Wagner: Tristan - Staatstheater Mainz, 17.09.2011 (Premiere) - Knabe

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    • Wagner: Tristan - Staatstheater Mainz, 17.09.2011 (Premiere) - Knabe

      Tja, was soll ich sagen: Weniger wäre mehr gewesen. Doch der Reihe nach:

      Die Akteure:

      Musikalische Leitung: Hermann Bäumer
      Inszenierung: Tilman Knabe
      Bühne: Beatrix von Pilgrim
      Kostüme: Kathi Maurer
      Dramaturgie: Carsten Jenß
      Tristan: Alexander Spemann
      König Marke: Ks. Hans-Otto Weiß
      Isolde: Ruth Staffa
      Kurwenal: Heikki Kilpeläinen
      Melot: Ks. Jürgen Rust
      Brangäne: Patricia Roach
      Ein Hirte: Thorsten Büttner
      Ein Steuermann: Richard Logiewa
      Stimme eines jungen Seemanns: Alexander Kröner

      Herrenchor des Staatstheaters Mainz
      Philharmonisches Staatsorchester Mainz
      Statisterie des Staatstheaters Mainz

      Englisch-Horn-Solo: Christian Petrenz

      Bevor hier weitergelesen wird, bitte erstmal die Beiträge zu Tilman Knabes Lohengrin Inszenierung in Mannheim lesen: Wagner: Lohengrin - Nationaltheater Mannheim, 25. April 2011 (Premiere: 3. April 2011) - Knabe

      Als Kurzzusammenfassung: Musikalisch sehr gut, von der Inszenierung her sind der erste und der dritte Aufzug gut bis sehr gut, aber es scheint, daß Knabe Angst vor Langeweile hat, und daher zu viel "reinpackt". Siehe dazu auch sein Interview vor der Premiere: "http://www.wiesbadener-kurier.de/region/kultur/theater/11160497.htm

      Im ersten Aufzug sehen wir den Bauch eines modernen Kriegsschiffes, dreigeteilt ist das Bühnenbild. Links die Kommandobrücke, wo sich die Mannen vor Monitoren aufhalten und Isolde überwachen, die in der Mitte der Bühne in ihrer Kabine mit Brangäne gefangen gehalten wird, und rechts dann der Gang zu Isoldes Kabine, vor deren Tür ein Mann Wache hält ("http://www.staatstheater-mainz.com/fileadmin/img-stmz/stuecke1112/tristan/tristanundisolde_8.jpg). Da diese Kabinen klein sind, wurde hier untertitelt, was sehr gut klappt. Wir befinden uns außerdem wohl im arabischen Raum, denn wo sonst finden wir heute noch "Königreiche", in denen Frauen als "Ware" zur Hochzeit organisiert werden? Knabe gelingt es gut, die Spannung zwischen Liebe und "durch den Trank verführt" in Bild und Aktion umzusetzen als auch einen Bezug zur aktuellen Lage im arabischen Raum herzustellen. Details, wie die nicht gegessenen Mahlzeiten in Isoldes Kabine oder das Setzen einer Ernähungsspritze durch Brangäne verstärken den Eindruck der "Gefangenheit" und erzeugen Beklemmung. Gespannt auf den zweiten Aufzug verliessen wir positiv beeindruckt den Saal zur Pause, zumal auch aus dem Orchestergraben nur Gutes zu vermelden war.

      Im zweiten Aufzug befinden wir uns dann im Herrschersaal, also im Zentrum der Macht, und hier wird durch die Größe des Raumes die Verlorenheit deutlich. Leider traut sich Knabe nicht, Spannung ohne Effekte aufzubauen. So baut er zusätzlich in den Hintergrund während der Liebesnacht Slow-Motion Szenen der Ermordung von Frauen durch Militärs als auch deren "Auferstehung" und Wandlung zu Revoluzzern (die auf einem Kopierer Schriften vervielfältigen und im Saal verstreuen ("http://www.staatstheater-mainz.com/fileadmin/img-stmz/stuecke1112/tristan/tristanundisolde_12.jpg) ein, deren Bezug nirgends hergeleitet wurde oder fortgesetzt wird (soll hier angedeutet werden, was "Diktatoren Nachts auf der Jagd" machen, und wie sich das Volk dagegen wehrt? Es bleibt unklar, und ist überflüssig). Diese "Aktionen" stehen sinnentleert im Raum. Außerdem spielen Isolde, Brangäne und später auch Marke am Lichtschalter des Saals, was zwar "paßt", aber auch als Aktion um der Aktion Willen erscheint. Im Übrigen blendet die Saalbeleuchtung den Zuschauerraum, so daß die Übertitelung hier nicht lesbar ist. Dieser zweite Aufzug lies uns ratlos in die Pause zum dritten Aufzug gehen, zumal wir traurig darüber waren, daß Tristan von Isolde lautstärketechnisch ziemlich übertönt wurde.

