Strauss: Die Frau ohne Schatten - Salzburger Festpiele 2011

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    • Strauss: Die Frau ohne Schatten - Salzburger Festpiele 2011

      Ich habe soeben im TV von 3SAT eine großartige Live-übertragung (zeitversetzt) der Salzburger "Frau ohne Schatten" gesehen. Meiner Meinung nach eine Sternstunde, an die man sich noch erinnern wird ...

      Angefangen bei den musikalischen Leistungen, allen voran eine strahlende und zutiefst emotional singende Anne Schwanewilms als Kaiserin. Ebenso Evelyn Herlitzius als Färberin, die darstellerisch und sängerisch einfach immer alles gibt und dadurch fesselt. Die Herren empfand ich nicht ganz so stark, aber da ist Mithalten bei diesen Damen auch schwer. Was Christian Thielemann am Pult vermag, sucht wohl Seinesgleichen. Der Strauss-Dirigent unserer Zeit, bravissimo!

      Zur Inszenierung: Das Salzburger Publikum lehnte sie hörbar ab, ich hingegen fand sie durchaus annehmbar. Christoph Loy bracht mal eine ganz andere Art Inszenierung auf die Bühne, nämlich das wahre Leben. Seine Inszenierung stützte sich auf die wahren Begebenheiten, die hinter der 1950 von Karl Böhm in Wien eingespielte Gesamtaufnahme der "Frau ohne Schatten" für das Label DECCA steckten. Und zwar hatte Böhm damals durchgesetzt, dass diese Aufnahme verwirklicht wurde und damit sogar auf sein Gehalt verzichtet. Die Einspielung fand im bitterkalten Winter in den unbeheizten Sofiensälen statt. Und genau hier spielt Loys Inszenierung. Das Bühnenbild stellt die zum Aufnahmestudio umfunktionierten Sofiensäle dar und die Protaginsten sind jene Sänger, die vorm Mikro stehen und in Gewändern der 50er die Aufgabe habe, eben diese Oper einzuspielen. Neben Aufnahmesessions entwickeln sich aber private Geschichten zwischen den einzelnen Sängern und es kommt zu Parallelhandlungen. Oder aber die Sängerin der Kaiserin wird von den Geschehnissen der Opern eingeholt und geht bis an den Rand des Wahnsinns.

      Was meint ihr? Hat es euch gefallen? Ich bin sehr beeindruckt und freue mich jetzt schon auf eine DVD Veröffentlichung.
    • Eine wahrhaft grandiose musikalische Interpretation mit phantastischen Solisten und einem brillant aufgelegten Orchester. Und auch ein besonderes Lob an Christian Thielemann, der das großartige Opus magnum dankenswerterweise ohne die meist üblichen Striche - also glücklicherweise mit dem fesselnden Melodram der Kaiserin im 3. Akt - dirigiert hat!!!

      :wink:
      Johannes
    • Ich fands wirklich toll!

      Am besten bei den Sängern haben auch mir Anne Schwanewilms und Evelyn Herlitzius gefallen. Bei Schwanewilms wollten die Koloraturen leider nicht so recht gelingen, was mir aber Egal war, diese Frau packte mich mit ihrer Darstellung so sehr, dass ich einfach staunte. Leider singt sie hier und da komische e's, aber auch das war mir ziemlich schnell egal. Bei Frau Herlitzius kann man einfach nur staunen, mit welcher Totalität sie isch der Rolle auslieferte (oder eigentlich immer ausliefert). Nachdem sie mich letztes Jahr als Ortrud nicht überzeugte (vorallem technisch), war ich einfach glücklich, dass diese Darstellerin immer noch so gut singt und spielt. Ich fand Wolfgang Koch als Barak rein technsich gesehen den stärksten Sänger des Abends, aber in dieser Inszenierung ging viel vom "Gutmenschen-Barak" verloren. Stephen Gould überzeugte schon nur damit, dass er meistens akzentfrei sang (ich hörte da keinen Amerikaner heraus) und weil er die Partie überhaupt singen kann. Auch die Amme von Michaela Schuster verliert viel vom dämonischen Reiz der Rolle in dieser Inszenierung. Aber auch hier meine Hochachtung vor einer Sängerin, die diese Partie überhaupt live singt (Ambitus von g-b'', das ist ziemlich viel für einen Mezzo/Alt).

