Das Capriccio-Operntelegramm für die Saison 2011/2012

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    • Das Capriccio-Operntelegramm für die Saison 2011/2012

      Da letzte Saison schon sehr interessante Bericht über aktuelle Inszenierungen hier auftauchten, möchte ich das neue Telegramm eröffnen, indem ich von meiner persönlichen Saison-Eröffung gestern abend berichte. Gegeben wurde in Detmold "Le nozze di figaro".

      Geschrieben wird in Mozarts „Figaro“ nicht wenig. Cherubino schreibt seine Canzonetten, die Gräfin und Susanna locken den Graf mit einem Briefchen in den Garten, Figaro tappt fast in die Falle mit dem Offizierspatent, Marcelina hat einen Kontrakt als Grundlage für eine Anklage... usw. Und schließlich gibt das geniale Libretto Da Pontes und die Vorlage Beaumarchaise genug Anlässe das geschriebene Wort in den Vordergrund zu rücken.
      Die Inszenierung von Hinrich Horstkotte in eigener Ausstattung besticht vor allem durch eine sehr lebendige, aber auch sehr traditionelle Sichtweise. In dieser Oper ist alles an seinem richtigen Platz. Zudem gelingt es ihm sein zentrales Motiv – das (Brief-)Papier – ganz unverkrampft in Bühnenbild, Requisiten und auch Kostümen (Cherubino) einzubinden. Schon während der Ouvertüre ist fast das komplette Personal anwesend und ist beschäftigt mit seinen Papieren, während Basilio für Chaos sorgt und die Papiere vertauscht. Beim vierten Akt hätte er sich ruhig mehr trauen dürfen und den Blätterwald noch konkreter machen können
      Horstkotte betont sehr das heitere Element der opera buffa, kann aber durchaus auch einige sehr ernste Szenen kreieren wie etwa den Ehestreit der Almavivas. Zudem misstraut er dem ausschließlichem lieto fine, dem glücklichem Schluss, und lässt das Ensemble demonstrativ mit Zetteln an der Rampe stehen: „Tutti contenti – alle zufrieden“ formen sie daraus und Cherubino kann wahlweise ein Ausrufungszeichen oder ein Fragezeichen dahinter setzen. Auch Dank der Beleuchtung (Walter Muschmann) ergeben sich stimmungsvolle Bilder.
      Doch trotz einer gelungenen Inszenierung kam die Aufführung am 03.09. zunächst nur etwas mühsam in Fahrt, was auch an dem etwas undifferenzierten Dirigat von Erich Wächter lag. Das Symphonische Orchester spielte durchweg gut und schön, doch wurden ihm zu wenig Farben abverlangt. Vor allem in Punkte Lautstärke hätte viel mehr differenziert werden können, denn so gerieten einige Sänger doch arg ins Hintertreffen. Vor allem erwischte dies den eigentlichen Aktivposten dieser Oper: James Tolksdorf hatte zwar die passende Statur sowie Timbre für die Titelpartie, war aber durchweg zu farblos und leise, um die Dynamik der Rolle bis in den zweiten Rang des Opernhauses zu tragen. Am besten gelang ihm seine Arie im vierten Akt „Aprite un po“, wo man wirklich das ganze Potential des Sängers hören konnte.
      Somit hatte der energische Graf von Andreas Jören leichtes Spiel hier die Oberhand zu behalten und er tat dies mit einer stimmlich sehr souveränen Leistung. Marianne Kienbau-Nasrawi war eine glaubhafte Gräfin, der ihr „Dove sono“ etwas besser gelang als ihr „Porgi amor“. Catalina Bertucci hatte für die Susanne die passende liebliche Erscheinung sowie einen herrlichen Sopran parat, mit dem sie restlos begeistern konnte. Als Mitglied des Opernstudios Detmold konnte Britta Strege als Cherubino einen Erfolg für sich verbuchen. Mit beachtlichem Spieltalent war sie nahezu eine Inkarnation des Pagen, auch das Timbre konnte für sie einnehmen, nur die Höhen wollten an diesem Abend nicht so rund klingen, wie man es von der Sängerin gewohnt ist.
      Szenisch ungemein beflügelt wurde die Produktion zudem durch Gregor Loebel (Antonio) und Markus Gruber (Basilio), die die sehr spielfreudigen Comprimarii anführten.
      Gesungen wurde die deutsche Übersetzung von Peter Brenner, was einige der Pointen gut zur Geltung brachte, allerdings war die Textverständlichkeit der Sänger längst nicht auf einheitlichem Niveau. Insgesamt ein ordentlicher Start in die neue Saison mit einigen Glanzlichtern und einer tollen Inszenierung.
      http://wotans-opernwelt.blogspot.com/
    • RE: Das Capriccio-Operntelegramm für die Saison 2011/2012

      Peter Michaelow schrieb:

      der ihr „Dove sono“ etwas besser gelang als ihr „Porgi amor“


      Wem nicht? Mozart, ach Mozart, was hast du da schon wieder geschrieben? Es gibt ein paar wenige Sängerinnen, deren "Porgi amor" für mich anhörbar ist (insbesondere Gundula Janowitz!), aber auch bei denen finde ich es nicht wirklich optimal. Bei den meisten Sängerinnen ist es schlicht zum Davonlaufen. Ich befürchte, ein perfektes "Porgi amor" (wie ich es mir vorstelle) werde ich meinen Lebtag nie hören... :cry: - Dagegen ist "Dove sono" die bei weitem einfachere und unkompliziertere Arie.

      Danke für die Eröffnung dieses Threads und für deinen interessanten Bericht aus Detmold!

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Mozart: Don Giovanni Stadttheater Bielefeld, 30. 10. 1011

      Für die Besprechung des Detmolder "Figaro" bedanke ich mich auch ser, ich habe eine Karte für die Vorstellung eben dieser Produktion am 30. November und nehme mir vor, dann auch meine Eindrücke hier zu berichten!

      Meine persönliche Opernsaison 2011/12 begann gestern mit der Oper aller Opern und meiner Leib-und-Magenoper, mit Mozarts "Don Giovanni" im Stadttheater Bielefeld. Ich habe sogar noch drei Freunde gefunden, die mit mir gefahren sind, um den Altersdurchschnitt des Publikums signifikant unter das Renteneintrittsalter zu senken, reichte das aber natürlich nicht. :rolleyes:
      Die Produktion hatte am 15. Oktober Premiere und wurde von der Kritik recht kontrovers, überwiegend aber ablehnend aufgenommen. Wir waren also vorgewarnt, über das wirkliche Ausmaß des Blödsinns dann aber doch erstaunt. So einen Schmarrn wie diese Neuinszenierung der Bielefelder Operndirektorin Helen Malkowsky habe ich selten auf einer Opernbühne erlebt. Auch gute Regiesseure verheben sich immer wieder einmal an dieser sicher besonders schwierig zu inszenierenden Oper, selten aber müssen sie so einen Offenbarungseis leisten wie Malkowsky. Sie hatte eine Grundidee, Don Giovanni wird von einer dunklen Sekte, die der Komtur leitet, für seine Missetaten betraft und einer Gehirnwäsche unterzogen, aus der es für ihn keinen Ausweg gibt, sie schaffte es aber nicht, ihre Interpretation irgendwie dem Stück anzunähern, Stück und Inszenierung liefen ziemlich traurig nebeneinander her. Falls es jemanden interessiert, kann ich auch noch mehr zur Inszenierung schreiben, eigentlich ist das aber vertane Liebesmüh.

