Weill: "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" - Vlaamse Opera Gent, 21.09.2011

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    • Weill: "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" - Vlaamse Opera Gent, 21.09.2011

      Lässt man die gestrige Premiere der Weil-Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ an der Vlaamse Opera in Gent Revue passieren, stellt sich eine Frage zuerst: muss diese Oper „schön“ gesungen werden? Und würde zu einem eher „schrägen“ Gesangsstil nicht gehören, dass dieser zumindest beherrscht wird?

      Mancher Tenor tut sich mit dem Jim Mahoney schwer und viele älter gewordene Mezzosopranistinnen quälen sich durch ihre Rolle als Leokadja Begbick. Schafft die Jenny die Koloraturen des „Moon of Alabama“, fehlt es vielleicht am Gefühl für den Song-Stil des Kurt Weill.

      Wie also soll man dem gerecht werden, was da gestern in Gent zu hören war? Schon die ersten Takte präsentierten die Mezzosopranistin Leandra Overmann als Begbick in einer stimmlichen Verfassung, die schlimmes befürchten liess. Kein Ton sass, der enorme Registerbruch war beachtlich, ungenau schepperte sich Overmann mit brüchig gewordener Stimme durch ihre Partie und wenn sie aus dem Rhythmus kam, verfiel sie gleich in die Sprechlage. Leandra Overmann war immer eine Sängerin, der der Ausdruck enorm wichtig war, die nie wirklich „schön“ sang aber gerade durch diese Form des hochemotionalen Gestaltens ihrer Rollen überzeugte. Behalten wir also ihre Glanzleistungen als Kostelnicka in der „Jenufa“, ihre fulminante Azucena oder Santuzza in bester Erinnerung und freuen wir uns an der ungebrochenen Spielfreude dieser Sängerin. Und da ist die Puffmutter Begbick in einer Inszenierung von Calixto Bieito eine perfekt passende Aufgabe für eine Künstlerin wie Leandra Overmann.

      Bleiben wir kurz bei den Sänger/innen: Bariton Claudio Otelli als Dreieinigkeitsmoses bleibt sängerisch merkwürdig blass, Noemi Nadelmann als Jenny bringt eine vor allem in der Höhe angegriffene Sopranstimme ins Spiel und Tenor John Daszak als Jim Mahonny gerät immer wieder an die Grenzen seiner Stimme.

      Genau so vorgetragen macht Weill nicht wirklich Spass, weil es eben nicht wohlkalkulierte „Abrutscher“ sind, sondern weil hier die sängerischen Probleme bei der Bewältigung der Gesangspartien in den Vordergrund treten. Es fehlt die Souveränität, die Selbstverständlichkeit im Umgang mit der Musik von Weill, die dieser zu ihrer vollen Wirkung verhelfen könnte.

      Da tut auch der musikalische Leiter des Abends, Yannis Pouspourikas, nicht alles, was nötig wäre, um den Abend zu befeuern. Es dauert lange, bis Pouspourikas aus einem eher langatmigen Stil herausfindet. Straffer, schärfer, akzentuierter, auch trockener würde man sich den Weill in Gent wünschen, am besten auch besser koordiniert.

      Was allerdings an dieser Stelle unbedingt erwähnt werden muss: alle Beteiligten bieten darstellerisch ausserordentliches. Alle bringen sich mit nie nachlassender Intensität ein, alle versuchen, Bieitos Vorstellungen mit der ganzen Kraft ihrer Ausdrucksmöglichkeiten umzusetzen. Auch der Chor besteht hier aus lauter Individuen, die ihre – sagen wir: ungewohnten – Aufgaben professionell ausführen.

      Mahagonny, die Stadt, wo es für Geld alles zu haben gibt, aber derjenige, der kein Geld mehr hat, auch ganz schnell fallen gelassen und zum Tode verurteilt wird, ist in die Jahre gekommen. Selbst der Versuch, einen Bezug zur aktuellen Wirtschaftskrise in Europa herzustellen, bleibt leicht oberflächlich, er ist mehr eine Randnotiz, als dass er inzensierungsbestimmend wäre.

