Nicht von Bach

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    • Nicht von Bach

      Die Idee zu diesem Thread stammt von hier.

      Fangen wir also mit der Orgel an, wo BBB meinte:
      würden endlich einmal alle Recherchen der letzten 50 Jahre, die Authentizität der Bachschen Orgelwerke betreffend, miteinander abgeglichen, dürfte sich heraustellen, daß sich dann mehr als die Hälte aller im Umlauf befndlichen Orgelkompositionen im Appendix des BWV wiederfänden...


      So auf die Schnelle fallen mir die üblichen Verdächtigen ein, die eigentlich keine mehr sind und garantiert nicht von JSB stammen:

      Acht kleine Präludien & Fugen
      Toccata & Fuge d-moll BWV 565
      Pedalexerzitium
      Kleines harmonisches Labyrinth

      Natürlich gibt es einen ganzen Sack einzeln stehender Choralbearbeitungen, deren Autorschaft höchst zweifelhaft ist, und bei den "frühen" Präludien, Fantasien & Fugen ist wohl auch nicht alles Bach, was glänzt.

      Aber jetzt kommt erst einmal eine ausführliche Fortsetzung aus Bärlin. :D
    • Ohne nachgesehen zu haben:

      Die Acht Kleinen sind doch von Johann Tobias Krebs, dem Vater des Bachschülers Johann Ludwig Krebs, oder?

      Bei der Toccata ist nur klar, dass sie nicht von Bach stammt.

      Pedalexerzitium? Weiß ich jetzt nicht. Lässt sich aber herausbekommen.
    • Hildebrandt schrieb:

      Bei der [chronischen] Toccata ist nur klar, dass sie nicht von Bach stammt.

      Hildebrandt schrieb:

      Gute Chancen auf den Titel „Bach-Bibel“ hat

      Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach
      2., ergänzte Auflage, 2005. 656 Seiten, Paperback. Fischer-Taschenbuch 16739. ISBN 978-3-596-16739-5. € 14,95

      Angesichts
      der emsigen Bach-Forscher ist das Streben nach Aktualität nahezu
      aussichtslos. Trotzdem kommt diesem Ideal keiner näher als Wolff, der
      hier die bis zur Drucklegung jüngsten Erkenntnisse versammelt und
      kommentiert.

      Lieber Holzwurm,

      in der von Dir unlängst empfohlenen, aktuellen Bach-Bibel würdigt Wolff aber die d-moll-Toccata als ein "besonders charakteristisches Beispiel für den kühnen und virtuosen Ansatz des jungen Bach". Von Zweifeln, was Johann Sebastians Autorschaft betrifft, keine Rede. Die verschiedenen Theorien, dass BWV 565 ursprünglich gar keine Komposition für Orgel war, bleiben auch unerwähnt. (S. 78 ff)

      :whistling:
    • Wer hat die Epidemische komponiert?

      Es verhält sich bei dem Ding ja so, dass nur auf einer der Abschriften (wahrscheinlich Abschrift einer Abschrift) der Name Bach überhaupt vorkommt.
      Es gibt kein Autograf und keine weiteren Quellen, die Bach als Autor wahrscheinlich machen.

      Mit letzter Gültigkeit lässt sich nichts beweisen, aber – und da relativiere ich dann das "klar" – mir leuchten die Argumente der Gegner einer Bachschen Autorschaft sehr viel eher ein als die der Befürworter.
    • RE: Wer hat die Epidemische komponiert?

      Hildebrandt schrieb:

      Es verhält sich bei dem Ding ja so, dass nur auf einer der Abschriften (wahrscheinlich Abschrift einer Abschrift) der Name Bach überhaupt vorkommt.
      Es gibt kein Autograf und keine weiteren Quellen, die Bach als Autor wahrscheinlich machen.
      Du scheinst dieses Werk nicht sonderlich zu mögen :D

      Es gibt von vielen Werken Bachs kein Autograph - das ist kein Argument, das Gewicht hat. Bei den Abschriften kommt es darauf an, wer sie gemacht hat. Handelt es sich um ein Familienmitglied (Bachs Frau, einer seiner Söhne z. B.) oder um einen seiner Schüler (Kirnberger, Altnikol, Krebs, wer auch immer)? Das wäre ein starkes Argument für Bach.
      Mit letzter Gültigkeit lässt sich nichts beweisen, aber – und da relativiere ich dann das "klar" – mir leuchten die Argumente der Gegner einer Bachschen Autorschaft sehr viel eher ein als die der Befürworter.
      Es gibt hier keine Gewissheit (zumindest solange nicht, bis in irgendeiner Bibliothek oder auf irgendeinem Dachboden Bachs Autograph auftaucht), sondern lediglich Hypothesen und Argumente, die für oder wider Bach als Komponist sprechen.

