Klaviers, die klanglich ja gut erkennbar ist, das Stück zugänglicher als das Violinkonzert. Nun, beim dritten Hören innerhalb kurzer Zeit, höre ich mich auch mehr in das Werk ein, eine größere Anzahl von Passagen hat sich eingeprägt, was die Orientierung erleichtert. Hamelin/Volkov haben da sicher den Weg bereitet, überzeugt bin ich jetzt allerdings (das mag auch an der unmittelbaren Erfahrung liegen) von de Groote/Gielen. Ich glaube, dass der Dirigent wichtiger für das Stück ist.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Mit den anderen Gattungen habe ich mich noch viel zu wenig beschäftigt, aber mit Regers Orgelmusik anzufangen und ihn von dort her kennenzulernen, kann kein Fehler sein.
      Überhaupt nicht spröde und mit einem gewissen Suchtpotential sind beispielsweise folgende Orgelwerke (ich belasse es erstmal bei drei Beispielen)

      Introduktion und Passacaglia d-moll :juhu: :juhu: :juhu:
      Choralphantasie "Wie schön leucht uns der Morgenstern" op. 40, 1
      Choralphantasie "Wachet auf, ruft uns die Stimme" op. 52,2

      idealerweise kann man das auf dieser leider recht teueren CD kennenlernen, aber auf youtube ist das auch alles dokumentiert.

      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • Hallo zusammen!

      Bei Reger geht es mir ähnlich wie euch, wobei ich neben seinen Streichquartetten und dem Kalvierkonzert auch die Cello-Sonaten immer wieder auflege:



      Die Musik ist sehr vielschichtig und es bleibt bei mir nachher immer das Gefühl, dass sie wenig Eindruck auf mich hinterlässt. Trotzdem kann ich eine stimmungsabhängige Faszination an seinen Werken nicht abstreiten...

      Liebe Grüße

      Pete
    • Vor allem sollte man bedenken, wie unglaublich modern Reger ist. Er mag zwar von Brahms kontrapunktischem Geschlinge ausgehen, doch er kombiniert es mit der avanciertesten Harmonik der Zeit. Reger besitzt ein untrügliches Ohr für Tonartenzusammenhänge, moduliert auf engstem Raum in die entlegensten Bereiche - und das so, daß die Grundtonarten immer noch spürbar bleiben. Was Schönberg ihm zu verdanken hat, ist immer noch nicht genug betont worden. Vor allem wäre eine Untersuchung von Schönbergs "Pelleas" interessant, der über weite Strecken wie Reger klänge, wäre Schönberg nicht ein besserer Instrumentierer.
      Damit sind wir beim ersten der zwei Mankos von Reger: Seine Instrumentierung ist nicht sehr gut, nämlich viel zu dick. Der amerikanische Komponist und Musikkritiker Virgil Thomson sagte einmal: "Ein französischer Komponist ist mit seinem Werk fertig, wenn möglichst wenige Noten drinstehen, ein deutscher Komponist, wenn möglichst viele Noten drinstehen." Was zwar vereinfacht ist, bei Reger aber zutrifft. Zumal Reger nicht die intensiv instrumentierte Linie anstrebt wie etwa Mahler, sondern ein dichtes kontrapunktisches Gewebe, am Ende noch mit Stützakkorden. Im Extremfall hört man nur noch bewegte Fläche statt Motivik, man verliert sich hörend in einer vermeintlichen Orientierungslosigkeit, in der man erst in der Partitur lesend wieder Wegweiser findet.
      Das zweite Manko hängt damit ein wenig zusammen: Reger ist kein sonderlich guter Melodiker. Es gelingen ihm weder prägnante Melodien noch plastische Themen - was auch damit zu tun hat, daß er die Kernsubstanz eines Themas oder einer Melodie viel zu früh kompliziert. Dadurch, daß seine Thematik und Melodik relativ, ich sag's überspitzt, amorph sind, treten sie im überbordenden Stimmgefüge nicht hervor und können kaum als akustische Landmarke dienen.
      Ich habe den Verdacht, daß genau aus diesem Grund alle Werke Regers am besten funktionieren, in denen dieser Punkt aus dem einen oder anderen Grund umgangen wird, etwa in den Variationswerken und den Liedern. In den Variationswerken, weil die verwendeten Themen sich für das Vorhaben aufgrund ihrer Plastizität sehr gut eignen, in den Liedern, weil die Farbe der Singstimme ohnedies hervortritt und als roter Faden dient.
      Dennoch gehört zu meinen absoluten Reger-Favoriten ein Werk ohne fremdes Thema und ohne Singstimme, nämlich die Böcklin-Suite, die ich in dieser von Hans Zender gut durchhörbar gemachten Aufführung empfehle:

