Sallinen: "Kullervo" - Oper Frankfurt - 18.06.2011 (Premiere war: 05.06.2011) (Nel)

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    • Sallinen: "Kullervo" - Oper Frankfurt - 18.06.2011 (Premiere war: 05.06.2011) (Nel)

      Am 18. Juni diesen Jahres waren einige Capriccii in der Oper in Frankfurt, einige, weil sie ein Abo haben, andere, weil sie das unbekannte Stück interessierte, und nochmals andere, weil sie an der inszenatorischen Leistung Interesse bekundeten...

      Es handelte sich um das Stück "Kullervo" des "zeitgenössischen" finnischen Komponisten Aulis Sallinen. Wie der Presse zu entnehmen ist, war Sallinen zur Premiere in Frankfurt, das Stück selbst erlebte seine Uraufführung 1992 in Los Angeles als Gastspiel der Finnischen Nationaloper, die das Stück auch in Auftrag gegeben hatte. Hans Drewanz, der die musikalische Leitung hatte, hat das Stück auch schon in Basel aufgeführt, was sicherlich ein Vorteil ist. Aufgeführt wird das Stück in deutscher Übersetzung.

      Doch zunächst, wie immer, die Mitwirkenden:

      Musikalische Leitung: Hans Drewenz
      Regie: Christof Nel
      Szenische Analyse: Martina Jochem
      Bühnenbild: Jens Kilian
      Kostüme: Ilse Welter
      Dramaturgie: Malte Krasting
      Licht: Olaf Winter
      Chor: Matthias Köhler

      Kullervo: Ashley Holland
      Mutter: Heidi Brunner
      Kalervo: Alfred Reiter
      Kimmo: Peter Marsh
      Schwester: Barbara Zechmeister
      Des Schmieds junge Frau: Jenny Carlstedt
      Jäger: Frank van Aken
      Unto: Franz Mayer
      Untos Frau: Katharina Magiera
      Tiera: Lukas Schmid
      1. Mann: Sebastian Haake
      2. Mann: Toby Girling
      Blinder Sänger: Christoph Pütthoff
      Tote Frau: Barbara von Münchhausen

      Chor der Oper Frankfurt, Frankfurter Opern- und Museumsorchester, Statisterie der Oper Frankfurt

      Das Stück selbst basiert auf einem finnischen Nationalepos, Kalevala, und erweckt für Nicht-Finnen sicherlich einen etwas chaotischen Eindruck. Kalervo und Unto, zwei Brüder, haben Zwist, der zur Brandstiftung an Kalervos Haus und damit zum Tod des Großteils von Kalervos Familie führt. Der Gedanke an diesen Mord durch Brandstiftung verfolgt Unto, und seine Frau wirft ihm sogar vor, daß er Kullervo nicht mitgetötet hat. Kullervo will also Rache an Unto verüben. Untos Frau fürchtet, daß Kullervo vom Brandmord weiß, und daher Rache üben will, und möchte, daß Unto nun auch Kullervo tötet. Da Kullervo derzeit als Sklave bei Unto aufwächst, beschliesst Unto Kullervo als Sklave an den Schmied als Hirt zu verkaufen. Dort beim Schmied erfährt eines Tages die Frau des Schmieds, daß Kullervo die Herde des Schmieds vernichtet habe, woraufhin ein Streit zwischen Kullervo und der Frau des Schmieds entbrennt. Kullervo tötet die Frau im Streit mit dem Messer seines Vaters, daß zuvor jedoch an einem Stein, den die Frau des Schmieds in ein Brot gebacken hatte, zerbrochen war. Kimmo, ein Jugendfreund Kullervos, der ebenfalls bei Unto als Sklave aufgewachsen war, erfährt durch Zufall, daß Kullervos Vater Kalervo sowie Kullervos Mutter den Brandmord überlebt haben, und will Kullervo zu seinen Eltern bringen. Kalervo berichtet Kimmo von seinem Schicksal, während die Mutter um die verschwundene Tocher Ainikki trauert. Kullervo kommt auf seiner Flucht zufällig in das Haus der Eltern, erkennt sie nicht, aber als Kimmo eintritt, werden die Beziehungen allen klar. Als Kullervo klar macht, daß er der Brandstifter war, will sein Vater ihn verstossen, seine Mutter möchte ihren Sohn aber nicht ein zweites Mal verlieren. Kimmo, als Bote der Nachricht, gibt sich die Schuld am Verlauf der Dinge.

