Poulenc: "Gespräche der Karmeliterinnen" - Komische Oper Berlin, 26.06.2011

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    • Poulenc: "Gespräche der Karmeliterinnen" - Komische Oper Berlin, 26.06.2011

      Nachdem es längere Zeit etwas ruhig um die Oper „Dialogue des Carmélites“ von Francis Poulenc geworden war, erfreut sich dieses Stück in den letzten Jahren wieder einer grösseren Beliebtheit. Neben Neuproduktionen in Basel (Regie: Benedikt von Peter) und in München(Regie: Dmitri Tcherniakov), zeigen auch die Bühnen in Stuttgart oder Düsseldorf/Duisburg das Stück um die Nonnen in einem Kloster zur Zeit der französischen Revolution, die am Ende mit Ausnahme der Mére Marie allesamt auf dem Schafott sterben werden. Berlin ermöglicht hier einen reizvollen Vergleich zwischen einer älteren Produktion von Günter Krämer, die für einige Vorstellungen innerhalb der „Revolutionswochen“ im Frühjahr diesen Jahres noch einmal an der Bismarckstrassenoper zu sehen war und einer Neubefragung des Stückes durch den katalanischen Regisseur Calixto Bieito an der „Komischen Oper“.

      Die strengen Bilder in einem abstrakten Raum von Günter Krämer mögen zwischenzeitlich etwas angestaubt sein, einige szenische Details mögen nicht zuletzt wegen einer veränderten Sängerinnenbesetzung mehr routiniert, als packend daherkommen (so ist die Sterbeszene der alten Priorin vor allem wegen der sängerischen Ausdruckskraft der Mezzosopranistin Julia Juon gelungen, während die darstellerische Ausgestaltung konventionell ausfällt), aber die Anlage der Inszenierung, die, verhaltener, als es die Produktion von Benedikt von Peter später tun wird, die Geschichte aus dem Blickwinkel der Mère Marie heraus erzählt (in Basel ganz stark: Hanna Schwarz, an der Deutschen Oper ebenfalls herausragend: Ute Walther), macht immer noch einigen Eindruck mit ihren düsteren Bildern und ihrer geschlossenen Anlage.

      Calixto Bieito glaubt, so führt er es im Programmheft aus, dass sich die „Gespräche der Karmeliterinnen“ heute deshalb wieder eines gewissen Zuspruches erfreuen, weil unser aller Ängste zugenommen hätten und sich das Publikum mit der Angst, die Blanche de la Force empfindet, gut identifizieren könne. Er selbst schätzt den Stoff seit Kindertagen, als er Jeanne Moreau im Film „Opfergang einer Nonne“ gesehen hat, der – wie die Oper von Poulenc – auf der Erzählung „“Die letzte am Schafott“ von Getrud von le Fort basiert. Für Bieito ist das Kloster ein Sinnbild für uns selbst, für unseren Körper, das liest sich noch nicht mal im Programmheft richtig überzeugend und hat für die Inszenierung auch eine eher untergeordnete Bedeutung.

      Lässt man den Bühnenaufbau bei Seite (Ausstattung: Rebecca Ringst und Ingo Krügler) – es ist ein mehrteiliges Metallgerüst zu sehen, dessen verschiedene Stockwerke den Nonnen als Schlafstatt dienen, das auf einer Drehscheibe montiert ist und dessen einzelne Riegel sich verschieben lassen, das ganze wird am Proszenium von Monitoren eingerahmt, über die immer mal wieder Gesichtsausschnitte der Nonnen vergrössert gezeigt werden, bleibt Bieito dicht an der Vorlage und liefert eine für diesen Regisseur erstaunlich konventionelle Inszenierung ab, deren Stärke eher in einer oft gelungenen Personenführung liegt, als dass Bieito wirklich etwas zu den „Gesprächen der Karmeliterinnen“ eingefallen wäre.

      Durchgehend zwingend ist diese Personenführung nicht . So findet z. B. das erste Gespräch der alten Priorin mit Blanche in fast völliger Statik statt, die alte Frau sitzt, von Atemnot gequält, im Rollstuhl, Blanche steht meterweit von ihr entfernt, beide schauen ins Publikum, da könnte man fast etwas euphemistisch von „oratorischer Strenge“ sprechen, eine Begrifflichkeit, die auch den Beginn des Abends trefflich beschreibt.

