Janáček: Die Sache Makropulos - Salzburger Festspiele, 10.8.11 (Premiere)

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    • Janáček: Die Sache Makropulos - Salzburger Festspiele, 10.8.11 (Premiere)

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      Esa-Pekka Salonen, Musikalische Leitung
      Christoph Marthaler, Regie
      Anna Viebrock, Bühnenbild und Kostüme
      Olaf Winter, Licht
      Joachim Rathke, Mitarbeit Regie
      Malte Ubenauf, Dramaturgie
      Jörn H. Andresen, Choreinstudierung

      Angela Denoke, Emilia Marty
      Raymond Very, Albert Gregor
      Peter Hoare, Vítek, Rechtsanwaltsgehilfe
      Jurgita Adamonytė, Krista, seine Tochter
      Johan Reuter, Jaroslav Prus
      Aleš Briscein, Janek, sein Sohn
      Jochen Schmeckenbecher, Dr. Kolenatý, Rechtsanwalt
      Linda Ormiston, Eine schottische Hausangestellte (Uklízečka /Komorná)
      Peter Lobert, Ein Zivildienstleistender (Strojník/Lékar)
      Ryland Davies, Hauk-Šendorf
      Sasha Rau, Jin Ling
      Silvia Fenz, Mary Long
      Anita Stadler, Anita Stadler

      Wiener Philharmoniker
      Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor




      Seit seiner ersten (grandiosen) Operninszenierung – Debussys Pelléas et Mélisande 1994 in Frankfurt – hat Christoph Marthaler nicht häufig, aber regelmäßig im Musiktheater Regie geführt. Zu seinen schönsten, auch per DVD verbreiteten Arbeiten gehört Janáčeks Katia Kabanova, die 1998 in Salzburg Premiere hatte und seitdem über zahlreiche europäische Bühnen getingelt ist – immer mit Angela Denoke in der Titelrolle.

      Am gestrigen Mittwoch hat Marthaler bei den Salzburger Festspielen wieder eine Janáček-Oper auf die Bühne gebracht, wieder mit Denoke in der Titelrolle: Die Sache Makropulos. Es war ein vom sehr konzentrierten Premierenpublikum mit fast schon unheimlicher Einstimmigkeit bejubeltes Ereignis – eine Verschmelzung von szenischer und musikalischer Konzeption, wie man sie selten erlebt.

      Aus Zeitgründen keine kohärente Beschreibung, nur einige Aspekte: Anna Viebrock hat eines ihrer besten Bühnenbilder verwirklicht, einen holzgetäfelten Gerichtssaal mit vielen erstaunlichen Auf-und Abtrittsmöglichkeiten, der zu den Seiten hin mit möblierten Glaskästen, skurrilen Sitzgruppen und einem endlos fluchtenden Korridor mit numerierten Türen skurril ausfranst. Zu Anfang des dritten Akts (es gibt keine Pause) marschieren Dutzende von Statisten auf, Richter, Anwälte, Publikum – nur um gleich wieder abzutreten, wiederzukommen und mit meckerndem Gelächter endgültig zu verschwinden: der Prozess findet nicht statt.

      Marthaler hat keine Probleme, die enorme Bühnenbreite des Großen Festspielhauses adäquat zu bespielen: im ersten Akt unterhalten sich Gregor und Emilia Marty zunächst über die volle Distanz von fast vierzig Metern, um sich dann auf geradezu magische Art einander anzunähern. Diese Szene kann beispielhaft für die Einheit von Szene und Orchestergraben stehen: Salonen organisiert das Duett zwischen beiden mit häufigen Tempowechseln, die sich in den Bewegungen der beiden Sänger nicht exakt, sondern mit leichten Verschiebungen widerspiegelt. Alle Sänger verkörpern geradezu die Musik, zu der sie agieren: Anwaltsgehilfe Vitek nimmt beispielsweise gleich zu Anfang einen Horntriller durch das nervöse Trommeln seiner Finger auf. Und Angela Denoke reagiert in ihrer Körperhaltung immer wieder auf Wechsel in Harmonie, Klangfarbe und Gestik der Musik.