      Der dritte Aufzug bot dann wieder ein beklemmendes Bild, die "Burg" als Bruchbude, in der Tristan auf einer Krankenhausbahre am Tropf hängt und mehrfach mit einem Defibrilator reanimiert werden muß. Sehr beeindruckend dann der Regieeinfall, das Englischhorn-Solo durch Christian Petrenz auf der Bühne spielen zu lassen. Er kommt von rechts herein, geht langsam auf die Bahre zu, setzt sich neben Tristan und spielt dabei. Leider muß Knabe auch hier zuvor einen der Mannen ausrasten und andere zusammenschlagen lassen. Das ist überflüssig. Dicker kommt es dann noch, als Marke kommt, der sprengt die Tür und kommt mit Knabes Presseteamfimmel im Blitzlichtgewitter hereingeplatzt. Weniger wäre mehr. Den "Liebestod" singt Isolde dann mit einer frisch aufgehobenen MP und einem Laptop in den Händen, während 3 Doubles von ihr durch den Zuschauerraum schreiten, und die "Bruchbude" nach hinten in das Bühnenoff weggefahren wird. Toll, aber zuviel. Ohne Laptop und ohne MP und ohne 3 Doubles wäre das grandios, so ist es leider fast nur albern.

      Zu den Sängern ist zu sagen, daß Marke etwas Probleme mit den Tiefen hat, das klingt manchmal gequält und geknödelt, und daß Isolde etwas zu laut für Tristan singt. Mainz ist nicht groß, da darf man auch ruhig etwas leiser singen, um seinen Partner, der sehr schön singt, nicht permanent zu übertönen.

      Vom Orchester ist nur Gutes zu berichten, ich fand nur den zweiten Aufzug ganz allgemein ein wenig zu laut, evtl. war das aber der zuvielen Hektik auf der Bühne geschuldet?

      Also: Musikalisch und sängerisch sehr gut, die Inszenierung ist zu übervoll, und hätte mit weniger weitaus mehr sein können, auch, wenn sie mit einigen sehr beeindruckenden Bildern aufwartet. Hier hätte sich Knabe von seinem Mannheimer Lohengrin etwas mehr trennen müssen. Vieles kam uns als Deja-Vu vor, und erweckte den Eindruck, als ob ihm hier nichts "Besseres" eingefallen sei, und er daher Regieideen aus Mannheim recyclt hat.

      Ich bin nun mal gesannt, was uns Alviano von seinem Besuch am nächsten Samstag berichten wird.

      Fotos gibt's beim Staatstheater Mainz unter: "http://www.staatstheater-mainz.com/index.php?id=1329

      Matthias

      P.S.: Links zu einigen Kritiken:
      "http://www.faz.net/artikel/C30722/staatstheater-revolte-fuer-isolde-in-mainz-30688831.html[/url]
      "http://www.giessener-allgemeine.de/Home/Nachrichten/Kultur/Artikel,-Mainz-zeigt-Tristan-und-Isolde-im-Nahen-Osten-_arid,287726_regid,1_puid,1_pageid,14.html[/url]
      "http://www.nmz.de/online/tristan-in-nordafrika-wagners-musikalische-handlung-mit-hermann-baeumer-und-tilman-knabe-zum-[/url]
      "http://www.morgenweb.de/nachrichten/kultur/20110919_mmm0000002207444.html[/url]
      "http://opernnetz.de/seiten/rezensionen/mai_tri_bri_110917.htm[/url]
      "http://www.mainzer-rhein-zeitung.de/mainz/szene-mainz_artikel,-Wagner-Oper-Tristan-und-Isolde-zu-Zeiten-der-Militaerdiktatur-_arid,307691.html[/url]
      "http://www.fnp.de/fnp/nachrichten/kultur/gefahr-des-aufbegehrens_rmn01.c.9218453.de.html[/url]
      "http://www.main-netz.de/nachrichten/kultur/kultur/art4214,1802430[/url]
      "http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/1557748/[/url]
      "http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1557374/[/url]
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • pfuetz schrieb:

      [...] es scheint, daß Knabe Angst vor Langeweile hat, und daher zu viel "reinpackt".
      Das scheint mir ein wesentlicher Unterschied zu Knabes Mannheimer Lohengrin zu sein; dort konnte er immerhin noch an Motive des Werks selbst anknüpfen und fand eine eigene kreative Geschichte. Das ist ihm - mein Eindruck nach der Lektüre Deiner informativen Besprechung, lieber Matthias - hier vermutlich weniger gelungen.

      Erfreulich, daß es musikalisch so eindrucksvoll war (da hätte ich eigentlich eher Bedenken gehabt)!

      Auch wenn ich mir den Mainzer Tristan voraussichtlich nicht antun werde, würden mich Eindrücke weiterer Capricciosi (so vorhanden) durchaus interessieren... ;+)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:


      Erfreulich, daß es musikalisch so eindrucksvoll war (da hätte ich eigentlich eher Bedenken gehabt)!


      Ich auch, das ist sicherlich ein großer Pluspunkt der Aufführung. Mainz neuer GMD hat sich hier sehr gut eingeführt! Das fing sehr gut beim Vorspiel an, und hörte bis zum Ende nicht auf! Außer des von mir als insgesamt etwas zu laut empfundenen 2. Aufzugs gibt's nichts zu mäkeln!


      Auch wenn ich mir den Mainzer Tristan voraussichtlich nicht antun werde, würden mich Eindrücke weiterer Capricciosi (so vorhanden) durchaus interessieren... ;+)

      :wink:


      Ich auch!

      Matthias
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    • Isolierte Isolde

      Tristan und Isolde Premiere in Mainz.
      Mit Interesse hatte ich zuerst in der Mainzer Opern-Zeitung Knabes Ausführungen zu seiner Inszenierung gelesen. Der Ansatz, dass Isolde als emanzipierte Frau und im eigenen Lande hoch angesehen durch ihre Medizinkenntnisse, die Verschiffung zur Heirat mit König Marke als Weg in die Versklavung empfinden muss, gefiel mir recht gut.

      Doch leider wurde ich durch die Umsetzung insgesamt enttäuscht.

      Das Bühnenbild im ersten Aufzug schaffte eine passende bedrückte Stimmung.
      Für mich waren die Untertitel unten denkbar schlecht positioniert. Ich saß im Parkett und vor mir, neben mir und hinter mir versuchten Herrschaften mal rechts, mal links am Vordermann bzw. der Vorderfrau vorbei, Teile des Textes lesen zu können. Ich will mal nicht annehmen, dass es genau so geplant war, um im Saal das Wogen der Meereswellen durch die Besucherköpfe darstellen zu lassen. Aber vielleicht musste sich die Isolde-Darstellerin genau aus diesem Grunde mit Blick ins Publikum übergeben. Es wäre sicher möglich gewesen, die Titel direkt über der Bühnenöffnung auf einen Vorhang zu projizieren, um die räumliche Nähe zum Geschehen zu schaffen.

      Ansonsten funktioniert dieser Teil gut, doch leider musste Isolde während sie sang aus ihrer Bluse Zigaretten hervorholen und diese anzünden, sie hatte sichtlich Schwierigkeiten damit. Wenn man sieht, dass die Aktion stört und die Spannung dadurch verloren geht, sollte man einfach darauf verzichten. Der Regisseur hob die hohe medizinische Bildung von Isolde als wichtigen Punkt in seiner Inszenierung hervor, warum schiebt sie sich dann eine Zigarette nach der anderen in den Mund, stopft sich mit Essen voll, um es dann wieder zu erbrechen? Alles medizinische Eigenversuche zum Thema Bulimie und Nikotinsucht?