      Da stehen nämlich die Nonnen des Karmel an der Bühnenrampe und singen a-capella und sehr stimmungsvoll mit den Noten in der Hand „Ave verum corpus“ von Francis Poulenc, bevor die Handlung einsetzt.

      Die Nonnen gehen nach hinten auf ihre Plätze in dem Metallgestänge und beten, im Vordergrund wird der Marquis de la Force sichtbar. Schon in dieser Szene vermag Bieito nicht, den Figuren hinreichend Kontur zu verleihen. Die Gewalttätigkeit des Vaters wird noch gut, wenn auch oberflächlich, thematisiert, aber die komplizierten Beziehungen zwischen Blanche und ihrem Vater, mehr noch zwischen ihr und ihrem Bruder, bleiben nur als Andeutung erkennbar.

      Am Schicksal des Marquis lässt Bieito allerdings keinen Zweifel aufkommen: schon am Ende des ersten Bildes tauchen die Revolutionskommissare auf und schneiden dem Mann die Kehle durch.

      Dass die Frauen keine Nonnentracht , sondern eher moderne Kleidung unterschiedlicher Provenienz tragen, spielt keine wirklich grosse Rolle. Auch, dass die junge Nonne Constance schwanger ist, bleibt mehr ein dekoratives Element, als dass es sinnvoll die Handlung bereichern würde.

      Bei der Sterbeszene der alten Priorin verströmt sich die Nonne förmlich, sie läuft aus, beschmutzt Bettlacken um Bettlacken, verschmiert ihr Nachthemd, bäumt sich auf und wird von Mère Marie mehr professionell, als anteilnehmend umsorgt.

      Mit grosser Ruhe werden Constance und Blanche in der nachfolgenden Szene, von Musik unbegleitet, die alte Priorin ausziehen und eine Totenwaschung vornehmen.

      Verhältnismässig gut gelingt Bieito die Zeichnung der unterschiedlichen Charaktere der Nonnen Mère Marie, die sich erhofft, die neue Priorin zu werden, und Madame Lidoine, die dieses Amt bekommen wird. Warmherzig und beliebt die letztere, eifersüchtig und herrische die erste.

      Gegen Ende des Stückes wird der Beichtvater des Klosters von den Kommissaren der Revolution gedemütigt, die Abstimmung der Nonnen, ob sie gemeinsam in den Tod gehen wollen, gelingt nicht wirklich überzeugend und der Schluss schrammt haarscharf am Kitsch vorbei – es wird arg viel und sehr theatralisch geschluchzt und gejammert.

      Unter den Nonnen befindet sich eine stumme Mitschwester, die offensichtlich geistig verwirrt ist. Dieser Nonnen werden am Ende als einziger die Haare geschoren, alle bekommen ein Schild „Hure Gottes“ umgehängt und legen sich dann nacheinander auf das Metallgerüst, um beim Geräusch des Fallbeils zur Seite zu kippen. Blanche, die die ganze Zeit nicht sehr zwingend auf dem Gerüst herumklettern musste, tritt zu Constance, beide Nonnen werden exekutiert. Blackout.

      Diese Inszenierung wird niemanden wirklich aufregen, aber sie hinterlässt auch eine gewisse Ratlosigkeit. Da sind gute Einzelleistungen zu erleben, ein konzeptionell überzeugender Überbau fehlt. Gerade von Bieito hätte man doch etwas anderes erwartet, als eine Regiearbeit, die sich brav am Libretto entlang hangelt. Bedenkt man, wie gelungen Tcherniakov in München z. B. Bilder für ein Gefangensein findet, ohne konkret ein Gefängnis zu zeigen, bleibt Bieitos Ansatz halbherzig. Im direkten Vergleich zur Baseler Inszenierung von Benedikt von Peter wirkt diese sogar kühn.

      Ungewöhnlich knallig geht Dirigent Stefan Blunier zur Sache. Da wird die Emotion hochausgefahren, aber es werden auch mit Hingabe die lyrischen Stellen ausgeformt. Manches Detail bleibt haften – so bei den manchmal seidig-glänzenden hohen Streichern oder beim Violoncello. Leider gibt es auch nicht wenige Wackler, mancher Einsatz verrutscht. Sieht man aber, wie die Musikerinnen und Musiker geschlossen ihrem Dirigenten am Ende Applaus spenden scheint die Zusammenarbeit eine erfolgreiche gewesen zu sein, Am ersten Advent steht Blunier wieder am Pult in der Behrenstrasse, dann wird er die Premiere der Oper „Carmen“ leiten.