      Auf der „eigentlichen“ Handlungsebene erzählt Marthaler relativ getreu das Stück nach, sogar überwiegend in Kostümen der 20er Jahre. Kein Opernregisseur vermag es so, Sänger mit der dargestellten Figur verschmelzen zu lassen: der stets nervöse Vitek, der seine Tochter aufdringlich bemuttert. Gregor, ein schon ziemlich alter und extrem verdruckster Möchtegern-Liebhaber. Der gelassene, gefährlich lauernde Prus, der nach der Nachricht vom Tod seines Sohnes plötzlich als gebrochener, traumatisierter Mann umhertaumelt. Der Anwalt Kolenaty wechselt zwischen arrogantem auswendigen Zitieren aus Gerichtsakten und wild-konvulsivischen Slapstick-Einlagen, bei denen er sich in seinem eigenen Schal (später in seinem Talar) verheddert. Das geht in seiner Prägnanz weit über das auf Opernbühnen übliche realistisch-psychologisierende Figurentheater à la Carsen, Guth und Loy hinaus. Überragend Angela Denoke: immer agiert sie als sich selbst reflektierende Schauspielerin, gewissermaßen unzählige Posen und Haltungen darstellend – um dann, im Einklang mit den kurzen Einbrüchen in der Musik, manchmal in sich zusammenzusinken, regelrecht zusammenzubrechen oder wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln vor sich hinzuwanken.

      Marthaler belässt es aber eben nicht bei der Handlungsebene, sondern fügt einen ganzen Strauß von kommentierenden und travestierenden Parallelhandlungen und -aktionen hinzu: Schon vor dem Beginn des Vorspiels unterhalten sich eine jüngere und eine sehr alte Frau im Glaskasten (=Raucherraum) auf der linken Bühnenseite über die Möglichkeit eines längeren Lebens und über die Merkwürdigkeit, Opern in Sprachen zu hören, die niemand versteht – der vom Publikum mit verblüfftem Lachen goutierte Dialog ist allerdings nicht zu hören, sondern nur in den Übertiteln nachzulesen. Später kommt es immer wieder zu scheinbar sinnlosen, skurrilen, rituell wiederholten Handlungen: Der im Programmheft als „Zivildienstleistender“ ausgewiesene Maschinist bringt etwa im zweiten Akt der alten, gebrechlichen Frau an die dreißigmal verschiedene Blumensträuße an die Tür (in der am Ende des ersten Akts bezeichnenderweise Emilia Marty verschwunden war): auf diese Weise wird die alte Frau mit der Hauptfigur überblendet. Am Ende stirbt Elina Makropulos nicht, sondern schreitet – mehrere traumatisierte Männer zurücklassend – gelassen von der Bühne. Seitlich aber bricht nicht die alte, sondern die jüngere Frau zusammen… Ich kann hier unmöglich die ganze Fülle der seriellen Handlungskommentare aufzählen, habe sie auch nicht alle mitbekommen: sicher ist aber, dass sie auf das zentrale Thema des immer wiederholten Lebens zielen. Es lassen sich Inszenierungen denken, die mehr das Verzweifelte, Gewalttätige aus der Oper herausholen: auf ihre Art ist die Regie Marthalers aber unübertrefflich.

      Die sprachidiomatische Leistung der Sänger kann ich nicht beurteilen: es wurde aber, mit kleinen Qualitätsschwankungen, durchweg auf hohem Niveau gesungen. Angela Denoke artikuliert jedenfalls mit großer Prägnanz, es ist erstaunlich, wie intakt ihre Stimme immer noch ist: wenn sie in der fast anstrengungslosen Höhe nicht perfekt intoniert, so macht sie das durch eine enorme Vielfalt von stimmlichen Tonfällen wett, die der Varianz ihrer Darstellungskunst entsprechen.

      Das Dirigat von Esa-Pekka Salonen kann nicht genug gerühmt werden: überaus variabel in den Tempi (auch in den Binnentempi, wie oben schon geschrieben), die unterschiedlichen Charaktere ganz klar darstellend, oft hart, aber nie spröde und in den lyrischen Einsprengseln und am Schluss von leuchtender Klanglichkeit. Die Wiener Philharmoniker spielten (mit Ausnahme der wieder einmal leicht unzuverlässigen Hörner) fantastisch, die Aktschlüsse kamen mit zerschmetternder Gewalt. Die größte Leistung von Salonens Dirigat waren aber vielleicht die vielen spannungsgeladenen Pausen, die genau mit der Inszenierung Marthalers abgestimmt waren: eine bis zur Unerträglichkeit gedehnte Stille in der Szene zwischen Emilia und Hauk im zweiten Akt nahm dem Publikum geradezu den Atem.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Danke für den Bericht - da bin ich nun ja erst recht auf Samstag gespannt, wenn wir diese Produktion sehen werden. 8+)

      Beim ersten Browsen durch die Kritiken im Internet bin ich auf so einhellige Begeisterung gestoßen, dass ich beinahe meinen Augen nicht glauben wollte - das kommt doch sonst nicht vor. Irgendwie beruhigend ;+) , dass dann doch auch skeptische Stimmen aufgetaucht sind, z.B. im Berliner Tagesspiegel und bei klassika.info.


