Maxwell Davies/Sciarrino: "Miss Donnithorne´s Maggot/Infinito Nero" - Staatsoper Berlin in der Schillertheaterwerkstatt, besuchte Vorstellung: 13.07.2011

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    • Maxwell Davies/Sciarrino: "Miss Donnithorne´s Maggot/Infinito Nero" - Staatsoper Berlin in der Schillertheaterwerkstatt, besuchte Vorstellung: 13.07.2011

      Miss Eliza Emily Donnithorne traf ein (zumindest für sie) hartes Schicksal. An ihrem Hochzeitstag war alles für die Feierlichkeiten vorbereitet, der einzige, der durch Abwesenheit glänzte und auch nie wieder auftauchte, war der Bräutigam der Dame. Von dieser Angelegenheit wurde Miss Donnithorne so getroffen, dass ihr Geisteszustand sich etwas verdüsterte. Sie behielt ihr Hochzeitskleid an, liess die Festtafel unangerührt und verliess bis zu ihrem Tod nie wieder ihr Haus.

      Diese Geschichte ereignete sich im 19. Jahrhundert in Australien und der britische Komponist Peter Maxwell Davies machte aus der missglückten Hochzeit der Miss Donnithorne eine Kammeroper für eine Sopranistin und sechs Musiker/innen, die 1974 im australischen Adelaide uraufgeführt wurde.

      Das etwa halbstündige Werk benötigt, um abendfüllend zu werden, eine Ergänzung. Koppelungen mit den „Eight Songs for a mad King“ von Maxwell Davies oder auch mit dem „Telefon“ von Menotti gab es schon, jetzt, in Berlin, entschied man sich für „Infinito Nero“ von Salvatore Sciarrino.

      Auch „Infinito Nero“ benötigt eine Sängerin und ein kleines Kammerorchester, es entstand vor gut 10 Jahren und das Werk besteht aus Texten der Maria Maddalena de´ Pazzi, einer Hysterikerin, die im 17. Jahrhundert in Florenz lebte. Ihre Visionen, in denen es um viel Blut, manchmal auch um Milch geht und deren Extase das sexuelle mehr als nur streift, wurden von Nonnen, die Maria Maddalena umrundeten, wiederholt und von weiteren Nonnen aufgeschrieben.

      Musikalisch unterscheiden sich beide Stücke stark. Während Maxwell Davies in seiner Musik auch satirische Elemente einfliessen lässt und sich die Verrücktheit seiner Titelheldin in deren Gesangslinie abbildet, bleibt die Musik von Salvatore Sciarrino um einiges ruhiger. Die Stille zu Beginn seiner kleinen Oper, die nur von Geräuschen unterbrochen wird, hält lange an – es dauert, bis Maria Maddalena die ersten Laute formuliert. Das Fragmentarische bleibt allerdings auch dann die knappe, halbe Stunde Aufführungszeit über werkbestimmend.

      In den Raum der Werkstattbühne des Berliner Schillertheaters hat Bühnenbildner Christoph Ernst an den Wänden entlang eine ganze Batterie von Monitoren aufbauen lassen. In der Mitte des Raumes umschliessen Wände aus Pappkarton eine Spielfläche, die nicht einsehbar ist. Kleine Löcher in der Pappe verführen zwar zum Schlüssellochblick, zu sehen ist aber eigentlich nichts. Das Publikum steht oder sitzt auf dem Boden, ein Bewegen im Raum ist möglich und gewünscht.

      „Ich Ich Ich Bude“ steht drüber und die Wände sind mit Texten und Zeitungsausschnitten unterschiedlicher Provenienz beklebt. Da finden sich Beiträge über die vermeintliche Hochkultur neben Artikeln über den kulturellen Kahlschlag in den Niederlanden und zu den Lebenserinnerungen des Fritz J. Raddatz.

