PERGOLESI: Stabat mater

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    • PERGOLESI: Stabat mater

      Pergolesi schrieb zwei Meisterwerke, die ihn weit über Zeitgenossen hinausgehoben unvergessen machen, "La Serva Padrona" und "Stabat mater". Wie Mozart dem Tod ein letztes Werk abringend, gelang es ihm allerdings, es noch zu vollenden. Stabat mater - das Requiem der Muttergottes für ihren gekreuzigten Sohn. Der anonyme Text aus dem 13. Jahrhundert, möglicherweise von einem Franziskanermönch verfasst, schildert in emotionalen Worten die Passionsgeschichte aus der Sicht Mariens, vermittelt ihr Leiden am Fuß des Kreuzes und lässt an ihrem Schmerz teilhaben.

      Man nimmt an, dass Pergolesi 1734 von einer Bruderschaft Neapolitanischer Edelleute, die sich jährlich am Freitag vor Palmsonntag trafen, um das "Stabat mater" zu hören, beauftragt wurde, den Text neu zu vertonen, um die Komposition Alessandro Scarlattis zu ersetzen. Neuer musste sein, durfte aber nur zwei Solistinnen (Sopran, Alt) und Streicher beschäftigen.

      Pergolesi schuf eine fein ausbalncierte Folge von sieben Duetten und fünf Arien, die sich von seinen übrigen geistlichen Kompositionen deutlich unterschieden. Wo da Gravität und Pomp den Ernst der Komposition in barocker Manier verkörperten, ist es hier ein leichterer, gar ein galanter Stil, der sein "Stabat mater" prägt, ein Muster empfindsamer Kirchenmusik. Das wurde von einem Teil der Zeitgenossen als süßlich oder gar opernhaft angesehen - wobei man alleredings bemerken muss, dass in der Musik dieser Zeit nicht eine deutliche Trennlinie zwischen weltlicher und geistlicher Musik verlief, im Gegenteil hatten die beiden sich (ob in der kammermusik oder in der Vokalmusik) einander so angenähert, dass sie nur schwer zu unterscheiden waren.

      Doch der Chor der Bewunderer war schon immer weit größer als der der Verächter. Wenn Padre Martini 1774 das Werk als zu leichtgewichtig und zu nahe am Stil der "Serva Padrona" ansah, widersprach ihm u.a. Rousseau, für den der Beginn des Stabat mater das vollkommenste und bewegendste Duett war, das je ein Komponist geschrieben habe. Johann Sebastian Bach, wahrlich kein Vertreter des Unernstes in der geistlichen Musik, bearbeitet Pergolesis Werk, so dass er ihm die Worte des 51. Psalm unterlegen konnte ("Tilge, Höchster, meine Sünden").

      Der bittersüße melodische Gesang verwandelte die Muttergottes in eine menschliche Frau, nahm ihr etwas von dem Erdfernen und gab ihr mütterliche Gefühle, die man nicht bewundern, aber teilen konnte. Sie verlor ihren mittelalterlichen Charakter, der sie zu einem Mysterium machte, gewann dadurch aber überzeugende Gefühle. Sie ist erreichbar für die Mitmenschen und diese erreichen sie.

      Die Popularität von Pergolesis "Stabat mater" zeigte sich nicht nur in den ungezählten Aufführungen, die es sogar während der Französischen Revolution gab. Auch die Adaptionen zeigen die Wirksamkeit. So gab es eine Nachdichtung von Klopstock, die dem Werk unterlegt wurde, in England adaptierte man Alexander Pops Ode "A Dying christian to his Soul".

      Im 19. Jahrhundert passte man das Werk an die Hörgewohnheiten an, man unterlegte ein volles Sinfonieorchester und setzte einen großen Chor ein. Heute wirkt gerade die kleine Besetzung umso intensiver auf den Hörer.

      Auf Eure Lieblingseinspielungen des mir sehr ans Herz gewachsenen Werkes bin ich gespannt.