      So furchtbar der szenische Teil der Aufführung war, so grandios war der musikalische. Alle acht Sänger waren ohne Ausnahme musikalisch wie schauspielerisch ganz große Klasse. Wer aus der Großstadt ein wenig mitleidig lächelnd auf die "Provinzbühnen" herabschaut, wurde hier, was das Musikalische angeht, auf das Gländzendste widerlegt.
      Der junge US-Amerikaner Daniel Billings sang den Don Giovanni. Als Darsteller erinnerte er mich, verzeiht mir die unsachliche Assosziation, furchtbar an Eddie Murphy, die selbe Schlacksigkeit, das selbe Grinsen. Er war engagiert bei der Sache und hat auch das nötige Charisma für die Rolle. Rein stimmlich halte ich persönlich ihn für eher durchschnittlich, eine sicher geführte, aber eher kleine und unauffällige Stimme, das Charisma, das Billings als Darsteller hat, spiegelt sich in der Stimme nicht unbedingt wieder. Das war auf der Bühne ein zufriedenstellender Don Giovanni, bei einer CD-Aufnahme würde man sich, gerade in dieser Rolle, vielleicht doch mehr als stimmliche und musikalische Solidität erwarten.
      Absolut grandios fand ich Torben Jürgens als Leporello. Der 28-jährige hat seit dem letzten Jahr in Bielefeld sein erste Engagement. Jürgens hat eine volle und runde Basstimme, das Timbre ist eben so jung wie unverwechselbar und klangschön, die muskalische Gestaltung souverän. Dieser Leporello ließ absolut keine Wünsche offen und in diese prachtvolle Basstimme habe ich mich spontan verliebt. 8o
      Melanie Kreuter, seit Jahren die verlässliche Primadonna des Bielefelder Stadttheaters, führte als Donna Anna die Damenriege an. Sie war neben Torben Jürgens das zweite sängerische Highlight des Abends für mich. Die Stimme klingt rund und klangschön, die Phrasierung sicher und musikalisch. Wenn Kreuter sang, konnte man sich entspannt zurücklehnen und wusste, man darf genießen. Vor allem die zweite Arie gelang ihr großartig, sie hatte keine Mühe mit den großen Bögen, die kleine Verzögerung vor der Wiederholung des Rondothemas, die Pause und das Einsetzen mit einem ganz zarten Piano, aus dem heraus sie aufs Neue weite, weiche Bögen entwickelt, das habe ich so nur von wenigen Sängerinnen bisher live gehört - und das sind die Momente, die auf CD nie so wirken wie im Theatersaal, der die Luft anhält und sich dann wieder fallen lässt.
      Ihr zur Seite stand Eric Laporte als Don Ottavio, massig in Stimme wie Statur. Die Stimme klingt schön, kann auch heldisch auftrumpfen, immer aber, wenn schnelle Notenwerte zu bewältigen waren, im Duett gleich zu Beginn der Oper oder in der Arie im zweiten Akt (das "Dalla sua pace" hatte man ihm ebenso gestrichen wie Leporello sein "Ah pieta signori miei") dann kam Laporte etwas ins Schwimmen, bei den Koloraturen der großen Arie brauchte er reichlich Zwischenatmer, bekam aber trotzdem, kaum das sein letzter Ton verklungen war, stürmischen Applaus.
      Mit Melanie Forgeron war die Donna Elvira -in dieser Inszenierung eine Prostituierte mit Kind, das Don Giovanni statt der Zofe vergewaltigt- mit einer Mezzosopranistin besetzt. Forgeron, auch sie eine ganz junge Sängerin, scheint aber alles zu könne, weder in der Höhe noch in der Tiefe bemerkte man irgendwelche Schwierigkeiten. Mit besonderem Elan stürzte sie sich in die rache- und hasserfüllten Passagen ihrer Partie, die sie sehr emotional darstellte und sang. Auch diese Donna Elvira ließ wenig Wünsche offen, außer vielleicht den, diese prächtige junge Stimme einmal wieder zu hören.
      Cornelie Isenbürger sang die Zerlina, sie brauchte ein Bisschen, um wirklich ins Stück hereinzukommen, blühte in ihrer zweiten Arie aber zu großartiger Form auf. Die Stimme klingt schön, rund und jugendlich, eine Stimme in dieser spezifisch deutschen Tradition irgendwo zwischen lyrischem und Koloratursopran. Auch das war eine rundum solide, beglückende und zufriedenstellende Leistung für mich.
      Die kleineren Rollen füllten Peter Maruhn als Masetto und Jacek Janiszewski als Komtur tadellos aus.

      Im Graben spielten die Bielefelder Symphoniker unter ihrem GMD Alexander Kalajdzic. Das Orchester war relativ klein, besetzt, Kalajdzic war hörbar um einen beweglichen und schlanken Klang bemüht, geschult an den Idealen der historisch informierten Aufführungspraxis.. Das Orchester folgte ihm bei diesem Ansatz hörbar engagiert, spielte flexibel und klangschön. Mir sind keine Patzer aufgefallen auch die Intonation war für meine Ohren tadellos. Mir hat das Orchester sehr gut gefallen. Ein Extralob hat der im Programmheft leider nicht namentlich genannte Continuocembalist verdient, der die Harmonien in den Rezitativen immer wieder einmal umspielte, neue Harmonien hinzufügte und so die musikalische Spannung auch in den Rezitativen nicht abreißen ließ.

      Musikalisch also war es ein rundum gelungener, eigentlich ein wunderbarer Nachmittag - wenn da nur nicht das stete Ärgernis auf der Bühne gewesen wäre. Man merkte dem Publikum diesen Zwiespalt auch nach der Aufführung an, wirklich befreit applaudieren wollte niemand, manche schwiegen, manche buhten, manche verließen eilig den Saal, manche klatschten höflich. Erst als dann die Sänger sich verbeugten, wurde der Applaus stärker und herzhafter, vor allem Billings, Jürgens, Laporte und Forgeron wurden regelrecht bejubelt. Die Sänger können ja nichts dafür für den Blödsinn, den die Regisseurin sich da ausgedacht hat.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Puccini: Madama Butterfly Landestheater Detmold, 09. 11. 2011

      Nach dem „Don Giovanni“ in Bielefeld vor knapp eineinhalb Wochen, von dem ich mir so viel versprochen hatte, und der dann szenisch ein wirkliches Ärgernis war, war ich gestern schon wieder in der Oper. Das Landestheater Detmold gastierte hier in Paderborn mit Puccinis Dauerbrenner „Madama Butterfly“. Das Stück wurde in der Originalsprache gesungen, es gab aber deutsche Übertitel. Im Gegensatz zu den Symphoniekonzerten sind Opernaufführungen hier oft schlecht besucht und auch bei der doch eigentlich recht populären „Madama Butterfly“ blieben sicher gut ein Drittel der Plätze frei, vor allem bei den teuren Plätzen im vorderen Parkett.

      Nun aber zur Aufführung: Die Inszenierung stammte von Ute Engelhardt. Engelhardt erzählte die Geschichte sehr stringent und größtenteils nahe am Libretto. Die Bühne (Ausstattung: Hinrich Horstkotte) war als riesiges japanisches Haus gestaltet, dessen verschiebbare bühnenhohe Wand den Spielraum flexibel vergrößern oder verkleinern konnte, mit wenigen Handgriffen der Figuren auf der Bühne wurde das Liebesnest, das Wohnzimmer oder der Blick in die Ferne realisiert. Kostüme und Requisiten holten die Handlung behutsam etwas näher an unsere Gegenwart heran. Engelhardt vertraute der Wirkung von Text und Musik, erzählte handwerklich souverän die Geschichte, die schon von selbst heraus ihre Wirkung kaum verfehlt. Besonders überzeugend dabei war die differenzierte Personenregie, die jeder Figur individuelles Profil verlieh und von den Sängerdarstellern sehr gut umgesetzt wurde.
      Einige eigene Ideen brachte die Regisseurin aber natürlich auch ein. Schon zu Beginn, während des Vorspiels, wird die stumme Figur einer gealterten Suzuki eingeführt, die Geschichte also gewissermaßen als Rückblick Suzukis erzählt. An dramatischen Schlüsselstellen taucht diese Figur immer wieder als Beobachterin auf. Am Schluss, nach Butterflys Selbstmord, schließt sich die große bewegliche Wand, man alte Suzuki mit einem bereits vorher eingeführten Gewehr stehen. Dann öffnet sich die Bühne bis ganz hinten und man sieht die junge Suzuki der Oper in der glichen Haltung, ebenfalls mit Gewehr, und vor ihr liegend der tote Pinkerton. Der Rolle der geknechteten Zofe hat Engelhardt besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen und am Ende darf sich Suzuki befreien, indem sie Pinkerton, die Ursache aller Leiden, erschießt. Das war eine interessante Idee und ein ganz starkes Schlussbild.