      Allerdings gehört BWV 565 auch für mich nicht zu den Werken, die ich in einer Gesamtaufnahme von Bachs Orgelwerken vermissen würde :D

      :wink: Fugato

    • Wenn man sich einmal vor Augen führt, wie oft sich Forscher und Wissenschaftler schon geirrt haben, hätte man eigentlich einen sehr guten Grund dafür, ihren Aussagen gegenüber sehr skeptisch zu sein. Merkwürdigerweise passiert heute genau das Gegenteil. Wissenschaft ist zu einer Art Ersatzreligion geworden. Der größte Blödsinn wird sofort geglaubt, wenn ihn nur ein Wissenschaftler mit möglichst vielen akademischen Titeln von sich gegeben hat.

      Deshalb sollte man sich als Musikliebhaber nicht von den "neuesten Forschungsergebnissen" irre machen lassen. Wichtig ist letztlich die Musik und nicht derjenige, der sie komponiert hat. Vielleicht wird in den nächsten Jahren noch ein Autograph von BWV 565 gefunden, aber im Korrigieren ihrer falschen Behauptungen waren Wissenschaftler ja schon immer sehr flexibel.

      Liebe Grüße von der Stichnote
    • Man hört, was man hören will - ich habe im Thread über Friedemann Bach vor kurzem ein eklatantes Beispiel beschrieben, wo die Beiheftautoren ein eindeutig nicht von ihm stammendes Werk als besonders geniales Beispiel loben.

      Schon Walter Kolneder hat in seinm Bach-Lexikon provokativ gefragt, von wem sie (die endemische) denn sonst sein solle. Ich weiß es auch nicht. Aber ich bin mir sicher, daß Bach (egal ob Vater oder Söhne) immer für eine Überraschung gut ist.

      Da wäre z.B. der Marsch zur Kantate BWV 207 "Vereinigte Zwietracht der wechselnden Saiten", den Koopman nicht mit aufgenommen hat, weil er angeblich nicht typisch Bach sei (was immer das sein mag), zu französisch - dabei hat er diese Musik in am Hof von Celle mit seinen französischen Bläsern kennengelernt - und seltsamerweise am Ende der Partitur steht, was aber auch nur bedeuten kann, daß er ihn aus unbekannten Gründen erst zum Schluß komponiert hat.

      Wer diesen Marsch trotzdem hören will:

    • Wenn man sich einmal vor Augen führt, wie oft sich Forscher und Wissenschaftler schon geirrt haben, hätte man eigentlich einen sehr guten Grund dafür, ihren Aussagen gegenüber sehr skeptisch zu sein. Merkwürdigerweise passiert heute genau das Gegenteil. Wissenschaft ist zu einer Art Ersatzreligion geworden. Der größte Blödsinn wird sofort geglaubt, wenn ihn nur ein Wissenschaftler mit möglichst vielen akademischen Titeln von sich gegeben hat