      Mit Erstaunen las ich in verschiedenen Kritiken, dass nicht Brangäne sondern Isolde hier den Trank tauscht. Ich saß für diese Aktion perfekt. Brangäne und Isolde zeigten beide Fläschchen - den Todestrank mit schwarzem Deckel und den Liebestrank mit weißem Deckel - Brangäne geht dann in die Nasszelle und gießt nach Weglegen der Giftflasche mit eindeutigem Kopfschütteln den Inhalt des Flakons mit weißem Deckel ins Glas, also den Liebestrank. Wenn dann Isolde den Inhalt des Glases Richtung Orchestergraben kippt und in die Nasszelle tritt, füllt sie selbst das Glas so verdeckt hinter der Badezimmerschranktüre mit einer Flüssigkeit, dass man nicht sagen kann, was sie gewählt hat. Leitungswasser aus Wasserhahn oder aus der Klospülung war es aber definitiv nicht.

      Große Erheiterung löste nicht nur bei meinem Sitznachbarn dann am Ende des ersten Aufzuges der Regieeinfall aus, eine Übermacht an Kopftuch verhüllten und mit gelben Gummihandschuhen ausgerüsteten Putzfrauen in den Mannschaftsraum einfallen zu lassen. Ich konnte damit nichts anfangen, denn den kleinen Raum reinigt normalerweise eine Reinigungsfachkraft alleine. Anscheinend hier nur Masse um das Bild zu füllen.

      Im zweiten Aufzug stimme ich mit Matthias überein. Das eigentlich beklemmende Bild der Slow-motion-Hinrichtung von Frauen wurde durch die Auferstehung zu einem Akt kopflosen (Kugel im Kopf) Hin- und Hergerennes. Die These, die Zombies würden emanzipatorische Schriften vervielfältigen, kann nicht stimmen. Hier wurden Papierstapel durchwühlt, in die Luft geworfen und einzelne der Blätter nur einmal kopiert. Es wirkte eher so, als wenn wichtige Papiere dupliziert würden.
      Erheiternd war dann der Moment als Tristan mit Isolde hinter dem Rednerpodest zu den Stühlen schritt, um dann von Isolde gestützt, Rücken zum Publikum die Reißverschlüsse an den Beinen seiner Tarntracht zu öffnen. So stellt man sich also knabenhaft leidenschaftliche, nächtliche, zwischenmenschliche Zusammenkünfte vor.

      Bei Markes Auftritt stimmen dann die Aktionen auch nicht. Ein mächtiger Herrscher, der seinen Vertrauten inflagranti erwischt, kann sicherlich mit Häme und Spott reagieren, aber der ständig fröhlich und laut lachende Herrenchor zerstörte hier die Stimmung. Kein kleiner Untergebener lacht dermaßen laut und oft in einer Situation, in der er nicht weiß, wann der Chef explodiert und an wem er dann seine Wut auslässt. Es wäre überzeugender gewesen, wenn hier einige vorsichtige Mitlacher auf erkennbare Aufforderung durch Marke erklungen wären, die Soldaten sich der angespannten Lage aber bewusst gezeigt hätten.

      Und ja, auch in diesem Bild hielt man es nicht für nötig, mal zu prüfen, ob die Übertitel lesbar sind. Licht auf der Bühne an: keine Übertitel, Licht aus: oh Wunder, Übertitel.

      Im dritten Aufzug dann ein Kurwenal im Bunker, der seinen Herrn verarztet. Ein stimmiges Bild bis zu dem Moment, wo er mit bluttriefenden Operationshandschuhen eine Zigarette aus der Schachtel zieht, diese raucht und erst danach die Handschuhe abstreift. Er klagt über seine Unfähigkeit und weiß doch Infusionen zu setzen, einen Defibrillator (der richtig Geräusche macht) korrekt zu bedienen und Wunden zu vernähen.
      Aber man wartet schließlich auf DIE Heilerin, die Medizinkoryphäe - eben Isolde.