      Gesungen wird (natürlich) deutsch (Übersetzung: Peter Funk und Wolfgang Binal). Die Wortverständlichkeit ist recht gut, nicht immer eine Selbstverständlichkeit.

      In der tragenden Partie der Blanche de la Force wartet Maureen McKay mit einem präsenten, lyrischen Sopran auf, der sich auch in der Höhe gut entfaltet. Dazu kommt, dass die Sängerin sich darstellerisch engagiert und verausgabt, da gibt es keine Minute, wo es Maureen McKay an der gebotenen Intensität mangeln liesse.

      Mit grossem Stimmformat wartet sowohl Irmgard Vilsmaier als Mère Marie, sowie auch Erika Roos als Madame Lidoine auf. Während Vilsmaier eher scharfe Töne zu Gehör bringt, fallen die von Erika Roos merklich wärmer aus.

      Ein echtes Kabinettstück bietet Christiane Oertel als alte Priorin. Die Stimme spricht noch immer recht gut an und Oertel gelingt ein beeindruckendes Potrait der sterbenden Nonne.

      Erwähnung verdient die Sängerin Julia Giebel als Constance, ein frischer, jung klingender Sopran ist da zu hören, dem man gerne wieder begegnen möchte.

      Allein vom Umfang ihrer Rollen her, sind Männer in den „Karmeliterinnen“ unterrepräsentiert. Claudio Otelli gibt mit rauh und grob aufwartendem Bariton den Marquis de la Force, Dmitry Golovnin mit etwas unstetem Tenor seinen Sohn.

      Der Chor – es sind hier vor allem die Frauen – bemüht sich um einen homogenen Klang, bei aller Finesse der feinen Abstufungen bleiben da allerdings kleinere Wünsche offen (Chorleitung: André Kellinghaus).

      Die Solistinnen wurden mit viel Beifall, durchsetzt mit Ovationen, belohnt. Der Applaus für Stefan Blunier fiel verhaltener aus, auch beim Beifall für Bieito und seinem Team war eine gewisse Reserviertheit zu spüren, immerhin gab es keine Buhrufe (zumindest keine wirklich hörbaren), auch eher eine Seltenheit, wenn Bieito inszeniert.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Hallo,
      ich steuere mal sehr ähnliche Eindrücke von der Premiere bei und zitiere (wie gewünscht) hierzu aus dem Klassikforum, wo ich heut früh schon meinen Bericht geschrieben hatte:

      Ich fange mit der Inszenierung an. Was soll ich sagen, Bieito ist zahm geworden (oder zu katholisch, um diesen Stoff zu skandalisieren)? Kaum Blut, auch sonst keine großen Schocks. Er verlegt das Stück in eine moderne Zeit. Kulisse ist ein Gefängnis mit mehrstöckigen Stahlbetten, mich hat es auch an einen Atombunker- Schutzraum erinnert. Die französische Revolution wird fast ausgespart, das könnte in jeder beliebigen Diktatur spielen, mit eingesperrten Aufrührischen. Am Anfang scheint der Raum als Schutz zu dienen, aber mit fortlaufender Handlung wird das Eingesperrtsein immer mehr deutlich.

      Von Anfang an geistert eine irre, weihrauchschwenkende junge Frau durch die Szene. deren Bedeutung ich mir nicht so richtig erklären kann. Blanche ist ziemlich hysterisch, Constanze schwanger, Mutter Marie hat gouvernantenhafte Züge, die alte Priorin kommt im Rollstuhl daher, die neue Priorin ist die gute Seele. Jede PErson hat ihren Charakter, aber eine Gesamtaussage konnte ich nicht so recht entnehmen. Ein wenig Bieito gibts dann doch: Auf die Waschung der toten Priorin wird viel Gewicht gelegt, die Person ist real nackt. Ebenso taucht der tote Vater halb verwest und blutig am Ende bei BLanches Erinnerung noch mal auf. Am Ende bekommen die Frauen Schilder umgehangen "Hure Gottes" und gehen nach hinten zum sterben. Vorher wird die Irre kahlgeschoren, so dass nun auch noch das Dritte Reich angedeutet wird? Die Inszenierung ist insgesamt wenig aufregend, aber das muss sie ja bei diesem Stoff nicht sein. Ganz stimmig fand ich es aber auch nicht. Mir wurde zudem ein wenig zuviel jejammert und gestöhnt auf der Bühne.