      Das ist der normale Weg der Erkenntnis. Das unterscheidet Wissenschaft, deren grundlegendstes und prinzipiellstes Prinzip ihre Falsifizierbarkeit ist, von Religion, die a priori alles weiß und davon in alle Ewigkeit nicht mehr abrückt. Wissenschaft besteht doch gerade darin, bestehende Erkenntnisse permanent auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen. Daß dabei das Bekanntwerden neuer Fakten oder die Verfügbarkeit neuer Methoden zu neuen und u.U. dem alten Wissenstand widersprechenden Ergebnissen führen kann, ist trivial. Ebenso trivial ist die Erkenntnis, daß auch Wissenschaftler nur Menschen mit allen Fehlern sind, und hin und wieder auch Vermutungen und Lieblingsideen als gesicherte Erkennnis publizieren. (Das muß noch nicht einmal böse Absicht sein, sondern einfach nur delektive Wahrnehmung.) An beiden Stellen greift die oben genannte Falsifizierbarkeit… Mit anderen Worten: Unsinn bleibt nur dann bestehen, wenn bzw. solange er so irrelevant ist, daß sich niemand dafür interessiert. Ansonsten wird er irgendwann ausgemerzt.
      Wichtig ist letztlich die Musik und nicht derjenige, der sie komponiert hat.
      Es zählt nur das Ergebnis? Dann könnte man es auch auf die Interpreten ausdehnen: Wichtig ist letztlich die Musik und nicht derjenige, der sie spielt. Ehrlich gesagt ist mir das persönlich zu dünn. Auch aus Gründen der Gerechtigkeit. Wie wäre das für jeden von uns, wenn Vorgesetze, Lehrer, Eltern, Kritiker, Publikum, Journalisten, Buchautoren oder wer auch immer über uns ein Urteil abgibt, über eine von UNS erbrachte Leistung urteilt "ich pfeif' darauf, von wem das ist, ob vom Huber oder Müller, völlig egal…" oder diese Leistung gar einem ANDEREN zuschreibt und sich über DIESEN lobend äußert? Oder man selbst die SCHLECHTE Leistung eines ANDEREN angehängt bekommt, wenn es denn ohnehin egal ist? Also mir wäre das nicht recht… Und Hand aufs Herz: Für mich ist das schon ein Unterschied, ob der "Messiah" nun von Händel oder Mozart ist. Es gibt Leute, die hören den Unterschied. Andere hören es nicht. Lassen wir die dann dumm sterben?
      würden endlich einmal alle Recherchen der letzten 50 Jahre, die Authentizität der Bachschen Orgelwerke betreffend, miteinander abgeglichen, dürfte sich heraustellen, daß sich dann mehr als die Hälte aller im Umlauf befindlichen Orgelkompositionen im Appendix des BWV wiederfänden...


      Das gilt nicht nur für Bach, sondern ganz allgemein. Würden sich Musikverlage, musikbücherschreibende Journalisten und auch manche Praktiker tatsächlich mal über den aktuellen Stand der Forschung informieren und nicht immer nur abschreiben, was in der Tertiärliteratur oder gar im Internet zu finden ist, oder ihre Noten aus irgendwelchen Uraltausgaben kopieren (falls hier jemand aus dem Verlagswesen mitliest: Das gilt auch für Euch!), dann würden manche Märchen aus der Vergangenheit nicht ständig perpetuiert. (Gilt für alles, nicht nur für die Musik. Zugegeben: es gibt auch andere.) Und es würde vielleicht mal die Unsitte aufhören, Aufführungen oder Einspielungen von Werken als "sensationelle Neuentdeckung" zu apostrophieren, die bereits seit über hundert Jahren in irgendwelchen "Monumenta"-Ausgaben in den Regalen verschimmeln.


      Und wenn tatsächlich der Fall eintreten sollte, daß vieles von Bach gar nicht von Bach sein sollte: müßte da nicht das Bild leiden, das sich mancher von Bach als maestro dei maestri gemacht hat?
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Vor einiger Zeit habe ich im Radio ein Stück für Violine solo (aber nicht d-moll) nach der Toccata und Fuge d-moll von J.S.Bach gehört, angeblich möglicherweise vielleicht das Original des für Bach doch zu leichten Orgelstücks. Kennt jemand von Euch das? Es war ein ganz schönes Stück, zum Schluß konnte man meinen, da stürzt sich jetzt jemand kopfüber in die Musik hinein.

