Max Reger - schwere Kost oder einfach nur unverstanden?

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    • Gurnemanz schrieb:

      Ich habe bisher de Groote/Gielen
      Steven de Groote? Der phantastische Pianist aus Südafrika, der leider so früh (1989) verstarb?
      Meine Frau und ich haben ihn in einem denkwürdigen Konzert in Neumünster beim SHMF 1987 oder 1988 gehört. Da brachte er Schuberts D960 zu Gehör.
      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Ich finde Regers Orchestermusik für seine Zeit sehr modern, komplex und auch nicht einfach zu hören, bzw. durchhörbar. Man muss dafür ein echtes "Händchen" haben als Dirigent, so haben mMn z.B. Horst Stein oder Hermann Scherchen hier einige höchst bemerkenswerte Einspielungen vorgelegt, und nun offenbar Leif Segerstam auch. Er, vielleicht auch, weil er als Komponist genau durch die Partituren schauen kann, scheint da momentan fast alleine zu stehen mit.

      Ich hätte mir z.B. Giuseppe Sinopoli hier auch gut vorstellen können.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Ich kann nicht sagen, ob die neuere CD-Veröffentichung der Klavierkonzerts mit Serkin/Ormandy spürbar besser klingt, als die ältere (gekoppelt mit dem 4. Prokofiev-Konzert). Ich vermute aber, es gibt keinen nennenswerten Unterschied. Ja, die Aufnahme von 1959 rauscht etwas, und wenn man genau hinhört, vernimmt man sogar einen Huster (vermutlich aus dem Orchester), aber...

      ... bei aller Wertschätzung für de Groote/Gielen, und vielleicht etwas weniger für Buchbinder/Stein und Hamelin/Volkov ...

      der Serkin spielt - für mich - in einer ganz anderen Liga!

      Um den unterschiedlichen Aufnahmen gerecht zu werden, müsste man sicherlich eine Detailanalyse machen, was mich bei dem "gigantischen" Werk maßlos überfordern würde. Nur ein paar Eindrücke vom Vergeich des Anfangs in den hier genannten vier Einspielungen:

      Das SWF Sinfonieorchester ist in der Aufnahme von 1987 unter Gielen noch im alten Hans Rosbaud Studio aufgenommen worden, was zu klein war und meistens zu einem zu trockenen und nicht selten auch hässlich harten Klang geführt hat. Das ist hier glücklicherweise ganz anders: Der brutal laute Beginn mit dem sich steigernden Übergang von den Pauken über die Bläser zu den Streichern kommt hier mit aller Gewalt (das Reger-Klavierkonzert ist das einzige, bei dem ich - mehrfach - Krach mit Nachbarn bekommen habe; man muss den Verstärker zurückdrehen!). Das Überraschende und auch sehr Überzeugende an diesem Beginn ist allerdings, wie das Orchester die Klangflächen strukturiert: trotz der Gewalttätigkeit, mit der es loszulärmen scheint, höre ich in dem Verlauf eine Klangfarbenmelodie. Gielen rückt Reger hier in die Nähe von Varèse. Der weitere Verlauf in einem fortwährenden Decrescendo verwischt zwar diesen ersten Eindruck - bis der zweite Schock kommt: der Einsatz des Pianisten. de Groote haut mit noch massiverer Brutalität rein als das Orchester zuvor - man muss hier erschrecken, sonst fehlt das Entscheidende. Der weitere - für mich thematisch kaum fassbare - Verlauf wird von de Groote sehr präzise nachempfunden. Auch hier wieder das langsame Versinken im Decrescendo.
      Im Seitensatz tut sich dann - fast so erschreckend wie die Brutalität des Klaviereinsatzes - eine ganz andere Welt auf: mit unerhörter Zartheit, wie man sie vielleicht noch in einigen Klavierstücken des späten Brahms hört, verliert sich das Klavier, als wolle es mit dem Lärm zuvor gar nichts mehr zu schaffen haben. Die dynamischen wie auch emotionalen Gegensätze, die sich in den ersten 5 oder 6 Minuten diesen Konzerts ereignen, finde ich in keinem anderen Werk mit dieser Intensität wieder. de Groote spielt hier sehr weich, klangvoll, einfach schön.