      Die Titelrolle der Cio-Cio-San wurde von Marianne Kienbaum-Nasrawi gesungen, die ich zum ersten Mal in einer großen Rolle gehört habe. Kienbaum-Nasrawis Stimme ist weder besonders schön noch besonders charakteristisch, sie kompensiert das aber durch große Musikalität und dramatische Präsenz. Wenn auch die Stimme vielleicht nicht erstklassig ist, so ist, wie die Sängerin daraus macht, doch sehr beeindruckend. Als Interpretin hat sie mich überzeugt und steigerte sich vor allem in der großen Schlussszene zu beeindruckender Wucht und Wirkung.
      An ihrer Seite sang Evelyn Krahe die Suzuki. Die Dienerin war so nicht mit einem Mezzosopran, sondern mit einer wirklichen Altistin besetzt. Bei den kräftigen tiefen Tönen fühlte sich Krahe hörbar wohl, die höheren Passagen machten ihr aber auch keine Schwierigkeiten. Das italienische Fach ist ihr vielleicht nicht auf den Leib geschrieben, sie bewältigte die Rolle aber stimmlich und musikalisch souverän. Herausragend gut war Krahe aber als Darstellerin der wie beschrieben durch die Regisseurin aufgewerteten Rolle. Suzuki wird von allen Seiten herumgestoßen, im ersten Akt baggert Pinkerton sie ziemlich handgreiflich ein, versucht ihr, Alkohol und Zigaretten aufzunötigen, im zweiten Akt kommandiert Cio-Cio-San, der sie immer die Treue hält, herum. Krahe spielt diese verängstigte und geknechtete Frau sehr intensiv, umso überzeugender wirkt dann der Befreiungsschlag des Mordes an Pinkerton.

      Den Leutnant Pinkerton sang Arturo Marín. Der junge Mexikaner ist ganz neu im Detmolder Ensemble, ich habe ihn gestern zum ersten Mal gehört. Das scheint mir ein echter Hoffnungsträger zu sein. Die Stimme ist wirklich ausnehmend schön, ein kräftiger Tenor mit dieser typischen südländisch-mediterranen Klangfarbe. Vor allem die Mittellage ist sehr durchschlagskräftig, die Höhe klingt nicht wirklich frei. Das Stimmmaterial schien mir also außerordentlich zu sein, leider singt Marín im Moment noch recht grob und ungefüge. Er blickt zwar ständig zum Dirigenten, braucht dann aber eine Weile, um dessen Tempo abzunehmen. Mir scheint, da ist noch einige Disziplin und Arbeit mit erfahrenen Korrepetitoren nötig, dann aber kann Marín im italienischen Fach sicher ein hervorragender Tenor sein.

      Fortsetzung folgt bald...
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • So, nun geht es weiter mit den Eindrücken von der Detmolder "Butterfly":

      Über drei der Hauptdarstelle habe ich schon geschrieben, der vierte im Bunde war Andreas Jören als Sharpless. Jören ist so etwas wie der Hausbariton des Detmolder Theaters, er singt das gesamte Baritonfach und in seiner Solidität und Verlässlichkeit lebt etwas von dem Ensembletheater früherer Zeiten weiter. Nun singt Jören aber nicht nur, alles, was im Baritonfach eben anfällt, sondern er singt es mit seiner zurückhaltenden Art auch noch ganz hervorragend. Das gilt auch für seinen Sharpless, die schlanke, gut geführte Stimme passt genau zur Figur, weder die Tiefe noch die Höhe machen dem Sänger die geringste Mühe. Musikalisch ist er absolut tadellos und sicher. Auch schauspielrisch bleiben bei Jören keine Wünsche offen. Eine hervorragende Leistung!
      Der Goro war mit Markus Gruber besetzt, der sich seiner Aufgabe routiniert und sicher entledigte. In Kostüm und Personenregie war der Heiratsvermittler und Makler teilweise wirklich als Karikatur angelegt, Gruber vermied es zum Glück größtenteils, diese Karikatur noch gesanglich zu unterstreichen.

      Das Orchester des Landestheaters Detmold unter seinem GMD Erich Wächter spielte hörbar motiviert und bewältigte die nicht ganz einfache Partitur bewundernswert sicher und klangschön. Leider war Erich Wächter von seinem Orchester offenbar so angetan, dass er es nur ganz selten einmal zurückhalten wollte. Die arme Butterfly drohte immer wieder einmal in den Klangwogen aus dem Orchestergraben zu ertrinken, vor allem die Hauptdarsteller hatten teilweise Mühe, über das Orchester hinweg zu kommen. So die Sänger zuzudecken, das kenne ich von Erich Wächter, einem sehr erfahrenen Operndirigenten, eigentlich sonst überhaupt nicht.
      Was nun die Interpretation angeht, so wählte Wächter extrem langsame Tempi, langsamer als ich sie je in dieser Oper gehört habe. Nun gut, das kann man machen, aber wiklich erschlossen hat sich mir der Sinn dieser Übung nicht. Teilweise zog es sich schon spürbar, was da aus dem Orchestergraben kam. Das Orchester fand ich also sehr gut, mit der Interpretation des Dirigenten war ich nicht ganz einverstanden. Aber Puccinis Musik lässt sich von so etwas natürlich nicht beeindrucken, die wirkt trotzdem leidenschaftlich, berührend und ungeheuer traurig schön.

      Nach mehr als zweieinhalb Stunden Liebe, Leid und Gefühlsstürmen war Butterfly tot, das Publikum erschüttert. Dann lag da überraschend auch noch Pinkertons Leiche, das Orchester hämmerte uns noch einmal unerbittlich Butterfly Geisha-Thema um die Ohren, ein letzter Akkord, h-moll mit dissonanter Sixte ajoutée als Schrei eines gebrochenen Herzens, Stille. Ich fühlte mich nicht nur emotional sondern direkt körperlich erschöpft, so intensiv waren Musik und Inszenierung gewesen. "Wow" - mehr kann man da nicht sagen. Das Publikum applaudierte begeistert und langanhaltend, ließ vergessen, dass die Halle längst nicht voll besetzt war. Am Freitag titelte die Lokalzeitung bei ihrer Rezension der Aufführung: "Landestheater Detmold beschert Paderborner Opernfreunden mit "Madama Butterfly" ein Fest der Stimmen" - recht hatte sie!
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    • Falstaff - Wuppertal

      Nach dem tollen Holländer in Wuppertal, war ich sehr gespannt auf den Falstaff und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht.
      Kein Wirtshaus zu Windsor, sondern der Strand der „Windsor Palace“ – Anlage stellt den Handlungsort dar, wo der dicke John Falstaff und die lustigen Weiber ihre Spielchen treiben. Bühnenbilder Moritz Nitsche hat dafür ein augenscheinlich sehr simples, aber in seiner Wirkung geniales Set aufgebaut. Ein Holzkai, ein paar Liegestühle, Sonnenschirme, zwei Umkleidehäuschen, dazu ein leicht wogendes Meer und blauer Horizont. Dass alle Akte im gleichen Ambiente spielen, ist kein Nachteil, denn immer werden neue Details sichtbar: Gleich zu Beginn stolpert Dr. Cajus über den im Frühnebel verborgen liegenden Bardolfo. Im zweiten Akt steht Falstaff wie ein stolz in die Ferne blickender Columbus auf einem kleinen Holzboot und singt sein Va, vecchio John. In der Dämmerung des dritten Aktes werden am Horizont die funkelnden Lichter eines Freizeitparks sichtbar. Die Bühne wird toll ausgeleuchtet von Henning Priemer. Es gibt einfach eine Menge zu sehen und auch Kostüme und die Regie von Johannes Weigand machen da keine Ausnahme. Wie es sich für die Titelfigur gehört, schießt Kiril Manolov den Vogel in einem wirklich tollem Ensemble ab. Sein Falstaff erinnert zuweilen an südländische Zeitgenossen, die mit arroganten Gehabe in Bars herumlungern. Er wirkt alles andere als lächerlich, gelegentlich aber gefährlich. Umso glaubhafter ist seine unfreiwillig komische Seite. Manolov spielt das köstlich aus, hat mit Ralf Rachbauer (Bardolfo) und Thomas Schobert (Pistola) zwei tolle Anspielstationen zur Seite. Sein Bariton klingt gesund und kraftvoll, weiß alle Klippen der Partie geschickt zu meistern. Nur gelegentlich bleibt er etwas vage in der Intonation, was seiner überragenden Leistung aber kaum Schaden zufügt.
      Insgesamt wirklich ein empfehlenswerter Besuch!
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    • Mozart: Die Hochzeit des Figaro Landestheater Detmold, 30. November 2011