      Liebe Grüße vom Eifelplatz, Chris.
    • bustopher schrieb:


      Und wenn tatsächlich der Fall eintreten sollte, daß vieles von Bach gar nicht von Bach sein sollte: müßte da nicht das Bild leiden, das sich mancher von Bach als maestro dei maestri gemacht hat?
      Das kommt ganz darauf an. Wenn BWV 565 oder andere vereinzelte Werke nicht Bachs Feder zugeschrieben werden können, bricht ihm und seiner Reputation das sicher keinen Zacken aus der Krone. Sollte sich jedoch igrendwann einmal herausstellen, dass eine nicht unerhebliche Menge an Werken, die wir der Person J.S.Bach zuschreiben, gar nicht aus dessen Feder stammen, dann wäre das Bild von Bach sicher zu korrigieren. Doch was bleibt, sind doch die als genuin und genial eingestuften Werke und IRGENDWER muss sie doch verfasst haben. Und jener Verfasser dieser Werke verdient Aufmerksamkeit und seine Werke Zuhörer. Es geht doch letzten Endes um die Musik. Da ich weder BAch noch den ominösen Unbekannten persönlich kenne und nie kennenlernen werde, beide schon lange tot sind, ist es mir relativ egal ob die Werke nun von der mir unbekannt gebliebenen Person Johann Sebastian Bach oder Hans Martin Schmidt sind.

      Allerdings:

      Original von Stichnote
      Wenn man sich einmal vor Augen führt, wie oft sich Forscher und
      Wissenschaftler schon geirrt haben, hätte man eigentlich einen sehr
      guten Grund dafür, ihren Aussagen gegenüber sehr skeptisch zu sein.
      Merkwürdigerweise passiert heute genau das Gegenteil. Wissenschaft ist
      zu einer Art Ersatzreligion geworden. Der größte Blödsinn wird sofort
      geglaubt, wenn ihn nur ein Wissenschaftler mit möglichst vielen
      akademischen Titeln von sich gegeben hat.


      Ich bin auch nicht gerade der leichtgläubigste Mensch, aber ein etwas weniger despektierlichen Ton gegenüber jemanden "mit möglichst vielen akademischen Titeln" fände ich schon angebracht (ich habe selbst keine akademischen Titel). Blödsinn ist es, weil Du es sagst? Wem glaube ich zunächst einmal mehr? Jemanden, der viel Zeit in ein bestimmtes Gebiet investiert hat oder dem "AllesKäsemeineemotionaleAufrichtigkeitsagtschonwiesrichtiggehört"-Typen??? :whistling:
      Wissenschaft ist Ersatzreligion geworden? Na, ich weiss ja nicht. Heute glaubt jeder, doch sowieso alles besser zu wissen. Nicht der Wissenschaft, sondern der Scharlatanerie und der Dummschwätzerei wird auf den Leim gegangen - trotz mehrerer Jahrhunderte Physik warten immer noch Leute darauf, wie Uri Geller mit Ausserirdischen Kontakt aufnimmt. Ich frage mich, wo die Ersatzreligion wirklich stattfindet.

      :wink:
      Wulf
      "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)
    • eifelplatz schrieb:

      Vor einiger Zeit habe ich im Radio ein Stück für Violine solo (aber nicht d-moll) nach der Toccata und Fuge d-moll von J.S.Bach gehört, angeblich möglicherweise vielleicht das Original des für Bach doch zu leichten Orgelstücks. Kennt jemand von Euch das? Es war ein ganz schönes Stück, zum Schluß konnte man meinen, da stürzt sich jetzt jemand kopfüber in die Musik hinein.

      Das könnte von dieser CD gewesen sein:



      Die Identität des Komponisten des Orgelstücks ist nach wie vor ungeklärt. Auch im Beiheft dieser CD stehen keine neuen Erkenntisse.
    • Auf der anderen Seite sind einige umstrittene Stücke wahrscheinlich doch von Bach - sie wurden in Zweifel gezogen, weil sie angeblich nicht charakteristisch sind ...

      Ein Beispiel: Der "Marche" zur Kantate "Vereinigte Zwietracht der wechselnden Seiten", den ich weiter oben schon erwähnte - nur Reinhard Goebel hat ihn überhaupt aufgenommen. Er sei zu französisch und weil er am Ende der Partitur steht meint man, er sei nicht von Bach ... dabei hat er die französische Hofmusik in Celle genau studieren können.

