Muhly: "Two Boys" - English National Opera, London, 24.06.2011 (UA)

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    • Muhly: "Two Boys" - English National Opera, London, 24.06.2011 (UA)

      Internetchats und Cybersex in der Oper.

      Mit der Uraufführung der ersten Oper Two Boys des amerikanischen Komponisten Nico Muhly und Librettisten Craig Lucas hat diese (vermutlich) neuste Spielart der Sexualität Eingang in das Libretto und die Musik einer Oper gefunden. Two Boys handelt von der Welt des Internets und der nicht-virtuellen Welt -- insofern eine Oper, die auch zu diesem Forum passt.

      Plot
      Ein 16 jähriger Junge, Brian, ist des versuchten Mordes am jüngeren Jake angeklagt, den er in einem Einkaufszentrum niedergestochen hat. Die Kommissarin Anne Strawson ermittelt. Sie liest die Protokolle der Internetchats von Brians Computer, befragt Brian, seine Eltern und die Mutter des im Koma liegenden Jake. In Rückblenden erfahren wir nun wie es zu dieser Messerstecherei gekommen ist. Strawson dringt langsam in die Welt des Brian vor, der im Internet Rebecca kennenlernt und mit ihr Cybersex hat. Kurz darauf berichtet Rebecca ihm im Chat, dass ihr Bruder, Jake, sich in den Computer einer Regierungsorganisation eingehackt und geheime Dateien gesehen habe. Die Regierung hätte dies bemerkt und sei ihnen jetzt auf dem Fersen. Ausserdem gäbe es noch einen merkwürdigen Gärtner, Peter, der auch involviert sei. Der Chat bricht plötzlich ab.

      Später, in weitern Befragungen der Kommissarin und Rückblenden, beginnt Brian mit Jake zu chatten, der erzählt, dass Rebecca von Peter vergewaltigt und ermordet worden sei. Ausserdem schreibt eine mysteriöse Agentin Brian im Internet an, die absolutes Stillschweigen verlangt und ihn für einen Komplot anheuern will. Dann erhält Brian auch noch Nachrichten von Peter, der ihn mit Drohungen dazu bringt sich vor der Webcam auszuziehen und zu masturbieren. Jake gerät in immer grössere Bedrängnis und flieht eines Abends zu Brian nach Hause, wo es auch zu Oralsex kommt.

      Schliesslich schreibt die Agentin Brian, dass er Jake umbringen soll, dafür eine neue Identität und £100'000 bekomme. Jake schreibt Brian dann, dass er ein terminalen Hirntumor habe und sterben werde -- sie sollten sich aber noch einmal treffen. Als die Agentin die nächste Nachricht schickt, stimmt Brian dem Plan zu und bekommt genaue Anweisungen wie der Mord zu begehen sei. Jake und Brian treffen sich im Hinterhof eines Supermarkts, wo Brian Jake ein Messer in die Brust stösst, den Anweisungen folgend, "I love you, Bro" sagt und dann auf die Strasse nach Hilfe rufend rennt.

      Eine weitere Ebene, neben den Rückblenden und Befragungen, sind Szenen, in denen sich die Komissarin mit ihrem Assistenten berät, und jene, in denen sie zu Hause bei ihrer alten Mutter klagt; es soll deutlich werden, dass sie alleinstehend, kinderlos und nicht sonderlich internetaffin ist. Schliesslich begreift die Komissarin, dass Jake hinter all jenen Charakteren (Jake, Rebecca, der Agentin und Peter) steckt und diesen Komplot an Brian ausgeheckt hat, weil er "allein" sei und "berühmt" werden wollte.

      Inszenierung
      Die Oper besteht zu weiten Teilen aus Chatgesprächen und Befragungen. Die Inszenierung löst diese ständig wechselnden Orte sehr dynamisch: Drei Schiebewände teilen den Bühnenraum und dienen als Projektionflächen für die Chatgespräche, während die Sänger_innen tippend am Schreibtisch sitzen oder stehen. Die Requisiten der Szenen der Befragung, im Haus der Kommissarin, in Brians Schlafzimmer oder im Spital, wo Jake im Koma liegt, werden von Bühnenarbeitern hereingetragen in die verschiedenen Arrangements der beweglichen Wände getragen und dann auch schon wieder abgebaut -- alles ist ununterbrochen in Bewegung. Realität und Virtualität verschwimmen. Die Chorstellen der Oper sind sehr eindrucksvoll inszeniert: Jede_r Sänger_in hat einen Laptop in der Hand, dessen Bildschirm das einzige Licht auf sie wirft, und in den Schiebewänden, die ein Stoff umhüllt, sitzen auf Treppen weitere Chatter.

      Musik
      Ich bin sicher kein Experte in Musiktheorie und kann nur meinen bescheidenen Laieneindruck hier wiedergeben:
      Die Musik Muhly scheitert in meinen Ohren daran, einen eigenen, individuellen Ausdruck zu finden. Die Oper erinnert an ein Konglomerat aus Kompositionen von Philip Glass/Steve Reich, Ligeti und Britten. Muhlys Komposition ist gefällig und nett anzuhören, aber es fehlen eben Kanten und Spannung, kurz Verstörung. Das Libretto wird als Übertitel projiziert, wobei dort die Chatabkürzungen verwendet werden (sie werden allerdings ausgesungen und zum Teil vom Chor aufgegriffen, so dass sich Chatwendungen wie 'are u there?' im Meer der Stimmen des Internets verlieren...)

      Die Leistung der Sänger war im grossen und ganzen tadellos. Insbesondere die Besetzung des realen Jake mit einem Knabensopran Joseph Beesley war sehr überzeugend.


      Two Boys ist ohne Frage ein bemerkenswerter Versuch die Spannung zwischen virtueller und realer Welt und Identität auf die Opernbühne zu bringen. Allerdings verliert sich die Oper streckenweise in Nebensträngen (bspw. die Kommissarin zu Hause, i.e., die Schwierigkeiten der "alten" Generation mit dem Internet) oder den langen Chatkonversationen, die doch statisch in Inszenierung und Musik sind. Die Auflösung hinterlässt den Zuhörerer mit der Frage des Motivs für diesen in Auftrag gegeben Suizid zurück, was auch an der schwachen Charakterzeichung liegen mag. Der Trick mit Rückblenden zu arbeiten und eine Klischee-Bilderbuch Kommissarin einzusetzen, überzeugt auch nicht.

      Bis 8. Juli an der ENO (London), irgendwann an der Met in New York (Auftragsarbeit beider Opernhäuser).
    • Schön: Als Du irgendwann Deinen Umzug nach London erwähnt hast, hatte ich gehofft, dass wir gelegentlich Berichte von dortigen Opernaufführungen bekommen :thumbup:

      Ich muss gestehen, dass ich den Namen des Komponisten Nico Muhly noch nie gehört habe. Das hier

      Nordwind schrieb:

      Muhlys Komposition ist gefällig und nett anzuhören
      könnte ein Grund dafür sein :pfeif:

      Wenn ich lese, dass die Met in New York bei der Auftragsvergabe mitgemischt hat, wundert mich dieses doch irgendwo vernichtende Urteil über die Musik nicht wirklich. Die dort uraufgeführten Opern stammen in der Regel von Komponisten, mit deren Musik ich persönlich ziemlich wenig anfangen kann (Philip Glass, Tan Dun und so).
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)