      Musikalisch/ sängerisch war ich sehr zufrieden. Christiane Oertel sang eine äußerst beeindruckende Sterbeszene und spielte auch sehr überzeugend. Gesanglich gefielen mir eigentlich alle 5 weiblichen Hauptfiguren gut, Blanche mit einer zur Hysterie passenden, etwas verhuschten Stimme, dagegen Mutter Marie äußerst stark und dramatisch. Erika Roos als neue Priorin mit teilweise wunderbar lyrischen Passagen. Sehr beeindruckend auch Constanze, mit viel Lebensfreude, Esprit und Kraft. Bei den Männern ist mir niemand aufgefallen, also die haben das Ganze gut abgerundet. Doch, die Szene mit dem opportunistischen Kommissar war sehr schön.

      Stefan Blunier dirigierte sehr effektvoll und dramatisch, mit teilweise extrem langen Pausen (wo auf der Bühne stumm weitergespielt wurde, z.B. bei der Waschung). So bekam das Stück eine hohe Dramatik, besonders am Ende eine extrem intensive Lesart. Sicher kann man es auch feinfühliger machen, aber zu der Inszenierung hat der hohe drive sehr gut gepasst.

      Interessanterweise hat für mich die Oper auf deutsch sehr gut funktioniert. Es wurden einige Passagen ausgelassen, was die Revolution angeht, auch die Szene wo die neue Priorin gekürt wurde war gekürzt. Die Berliner waren begeistert, das Team wurde auf der Bühne gefeiert, inclusive Bieito, das ich das noch erleben darf! Das erste Mal, dass ich in einer seiner Aufführungen keine Buhs gehört habe.

      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Alviano schrieb:

      Diese Inszenierung wird niemanden wirklich aufregen, aber sie hinterlässt auch eine gewisse Ratlosigkeit. Da sind gute Einzelleistungen zu erleben, ein konzeptionell überzeugender Überbau fehlt. Gerade von Bieito hätte man doch etwas anderes erwartet, als eine Regiearbeit, die sich brav am Libretto entlang hangelt.


      Hebre schrieb:

      Ich fange mit der Inszenierung an. Was soll ich sagen, Bieito ist zahm geworden (oder zu katholisch, um diesen Stoff zu skandalisieren)? Kaum Blut, auch sonst keine großen Schocks.


      So ist das eben: Wenn ein Regisseur wie Calixto Bieito auf spektakuläre Schockwirkungen (fast) ganz verzichtet und untypisch verhalten inszeniert, dann ist das "brav" oder "zahm". Ich glaube, dass diese Betrachtungsweise den Blick auf die Qualitäten dieser Produktion eher verstellt. Die liegen, so fand ich, in der erfolgreichen Individualisierung der fünf großen Frauenrollen, in der Intensität der Dialogszenen, zuvorderst in der Sterbeszene der alten Priorin. Die finsteren Seiten des Klosterlebens bleiben nicht ausgespart, auch wenn sie nur angedeutet werden. Die Regie visualisiert - vom Bühnenaufbau gestützt - unaufdringlich die Allgegenwart der Angst und die Abwesenheit von Freiheit. Deshalb hat sie mir insgesamt in ihrer Konsequenz imponiert. Wer zuletzt den comic-strip-haften Umgang von Thilo Reinhardt mit christlichen Symbolen ertragen musste ("Salome", auch Komische Oper), ist für den verhaltenen Umgang Bieitos mit dieser Thematik dankbar.



      Nicht ohne Grund heisst dieses Stück schließlich "Gespräche der Karmelitinnen". Dass diese Individualität in der letzten Szene unter der Wucht des Fallbeils verlorengeht und die ganze Aufführung tatsächlich "hart am Kitsch vorbeischrammt", ist m.E. keine Schwäche der Regie, sondern eine Eigenart des Stückes. Der Entschluss der Blanche, freiwillig aufs Schafott zu gehen, geht im Lärm der Hinrichtungsszene fast unter.