      Dann geht endlich die Türe auf Isolde stürzt herein, sieht den Verletzten auf dem Bodenlager, der an einer frisch geöffneten Bauchwunde leidet. Was tut sie? Sie setzt sich erst einmal rittlings auf den Patienten. Und dann schnappt sie sich die beiden Paddles des Defibrillators und drückt sie immer noch auf Tristan hockend diesem auf die Brust. Phüüüüüüüt, Peng! Während Tristan pflichtschuldig beim Peng zuckte, hockte Isolde völlig ungerührt von dem Stromschlag auf ihm. Hatte der Dame niemand erklärt, dass man beim Einsatz dieses Gerätes, das einen Elektroschock auf den Patienten ausübt, genügend Abstand von dem Patienten halten muss, um nicht selber eine Stromschlag abzubekommen? Wollte sie mit Tristan durch den gemeinsam empfangenen Stromschlag aus dem Leben scheiden? Oder aber trägt sie eine isolierende langbeinige Gummiunterhose? Also diese ganze Heilungsszene war mehr als lächerlich.
      Jedes Filmteam holt sich Berater, wenn im Film Geräte eingesetzt werden. Wem das zu umständlich ist, der kann im Internet recherchieren. Auf vielen Seiten kann man sich über die richtige Bedienung medizinischer Geräte informieren. Manch eine Schüler-Theatergruppe hat da schon mit mehr Liebe zum Detail gepunktet. (Ich bin sicherlich nicht detailverliebt, aber jeder würde es lächerlich finden, wenn man eine Pistole verkehrt herum abfeuert und trotzdem das Gegenüber tot umfällt und das Ganze auch noch ernst gemeint ist)

      Ebenfalls nicht nachvollziehbar in dem Konzept, wenn Isolde den toten Tristan bespuckt und noch eine Gewehrsalve auf ihn abfeuert. Hatte man nicht gelesen, dass Isolde Tristan in dieser Interpretation nicht liebt, sondern nur benutzt, warum also diese emotionsgeladenen Ausbrüche?

      Über das Sichern einer Tür mit Müllsäcken muss man wohl nicht nachdenken. Das sah mehr so aus, als wollte man den Fall der Tür mildern, um den Bühnenboden zu schützen. Für den hereinstürmenden Melot wurde die Hochstapelei aber zum Verhängnis, denn er stürzte sehr hoch von der schräg liegenden Tür auf die Bühne. Das sah nicht nur schmerzhaft aus, sondern klang auch so.

      Und das Ende?. Okay, Isolde wählt das Internet - symbolisiert durch das Laptop - für ihren weiteren Kampf gegen weibliche Unterdrückung. Auch dass sie sich durch das Netz vervielfältigt, mag noch durch die Doubles sinnfällig symbolisiert werden. Aber warum haben die dann Gewehre im Arm und nicht ebenfalls Laptops? Isoldes, die freiheitliche Gedanken in das World-wide-web tragen. Erst Internet und das Social web machen die Revolution möglich. Das wäre ein gutes Schlussbild gewesen.
      Aber am Ende setzt Isolde wieder nur auf Gewehre. So bleibt sie für mich eine Computerspielerin, die mittels PC-Fernsteuerung bewaffnete Killerinnen in die Welt schickt. Gestützt wurde dieses Bild durch die Zombie-Bewegungen der Doubles. Das hat nichts von Intellektualität.

      Musikalisch hat mir der Abend sehr gut gefallen. Die Leistungen vom neuen GMD, dem Orchester und den Sängern waren überzeugend und der Applaus mit Bravorufen verdient.
      Ich stimme dem Fazit von Matthias zu. Die Inszenierung ist übervoll, weniger und präziser wäre mehr gewesen. Auf die ausgelösten Lacher im Publikum hätte ich gerne verzichtet.
    • OK, wenn man die Putzfrauen im ersten Aufzug als Teil der im arabischen Raum auftretenden Befreiung sieht (hier noch massenhaft unterdrückt durch niedere, sinnlose, stumpfe Arbeit), die dann im zweiten Aufzug Pamphlete kopieren und um sich schmeissen, um dann im dritten Aufzug als Doubles von Isolde mit der Macht des Internets zur Befreiung zu kommen, wenn also das intendiert gewesen sein soll, so war es absolut nicht stringent erkennbar. Ist aber immerhin eine denkbare Interpretationsmöglichkeit.

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)