      Thielemann fand ich im ersten Akt schlecht: ja, schlecht. Es gehört auch zum Job eines Dirigenten die Sänger nicht zu zu decken, sondern sie zu tragen. Wenn also die Kaiserin bei ihrem ersten Auftritt oft unhörbar bleibt (was sicher auch am verschlucken der Endsilben lag), ist das nicht so gut gearbeitet. Allgemein fehlte mir auch im ersten Akt der grosse Bogen. ABER ab dem zweiten AKt war ich weg, total süchtig nach der Droge Thielemann/Strauss! Ich kann wirklich jedem beipflichten, der Thielemann als besten Straussdirigenten unserer Zeit sieht.



      Bei der Inszenierung sah ich es ähnlich wie bei Thielemann: erster AKt fand ich nicht gut, aber ab dem zweiten war ich im Sog der Inszenierung drin. Was vielleicht aber auch am Buh vor dem Schlussakkord des ersten Aktes lag. Thielemann selbst brachte das Dirigat aber noch gut zu Ende, rügte dann aber die Streicher! (so sah es jedenfalls im TV aus). Ich hasse Buh-Schreier und finde es nur richtig wenn diese während der Vorstellung aussortiert werden. Ich mag es auch nicht, wenn diese am Ende der Aufführung schreien, aber wenn schon, dann bitte erst beim Schlussapplaus!



      Liebe Grüsse
    • Leporello92 schrieb:


      Thielemann fand ich im ersten Akt schlecht: ja, schlecht. Es gehört auch zum Job eines Dirigenten die Sänger nicht zu zu decken, sondern sie zu tragen. Wenn also die Kaiserin bei ihrem ersten Auftritt oft unhörbar bleibt (was sicher auch am verschlucken der Endsilben lag), ist das nicht so gut gearbeitet.


      Warst du live vor Ort oder kennst du (wie ich) nur den 3SAT Mitschnitt? Da müsste man dann nämlich fairnesshalber sagen, dass man von "Sänger zu decken" nicht sprechen kann. Du musst bedenken, dass die Mikros der Sänger unmittelbar in der Nähe der Bühne sind und die Mikros des Orchesters mittendrin. Nun kann es am Mischpult gelegen haben, dass an den von dir genannten Stellen der Technische Verantwortliche den Pegel der Sänger zu niedrig hielt. Nur als Beispiel ... Und das, wo Schwanewilms vielleicht ohne Probleme bis zur letzten Reihe hörbar war und nur die Fernsehtechnik anderes vermuten lässt. Prinzipiell würde ich Thielemann auch das nicht zutrauen, aber möglich ist alles.
    • Nein, ich kenne wie du nur den 3-Sat Mitschnitt und ich bin mir auch sicher dass das viel mit Schwanewilms dunklen e's und der Unart die Endsilben zu verschlucken zu tun hatte. Aber Thielemann hat zum Beispiel auch beim ersten Auftritt des Kaisers ein ziemlich langsames Tempo angeschlagen, was Stephen Gould nicht so entgegen kam. Grundsätzlich finde ich, dass thielemann alles andere als ein Sänger-Dirigent ist, was die Bayreuth-Mitschnitte seit Jahren bestätigen (und dort haben mir schon viele Leute die Live vor Ort waren bestätigt, dass Thielemann Sänger oft zu deckt). ABER trotzdem gefallen mir Thielemanns Dirigate sehr, besonders seine Strauss-Dirigate und ich kenne ihn als einen der führenden Dirigenten unserer Zeit an.
    • Boah, was für eine Oper!

