Hölderlin und die Musik

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    • Hölderlin und die Musik

      Ich hatte im Beck-Thread überlegt, ob sich Beck und Hölderlin in Bordeaux begegnet sein können, inzwischen bin ich mir da ziemlich sicher. Hölderlin wzar der Musik sehr verbunden, er hatte Flöte gelernt und bei Dulon studiert. Es gibt sogar eine Kadenz zu einem Flötenkonzert von Dulon, die von Hölderlin komponiert ist. Selbst im Turm musizierte Hölderlin noch, Schwab berichtet, dass Hölderlin stundenlang über Themen wie Paisiellos "Mich fliehen alle Freuden" aus "Die schöne Müllerin" improvisierte.

      Inzwischen habe ich eine CD erworben mit dem Titel "Friedrich Hölderlin und die Musik". Es handelt sich dabei um einen Konzertmitschnitt, der beiden Aspekten Rechnung trägt: Welche Musik hat Hölderlin gekannt, vermutlich gespielt oder gesungen - und welche sich auf Hölderlin beziehende Kompositionen sind zeitnah entstanden. Ich werde die CD als einen Ausgangspunkt in der Folge sukzessive vorstellen und lade ein, zum Thema "Kompostionen von Werken Hölderlins" beizutragen -bis hin zu Kompositionen, die sich auf Hölderlin selbst beziehen.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • - und welche sich auf Hölderlin beziehende Kompositionen sind zeitnah entstanden. Ich werde die CD als einen Ausgangspunkt in der Folge sukzessive vorstellen und lade ein, zum Thema "Kompostionen von Werken Hölderlins" beizutragen -bis hin zu Kompositionen, die sich auf Hölderlin selbst beziehen.
      tolle Idee !

      Fragen noch zur Klarstellung:
      1. Was wäre zeitnah im Bezug auf Hölderlin ?
      2. Soll der Thread sich beschränken auf zeitnahe Kompositionen oder offen sein ganz allgemein für Kompositionen, die sich auf Hölderlin beziehen ?
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:


      Fragen noch zur Klarstellung:
      1. Was wäre zeitnah im Bezug auf Hölderlin ?


      Nur die CD. Hier im Thread soll da keine Begrenzung sein. Gerade in der neuen Musik ist Hölderlin ja gut vertreten. Der Thread soll also offen sein im Sinne des Titels.


      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Gerade in der neuen Musik ist Hölderlin ja gut vertreten. Der Thread soll also offen sein im Sinne des Titels.
      Das ist sehr gut. Der Thread wird sich sicher sehr kräftig mit interessanten Postings - auch aus verschiedenen Stilen (und Epochen) - füllen. Könntest du noch die CD mit Link reinposten ?
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • .... und möchte sofort auf Luigi Nonos fetziges und meisterhaftes Streichquartett "Fragmente - Stille - An Diotima", das mit zu den allergrößten Kompositionen aus dem Bereich der Kammermusik zuzurechen ist, verweisen.

      Das Quartett bezieht sich auf Gedicht- und Briefzeilen Hölderlins. Aber nicht im Sinne von Programmmusik. Dem Hörer sollen diese auch nicht bekannt sein. Die in der Partitur durchgehend vermerkten Hölderlin-Zitate sind von den Musikern während der Aufführung zu denken, zu verinnerlichen, zu empfinden, um als zarteste, unscheinbarste, versteckteste (quasi unhörbare) Gestaltungsmomente mit einzufließen...

      (Ein Hinweis zu Nonos Prometeo wäre hilfreich)
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Das Duo Sony und Abbado machte seinerzeit ein paar schöne "Konzeptalben". Hier: Hölderlinvertonungen.


      Richard Strauss: Drei Hymnen für Gesang und Orchester op. 71
      Hymne an die Liebe
      Rückkehr in die Heimat
      Die Liebe

      Max Reger: Kantate: An die Hoffnung op. 124

      Wolfgang Rihm: Hölderlin-Fragmente

      und natürlich die vielleicht bekannteste (Abbado hat sie für DECCA, Sony und DG aufgenommen) Hölderlin-Vertonung:

      Johannes Brahms: (Hyperions) Schicksalslied op. 54


      Ihr wandelt droben im Licht
      Auf weichem Boden, selige Genien!
      Glänzende Götterlüfte
      Rühren Euch leicht,
      Wie die Finger der Künstlerin
      Heilige Saiten.

