Gabriela Montero - eine großartige Pianistin und Improvisatorin

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    • music lover schrieb:

      Eigenartig. Dieses Wort habe ich in Bezug auf Gabriela Monteros Improvisationen zuvor noch nie gehört, und dann taucht es sowohl in der am 7. August erschienenen "WELT"-Rezension ihres Elbphilharmonie-Konzerts als auch in Deinem Posting vom selben Tag auf.
      Ich lese die "Welt" nicht und kenne demzufolge auch die angesprochene Rezension nicht. Ich bin durchaus in der Lage mir selber ein Urteil zu bilden, und Rezensenten schildern auch nur ihren persönlichen Eindruck, obgleich deren Erzeugnisse hier immer gern als Autoritätsbeweis angeführt werden. Wer sich in der Klavierliteratur ein wenig auskennt müsste m.E. auch merken, dass Frau Montero sich in der Musikgeschichte bedient. Das macht sie durchaus geschickt, aber es ist für mich wenig originell, und diese Methode wird schnell langweilig. Aber da hat natürlich jeder seine eigene Meinung, und über Geschmack werden wir hier auch nicht streiten.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • .. übrigens hat schon vor Gabriela Montero jemand "Happy Birthday" variiert, nämlich Anthony Hopkins (nein nicht der Schauspieler, es gibt auch einen gleichnamigen Komponisten). Das Stück hat Piers Lane auf dieser CD eingespielt



      Hopkins macht keinen Hehl daraus, hier eine Reihe von Stilkopien komponiert zu haben. Sehr amüsantes Ergebnis ..

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      übrigens hat schon vor Gabriela Montero jemand "Happy Birthday" variiert
      Auch Gabriela hat schon oft über "Happy Birthday" improvisieren müssen. Sie hat es ja schließlich nicht in der Hand, was ihr vom Publikum zugerufen bzw. vorgesungen wird. Und wenn über 2.000 Leute in einem Saal sitzen, ist die Wahrscheinlichkeit nicht eben gering, dass darunter ein Geburtstagskind sitzt. Und der sitzt da in aller Regel auch nicht allein, sondern mit Partner(in), Freunden und/oder Kindern. Dann ist natürlich schnell mal jemand am Start, Gabriela zu einem spontanen Geburtstagsständchen zu motivieren, statt einen vernünftigen Vorschlag zu machen. Jedenfalls meine ich, Gabrielas Gesichtsausdruck richtig gedeutet zu haben, dass sie nicht eben begeistert war, schon wieder "Happy Birthday" vorgesungen zu bekommen. Hier ein Video von einer "Happy Birthday"-Improvisation Gabrielas, die über 9 Jahre zurückliegt:
      youtube.com/watch?v=vjuYw-ppTJc
      Da ich die ziemlich barocke Version vom Sonntag noch gut im Ohr habe, kann ich Dir versichern: Mit Ausnahme des Themas "Happy Birthday" hat die auf YouTube abrufbare Version nicht das Geringste mit der Elphi-Version zu tun.

      Die zweite improvisierte Zugabe, nämlich über - ebenfalls *gähn* (was Besseres fiel dem Publikum leider nicht ein, und ich habe mich nicht getraut, ihr "Little wing" von Jimi Hendrix vorzusingen, da ich mich ob fehlender sängerischer Fähigkeiten nicht blamieren wollte) - "Summertime" von Gershwin war insofern etwas vollkommen Neues für mich, als Gabriela spontan drei andere Venezuelaner aus dem Orchester bat, sie dazu zu begleiten. Gut, die beiden Perkussionisten haben nicht allzuviel Originelles beigetragen, aber der Kontrabassist hat seinen Bass so sensationell gezupft, dass dieser Teil des Abends zu einer lupenreinen Jazz-Jam Session geriet. Bei der der Bassist ihr fast die Schau gestohlen hat. Aber natürlich war auch das, was Gabriela aus dem Thema herausgeholt hat, ganz große Kunst. Diese jazzige Performance war für mich außer dem "Latin Concerto" von Gabriela Montero, das ich bei Gelegenheit noch einmal separat würdigen muss, der Höhepunkt des Abends.