      Michel :wink:
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Und die Zeit findet es vorhersehbar langweilig:

      zeit.de/kultur/2011-08/salzburg-janacek-makropulos

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Zwielicht schrieb:

      Schon vor dem Beginn des Vorspiels unterhalten sich eine jüngere und eine sehr alte Frau im Glaskasten (=Raucherraum) auf der linken Bühnenseite über die Möglichkeit eines längeren Lebens und über die Merkwürdigkeit, Opern in Sprachen zu hören, die niemand versteht – der vom Publikum mit verblüfftem Lachen goutierte Dialog ist allerdings nicht zu hören, sondern nur in den Übertiteln nachzulesen.


      Ich habe diese Aufführung nicht gesehen, kann daher kein Urteil abgeben. Ich frage mich nur, ob diese Oper nicht doch besser mit Janáceks Vorspiel beginnt als mit Marthalers Prolog. Solch ein Vorspiel reißt schließlich hinein in die Handlung...
      Was ich hingegen gut finde (und dazu brauche ich es nicht selbst gesehen zu haben): Daß Emilia Marty endlich einmal nicht mit einer alten Sängerin besetzt ist - wenn man vom Text ausgeht, ist nämlich die Denoke eigentlich auch schon zu alt für die Rolle. Aber sie paßt noch immer besser als Anja Silja...
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • pfuetz schrieb:

      Und die Zeit findet es vorhersehbar langweilig:

      zeit.de/kultur/2011-08/salzbu…acek-makropulos


      Was allerdings genau die Kritik aus dem Tagesspiegel ist, die Michel schon oben verlinkt hat. Zeit online ist nicht mit der Wochenzeitung Die Zeit zu verwechseln, sondern ein Onlineportal, das von verschiedenen Blättern der Holtzbrinck-Verlagsgruppe beschickt wird. Im übrigen folgt die Kritik einem verbreiteten Typus: Der Rezensent hat sich an einem bestimmten Regiestil sattgesehen (oder ihn nie gemocht) und macht sich nicht die Mühe, nach Korrespondenzen zwischen Werk und Regie zu suchen. Er behauptet einfach ihr Nichtvorhandensein.


      Viele Grüße

      Bernd
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    • Edwin schrieb:

      Ich habe diese Aufführung nicht gesehen, kann daher kein Urteil abgeben. Ich frage mich nur, ob diese Oper nicht doch besser mit Janáceks Vorspiel beginnt als mit Marthalers Prolog. Solch ein Vorspiel reißt schließlich hinein in die Handlung...


      Die Handlung setzt ja mit dem zwischen leichter Komik und Nachdenklichkeit changierenden Alltagstonfall Viteks ein - was auch ein starker Kontrast zum extrem verdichteten, hochpathetischen Vorspiel ist. Durch den Marthaler-Prolog (der wohl z.T. aus der Capek-Vorlage stammt, die ich leider nicht kenne) wird das instrumentale Vorspiel gewissermaßen eingerahmt - nach meinem Empfinden hat es dadurch nichts von seiner Wirkung verloren.


      Edwin schrieb:

      Was ich hingegen gut finde (und dazu brauche ich es nicht selbst gesehen zu haben): Daß Emilia Marty endlich einmal nicht mit einer alten Sängerin besetzt ist - wenn man vom Text ausgeht, ist nämlich die Denoke eigentlich auch schon zu alt für die Rolle. Aber sie paßt noch immer besser als Anja Silja...


      Wobei das Alter der Emilia Marty doch nicht eindeutig bestimmbar ist: das Elixier hat Elina mit sechzehn Jahren verabreicht bekommen, zum Zeitpunkt der Handlung hat sie die geschenkten 300 Jahre allerdings auch schon um 37 Lenze überschritten. Soweit ich sehe, wird im Libretto zweimal über das Alter Martys spekuliert: zu Anfang schätzt Vitek sie mit vorsichtiger Zustimung seiner Tochter auf "etwa dreißig", kurz vor Schluss versucht Krista sie mit der Schätzung "über vierzig" zu verletzen. In diesen Rahmen passt Denoke mit ihren 39 Jahren (die man ihr nicht unbedingt ansieht) doch ganz gut.