      Im Vordergrund bei Bieito steht viel Sex und etwas Gewalt, wenn man so will auch leichte Religionskritik und die Intendanz der „Vlaamse Opera“ weist dann schon mal vorsorglich im Programmheft darauf hin, dass die Aufführung für unter 16-jährige nicht geeignet ist.

      Das Bühnenbild ist eine Sache für sich: zuerst sind es nur zwei Campingwagen, die auf der Bühne stehen (Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Ingo Krügler), später werden es immer mehr, die in die Höhe gestaffelt eine mehrstufige Spielebene bieten. Die Vorderseiten lassen sich manchmal öffnen, so dass hier weitere Spielflächen entstehen können.

      Nach einer kurzen Einführung vom Schauspieler Guntbert Warns geht es gleich in die vollen: Puffmutter Begbick, der katholische Priester Dreieinigkeitsmoses und Polizist Fatty sind auf der Flucht und quälen mittels eines Schraubbohrers eine Geisel zu Tode. Der Priester vergeht sich an dem Opfer, die Herren urinieren auf die Leiche, die in einer Mülltonne entsorgt wird.

      Die Freudenmädchen von Mahagonny kommen auf allen vieren dazu (eine sieht aus wie eine gehörnte Version von Ronald McDonald) und die Begbick schwingt die Peitsche, bevor sie sich an einem Mädchen, das alsbald splitterfasernackt ist, mit lesbisch-sadistischem Vergnügen erfreut. Einseitig ist die Begbick nicht, auch mit den Jungs hat die Dame durchaus ihren Spass, z. B. an einem Boy in einer Glitzerboxershort.

      Auftritt der Holzfäller: die haben die Hand schon dauerhaft in völlig eindeutiger Manier im Schritt und werden zuerst einmal mit Pornoheften versorgt, bevor es richtige Mädchen gibt. Derartig aufgeheizt vögelt Jack dann schon mal die Bühnenumrandung, bevor Jenny ihn, weil er nur dreissig Dollar für sie zu bezahlen gedenkt, zusammentritt.

      Priester Dreieinigkeitsmoses versucht es mit einer Kollekte im Publikum, ein aufblasbarer Hai wird geritten oder auch schon mal ins Publikum geworfen, immer wieder gibt es sexuelle Handlungen zu sehen, bald wird die zum "Satansgruss" erhobene Hand zur Standardgeste.

      Bieito gönnt weder dem Publikum, noch den Darsteller/innen irgendeine Pause. Da stürzt ein Bild in das nächste und wie in seine besten Zeiten lässt er keine Figur, die auf der Bühne ist, ohne Beachtung. Jede/r hat da seine Rolle und zwar von der ersten bis zur letzten Minute.

      Nach der Pause hängen überall „Sale“-Schilder an den Wohnwagen und Leuchtschriften verkünden „All you can eat“, „All you can drink“ und „All you can fuck“. Die Männer tragen jetzt Phantasiekostüme, die an Comichelden erinnern, einige davon im Glitzerlook.

      Dieser zweite Teil beginnt mit einer Szene, in der Guntbert Warns als riesige Banane auftritt, mit der sich Leokadja Begbick nicht nur oral vergnügt. „Bananenmissbrauch“ flüstert der Schauspieler, später auch ein „Bananenwunder“, wenn der Hurrican Mahagonny verschont hat.

      Eine der Prostituierten wird sich an anderer Stelle an einer Banane, einer Aubergine und einer Gurke versuchen, vor einer Melone kapituliert sie, die sei zu dick.

      Drastisch werden Teile einer nackten Frau zum Verzehr herumgereicht, der Priester segnet mit seinen ausgeschiedenen Exkrementen das Publikum, es wird in Eimer gekotzt, was der Magen hergibt. Als sich Toby zu Tode gefresssen hat, wird auf die Leiche uriniert, kollektiv und ausgiebig.