      Die Bamberger Sinfoniker fangen unter Horst Stein wesentlich zivilisierter an, neutraler. Ja, das ist noch laut, aber kein Aufreger. Distanziert, gemäßigt, schönes Spiel der Instrumente, vor allem der Hörner. Buchbinder setzt dann auch wuchtig ein, aber nicht mit dem Schock, den de Groote hier verursacht. Im Seitensatz meine ich, dass Buchbinder sich verzettelt: er versucht, aus der Zartheit Impressionen zu erzeugen, aber das klingt für mich fast wirr. Der überwältigende Gegensatz, den de Groote/Gielen hier vorführen, wird nivelliert.

      Das RSO Berlin unter Ilan Volkov hört man in einer Aufnahme von 2010. Das Label Hyperion ist teilweise für maßstäbliche Klangtechnik bekannt - ich meine hier wird das Notwendige verfehlt. Es klingt noch distanzierter als unter Stein; der Beginn ist fast harmlos. Der Klaviereinsatz ist dann natürlich ein Heimspiel für Hamelin: Fast ebenso gewaltsam, wie bei de Groote, aber strukturierter, beherrschter. Dann der Seitensatz: es tut mir leid, aber hier
      spielt Hamelin für mich schlicht langweilig. Es ist weder schön, noch ein Bemühen um Impressionen, es kommt keine Assoziation zu Brahms auf, sondern da spielt einer nur pflichtbewusst, um es hinter sich zu bringen. Der ganze Beginn des Konzerts, eine - gelungene - Shownummer des Pianisten beim ersten Einsatz, sonst aber sehr enttäuschend.

      Das Philadelphia Orchestra kann oft dicklich klingen, gerade unter Ormandy - aber hier eben nicht. Der Beginn ist ein düster vordingendes Klangfarbenspiel, weniger massiv als beim SWF Orchester, aber viel erregter und dennoch transparenter. Hier assoziiere ich weniger Varèse als Alban Berg. Vielleicht wird der Übergang zum Nullpunkt, an dem das Klavier hervorbricht, zu sehr zelebriert. Serkin antwortet darauf nicht mit brutaler Pranke, sondern mit der erregten Heftigkeit, die bereits beim Orchesterbeginn vorherrschte. Der Schock, der sich hier vielleicht noch stärker einstellt als bei de Groote, hat seine Ursache nicht in der Lautstärke, sondern in der Artikulation: die Musik, die hier gespielt wird, ist chaotisch und unbeherrschbar, aber das Chaos wird nicht nur in der herausbrechenden Kaskade demonstriert, sondern vielmehr in den Nebenstimmen. Das macht das ganze nicht verständlicher oder gar konsumierbarer, sondern "nur" hörbarer und deshalb umso wirkungsvoller. Im Seitensatz sind es ebenfalls die Nebenstimmen, die nicht nur ein sich Verlieren in zarter Schönheit vorführen, sondern Expressivität. Auch bei Serkin hat die Stelle ihr Vorbild im späten Brahms, doch die brahmsische Entrücktheit wird in ein expressionistisches Umfeld gestellt. Die unerhörten Gegensätze, die diesen Beginn ausmachen, sind bei Serkin /Ormandy kein Selbstzweck, sondern das Ergebnis eines unbändigen Ausdruckswillens.
    • Es ist schade, dass es anscheinend keine offizielle Aufnahme mit Peter Serkin gibt, der das Konzert häufig gespielt hat. Ich habe einen Mitschnitt vom NDR, der mir soweit gut gefällt, dass ich gar keine andere Aufnahme besitze.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Regers Klavierkonzert in Kiel am 11. und 12. September

      Hallo,
      falls es interessiert.