      Am Mittwoch dieser Woche gastierte das Landestheater Detmold mit seiner aktuelen Inszenierung von Mozarts "Hochzeit des Figaro" hier in Paderborn. Es handelt sich dabei um die gleiche Inszenierung, von der Peter Michaelow im ersten Beitrag dieses Fadens schon erzählt hat. Nun habe ich die Aufführung auch gesehen und trage wie angekündigt meine Eindrücke bei.
      Die Oper wurde in deutscher Übersetzung gespielt, bei Komödien greift das Landestheater gerne auf diese heute etwas aus der Mode gekommene Praxis zurück. Die Übersetzung stammte laut dem Programmheft von Peter Brenner, mir schien es aber eine nur geringfügig überarbeite Fassung der alten und guten Übersetzung Hermann Levis zu sein. Kürzungen hatte man kaum vorgenommen, nur die beiden Arien von Marcellina und Don Basilio im vierten Akt fielen Weg, das ist bei Live-Aufführungen allerdings ja auch eine gängige Praxis. Der Opernabend dauerte trotzdem fast vier Stunden und erfordert somit Einiges an Konzentration und Durchhaltevermögen.

      Für die Inszenierung und die Ausstattung zeichnete Hinrich Horstkotte verantwortlich. Es war nun schon die vierte Regierarbeit, die ich von Horstkotte gesehen habe und bei keinem anderen Regisseur habe ich eine solche qualitative Bandbreite erlebt. Der "Figaro" lässt ja eine große Bandbreite an Akzentuierungen zu, jedem Regisseur ist ein anderer Bereich des vielschichtigen Stückes besonders wichtig. Claus Guth inszenierte ihn in der bekannten Produktion in Salzburg 2006 als düsteres Ehedrama, Horstkotte wählte den entgegengesetzten Ansatz und inszenierte Komödie, ja Burleske. "Ein toller Tag" ist der Untertitel der Oper und das scheint auch das Leitmoiv von Horstkottes Inszenierung gewesen zu sein. Ständig ist Bewegung und Leben auf der Bühne, die Momente der Ruhe, wie in den Arien der Gräfin und in Susannas "Rosenarie" sind selten, aber gezielt gesetzt. Mit einer übersprudelnden Fülle an Einfällen, geistreich, aber auch ohne Angst vor den Untiefen des Klamauks schnurrt die Komödie ab. Der Zuschauer hat immer etwas zu gucken, oft etwas zu lachen, manchmal bleibt ihm das Lachen aber auch im Halse stecken. Die Figuen sind sicher ge- manchmal auch über-zeichnet. Es ist eine Inszenierung, an der Opernneulinge wie auch Kenner ihre helle Freude haben können.
      Die Kostüme sind deutlich an Rokokomoden angelehnt, überzeichnen aber teilweise bis ins Absurde. Dieses Rokoko hat mit dem echten 18. Jahrhundert so viel zu tun wie das Mittelalter der Fantasyromane mit dem echten Mittelalter. Es ist eine Fantasiewelt, in der alles möglich ist, ein verrückter Sommernachtstraum. Diese Atmosphäre unterstreicht auch das Bühnenbild, das, Peter Michaelow hat darauf hingewiesen, beschriebenes Papier als zentrales Gestaltungselement wählt. Das Zimmer von Figaro wird durch große Stoffplanen, die mit alter Schrift bedruckt sind, abgetrennt und in die Mitte der Bühne gestellt, ein angespritzter Bleistift markiert eine Säule. Die hohen Wände des Schlafzimmers der Gräfin sind über und über mit kleinen Zettlechen vollgepinnt, der Paravent ist mit beschriebenem Papier bespannt. Im dritten Akt dominiert ein Tisch in der ersten Hälfte des Aktes das Bühnenbild, das bis auf den Boden reichende Tischtuch ist eine vergrößerte Partiturseite. Die Büsche und Bäume des vierten Aktes bestehen wieder aus kleinen Zettelchen, der Pavillon ist ein Tintenfass.
      Soviel also zu Inszenierung und Bühnenbild, eine Fortsetzung zu den Darstellern folgt so bald wie möglich.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • So, jetzt kommt auch noch die angekündigte Fortsetzung zu den Sängern und Darstellern. Das Detmolder Ensemble präsentierte sich, zusammenfassend gesagt, von seiner besten Seite. Man spürte, dass da ein wirkliches Ensemble auf der Bühne steht, Sängerinnen und Sänger, die sich gut kennen und täglich zusammenarbeiten. Das bekommt gerade einer solchen Komödie natürlich sehr gut, wenn sich niemand in den Vordergrund drängt, sondern sich alle Darsteller gegenseitig die musikalischen Bälle zuspielen. Die Bestandteile dieses geschlossenen Ensembles waren im Einzelnen diese:
      Andreas Jören gab den Graf, sicher und souverän wie stets. Egal ob exponierte Töne in der hohen Lage oder Koloraturen verlangt werden, Jören liefert ganz uneitel und mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit seinen Part ab. Bei all der Unspekatularität übersieht / überhört man leicht, was für eine hervorragende Leistung der Sänger da vorlegt. Sein schlanker, hoher Bariton passt sehr gut zur Rolle und kontrastiert mit der tieferen, kernigeren Stimme des Figaros Bryan Boyce. Als Muttersprachler kann Jören auch was die Wortdeutlichkeit angeht überzeugen. Wirklich schön kann ich die Stimme von Marianne Kienbaum-Nasrawi immer noch nicht finden, vor allem in der hohen Lage ist das Vibrato für meinen Geschmack zu groß und neigt sie dazu, schrill zu werden. Die Sängerin überzeugt aber durch musikalische Phrasierung und feine Gestaltungskunst. Auch in der Aufführung, die ich besucht habe, gelang ihr das "Dove sono i bei momenti" besser als die erste Arie, damit konnte sie aber das Publikum hörbar überzeugen.
      Den Figaro sang Bryan Boyce, der nach einer Saison in Detmold seit dem Sommer eigentlich Ensemblemitglied am Nationaltheater Mannheim ist. Der junge Amerikaner sieht blendend aus und wickelte mit jungenhaftem Charme seine Bühnenpartnerinnen und das Publikum um den Finger. Mit seinem kompakten, klangschönen basso cantante konnte er dem Figaro auch musikalisch eine ansprechende Statur verleihen. Catalina Bertucci war an seiner Seite eine rundum überzeugende Susanna.
      Begeistert war ich vom Cherubino der gerade 26-jährigen Britta Strege. Ich glaube, da wächst im Detmolder Opernstudio ein wirklich großes Talent heran! Die Verliebtheit, die Unsicherheit, das jugendliche Temperament, alle Facetten dieses Charakters wirkten bei Strege absolut glaubhaft und stimmig. Die Stimme ist ein heller, sehr, sehr schön klingender Mezzosopran, technisch und musikalisch hat die Sängerin die beiden Arien hörbar mit Leichtigkeit bewältigt - schade, dass es nur zwei waren... in diesen/diese Cherubino habe ich mich spontan ein Bisschen verliebt.
      Don Basilio, Doktor Bartolo und Marcellina waren für die drastischere Komik zuständig und die drei Sänger - Markus Gruber, Peter Scholz und Brigitte Bauma - haben das mit sichtlicher Freude gespielt. Vor allem Brigitte Bauma als rundliche Haushälterin hatte einen Lacher nach dem nächsten und wurde vom Publikum gefeiert - wer das Publikum zum Lachen bringt, hat es immer schon auf seiner Seite. Musikalisch waren alle drei überzeugend, Peter Schulz-Jaros, für diese Vorstellung als Gast vom Flensburger Theater geholt, hatte in seiner Arie ein Bisschen Probleme, sich auf das Tempo des Dirigenten einzulassen und immer den richtigen Rhythmus zu erwischen, überzeugte aber als spielfreudiger und stimmgewaltiger Buffo.