      Liebe Grüße Peter
      (BTW: Dieser thread gehört zu denen, die ein Werk der 111 Werke behandeln)
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Ich mag das Stabat Mater auch sehr. Ich habe es hiermit kennengelernt:



      Sopran: Angharad Gruffydd Jones
      Countertenor: Lawrence Zazzo

      2 Violinen, 1 Viola, 1 Cello, 1 Violone & 1 Orgel

      Dirigent: Timothy Brown


      Es ist eine solistische Vorführung, sehr subtil und transparent gehalten. Das Ensemble spielt punktiert und zurückhaltend. Die Sänger sind eine Sopranistin und ein Countertenor. Es kommt der ursprünglichen Besetzung nahe (eigentlich: for male soprano,male alto,string orchestra and basso continuo), und ich finde, es gibt dem Werk eine feine Abstufung in der Klangfarbe der Stimmen. Gruffydd Jones und Zazzo setzen sich gut voneinander ab. Sie sind beide präzise und klingen sehr angenehm. Hier kommt jene innige Qualität des Stabat Mater voll zur Geltung.

      Eine der besten CDs, die ich von Brilliant Classics kenne. :juhu:


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Dies ist meine Referenzaufnahme

      EDIT: irgendwas geht hier schief mit dem amazon - link. Es ist eine Aufnahme mit Gemma Battistini, Sara Mingardo und dem Dirigenten Allessandrini.

      Das Werk gehört auch zu meinem Repertoire. Auffällig sind einige Stücke, die trotz des ernsten Inhalts (Karfreitagsrepertoire) regelrecht beschwingt klingen wie das Duett "Inflamatus" und das Altsolo "Que morebat". Ich habe den Text mal recherchiert, um schlau zu werden aus diesem Gegensatz. Die Textstelle des Inflamatus, das ziemlich am Ende steht, gibt den Ausblick auf die Erlösung, was auch der Mutter das Herz entflammt, aber bei Que morebat kommt mir die Intension der Musik fast wie ein Verfremdungseffekt vor. Vielleicht kann dies jemand erlautern.

      :wink: :wink:
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)
    • musica schrieb:



      Wer einmal das Stabat Mater von Pergolesi gesungen hat, kommt schnell auf sein anderes Werk "Salve Regina". Der Anfang ist dem Stabat Mater sehr ähnlich. Sehr oft gesungen von Counter oder auch Sopran und Alt.


      Es gibt ja drei "Salve Regina", in a-moll, c-moll und f-moll. Auf dieser CD sind die beiden in a und c. Ähnlichkeiten zum "Stabat mater" weist das in c-moll auf. Zu dem gab es übrigens eine Sendung im DRS2, die ich (noch) aufzeichnen konnte. Ich werde dazu einen eigenen Thread aufmachen, wenn es gewünscht ist.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Ulrica schrieb:

      Auffällig sind einige Stücke, die trotz des ernsten Inhalts (Karfreitagsrepertoire) regelrecht beschwingt klingen wie das Duett "Inflamatus" und das Altsolo "Que morebat". Ich habe den Text mal recherchiert, um schlau zu werden aus diesem Gegensatz. Die Textstelle des Inflamatus, das ziemlich am Ende steht, gibt den Ausblick auf die Erlösung, was auch der Mutter das Herz entflammt, aber bei Que morebat kommt mir die Intension der Musik fast wie ein Verfremdungseffekt vor. Vielleicht kann dies jemand erlautern.


      Liebe Ulrica,

      besonders im süditalienischen Barock sind noch gerade Toten- und Passionsmusiken, erst recht Karfreitags- und Auferstehungsmusiken sehr oft äußerst hell, lebendig, voller Freude und Reichtum an Ausschmückung und Prunk. Das scheint nur uns im Widerspruch mit den oft drastischen Texten zu stehen, in der damaligen Heilsgewißheit ( - oder war es auch schon damals manchmal auch ein Pfeifen im Wald? - ) ist das alles Anlaß zu großer Freude, die reich entfaltet sein will.