      Gut, seien wir ehrlich: Es gibt bessere Orchestermusik als den "geigenden Eremiten" des ersten Satzes, aber schon das "Spiel der Wellen", nicht impressionistisch sondern, entsprechend der malerischen Vorlage, romantisch, ist ein hinreißendes Orchesterscherzo mit verwegenen Harmonien, was sich in der "Toteninsel" noch beträchtlich steigert. Ich halte Regers "Toteninsel" der Rachmaninows für weit überlegen (obwohl ich Rachmaninow schätze), und ich mag sie auch lieber als Sibelius' "Schwan von Tuonela". Das abschließende "Bacchanal" ist ein bißchen laut, ich weiß, aber es zeigt, wie das ganze Werk, daß Reger auch mitunter geradezu brillant instrumentieren konnte. Außerdem sind wieder ziemlich durchgeknallte harmonische Wendungen drin, die das Ganze über den üblichen Tschinbumm-Schlußsatz, der es andernfalls wäre, hinausheben.
      Außerdem empfehle ich jedem, der sich mit Reger anfreunden will, die Lieder, sowohl die oben genannte Einspielung der Orchesterlieder als auch die Klavierlieder, einen schönen Überblick bieten:
      und
      Die rechts stehende CD enthält übrigens die "Schlichten Weisen", die ein Lehrbeispiel dafür sind, wie aus einer scheinbar einfachen Melodie ein hockkomplexes Werk entsteht.
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Lieber Edwin,

      vielen Dank für Deinen Beitrag, der entscheidende Punkte herausarbeitet, die mir bei Reger im Wege stehen. Nachdem ich mit dem Klavierkonzert im Rücken wohlgemut an das Violinkonzert ging, hatte ich dort wieder die alten Probleme. Die objektive Länge wird subjektiv nicht kürzer, warum, hast Du deutlich beschrieben. Ohne Partitur kann ich nur annehmen, bin aber sicher, dass Reger keine Note zuviel geschrieben hat, er hat das Werk bis zum letzten ausgewogen und disponiert - und bei seiner Kompositionskunst ist es genau diese Dimension, die das Stück braucht. Aber er versteht es nicht, diese Disposition - für mich - hörbar zu machen. Ich habe leider die Partitur nicht bei mir herumstehen, bin aber zuversichtlich, dass sich mir das Werk mit Partitur erschließt.

      Was ich bewundere ist die Kunst, wie Reger das Soloinstrument im kontrapunktischen Gewebe zu profilieren versteht. Natürlich ist ein Violinkonzert vom Klang her schon lyrischer als ein Klavierkonzert, es entwickeln sich auch immer wieder schöne Passagen. Nur - leider - sie bleiben nicht haften.

      Vielleicht beim zweiten oder dritten Mal?

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Edwin schrieb:

      Ich halte Regers "Toteninsel" der Rachmaninows für weit überlegen


      Ich auch! Ich finde diesen Reger auch viel mehr auf den Punkt bringend, transparenter, farbiger und schillernder, als man es von anderen Regerwerken gewohnt ist. Bei diesem Vergleich verliert Rachmaninow m. E. gerade durch die Mankos (Schwulst, Dicke, Undurchsichtigkeit, usw.), die man normalerweise Reger zuschreibt.