      Im Graben spielte das Orchester des Landestheaters Detmold unter seinem GMD Erich Wächter. Das Orchester kann seinen Mozart hörbar aus dem Effeff, der Orchesterpart schnurrte sicher und souverän ab, ohne besondere Glanzpunkte zu setzen. Erich Wächter hielt Bühne und Graben mit sicherer Hand zusammen, dem hohen Tempo der Komödie auf der Bühne setzt er im Musikalischen eher eine gemäßigte Gangart entgegen. Man kann aus der Partitur mehr herausholen, aber für eine solche Repertoireaufführung war das völlig in Ordnung.

      Nach fast vier Stunde Oper und einem wunderbar inszenierten Schluss (davon hat der Zar oben schon erzählt), brach das Publikum, kaum dass die letzten Töne verklungen waren, in begeisterten Applaus aus und bewies ungewöhnliches Durchhaltevermögen. Wo sonst alles möglichst schnell zur Garderobe stürmt, wollte und wollte der Applaus nun kaum ein Ende nehmen, es gab Bravorufe, vor allem für Bertucci, Strege und Bauma, insgesamt vier Einzelvorhänge für die Sänger, die sich über den Erfolg sichtlich freuten. Dieser Opernabend war also, kurz und knapp gesagt, ein voller Erfolg, ein riesiger Spaß und ist und bleibt nun - eine schöne Erinnerung.

      Ich glaube, dieser Detmolder "Figaro" hat gute Chancen, mein persönliches Opernhighlight dieser Saison zu werden!
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Reimann: Lear - Wiederaufnahme / Komische Oper Berlin - 10.12.11

      Nur ein Drittel der Plätze sind belegt zur Wiederaufnahme: Ein Grund mehr, diese grandiose Aufführung wärmstens zu empfehlen! Die gradlinige, pointierte und in den Mitteln einfache Inszenierung von Hans Neuenfels ist zur Premiere 2009 allenthalben (ua auch vom Komponisten) hochgelobt worden. Ganz zurecht: Sie spart grausige Details nicht aus (Blendung Glosters!) und entdeckt den bei Shekespeare ja immer irgendwo vorhandenen bissigen Humor im Stück, etwa in den Zeichnungen der beiden "bösen" Töchter. In der Sturmszene verzichtet der Regisseur ganz auf illustrative Mittel und setzt auf die Vergegenwärtigung durch die tobende Musik und den hinreissenden Darsteller (Tomas Tomasson) - die Wirkung ist gewaltig!
      Neben Tomasson agieren lauter Hochkaräter, vor allem Jens Larsen (Gloster), Martin Wölfel (Edgar), Irmgard Vilsmaier (Goneril) oder Erika Roos, die die Mosterpartie der Regan trotz Indisposition prägnant gestaltet. Ein absoluter Gewinn: Andreas Conrad, der den Schurken Edmund wirklich singt, klangschön auch in Extremen. Man muss diese Partie weder - wie oft gehört - pseudo-heldentenoral herausbellen noch in Sprechgesang verfallen, wenn man genau artikulieren will. Conrad zeigt, wieviele dankbare Aufgaben die anspruchsvolle Partitur für Sänger enthält.
      Am Pult jetzt der Reimann-Kenner Friedemann Layer, er wird den "Lear" ab März auch in Frankfurt dirigieren, auch dort mit Tomasson und Wölfel. Sein Zugriff ist nicht ganz so bestürzend unerbittlich wie bei seinem Vorgänger St.Clair, andererseits entdeckt er viele instrumentale Feinheiten und lässt gerade den lyrischen Schönheiten der Cordelia-Musik vieol Raum. Außerdem muss kein Sänger befürchten, irgendwann von Klangmassen erschlagen zu werden - die Balance zwischen Bühne und Graben gelingt souverän.
      Noch dreimal - 20. und 30.11.11 sowie am 08.01.12 - besteht Gelegenheit, diesen Musterfall spannenden Musiktheaters zu bewundern, danach wg. des Intendantenwechsels vermutlich nicht mehr - Barrie Kosky wird andere Akzente setzen.
    • "Norma" a Stoccarda - Catherine Naglestad bei der Wiederaufnahme gefeiert

      Ich war nicht dabei, aber der Berichterstatter der Stuttgarter Zeitung schreibt von großem Jubel für die Hauptdarstellerin, wie schon bei den früheren Serien 2002 und 2006. Marina Prudenskaja als Adalgisa und Rafael Rojas als Pollione kommen auch gut weg bei der Rezension, das Dirigat Ivan Anguelovs hingegen wird als "nicht mehr als routiniert" bezeichnet.

      Die neun Jahre alte Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito sei "eine ihrer besten Stuttgarter Arbeiten".

      Ich bin nicht eben ein Belcanto-Anhänger, werde demnächst aber mal hingehen. Bemerkenswert ist sicher, dass sich Frau Naglestad nebenbei bereits auf die Brünnhilde vorbereitet, die sie im Frühjahr in München geben wird :thumbup:

      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Fledermaus - Essen - 18.12.