      So ist z.B. auch Pergolesis Oratorium "La Morte die San Giuseppe", trotz drastisch blutspritzendem Text, äußerst lebendig, opernhaft und freudevoll. :D Und so etwas wurde damals dort zu besonderen Totenfeiern gespielt.

      Hier sollte ein Amazon-Link zu diesem Oratorium sein, funktioniert aber nicht.

      Mir sind die affektiven Zusammenhänge italienischer religiöser Barockkunst ja so fremd wie das Gefühlsleben borneischer Kopfjäger, aber egal, schöne Musik ist es jedenfalls auch für mich.

      :wink: Matthias
    • Für mich lange Zeit meine Referenzaufnahme des Stabat mater und immer noch ein Klassiker ist die Einspielung Christophe Roussets mit Andreas Scholl und Barbara Bonney:



      Die Stimmen der beiden Solisten mischen sich ganz ausgezeichnet! Ich müsste aber meine Höreindrücke wieder einmal auffrischen ;+)

      Kürzlich hat sich ja auch Anna Netrebko am Stabat mater versucht, unter Leitung Antonio Pappanos. HIP ist das selbstredend nicht ;+) Aber durchaus auch eine Alternative, wenn es nicht HIP sein soll.



      :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Kennt jemand die Einspielung mit Abbado?

      Auch in dieser 3er-Box zu haben mit weiteren Pergolesi-Werken


      Was ist davon zu halten? Die Kritiken waren sehr gut.
      (ist das eigentlich HIP? Ich mein nur wegen dem Archiv-Label...)

      LG
      Tamás
      :wink:
      "Vor dem Essen, nach dem Essen,

      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato
    • Ich habe Ausschnitte der Abbado-Aufnahme in einer Interpretationssendung gehört und seitdem steht sie auf meinem Wunschzettel. Aber bis jetzt gab es immer andere Werke, die davor gesprungen sind....
      Es grüßt tribiggi

      Die Träumenden und die Wünschenden halten den feineren Stoff des Lebens in den Händen.
      Franz Kafka
    • Noch nicht hören können habe ich folgende Aufnahme:

      Bernada Fink und Anna Prohaska mit der Akademie für Alte Musik Berlin, hört sich allerdings vielversprechend an:



      Abbado kenne ich auch nicht.

      :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Caesar73 schrieb:


      Kürzlich hat sich ja auch Anna Netrebko am Stabat mater versucht, unter Leitung Antonio Pappanos. HIP ist das selbstredend nicht ;+) Aber durchaus auch eine Alternative, wenn es nicht HIP sein soll.




      Wobei mir die Netrebko durchaus gefallen hat. Ich habe die Einspielung als TV-Mitschnitt
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Lieber Tamás,

      ich habe einen Mitschnitt aus Jesi 2010, wo Abbado auch das "Stabat mater" aufgeführt hat, mit dem Orchestra Mozart und Sara Mingardo, Alt. Die Sopranstimme sang Julia Kleiter. Historisch orientiert ist die Aufnahme auf jeden Fall, das Orchester klein besetzt, im Continuo hört man ein Cembalo. Nachdem ich nun wieder in die Rundfunk-Aufnahme des Konzertes hineingehört habe, war ein Angriff auf meinen Geldbeutel unvermeidlich. Ich kann im Moment über die CD-Einspielung nichts schreiben, bin aber gespannt.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Peter Brixius schrieb:

      Wobei mir die Netrebko durchaus gefallen hat.


      Das ging mir auch so. So ganz unbeleckt von historischer Aufführungspraxis ist die Aufnahme auch nicht. Papano spielt zum einen mit kleiner Besetzung und als Konzertmeister hat er einen HIP-Geiger verpflichtet, allerdings habe ich den Namen gerade nicht parat ;+)

      Peter Brixius schrieb:

      Ich habe die Einspielung als TV-Mitschnitt


      Ich habe die DVD, neben der Aufnahme finden sich dabei Ausschnitte aus den Proben und Interviews mit den beteiligten Musikern.