      So. 11.09. / Mo. 12.09.2016
      Uhrzeit: 11 Uhr / 20 Uhr
      Ort: Konzertsaal Kieler Schloss, Wall 74 in Kiel
      Werke: Reger: Klavierkonzert f-Moll op. 114 u. Brahms Sinfonie Nr. 2
      Mitwirkende: Gerhard Oppitz, Klavier Philharmonisches Orchester Kiel Georg Fritzsch, Dirigent
      Veranstalter: Philharmonisches Orchester Kiel

      Ausstellungen im Herbst:

      reger-kiel2016.de/max-reger/ausstellung/
      und:

      Sa. 1.10.2016 18:00 St. Ansgarkirche, Holtenauer Str. 91 in Kiel (schräg gegenüber vom Wubbke :D )

      Max Reger: Klavierquintett Nr. 2 c-Moll op. 64
      Johannes Brahms: Klavierquintett f-Moll op. 34
      Maximilian Lohse, Violine
      Katharina Hoffmann, Violine
      Marie Yamanaka, Viola
      Paul Füssinger, Violoncello
      Gerhard Oppitz, Klavier:
      Preise ab 9€

      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Gestern und heute in Kiel

      "Auch wenn es Brahms, Grieg oder Rachmaninow zu weit größerer Popularität mit ihren Konzerten für Solo-Klavier und Orchesterwogen gebracht haben: Den einsamen Gipfel, ehern und gewaltig, intelligent durchgestaltet und ausdrucksstark, hat eigentlich Max Reger aufgetürmt. Im Kieler Schloss erweist sich Gerhard Oppitz einmal mehr als Idealinterpret."
      Leider war es ziemlich leer, denn es war schönstes Wetter, der sog. Kiel-lauf fand draussen mit ca. 10.000 Läufern und entsprechend vielen Zuschauern statt.
      So mußten Orchester, Dirigent und Solist vor max. zu 50% gefülltem Saale auftreten. Meine Frau und ich waren zudem entsetzt, in welchem Maße wir das Durchschnittsalter senkten.
      Egal. Zu Reger ist oben alles gesagt worden. Zu Oppitz möchte ich ergänzen, dass ich den 2. Satz von Regers Klavierkonzert noch nie so innig gehört habe (Oppitz in seiner CD Aufnahme kommt da nicht ran). Ein gelungenes Konzert.
      Nach der Pause gab es Brahms 2. Die könnte heute abend besser werden, denn man merkte im 1. Satz etliche Spannungsdurchhänger und dehnte sich (bin ich in einer Zeitschleife?).
      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Anlässlich des 100. Todesjahres von Max Reger realisiert die HfM Würzburg eine Veranstaltungsreihe mit Werken des Komponisten mit dem Schwerpunkt Orgelmusik.

      Hier ein Flyer und ein sehr lesenswerter Begleittext von Christoph Bossert zum Thema Das Orgelwerk von Max Reger in neun Konzerten.
    • Es gab ja im Grunde bei Regers Orchesterwerken nur zwei einigermaßen umfangreiche Aufnahmeprojekte. Die von Eterna/Berlin Classics sind, glaube ich, vor einigen Jahren schonmal (teilweise?) in einer Box herausgebracht worden. (Von denen habe ich die "Hiller-Var." und Sinfonietta + An die Hoffnung und Hymnus der Liebe. Und dann eben die von Koch/schwann (bzw. Bayrischer Rundfunk) mit Horst Stein u.a. Die zweitgenannte gab es auch in mindestens zwei unterschiedlichen Auflagen/Covern. Ich habe vor Jahren einige (2,5,9 aus der neuen Box) gekauft, manche waren aber auf dem Gebrauchtmarkt damals unverschämt teuer. Und hat sich mein Interesse an Regers Werken eh meistens recht schnell wieder abgekühlt... :versteck1:
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • rege Regerphase eines Capriccioso

      Max Reger - sicher schwere Kost - aber genau das muss den vielseitigen Musikfreund doch auch reizen :) .

      Unverstanden - ach, so weit würde ich für mich nicht gehen wollen. Sagen wir, zunächst, also vor vierzig Jahren nur Weniges verstanden, jetzt deutlich mehr. Sagen wir: immer besser verstanden, vor allem im Sinne von: immer mehr besser verstanden. Sagen wir: weitaus mehr zu kauen als bei vielen, vielen anderen in der Musikgeschichte.