      Bevor es zum Liebesakt geht, onanieren die gesamten Chorherren, die gerade nicht bei den Mädchen sind, heftig im Bühnenvordergrund.

      Der Boxkampf zwischen Dreieinigkeitsmoses und Joe endet blutig. Sieger Dreieinigkeitsmoses beschmiert sich den nackten Oberkörper mit dem Blut seines Opfers.

      Zur Gerichtsverhandlung gegen Jim Mahonney erscheint die Begbick über und über mit Geldscheinen behängt. In einer Welt, wo Waren und Geld alles bestimmend sind, endet Jim in einem Einkaufswagen. Er wird mit Strom hingerichtet. Seine Eingeweide werden wie in einer religiös-kultischen Handlung verteilt. Parallel dazu präsentiert der Priester die Genitalien eines nackten Mannes auf einem Tablett.

      Mit einem Paukenschlag endet „Mahagonny“ in Gent: der Chor singt vom Rang herunter, die Solist/innen schlängeln sich durch das Publikum, die Begbick schreit: „Mahagonny“ erschrockenen, älteren Damen in die Ohren, um sogleich ein freundliches „Guten Abend“ hinterher zu schicken, aus den Proszeniumslogen werden Transparente herunter gelassen. „We are Mahagonny“ steht da, auch: „We love Mahagonny“.

      Es gibt wenige Szenen, die in diesem Panoptikum, das für sich genommen beeindruckend ist, ruhiger, aber gerade deshalb intensiv gelingen und die vielleicht in dem ganzen Trubel etwas unterzugehen drohen. So ist z. B. die Rolle der Jenny spannend angelegt. Gegen Ende hin gerät sie immer mehr in den Mittelpunkt. Nach ihrem, wenn man denn so will, Verrat an Jim, wird sie das Opfer einer quasi Vergewaltigung durch Billy, brutal rammt der Mann sie gegen die Bühnenumrandung.

      Die Bildfindungen des Calixto Bieito haben noch immer eine Wirkung, der man sich schwer wird entziehen können. Auch, wenn einem die Gewalt oder der Sex manchmal etwas zu viel wird – hier, bei „Mahagonny“ passt das. Auch – und gerade – weil man das Gefühl der Überfütterung haben kann und auch, wenn sich Statements manchmal zwischen „Ich liebe die Wirtschaftskrise“ und „Mein Vater hat den Grössten“ bewegen.

      Das Publikum in Gent verfolgte ruhig den gesamten Abend, bedachte die Sänger/innen und den Dirigenten mit starkem Applaus, der für Bieito und sein Team zwar abkühlte, aber in den sich keine „Buhs“ mischten.

      Demnächst wird diese Koproduktion auch in Antwerpen, später dann in Graz zu sehen sein, warten wir ab, wie diese Produktion dort aufgenommen werden wird.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano,

      Dein Bericht klingt ein wenig unentschlossen in der Beurteilung...

      War es Dir zu viel? Hätte sich Bieito mehr auf einzelne Dinge, diese dann aber intensiver, konzentrieren sollen? "Leidet" das Ganze unter der stimmlichen Indisponenz einiger Sänger?

      Oder kurz gefragt: Empfiehlst Du den Besuch, oder rätst Du eher ab?

