Musikalisch Außermusikalisches

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    • Musikalisch Außermusikalisches

      Auf welche Weise auch immer, hier soll Platz geschaffen sein für Beispiele von bedenklichem Gebrauch oder ärgerlichem Missbrauch der Musik in Sekundärsektoren. Oder andere musikalisch außermusikalische Kuriositäten.
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • Luxus en détail

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      Ist es nicht wunderbar, mit wie viel Kreativität und Phantasie, aber auch Detailverliebtheit wie Recherchieremsigkeit Hersteller edler Luxusgegenstände zu Werke gehen, wenn es daran kommt, ihre Produkte mit hoher Kunst in Verbindung zu bringen zum Preise prominenter Persönlichkeiten und zur Freude passionierter Sammler?

      Zwei Beispiele sollen die vom Niederen „Wer gibt so viel Moos für so’n Krempel aus“ Volk scheinheilig schlimm geschmähten, denn jeder tät’s, hätte er’s, und jeder neidet’s dem, der’s hat, hochkarätigen Ergebnisse der vereinten Bemühungen von traditionellem Kunsthandwerk, innovativem Designertum, präziser Wissenschaftlichkeit und wirtschaftsseitiger Kulturpolitik illustrieren.



      Eine, nein, DIE Marke für standessymbolträchtige Feuerzeuge, kurioser Weise kürzlich mit Feuer in den französischen Produktionsräumen konfrontiert, gibt jedes Jahr streng limitierte Auflagen ihrer Nobelgüter mit besonderer Motivik heraus.

      1991 wurde, wie könnte es anders sein, eine Hommage an den rechtzeitig verstorbenen Mozart unter der Bezeichnung „MOZART 1991 – LIGNE 2 REQUIEM LIGHTER“ produziert.
      Lediglich 1000 Zünder wurden in die sammelwütige Welt entlassen, in den USA handelt man, so es überhaupt noch zu haben ist, solch ein seltenes Stück derzeit mit 6500 Dollar.

      Die gut beratene Designerriege verzichtete auf die Verwendung der trivialen Allerweltsfassung der Totenmesse und ließ von einer apokryphen Version in a-moll eine modulierte e-moll-Passage mit bislang ungekanntem musikalischen Material in den versilberten Corpus gravieren, wobei darauf geachtet wurde, dem non finito des Werkes genügend Raum zu lassen.



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      Eine bekannte italienische Luxusschmiede für hochwertige Schreibgeräte legte da etwas mehr Lokalpatriotismus an den Tag und brachte einen sehr schmucken Füllfederhalter zu Ehren des großen Landsmannes und größten - oder zumindest berühmtesten - Tenors aller Zeiten auf den Markt.
      Die Auflage von 1873 bzw. 873 Stück kommemoriert das Geburtjahr Enrico Carusos.

      Doch bescheiden, wie die Italiener sind, musste ein kleines „Gedenke, dass du ein Mensch bist und das Hohe C auch mal tiefer ausfallen kann“ in das gute Stück eingearbeitet werden, und so ziert die in hunderten Arbeitsschritten handgearbeitete Achtzehnkaratfeder neben zwei undeutbaren Noten ein wunderbar ziselierter Baßschlüssel.



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      Wir stehen in Demut und wispern: Hier wird keine Allerweltsware angeboten.


      audiamus
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • Klingeltonalität

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      Richard Strauss war es, der die größte Wirkung eines Komponisten in etwa darin sah, dass der gemeine Mann oder die gemeinsame Frau der Straße eine Melodie von den Dächern pfiffe bzw. aus dem Wald herausschalle und sich kein Mensch mehr daran erinnern könne, wer sie einst erdacht.
      Der Terzen-und Sextenselige hatte damit in erster Linie natürlich die Entwicklung vom Kunstobjekt zum Volksgut à la Humperdinck im Sinn, weniger den Begriff „Hörmarke“ als durch moderne Medien verbreiteten Ausdruck eines konsumbedingten Musikäquivalents, das man vielleicht auch als Marginalmusik bezeichnen könnte. (Zur Frage, was Musik sei, bitte die entsprechenden Threads einrichten...)
      So hätte er es sich wohl auch nicht träumen lassen, dass eine durch Quinte/Quarte geteilte Oktave mit anschließender Dur-moll-Alteration aus seiner Feder einmal Millionen zum Assoziationsobjekt für fliegende Kisten unter fremden Sternen oder flüchtige Kästen befremdlichen Bieres werden sollte.