      Eusebius schrieb:

      Ich lese die "Welt" nicht und kenne demzufolge auch die angesprochene Rezension nicht. Ich bin durchaus in der Lage mir selber ein Urteil zu bilden
      Du scheinst etwas in den falschen Hals bekommen zu haben. Ich wollte Dir nicht vorwerfen, bei einem Kritiker abgeschrieben zu haben. Ich weiß, dass Du ein sehr selbstständig denkender und nicht nachplappernder Mensch bist, und außerdem weiß ich (angesichts Deiner dort gelegentlich veröffentlichten Leserbriefe), welche Tageszeitung Du liest und dass das nicht die "Welt" ist. Eben weil ich das weiß, fand ich es bemerkenswert, dass am selben Tag zwei Menschen unabhängig voneinander in unterschiedlichen Medien dasselbe Wort in Bezug auf Gabriela Montero verwenden.
      "Ohne Bach wäre alles nichts."
      (Víkingur Ólafsson)
    • naja, Improvisation ganz ohne "Stilkopie"-Anteile, gibts das überhaupt? und macht das nicht den Reiz aus, ein Thema gekonnt durch verschiedene Stile zu jagen? (oder halt in Einem Stil gut zu umspielen...)
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      Improvisation ganz ohne "Stilkopie"-Anteile, gibts das überhaupt?
      Eine Improvisation ist etwas Selbständiges, und keine Kopie von etwas was es schon gibt. Entscheidend dafür ist die Spontaneität, was nicht ausschließt dass auch Versatzstücke aus anderen Kompositionen auftreten können. Das was Keith Jarret früher in seinen Solokonzerten gemacht hat erfüllt für mich weitgehend diesen Anspruch. Auch da tauchen natürlich immer wieder einzelne Passagen auf, die einen an bereits komponiertes erinnern. Aber er erschafft stets etwas Neues, und z.B. im Falle seiner 5 Konzerte aus Japan (Sun Bear Concerts) sogar in einem sehr engen zeitlichen Bereich.
      Das ist etwas anderes als im Stil von Bach oder Clementi zu fantasieren.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • philmus schrieb:

      Improvisation ganz ohne "Stilkopie"-Anteile, gibts das überhaupt? und macht das nicht den Reiz aus, ein Thema gekonnt durch verschiedene Stile zu jagen? (oder halt in Einem Stil gut zu umspielen...)
      Recht hast Du. Ich habe mir gerade eben zweimal die von mir verlinkte Improvisation über "Happy Birthday", die Gabriela vor neun Jahren für ein weibliches Orchestermitglied des Orchesters Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar aufgeführt hat, angesehen. Damals erfolgte diese Improvisation ersichtlich aus Gabrielas eigenem Antrieb, als Überraschung für diese junge Musikerin, nicht weil ihr jemand aus dem Publikum "Happy Birthday" vorgesungen hat. Wie sie das Thema hier nicht nur durch Dur und Moll und durch verschiedene Rhythmen, sondern tatsächlich durch alle möglichen Stile jagt, ist kaum zu beschreiben. Und die Reaktion der geehrten jungen Musikerin ist wirklich kaum in Worte zu fassen. Solche Emotionen wie von dieser jungen Frau kann ein Pianist einfach nicht auslösen, indem er irgendeinen Chopin oder Beethoven notengetreu aufführt. Dass hier etwas ganz spontan aus dem Moment heraus entsteht, ohne dass man vorher auch nur erahnen kann, was Gabi als nächstes machen wird, ist das Besondere. Man sehe sich nur mal den Beginn ihrer Improvisation ab 00:57 min. an, wobei das Video die Reaktion des Geburtstagskindes einfängt. Dieser Frau fließen die Tränen nur so runter, weil zu ihren Ehren etwas vollkommen Unerwartetes passiert. Nämlich dass ein Geburtstagsständchen in Moll startet. Hier wurde nicht ein industriell gefertigter Pullover, den man im Laden gekauft hat, als Geburtstagsgeschenk überreicht, sondern hier wurde der Pullover live selbst gestrickt. Und das im free style. Als Unikat. Und darüber freut man sich halt mehr als über ein Kleidungsstück von der Stange mit dem Bemerken, dass man es ja umtauschen könne gegen irgendwas anderes von der Stange.