      Pause

      Im Traum erscheint Kullervo der "blinde Sänger", der die Geschichte der "Schändung der Schwester" besingt, und in dem sich dann auch die Wut auf die Frau des Schmieds, die Enttäuschung über das Mißlingen seiner Beziehungen und die Trauer über die verlorene Schwester entlädt. Kalervo will Kullervo nicht mehr als seinen Sohn anerkennen, und Kullervo rächt sich, indem er erzählt, seine Schwester Ainikki geschändet zu haben, ohne zu wissen, daß sie seine Schwester war. Daraufhin muß er gehen, und will sich durch Brandstiftung an Untos Haus rächen. Auf dem Weg dorthin trifft er einige Leute, u.A. auch Kimmo, der ihm erzählt, daß seine Eltern sowie seine Schwester gestorben seien, woraufhin Kullervo beschliesst, sie alle durch Vernichtung von Untos Sippe zu rächen, was er auch durchführt. Danach begibt er sich auf die Suche nach Kimmo, weil er dort noch einen Schimmer von Hoffnung zu sehen glaubt. Er findet Kimmo allein zu Haus, der seinen Verstand verloren hat und vorgibt, auf der Reise in das Land der Glücklichen zu sein, um den Glücklichen eine wichtige Botschaft zu übermitteln. Er erkennt Kullervo nicht, sondern sieht in ihm den Christus, woraufhin sich Kullervo verabschiedet und sich selbst umbringt.

      Soweit die Nacherzählung des Inhalts nach der Inhaltsangabe im Programmheft, ich wünschte, ich könnte das so gut wie unser Streifenpeter!

      War mir nach dem ersten Teil nicht ganz klar, wohin es gehen soll (ich war auch ein wenig müde, habe evtl. deswegen nicht alles ganz mitbekommen), so war der zweite Teil für mich ein Highlight. Angefangen mit dem Lied des blinden Sängers, der in weißer Michael Jackson Art ein Lied in der Art der Knef vortrug, bis hin zum Schlußschrei "Kullervo" hatte das Drive und Spannung. Ob das Ganze nun ein "Meisterwerk" ist, oder nicht, mag ich nicht zu beurteilen. Ich fand es stimmig inszeniert, und ich kann die Kritik, daß hier "statische Personenführungen stattfänden" nicht nachvollziehen. Mir hat insbesondere der zweite Teil extrem gut gefallen, und ich kann daher den Besuch sehr empfehlen.

      Evtl. mögen nun die anderen Capriccii, die ebenfalls diese Inszenierung gesehen haben, hier noch "ihren Senf" dazugeben.

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Danke, lieber Matthias, für Deinen informativen Bericht! Ich hatte mir bereits überlegt, ob ich eine Aufführung der mir noch unbekannten Oper besuchen sollte (ich nehme an, in der nächsten Saison gibt es auch noch die Möglichkeit), bin aber noch unschlüssig. Hans Drewanz und Christoph Nel sind ja gute Leute: Das spräche wohl eher für eine gelegentliche Reise nach Frankfurt...?!

      Eine Frage an Dich bzw. andere Capricciosi, die mit dabei waren: Wie ist denn so die Musik? "Gemäßigt modern" habe ich gehört. Vielleicht läßt sich das noch etwas genauer beschreiben?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Die Antwort überlasse ich lieber Johannes (guercoeur) oder auch Jörg (roi_des_etoiles)... ;) Ja, "gemäßigt modern" trifft es wohl...

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Ich werde mir diese Jahrtausendoper heute zum dritten und letzten Mal ansehen- und hören.
      Daß die Auslastung letzten Freitag bei nur ca. 50% lag, hielt alle Mitwirkenden nicht davon ab, eine atemberaubend grandiose und an Intensität kaum noch steigerbare Vorstellung abzuliefern. Denn die Leute, die da waren, wollten wirklich das Werk sehen und hören und waren nicht an billiger Selbstdarstellerei interessiert.
      Aufgrund des schönen Wetters wird die Auslastung heute (19.30 Uhr) sicher nicht höher sein. Es ist aber nicht klar, ob und wann die Oper wiederaufgenommen wird. Jetzt hat man noch die einmalige Gelegenheit, die Originaleinstudierung mit den Originalsängern zu hören. Jeder, der das heute verpasst, wird das ein Leben lang bereuen.
      Also: hingehen!