      :wink: :wink:

      Christian
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      Cato der Ältere
    • Es gibt ja drei "Salve Regina", in a-moll, c-moll und f-moll. Auf dieser CD sind die beiden in a und c. Ähnlichkeiten zum "Stabat mater" weist das in c-moll auf. Zu dem gab es übrigens eine Sendung im DRS2, die ich (noch) aufzeichnen konnte. Ich werde dazu einen eigenen Thread aufmachen, wenn es gewünscht ist.

      Liebe Grüße Peter




      Wenn du etwas über das Salve Regina schreiben würdest, wäre das sehr interessant. Ich habe es vor vielen Jahren in der Reihe "Leverkusener Musiker" gesungen.

      Sehr schön ist auch die Bearbeitung von Bach nach Pergolesi "Tilge, Höchster mein Verlangen" BWV 1083 Psalm 51.

      viele Grüße von musica
    • Peter Brixius schrieb:

      Lieber Tamás,

      ich habe einen Mitschnitt aus Jesi 2010, wo Abbado auch das "Stabat mater" aufgeführt hat, mit dem Orchestra Mozart und Sara Mingardo, Alt. Die Sopranstimme sang Julia Kleiter. Historisch orientiert ist die Aufnahme auf jeden Fall, das Orchester klein besetzt, im Continuo hört man ein Cembalo. Nachdem ich nun wieder in die Rundfunk-Aufnahme des Konzertes hineingehört habe, war ein Angriff auf meinen Geldbeutel unvermeidlich. Ich kann im Moment über die CD-Einspielung nichts schreiben, bin aber gespannt.

      Liebe Grüße Peter


      Danke! Das ist eine eindeutige Empfehlung! Ich muss dann auch irgendwann zugreifen... ;+) :thumbup:

      LG
      Tamás
      :wink:
      "Vor dem Essen, nach dem Essen,

      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato

    • Das wurde von einem Teil der Zeitgenossen als süßlich oder gar opernhaft angesehen - wobei man alleredings bemerken muss, dass in der Musik dieser Zeit nicht eine deutliche Trennlinie zwischen weltlicher und geistlicher Musik verlief, im Gegenteil hatten die beiden sich (ob in der kammermusik oder in der Vokalmusik) einander so angenähert, dass sie nur schwer zu unterscheiden waren.

      Doch der Chor der Bewunderer war schon immer weit größer als der der Verächter. Wenn Padre Martini 1774 das Werk als zu leichtgewichtig und zu nahe am Stil der "Serva Padrona" ansah, widersprach ihm u.a. Rousseau, für den der Beginn des Stabat mater das vollkommenste und bewegendste Duett war, das je ein Komponist geschrieben habe. Johann Sebastian Bach, wahrlich kein Vertreter des Unernstes in der geistlichen Musik, bearbeitet Pergolesis Werk, so dass er ihm die Worte des 51. Psalm unterlegen konnte ("Tilge, Höchster, meine Sünden").


      Das "Opernhafte" in der Kirchenmusik? Antwort von Radio Eriwan: "Im Prinzip: Jein..."