      Gestern Abend wurde ich in Essen positiv überrascht. Im Gegensatz zu einigen schlechten Kritiken kann ich mit der modernen Regie von Gill Mehmert viel anfangen. Eine von Anfang bis Ende so beschwingte moderne(!) Aufführung dieser Operette habe ich selten gesehen. Das geniale Bühnenbild und Kostüme fügen sich zu einem optischem Ganzen zusammen. Es ist eine ungemein stimmige Inszenierung mit vielen vielen Pointen, die auch musikalisch sehr gut getimed sind.
      Dazu kommt noch eine musikalisch sehr gute Umsetzung natürlich angefeuert durch Stefan Soltesz, der wohl eine der besten Fledermaus dirigiert, die ich je gehört habe. Dazu eine hervorragende Besetzung mit Reinprecht als sehr gute Rosalinde und Peter Bording als Eisenstein. Auch Andreas Hermann mit dem ich öfters meine Probleme hatte ist nahezu eine Idealbesetzung. Unbedingt empfehlenswert.
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    • Am Samstag war ich in einer Aufführung in der Sächsischen Staatsoper in Dresden, in der berühmten Semperoper. Gespielt wurde Puccinis "Tosca". Es war das erste Mal, dass ich in einem so großen und bedeutenden Haus eine Aufführung miterleben durfte und Sänger auf der Bühne sehen, die ich sonst allenfalls aus dem Fernsehen kenne. Man wird sich leicht vorstellen, dass dieser Abend ein Erlebnis ganz besonderer Art war für mich und deshalb will ich jetzt auch keine ausführliche Kritik schreiben und die Aufführung auseinandernehmen. Ein paar kurze Eindrücke will ich aber doch berichten und loswerden.
      Zunächst einmal war ich von dem Opernhaus selbst begeistert, mit seiner Größe und Opulenz ist es ein besonderer Rahmen für Opernaufführungen und trägt einen durch sein Flair hinaus aus dem Alltag. Ich saß oben im vierten Rang (das sind die einzigen Plätze, die mit einem Studentenbudget erschwinglich sind, ermäßigte Karten gibt es im Vorverkauf nämlich nicht und an einem Adventswochenende will man sich in der Semperoper nicht auf die Abendkasse verlassen). Von dort oben hat man zwar das ganze Haus im Blick, ist von den Sängern aber schon weit entfernt, die Gesichter waren für mich nicht mehr zu erknnen, die Stimmen trugen aben auch in leisen Passagen bis dort oben hinauf.
      Die Inszenierung von Johannes Schaaf habe ich also nur von schräg oben gesehen. Sie hat mir gut gefallen, ohne mich zu begeistern. Schlaaf inszeniert eine relativ konventionelle "Tosca", da passiert nichts, was man nicht erwarten würde und was man nicht so schon in anderen "Tosca"-Inszenierungen gesehen hätte, bei gerade diesem Stück, wo die Musik sehr konkret ist, halte ich das aber für einen sehr guten Ansatz. Christof Cremers Bühnenbild ist alles andere als konventionell, er schafft flexible, brüchige Räume, die immer wieder umgedeutet werden und viel Raum für Assoziationen und das Knüpfen von Verbindungen lassen. Die für die Handlung wesentlichen Requisiten (Madonnenstatue, das Wandgemälde, Scarpias Tisch und Schreibpult etc.) sind da, aber eben auch nur sie, alles Unwesentliche ist weggelassen.
      Die Titelrolle sang Emily Magee; ich habe mich sehr gefreut, sie einmal in echt zu erleben. Die Stimme ist kräftig, in der tiefen und hohen Lage fällt ein fast unangenehmes Vibrato auf. Eine wirklich schöne Stimme hat Magee nicht, auf CD würde ich ihre Tosca vielleicht nur mittelmäßig finden, aber sie gestaltet sehr differenziert und intensiv und ist zudem eine mitreißende Schauspielrein, so dass ihre Tosca als Gesamtpaket aus Stimme, Gestaltung und Darstellung sehr überzeugend war. Den Cavarodossi sang Klaus Florian Vogt, noch so ein bekannter Sänger, den ich eigentlich nur aus dem Fernsehen kenne. Vogt war der Star des Abends, vom Publikum nach seinen Arien und beim Schlussapplaus mit Bravos frenetisch gefeiert. Ich gestehe, ich habe beim Schlussapplaus auch Bravo gerufen, zum ersten Mal in meinem Leben, zu Hause traue ich mich das nicht. Vogt war einfach unglaublich, eine Nachbarin sagte, es sei, als wäre er für diese Rolle auf die Welt gekommen und ich kann ihr da zustimmen. Mit seinen blonden wallenden Haaren und dem muskulösen Körperbau stellt er schon optisch den Künstler und jugendlichen Liebhaber überzeugend auf die Bühne und seine Stimme passt mindestens ebenso sehr dazu. Die schiere Schönheit des Timbres, die bis in den vierten Rang tragenden, aber trotzdem zarten Pianissimi in der Arie des letzten Aktes, die leidenschaftliche Gestaltung der Phrasierung - Vogt als Cavaradossi war ein intensives Erlebnis und im warsten Sinne des Wortes atem-beraubend für mich.
      Den Scarpia gab Andrzej Dobber, den ich offen gestanden vorher noch nicht kannte. Er hat eine kräftige runde Baritonstimme, die geforderte Klangausladung macht ihm keine Probleme, auch das "Te deum" kann er singen und muss es nicht brüllen. Im zweiten Akt ist er der intensiven Emily Magee ein Partner auf Augenhöhe. Dobber als Scarpia ist kein Erlebnis, aber er lässt keine Wünsche offen. In den Nebenrollen ist mir besonders der junge Bass Allen Boxer als Schließer aufgefallen, Johann Reiche vom Dresdener Kreuzchor als Hirte hat natürlich die Herzen des Publikums (zurecht) besonders erobert. Matthias Henneberg in der größten kleinen Rolle, der des Mesners, sang routiniert, bemühte sich, lustig zu sein, ging im Orchester aber manchmal ziemlich unter. Das war nur solide.
      Ein weiteres Erlebnis war die Sächsische Staatskapelle im Orchestergraben. Diese Schönheit des Klanges, diese Feinheit in den Bläsersoli - da spürt man dann doch den Unterschied zwischen einem Weltklasse-Orchester und den guten Profi-Orchestern aus Herford, Detmold oder Bielefeld, die ich sonst in Oper und Konzert höre, Der Dirigent war Julian Kovatchev, auch das ein mir unbekannter Name. Kovatchev zeigte sich als guter Opernkapellmeister, er koordinierte souverän Bühne und Graben, ließ den Sängern Raum, wo sie es brauchten, und dem Orchester Entfaltungsmöglichkeit, wo es ging. Als Zuörer hatte ich den Eindruck großer Sicherheit, da kann nicht viel schiefgehen.
      So, dass waren meine Eindrücke vom Opernerlebnis in der Semperoper, mein Opernjahr ist damit zu Ende. Über Kommentare würde ich mich freuen, auch wenn ich bei dieser Aufführung noch weniger kompetent als sonst, sondern noch mehr mit dem übergehenden Mund dessen, dem das Herz voll ist, schreiben konnte.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Kristiina Poska dirigiert La Traviata (28.01.12; Komische Oper Berlin)

      Im Trubel um die "Freischütz" - Premiere hätt ichs fast vergessen: Einen Tag zuvor, am 28.01., sah ich eine Repertoire-Aufführung der "Traviata" in der schlichten, fast kargen "Black-Box"-Inszenierung von Hans Neuenfels (welch ein Kontrast zum Freischütz einen Tag später!) - die Premiere war 2008.
      Erwähnenswert ist diese Aufführung der Dirigentin wegen: Kristiina Poska wird im Sommer hier Kapellmeisterin und wir dürfen einiges von ihr erwarten: So klangschön, aber rhythmisch präzise, so sensibel in der vorbildlichen Sängerbegleitung und so intensiv, vor allem im Bereich des Leisen, hab ich diese Oper lange nicht mehr erlebt. Mit drei ausgesprochen "leichten" Stimmen (Brigitte Geller, Peter Lodahl - kurzfristig eingesprungen - und Tom Erik Lie) gelingt eine sehr dichte Aufführung, nicht besonders "italienisch" vielleicht im Sinne eines vorwärtsdrängenden hm-ta-ta, aber mit einer Fülle von atemberaubenden Details - bis hin zu den lange ausgehaltenen Generalpausen. Die kann Frau Poska sich leisten, weil die Spannung auch in der Stille hält und an "kritischen" Stellen wie in der Mitte des großen Duetts Violetta-Germont nicht hineingeklatscht wird - manchmal ist es geradezu ein Zeichen für hohe Qualität, wenns keinen Zwischenapplaus gibt.
      Eine ganz unerwartete Kostbarkeit im Repertoirealltag; noch einmal am 14. Februar und dann - hoffentlich! - wieder in der nächsten Spielzeit.
    • 18.02. Titus - Sängerfest in Dortmund

      Das Dortmunder Konzerthaus hat am Samstag Abend einen fulminanten Titus geboten. Nach dieser Aufführung - auch wenn sie konzertant war - wird sich fortan jede Aufführung dieser Oper messen müssen. Louis Langrée hat mit der tollen Kammerphilharmonie Bremen eine grandiose Interpretation aufgefahren.
      Die Sängerbesetzung lies keine, wirklich keine Wünsche offen: Brindley Sherrat (Publio), Christina Daletska (Annio) und Rosa Feola (Servilla) waren hervorragend schönstimmig besetzte Nebenrollen. Malin Hartelius war eine erstklassige Vitellia im Stile einer femme fatale. Bisher nur wenig bekannt war mir Alice Coote, die von Elina Garanca die Rolle des Sextus übernommen hat. Das war wohl mit die beste Interpretation dieser Rolle, die ich bislang gehört habe. Beide Arien - magische Momente einer sensiblen Gestaltung - zogen zu Recht langen, lauten Applaus nach sich. Und ein Wunsch ging auch in Erfüllung: Endlich habe ich einmal Michael Schade live gehört und war nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Sein Titus war ein Ereignis von der ersten bis zu letzten Sekunde. Ein wunderbarer Opernabend!
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    • Eugen Onegin - Essen, 25.02.2012

      Eugen Onegin ist in Essen vor allem Orchestral ein großer Wurf geworden. Dirigent Dini´c begeht nicht den Fehler, den Eugen Onegin zu schwülstig zu interpretieren, sondern legt recht forsche Tempi an. Was man alles in dem wunderbaren Spiel der Essener Philharmoniker hört, ist unglaublich. Auch das Bühnenbild bietet unglaublich viel zu sehen, die Inszenierung von Michael Sturminger ist insgesamt gelungen, allerdings auch kein großer Geniestreich. Ein großer Moment ist die Duellszene, hier ausgelegt als russisches Roulette.
      Das Sängerensemble ist engagiert, wenngleich der große stimmliche Aha-Effekt fehlt. Heiko Trinsinger ist ein solider Eugen Onegin, Victoria Yastrebrova eine glaubhafte Tatjana.
      Wer sich von der behutsam modernen Inszenierung nicht abahlten lässt dürfte einen guten Opernabend in Essen erleben.
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    • Aida - Osnabrück, 03.03.2012