      Eusebius schrieb:

      Das was Keith Jarret früher in seinen Solokonzerten gemacht hat erfüllt für mich weitgehend diesen Anspruch. Auch da tauchen natürlich immer wieder einzelne Passagen auf, die einen an bereits komponiertes erinnern.
      Eben. Wenn irgendeiner vorgefertigte Versatzstücke in seinen Improvisationen verwendet hat, dann Jarrett. Die Einleitungen seiner Soloauftritte sind auskomponiert, da kann mir niemand etwas anderes erzählen. Und ich habe ihn mehrmals live solo erlebt, besitze im Übrigen alle seine veröffentlichten Solokonzerte auf Tonträger. Das ist ja auch gar nicht schlimm. Jarrett wusste, mit welchem Klangmaterial er starten würde, und dann ließ er sich fallen und improvisierte frei weiter. Bei Gabriela Montero hingegen ist es so, dass sie eben vorher nicht weiß, über welche Themen sie zu improvisieren hat. Die werden ihr ja gerade vom Publikum vorgegeben, sie legt sie nicht selbst - wie Jarrett - vorher fest. Ich möchte mal Keith Jarrett sehen, wenn ich ihm "Little wing" vorsinge und ihn bitte, darüber jetzt bitteschön zu improvisieren.

      Versatzstücke - ich habe das bisher noch nicht analysiert, aber es mag sein - tauchen bei Gabriela allenfalls im Verlauf der Improvisation auf. Bei Jarrett am Anfang, bei ihr mittendrin. Denn wenn ihr das Publikum ihr vollkommen unbekannte Melodien vorsingt wie "Ich heff mol den Hamborger Veermaster sehn", "Atemlos durch die Nacht" oder "Mer lasse de Dom in Kölle" (man mag sich gar nicht vorstellen, was ihr alles in Japan oder China vorgesungen wird), dann muss sie sich auf das Thema vollkommen spontan und ohne jegliche Möglichkeit der Vorbereitung einlassen. Ein Jarrett muss das nicht. Er hat die Gelegenheit, die Anfangssequenzen seiner Improvisation selbst zu definieren. Man kann jetzt darüber streiten, was die größere Leistung ist. Ich finde beide Leistungen phänomenal. Und ich möchte in meiner Bewunderung keinesfalls Keith Jarrett gegen Gabriela Montero ausgespielt wissen. Ich bewundere beide Pianisten gleichermaßen.
      "Ohne Bach wäre alles nichts."
      (Víkingur Ólafsson)
    • Die Diskussion zum Thema "Stilkopie" finde ich sehr interessant. Kannte diesen Begriff bislang noch nicht.

      Habe mir mal einige Videos von Gabriela Montero angeschaut, die hier verlinkt wurden. Ich finde sie nicht nur sehr sympathisch, sondern bewundere vor allem ihren Mut, sich ganz auf völlig unbekannte Stücke einzulassen. :thumbup: Sollte sie mal in meiner Nähe auftreten, würde ich mir sicherlich ein Ticket kaufen.
      "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)
    • Gabriela Montero wird am 4. Dezember 2018 in der Bonner Bundeskunsthalle der mit 10.000 Euro dotierte Internationale Beethovenpreis verliehen. Dies teilte die Beethoven Akademie in Bonn gestern mit:
      swr.de/swr2/musik/ehrung-fuer-…661124/1ikbvt8/index.html

      Zuvor wurde ihr in diesem Jahr bereits der ebenfalls mit 10.000 Euro dotierte Musikpreis des Musikfestivals „Heidelberger Frühling“ verliehen:
      swr.de/swr2/musik/musikpreis-d…=661124/zj6u3i/index.html
      "Ohne Bach wäre alles nichts."
      (Víkingur Ólafsson)