      Außerdem gebe ich dir Recht, dass Reger dick instrumentiert. Er muss immer alles verwenden, was da ist. Der Pianist im Klavierkonzert muss alles in Oktaven spielen, wenn ohne noch Finger frei wären. Das geht echt gar nicht... Er soll auch mal gesagt haben, dass er mehr mehr als 4 Hörnern nichts anfangen konnte (bzw. weitere einfach nicht "brauchte"). Klar, wenn er immer nur 4-stimmigen Satz schreibt. :hide:
      Ein Melodiker war er wohl tatsächlich nicht, aber manche Werke beweisen das Gegenteil, wie das Klarinettenquintett, welches zurecht so häufig erwähnt wird. Auf jeden Fall eines meiner Lieblingswerke der Kammermusik!

      Manchmal glaube ich, dass Reger aus Purismus bzw. Verherrlichung des Tonsatzes sich geweigert hat, mit anderen Parametern wie etwa Farbe davon "abzulenken". Das würde z. B. auch erklären, warum er, obwohl er es sicherlich gekonnt hätte, in seinen Orgelwerken überhaupt keine Angaben zur Registratur gemacht hat (man vergleiche etwa die Partituren von französischen Komponisten schon weit vor seiner Zeit, aber natürlich auch später insb. Messiaen, wo jede Farbe genau vorgegeben ist.).
    • Für mich ist die "amorphe" Melodik und Motivik das größte Problem. Das bestrifft die Kammermusik leider ebenfalls, wo man nicht mal mit Instrumentierung ablenken könnte.
      Die Böcklin-Suite ist ebenfalls das Orchesterwerk, was mir am besten gefällt, auch die "Romantische Suite". Von den Chor- und Orgelwerken, die Teile seiner Musik, die heute wohl noch am stärksten gepflegt werden, kenne ich bisher nichts.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Edwin schrieb:

      Was Schönberg ihm zu verdanken hat, ist immer noch nicht genug betont worden. Vor allem wäre eine Untersuchung von Schönbergs "Pelleas" interessant, der über weite Strecken wie Reger klänge, wäre Schönberg nicht ein besserer Instrumentierer.
      Damit sind wir beim ersten der zwei Mankos von Reger: Seine Instrumentierung ist nicht sehr gut, nämlich viel zu dick.

      merkwürdig, mir wurde mal gesagt, Schönberg instrumentiere zu dick, deshalb müsse er immer immer dazuschreiben, wer die Haupt- und Nebenstimme hat (sinngemäß: wer ordentlich instrumentieren kann, ist darauf nicht angewiesen).
      Sicher hat Reger noch dicker instrumentiert als Schönberg, und ich gestehe dass ich damit auch massive Probleme habe. Wäre es nicht mal eine lohnende Übung z.B. für einen Kompositionsstudenten, einen von Regers Orchesterschinken umzuinstrumentieren, eine radikale Schlankheitskur zu verpassen? Gibt es solche Versuche vielleicht schon?

      Grob gesagt ist mir Reger umso lieber, je kleiner die Besetzung (manchmal werde ich auch beim Klavierkonzert schwach. Aber das geht nur so einmal alle 10 Jahre...).
      Zum Beispiel die Suiten für Viola solo in dieser schönen Aufnahme:



      Tabea Zimmermann spielt Reger und Bach

      :wink: Khampan
    • Wobei man die Toteninsel von Rach nicht so sehr unterschätzen sollte, wie ich finde. Sie hat auch ihre Meriten. In dem ständigen Wechsel der zwei- und dreizähligen Taktgruppen im 5er-Takt liegt ein zwar recht simpler, aber recht wirkungsvoller Kniff vor, Unruhe der See zu verdeutlichen, oder? In den Takten, in denen 2-3 gruppiert wird, findet er ein einfaches, sehr düsteres, beinahe majestätisches, aufsteigendes Motiv, das nach Sequenzierung und Spannungsteigerung durch diese "Spiegelung" des Metrums einen bedrohlichen Charakter erhält. Vielleicht ist das besseres Handwerk, keine Ahnung. Ich finde das jedenfalls - von der vielleicht wirklich etwas zu dicken Bratensosse - sehr wirkungsvoll.