      Francesc d’Assís Tàrrega i Eixea (1852-1909), fast ebenso unbekannt unter dem Namen Francisco Tárrega, dürfte noch viel erstaunter gewesen sein, hätte man ihm schonend beigebracht, dass eine kleine Passage - noch nicht einmal von themenspendender Qualität - aus einem seiner Gitarrenwerke einst Menschen in aller Welt miteinander verbinden würde, wenngleich auf weitaus technischere Weise als die ebenfalls zum populärakustischen Ereignis avancierte Freudenode.

      Der aus dem Valenzianischen stammende, später in Barcelona wirkende Gitarrenvirtuose, Instrumentalpädagoge und Gelegenheitskomponist war befreundet mit Granados und Albéniz, für den er auch transkribierte, schrieb didaktische Leitfäden und entwickelte Gitarrenbau wie –technik entschieden weiter. So hätte ohne ihn und seine größeren Instrumente bis heute noch kein Gitarrist entdeckt, dass man einen Oberschenkel zum Auflegen des Corpus besitzt.

      Folkloristisch anmutend, vielleicht sogar Volksliedern entlehnt, ist sein kleiner Walzer in A-Dur für Gitarre solo, nunmehr Kunstmusik, mit der beinahe hypertroph erscheinenden Bezeichnung „Gran Vals“, vielleicht, weil er innerhalb von guten drei Minuten immerhin vier Themen vorstellt.
      Eine niedliche, den A-Teil des ersten Themas abschließende Sequenz, bestehend aus vier Takten, wurde denn durch das Eingreifen der Massenkommunikationsindustrie zu einem der bekanntesten Audiologos unserer Zeit: Dem Nokia-Klingelton.
      Jeder kennt und identifiziert ihn, natürlich nicht mehr mit seinem Komponisten, jeder versucht’s, aber trotzdem ist er schwer zu pfeifen, gell?

      Mittlerweile dreht sich der Mechanismus wieder um, und der Klingelton, von dem kaum einer mehr weiß, wo er herkam (nun gut, bei Wikipedia steht es unter „Trivia“ geschrieben), wird zum thematischen Material für sekundäre (oder besser tertiäre, vielleicht gar quartäre) Kunstobjekte, wie etwa Marc André Hamelins „Valse Irritation d'après Nokia“ oder der „Nokia Fugue“ Op.31 von Vincent Lo.


      Wer gerne einmal das Original zum cellphonischen Phänomen hören möchte: "http://de.youtube.com/watch?v=Znac-wTQTRc"

      Wer hat’s erfunden? Die Finnen nicht. Und die Schweizer auch nicht.



      audiamus
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • Dazu fällt mir ein Ausspruch von Federico Fellini ein:

      "Unerwünschte Musik greift wie die Umweltverschmutzung immer mehr um sich."

      Gruß,

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Ein wirklich extrem lustiges Erlebnis hatte ich vor Jahren bei einem Komponistenworkshop in Rom. Eines Abends waren wir (damals) jungen Komponisten gemeinsam aus und saßen in einer lauen Sommernacht in einem Straßencafé direkt auf dem Bürgersteig. Vorbei kam ein Krimskrams-Straßenhändler, der uns einen Brummkreisel vorführte und verkaufen wollte. Der Brummkreisel, genügend Umdrehungen pro Minute vorausgesetzt, brachte an unterschiedlichen Stellen diverse Glühbirnen zum Blinken und produzierte eine wirklich kaum erträgliche Version von "Freude schöner Götterfunken" im absoluten Plastiksound. Ein Kollege bedankte sich beim Straßenhändler mit den artigen Worten: "Tut mir leid, aber wir mögen keine Klassik!"

      Tharon.