      Viele Grüße

      Bernd
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    • Zwielicht schrieb:

      das Elixier hat Elina mit sechzehn Jahren verabreicht bekommen, zum Zeitpunkt der Handlung hat sie die geschenkten 300 Jahre allerdings auch schon um 37 Lenze überschritten. Soweit ich sehe, wird im Libretto zweimal über das Alter Martys spekuliert: zu Anfang schätzt Vitek sie mit vorsichtiger Zustimung seiner Tochter auf "etwa dreißig", kurz vor Schluss versucht Krista sie mit der Schätzung "über vierzig" zu verletzen. In diesen Rahmen passt Denoke mit ihren 39 Jahren (die man ihr nicht unbedingt ansieht) doch ganz gut.


      Ja, da hat Leos der Rätselhafte wieder einmal nicht genau aufgepasst bei seinen Änderungen der Vorlage. Seine Texte sind nicht immer ganz logisch. Wenn man vom höheren Alter ausgeht, paßt die Denoke bestens (stimmlich sowieso), beim jüngeren wäre die Silja ideal gewesen - aber am Anfang ihrer Karriere... :D

      Was den Prolog betrifft: Das muß ich selbst hören. Die Ouvertüre wird ja erst durch den Schluß ausbalanciert - durchaus möglich, daß mich durch diese zeitliche Entfernung der Prolog nicht stören würde.

      Das Capek-Original ist nur noch antiquarisch in einem Aufbau-Verlag-Band mit allen Capek-Stücken zu bekommen - derzeit leider nicht einmal das, zumindest nicht über ZVAB (eben nachgesehen).
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Einige wenige ungeordnete erste Eindrücke des DVD-Mitschnitts vom Samstag:

      Salonens Makropulos Wiedergaben betont – im Gegensatz zum TV-Mitschnitt unter Davis - die Härten; auch große Deutlichkeit. Er arbeitet aggressive, raue Momente trefflich heraus, was mir persönlich sehr entgegen kommt. Im Radiomitschnitt ist das noch besser hörbar.

      Die – im Prinzip nicht üble - Regie Nicolas Lehnhoffs (Gyndebourne , 1995, unter der musikalischen Leitung von Davis) besitzt die Tendenz sich zu erschöpfen in Verdoppelung dessen, was bereits im Text verankert ist. Sie wirkt in dieser Perspektive sehr abgeschlossen. Dem Besucher wird somit wenig Raum gegeben, imaginativ und gedanklich das zu übersteigen, was szenisch auf der Bühne abläuft.

      Was eindeutig scheint, gewinnt dagegen unter Marthaler alternative Interpretationsmöglichkeiten, verschiedene Perspektiven, wird mehrdeutig. Z.B. Emilia Marty stirbt nicht am Ende der Oper den üblichen theatralischen Tod, sondern verlässt teilnahmslos die Bühne. Der Besucher ist gefordert, bzw. hat die Möglichkeit selbst nach unterschiedlichen Erklärung zu suchen:
      Ist es die choreographische Umsetzung von Emilia Martys: "Sterben oder weggehen, das ist alles gleich, es ist gleich" oder möchte sie noch einmal mit Hauk-Schendorf zusammentreffen, möchte sie bloß ganz allein sterben oder wird ein Aufbruch der linearen Handlung angestrebt ?

      Manche Choreographien Marthalers erschließen sich vom Ende der Oper aus. Mehrere Male legt sich im 1. Akt Emilia ganz flach z.B. auf ein hölzernes Podest, das die Form eines Sargs aufweist. Sie wehrt lustlos und müde Zudringlichkeiten Gregors ab. „Wundervoll war's, wie der Tod mich zart angerührt. Und davor hab' ich Angst gehabt?“ wird sie später im 3. Akt singen.

      Unter Lehnhoff wird die Rolle Emila Martys überwiegend reduziert als lebensüberdrüssige Zynikerin. Bei Marthaler gewinnt sie zusätzliche Facetten. Oft bewegt sich Emilia in extremer, ja auffälliger Langsamkeit, was in einer großartigen Weise die ungeheuere innere Distanz Emilas zum geschäftigen, für sie sinnlosen Treiben der Welt ausdrückt; während z.B. Kolenaty, Vitek oder auch Albert Gregor oft hektisch, verbissen, ganz im Geschehen involviert, agieren. Das passt vorzüglich zum Orchestersatz Janaceks. Der Regie gelingt es auch musikalische Zusammenhänge bzw. Momente neu erfahrbar werden zu lassen...