      Um die zeitgenössische Kritik zu verstehen, muß man sich etwas tiefer mit der (klerikalen) Wortbedeutung von diesem, von Kirchenseite durchaus bis weit in das 20. Jh. als Kamfschlagwort verstandenen und verwendeten Ausdruck auseinandersetzen. Leider bleibt auch heute noch die einschlägige Literatur oft nur an einer sehr oberflächlichen Verwendung dieses Begriffes hängen.
      Seit dem frühesten Christentum galt Theater in der offiziellen Lesart der Kirche als Inbegriff von Unmoral und Verwerflichkeit, als Werk des Teufels. Dies galt umso mehr, wenn dort auch noch Musik erklang, da auch weltliche Musik als Element der Unmoral verstanden wurde. Dieses Thema an sich ist sehr vielschichtig, ich möchte es daher erst einmal als Faktum stehen lassen. Die Ablehnung ging sogar so weit, daß etwa Berthold von Regensburg im 13. Jh. Schauspieler und Musiker als a priori nicht anteilig an der göttlichen Gnade sah: Sie waren grundsätzlich nicht erlösungsfähige (sic!) Werkzeuge des Teufels, solange sie nicht von ihrem gottlosen Tun abließen (was ihnen aber kaum möglich war, da ihnen aufgrund der Geschlossenheit der ma Gesellschaft dann die ökonomische Lebensgrundlage entzogen worden wäre). Von daher galt natürlich Oper als Inbegriff der Unmoral und der Versuchung. Aus diesem Grund war aus offizieller kirchlicher Sicht in der Kirchenmusik alles zu meiden, was auch nur im Entferntesten als Element von Opernmusik identifizierbar war, und das fing bereits mit den Instrumenten an - s. weiter unten.
      Auf der anderen Seite gab es von Anfang an Vorbehalte gegen Musik im Gottesdienst überhaupt und sowieso. Wenn frühe Kirchenlehrer empfahlen, "Gott im Herzen zu singen" war das durchaus wörtlich gemeint: "innerlich" zu singen, ohne physisch wahrnehmbare Töne. Das Kirchenvolk und mit ihm ein Teil des Klerus hat sich allerdings zu keiner Zeit daran gehalten, und physisch hörbare Musik mit den jeweils zeittypischen Stilelementen in die Kirche gebracht. Immer dann, wenn es in diesen zeittypischen Elementen Änderungen gab, formierte sich Widerstand innerhalb von Teilen der Kirche: gegen die Einführung des römischen Chorals im Frankenreich (z.B. Agobard von Lyon), gegen die Einführung der Orgel (z.B. Aelred), gegen die Einführung der Mehrstimmigkeit (z.B. Johannes XXII, Docta sanctorum patrum), gegen instrumentalbegleiteten Gesang... Dagegen wurde das, was jeweils bereits Bestand hatte, mehr oder weniger unwillig akzeptiert, nicht ohne den allfälligen Hinweis darauf, daß anders - einstimmig a cappella - wünschenswerter wäre.
      Für die Entstehungszeit von Pergolesis Stabat Mater stellt die Enzyklika "Annus qui" Benedikt XIV von 1749 die aktuelle kirchliche Sichtweise dar. Ihr eigentlicher Zweck lag darin, den Pilgern des heiligen Jahres 1750 im Vatikanstaat und in Rom ein Würdiges Kirchenleben zu bieten, de facto beschäftigt sie sich dabei aber fast ausschließlich mit "würdiger" Kirchenmusik, wofür eine Legion von kirchlichen Autoritäten zitiert wird - was den Schluß nahelegt, daß die Praxis eine andere war, als das dort skizzierte Idealbild. Dies bestand in einer Pflege des Chorals, wo immer möglich, oder allenfalls in Vokalpolyphonie a cappella in stile antico. Orgel als Begleitung oder besser zur alterim-Praxis war zugelassen, wenn auch mit dem Hinweis, daß sie nicht unbedingt nötig wäre, an hohen Festtagen auch Streicher (Kirchentrio!) und Fagotte (sic!), sowie (als Reminiszenz an David) Zither und Psalterion. Für alle zugelassenen Instrumente bestand jedoch die Auflage, daß sie den Gesang nicht zudecken durften. Ausdrücklich verboten waren alle Instrumente die der "Oper" zugeschrieben wurden: Pauken, Blechbläser, Flöten, Oboen, Zink/Cornetto, Harfen, Mandolinen "und ähnliche Instrumente" (z.B. Cembali). Über Kompositionsprinzipien läßt sich die Enzyklika wie andere kirchliche Schriften bis hin zum motu proprio von 1903 zu diesem Thema nicht aus. "Opernhaft" bedeutet also nicht, daß sich die Musik zeitgenössischer Prinzipien bedient, sondern der Stein des Anstoßes liegt in der Ausführung figuraliter, in der Art der Instrumentalbegleitung.
      Dabei besteht für die erste Hälfte des 18. Jhs. durchaus eine wahrnehmbare stilistische Trennlinie zwischen Kirchenmusik und weltlicher Musik. Zunächst bestand in der zeitgenössischen Kirchenmusik durchaus ein gewisser Stildualismus zwischen stile antico und dem stile moderno, mit erheblichen regional unterschiedlichen Wichtungen in Europa, aber auch in Italien. Nichtsdestoweniger sind auch figurierte kirchenmusikalische Werke im stile moderno in der Regel (mit Ausnahmen, klar) eindeutig als musica sacra zu identifizieren: Ich glaube, daß es den meisten hier im Forum keine Probleme bereitet, bereits nach wenigen Takten ein kirchenmusikalisches (nicht: geistliches!) Werk der Zeit als solches zu identifizieren, auch ohne auf den Text zu achten. Mit anderen Worten: Jenseits der auch in der Kirchenmusik selbstverständlichen Anwendung zeittypischer kompositorischer Prinzipien bleibt der Kirchenmusik eine stilistische Eigenheit, die auch in den kirchenmusikalischen Werken Pergolesis wahrnembar ist .
      Auch wenn Pergolesi keine "Theaterinstrumente" verwendet (Cembalo oder Theorbe als continuo-Instrument in der Kirche ist eine Errungenschaft moderner Kirchenkonzerte), ist das Stabat Mater und das Salve Regina jeweils ein Werk, das musikalisch sehr in die Zukunft weist. Aus dem Vorgesagten wird, glaube ich, deutlich, daß damit auch Kritiker auf den Plan gerufen wurden, gerufen werden mussten, die darin die nötige "pia gravitas" vermissten. Aber das ist letzlich eine Erscheinung, die für die katholische Kirche und ihre Musik seit zwei Jahrtausenden so typisch ist wie das Amen.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Lieber Bustopher,

