SUPPÉ: "Die schöne Galathée" - Kommentierte Diskographie

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    • SUPPÉ: "Die schöne Galathée" - Kommentierte Diskographie

      Meine Lieben,

      Fürchtet keine lange Einleitung. Grundsätzliches zu dieser Operette (die durch Bearbeitungen meist ganz besonders strapaziert wird) hat unser Rideamus dereinst auf dem anderen Dampfer so ausführlich in Worte gefaßt, daß ich hoffe, er wird diesen Text auch hier einfügen, so wie ich auch vorhabe, meine damaligen Bemerkungen zur Marszalek-CD zu regenerieren, sobald ich Zeit dazu finde.
      Heute daher nur zu jener Edition, für die Rideamus einst für mich etwas überraschend eine, so schien's, warme Empfehlung abgab.



      Das Label heißt CAPRICCIO, aber das soll mein Urteil nicht beeinflussen. ;+)

      Bruno Weil leitet die Capella Coloniensis in einer konzertanten Aufführung. Er macht das sehr gut, für mein Gefühl wird er allerdings bisweilen etwas grell, was mir nicht ganz zu Suppé zu passen scheint.

      Man hat sich für eine Fassung entschieden, bei der ein Erzähler die einzelnen Szenen verbindet. Das Ganze mutet dadurch fast wie ein Querschnitt an, und im allgemeinen bin ich kein Freund solcher Wortbrücken. Der Erzähler hier, Christian Brückner, macht seine Sache jedoch so gut, daß ich fast keinen Einwand erheben möchte und ihm sogar als dem Besten von allen die Palme reiche.

      Ansonsten befriedigt mich das Ensemble nicht sehr bzw. in sehr unterschiedlichem Maß. Jörg Dürmüllers Stimme, im mittleren Bereich ganz angenehm, reicht leider für den Pygmalion nicht aus; das ist nicht zu überhören. Eleonore Marguerre in der Titelrolle verfügt nicht über eine unbedingt als schön zu bezeichnende Stimme (die auch noch nicht ganz richtig sitzt), aber ist zweifellos ein Talent. Die hätte nur noch ein bißchen mehr an ihrem Part arbeiten müssen. Marianne Beate Kielland als Ganymed dagegen wirkt durchaus professionell, klingt aber ziemlich germanisch und ist Wiener Operette offenbar nicht gewöhnt. Klaus Häger, der Mydas, verfügt über eine gute Stimme, ermangelt aber der Buffoqualitäten und wirkt ziemlich bierernst.

      Insgesamt ist die Aufnahme in meinen Ohren nicht das Gelbe vom Ei, wiewohl ich ihr einzelne Verdienste nicht abspreche.

      Liebe Grüße
      Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Lieber Waldi,

      Deiner Aufforderung komme ich gerne nach, und zwar bewusst ohne den alten Text zu ändern (außer beim Nachfahren der Coververweise sowie der Elimination überholter Bezüge), weil ich mir das länger nicht mehr gehörte Werk - auch im Lichte Deiner Anmerkungen und meiner seitherigen Neuankömmlinge - wieder einmal vor Ohren führen müsste. Schon hier möchte ich aber darauf verweisen, dass ich die Aufnahme von Bruno Weil nur nach Ausschnitten beurteilen konnte und das auch schrieb. Hier aber zunächst einmal und unter dem Vorbehalt des zeitlichen Abstands der kaum editierte Text vom März 2009:


      DIE SCHÖNE GALATHÉE gehört wegen ihre gebündelten Pfiffigkeit und kostengünstigen Realisierbarkeit, vor allem aber wegen der dicht gedrängten musikalischen "Hits" zu den wenigen Operetten Franz von Suppés, die sich bis heute auf unseren Bühnen lebendig erhalten hat. ... Hier einige Informationen zum stofflichen Hintergrund dieser zauberhaften Operette:

      Zunächst ist festzuhaltenn, dass die Galathea dieses Stückes ist keineswegs die Schäferin aus ACIS UND GALATHEA und anderen feenhaften Schäferspielen ist, sondern die Statue, die nach manchen Quellen der Bildhauer Pygmalion von seinem idealen Frauenbild, der Nymphe Galathea schuf, die ihm so gut gefiel, dass er Aphrodite mit Erfolg darum anflehte, sie für ihn zum Leben zu erwecken. Bei Vergil geht die Sache noch gut aus, und bei Ovid zeugen beide sogar einen Sohn.