    • vom bösen Wulf

      Ich bin auch nicht gerade der leichtgläubigste Mensch, aber ein etwas weniger despektierlichen Ton gegenüber jemanden "mit möglichst vielen akademischen Titeln" fände ich schon angebracht (ich habe selbst keine akademischen Titel). Blödsinn ist es, weil Du es sagst? Wem glaube ich zunächst einmal mehr? Jemanden, der viel Zeit in ein bestimmtes Gebiet investiert hat oder dem "AllesKäsemeineemotionaleAufrichtigkeitsagtschonwiesrichtiggehört"-Typen???
      Wissenschaft ist Ersatzreligion geworden? Na, ich weiss ja nicht. Heute glaubt jeder, doch sowieso alles besser zu wissen. Nicht der Wissenschaft, sondern der Scharlatanerie und der Dummschwätzerei wird auf den Leim gegangen - trotz mehrerer Jahrhunderte Physik warten immer noch Leute darauf, wie Uri Geller mit Ausserirdischen Kontakt aufnimmt. Ich frage mich, wo die Ersatzreligion wirklich stattfindet.

      Meine Güte! Endlich sagt´s mal jemand. Und so wundervoll komprimiert! Das zitiere ich jetzt bei jeder sich bietenden und unbotmäßigen Verlegenheit! Danke, Wulfi, Danke.

      Echt. Das war mal fällig.

      Alex.

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Wulf schrieb:


      Nicht der Wissenschaft, sondern der Scharlatanerie und der Dummschwätzerei

      Dennoch rein empirisch keine zwingende contradictio, und die Scharlatanerie wird gut und gern und häufig durch angeführte wissenschaftliche Meriten nobilitiert. Alles gar nicht so einfach, wie sich das der Beitrag mit der stichigen Note so vorstellt... Und dennoch erwischt clava populis auch immer wieder mal einen Streifen der manchmal recht fauligen Fassade.

      Total OT, korrekt.
      "Scheiter', Haufen!"

    • Doch was bleibt, sind doch die als genuin und genial eingestuften Werke und IRGENDWER muss sie doch verfasst haben. Und jener Verfasser dieser Werke verdient Aufmerksamkeit und seine Werke Zuhörer. Es geht doch letzten Endes um die Musik. Da ich weder BAch noch den ominösen Unbekannten persönlich kenne und nie kennenlernen werde, beide schon lange tot sind, ist es mir relativ egal ob die Werke nun von der mir unbekannt gebliebenen Person Johann Sebastian Bach oder Hans Martin Schmidt sind.

      Hi, Wulf,


      das sind jetzt aber zwei widersprüchliche Aussagen! Verdient er nun Aufmerksamkeit und seine Werke Zuhörer, oder ist es egal, ob der Urheber Bach oder Schmidt heißt? (Oder ist es nur Dir persönlich egal?)






      Dennoch rein empirisch keine zwingende contradictio, und die Scharlatanerie wird gut und gern und häufig durch angeführte wissenschaftliche Meriten nobilitiert. Alles gar nicht so einfach, wie sich das der Beitrag mit der stichigen Note so vorstellt... Und dennoch erwischt clava populis auch immer wieder mal einen Streifen der manchmal recht fauligen Fassade.

      Salve, Petronius

      [OT]
      Scharlatanerie existiert nur dort, wo sie das geschätzte Publikum zuläßt: weil es zu bequem zum selber denken ist und/oder zu faul, um sich eine solide Urteilsgrundlage zu schaffen. Leichtgläubigkeit nennt man das: condition sine qua non für Scharlatanerie. Ist im eigentlichen Wissenschaftsbetrieb glücklicherweise eher selten zu finden, denn die Beteiligten dort wissen normalerweise über ihr Gebiet relativ gut Bescheid, und keiner wird dort die Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen, der bösen Konkurrenz Fehler nachzuweisen. Das widerspricht natürlich nicht dem Umstand, daß Scharlatane gerne so tun, als hätten sie einen offiziellakademischen Anstrich. (Betonung auf "hätten"…)

      Natürlich sind auch ehrenwerte Wissenschaftler hin und wieder faul. Daher kommt die Unsitte, Zitate aus anderen Arbeiten einfach zu übernehmen, ohne sie selbst geprüft zu haben. Selbst erlebt: Nach dem Nachschlagen einer zitierten Information stand an der angegebenen Stelle wieder nur ein Zitat. Und so ging es weiter. Einige Stunden und einige Dutzend Publikationen später und etwa ein Jahrhundert Publikationsdatum früher war dann tatsächlich keine weitere Fußnote mehr zu finden. Die ein Jahrhundert lang immer wieder zitierte Information allerdings auch nicht….