      Ich habe die Aufführungen in Basel und München nicht gesehen und kann deshalb nicht vergleichen. Sehr beeindruckt war ich allerdings auch von den Leistungen der fünf Protagonistinnen, sowohl gesanglich, als auch in der weitgehend textdeutlichen Artikulation und nicht zuletzt auch schauspielerisch. Einprägsam auch Peter Renz als gequälter Beichtvater und Thomas Ebenstein als schneidend scharfer Kommissar der Revolution. Der Rest des Ensembles fiel zumindest nicht ab.



      Insgesamt, so fand ich, eine gelungene Produktion. Soll man ihr vorwerfen, dass sie das Stück nicht stärker macht als es ist?
    • "Karmeliterinnen"

      Lieber pedrillo,

      erstmal bitte ich um Nachsicht, dass ich mich an die neue Version "Karmelitinnen" nicht so richtig gewöhnen mag.

      So ist das eben: Wenn ein Regisseur wie Calixto Bieito auf spektakuläre Schockwirkungen (fast) ganz verzichtet und untypisch verhalten inszeniert, dann ist das "brav" oder "zahm". Ich glaube, dass diese Betrachtungsweise den Blick auf die Qualitäten dieser Produktion eher verstellt.


      Es geht überhaupt nicht um spektakuläre Schockwirkungen. Die finden sich bei Dmitri Tcherniakov nämlich auch nicht. Aber etwas mehr als eine rein konventionelle Nacherzählung der Bühnenhandlung dürfte es dann schon sein. Die darstellerischen Qualitäten der Sängerinnen retten letztendlich den Abend, das wurde auch von mir so wahrgenommen und beschrieben. Gerade bei Maureen McKay sitzt jeder Gesichtausdruck und Christiane Oertel macht das richtig gut.

      Die finsteren Seiten des Klosterlebens bleiben nicht ausgespart, auch wenn sie nur angedeutet werden. Die Regie visualisiert - vom Bühnenaufbau gestützt - unaufdringlich die Allgegenwart der Angst und die Abwesenheit von Freiheit.


      Da gehe ich nicht mit, "angedeutet" ist da schon sehr freundlich formuliert und "uanaufdringlich" passt dann natürlich gut zu "angedeutet". Das sieht bei der ausgeprochen gut gemachten und toll inszenierten Produktion von Dmitri Tcherniakov in München anders aus, obwohl auch da weitgehend unaufgeregt inszeniert wird.

      und die ganze Aufführung tatsächlich "hart am Kitsch vorbeischrammt", ist m.E. keine Schwäche der Regie, sondern eine Eigenart des Stückes.


      ... der die Regie aber auch etwas entgegensetzen könnte ...

      Insgesamt, so fand ich, eine gelungene Produktion. Soll man ihr vorwerfen, dass sie das Stück nicht stärker macht als es ist?


      Nein, aber dass sie aus dem Stück nicht alles rausholt, was möglich wäre, das sollte schon einer Erwähnung Wert sein.

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Lieber pedrillo,
      "zahm" beschreibt noch keine Wertung, sondern skalierte erstmal nur den Skandalfaktor, bezogen auf Bieitos bisherige Arbeiten. Daran messe ich nicht die Güte einer Aufführung, meine Kritik setzte ganz woanders an:

      Jede Person hat ihren Charakter, aber eine Gesamtaussage konnte ich nicht so recht entnehmen.

      Diese Regie war für mich weder besonders originell noch besonders stimmig.
      Was soll uns denn nun z.B. diese weihrauchschwenkende Irre sagen? Zumal sie von Anfang bis Ende präsent ist, aber auch nur das.
      Ich kann auch nicht erkennen, welche Haltung Bieito denn nun zu diesen Karmelitinnen hat. Warum werden die zum Märthyrer, was für eine Idee verfolgt er dazu? Weil sie alle wie Schafe Mutter Marie folgen, oder weil sie vom Weihrauch der Irren vernebelt sind, oder aus Lebensmüdigkeit, oder von Gott dazu gelenkt, oder als revolutionäre Helden oder eben völlig sinnlos? Keine Ahnung, ich finde fast keine inspirierenden Elemente zur Beantwortung dieser Fragen und es sind in mir auch keine neuen Fragen aufgetaucht . Selbst bei den Hauptpersonen mangelt es mir da an Ideen. Da tut niemand was, was man nicht sowieso schon erwarten würde. Warum fällt ihm dazu so wenig ein? Blanche finde ich besonders nebulös. Wie Alviano schon sagte, ihre ganzen Außenbeziehungen sind überhaupt nicht differenziert, auch im Kloster spielt sie einfach nur den Text nach. Die Tiefe ihrer Flucht vor dem Leben, auch ihre Todessehnsucht nahm ich ihr nicht ab, insbesondere ihre Verletztlichkeit fehlte mir. Die an der Schenkelinnenseite blutbefleckte Hose am Ende war mir dann sogar schon arg platt.