      Wer das moderne Regietheater meidet, der sollte auch die Aida in Osnabrück meiden. Yona Kim hat sicherlich gute Grundgedanken, wie das politische System einer korrupten Militärmacht auf die Bühne stellen will. Doch heraus kommt nur ein Mix aus der grauen Bühne und den grell-poppigen Ägypten-Zitaten, dazu besonders häufig für Chor und Statisten abgedroschene Aktionen, wie man sie häufig in modernen Interpretationen sieht. Das ist vor allem schlimm, weil Verdis grandiose Musik unfreiwillig parodiert wird.
      Musikalisch ist insgesamt gelungen, vor allem die Aida der Lina Liu ist mit wunderschönem Sopran eine ideale Ida, darstellerisch ist sie davon meilenweit entfernt. Ricardo Tamura lies sich mit (Zitat) "99,9 % vorhandener Stimme"nach einer Erkältung ansagen, sang viel im Mezzoforte und Forte, schien aber diese Ansage nicht nötig zu haben. Daniel Inbal bremste das zugegeben eindrucksvolle Forte im Unisono zu wenig, die Grenze zum Krach war überschritten. Daneben war aber viel vom italiensichem Feuer zu spüren.
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    • Janacek: Jenufa - Deutsche Oper Berlin - 10.03.2012 (Premiere war 04.03.)

      Erstaunlich: Offenbar hat hier bisher niemand über die neue "jenufa" an der Deutschen Oper Berlin berichtet - ich sah die dritte Aufführung und war vor allem beeindruckt von der ästhetisch wie inhaltlich eindrucksvollen und präzisen Inszenierung von Christof Loy: Im sehr kargen Bühnenbild (Dirk Becker), bestehend aus einem weißwandigen Kasten, der durch Verschiebung der Seiten- oder Öffnung der Hinterwand wechselnde Einsichten ermöglicht, inszeniert Loy das Stück als eine Art Rückbesinnung der Küsterin, die uns in einer stummen Szene zu Beginn im Gefängnis begegnet, also nach Ende der eigentlichen Handlung. Die Küsterin rückt dadurch noch mehr ins Zentrum des Geschehens als ohnehin schon üblich. Leider zahlt sich die Besetzung dieser Rolle "gegen den Strich" mit der vor allem stimmlich eher schlanken Jennifer Larmore nicht aus: Einerseits stehen ihr nicht so viele schauspielerische Nuancen zur Verfügung, um die sehr präzise und subtile Regie kongenial umzusetzen; andererseits füllt sie die Partie mit ihrem sauberen, klangschönen, aber im Ausdruck etwas indifferenten Mezzosopran nicht aus. Die Folge sind leider ein paar Spannungslücken vor allem im zentralen zweiten Akt - ungewohnt bei diesem Stück und vielleicht auch verursacht durch das Dirigat von Donald Runnicles, dem es nach meinem Empfinden etwas an rhythmischer Schärfe und unverstellter Dramatik mangelt - verglichen mit dem Furor, den Kirill Petrenko vor einigen Jahren mit diesem Stück an der Komischen Oper entfesselte. Im ersten und dritten Akt fallen diese Mängel weniger stark ins Gewicht. Vor allem der dritte Akt mit einem hinreissend gelungenen Schluss bleibt im Gedächtnis haften.

      Im übrigen: Michaela Kaune singt und spielt eine souveräne Jenufa, im Tonfall vielleicht ein bisschen zu einfarbig-klagend, aber durchweg berührend. Die eindrucksvollste stimmliche Leistung kommt von Jeffrey Dowd als Laca, der sich auch ganz aufs Singen konzentrieren kann, weil er den erkälteten, stumm agierenden Will Hartmann von der Seite "covert"; eine warm timbrierte, in allen Lagen gut ansprechende Stimme. Dowd überzeugt auch durch vorzügliche (tschechische) Artikulation und genaue Interpretation etwa der zahllosen Textwiederholungen bei Janacek: Wenn er etwa in der Schlusszene die Phrase "das will ich gern für Dich tragen..." zweimal singt, ist deutlich zu hören, dass er sich zu diesem unbedingten Bekenntnis zu Jenufa erst durchringen muss, was dem Schluss hohe Glaubwürdigkeit verleiht. Hanna Schwarz gibt eine souveräne, die Bühne beherrschende Großmutter Burya, Stefan Kaiser einen stimmlich wie in der Darstellung fulminant beweglichen Hallodri Stewa, dem allerdings im zweiten Akt ein bisschen die Puste ausgeht. Nur durchschnittliche Leistungen in den kleineren Rollen, stark dafür Chor und Orchester.

      Das Ärgerlichste an dem insgesamt sehr gelungenen Abend waren die zwei langen Pausen; vielleicht ist der teilweise spürbare Spannungsabfall auch hierdurch begünstigt worden. Trotzdem: Eine lohnende Produktion (Wiederholungen: 16.3., 20. und 24.4.12).
    • Hallo,
      Erstaunlich: Offenbar hat hier bisher niemand über die neue "jenufa" an der Deutschen Oper Berlin berichtet


      Doch, ich hab schon berichtet, ich war in der Premiere (ich liebe Janacek-Opern!), hier eine Kopie aus dem Thread: im Klassikforum "http://www.das-klassikforum.de/thread.php?threadid=1872"

      Kopie:

      "Ich weiß, dass ich in einer schwarzen Oper ins Schwarze gemalt habe, eine düstere Musik – so wie auch meine Verfassung war.« (Brief, Janácek im Oktober 1903)

      Ein beeindruckendes Werk, das mich musikalisch total gefesselt hat. Extreme, kontrastreiche Musik, teilweise sehr expressiv, dann wieder absolut minimalistisch, oder auch ganz karg. Runnicles dirigierte eher kontrolliert, arbeitete die vielen Facetten manchmal nicht so gut raus. Gut haben mir die leisen, kammermusikalischen Passagen gefallen, aber auch wachsende Bedrohlichkeiten hat er gut getroffen. Packend auch das Motiv der Mühle, das vom Xylophon untermalt sich so wie ein roter Faden durch die Musik zieht. Prinzipiell hätte ich mir doch das eine oder andere Detail subtiler gewünscht, insgesamt auch mehr rhythmische Genauigkeit.


      Zur Inszenierung:
      Loy will die Stiefmutter ins Zentrum stellen, es beginnt mit ihr im Gefängnis, sie denkt zurück (auch jeder Akt beginnt so). Entsprechend ist der Raum: Steril, komplett weiß, nur mit einem Tisch und Stuhl möbliert. Die Bühne ist dabei in der Höhe reduziert und nach hinten geschlossen, also man sieht einen Streifen, wie in einem Breitbandfilm. Dann öffnet sich nach hinten die Wand und man sieht ein abgeerntetes Feld, Jenufa kommt rein und die Handlung nimmt ihren Lauf.
      Anfangs fand ich das sehr gut, aber es wird mehr und mehr vorhersehbar (im zweiten Akt sieht man hinter der langsam weggezogenen hinteren Wand nur Schnee). Irgendwann wird es redundant, weil die Inszenierung nicht viel mehr zu bieten hatte. Also psychologische Deutung findet quasi nicht statt. Die Personenführung fand ich choreographisch ok, psychologisch langweilig - es passierte einfach nur das, was im Text steht. Als einziger (und nicht gerade neuer) Effekt verengte sich der weiße Raum, als Jenufa als Mörderin beschuldigt wurde. Ach, und im zweiten Akt gab es ein wunderschönes fahles Licht.
      Ein Perspektivwechsel aus Sicht der Küsterin, wie ich ihn nach dem Beginn erwartet hatte, fand nicht statt. Auch am Ende keine Idee von Weiterverfolgung ihres Schicksals. Auch die gegensätzlichen Brüder blieben blass, die Großmutter wurde als Figur nicht klar, also irgendwie letztlich trotz des modernen Bühnenbildes eine stockkonservative Inszenierung, nahe am Text, in modernen Kostümen. Ich habe keine Buhrufe für die Regie gehört, was sicher nicht daran lieg, dass es so genial gemacht war. Es wurde nichts riskiert und das ist aufgegangen.