      Modernere Betrachter dieses Mythos sehen die Sache etwas skeptischer. Wollte man also nach jüngeren Verwandten dieser Galtahée suchen, fände man sie eher in dem Bühnenstück PYGMALION AND GALATHEA von dem Sullivan-LIbrettisten William S. Gilbert, G.B.Shaws PYGMALION und dessen Musicalfassung MY FAIR LADY, Woody Allens herrlicher Filmkomödie MIGHTY APHRODITE, in der er die Erzählweise seiner Geschichte wieder in der Antike verankert. In etwas ernsteren Variationen findet man das Motiv auch in PINOCCHIO und sogar Alfred Hitchcocks VERTIGO und dessen Ablegern. Die Grundidee war sicher auch eine Inspiration des Mythos vom Golem und von Mary Shelleys FRANKENSTEIN. Sie alle spekulieren über die Folgen der Grundidee, dass ein Mann sich die seiner Wünsche (in der Kinderversion eine Puppe und in der Horrorversion einen anderen Mann :D ) nach seinen eigenen Vorstellungen erschafft.

      Leonhard Kohl von Kohlenegg, der das Libretto zu Franz von Suppés einaktiger Operette DIE SCHÖNE GALATHÉE (1865) unter dem Pseudonym Poly Henrion schrieb, stützte sich seinerseits auf die Opéra comique GALATHÉE (1852) von Victor Massé. In typisch frecher Operettenmanier entwickelt er seine Heldin zu einer herrschsüchtigen Nymphomanin, die ihren Schöpfer zur Verzweiflung treibt, so dass er heilfroh ist, wenn sie wieder zur Statue wird und er sie an einen reichen Kunstliebhaber verkaufen kann. Eine Inhaltsangabe dieses Einakters über seinen Grundeinfall hinaus erscheint mir ziemlich sinnlos, denn in fast jeder mir bekannten Aufführung und Einspielung wird an dem kurzen Stück soviel "aktualisiert" und geändert, dass man die Synopsis, die man gerade gelesen hat, kaum mehr wieder erkennt. Da ich über keine Originalausgabe verfüge, vermag ich auch nicht zu sagen, wo das Original aufhört, und wo die jeweilige Bearbeitung einsetzt, sieht man von offensichtlichen Anachronismen ab, die Suppé noch nicht kennen konnte.

      Das gilt nicht zuletzt für die hübsche Einspielung des Bayerischen Rundfunks unter Kurt Eichhorn mit René Kollo als einem Pygmalion, der noch ganz von dem im Venusberg gängigen Gesangsstil geprägt ist, und einer herrlich furienhaften Anna Moffo als Galathée. Zum Glück gibt es sie jetzt wieder:



      Die vermutlich originalgetreueste Aufnahme unter Bruno Weil mit Jörg Dürmüller und Marianne Beate Kielland kenne ich bislang leider nur vom Reinhören bei jpc, möchte sie aber nach diesen Eindrücken dennoch wegen ihrer Musikalität, die das Stück sehr ernst nimmt, an erster Stelle empfehlen:


      Leider ist sie in den Dialogen arg gediegen und zudem die teuerste Aufnahme. Für Budgetbewusste möchte ich daher auch diese Aufnahme unter dem Operettenspezialisten Franz Marzalek mit Renate Holm und Ferry Gruber empfehlen, die musikalisch dem Werk ebenfalls durchaus gerecht wird. Leider reflektiert der Dialog den etwas albernen Stil der späten 50er Jahre. Dafür ist die Aufnahme extrem preisgünstig, und man bekommt sogar noch einen (allerdings bestenfalls ordentlichen) deutschsprachigen Querschnitt von Offenbachs DIE SCHÖNE HELENA mit Anneliese Rothenberger und Rudolf Schock sowie etliche Offenbach-Ouvertüren:


      In jedem Fall lohnt die Bekanntschaft mit diesem herrlich frechen und musikalisch besonders hochrangigen Stück, das nicht von ungefähr zu den wenigen Werken Franz von Suppés gehört, von denen nicht nur die Ouvertüren überlebt haben.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Ich habe mir inzwischen die Aufnahme von Bruno Weil ganz anhören können, und ich muss Waldi Recht geben, vor allem, was seine Kritik an den überforderten Sängern betrifft. Das Dirigat Bruno Weils mit seinem HIP-geprägten Orchester finde ich aber wirklich sehr lobenswert, denn er nimmt die Partitur auch im orchestralen Detail ernst, statt nur seine Sänger pauschal zu unterstützen, wie es in der Operette all zu häufig geschieht. Unleugbar aber ist leider auch, dass die Aufnahme vor lauter Bemühung um Korrektheit ausgesprochen humorlos geraten ist. So kommt es, dass diese eigentlich köstliche, hochmusikalische Komödie partout keine heitere Stimmung verbreiten will, und das ist eigentlch eine Todsünde in diesem Genre.

      Andererseits verfallen die beiden anderen von mir erwähnten Aufnahmen gelegentlich all zu rückhaltlos in die Tradition des Boulevardtheaters, in der es sich gehört, dass die Stars ohne Rücksicht auf einen stringenten Ablauf des Geschehens ihren Affen Zucker geben um zu glänzen.