      Oder anderes Beispiel: Eine (sehr) renommierte deutsche Musikwissenschaftlerin führt in einem Standardwerk (genauer: DAS Standardwerk auf diesem Gebiet weltweit) über ungefähr 40 Seiten einen höchst fragwürdigen Beweis, mit vielen Analogschlüssen, semantischen Auslegungen und einer falschen Prämisse und kommt nach vielen "möglicherweise", "wahrscheinlich" und "kann angenommen werden" zu dem Schuß: "…kann als erwiesen angenommen werden, daß…" Vorsichtig als Annahme formuliert. Aber immerhin: "erwiesen". Dieser "Beweis" wird natürlich zitiert. Aber jetzt nicht mehr als Annahme, sondern mit "es gilt als erwiesen [Fußnote], daß…", denn die Zitierenden haben sich nicht alle die Mühe gemacht, die 40 Seiten intellektuell nachzuvollziehen, sondern die haben einfach den letzten Satz gelesen. Und spätestens, wenn aus DIESEN Arbeiten zitiert wird, ist aus dem Wunschdenken wissenschaftliche Realität geworden…



      Auch so entstehen Märchen.

      [/OT]

      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Salve Bustopher,



      sicher ist mein kleiner Einwurf in keinem Maße generalisierungsfähig,
      doch leisten sich einige Wissenschaften, mit denen ich etwas intensiver
      zu tun habe, reichlich viele Worthülsenproduzenten, Blender,
      Scharlatane, tja, wie sollte man sie nennen. Die Dreistigkeit, mit der
      dort vermehrt gearbeitet wird (gern bei luftigen Vorträgen,
      Antrittsvorlesungen oder ähnlichen lästigen Anlässen), läßt zweierlei
      Staunen zurück: Ein Teil des interessierten Publikums bewundert die
      neuerliche Taschenspielerei des genialen Ausnahmekenners, ein anderer
      die Chuzpe, die da obwaltet. In Veröffentlichungen und auf Tagungen
      erbt sich solches wie eine ew'ge Krankheit fort.



      Daher: Kritischer Geist ist auch und insbesondere bei der Rezeption
      wissenschaftlicher Produktionen geboten, nicht präsumtives Vertrauen in
      die Figur des Ordinarius, der Spectabilität etc.



      Petronius te salutat!
      "Scheiter', Haufen!"
    • Noch mehr OT über Leichtgläubigkeit:

      bustopher schrieb:

      Leichtgläubigkeit nennt man das: condition sine qua non für Scharlatanerie. Ist im eigentlichen Wissenschaftsbetrieb glücklicherweise eher selten zu finden,...


      ??? (- aber ich bin Ökonom und Politologe :hide: )

      bustopher schrieb:

      ...denn die Beteiligten dort wissen normalerweise über ihr Gebiet relativ gut Bescheid,...


      Ja, der eigene Schrebergarten wird in Ordnung gehalten, gut eingezäunt durch den jeweiligen eigenen Disziplin- und Schulzugang. Und wer mal in der Nachbardisziplin oder bei einem großen Unbekannten aus der weithin vergessenen Fachgeschichte klauen war, ist schon schwer origineller "Querdenker" oder der "Ausnahmekenner".

      bustopher schrieb:

      ...und keiner wird dort die Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen, der bösen Konkurrenz Fehler nachzuweisen.


      ...außer der liebe Kollege x , der ein beeindruckender Meister des Mumpitz ist, sitzt in der DFG-Kommission oder ist Gutachter meines Sonderforschungsbereichs. Da hängen dann doch Stellen und Rufe dran, Veröffentlichungmöglichkeiten, Reputationen und Gremienzugang und die Drittmittel müssen doch fließen.... :pfeif:

      Diese "DIE-Wissenschaft-sagt-daß-..."-Typen und die Postmodernis, die stets wortreich nachweisen, dass alles unbestimmbar ist, und die weitverbreitete Alltagsmeinung, dass Wissenschaftlern nichts zu glauben sei, lieber alles den Esoterik-Gurus der eigenen Wahl, die passen schon recht gut zusammen - eben zwieträchtig-einträchtige Geschwister des selben Betriebes.


      :wink: Matthias