Verdi: "La Traviata" - Staatsoper Hannover, 17.09.2011

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Verdi: "La Traviata" - Staatsoper Hannover, 17.09.2011

      „Die Einsamkeit der Violetta V.“- so könnte die Eröffnungspremiere der Staatsoper Hannover zur Spielzeit 2011/2012 überschrieben sein. Benedikt von Peter inszeniert „La Traviata“ von Giuseppe Verdi und er tut das in einer radikal auf die weibliche Hauptrolle zugeschnittenen Inszenierung.

      Das verlangt von der Interpretin der Violetta Valéry, die etwa zweieinhalb pausenlose Stunden lang die einzige (sic!) Akteurin auf der Szene ist, einen Einsatz mit Stimme und Körper, der allein schon Bewunderung verdient. Dass von Peter aber den Bühnenraum (Szene: Katrin Wittig, Kostüme: Geraldine Arnold) direkt an die ersten Zuschauerreihen heranrückt, in dem er auf dem hochgefahrenen Orchestergraben spielen lässt, während das Orchester hinter der Szene auf der Bühne sitzend musiziert, macht die Leistung der Sängerin zum Faszinosum.

      Es gibt keine Rückzugsmöglichkeit, die Interpretin liefert sich durch diese ungewöhnliche Nähe ihrem Publikum aus. Jede Geste, jeder Gesichtsausdruck wird so geradezu mit Händen greifbar, jede Gefühlsregung überträgt sich auf das Publikum.

      Die Körperbeherrschung der Sopranistin Nicole Chevalier, die oft auch während manch körperlich anstrengender Aktion singen muss, ist eine Klasse für sich. Ob auf Spitze balancierend oder während der zweiten Strophe des „Addio del passato“ über die Zuschauerreihen kletternd, Chevalier ist umwerfend.

      „This is for you“ sagt Violetta zu Beginn und zum Ende der Vorstellung zu ihrem Publikum und das Publikum dankt ihr dafür mit absolut verdienten Standing Ovations.

      Auch gesanglich bewältigt Nicole Chevalier ihre Partie mit grosser Souveränität. Vor allem gelingt es ihr, immer wieder an den Nuancen zu feilen, nie den Ausdruck aus den Augen zu verlieren und das zu leben, was Text und Gesangslinie vorgeben. Es wäre in Anbetracht der phänomenalen Gesamtleistung unangemessen, an Details Kritik zu üben. Nein, hier stimmt alles. Nicole Chevalier mit dieser Rolle in dieser Inszenierung zu erleben, sollte man sich nicht entgehen lassen.

      Benedikt von Peter erzählt die Geschichte der Violetta Valery quasi als Rückblick, so scheint es jedenfalls. Violetta selbst lebt einsam in einem Raum, der aus Zitaten besteht: Hier ein Schminkspiegel, dort ein Ballkleid, ein Tisch, eine Tür und ein Fenster aus einer Theaterkulisse.

      Tatsächlich aber ist wohl die ganze Liebesgeschichte der Violetta eine Einbildung, eine Phantasie. Violetta lebt in einer Traumwelt. Sie erträumt sich den einen Liebhaber, der sie um ihrer selbst willen liebt – und den es gar nicht gibt. Sie versteigt sich so sehr in diesen Wunsch, dass sie aus dem Traumraum keinen Ausgang mehr findet.

      Die Stimmen der Menschen aus ihrer Liebesgeschichte um Alfredo herum existieren nur in ihrem Kopf. Die Sängerinnen und Sänger sind, genauso wie der Chor, dunkel gekleidet, im ersten Rang positioniert. Durch Veränderung ihrer Position entsteht so etwas wie ein Raumklang, die normale Begrenzung zwischen Bühne und Zuschauerraum wird hier aufgehoben. Dass auch die Klangbalance sich durch diese ungewöhnliche Raumaufteilung verändert (besonders auch wegen des Orchesters), ist vernachlässigbar, das Ergebnis überzeugt.

      Zu Beginn betritt Violetta die Spielfläche mit einer Trainingshose bekleidet, darüber erkennbar ein Korsett. Mit einem Knalleffekt beginnt die Handlung, Luftschlangen werden über die Bühne geschossen, hinter dem Orchester beginnt eine Glühbirnenbatterie wie auf einem Jahrmarkt zu blinken.

      Ganz langsam entwickelt sich die Handlung, die – es sei hier nochmals erwähnt – allein von der Sängerin der Violetta Valéry bestritten wird. Sie lässt sich von ihren Phantasien, die durch Requisiten und Kostüme angeregt werden, immer stärker in den Sog des für sie offensichtlich traumatisch verlaufenden Geschehens ziehen. Und es ist glänzend gelöst, wie man Zeuge des Absturzes der Violetta wird, wie diese Frau immer mehr die Beherrschung verliert, sich aufzulösen scheint, wie das Gesicht verwischt.