      Schicksallos, wie der schlafende
      Säugling, atmen die Himmlischen;
      Keusch bewahrt
      in bescheidener Knospe,
      Blühet ewig
      Ihnen der Geist,
      Und die seligen Augen
      Blicken in stiller
      Ewiger Klarheit.

      Doch uns ist gegeben,
      Auf keiner Stätte zu ruhn;
      Es schwinden, es fallen
      Die leidenden Menschen
      Blindlings von einer
      Stunde andern,
      Wie Wasser von Klippe
      Zu Klippe geworfen,
      Jahrlang ins Ungewisse hinab.

      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • An den Beginn der CD "Friedrich Hölderlin und die Musik" hat man die Rezitation eines kurzen Ausschnitts aus dem Gedicht "Am Tage der Freundschaftsfeier" gestellt


      Ich wollt' in meiner Halle Chöre versammeln

      Von singenden rosichten Mädchen

      Und kränzetragenden blühenden Knaben,

      Und euch empfangen mit Saitenspiel,

      Und Flötenklang, und Hörnern, und Hoboën.



      1788 entstand dieses erste Gedicht in eigenrhythmischen Versen. Vorbild ist Schubart (Friedrich der Große. Ein Hymnus) und Hölderlins "Lied der Schweden". Gefeiert wird der Freundschaftsbund mit Neuffer und Magenau

      Aber heute Brüder!
      O kommt in meine Arme!
      Wir feiern das Fest
      Der Freundschaft heute.


      Den vollständigen Text findet man hier

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Geht denn aus der Cd mit Musik aus Hölderlins Zeit hervor, inwiefern er die damals avancierteste Musik (Beethoven? vom klassizistischen Pathos Hölderlin ja durchaus verwandt...) rezipiert hat? oder dem immer wieder zu beobachtenden Muster entspricht, nach dem Literaten mit Musik mindestens einer Epoche früher wesentlich mehr anfangen können - wenn ich mal an die eher biederen Vorstellungen denke, die bspw. Goethe von der Vertonung seiner Gedichte hatte...

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Die Informationen auf der CD möchte ich noch überprüfen, bevor ich sie weiterreiche. Vieles scheint mir spekulativ, aber mit Stuttgarter und Frankfurter im Rücken denke ich zumindest Indizien zu sichern. Das Register zu Musik ist in der StA mehrseitig, es erschließt auch Briefstellen und Dokumente. Da muss ich mich erst mal durchbohren, aber ich werde berichten ...

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Lieber Peter,
      ich frage mich, inwiefern Hölderlins komponierende Zeitgenossen den Dichter überhaupt kennen konnten. Neben verstreut erschienenen Gedichten kam zu Hölderlins Lebzeiten nur eine einzige Gedichtsammlung heraus, dann, nach seinem Tod, wohl eine Gesamtausgabe, danach war aber Schweigen bis 1923. Eine Vertonung durch einen Zeitgenossen hielte ich für reinen Zufall, obwohl dieser Zeitgenosse damit durchaus Geschmack bewiesen hätte.
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Lieber Edwin,

      zumindest das kann ich sofort beantworten: es gibt (sehr) Weniges von Zeitgenossen, es handelt sich um eher Harmloses aus dem Freundeskreis. Der entscheidende Durchbruch kommt mit Brahms, es folgen Reger und Richard Strauss.

      Liebe Grüße Peter
      (sagt Dir ein Thomas Schubert, geb, 1961, etwas. Der hat fleißig Hölderlin vertont)
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Lieber Peter,
      nein, leider, Thomas Schubert sagt mir gar nichts. Hölderlin-Vertonungen gibt es im 20. Jahrhundert, neben den genannten, noch von Benjamin Britten ("Hölderlin Fragmente" - die "Fragmente" beziehen sich darauf, daß Britten einige Gedichte nur ausschnittsweise verwendet), das ungesicherte "In lieblicher Bläue" liegt Hans Werner Henzes "Kammermusik 1958" zugrunde, Orff verwendete die beiden Sophokles-Übersetzungen "Antigonae" und "Oedipus der Tyrann". Außerdem hat Josef Matthias Hauer ziemlich viel Hölderlin vertont. "Die Hälfte des Lebens" ist außerdem das - rein instrumental ausgeführte - Thema des vierten Satzes von Henzes Siebter Symphonie. Wilhelm Killmayer hat die späten Hölderlin-Gedichte seinem zweiteiligen Zyklus "Hölderlin-Lieder" zugrunde gelegt und außerhalb des Zyklus' drei weitere Hölderlin-Lieder geschrieben.
      Ich denke, diese intensive Beschäftigung der neueren Komponisten mit Hölderlin hängt nicht nur mit der außerordentlichen Qualität und Modernität der Texte zusammen (mitunter glaubt man ja, einen Expressionisten zu lesen), sondern auch mit dem Schicksal des Dichters. In den Siebziger- und Achtzigerjahren ist schließlich die Beschäftigung mit "wahnsinnigen" Künstlern sehr modern gewesen.
      Abgesehen davon: Ich glaube, es sind einige Gedichte Hölderlins relativ häufig komponiert worden, während andere schlicht ignoriert wurden und werden - das ist bei einigen Dichtern so, doch bei Hölderlin scheint mir der Fall extrem - oder täusche ich mich da?
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Hans Zender schrieb 4 ganz ausgezeichnete Streichquartette (mit und ohne Einsatz von Live-Elektronik) mit zu rezitierenden Gedichten von Hölderlin. Leider sind die ersten 3 nur zu Apothekerpreisen erhältlich. Vom vierten Quartett besitze ich einen Livemitschnitt.

