Wagner: "Parsifal" - Theater Basel, 03.04.2011

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Wagner: "Parsifal" - Theater Basel, 03.04.2011

      Der „Parsifal“ von Richard Wagner stellt immer eine Herausforderung für ein Theater dar, zum einen sind die Dimensionen des Werkes gewaltig, lange Erzählstrecken wollen inszenatorisch bewältigt werden und der inhaltliche Gehalt zwischen Schuld und Erlösung, Religion und Philosophie oder auch verlangender Sexualität und deren Abwehr erfordern eine intensive Auseinandersetzung mit dem Stoff, um auf der Szene überzeugen zu können.

      Dazu kommt auch heute noch die Klippe, den „Parsifal“ nicht als „Karfreitagsoper“ misszuverstehen, was zwar bequem, aber letztendlich falsch ist.

      Einen ersten und nachhaltigen Versuch, sich dem „Parsifal“ neu zu nähern, wagte die einstmals experimentierfreudige Frankfurter Oper in einer kongenialen Produktion, für die Ruth Berghaus (Regie) und Michael Gielen (Dirigat) verantwortlich zeichneten. Seitdem ist einige Zeit vergangen und mittlerweile haben Regisseure wie Christoph Schlingensief, Stefan Herheim und nicht zuletzt Calixto Bieito gezeigt, wie unterschiedlich auch der „Parsifal“ inszeniert werden kann.

      Nun wagte das Theater Basel einen neuen Versuch mit Wagners letztem Werk, es inszenierte Benedikt von Peter, die musikalische Leitung lag am Premierenabend in den Händen von Axel Kober.

      Um es vorweg zu nehmen: Benedikt von Peter neigt im Moment dazu, sich unter Beteiligung des Dramaturgen Werner Hintze (hier beim „Parsifal“ beratend tätig) zu den Stücken die er inszeniert, kluge Gedanken zu machen, die dann auf der Bühne mal mit mehr, mal mit weniger Fortune längst nicht so gut daherkommen, wie es das Konzept versprochen haben mag.

      Für den „Parsifal“ hat sich von Peter eine Rahmenhandlung ausgedacht. Ein Autor, der den ganzen Abend über präsent sein wird, entwirft den „Parsifal“, der so etwas wie seine eigene Lebensgeschichte zum Thema hat. Er selbst identifiziert sich am stärksten mit Amfortas, seine Ehefrau findet ihre Verkörperung in der Kundry, Parsifal wird so zu einem Beinahe-Nebenbuhler. Diese Grundkonstellation ist nicht nur eine Verkleinerung des Stückes, sie wirft auch mehr Probleme auf, als dass sie dem „Parsifal“ wirklich neue Aspekte abgewinnen könnte. Manches, was man da zu sehen bekommt, bleibt unaufgelöst und rätselhaft, anderes bietet kaum mehr als ein rein konventionelles Operntheater ohne, dass der Regisseur eine szenisch befriedigende Umsetzung anbieten könnte. Auch die Idee, den Parsifal mit Zwillingspaaren anzureichern, eine Person also in einer anderen zu spiegeln oder eine Person in zwei Hälften zu zeigen, die nur zusammen ein Ganzes bilden können (Kundry stört dabei – im konkreten Fall – das Zueinanderfinden des Autors mit Amfortas), ist zwar optisch eine Bereicherung – und belebt die Inszenierung nicht unwesentlich, bleibt aber in vielen Bildern des Abends nur Zitat. Hat man das einmal gesehen, gibt es keine Weiterentwicklung. Das trifft leider auch auf die Personenführung zu. Amfortas leidet und quält sich die ganze Vorstellungsdauer über, bleibt dabei aber immer einem einzigen Ausdruck verhaftet.

      Die eigentliche Opernhandlung wird schon vor dem Stück im Foyer vorbereitet: dort steht ein veritables Haus mit mehreren Zimmern (Bühne: Natascha von Steiger, Kostüme: Kartrin Wittig), in dem sich der Autor und seine Ehefrau auseinandergelebt haben. In beiden Pausen kann man hier Doubles vom Autor und von Kundry beobachten und sich so seine eigene Gedanken über diese „Szenen einer Ehe“ machen. Die leeren Flaschen mit den harten Getränken, die Tabletten, die herumliegen, die Noten zu „Tristan und Isolde“, die Bücher von Philosophen und über Religion. Geschickt baut von Peter Elemente dieser häuslichen Nichtidylle in die eigentliche Inszenierung ein – Blumen, die aufgestellt werden, ein Mops der draussen im Foyer brav im Haus sitzt und wenig später dann über die Hauptbühne jagt, Videozuspielungen – da funktioniert die Verklammerung recht gut, eine Idee, die durchaus für sich einnimmt.