      Präsente Angst finde ich in dieser Inszenierung kaum wieder, auch da bin ich ganz bei Alviano. Für mich war das weitaus näher bei Hysterie und Klischee. Woran machst du fest, dass die Angst spürbar wurde?

      Bieito hat mich diesmal vor allem auch gar nicht überrascht, oder mir neue Denkansätze aufgezeigt. O.k. vielleicht diese Atomschutzbunker- Assoziation; der Raum sieht fast so aus wie die Bunker unter dem Kudamm aus dem Kalten Krieg. Da hatte ich so eine Idee davon, ob so ein Leben in Schutzräumen lebendig und lohnenswert ist. Aber vermutlich ist das eher meine (Fukushima-geprägte) Vision, als dass Bieito sie im Kopf hatte. Aber sonst?

      Ich habe z.B. kurz vor der Vorstellung mal im Programmheft geblättert, quasi nur die Bilder angesehen. Da sah ich die Person im Rollstuhl, im Halbdunkel kaum zu erkennen, im Lager zwischen den Reihen. Oh dachte ich, ein amputiert-handlungsunfähiger-vermutlich impotenter Priester, wie originell. Dass es dann die kranke Priorin war, das passte zu dieser Regie; es war eben doch alles sehr vorhersehbar.

      Alles in allem hast du aber recht, es war keine schlechte Inszenierung, es war weder ärgerlich noch dümmlich - aber eben auch weitab von einer Sternstunde der Regie.
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Den Premierenabend erlebte ich leider als puren Reinfall. Szenisch am interessantesten war die Waschung der kotbeschmierten Leiche der ersten Priorin (offenbar nicht an Christiane Oertel ausgeführt sondern an einer jüngeren Statisten), musikalisch am überzeugendsten das a cappella dargebotenene, eingeschobene „Ave verum corpus“ am Anfang.
      Woran lag's? Wie beschreiben war es szenisch uninspiriert, noch mehr gestört hat mich aber das undifferenzierte und knallige Dirigat von Blunier. Wo andere - z. B. Nagano - die Anklänge an Mussorgsky und Debussy wunderbar herausholen, förderte Blunier höchstens Anklänge an Copland und Bernstein hervor.
      Die deutsche Textfassung hilft den Sängern auch nicht gerade - "Ehrwürdige Mutter" singt sich halt schwerer als "Révérende Mère", und viele Melodiebögen kommen gar nicht zur Geltung.
      Szenisch hat die Inszenierung übrigens große Ähnlichkeit mit der UdK-Produktion von Karoline Gruber vom letzten Sommer - dort auch Metallgerüste, die entsprechend drapiert die Zellen darstellen. In beiden Fällen wird die Verwüstung des Klosters durch das Herunterreissen der Vorhänge und der Matrazen dargestellt. Ich gestehe, ich fand die UdK-Produktion auch besser gesungen, mit Ausnahme der hervorragenden Maureen McKay.
    • ManonTanto schrieb:

      Wo andere - z. B. Nagano - die Anklänge an Mussorgsky und Debussy wunderbar herausholen, förderte Blunier höchstens Anklänge an Copland und Bernstein hervor.
      Die deutsche Textfassung hilft den Sängern auch nicht gerade - "Ehrwürdige Mutter" singt sich halt schwerer als "Révérende Mère", und viele Melodiebögen kommen gar nicht zur Geltung.


      ManonTanto schrieb:

      Ich gestehe, ich fand die UdK-Produktion auch besser gesungen, mit Ausnahme der hervorragenden Maureen McKay.



      Die ewige Diskussion "Original oder Übersetzung" würde womöglich eine eigene Diskussionsplattform rechtfertigen. Ich gestehe, dass ich zu den angeblich aussterbenden Opernbesuchern gehöre, die es schätzen, wenn der gesungene Text unmittelbar verstanden und nicht nur irgendwo abgelesen werden kann. Bei einem Stück, das ich 1) zum ersten Mal live erlebe und in dem 2) der Text so eine große Rolle spielt, gilt das umsomehr, auch wenn dann immer wieder Holprigkeiten in KAuf zu nehmen sind. Jedenfalls finde ich es gut und richtig, in einer Stadt, die ja immer noch über drei große Opernhäuser verfügt, beide Alternativen ständig anzubieten.