      Obwohl ich mich schon eine Weile mit Juhu auf die Partie der Amme stürze, habe ich das erste Mal das Gesamtwerk erlebt und das auf einem so prächtigen musikalischen Niveau und einer Inszenierung, deren Grundidee ich zunächst sehr skeptisch gegenüberstand; die es aber geschafft hat, den Kern des nach meiner Auffassung seltsamen Plots herauszuarbeiten und eine unaufdringliche Grundlage für die darstellerische Entfaltung der Sänger geboten hat.

      Sicher, meist denkt man bei dieser Geschichte wohl eher an ein mittelalterliches Szenario, irgendwie orientalisch angehaucht, mit einem Lust- und Jagdpavillon, der davor kauernden, stets verdrossen - hexigen Amme, der nichts entgeht, einer ärmlichen Färberhütte im Dreck und einem ständig verstrittenen Paar, später dann diese Quelle und einem magischen Tempel und einer Menge Fabelgeschöpfe wie sprechende Falken, unsichtbare Geisterboten, dem omnipräsenten, aber abwesenden Keikobad und sich verschiebenden Traumorten.

      Die Idee Christoph Loys war, sich hiervon völlig zu lösen und das Werk mit einer hierzu scheinbar absurde Rahmenhandlung völlig anderer Thematik, die eher mit den Vorbereitungen einer Produktion zu tun hat, zu überlagern. Ähnlich lief das Ganze auch erst an, Werk und Aktion auf der Bühne passten überhaupt nicht zusammen, es herrschte ein professioneller Arbeitsgeist und jede/r war damit beschäftigt, unter meist Desinteresse der eigentlich zur Interaktion vorgesehenen Co - Figuren seinen Part abzuliefern. Noch dazu mit Rumstehen und sogar Noten (die hatten wirklich den Klavierauszug), Luxusbedingungen für die Sänger, fast konzertant, erstmal eher fad für das Publikum. Wenn schon nix los ist, freute ich mich - zu Recht - immerhin auf einen hochwertigen Gesang, der nicht durch allzuviel Herumgewusel gestört werden konnte.

      Doch Schritt für Schritt wurden die Sängerprofis zu den Charakteren der "Frau ohne Schatten", unter Umgehung der Märchenallegorie, in der realen Welt der durchaus auch in echt psychologisch heiklen Phase einer Opernproduktion, die am Ende nicht mehr unterschieden zwischen sich und ihrer Rolle und die gemäß der Opernhandlung agierten, sodass das Salzburger Publikum doch die "Frau ohne Schatten" zu hören und zu sehen bekam. Ein gewagter Ansatz, der auch schwer daneben gehen kann, doch Loy arbeitet den Kernkonflikt Erstarrung gegen Entwicklung glasklar heraus, der letztlich in diesem gewaltigen Seelenkampf der zerbrechlichsten Figur und der spirituellen Komponente der Frage, was will ihr unsichtbarer Vater, der als Gottvater betrachtet werden kann, von ihr wirklich, kaltes Funktionieren oder einen Weg des guten Gewissens, auch wenn dieser Tabus bricht, seinen Höhepunkt hat.

      Es ist, nachdem ich nur eine Fernseh - Schmalspur - Konsumentin war, schwer zu beurteilen, wie der Orchesterklang wirklich war. Jedoch, die faszinierende Klangwelt Richard Strauss´war jederzeit deutlich und klar herausmusiziert. Anders als bei der eigentlich nur auf Zerstörung gebürsteten Elektra (diese Figuren entwickeln sich so gut wie gar nicht), passieren hier Metamorphosen, was diese Musik auch wiedergibt. Daran fehlte es in keiner Weise m. E.