      Die eigentliche Bühne ist bis auf vier Scheinwerfertürme leer, die Hintergrundwand (auf der ein Wagner-Zitat zu lesen ist: „Nur im Kunstwerk werden wir eins sein“) lässt sich öffnen und gibt einmal kurz einen Blick auf ein (Basler?) Strassenpanorama frei, einmal regnet es. Vorne, im Zuschauerraum steht ein Arbeitstisch für den Autor. Von hier wird der Autor die Handlung kommentieren oder auch in sie eingreifen (Allen Evans singt selbst einige Takte, so den Text des Titurel oder jenen des Alt-Solos) und möglicherweise befinden wir uns sowieso in seinem Kopf. Zwei ältere Frauen, Zwillinge, stellen Requisiten bereit, Speer und Gral werden platziert, Stimmen dringen aus dem Zuschauerraum herein.

      Sieht man von der Umgebung und der Kostümierung ab, verläuft die Inszenierung bis auf die Dreingabe des Autors recht konventionell. Die Idee, dass der Autor sich stark mit Amfortas identifiziert, gewinnt breiten Raum, bis hin zu einer Art Rückblende, wo Jungs beim Fussballspiel zu sehen sind, eine Kindheitserinnerung des Autors.

      Parsifal wird als Bilderbuchtor eingeführt, er hat einen riesigen, toten Schwan dabei, sowie Pfeil und Bogen und ist bis auf eine Unterhose unbekleidet. Im 2. und 3. Akt wird Parsifal dann neben einer Ritterrüstung in langer Unterwäsche agieren. Er unterscheidet sich so natürlich optisch deutlich von den anderen Figuren der Handlung, bleibt ein Fremder in dieser Umgebung.

      Das Abendmahlsritual am Ende des ersten Aktes wird geradezu beiläufig vollzogen – erwartungsgemäss bringt der Ritus keine Erleichterung oder gar Erlösung.

      Im zweiten Akt scheint Klingsor gerade vom Frühsport zu kommen, Handtuch um die Hüften, Adiletten an den Füssen, weisses T-Shirt . Unter die Blumenmädchen haben sich auch einige ältere Herren als Blumenjungs gemischt, nunja. Spannend das Ende des zweiten Aktes, wenn Amfortas den Speer nimmt, um Parsifal zu ermorden und der Autor das verhindert.

      Der dritte Akt bietet wenig erwähnenswertes. Der Karfreitagszauber wird szenisch mit den Blüten des zweiten Aktes verknüpft, am Ende des dritten Aktes kommen dann Speer und Kelch wieder zueinander, männliches und weibliches formen sich zu einer Einheit und Kundry schreit „Nein“ in den Raum. Was bleibt am Ende? Der Fussball der ballspielenden Jungs aus dem ersten Akt.

      Benedikt von Peter gelingt es nicht, einen stringenten, spannenden Opernabend zu gestalten. Die Geschichte, die er erzählt, ist für einen langen Abend nicht tragfähig, die szenischen Zugaben Beiwerk, die Personenführung schwach. Das wird bei der Auseinandersetzung Parsifal – Kundry im zweiten Akt oder gegen Ende des dritten Aktes besonders deutlich.

      Dennoch bleibt einzuräumen, dass es da eine gewisse Sympathie dafür gibt, mit welcher Dreistigkeit von Peter den „Parsifal“ eben nicht inszeniert. Der vielbeschäftigte Regisseur hat in dieser Spielzeit nur mit „Intolleranza“ von Nono in Hannover als Mitmachtheater eine wirklich überzeugende Produktion vorgelegt, der „Idomeneo“ in Berlin war ähnlich schwach, wie dieser „Parsifal“.

      Musikalisch zeigte sich die Produktion durchwachsen. Das Orchester war bemüht, den Klangvorstellungen von Dirigent Axel Kober zu folgen, spieltechnisch gelang nicht alles zufriedenstellend und die unentschiedenen Tempi von Axel Kober, vor allem die enorme Verlangsamung gegen Ende der Oper, machten nicht durchweg Freude.

      Auch der Chor ereichte nicht die Qualität, die hier nötig gewesen wäre. Vor allem einige erste Sopran- und Tenorstimmen taten sich im ersten Akt solistisch hervor, um dann die entsprechenden Zielnoten komplett zu verfehlen.

      Beeindrucken Rolf Romei in der Titelrolle. Der Sänger hält durch und auch wenn die Stimme manchmal arg dünn wird, ist bemerkenswert, wie geschickt Romei mit seinen Ressourcen umgeht, wie er die Stimme grösser wirken lässt, als sie ist und wie sicher er Höhepunkte zu setzen vermag.