      Gäbe es sie noch am Markt, wäre meine erste Empfehlung heute eine Einspielung Anton Pauliks aus dem Jahr 1953 mit Elisabeth Roon, Waldemar Kmentt, Otto Wiener und Kurt Preger sowie (wenn man den Angaben im Netz Glauben schenken darf, was ich bezweifle) dem Chor und Orchester der Wiener Staatsoper. Dieses Ensemble versteht es nämlich ausnahmslos vorzüglich, die Balance zwischen Drama und Parodie zu halten, kann also komisch sein ohne zu übertreiben, und ist den gar nicht geringen musikalischen Anforderungen des Werkes problemlos gewachsen. Vor allem Elisabeth Roon stellt mit ihren haarsträubend abenteuerlichen Koloraturen alle Konkurrentinnen tief in den Schatten, aber auch Waldemar Kmentt ist ihr vollauf gewachsen. Der einzige Nachteil, der aber nicht wirklich einer ist, besteht in dem Verzicht auf jeden Dialog, der das Verständnis des Werkes etwas erschwert, die Aufnahme auf Dauer aber um so anhörbarer macht, da Dialoge auf Dauer ja immer retardierend wirken.

      In Ermangelung dieser Aufnahme würde ich heute zu der preisgünstigen Einspielung Franz Marszaleks raten, die zwar gelegentlich arg albern und mir ebenfalls etwas arg "germanisch" geraten ist, aber nicht so maßlos überzieht wie die Einspielung Kurt Eichhorns. Aber ich möchte Waldis Rekonstruktion seines Lobes dieser Aufnahme nicht vorgreifen.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Oha, ich spüre moralischen Druck. Brav, wie ich bin, gebe ich nach (auch weil mein Vormittagstermin rascher erledigt war als erwartet). Es folgt also hier mein alter, leicht adaptierter Text zur Membran-Ausgabe der Kölner Rundfunkproduktion von 1965:



      Ein mißtrauischer Wiener Chauvinist könnte sich, besonders nach der Weil-Aufnahme, fragen: Schafft man das außerhalb Wiens überhaupt, so wie es sein soll? Und ich gebe zu, daß Roon und Kmentt, deren überragende Qualität ich in diesem Fall blind bzw. taub zu glauben geneigt bin, dafür ein starkes Argument abgeben könnten. Dennoch: Erstens bin ich hoffentlich kein Chauvinist, zweitens hat man in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland oft viel besser Operette gemacht als in Wien, drittens hat Franz Marszalek mit dem Kölner Rundfunkorchester in der hier behandelten Aufnahme ohnehin schon längst bewiesen, daß es geht. Klarerweise ist das für heutige Maßstäbe keine hundertprozentige Spitzenware, aber ein paar Prozent weniger tun's auch. Marszalek war nicht umsonst als eifriger Operettenspezialist bekannt und berühmt. Er vermittelt Schwung und Brio, geht steifleinener Interpretation aus dem Weg und schafft absolut Stimmung. Insgesamt eine sehr ordentliche und hörenswerte Wiedergabe. Auch die Besetzung - halb deutsch, halb wienerisch - ist über dem Durchschnitt, die Dialogbearbeitung witzig und treffsicher (Schmäh muß sein, lieber Rideamus, und wenn er gut gemacht ist, dann toleriere ich gern ein bisserl Übertreibung).

      Der mir seinerzeit, als ich mein Urteil 2007 erstformulierte, noch unbekannte Reinhold Bartel (1926-96) verkörpert den schon etwas überwuzelten (ich hoffe, ich muß das nicht "übersetzen") Pylargon-Pigmalion fast ideal. Sein etwas trockenes, aber nicht fades Timbre paßt sehr gut. Ferry Gruber als Gérard-Ganymed ist in Dienerrollen sowieso immer ein Genuß. Kurt Großkurth ergänzt als Midou-Midas das Herrentrio in ergötzlicher Weise - wiewohl man sich bei ihm am besten das Spiel dazu vorstellt. Dieser 1975 leider tödlich verunglückte Komiker war ein Niveau-Blödler (wie man aus dem "Gräfin Mariza"-Film weiß).
      Renate Holm in der Titelrolle ist natürlich gut, aber nicht so gut wie sonst. Die Galathée ist keine wirkliche Soubrettenpartie und wäre meiner Ansicht nach eher etwas für die Rothenberger gewesen. Vom Temperament her käme sie natürlich nicht an die Moffo heran (die hatte wirklich Operettenblut in sich).

      Die "Galathée" taucht nicht so oft auf den Spielplänen auf, wie sie verdient. Das Problem ist unter anderem, daß sie keinen ganzen Abend füllt. Da nützt auch der Vorteil, daß man mit nur vier Darstellern/innen auskommt, nur wenig. Aber immerhin ist sie keineswegs vergessen. Das ist schon recht erfreulich.

      Liebe Grüße
      Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.