      Anna Schwanewillms trifft das Rollenprofil der Kaiserin m. E. punktgenau. Sie ist ein originärer Sopran, der trotz des Riesenvolumens, dass die Rolle braucht, lyrisch und jung klingt. Die Komponenten Kristallklang und Volumen bringt sie in optimaler Weise zusammen. Sie singt hochökonomisch randstimmig, was diesen berührenden Klang generiert. Im Sängerforum kann ich das mal versuchen, zu erklären. Hier mag es reichen, festzustellen, dass dies höchste Konzentration Ton für Ton bedeutet. Manchmal hat sie einzelne Töne "verloren", aber wirklich ganz selten und nie so, dass es die enorme Gesamtleistung auch nur ansatzweise schmälern könnte. Diese Singweise schließt das Risiko mit ein, dass der Resonanzraum ggf. nicht ganz gefüllt wird, und dann trägt der Ton weniger (ggf Verschlucken).

      Evelyn Herlitzius hat sich offenbar erholt. Der raue Charme dieser omnipräsenten Stimme lässt aufhorchen. Ist das wirklich noch ein Sopran, zumal sie sehr tragfähige Tiefen draufhat? Sie arbeitet in dieser Lage auch randstimmig (da unten kann ich das auch einigermaßen, weil es eine wohlige Lage ist), und ist damit bestens beraten. Ich glaube aber, dass der raue Touch gefährdet ist, in Heiserkeit umzuschlagen, wenn sie sich am nächsten Tag gleich wieder in den Monsterpart stürzen würde.

      Die Amme ist, für sich betrachtet, eigentlich ein echter Knaller für tiefe Frauenstimmen, aber wenn man sie neben die anderen FroSch - Partien stellt, ist sie hochgradig undankbar, fast die A -Karte. Das lässt mich grübeln. An die Soprane kam sie nicht so richtig ran, aber ich habe, ehrlich gesagt, keinen Plan, wie das optimal gehen soll. Für den Mezzo eigentlich zu tief (habe mich dazu umgehört), für einen Sopran sowieso und für einen Alt eigentlich zu hoch (das kann ich selber sagen). Berührend - randstimmig geht einfach nicht, ist zu hoch, obwohl auch diese Figur nicht frei davon sein muss. Manuela Schuster weiß sich auch nicht anders zu helfen, als in der Höhe einen gnadenlosen Vordersitz zu produzieren und somit die Töne schlichtweg draufzubetonieren. Mit den Sopranen zusammen ist das gelegentlich ein ziemlicher Kampfgesang, den der Mezzo meistens verliert, obwohl ich meine, dass die drei Sängerinnen gleichrangig sind, eine sich aber mit einer blöden Lage rumplagen muss. Wohl rollenbedingt beabsichtigt. Mir ist bis jetzt nur das durchaus wiederkehrende Motiv "Durch ihren Leib wandelt das Licht, als wäre sie gläsern" als einigermaßen "cantabile" aufgefallen aber auch hier ist mittendrin ein Sprung von fis" auf a und wieder zurück zu überwinden :cry: . Unmögliches Zeug, aber sehr faszinierend (Lieblingsstelle:" Er wird zu Stein"; übrigens ist insgesamt der tiefste Ton ein es, aber das ist mur so ein Wegschmeißer).

      Auch in dieser Straussoper spielen die Herren offenbar eine weniger breite Rolle, aber diese ziemlich ratlosen Ehemänner sind keinesfalls leichter zu singen als die umtriebigen Damen. Beide überzeugten mit gewaltigen, klangschönen Röhren und breitem Kreuz:-), auch der Bote, obwohl den Kerl (die Rolle meine ich natürlich) nicht ausstehen kann (das ist einer mit Scheuklappe, der jeden Sch...befehl erfüllt, Dumpfbacke)

      Wenn ich noch die anderen beschreiben würde, wird das hier vollends zu lang.

      Fazit: Ein echter Leckerbissen!!!


      :wink: :wink:
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)
    • Ich dir nur beiplfichten: eine Sternstunde: bei den Sängern (danke für die Korrektur bei der Amme, ich hatte tatsächlich nur die "er wird zu Stein" Phrase im Kopf), bei der Inszenierung und beim Dirigat. Wenn doch n ur aller Aufführungen so toll sein könnten!