      Starke Akzente setzt von Peter, wenn Violetta im Festbild des zweiten Aktes sich selbst eine Stiermaske aufsetzt und zum gejagten Tier wird oder wenn Violetta die Musik nicht mehr erträgt und aus einem Kofferradio ekstatisch zu den dröhnenden Klängen moderner Unterhaltungsmusik tanzt. Auch die Beschimpfung des Alfredo, Violetta sei eine Dirne, setzt von Peter drastisch um: aus ihrer Unterhose zieht Violetta Geldscheine hervor.

      Geradezu anrührend, wenn sich die schon sichtlich angegriffene Violetta vor dem dritten Akt an ihr Publikum wendet. Auf Englisch fragt sie, ob man sie denn mögen würde, ihre Augen, ihren Mund oder auch ihre Brüste und ihren Hintern. Sicher ein Höhepunkt der Aufführung, wenn Violetta wenige Minuten später ihrer Welt zu entfliehen versucht und über die Stuhlreihen hinweg steigt, um zu den Stimmen zu gelangen, die in ihrem Kopf dröhnen. Wie sie da steht, ganz ruhig mit den Füssen auf zwei Armlehnen abgestützt, die Hände in die Höhe gereckt, ist ein Bild, das bleibt.

      Es gibt in diesen zweieinhalb Stunden keinen Leerlauf, das ist mit einer Detailgenauigkeit ausinszeniert, die die Aufführung weit über das heraushebt, was man sonst gewohnt ist. Die Konzentration der Sängerin sorgt hier für eine Sternstunde des Musiktheaters, perfekt ist die Synthese zwischen Haltung, Gesang und Darstellung.

      Natürlich stellt eine solche Produktion auch an den musikalischen Leiter des Abends erhebliche Anforderungen. Gregor Bühl wird mittels moderner Videotechnik auf zahlreiche Monitore übertragen, auch auf eine grössere Videowand am Ende des Parketts. Manchmal hilft er durch Drehung des Oberkörpers in Richtung des hilfebedürftigen Sängers im Rang, einen direkten Kontakt herzustellen. Sieht man von Klangverschiebungen ab, gelingt das alles weitgehend gut. Rein musikalisch bleiben Wünsche offen. Da wären fragilere Streichertöne denkbar, zügigere, federndere Passagen würden weniger beiläufig klingen, eingebundene Zuspitzungen wären gegenüber isolierter Akzente sinnfälliger.

      Neben Nicole Chevalier ist es der Bariton Brian Davis, der als Vater Germont für gesanglichen Wohlklang sorgt. Die Stimme strömt frei, wirkt auch in der Höhe noch unangestrengt und stösst nie an Grenzen.

      Schwach hingegen der Tenor Philipp Heo (Alfredo), der zwar über einige schöne Töne verfügt, aber in Sachen Gesangskultur und Genauigkeit ziemlich viele Wünsche offen lässt. Für Heo gab es schon während der Aufführung ein deutliches „Buh“.

      Die kleineren Partien und der Chor agierten für ein Haus dieser Grösse eher unterdurchschnittlich.

      Am Ende der nicht ganz strichlosen Fassung von „La Traviata“ in Hannover wurde Nicole Chevalier frenetisch und völlig zu recht gefeiert, worüber sich die Sängerin sichtlich freute. Regisseur Benedikt von Peter wurde erwartungsgemäss auch mit „Buh“-Rufen bedacht, allerdings überwog auch hier die vehemente Zustimmung für einen aussergwöhnlichen und sehr gelungenen Opernabend. Freundlicher Beifall für die meisten der anderen Mitwirkenden.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • auf Grund der großen Nachfrage sieht sich das Niedersächsische Staatstheater Hannover gezwungen, eine zusätzliche Vorstellung von La Traviata in den Spielplan aufzunehmen.
      "http://www.staatstheater-hannover.de/oper/index.php?m=1&f=06_news&ID_News=65"

      (So'n Pech auch für die Gegner des Regieschachs !)

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Die Nachfrage ist offenbar ungebrochen. Wie auch in den letzten drei Spielzeiten gibt es jetzt in Hannover wieder vier Aufführungen im Januar/Februar 2016.

      Man kann also Frau Chevalier, die - wie ich jetzt lese - soeben an der Berliner Komischen Oper in Koskys "Les Contes d'Hoffmann" als Stella/Antonia/Olympia/Giulietta triumphierte, nochmals in dieser ergreifend-bedrückend angelegten Rolle als Violetta erleben.