      Unter der musikalischen Leitung Salonens und der Regie Marthalers wird einem vor allem die Rätselhaftigkeit dieses Meisterwerkes deutlich...

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Die Produktion kann man sich als Mitschnitt der 3sat-Übertragung auch komplett auf Youtube ansehen und -hören:


      "http://www.youtube.com/watch?v=xL7YGsktGCM" (erster Akt)

      "http://www.youtube.com/watch?v=GdSV3KoL12M" (zweiter Akt)

      "http://www.youtube.com/watch?v=jxRWaebIaHM" (dritter Akt)


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:


      Marthaler belässt es aber eben nicht bei der Handlungsebene, sondern fügt einen ganzen Strauß von kommentierenden und travestierenden Parallelhandlungen und -aktionen hinzu: Schon vor dem Beginn des Vorspiels unterhalten sich eine jüngere und eine sehr alte Frau im Glaskasten (=Raucherraum) auf der linken Bühnenseite über die Möglichkeit eines längeren Lebens und über die Merkwürdigkeit, Opern in Sprachen zu hören, die niemand versteht – der vom Publikum mit verblüfftem Lachen goutierte Dialog ist allerdings nicht zu hören, sondern nur in den Übertiteln nachzulesen. Später kommt es immer wieder zu scheinbar sinnlosen, skurrilen, rituell wiederholten Handlungen: Der im Programmheft als „Zivildienstleistender“ ausgewiesene Maschinist bringt etwa im zweiten Akt der alten, gebrechlichen Frau an die dreißigmal verschiedene Blumensträuße an die Tür (in der am Ende des ersten Akts bezeichnenderweise Emilia Marty verschwunden war): auf diese Weise wird die alte Frau mit der Hauptfigur überblendet. Am Ende stirbt Elina Makropulos nicht, sondern schreitet – mehrere traumatisierte Männer zurücklassend – gelassen von der Bühne. Seitlich aber bricht nicht die alte, sondern die jüngere Frau zusammen… Ich kann hier unmöglich die ganze Fülle der seriellen Handlungskommentare aufzählen, habe sie auch nicht alle mitbekommen: sicher ist aber, dass sie auf das zentrale Thema des immer wiederholten Lebens zielen. Es lassen sich Inszenierungen denken, die mehr das Verzweifelte, Gewalttätige aus der Oper herausholen: auf ihre Art ist die Regie Marthalers aber unübertrefflich.


      Amfortas09 schrieb:


      Was eindeutig scheint, gewinnt dagegen unter Marthaler alternative Interpretationsmöglichkeiten, verschiedene Perspektiven, wird mehrdeutig. Z.B. Emilia Marty stirbt nicht am Ende der Oper den üblichen theatralischen Tod, sondern verlässt teilnahmslos die Bühne. Der Besucher ist gefordert, bzw. hat die Möglichkeit selbst nach unterschiedlichen Erklärung zu suchen:
      Ist es die choreographische Umsetzung von Emilia Martys: "Sterben oder weggehen, das ist alles gleich, es ist gleich" oder möchte sie noch einmal mit Hauk-Schendorf zusammentreffen, möchte sie bloß ganz allein sterben oder wird ein Aufbruch der linearen Handlung angestrebt?


      Bei Capek stirbt Elina Makropulos ja auch nicht, und wenn man genauer darüber nachdenkt, ist diese Änderung Janáceks auch eher unlogisch (aber Janácek hat öfter dramatische Wirkung über die Logik gestellt, als er seine Vorlagen zusammenkürzte, vgl. die Luka/Filka-Sache im Totenhaus, Fekluscha in der Katja etc.): wieso sollte Elina Makropulos genau dann sterben, wenn sie die Formel verbrennt, obwohl sie doch erst 37 ist? Eine Variante wäre natürlich, sie von Anfang an als todkrank zu zeichnen, die die Formel dringend benötigt, weil sie sonst wirklich stirbt. Marthalers Variante, so wie ich sie verstehe, hat aber auch einiges für sich: nicht Elina stirbt, sondern Elinas Jugend (personifiziert in der jungen Frau) stirbt unwiderruflich. Jetzt wird Elina auch äußerlich altern und vertrocknen und vom Zivildiener in der Seniorenresidenz verschiedene Blumensträuße von Fans vergangener Zeiten an die Tür gebracht bekommen und dereinst sterben. Was meint ihr?

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.