      da ist doch einiges meinem Informationsstand zu widersprechen scheint. Über "opernartige" geistliche Musik kann man doch wohl erst sprechen, sobald es Oper gibt. Also kann eine Argumentation vor Monteverdi sich nur auf weltliche, nicht auf Opern-Musik beziehen - und dass es da engste Beziehungen gab, wird ja wohl am besten durch die ganzen vatikanischen Verbote deutlich, die bekannterweise nicht die Praxis der in der Kirche aufgeführten Musik war.

      Mit der Oper Monteverdis entstand auch das Oratorium - und da gibt es keinen stilistischer Unterschied, das gleiche gilt auch für andere geistliche Kompositionen. Dass es bestimmte Bereiche der geistlichen Musik (Messe, insbesondere Requiem) gab, die noch deutlich unterscheidbar waren, änderte sich zur Zeit Pergolesis. Ich habe auf eine Äußerung der Musikhistorikerin Sibylle Dahms zurück gegriffen, die in einem Rundfunkfeatures exakt das sagte, was ich kolportiert habe. Im Bockmeier/Mauser (Handbuch der musikalischen Gattungen. Band 5) lese ich gerade über die Schwierigkeiten, Sonate da chiesa und da camera in der Zeit nach Corelli auseinander zu halten- Da liest man über die Triosonate um 1700

      Die Indizien für die entsprechende Priorität und Konsistenz der Triosonate seien hier vorab nochmals gebündelt [,,,]
      3. ihre feste Etablierung im Gebrauchszusammenhang der 'Kammermusik', verbunden auch mit der schwindenden formellen Trennung zwischen "da chiesa"- und "da camera"-Typus[...]


      Wie Du richtig bemerkst, muss man die zeitgemäße Bedeutung von Kirchenmusik berücksichtigen - und was man zeitgemäß in der Musik vorfindet, nicht was dekretiert wurde.

      Ich werde mir in den nächsten Tagen den Fellerer (Geschichte der katholischen Kirchenmusik) vornehmen und gerne auf Einzelheiten eingehen, aber doch nicht in diesem Thread, oder?

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)