      Die Kritik an den Leistungen der Sängerinnen kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.



      NIcht ausschließen kann ich, dass der teilweise nicht so günstige Eindruck, den die Musik auf mich gemacht hat, mit der musikalischen Leitung und Einstudierung zu tun hat. Die Musik schien mir zu pendeln zwischen sehr zurückhaltender Begleitung der Stimmen und kraftvoller Illustration des szenischen Geschehens mit dickem Pinsel. Da Bieito seinerseits verzichtet hat, die Plünderung des Klosters, Verhaftung und Hinrichtung szenisch platt auszuwalzen, hat sich das mit der Regie gut vertragen, weil die bloß affirmative Doppelung vermieden wurde.



      Das geht bestimmt auch ganz anders. Ich fands überzeugend, so wie es war, aber mir fehlt halt der Vergleich.



      Hebre schrieb:

      es war keine schlechte Inszenierung, es war weder ärgerlich noch dümmlich - aber eben auch weitab von einer Sternstunde der Regie.




      Im übrigen diskutieren wir bei der Regie vielleicht doch nur über die müßige Frage, ob das Glas halbvoll oder halbleer war. Von einer Sternstunde würde ich auch nicht sprechen, und die szenische Intensität der ersten Szenen, insbesondere der Sterbeszene der Priorin, wird im Verlauf nur noch momentweise erreicht. Dort allerdings war der Klammergriff der (Todes-)angst im Gesang, im szenischen Arrangement oder auch im stummen Spiel von MaureenMcKay buchstäblich mit Händen zu greifen. Zusammen mit der folgenden, oben mehrfach beschriebenen Szene, in der der Leichnam gewaschen wird, hat diese Stimmung die Aufführung noch lange getragen.
    • pedrillo schrieb:

      Die ewige Diskussion "Original oder Übersetzung" würde womöglich eine eigene Diskussionsplattform rechtfertigen.
      Dazu gab es hier bereits eine längere Diskussion (die fortgesetzt werden könnte): Oper übersetzt: prima la Verständlichkeit?.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • "Karmeliterinnen"

      Da Bieito seinerseits verzichtet hat, die Plünderung des Klosters, Verhaftung und Hinrichtung szenisch platt auszuwalzen,


      Er hat sie stattdessen gar nicht inszeniert - oder eben nur angedeutet, das ist doch keine Alternative.

      Im übrigen diskutieren wir bei der Regie vielleicht doch nur über die müßige Frage, ob das Glas halbvoll oder halbleer war.


      Genau. Wir sind nämlich in der Einschätzung gar nicht weit voneinander entfernt. Für mich hat die Personenführung an verschiedenen Stellen und der Nachdruck, mit dem das Ensemble seine Aufgabe gestaltet hat, die in Teilen schwache Regie von Bieito überdeckt und den Abend somit nicht völlig abgleiten lassen. Stimmiger ist da die ältere Produktion von Günter Krämer in der Bismarckstrassenoper, die insgesamt runder ausfällt.

      Auch ich würde dem Dirigat von Kent Nagano den Vorzug geben, da stimmt einfach die grosse Linie. Blunier streicht mehr das eklektizistische der Musik heraus, streift den Versimo, lässt satten Streicherklang schmachten, das ist nicht uninteressant und ich habe das durchaus gerne miterlebt.

      Die Kritik an den Leistungen der Sängerinnen kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.


      Naja, sagen wirs mal so: die "Komische Oper" ist da auf einem guten Weg, im Vergleich zu früheren Aufführungen... :D

      offenbar nicht an Christiane Oertel ausgeführt sondern an einer jüngeren Statisten


      So ist es - was zu einem unmotivierten Gang mehr geführt hat. Die alte Frau wird erst nach hinten geschleppt, um ausgetauscht zu werden. Das Double muss dann wieder von hinten nach vorne verbracht werden.

      Szenisch hat die Inszenierung übrigens große Ähnlichkeit mit der UdK-Produktion von Karoline Gruber vom letzten Sommer


      Die, wenn ich das richtig gesehen habe, als Zuschauerin anwesend war.
      Der Kunst ihre Freiheit