      Wenn das Stück beginnt (das Orchester sitzt auf einer Empore über dem Bühnenraum) kann Miss Donnithorne nur über die Monitore gesehen werden. Es ist zwar zu vermuten, dass sie sich tatsächlich in dem Pappkartonwürfel befindet – sicher sein kann man sich dessen nicht. Der Blick des Zuschauers wird hier klar manipuliert. Er bekommt nur zu sehen, was die Kamera ihm anbietet. Manchmal in der Totalen, wo der Raum grösser wirkt, als er tatsächlich ist, manchmal nur mit Nahaufnahmen vom Gesicht oder anderen Körperpartien der Sängerin. Interessant auch, wie sich die Bildwirkung verändert, wenn das Bild plötzlich von schwarzweiss auf farbig wechselt – oder die gleiche Szene auf unterschiedlichen Monitoren entweder in bunt oder in monochrom zu sehen ist.

      Miss Donnithorne jedenfalls agiert temporeich und Regisseur Michael von zur Mühlen findet immer wieder Bilder, die einen Bezug zum Text herstellen. Die Wohnung von Eliza Emily Donnithorne mit Tisch, Bett und Badewanne zeigt zwar keine Hochzeitssituation, aber das Eingeschlossensein der Darstellerin wird stark greifbar. Wir folgen ihr gespannt, wie sie einen Perückenkopf maltraitiert, sich Schaum ins Gesicht schmiert und uns grossformatige Fotos von z. B. Peter Stein und Sloderdijk zeigt, die sie entweder zerstören oder die sie sich zwecks Lustgewinn zusammengrollt vaginal einführen wird. In einer Badewannenszene möchte sich der Zuschauer lieber nicht vorstellen, was sie mit der Rasierklinge im Schambereich wirklich tut.

      Stark dann der Moment, wenn fast zum Schluss des Stückes die Pappkartonwände geöffnet werden und das erstemal das überprüft werden kann, was bisher nur indirekt angeschaut werden konnte. Die Technik liegt jetzt offen – die Monitore, mit denen die Sängerin den Kontakt zum Dirigenten halten kann, genauso wie jene, mit denen die Handlung mitverfolgt wird. Kamerastativ und Handkamera sowieso: Man sieht jetzt, wie die Bilder entstanden sind, die bisher zu sehen waren.

      Miss Donnithorne ist mittlerweile per Perücke erblondet, der Blick ist wirr. Sie gebiert ein schwarzes Baby, das sie sogleich in einer Tüte entsorgt, auf der verkündet wird, dass es sie noch gibt, die guten Dinge. Mit einer Stichsäge in der Hand, deren Einsatz dem Zuschauer nicht mehr gezeigt wird, verlassen wir Miss Donnithorne.

      Eingeleitet (man könnte das auch als Überleitung verstehen) wird „Infinito Nero“ mit Videoeinspielungen eines Gottesdienstes und den Bekenntnissen eines Mannes, der im Gespräch mit Jesus Christus erzählt, dass er die Bibel oft mindestens so erotisch findet, wie die Fernsehserien, die er sich der Frauen wegen anschaue – er leidet sichtlich unter diesen erotischen Gefühlen und zwar in beiden Fällen.

      Bei grundsätzlich unverändertem Bühnenaufbau bildet bei „Infinito Nero“ eine Holzplatte das szenische Zentrum, auf der die Sängerin mit grauem Duck-Tape in Kreuzeshaltung fest fixiert wurde. Es gibt keine zusätzliche Halterung, sie hängt also wirklich etwa anderthalbmeter über dem Raumboden und kann faktisch nur den Kopf leicht bewegen.

      Bei aller Drastik, die von zur Mühlen noch innerhalb der nächsten 25 Minuten zeigen wird, die Stimmung des abgedunkelten Raumes, die hängende Frau, dazu die Musik von Sciarrino zwischen Geräusch, Atmen, nur sekundenlangen Einwürfen einzelner Instrumente und Akzenten des Schlagwerkes, ist in dem verhältnismässig kleinen Raum, wo alle – Darsteller, Sängerin, Dirigent, Orchester und Publikum – dicht beieinander sind, gleichbleibend intensiv.