      Das Reger-Stück kenne ich leider nicht, deswegen bleibt es erst einmal bei diesem OT-Beitrag. ;+)
      "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)
    • Khampan schrieb:

      Sicher hat Reger noch dicker instrumentiert als Schönberg, und ich gestehe dass ich damit auch massive Probleme habe. Wäre es nicht mal eine lohnende Übung z.B. für einen Kompositionsstudenten, einen von Regers Orchesterschinken umzuinstrumentieren, eine radikale Schlankheitskur zu verpassen? Gibt es solche Versuche vielleicht schon?


      Zumindest von der Romantischen Suite op. 125 gibt es eine Transkription von ausgerechnet Schönberg für eine Aufführung im Privat-Verein (1920), also für ein Kammerensemble (ein paar Streicher & Bläser, Klavier und Harmonium).

      Ich habe die Aufnahme mit Solisten der Ópera National de Lyon (1996 / 2003, Erato / Elatus):



      Dann gibt es noch eine Aufnahme mit dem Linos-Ensemble (2001, Capriccio):



      :wink:
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Das Klavierkonzert gehört schon lange zu meinen absoluten Lieblingswerken.

      Es gibt noch eine sehr gute Einspielungen von Oppitz, aber meine Lieblingseinspielung wird wohl für immer jene mit Rudolf Serkin sein, welche im Moment anscheinend leider nicht erhältlich ist.



      Mit Serkin habe ich zum Glück auch noch einen Rundfunklivemitschnitt von 1954 aus München.
      Dort spielt er noch vehementer, Serkin war ja ein großer Verfechter dieses Konzertes.

      Sein Sohn Peter Serkin hat das Werk mittlerweile auch häufiger aufgweführt.

      Ich hatte sogar mal einen Rundfunkmitschnitt mit Frida Kwast-Hodapp, der Widmungsträgerin, leider ist mir diese Aufnahme im Laufe der Jahrzehnte abhanden gekommen.

      Sehr interessante Auskunft über Reger und natürlich auch über sein Klavierkonzert bietet diese Seite:

      "http://www.proreger.de/klavierkonzert.html"
      Es wurde ja der Pianist Steven de Groote erwähnt, dessen Aufnahme ich auch sehr schätze.
      Er ist jung verstorben, wie es heißt, an den Folgen eines Flugzeugabsturzes.

      Da ich mich für diesen Pianisten sehr interessiere, bin ich diesem mal nachgegangen und habe Kontakt zu einem ehemaligem Studenten von de Groote gefunden.

      Und dieser erzählte mir dann die traurige Geschichte:

      de Groote war auch Pilot und ist bei einer Landung abgestürzt.
      Obwohl er schwer verletzt war, ist er wieder völlig genesen und konnte seine Konzerttätigkeit wieder aufnehmen.

      Leider hatte er einen hohen Blutverlust, und eine der Blutkonserven war HIV-kontaminiert.
      Furchtbar, da hatte er das fast unmögliche geschafft, und dann mußte er an Aids sterben.

      Viele Grüße,
      Michael
    • Kater Murr schrieb:

      Für mich ist die "amorphe" Melodik und Motivik das größte Problem. Das bestrifft die Kammermusik leider ebenfalls, wo man nicht mal mit Instrumentierung ablenken könnte.
      Die Böcklin-Suite ist ebenfalls das Orchesterwerk, was mir am besten gefällt, auch die "Romantische Suite". Von den Chor- und Orgelwerken, die Teile seiner Musik, die heute wohl noch am stärksten gepflegt werden, kenne ich bisher nichts.