      Gespannt auf Deine Ergänzungen zum Bericht dann vom Knabe-Tristan in Mainz am Samstag (wo musikalisch immerhin keine Enttäuschung zu erwarten sein wird!),

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • "Mahagonny" in Gent

      Lieber Matthias,

      das zuerst: nein, ich rate auf keinen Fall von einem Besuch ab. Man erlebt da einen grellbunten und perfekt choreografierten Opernabend. Allerdings auch mit Bildern, die man so oder so ähnlich von Bieito kennt und die mitunter etwas gewollt wirken. Die explizite und dauerhafte Zurschaustellung von sexuellen Handlungen passt zu einem Stück, wo alles, auch Sex, nur eine Ware ist. "Wir" sprechen mittlerweile von einer "Generation Porno", also von jungen Leuten, denen jede Form von Pornografie rund um die Uhr zur Verfügung steht, da kann die Konfrontation auf der Bühne mit einem solchen Phänomen nicht unbedingt ein "zuviel" bedeuten. Es ist so: soviel männliche Griffe an die Geschlechtsteile und soviel Selbstbefriedigung nebst Beischlafaktionen von oben, unten, vorne und hinten gab es wohl noch in keiner Opernproduktion zu sehen.

      Hätte sich Bieito mehr auf einzelne Dinge, diese dann aber intensiver, konzentrieren sollen?


      Manchmal täte das seinen Inszenierungen gut. Aber gerade bei dieser "Mahagonny"-Produktion könnte es lohnend sein, sie noch einmal zu sehen, weil man das "laute" dann schon kennt und so das "leise" besser entdecken kann. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich mir die Premiere in Graz ebenfalls anschaue.

      "Leidet" das Ganze unter der stimmlichen Indisponenz einiger Sänger?


      Die Musik leidet insgesamt unter zahlreichen Ungenauigkeiten. Nimmt man Leandra Overmann, dann ist es beeindruckend, wie sie ihre Stimme ohne Schonung einsetzt, auch egal, wie das dann klingt. Die Sängerinnen und Sänger bieten viel an Gestaltung, mir wäre manchmal mehr Gesang lieber gewesen.

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Lieber Alviano,

      ja, damit wird es mir leichter, Deine Kritik und Deinen Bericht einzuordnen. Danke für die ergänzenden Worte! Zu Leandra Overmann: Den Eindruck der nachlassenden stimmlichen Qualität hatte ich schon bei dem Liederabend nach der letzten Vorstellung in Freiburg... :(

      Dir dann am Samstag in Mainz viel Spaß!

      Liebe Grüße,

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Graz 28.05.13

      Seit nunmehr einer Woche kann man die "Mahagonny"-Inszenierung von Calixto Bieito auch in Graz sehen. Der ursprüngliche Premierentermin kollidierte mit jenem des "War-Requiem" von Britten in Basel (einer spannenden, konzentrierten und nicht zuletzt berührenden Inszenierung, für die Bieito vom Baseler Publikum begeistert gefeiert wurde), sodass Graz die Premiere etwas nach hinten verlegte. Einiges wurde am szenischen Ablauf geändert, leider nicht zum Vorteil - trotzdem bleibt die Produktion sehenswert und riss dann auch spätestens zum Schluss hin das Grazer Publikum mit.

      Der grosse Pluspunkt ist in Graz das Orchester und sein Dirigent Julien Salemkour, der kraftvoll und rhythmisch angeschärft dem Stück deutlich zwingendere Töne abgewinnt, als der Kollege in Gent. Der Chor agiert mit grosser Intensität, klanglich nicht immer zufrieden stellend.

      Bei den Sängerinnen und Sängern müht sich Fran Lubahn als Witwe Begbick mit den tieferen Tönen der Partie stärker, als mit den Ausbrüchen, der Stimme fehlt es allerdings an Durchsetzungskraft gegen das Orchester. Tenor Herbert Lippert als Jim war einst ein vorzeigbarer Mozarttenor, heute präsentiert er sich mit einer nicht mehr ganz unangegriffenen Stimme bei einem mitunter ärgerlichen, sängerischen Freistil. Besser als in Gent besetzt war die Jenny mit Margareta Klobucar, vom Rest sollte noch Bariton Ivan Orescanin als Bill Erwähnung finden.

      Nur noch wenige Vorstellungen wird es in Graz von "Mahagonny" geben, eigentlich schade für eine so aufwendige Produktion.
      Der Kunst ihre Freiheit