      Michael von zur Mühlen hat der Sängerin zwei Schauspieler zur Seite gestellt. Nicht blutrot ist die Farbe, mit der diese zuerst sich und dann die Sängerin beschmieren, sie ist nachtblau. So beginnen ritualisierte Handlungen, eine Art pervertierter Gottesdienst, während Maria Maddalena ihre Visionen stammelt, spricht und singt.

      Pflanzen werden hereingetragen, die Schauspieler ziehen riesige Kunstpenisse aus den Hosen, um die Pflanzen zuerst zu wässern. Danach benutzen sie die Pflanzen, um sich zu befriedigen, zwei Milchtüten werden zum Ersatz für die weibliche Brust und wie eine Reliquie der Gemeinde gezeigt, bevor sie der Sängerin um den Hals gelegt werden und sich wie ein Sturzbach entleeren.

      Im angedeuteten Nonnenhabbit rutschen die Schauspieler auf Knien durch die blaue Farbe und werfen sich in Kreuzeshaltung zu Boden, ein Beil wird zum Kultgegenstand, dessen Klinge mit der Zunge lüstern abgeleckt wird, bevor sich der eine der beiden Schauspieler brutal den Penis abhackt.

      Diese Bilder stören nie die Ruhe, die bestimmend für diese Komposition von Sciarrino ist. Es gelingt Michael von zur Mühlen, mit starken Impulsen der Musik eine weitere, kommentierende Ebene hinzuzufügen, die etwas berührendes, aber auch beklemmendes hat.

      Das Publikum folgt dem allen mit einer gespannten und grossen Stille, die sich erst im deutlichen Beifall für die Umsetzung und die Protagonist/innen auflöst.

      Im ersten Teil verlieh Hanna Dóra Sturludóttir der Miss Donnithorne stimmdarstellerisch grosses Format, im zweiten Teil überzeugte Sarah Maria Sun als Maria Maddalena de´Pazzi nicht minder. Beide Sängerinnen durften sich über Ovationen des Publikums freuen.

      Der noch junge Dirigent Arno Waschk leitete souverän die kleine Orchestergruppe, gut funktionierte die technische Koordination der Klangwirkungen.

      Lang anhaltender Beifall für eine Opernproduktion jenseits des Opernalltags.

      Im Herbst wird Michael von zur Mühlen in Bonn eine Uraufführung betreuen, die Robert Schumann zum Thema hat, man darf gespannt sein.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Liebe Bess,

      das Zeitfenster für das "Lehrstück" war für mich zu knapp bemessen, als dass ich eine Vorstellung hätte besuchen können. Gefreut hatte ich mich auf die in Freiburg angekündigte "Ariadne" von Strauss in einer Inszenierung von von zur Mühlen, die kommt nun nicht zustande, als Regisseur wird im Moment Jörg Behr genannt. Mit "Robert S." in Bonn konnte ich nicht wirklich etwas anfangen, wieder eine tolle Raumlösung von Christoph Ernst (bei dem ich es nach-wie-vor schade finde, dass er so wenig Opernregie gemacht hat), auch einige szenisch überzeugende Bilder, z. B. das mit diesen Puppen hat mir gut gefallen, aber auf die Texte dieses Jungautoren hätte ich gut verzichten können - vielleicht eine Generationenfrage. Mir ist diese Form, alles was einem gerade so einfällt, einer möglichst grossen Gruppe Menschen mitteilen zu müssen, egal, wie belanglos das alles ist, ziemlich fremd. Auf der musikalischen Seite hat mir Sergej Newski am besten gefallen - einmal, weil er sein eigenes Stück ziemlich gut vorgetragen hat. Aber dann auch wegen der Erweiterung des Orchesters um solche Instrumente, wie z. B. den Laubbläser (was gabs da noch? Schlagbohrer? Motorsäge?) - ich mag das. Insgesamt ein etwas zwiespältiger, aber auf keinen Fall langweiliger Abend.

      :wink:
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