      Nun gut, die Inszenierung war ganz und gar nicht ärgerlich und somit auch nicht störend - nur etwas harmlos eben. Man konnte ungestört seinen eigenen Gedanken nachgehen, das hat ja auch was für sich. Ich habe darüber nachgedacht, wer von den beiden Brüdern eigentlich der bösere ist. Laca, der seinen Halbbruder hasst und Jenufa das Gesicht zersticht, oder Steva, der sich betrinkt, weil er nicht zur Armee muss und der "nur" eine ungeliebte Frau nicht mehr haben will (nicht nur wegen der Narbe, sondern weil sie, wie er sagt, sich verändert hatte, der Küsterin immer ähnlicher geworden war!). Immerhin wollte er für das Kind zahlen.

      Sängerisch war es eine solide Ensembleleistung ohne Glanzlichter. Jenufa alias Michaela Kaune hat mich nicht so überzeugt, sie spielte langweilig und sang irgendwie ebenso - zudem nervte mich starkes Vibrato, wenn es lauter wurde. Zwar hat sie einen hellen Sopran und passt damit ganz gut zu der Rolle, aber sie hat mich wenig berührt und in den hohen Tönen auch so einige Mühen. Jennifer Larmore als Küsterin sang zwar sehr schön, kam aber mit ihrem Mezzosopran mitunter kaum über das Orchester. Jedoch hatte sie eine weitaus bessere Bühnenpräsenz und konnte auch beklemmende Stimmungen erzeugen. Die beiden Männer waren gut, aber nicht mehr: Will Hartmann als Laca war mir etwas zu brav, konnte mir weder Eifersucht noch Aggression vermitteln. Joseph Kaiser als Steva gefiel mir etwas besser, man nahm ihm seine Zerrissenheit ab, auch die Angst vor der Verantwortung. Hanna Schwarz bekam sehr viel Beifall, warum ist mir komplett schleierhaft.

      Nebenbemerkungen
      Es gab 2 Pausen, was ich störend fand. Die Handlung ist so dicht, dass ich sie gern am Stück gesehen hätte.
      Die Übertitel waren schlecht zu lesen, weil durch die komplett weiße Bühne die Augen die weiße Schrift darüber auf dem schwarzen Grund schlecht erfassen - der Beamer der DOB ist zu lichtschwach (das ist mir übrigens auch beim Don Carlo schon aufgefallen).
      Das Premierenpublikum ist ein diszipliniertes - wenig Gehuste, kein unpassender Zwischenapplaus. Ich frage mich aber, was sich der Vater(?) gedacht hat, der sein max. 5jähriges Kind mit in diese Aufführung nahm.

      Alles in allem ein schöner Abend, was vor allem der großartigen Musik und der unter die Haut gehenden Handlung zu verdanken war.
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Ich war in der zweiten Vorstellung und war und bin durchweg begeistert, wahrscheinlich bin ich nicht so anspruchsvoll was die Inszenierung betrifft; ich fand es genau richtig, es hatte etwas sehr minimalistisches, reduziert auf das wesentliche, ohne unnötiges Vorführen einer Interpretation, es wurde einfach die Geschichte erzählt, und das meiner Meinung nach nicht spannungsarm, sondern stringent und zeitlos. Die beiden Pausen fand ich ebenfalls nicht ideal, aber man sollte die Notwendigkeit hiervon vielleicht auch aus Rücksicht auf die Sänger sehen, deren Leistungen ich durchweg als hervorragend betrachte, allen voran Jennifer Larmore als eine lyrische, tief empfundene, sehr authentische, darstellerisch brilliante und stimmschöne Küsterin, die zumindest mich den ganzen zweiten und dritten Akt in Bann gehalten hat. Wahr ist, dass sie nicht die größte Stimme hat (habe sie erstmals live gehört), aber das fiel an dem Platz, wo ich saß, nicht weiter ins Gewicht. Und Runnicles hat bewiesen, dass auch das Orchester der Deutschen Oper Berlin absolut konkurrenzfähig ist, wenn alle um ihr Leben spielen.
      Für mich war das der erfüllteste Opernabend seit langem.
      "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."

      Max Bruch (1838-1920)
    • Rigoletto, Köln, 09.04.2012

      Hingefahren war ich vor allem wegen Zeljko Lucic in der Titelrolle, den ich unbedingt mal live hören wollte und ich wurde nicht enttäuscht.

      Der serbische Bariton wurde seinem Ruf, der ihm vorauseilte, sehr gerecht. Sein perfekt sitzender, vielleicht etwas monochromer Bariton verfügte über die passende Legotokultur, aber auch über die aufbrausende, dramatische Wucht. Doch selbst er hatte in wenigen Momenten mit dem Gürzenich-Orchester zu kämpfen, dass offensichtlich das Forte der Sänger überschätzte. Das war aber das einzige Manko bei den Instrumentalisten, die ansonsten einen wirklich sehrschönen Verdi spielten. Alain Altinoglu entlockte ihnen sehr schön sensible Momente. Eine Pause konnte bei ihm ein spannungsgeladener Aussetzer sein und nicht nur eine notierte Stille. Etwasmehr Feuer, etwas mehr Sogkraft hätte das Werk aber wohl vertragen können. Mit sicherem Gehör und präzisen Einsätzen wachte der Dirigent über den heiklen Ensembles. Beinahe aber wären die schwierigen Männerchöre zur Bühnenmusik im ersten Bild doch noch auseinander geflogen.

      Im Ensemble präsentierten sich zwei Männerrollen auf hohem Niveau: Oliver Zwarg feuerte den Fluch des Monterone mit Nachdruck ab und Dennis Wilgenhof verlieh dem Sparafucile seinen schwarzen Bass und eine riesigeGestalt. Neben Lucic mussten die beiden anderen Hauptpartien zwangsläufig verblassen,schlugen sich insgesamt achtbar. Jeongki Cho konnte als Schürzenjäger schon durch sein schmeichelndes Timbre für sich einnehmen, das allein für sich schon ein Besuch der Aufführung wert war.Seiner Stimme fehlte schlichtweg aber an Größe für den Herzog, der ganz mühelos das Auditorium erobern müsste. Jutta Böhnert hatte als Gilda viele schöne Momente, wie etwa ihr makelloses Caro nome, oder auch ihre Sterbeszene. Doch dazwischen gab es immer wieder Einbrüche in der Intonation und auch die Höhe wollte nicht immer mühelos ansprechen.

      Dass die beiden letztgenannten nur lediglich nette Portraits ihrer Rollen zeigen konnten, geht sicher auch zu Lasten von Katharina Thalbachs Inszenierung. Zeljko Lucic konnte sich durch seine lange Rollenerfahrung selber ein bisschen helfen, der Rolle Tiefgang zu verleihen. Dankenswerterweise verzichtete sie auf eine Umdeutung des Stoffes, doch im Endeffekt wurde daraus nur eine etwas lahme Nacherzählung, die kaum das Feuer und Drama der Musik aufgriff. Rigolettos Zorn, Gildas Unschuld, konnte man erkennen, aber berührten zu keinem Zeitpunkt. Im
      ersten Bild versucht sie zu Recht einen Eindruck von der Orgie im Palast des Herzogs zu vermitteln. Doch ein bisschen Geschlechtsverkehr, ein masturbierender Zuschauer, ein Riesenphallus und ein paar tanzende Mädchen mit kurzen Röckchen machen noch lange keine Orgie aus, zumal bei Thalbach das alles wie nach der Stoppuhr abläuft. Optisch sind es vor allem die Bühnenbilder von Ezio Toffolutti, die wirklich begeistern können, besonders im dritten Akt.

      Man kann nur hoffen, dass die Stadt Köln auch weiterhin die Mittel bereitstellen wird, um den Zuschauern diese Stimmen zu präsentieren zu können. Denn der Jubel am Ende der Vorstellung war entsprechend groß, natürlich auch besonders lang und laut für Zeljko Lucic.
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