      Die 'amorphe' Melodik hat Reger sicher auch so gesehen, allerdings scheint er da humorvoll-anarchischer herangegangen zu sein, als man das als Zuhörer gerne mal erträgt. Z.B. seine Streichquartette quellen ja förmlich über vor Dingen, die er noch hereinquetscht, eine Komplexität, die einen gerne mal überfordert. 'Einfacher' fallen als Einstieg seine späten Chorstücke op. 138, die ich in vielen verschiedenen Chören immer wieder sehr gerne gesungen habe - meine erste Begegnung war op. 138,1- mich hat die Musik damals sehr erreicht, mein Eindruck war, dass es den Zuhörern auch so ging. Ich habe mich dann an die vielen hier genannten Stücke gewagt, manches hat mich mehr erreicht (Klavierkonzert mit Gielen), manches weniger. Grundsätzlich sind die bei cpo gelisteten Scherchen-Aufnahmen durch die Bank weg sehr gut- ich kann sie nur empfehlen, auch wenn sie klanglich nicht immer perfekt sind.



      Eine dicke Empfehlung möchte ich auch für die frühen Klavierstücke aussprechen, da hat es in der Frühzeit von cpo eine Aufnahme mit David Levine gegeben, die bei mir wochenlang fast nicht aus dem CD-Player herausgekommen ist- scheinbar ist sie endgültig aus dem Programm geflogen. Die Sachen werden in der Gesamtaufnahme von Becker sicher auch sehr zuverlässig gespielt sein- ich kenne die Aufnahmen aber nicht, weil mich die alte Aufnahme einfach sehr angesprochen hat und anspricht. Da ich die Scheibe nicht neben mit liegen habe, kann ich nicht sagen, welche Stücke mir am besten gefallen haben, aber ich meine, es waren Humoresken op. 20, Fantasiestücke op. 26, Improvisationen op. 18. Eins ist als kleine Würdigung auf Brahms zum Eintreffen seiner Todesnachricht geschrieben worden- ich finde diese Stelle in der Interpretation von Levine sehr schlicht und sehr ergreifend: das Thema des langsamen Satzes der 4. Symphonie ist es, meine ich, das aus der Musik heraustritt.



      Gruß Benno
    • Ergänzen möchte ich noch, daß Regers Klarinettenquintett für mich zu den größten Kammermusikwerken gehört.

      Ich habe es oft gespielt, und ich kann wirklich nichts damit anfangen, wenn behauptet wird, Reger hätte keine Melodien schreiben können.

      Auch seine drei Cellosolosuiten sind absolute Meisterwerke.
      Die zweite hat jahrelang zu meinem Grundrepertoire gehört, großartige, mitreißende Musik mit Humor, Melancholie und Virtuosität.

      Seine Orchesterwerke habe ich zum größten Teil auch gespielt, einiges davon unter W.D. Hauschild, der ein großer Reger- Dirigent ist.

      Ich finde das nicht zu dick orchestriert.
      Und die vielen Oktaven im Klavierkonzert finde ich klasse.

      Aber das können andere hier ja besser.
      :stumm:
    • Max Regers Musik ist für mich größtenteils noch ziemlich unbekannt und die Werke seiner Zeitgenossen (Mahler, Strauss) sind mir da zugänglicher. Die Gründe, weshalb mir der Zugang zu Regers Musik bislang nicht so leicht fiel, wurden hier bereits genannt ("amorphe Melodik", "dichtes kontrapunktisches Gewebe").

      Allerdings die wenigen Werken, die ich von ihm kenne (Romantische Suite und Mozart-Variationen) gefallen mir aber durchaus und haben schon einen gewissen Reiz. Eine "zu dicke" Instrumentierung kann ich zumindest bei diesen Werken nicht feststellen.

      Vor kurzem sah ich bei meinem "Stamm-CD-Händler" zufällig diese Box, die alle wichtigen Orchesterwerke inklusive der Konzerte für Violine und Klavier beinhaltet:



      Die Aufnahmen entstanden zwischen 1963 - 1984. Mag sein, dass es bei dem ein oder anderen Werk vielleicht bessere Aufnahmen gibt aber für das erste Kennenlernen ist diese Box nicht das schlechteste, zumal ich sie für ein "Appel und ein Ei" erworben habe.

      Lionel
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)