      Irgendwie tut es gut, bei zügiger Beschäftigung mit diesem Thread gerade auch von Profis zu lesen, dass sie Probleme mit dem tragischen Workaholic aus der Oberpfalz haben. Letztere Schnell-Charakterisierung findet ihr Abbild ja in dem so simpel genialen Buchtitel "Werk statt Leben". :verbeugung2:

      Es wird ein dickes Körnchen Wahrheit hinter den Klischees stecken vom mäandernden Chromatiker, vom undurchsichtigen Polyphoniker, dessen Musik so dick aufzutragen scheint, wie dies auf Bildern für seine Statur gilt, dessen Schaffen einem apollinischen Ideal so nahe kommt wie der Getränkegenuss des Meisters :P .

      Andererseits erleben wir in der Forschung ebenso wie in der Rezeption erfreut immer wieder, wie Klischees aufgeweicht, neu begründet, dialektisch umgebogen werden können, im Idealfall auch widerlegt oder eben mit Gegenbeispielen präzisiert, getreu dem Motto, dass Ausnahmen die Regel bestätigen.

      Nach der Orchestermusik, die ich zum Teil seit vielen Jahrzehnten kenne, aber nicht gar so oft höre, wobei das Klavierkonzert bei Weitem am häufigsten erklingt, nach der Kammermusik, die ich weniger vollständig kenne als die Orchesterwerke (Letztere beinahe vollständig), aber mir auch zu großen Teilen erschlossen habe, wobei diesmal das Klarinettenquintett ganz vorne rangiert ... nach all dem wurde es Zeit für die Klaviermusik (nahezu unbekannt bis vor wenigen Wochen - dabei klimpere ich auf dem Klavier immerhin einen Traum am Kamin :sleeping: ) und für die Orgelmusik (über bis zu 45 Jahren hinweg wenige Werke gelegentlich und eher zufällig im Radio gehört oder auf Band bzw. CD vorhanden). Auch ein wenig Vokalmusik ist mir bekannt; leider wie so oft liegt hier der quantitative Schlusspunkt meiner Hörgewohnheiten ... Bei Capriccio gibt es einen Faden zu den Liedern ... 8o

      Opern muss ich immerhin keine anhören.

      Daher habe ich mir vor gar nicht langer Zeit die folgenden CD-Boxen und dann noch die folgende Einzel-CD zugelegt. Markus Becker ist bereits ein konzentriertes Mal durch (meist mit Blick auf die Noten) durch. Die Orgel-Box war zuerst da -- aber Ich habe - Information für Freund Gurnemanz :) - nach dem Hören einer Orgel-CD beschlossen, mir erst das Klavierwerk stärker zu verinnerlichen :versteck1: :) .




      Von der Orchestermusik, vom Klavierkonzert vor allem war in diesem Thread schon viel die Rede und es gibt ja auch noch speziellere zu drei großen Einzelwerken neben einem Thread zur Orgelmusik und dem zum Lied.

      Mal schauen!

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:

      Max Reger - sicher schwere Kost - aber genau das muss den vielseitigen Musikfreund doch auch reizen .

      Unverstanden - ach, so weit würde ich für mich nicht gehen wollen. Sagen wir, zunächst, also vor vierzig Jahren nur Weniges verstanden, jetzt deutlich mehr. Sagen wir: immer besser verstanden, vor allem im Sinne von: immer mehr besser verstanden. Sagen wir: weitaus mehr zu kauen als bei vielen, vielen anderen in der Musikgeschichte.
      Hier liegen bei mir Max Reger und Franz Schreker nahezu gleichauf. Beide sind recht "sperrig", nicht mehr "reine Spätromantiker", sondern auf ihre Art "modern und zeitgemäß", nicht mehr nach Hinten schauend, sondern mehr in der zeitgenössischen Musik stehend als andere Kollegen, wie z.B. Alexander vonZemlinsky, der mir da einen Ticken "traditioneller" erscheint noch.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)