      Mit viel dramatischer Kraft, wenn auch nicht ungefährdet und mit nicht immer sicherer Intonation, stattet Ursula Füri-Bernhard die Kundry aus, Alfred Walker ist ein beeindruckender Amfortas mit deutlichem Durchhaltevermögen seines interessant timbrierten Baritons und Liang Li ist ein zuverlässiger Gurnemanz trotz einiger Eintrübungen. Stefan Stoll als Klingsor bietet eine stimmlich solide Leistung, neigt aber zu einer Gesichtsakrobatik, die das Lächerliche streift.

      Viel zustimmender Beifall für alle Mitwirkenden, einige deutliche Buhs für das Regieteam.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alvianos Schilderung der Inszenierung bleibt nichts hinzu zu fügen. Ich habe diesen 'Parsifal' am 30. April gesehen und war doch enttäuscht von der - etwas zugespitzt - Nicht-Inszenierung, deren Idee ohne Lektüre des Programmheftes schwerlich zu entschlüsseln war. Gerade im Vergleich zur letzten Inszenierung Peters am Theater Basel, 'Les Dialogues des Carmelites,' bei der ihm eine eindrückliche, innovative Interpretation gelang, ist dieser 'Parsifal' ohne grosse Aussagekraft...
    • Alviano schrieb:

      Um es vorweg zu nehmen: Benedikt von Peter neigt im Moment dazu, sich unter Beteiligung des Dramaturgen Werner Hintze (hier beim „Parsifal“ beratend tätig) zu den Stücken die er inszeniert, kluge Gedanken zu machen, die dann auf der Bühne mal mit mehr, mal mit weniger Fortune längst nicht so gut daherkommen, wie es das Konzept versprochen haben mag.


      Alviano schrieb:

      Der vielbeschäftigte Regisseur hat in dieser Spielzeit nur mit „Intolleranza“ von Nono in Hannover als Mitmachtheater eine wirklich überzeugende Produktion vorgelegt, der „Idomeneo“ in Berlin war ähnlich schwach, wie dieser „Parsifal“.


      Genau! Ein echter "Kopfarbeiter" - vielleicht hätte Benedikt von Peter doch lieber Dramaturg werden sollen. "Parsifal" habe ich nicht gesehen, aber der neue Berliner "Idomeneo" krankt genau an diesem Mangel an szenischer Phantasie - auch wenn starke Darsteller in Berlin die Aufführung vor dem Desaster retten.
    • Benedikt von Peter

      Die Prodktionen von von Peter fallen ganz unterschiedlich aus. Neben wirklich gelungenen Inszenierungen wie dem "Onegin" in Heidelberg, dem "Teseo" in Berlin oder den "Karmeliterinnen" in Basel stehen absolut blasse Arbeiten - die "Masnadieri" in Frankfurt waren völlig belanglos, der "Fidelio" in Berlin bot wenigstens einige interessante Ansätze, konnte aber die Wahl der Fassung nicht hinreichend begründen, der Abend geriet allein dadurch schon lang und etwas zäh. "Parsifal" in Basel und "Idomeneo" in Berlin können nicht überdecken, dass der Regisseur seine Überlegungen zu den Stücken in keine überzeugenden Bilder zu packen vermag. "Intolleranza" in Hannover gehört dann schon wieder mehr in die Kategorie der geglückten Inszenierungen, auch wenn hier nur verhältnismässig wenige Zuschauer/innen pro Abend die Aufführung mitgestalten und miterleben konnten. Von Peter ist das Kunststück gelungen, ein Werk wie "intolleranza", dem man eher eine gewisse Zeitgebundenheit bescheinigen könnte, völlig neu zu Befragen und für uns heutige Menschen erfahrbar zu machen, in durchaus starken Bildern - ich denke da z. B. an die Schlusssequenz mit dem Wasser (es wird eine Art Sintflut visualisiert). Warten wir ab, wie die nächsten Regiearbeiten des noch jungen Regisseurs ausfallen. In Hannover stehen eine neue "Traviata" an (dabei ist die letzte Inszenierung des Verdi-Klassikers in der Stadt am Maschsee noch nicht allzu lange her - Calixto Bieito näherte sich der "Traviata" in gewohnt radikaler Weise), in Karlsruhe (da war ich noch nie) folgt Wagners "Lohengrin" - hier könnte die unmittelbare Nähe (räumlich, wie zeitlich) zu Mannheim und Tilman Knabes spannender Inszenierung des gleichen Stückes interessant werden.
      Der Kunst ihre Freiheit