      Dabei wurden folgende Gedichte bzw. Gedichtfragmente berücksichtigt:

      Streichquartett Nr. 1: An die Madonna
      Streichquartett Nr. 2: Sonst nämlich, Vater Zevs
      Streichquartett Nr. 3: Patmos (Auszüge)
      Streichquartett Nr. 4: Mnemosyne [Zweite Fassung]

      Auch Phillipe Schoellers ca. 40 Minütiges Streichquartett Oper-spective Hölderlin (mit Liveelektronik) (France musique) ist in der Verfahrensweise an Hans Zender angelehnt ...

      Peter Ruzickas 6. Streichquartett erfordert den Einsatz eines Soprans (Mnemosyne [Erste Fassung]). Bei diesem Quartett ist mein Eindruck eher noch etwas zwiespältig.. muss es aber mir wieder mal reinziehn.

      (Ein Hinweis auf Ruzickas letzte Oper wäre in diesem Thread sinnvoll)
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Nach dem Hölderlin-Gedicht kommt auf der CD



      Friedrich Wilhelm Benda: Sonate für Flöte und Klavier op, 5 Nr. 3
      - Siciliano


      Nach dem wortmächtigen Hölderlin-Zitat wirkt der Benda eher harmlos. Für mich wird da doch eher der epochale Unterschied zwischen den Mannheimern und dem (unklassischen) Hölderlin deutlich. Das Stück wurde ausgewählt, weil Hölderlin es durchaus im Unterricht bei dem Benda-SchülerDulon studiert haben könnte. Aber der eher galante Ton zeigt allenfalls eine zeitgenössische Folie,

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Das nächste Werk auf der CD ist ein harmloses Erzeugnis der Zeit, ein Klavierlied

      Johann Christian Gottlob Eidenbenz: Rundgesang für Freunde

      Der Text ist von Neuffer, vertont ist es als Strophenlied. Vom jungen Beethoven hat man Ähnliches für gleiche Gelegenheit, der Vergleich zeigt aber schnell, dass Beethoven in Sachen Erfindung die Nase vorne hat. Entstanden ist das Lied zur Gründung des Freundschaftsbundes "Aldermannsbund", dem Hölderlin wie Neuffer angehörte.

      Nun, nach drei Schoppen Wein ...

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Ich habe damals an diesem Punkt die CD verlassen, weil sie nicht Neues bzw. Interessantes mehr zu bieten schien, insgesamt doch ein eher biederes Projekt, was vor allem auf die geselligen Lieder einer fröhlichen Schoppenrunde dokumentiert. Ein paar Namen kenne ich inzwischen besser, ohne dass sich etwas an der Gedamteinschätzung geändert hat. Mit einem Paket, das Ähnliches beim jungen Beethoven dokumentiert, ist man mE auf jeden Fall besser beraten.

      Johann Rudolf Zumsteeg gehört zu den interessanteren Namen, hat man ihn bei Zeitgenossen immerhin Mozart gleich gestellt - was ziemlich übertrieben war. Von ihm ist eine Vertonung der Ode an die Freude von Schiller mitgeliefert, die einen talentierten, wenn auch nicht genialen Komponisten zeigt. Funken haben die Götterfunken bei Zumsteeg auf jeden Fall nicht entzündet. Wer sich für Zumsteeg interessiert, sei meinerseits vor allem seine Vertonung der "Geisterinsel" (also einer deutschen Adaption von Shakespeares "The Tempest") ans Herz gelegt.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)